ALTE WUNDEN (Black Shuck) - Ian Graham - ebook

ALTE WUNDEN (Black Shuck) ebook

Ian Graham

0,0

Opis

NICHTS bleibt für immer verborgen … Viele Jahre lebte Declan McIver, ein ehemaliger IRA-Terrorist, unter dem Radar – als erfolgreicher Geschäftsmann, verheiratet mit einer schönen Frau – aber sein Leben sollte sich schlagartig ändern. Als ein Treffen mit einem alten Freund buchstäblich in Flammen aufgeht, findet sich Declan auf der Flucht vor einer schattenhaften Verschwörung wieder, die vor nichts Halt macht, um ihre niederträchtigen Absichten um ein streng gehütetes Geheimnis zu wahren. Um zu überleben, muss er an sein altes Leben anknüpfen – etwas, wohin er nie zurückkehren wollte. Als seine Identität offenbart wird, sich die Ereignisse überschlagen und alles außer Kontrolle gerät, muss sich Declan entscheiden, welchen Preis er für diesen Kampf zu zahlen bereit ist. Intrigen, Machtspiele, der Kampf um die nackte Existenz … eine explosive Mischung, die spannende Lesestunden verspricht. ---------------------------------------------------------- "Absolut fesselnder und spannender Thriller mit IRA-Hintergrund" [Lesermeinung] "Mir hat "Black Shuck: Alte Wunden" sehr gut gefallen. Er ist sehr modern und nicht unrealistisch. Dieses Buch ist für jeden Thriller-Fan der es nicht nur blutrünstig mag sehr empfehlenswert!" [Lesermeinung] Thriller sind nicht so mein Fall, aber dieser Roman hat es in sich! Wenn ich einen Roman lese, sollen vor allem die Handlungen der Personen authentisch sein. Der Autor hat's geschafft. Gratulation. Spannende Unterhaltung für den Kindle. [Lesermeinung]

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
czytnikach Kindle™
(dla wybranych pakietów)
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 710

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
Oceny
0,0
0
0
0
0
0



Black Shuck: Alte Wunden

Ian Graham

Aus dem Amerikanischen übersetzt von  

Für Kinley, deren Geburt mich dazu brachte, dieses Projekt umzusetzen, 
und deren junges Leben mich auch weiterhin jeden Tag aufs Neue inspiriert.

This Translation is published by arrangement with Ian Graham Title: VEIL OF CIVILITY. All rights reserved.

Diese Geschichte ist frei erfunden. Sämtliche Namen, Charaktere, Firmen, Einrichtungen, Orte, Ereignisse und Begebenheiten sind entweder das Produkt der Fantasie des Autors oder wurden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen, lebend oder tot, Ereignissen oder Schauplätzen ist rein zufällig.

Impressum

Deutsche Erstausgabe Originaltitel: VEIL OF CIVILITY Copyright Gesamtausgabe © 2016 LUZIFER-Verlag Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Cover: Michael Schubert Übersetzung: Andreas Schiffmann

Dieses Buch wurde nach Dudenempfehlung (Stand 2016) lektoriert.

ISBN E-Book: 978-3-95835-125-7

Sie lesen gern spannende Bücher? Dann folgen Sie dem LUZIFER Verlag aufFacebook | Twitter | Pinterest

Sollte es trotz sorgfältiger Erstellung bei diesem E-Book ein technisches Problem auf Ihrem Lesegerät geben, so freuen wir uns, wenn Sie uns dies per Mail an [email protected] melden und das Problem kurz schildern. Wir kümmern uns selbstverständlich umgehend um Ihr Anliegen und senden Ihnen kostenlos einen korrigierten Titel.

Der LUZIFER Verlag verzichtet auf hartes DRM. Wir arbeiten mit einer modernen Wasserzeichen-Markierung in unseren digitalen Produkten, welche Ihnen keine technischen Hürden aufbürdet und ein bestmögliches Leseerlebnis erlaubt. Das illegale Kopieren dieses E-Books ist nicht erlaubt. Zuwiderhandlungen werden mithilfe der digitalen Signatur strafrechtlich verfolgt.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhaltsverzeichnis
Black Shuck: Alte Wunden
Impressum
Prolog I
Prolog II
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74
Kapitel 75
Kapitel 76
Kapitel 77
Über den Autor
Leseproben
LUZIFER Verlag

Prolog I

Ende September 2004, Grenze zwischen den USA und Mexiko

Juan Ramirez schraubte den Deckel von seiner Zweiliter-Thermoskanne ab und spritzte sich warmes Wasser ins Gesicht, mit dem er die Schweißperlen abwusch. Nachdem er kurz daran genippt hatte, gab er sie seinem Sohn Ignacio und drehte sich halbherzig zu den zwölf Männern um, die hinter ihm standen. Ihm war flau im Magen. Gleich als er die Kerle gesehen hatte, wäre er am liebsten davongelaufen. Etwas an ihnen ängstigte ihn.

»Señores, wir sind bald da. Jetzt müssen wir besonders vorsichtig sein. Falls Sie etwas trinken wollen oder eine kurze Pause benötigen, dann bitte jetzt. Sobald wir die Grenze überqueren, können wir nicht mehr haltmachen, bis wir auf Ihre Freunde stoßen.«

Letzten Endes hatte er seine Furcht mit gesundem Menschenverstand überwunden. Wäre er seinem Instinkt gefolgt, hätte er sich vor seinen Auftraggebern rechtfertigen und dann auf eine Bestrafung einstellen müssen – eine beunruhigende Vorstellung, weil er sicher zu wissen glaubte, sie seien Mitglieder eines der vielen Kartelle, die in der Gegend aktiv waren. Stattdessen hatte er beschlossen, die Bedingungen seines Kontrakts zu erfüllen und das Dutzend durch die Wüste New Mexikos auf eine verlassene Ranch zu bringen. Dort sollte jemand warten, um sie tiefer ins Land zu bringen, woraufhin Juan ihnen, wie er hoffte, nie wieder begegnen würde.

Einige quittierten seine Ankündigung mit heiserem Stöhnen. Sie waren seit Stunden unterwegs und standen jetzt 100 Yards vor dem mexikanischen Grenzübergang in die USA, wo einzig ein niedergetrampelter Stacheldrahtzaun darauf hindeutete, dass sie gleich anderes Staatsgebiet betraten. Nun da sie knapp weniger als die Hälfte ihrer Reise hinter sich hatten, erweckten die Männer schon den Eindruck, von der morgendlichen Hitze erschöpft zu sein; sie ließen sich langsam auf die staubige Erde nieder und öffneten ihre Feldflaschen.

Juan mied Blickkontakt, während er die Gesichter rasch betrachtete, die er vor sich hatte. Alle waren rot von der Sonne, die seit etwas mehr als einer Stunde auf sie herunterbrannte. Schweiß rann von ihren Köpfen. Er erkannte, dass ihnen die Temperaturen zusetzten, aber sie sahen wohlbehalten aus – keine Anzeichen von Hitzschlägen.

Anhand des kehligen Klanges der Sprache, in der sie sich unterhielten, mussten es Europäer sein, vielleicht Slowenen oder Rumänen. Fest stand nur, dass sie deutlich kühleres Klima gewohnt waren, denn das zeigte sich deutlich: Die abgehärmten Züge, ihr blasser Teint und gebrochenes Englisch bedeuteten Juan, dass er es hier nicht wie üblich mit anderen Mexikanern oder Südamerikaner zu tun hatte, sondern mit einer Ethnie, die er nicht kannte und noch nie in die Staaten hatte kommen sehen.

»Gehen wir weiter, Señores. Wir dürfen Ihre Freunde nicht warten lassen.«

»Warum müssen wir so schnell aufbrechen?«

Juan war sich nicht sicher, welcher Mann gesprochen hatte, doch der respektlose Unterton der Stimme ließ ihn trotz der gleißenden Sonne schaudern. »Señores, wenn wir unser Ziel erreichen möchten, darf man uns nicht entdecken; wir müssen uns möglichst zügig bewegen.«

Zähneknirschend rafften sich die Fremden auf. Sie folgten Juan und Ignacio im Gänsemarsch über den demolierten Zaun in die Wüste, die sich dahinter erstreckte. Als sie die Grenze überschritten hatten, schlugen sie einen schnelleren Schritt an. Während er seine Augen mit der Hand vor der Sonne schützte, behielt Juan den Horizont genau im Blick. Was er sah, gab ihm keinen Grund zur Beunruhigung: Nur mit Felsen gespickter Sand, in dem hier und dort Wüstenbeifuß oder Kakteen wuchsen.

Juan ließ sich zurückfallen und seinen 16-jährigen Sohn vorausgehen. Das Schlusslicht der Gruppe bildete derjenige der Zwölf, der am jüngsten aussah. Er mühte sich, um mit den anderen schrittzuhalten. Wenngleich es sich Juan wohlweislich verkniff, Fragen zu stellen, hätte er gern gewusst, woher die Männer stammten, und dieser eine kam ihm am umgänglichsten vor. Weder sein Gesicht noch die Arme waren vernarbt, allerdings wirkten die Kleider an seinem dürren Körper zu groß. Doch er hatte eine gewisse Ausstrahlung, die den anderen fehlte.

»Señor, geht es Ihnen gut? Der Fußmarsch ist doch nicht zu anstrengend für Sie, oder?«, fragte Juan.

Der junge Mann schaute ihn für einen Moment abfällig an, wobei seine Pupillen hin und her schnellten, als suche er etwas. Juan dachte kurz, er habe sich geirrt; vielleicht war der Kerl älter und abgeklärter, als er geglaubt hatte.

»Mir geht es gut«, antwortete der Mann endlich. »Wie weit ist es noch?«

»Wir werden die Ranch in etwas weniger als drei Stunden erreichen. Dort, wo Sie herkommen, ist es nicht so warm, richtig?«

»Nein, im Kaukasus ist es kälter, und die Sonne … so wie hier habe ich sie noch nie gespürt.«

»Das liegt am Sand, Señor. Er wirft das Licht zurück, sodass es sich noch heißer anfühlt. Wo liegt die Gegend, die Sie erwähnt haben?«

»Die Republik Itschkerien befindet sich im Süden des Gebietes, das der Westen Russland nennt, wurde aber früher von einem unabhängigen Volk bewohnt – uns – und es wird uns, so Allah will, bald wieder gehören.« Der Mann hob den Zeigefinger seiner rechten Hand, während er das sagte.

»Das reicht!«, grollte jemand weiter vorn. Die ganze Gruppe hielt inne, und Juan schaute auf. Alle zwölf starrten ihn an.

»Ihre Aufgabe besteht darin, uns dort abzusetzen, wo wir hinwollen, nicht im Stellen von Fragen«, rief ein großer Mann mit einer langen, senkrechten Narbe an einer Seite seines Gesichts, während er zu Juan stapfte.

»Verzeihung, Señor, ich wollte nicht unhöflich sein«, entschuldigte sich der Führer und schaute in den Sand. Dabei verschränkte er die Finger, damit seine Hände nicht zitterten, während ihn der Kerl anstierte.

»Von jetzt an laufen Sie, statt zu quatschen«, fuhr er Juan an, ehe er sich dem Jüngeren zuwandte, mit dem jener gesprochen hatte.

»Nasıl bu kadar aptal olabilir«, schrie er – »Wie konntest du nur so dumm sein?« – und ohrfeigte seinen Landsmann mit dem Handrücken, sodass dieser fast umgefallen wäre. Dann zog der große Mann den kleineren am Kragen mit sich, stieß ihn vorwärts und kehrte sich wieder Juan zu, um ihn erneut anzustarren. »Kafkasya'da size ölü olacaktı«, bellte er, während er auch ihn vor sich herschob: »Im Kaukasus wärst du tot.« Der Blick des Mannes ruhte ununterbrochen auf Juan, während er ihn zur Spitze der Gruppe drängte.

»Dann gehen wir doch jetzt weiter, Señores«, schlug Juan mit bebender Stimme vor. Er wusste nicht, was der Kerl gesagt hatte, aber es konnte sich nur um eine Drohung handeln, und diese Männer gehörten einem Schlag an, der imstande war, Taten folgen zu lassen. So drehte er sich um und setzte sich, ein stummes Gebet sprechend, in Bewegung.

Fast drei Stunden später drückte Juan Ignacios Schulter, als ein urtümlich wirkendes Gebäude in Sicht geriet. »Da«, sprach er und zeigte darauf. Nicht mehr lange, dann war er diese unsäglichen Typen los.

Das Gehöft vor ihnen bestand aus ein paar rustikalen Bauten, alten Wassertanks und leeren Pferchen. Juan hatte sich nicht getraut, nach dem Schicksal der Rancher zu fragen, deren Land dies gewesen war. Neben den Gebäuden stand ein zerbeulter Kleinbus mit zerkratztem, abblätterndem Lack. Juan und Ignacio behielten die Umgebung genau im Blick, während sie sich näherten. Etwa 50 Yards vor dem Wagen blieben sie stehen.

»Hier werden wir Sie zurücklassen, Señores. Ihre Freunde warten.«

Elf liefen wortlos an ihm vorbei, doch der Große mit der Narbe verharrte. Juan hielt die Luft an, solange er angestiert wurde. Zwei weitere Männer kamen aus einem Gebäude und zogen die Schiebetür des Busses auf, als die Gruppe näherkam. Im Nu waren die Männer eingestiegen und wegen der dunkel getönten Fensterscheiben nicht mehr zu sehen.

»Worauf warten Sie?«, rief einer der beiden neben dem Wagen. Dann redete er in der Sprache des Vernarbten weiter, und obwohl Juan nicht verstand, was gesagt wurde, war die Bedeutung offensichtlich: »Wir müssen hier weg!«

Der große Mann starrte weiter, ohne einen Ton von sich zu geben. Juan bekreuzigte sich, da schnaubte er wieder: »Im Kaukasus wärst du tot!« Beim Fortgehen spuckte er auf den Boden, nicht ohne sich kurz umzudrehen und in den Boden zu treten, sodass Erde auf Vater und Sohn spritzte.

Juan beobachtete aufmerksam, wie der Mann den Wagen erreichte, wo er sich mit dem Fahrer und dem Beifahrer gegenseitig auf die Schultern klopfte, bevor sie ebenfalls einstiegen. Wenige Augenblicke später fuhren sie los, wobei die Hinterräder Sand und Staub aufwirbelten. Während der Bus sich in Richtung Norden entfernte und immer kleiner wurde, kehrte sich Juan seinem Sohn zu, der bleich geworden war.

Er schlug noch ein Kreuz und sagte auf Spanisch, seiner Muttersprache: »Lass uns für die Seelen der Amerikaner beten, die zu töten diese Männer gekommen sind.«

»Ja«, entgegnete Ignacio. »Und bitten wir auch Gott um Vergebung, weil wir ihnen den Weg gewiesen haben.«

Prolog II

Vor 14 Tagen, Gefängnisinsel Ognenny Ostrov – 650 Meilen nördlich von Moskau, Novosero-See – Oblast Wologda, Russland

Vizedirektor Antonin Turow wartete ungeduldig, während das kleine Motorboot strandete, wobei sich sein kleiner Außenborder im seichten Wasser in Ufernähe aufrichtete. Die beiden Unteroffiziere des Staatsgefängnisses, die mit ihm an Bord waren, stießen kräftig mit Holzrudern auf das Seebett aus Kies und bemühten sich nach Kräften darum, dass ihr Vorgesetzter beim Aussteigen keine nassen Füße bekam. Als das Boot auf Grund lief, kletterte Turow über die Bordwand, ohne ein Wort zu sagen, und ließ die beiden Unteroffiziere hinter sich, indem er auf einem Schotterweg zur Kuppe der Böschung lief. Er holte schnaufend Luft, die in der Kälte als sichtbarer Dampf entwich, während ein wenig Schnee fiel und den Scheitel seiner Pelzmütze bestäubte.

Vor einem zwölf Fuß hohen Tor, das oberhalb mit Stacheldrahtspiralen gesichert wurde, blieb er stehen und schaute auf die Stahlflügel, hinter denen sich die Bauten der Anlage verbargen. Zu beiden Seiten des Eingangs war je ein uniformierter Wachmann mit Kalaschnikow postiert, die er sich einsatzbereit vor die Brust hielt.

Die Feuerinsel, dachte Turow mit belustigtem Lächeln, während er darauf wartete, dass die Wächter näherkamen. Der Name ging auf irgendeinen religiösen Fanatiker zurück, der vor 500 Jahren gesehen haben wollte, dass die Insel von einer Feuersäule verwüstet wurde, woraufhin sich wie üblich, wenn jemand behauptete, ein mutmaßliches Zeichen Gottes empfangen zu haben, Schäfchen einfanden und ein Kloster erbauten. Es war jahrhundertelang von Mönchen bewohnt gewesen, bis die Bolschewisten es eingenommen und zu einem Gefängnis umgebaut hatten. Ein Gefängnis war es seitdem geblieben, wozu sich die nahezu uneinnehmbare mittelalterliche Architektur auch hervorragend eignete, wie Turow fand.

»Kto tam?«, blaffte einer der Wachmänner auf Russisch, als die beiden vortraten. »Wer ist da?«

»Zam nachalnika Antonin Turow«, antwortete der stellvertretende Direktor zackig. »Pozvol'te mne proiti!« – »Lassen Sie mich rein!«

Die Wachen taxierten den Uniformträger und nahmen Haltung an, bevor sie erwiderten. »Zu Befehl, Direktor!«

»Macht das Tor auf«, rief der eine zu einem Wachturm hinauf.

Ein Alarmsignal brummte los, als ein Druckluftmechanismus in Gang gesetzt und die beiden Torflügel langsam auseinandergezogen wurden. Als Turow das Straflager betrat, stellten sich zwei weitere Wächter vor ihn, die in einem Häuschen neben einem der Türme gesessen hatten. Dichter, weißer Rauch quoll aus dem Blechschornstein des Gebäudes, und die Luft roch nach verbranntem Holz.

»Ich bin Leutnant Rostislaw Kutzow. Wie dürfen wir Ihnen helfen, Kamerad Vizedirektor?«, fragte der Wachleiter beim Näherkommen und stand schließlich stramm. Das Tor glitt quietschend hinter Turow zu.

Er richtete seinen gedrungenen Leib auf und spannte die Schultern an. »Bringen Sie mich zum Aufseher.«

»Sehr wohl, Direktor«, entgegnete der Leutnant und salutierte, bevor er sich umdrehte und auf eine Gruppe zweistöckiger Gebäude zuging, die unscheinbar wirkten und dank ihres weißen Putzes mit der Umgebung verschwammen. Nach fast 100 Jahren, in denen die Anlage die schlimmsten Verbrecher des Mutterlandes beherbergt hatte, war jeglicher Hinweis auf ihren einst frommen Zweck getilgt. Verräter, Deserteure, Spione und Nazis – sie alle hatten hier eingesessen und innerhalb dieser Mauern den Tod gefunden, woraufhin ihre Gebeine in leidlich tiefen Gräbern auf Nachbarinseln beigesetzt worden waren. Seit Ende des 20. Jahrhunderts war das Gefängnis, das die Russen Pyatak nannten, ausschließlich Häftlingen vorbehalten, die sich mit ihren Vergehen ein Todesurteil eingehandelt hatten.

Wer einmal auf der Feuerinsel landete, verließ sie nicht mehr, nicht einmal nach der Verhängung seiner Strafe. Dies sollte sich heute Abend allerdings ändern. Gegen einen Betrag von einer Million Euro wollte Antonin Turow, einer von sechs stellvertretenden Direktoren des Staatsgefängnisses, dafür sorgen, dass ein Insasse vom Gelände entkam und in der umgebenden Wildnis verschwand.

Der Leutnant vor ihm löste ein Schlüsselbund von seinem Gürtel und trat vor eine Metalltür. Als er hörte, dass sie von innen aufgeschlossen wurde, hielt er inne. Kurz darauf trat ein Mann mit strenger Miene und sorgfältig gebügelter Uniform heraus. Der Leutnant schlug unumwunden die Hacken zusammen, salutierte und blieb dann völlig reglos stehen. Unterdessen betrachtete der Mann ihn, bevor sein Blick zu Turow wanderte. Ein wissender Ausdruck huschte über sein Gesicht, und er nickte kurz. Er war der Gefängnisaufseher; seine Komplizenschaft hatte lediglich 25.000 Euro gekostet.

»Oberst Witalj Kuptschenko, richtig?«, fragte Turow.

»Sieh zu, dass du Land gewinnst«, zischte der Aufseher dem Leutnant zu, der sich trollte, ehe sich der Atemhauch seines Vorgesetzten in der kalten Luft aufgelöst hatte. »Wer soll ich sonst sein?« Damit drehte er sich wieder zur Metalltür um und ging zurück ins Gebäude.

Turow beschloss, vorerst darüber hinwegzusehen, dass der Aufseher ihn als ranghöhere Person nicht gebührend zur Kenntnis genommen hatte, und folgte ihm ins Gefängnis.

Als er drinnen war, warf der Mann die Tür zu und sperrte wieder ab. Turows Augen fingen sofort zu tränen an, denn der Gestank war überwältigend. Bei dem, was da in seiner Nase kitzelte, konnte es sich nur um eine Mischung aus Kot, Urin und dem Geruch von menschlichem Zerfall handeln. Er zog seine Pelzmütze aus und hielt sie vor sein Gesicht, um sich nicht zu übergeben, womit er dem Schweißodeur seines Kopfes gegenüber den Düften des Gefängnisses den Vorzug gab. Der Leutnant wirkte ungerührt. Er ging Turow voraus und führte ihn tiefer in die Anlage.

Der Boden bestand aus unbehandeltem Holz, das unangenehm knarrte, wenn die beiden stämmigen Männer auftraten, die Wandverkleidung aus rauem Stuckgips, der bis auf halbe Höhe grün und darüber weiß gestrichen war, obwohl er augenscheinlich schon seit Jahren keine frische Farbe gesehen hatte, denn an vielen Stellen lag das Holz darunter blank, wo der Baustoff abgebröckelt war. Turow konnte sich durchaus vorstellen, dass man dort Gefangene mit den Köpfen gegen die Mauer geschlagen hatte; in Russlands Strafvollzugsanstalten stand Brutalität an der Tagesordnung, besonders so weit entfernt von Moskaus Aufsicht.

»Ich muss zugeben, Kamerad Direktor, dass ich meine Zweifel hatte, als Sie mir mitteilten, wen Sie wollten. Ich kann mir nicht vorstellen, wer Verwendung für dieses Tier finden soll«, bemerkte der Aufseher, während sie durch eine weitere Tür gingen. Der Knall, als er sie hinter sich zufallen ließ, hallte über den leeren Flur.

»Ich habe keine Verwendung für ihn. Sehr wahrscheinlich wird man ihn jagen wie Freiwild, aber das ist nicht unser Problem.«

»Nein, Kamerad Direktor«, stimmte der Aufseher zu und reichte Turow eine olivgrüne Mappe.

Von nun an gingen sie schweigend weiter durch das Gewirr von Korridoren in der Haftanstalt. Darin reihten sich zu beiden Seiten Metalltüren, die Eingänge in Zellen. Eine jede verfügte über einen Schlitz von drei mal sechs Zoll, durch den die Sträflinge ihre Unterarme schieben mussten, um sich Handschellen anlegen zu lassen. Jetzt, für die Nacht, waren alle zugeschoben. Gelegentlich kamen die Männer an einem größeren offenen Raum vorbei, in dem gelangweilte Wachleute vor Fernsehgeräten mit verrauschtem Empfang saßen, die nicht größer waren als Turows offene Hand. Sie alle sprangen ruckartig auf und salutierten, als die Oberen passierten.

Nachdem sie eine Serpentinentreppe hinuntergestiegen waren, die in den Keller der Anlage führte, und weitere 50 Yards zurückgelegt hatten, trat der Aufseher gegen eine weiße Tür, schloss den Schiebeschlitz auf und blaffte: »Aufstehen, Abschaum! Du hast Besuch!«

Ein paar Sekunden vergingen, dann steckte der Insasse seine Hände durch die Öffnung. Der Aufseher löste Handschellen von seinem Gürtel, legte sie um die Handgelenke des Mannes und ließ die Bügel einrasten, bevor er die schwere Tür aufsperrte und nach außen öffnete. Aus der Dunkelheit der Zelle trat nun ein dürrer Mann mit dunkler Hautfarbe. Er schien haarlos zu sein und trug einen gestreiften Overall mit entsprechender Mütze auf seiner Glatze. Als Turow in anschaute, war ihm schleierhaft, warum irgendjemand nach so einem Menschen fragte, doch er hatte einen eindeutigen Auftrag erhalten. Diejenigen, die ihn entlohnten, wollten den tschetschenischen Kindermörder Ruslan Baktayew.

Turow wickelte das Band ab, mit dem die olivgrüne Mappe verschlossen war, und schlug sie auf. Darin lag eine Akte mit Fahndungsfoto. Statt den Inhalt zu lesen, sah er sich das Bild genau an und glich es mit Baktayews Gesicht ab. Es war kaum zu glauben, dass er denselben Mann vor sich stehen hatte. Von acht Jahren in der realen Hölle der Feuerinsel blieb man nicht unberührt. Obwohl der Verbrecher anscheinend noch nie beleibt gewesen war, ließen sich merkliche Veränderungen an seinem Gesicht ausmachen; er hatte teigige Haut und stierte hohläugig – offensichtliche Anzeichen von Mangelernährung. Die Kleidung hing an seinem Körper wie Lumpen von einer Vogelscheuche. Als der Aufseher sein Kinn nach oben drückte, konnte man auf Russisch eintätowiert den Schriftzug ›Hier schneiden‹ an seiner Kehle lesen. Dies war der Mann, den Turow gesucht hatte. Er nickte dem Aufseher zur Bestätigung zu.

Dieser befahl: »Stell dich hin, wie du es gelernt hast.«

Baktayew wandte sich schweigend ab und bückte sich.

Der Aufseher packte seine gefesselten Hände, zog sie vom Körper weg nach oben und zwang ihn so zu einer sogenannten Belastungshaltung. Während er den Vornübergebeugten den ganzen Weg die Treppe hinauf stieß, erreichten sie die Tür, durch die sie hinuntergegangen waren. Turow folgte ihnen in geringem Abstand. Statt aber durch die Tür zu gehen, drängte der Aufseher Baktayew in einen Nebenraum, in dem zwei Klappstühle aus Metall an einem einfachen Schreibtisch – Staatseigentum – mit Telefon standen. Auf einem musste sich der Häftling niederlassen, woraufhin er die beiden russischen Offiziere mit vor Hass funkelnden Augen anstarrte.

»Heute Nacht begegne ich also Allah?«, fragte er in einem nahezu freudigen Tonfall.

Der Aufseher spuckte ihn an. »Die Einzigen, denen du im Jenseits begegnen wirst, du Schwein, sind die wütenden Seelen der Väter, deren Kinder du umgebracht hast.«

Baktayew grinste, wobei man seine kariösen Zähne sah, während der Speichel an seinem Gesicht hinunterlief.

Turow trat hinter den Tisch und griff zum Telefon. Nachdem er eine Nummer gewählt hatte, wartete er darauf, dass das Gespräch angenommen wurde. Er tauschte sich kurz mit jemandem aus, legte wieder auf und nickte dem Aufseher erneut zu, der dann zu einem Schränkchen ging, die Tür öffnete und ein kleines, schwarzes Paket herausnahm. »Da kommst du rein«, sagte er zu Baktayew, während er es auf dem Boden ausrollte: einen Leichensack. Dann zog er ein Messer unter seiner Uniform hervor und schnitt sorgfältig auf Kopfhöhe drei Schlitze hinein. »Jetzt.«

Kapitel 1

Heute, 21:28 Uhr, Eastern Standard Time – Donnerstag, Verndale Drive, Roanoke, Virginia

Seine Schritte und gelegentliches Rauschen, wenn ein Auto über die nasse Fahrbahn kroch, waren die einzigen Geräusche, die Declan McIver hörte, während er durch die alten Wohnsiedlungen im Nordosten von Roanoke joggte. Einstöckige Farm- und Terrassenhäuser, die in den 1960ern und '70ern gebaut worden waren, flankierten die Straßen auf kleinflächigen Grundstücken, die meisten davon mit fein säuberlich gemähtem Rasen. Vereinzelt standen obligatorische Pick-ups am Bordstein vor den Anwesen der Besitzer, und manchmal bellte ein Hund hinter einem Zaun, wenn er vorbeilief. Der stark bewölkte Himmel verhieß Regen und gab den Sichelmond nur selten preis. Silbrig belaubte Birken, die sich an der Hauptstraße entlangzogen, raschelten ein wenig im Wind dieses Frühlingsabends und die feuchte Luft roch nach Kohlenwasserstoff vom viel befahrenen Asphalt.

Mit knapp über 1,80m, dunkelblondem Haar, eisblauen Augen und kurz rasiertem, grau meliertem Bart fiel Declan in der Nachbarschaft nicht weiter auf. Obwohl er beim Laufen ständig absichtlich andere Wege nahm, musste ihn jeder, der achtsam war, als regelmäßigen Jogger auf den nach Blumen benannten Straßen wiedererkennen, ob er sich nun vorm Morgengrauen aufmachte oder kurz nach Einbruch der Dämmerung wie heute. Für einen Mann Anfang 40 war er körperlich topfit, und sein schroffes, aber für Frauen nicht unattraktives Äußeres fügte sich trefflich in das mittelständische Wohngebiet.

Sein täglicher Lauf war mehr als nur Training; die fünf bis sechs Meilen dienten ihm zur Flucht – als Zeit, in der er über die Irren und Wirren seines Alltags als erfolgreicher Unternehmer nachdenken konnte. Mit seinem Büro DCM Properties hatte er sich einen Traum erfüllt, der Kopfschmerzen allerdings nicht ausschloss. Unter dieser Firma kaufte, renovierte und veräußerte er nun seit zehn Jahren Immobilien von in Finanznot geratenen Unternehmen, wobei er ein moderates Vermögen angehäuft hatte.

Während er alles, woran er vorbeikam, bewusst wahrnahm und den Kopf kurz drehte, um in die Richtung zu schauen, aus der er gekommen war, bog Declan auf den Weg nach Süden rechts ab und vergewisserte sich, dass ihm niemand folgte. Lediglich Beobachtern mit sehr scharfem Blick wäre seine scheinbar paranoide Gewohnheit aufgefallen. Er aber hatte gute Gründe zur Vorsicht; 16 Jahre auf den Abschusslisten von sechs Terrororganisationen forderten gewisse Verhaltensregeln ab.

Am Fuß einer steilen Anhöhe sah er sich schnell nach beiden Seiten um, bevor er die breite Straße überquerte und den Park betrat, der an die Siedlung grenzte. Der lockere Kies knirschte unter seinen New-Balance-Laufschuhen, während er die Füße ein ums andere Mal mit den Fersen aufsetzte und auf den Zehenspitzen abrollte, um sich weiter zu pushen, nicht ohne schwer zu keuchen, als er dem Ende seiner Strecke näherkam. Plötzlich blieb er auf dem sich durch das bewaldete Gelände schlängelnden Weg stehen, denn das Handy in der Tasche seiner grauen Jogginghose vibrierte. Verärgert über die Störung zog er das Samsung-Smartphone heraus und schaute auf die Anzeige, wo die Nummer des Anrufers aufleuchtete. Nachdem sich seine Augen an das grelle LED-Display gewöhnt hatten, las er die Zahlenfolge, konnte sie aber niemandem zuordnen. Er überlegte, während er auf die Nummer schaute, deren Vorwahl 202 darauf hindeutete, dass die Person aus Washington D.C. anrief. Er nahm den Anruf entgegen, als er noch vergeblich versuchte, langsamer Luft zu holen. »Hallo?«, begann er mit einem Akzent, der ihn als Iren auswies.

»Hoffentlich ist es dir nicht gerade ungelegen, alter Freund.«

»Bin bloß draußen beim Joggen«, erwiderte Declan, während er sein Stimmgedächtnis nach der Identität des Unbekannten absuchte. Er hatte einen tiefen Tonfall und war offensichtlich Ausländer, sprach aber perfektes Schulenglisch. Es bedurfte keiner langen Grübelei: Die Stimme gehörte McIvers ehemaligem Vorgesetzten, mit dem er sich in den letzten zehn Jahren seit seinem Ausscheiden selten unterhalten hatte.

Dr. Abidan Kafni war ein bekannter Schriftsteller, Lehrer und Experte in Fragen von Terrorismusbekämpfung und den Krisen im Mittleren Osten. Sein aktuelles Buch hatte gleich nach Veröffentlichung den ersten Platz der Bestsellerliste der New York Times für Sachliteratur erreicht und rekordverdächtige 13 Wochen lang innegehalten. Nur wenige Auserwählte wussten indes, dass Kafni auch ein ehemaliger Mossad-Agent war, Mitarbeiter des israelischen Geheimdienstes also.

»Lange nichts von dir gehört«, hob Declan überrascht an. »Was kann ich für dich tun?«

»Wie wäre es für den Anfang, wenn du mir erzählen würdest, was du so getrieben hast? Wie du richtig sagtest: Lange nichts von dir gehört.«

»Mir ging's gut. In den letzten beiden Jahren war der Markt ein wenig träge, doch ich bin ein vorsichtiger Investor, also kein Grund zur Sorge. Aber bestimmt rufst du nicht an, um zu erfahren, wie es gerade um Immobilien an der mittleren Atlantikküste bestellt ist, oder?«

»Nein«, gestand der Israeli glucksend. »Ich gedachte, mich vielleicht kurzfristig mit einem alten Freund treffen zu können.«

»Natürlich«, meinte Declan. »Meine Frau und ich, wir wollten uns morgen Abend deine Rede anhören.«

Kafni hatte kürzlich ein Ehrenamt an der konservativen, pro-israelischen Liberty-Universität in Lynchburg erhalten, eine Fahrstunde von Declans Heimat Roanoke entfernt. Am nächsten Abend sollte er eine Festansprache halten, und zwar anlässlich einer Gala zur Einweihung des jüngst fertiggestellten C.H. Barton Centers für Internationale Beziehungen und Politik, wo neue Grund- und Aufbaustudiengänge angeboten werden.

»Richtig, man sagte mir, dein Name stände auf der Gästeliste. Ich dachte, wir könnten hinterher gemeinsam essen.«

»Klar, klingt gut. Ich sage Constance Bescheid, sie freut sich darauf, dich kennenzulernen.«

»Ganz meinerseits. Sie muss eine außergewöhnliche Frau sein, wenn sie es mit dir aufnimmt.«

Declan kicherte. »Da hast du recht. Ich bin mir sicher, Zeva und sie können einander so einige Geschichten von der Front erzählen.«

Kafni musste lachen. »Eins zu null, der Punkt geht an dich, mein Freund.«

Er hatte lange als Geheimagent gearbeitet, weshalb er nach seinem Dienst für den Staat Israel eigentlich einen friedvollen Ruhestand mit seiner Frau Zeva und ihren gemeinsamen Kindern verdiente, war aber stattdessen für eine andere Sache eingetreten. Kafni erwärmte sich seit je für die akademische Welt und Politbühne, also war er in die USA übergesiedelt, um als Buchautor und politischer Redner tätig zu werden. Nach den Anschlägen des 11. Septembers 2001 hatte er beobachtet, wie seine Tätigkeit zusehends in Verruf geraten war. Durch seine eiserne Treue zu Israel, weil er den Krieg gegen den Terror unterstützte und sich schonungslos ausdrückte, konnte er sich nicht über zu wenige Gegner beklagen. Während der vergangenen 15 Jahre hatte es sechs Attentate auf ihn gegeben, allesamt ausgeführt von radikalen Islamisten. Als mehrjähriges Mitglied von Kafnis Leibgarde war Declan, ehe er gekündigt hatte, um sich selbstständig zu machen und ein neues Leben zu beginnen, persönlich für die Vereitlung der Hälfte dieser Mordversuche verantwortlich gewesen.

»Wir sehen uns also morgen Abend?«, fragte er rhetorisch.

»Wird mir ein Vergnügen sein«, entgegnete Kafni. »Ich schicke euch gegen sechs einen Wagen.«

»Das ist nicht nötig, ich fahre gern selbst.«

»So spricht ein wahrer Einzelkämpfer. Nun gut, Levi wird euch am Eingang abholen – und danke, mein Freund. Du weißt, ich würde dich nicht anrufen, wenn es nicht dringend wäre.«

»Selbstverständlich«, beteuerte Declan, der nicht auf Kafnis unvermittelten Ernst vorbereitet war. »Ist etwas im Busch? Was verschweigst du mir?«

»Alles Weitere morgen.« In der Leitung knackte es, als der Israeli die Verbindung trennte.

Declan drückte gleichsam die rote Taste und steckte das Handy wieder ein. Als er sich gerade aufrichtete und zwischen den Bäumen hindurchschaute, konnte er sich einer finsteren Vorahnung nicht erwehren. Abidan Kafni zählte nicht zu dem Schlag Mensch, der sich von Kleinigkeiten ins Bockshorn jagen ließ. Grund zur Sorge gaben in seiner Welt auf Israel abzielende Atomwaffen im Iran oder russische U-Boote vor der Küste Floridas. Obwohl er sich Jahre zuvor aus der internationalen Spionage zurückgezogen hatte, blieb er dank seines einflussreichen Standes und vieler Freunde bestens informiert.

Nachdem er sein Training im vollen Lauf wieder aufgenommen hatte, um seinen Puls hochzutreiben, ließ Declan den Schotterweg hinter sich und nahm eine Betonbrücke über einen knöcheltiefen Bach, die das Wohngebiet mit einem größtenteils begrünten Terrain verband. Hinter zwei moosbewachsenen Steinsäulen – die Begrenzung eines ehemaligen Tores – erstreckte sich auf der anderen Seite des Weges, der aus dem Park führte, ein befestigter Straßenabschnitt von einer Viertelmeile: die Auffahrt zu seinem Haus.

Regennasses Laub, das von den Ahornbäumen ringsum gefallen war, knatschte unter Declans Füßen, während er auf den letzten Metern zum Haus noch einmal alles gab. Als er aus dem Dickicht auf die kleine Lichtung lief, wo das Gebäude stand, bremste er sich, blieb stehen und zog sein durchgeschwitztes T-Shirt aus. Dann neigte er sich nach vorne und stützte die Hände auf seine Knie, um Luft zu schnappen. Kafnis Worte klangen noch in seinem Kopf nach, während er sich wieder aufrecht hinstellte und an seinen nackten Armen hinabschaute. Gedanken an seine Vergangenheit holten ihn ein, als er der vielen Narben gewahr wurde.

Auf seinem linken Handrücken war die Haut nach einem Unfall mit der chemischen Substanz einer Briefbombe großflächig für immer vernarbt. Der Unterarm darüber hatte einen vier Zoll langen Schnitt davongetragen, verursacht von einer fliegenden Glasscherbe bei der Sprengung eines Gebäudes durch eine improvisierte Bombe, in das er gerade getreten war. Er hatte den Angriff nur knapp überlebt, wenn auch mit einem zusätzlichen runden Brandmal von einem flammenden Stück Holz an der Schulter auf derselben Seite. Es war irgendwo in dem Haus heruntergestürzt, während er erfolglos versucht hatte, einen Freund aus den Trümmern zu ziehen.

Immer noch angestrengt keuchend wischte er sich die Stirn mit dem Shirt ab und besah seinen rechten Arm. Auch ihn zeichneten zahlreiche Narben, doch eine stach besonders heraus: Sie war seelisch die Schlimmste von allen und gleich unterhalb des Ellbogens an der Innenseite zurückgeblieben, ein Symbol für sein altes Leben, das er gern ausgeblendet hätte. Die drei Furchen, die an Krallen denken ließen, rührten aus seiner Zeit als Mitglied der Provisorischen Irisch-Republikanischen Armee, einer Elite-Terroreinheit mit dem Codenamen Black Shuck.

Kapitel 2

Gebell drang durch die feuchte Abendluft und riss Declan aus seinen Gedanken zurück in die Gegenwart. Er bückte sich mit freudigem Lächeln, als ein Hund mit Schlappohren auf ihn zukam. »Hallo, altes Mädchen«, rief er, während der Beagle seine Hände ableckte, mit denen er beide Seiten des Gesichts streichelte. »Bist auf nächtlichem Streifzug, was?« Das Tier reagierte, indem es vergnügt mit den Vorderpfoten trippelte und mit dem Schwanz wedelte. Declan erhob sich und sah zu dem zweistöckigen Haus hinüber, das mit Zedernholz verkleidet auf einem abgerundeten Hügel in der Mitte der Lichtung stand, vor dem sich der Fahrtweg gabelte und ringsherum führte.

Gedämpftes Licht im Wohnzimmer verhieß, dass seine Ehefrau noch wach war. Leicht federnden Schrittes ging er die Einfahrt hinauf auf den Panoramavorbau zu, wobei er sich auf den Oberschenkel klopfte, damit der Beagle ihm folgte. Während er sich auf der Veranda an den Fenstern vorbei zur Tür bewegte, blickte er hinein. Seine Frau saß alleine da, ein Papiertaschentuch in einer Hand, einen Schwangerschaftstest in der anderen. Obwohl er die Farbe des Streifens nicht sah, wusste er, dass sie es wieder nicht geschafft hatten.

Constance McIver war etwas größer als 1,70m und hatte goldbraunes, schulterlanges Haar, das sie offen trug. Sie stand vom Ledersofa auf und tappte barfuß über den Wohnzimmerteppich, als Declan durch die Haustür eintrat. Während sie ihren schlanken Körper an seinen schmiegte, küsste sie ihn zärtlich und sagte: »Hab dich vermisst.«

»Ach ja?«, fragte er und erwiderte den Kuss. Die beiden waren seit acht Jahren verheiratet, aber bis vor Kurzem beruflich zu eingespannt gewesen, um sich Gedanken über Nachwuchs zu machen. Im vergangenen Sommer hatten sie beschlossen, dass es an der Zeit sei. Während der letzten acht Monate waren sie mehrmals enttäuscht worden. Ihre grünen Augen füllten sich mit Tränen, als sie ihn fest drückte.

»Hey, ist ja gut, ist ja gut«, beschwichtigte er sie und wischte eine Träne weg, die an ihrer Wange hinunterlief. Er wusste, was sie dachte. Mit 35 Jahren befürchtete Constance allmählich, dass der Zug für Kinder abgefahren sei.

Sie lachte und trocknete weitere Tränen, während sich der Beagle beharrlich zwischen ihren und Declans Beinen hindurchzwängte, um in die Wohnung zu schlendern.

»Oh Shelby, ich könnte dich …«, begann sie, als der Hund auf das Ledersofa hüpfte und das Paar mit offenem Maul über die Rückenlehne hinweg anstierte, sodass man es nur als Lächeln deuten konnte. »Du bist ein nerviger Hund.«

Declan, der gerade die Tür schloss, lachte kurz auf. »Ich bin unterwegs angerufen worden.« Er ging zu einem Schrank aus Kastanienholz hinüber, der an der Wand zwischen Küche und Wohnzimmer stand, nahm eine Thermoskanne aus Metall heraus und schraubte den Verschluss ab.

Während er etwas trank, fragte Constance: »Oh, von wem denn?«

Declan nahm noch ein paar Schlucke. Es war eine spezielle Zusammenstellung von Vitaminen in Mineralwasser und schmeckte furchtbar. »Ekelhaft«, prustete er, nachdem er die Kanne abgesetzt hatte, und fuhr sich mit einem Unterarm über den Mund.

Constance lachte. »Tja, niemand zwingt dich, das zu trinken.«

»Soll gesund sein«, entgegnete er und stellte die Kanne zurück in den Schrank.

»Nichts, was so übel riecht und schmeckt, kann in irgendeiner Weise gesund sein. Jetzt sag schon, wer hat dich angerufen? Spann mich nicht auf die Folter.« Sie stieß ihn sanft an.

»Kafni«, antwortete er in sachlichem Ton.

Sie schaute ihn einen Moment lang an, in der Annahme, dass er scherzte. Für sie war Abidan Kafni ein Prominenter, der bei Nachrichtensendungen und Meinungsmachern im Fernsehen gastierte. Sie wusste zwar, dass ihr Mann für ihn gearbeitet hatte, doch das war lange her, und zwischen den beiden herrschte schon seit vielen Jahren Funkstille.

»Im Ernst«, beteuerte er. »Ihm sind unsere Namen auf der Gästeliste aufgefallen. Einer seiner persönlichen Gehilfen wird uns morgen Abend am Eingang abholen.«

Constance lächelte und wirkte gleich wieder unbekümmerter, worauf er mit der Neuigkeit auch spekuliert hatte. Er versuchte, sie vom negativen Ergebnis des Schwangerschaftstests abzulenken und aufzuheitern. Seine Entscheidung, die Gala am morgigen Abend zu besuchen, war auch dadurch motiviert, dass er seine Frau endlich in seine Vergangenheit einweihen wollte, welche er ihr so lange gewissenhaft vorenthalten hatte. Sie wusste nichts von seinem früheren Leben in Nordirland. Warum er ihr noch keinen reinen Wein eingeschenkt hatte, war ihm selbst nicht ganz klar, und seine Unaufrichtigkeit in dieser Hinsicht nagte an ihm.

»Dein Abend beginnt um sechs, Mrs. McIver«, sagte er lächelnd. »Da Dr. Kafni während des Festakts vermutlich nicht viel Zeit haben wird, lud er uns zum Abendessen danach ein. Ich sagte ihm, dass wir versuchen würden, es in unserem eng gesteckten Terminplan unterzubringen.«

»Tatsächlich?«, hakte sie nach, als sei sie beeindruckt. »Ich wusste gar nicht, dass du ein Mann mit solchen Beziehungen bist. Darf ich dich berühren?« Sie streckte einen Zeigefinger nach ihm aus und grinste dabei wie ein Teenager, der einen Star anhimmelte.

Er lachte kopfschüttelnd. »Aber sicher darfst du.«

Dann nahm er ihr Gesicht behutsam in seine Hände und küsste sie wieder. Sie rieb sich die Augen mit den Fingern und ließ sich hingebungsvoll auf den Kuss ein. Als er sie hochhob und über den Flur zum Schlafzimmer trug, lachte sie und tat so, als sträubte sie sich dagegen.

»Mir ist gerade eingefallen, was wir jetzt tun könnten«, deutete er an, nachdem sie eingetreten waren, und stieß die Tür mit einem Fuß zu.

»Was du nichts sagst … könnten wir?«

»Oh ja.«

Kapitel 3

8:46 Uhr, Eastern Standard Time – Freitag, Industriepark Van Deman, Dundalk, Maryland

Die Bremsscheiben des klapprigen Crown Victoria quietschten, als das Taxi in einem Industriegebiet südwestlich von Dundalk anhielt, einem der ersten Vororte des inneren Stadtrings von Baltimore. Anzor Kasparow wusste, welch hohes Risiko er einging, wenn er am helllichten Tag kam. Hinsichtlich seiner Kleidung – ein offenes Flanellhemd über einem ausgebleichten blauem T-Shirt und einer Jeans mit Loch an einem Knie – hoffte er, ein glaubwürdiges Bild von jemandem abzugeben, der zu dieser Stunde in diese Gegend gehörte.

»Möchten Sie, dass ich warte?«, fragte der Taxifahrer, während er den Kopf drehte, um über seine Schulter zu schauen. »Das macht 20 Dollar.«

»Nein«, antwortete Kasparow und zog sich die Mütze mit dem Logo der Baltimore Orioles ins Gesicht, damit der Mann ihn nicht genauer betrachten konnte.

»In Ordnung, die Fahrt kostet 55.«

Kasparow warf drei zerknitterte 20-Dollar-Scheine auf den Beifahrersitz, bevor er seine Tür öffnete und ausstieg. Er wartete, bis der Wagen außer Sicht war, dann drehte er sich um und ging zurück zur Straßenecke, von wo er die Van Deman Street nach Norden nahm. Nachdem er zwei Blocks hinter sich gelassen hatte, stand er vor einem Gebäude mit einem rostigen Schild über dem Eingang, auf dem Schweißerei Broughman stand. Er sah sich in der Umgebung um, wobei ihm ein merkwürdiger Haufen Gerümpel an der Seitenmauer auffiel. Er zückte seine Brieftasche und nahm einen Schlüssel heraus.

Mit diesem öffnete er die Metalltür und betrat einen Raum, der wohl einmal der Empfangsbereich eines kleinen Handwerksbetriebes gewesen war. Jetzt standen verschimmelte und verstaubte Kartons darin. Es stank nach modriger Pappe. Kasparow sperrte hinter sich ab. Als er das Kreischen eines Elektrowerkzeugs im weitläufigeren Gebäudeteil hinter dem Büro hörte, ging er dem Geräusch nach.

In der nahezu leeren Halle lag ein einzelner Mann auf dem Rücken unter einem betagten Lieferwagen. Dieser war auf ein Paar mobiler Rampenelemente gefahren worden, um den Unterboden leichter inspizieren zu können. Beidseits des Mechanikers standen Werkzeugkästen. Kein Zweifel, ihr mysteriöser Gönner sah vor, dass sie diesen Wagen nutzten, um unbemerkt herumzukommen. So bescheiden getarnt konnten sie beobachten, Informationen sammeln und endlich ein Ziel wählen, ohne ernsthaft Gefahr zu laufen, von irgendwem entdeckt zu werden. Nach der Zielerfassung würde ihr Gönner dafür sorgen, dass sie unverzüglich alle erforderlichen Dokumente erhielten: Technische Zeichnungen, Notfallwegbeschreibungen, Maschinenkarten, Rohr- und Elektroleitungspläne, was auch immer sie brauchten. Es war perfekt ausgeklügelt, wofür Kasparow Allah dankte, während er zu dem Mechaniker ging.

Als ob er ahnte, dass jemand zugegen war, drückte sich der Mann unter dem Fahrzeug vor, zog den Schweißschirm von seinem Gesicht und griff mit einer Hand nach seiner Waffe in dem Kittel, den er trug, was in einer durchgehenden Bewegung geschah.

Kasparow nahm die Baseballkappe von seinem Kopf und schaute hinab ins Antlitz von Ruslan Baktayew. Das gebrechliche, abgehärmte Erscheinungsbild des Mannes rührte ihn fast zu Tränen. Was hatten die Russen mit ihm gemacht? Statt dunkler Haare und eines dichten Bartes wie früher glänzte jetzt nur fahle Haut mit grauen Stoppeln. Seine vom Winter im Kaukasus gestählten Muskeln waren vor Unterernährung erschlafft. Kasparow sah ihm tief in die Augen, deren widerspenstiger Ausdruck in zuversichtlich stimmte. Trotz der grausamsten Foltermethoden, die dem Feind eingefallen waren, hatte sein Freund und Waffenbruder nichts von seinem heiligen Zorn verloren. Kasparow streckte die Arme weit von sich, als sich der Tschetschene erhob.

»Abu, Abu.« Kasparow gebrauchte Baktayews selbst gewählten islamischen Namen Abu Tabak, bevor er ihn umarmte. »Wir haben uns ewig nicht gesehen. Sag, stimmt es? Bitte lass wahr sein, dass wir das Schwert Allahs endlich tiefer ins Herz der Ungläubigen gestoßen haben.« Er platzte geradezu vor Entzückung, als sie nach ihrer Begrüßung voneinander abließen.

»Es ist wirklich wahr, Anzor – alles.«

»Ehre sei Allah, Allahu akbar!«, jauchzte Kasparow, während er die Arme wie siegestrunken hochwarf. »Ich habe so inständig dafür gebetet, dass dieser Zeitpunkt kommt. Zehn Jahre, Abu, zehn Jahre ist es her, dass wir diese Reise antraten, doch Allah hat uns endlich ankommen lassen!«

»Das hat er, kleiner Bruder«, erwiderte Baktayew. »Bald wird er mir auch den Kopf meines Gegners schenken, und dann will ich in dessen Blut baden.« Er ballte die Fäuste, als könnte er vor Hass kaum an sich halten. Während sich seine Fingergelenke weiß unter der Haut abzeichneten, fuhr er fort: »Bald ist der Mörder meines Bruders tot, dieses verachtenswerte jüdische Schwein Abidan Kafni, und Allahs Rache wird mein sein.«

Kasparow nickte zustimmend. »Er kann es vollbringen, dieser Scheich Kahraman, ja? Hat er alles in die Wege geleitet? Hat er eingefädelt, dass dir die Mörder von Vadim und Deni in die Hände fallen?«

»Nur Kafni, er war der Leiter der Operationen gegen meine Brüder. Seine Handlanger mögen geschossen haben, doch er befahl es ihnen.«

»Ehre sei Allah, auf dass wir ihr Blut kosten.«

Plötzlich schrillte der Klingelton eines Telefons durch die geräumige Werkstatt und störte das Wiedersehen der beiden. Baktayew ging zu einer Arbeitsbank, auf der Werkzeuge herumlagen, und blickte auf einen schmierigen Hörer, der bei jedem Läuten auf seiner Gabel zitterte. Es geschah noch dreimal, dann blieb das Gerät still. Sekunden später begann das Schrillen jedoch wieder. Baktayew hob ab und meldete sich: »Schweißerei Broughman?«

Am anderen Ende fragte eine verfremdete Stimme: »Ist das die große blaue Schweißerei?«

»Nein, wir sind die große rote Schweißerei.«

»Alles klar«, erwiderte sein elektronisch klingender Gesprächspartner. Es war Levent Kahraman, der nun nach Austausch der Codewörter weitersprach: »Alles ist bereit. Ihr werdet eure Produkte heute Abend am Anwesen des Präsidenten abliefern. Simon und Peter warten dort auf euch.«

»Sehr gut, ich weiß Ihre Arbeit zu schätzen.« Baktayew legte zufrieden lächelnd auf. Wie er wusste, stand der Ausdruck »Anwesen des Präsidenten« für eine Villa in der Nähe des Ruhesitzes von Thomas Jefferson, dem dritten Präsidenten der Vereinigten Staaten, wohingegen sich »Simon und Peter« auf Kafni sowie seinen Sicherheitschef Levi Levitt bezog. Der Tschetschene drehte sich zu seinem Gefährten um, der ihn verwundert ansah.

»Lass es alle wissen: Abidan Kafni stirbt heute Abend.«

Kapitel 4

15:16 Uhr, Eastern Standard Time – Freitag, auf Route 460 in Richtung Osten, Lynchburg, Virginia

Das Licht der Sonne, die nun am späten Nachmittag sank, reflektierte im Spiegel an der Beifahrertür, weshalb Declan mit zusammengekniffenen Augen auf den vierspurigen Highway schauen musste. Auf seiner Fahrt über die Route 460 gen Osten nach Lynchburg war der weite Campus der Liberty-Universität gerade in Sicht gekommen. Er nahm beide Seiten der Schnellstraße ein und erweckte den Eindruck einer ewigen Baustelle, um mit den ansteigenden Studentenzahlen schrittzuhalten. In der Ferne stand ein brandneues Gebäude, das über einen langen Parkplatz und eine Reihe moderner Unterkünfte mit dem Hauptgelände verbunden war. Die Architektur des C.H. Barton Centers für Internationale Beziehungen und Politik sollte ein maßstäblich größeres Modell von Thomas Jeffersons Landgut Monticello sein, das ein paar Meilen südwestlich von Lynchburg lag. In wenigen Stunden würden Declan und Constance neben 300 weiteren geladenen Gästen der großen Eröffnung des neuen Komplexes beiwohnen.

»Also wirklich, ich begreife nicht, warum du dich mit dem Kerl herumschlägst«, sagte Constance, die den Sportwagen vom Modell Nissan Z fuhr.

»Er ist gar nicht so übel«, entgegnete Declan und lachte kurz auf. Sie meinte Brendan Regan, einen Angestellten bei DCM Properties, den ihr Gatte seit fast 15 Jahren kannte. Ihn als flegelhaft zu bezeichnen wäre untertrieben gewesen, und Declan fragte sich bisweilen selbst, weshalb er sich die Launen des Mannes bieten ließ. Letztlich, so schätzte er, lief es darauf hinaus, dass er ihm leidtat.

»Gar nicht so übel? Er ist völlig unausstehlich und verursacht mehr Probleme als irgendjemand anderes, der für dich arbeitet, ganz zu schweigen davon, dass er jedes Mal, wenn ich anwesend bin, nichts weiter tut, als auf meine Brüste zu starren. Igitt.«

»Na ja, das tue ich auch nicht gerade selten.«

»Ach du!«, stöhnte sie und schlug scherzhaft mit dem Handrücken gegen seine Schulter, wobei sie verstohlen schmunzelte.

»Autsch«, tönte er theatralisch. »Gestern Nacht haben sie gewackelt, das war ziemlich unterhaltsam.«

»Hör auf jetzt!«, gab sie zurück und hielt sich eine Hand vor den Mund, damit er sie nicht bis über beide Ohren grinsen sah.

Declan verzog ebenfalls seine Mundwinkel, bevor er schallend loslachte.

»Hier links ab auf die 501«, bemerkte er mit einem Wink über den Schalthebel, um die Richtung anzuzeigen.

»Ich weiß, wo links ist«, entgegnete sie sarkastisch.

»Wollt nur sichergehen, du bist ja Republikanerin.«

Sie setzte den Blinker und lenkte langsam auf die Linksabbiegespur. »Wie weit ist es noch?«

»Ganz in der Nähe. Bleib auf der Candler's Mountain Road bis zur Edgewood Avenue, dort biegst du links ein.«

Nach wenigen Minuten hielt Constance vor einem Farmhaus aus gelben Ziegelsteinen mit blassbraunem Dach und zerschlagenen Fensterscheiben an. Zwei geländetaugliche Autos, auf deren weißem Lack sich das rotblaue Logo von DCM Properties deutlich abhob, standen ebenfalls davor. In der Einfahrt parkte ein Ford Escape mit dem Wappen der Stadtverwaltung an der Tür und einem grauen Schriftzug am unteren Rand, der den Motor als Hybriden auswies. In der Straße befanden sich überwiegend Wohnhäuser, doch den ersten Block dominierten allmählich Gewerbe, weil die Gegend rasant erschlossen wurde.

»Also gut, dann wollen wir mal sehen, was uns Regan diesmal eingebrockt hat«, sagte Declan beim Öffnen der Beifahrertür und stieg aus.

»Ja, wollen wir«, wiederholte Constance mit zusammengebissenen Zähnen.

Sie gingen über einen Streifen Wiese, der als Vorgarten herhielt, und gerade als sie die Tür erreichten, trat ein großer Schwarzer im weißen Overall heraus.

Es war Poindexter Perry. »Hey, Boss.«

»Hallo Dex«, grüßte Declan zurück und betrat den überdachten Vorbau.

Hinter dem Schwarzen fluchte auf einmal eine Stimme mit Bostoner Akzent. »Ich bat ihn eigentlich, es diesmal lockerer angehen zu lassen«, versetzte Perry in seinem tiefen Bariton.

»Schau dich doch mal ein wenig mit Dex hier um, während ich das kläre, ja?«, legte Duncan Constance nahe. »In den Hinterzimmern könnte wirklich mal eine Frau Hand anlegen.«

»Wie geht's, Ma'am?«, fragte Dex und fasste sich an den Schirm seiner weißen Malermütze.

»Gut, Dex, danke der Nachfrage. Was treiben Sherri und die Mädchen?« Declan hörte ihre Worte hinter sich, als er zur Kellertreppe ging.

Das Interieur sah aus, als sei es in zwei getrennte Wohnungen aufgeteilt. Die Schlafzimmer und das Bad links neben dem Treppenhaus, das in der Mitte des einstöckigen Gebäudes nach unten führte, waren komplett renoviert worden; neuer Teppich- beziehungsweise Fliesenboden, ein frischer Anstrich und Einbauelemente. Auf der rechten Seite, in Küche und Wohnbereich, lagen nur Holzbohlen, überstehendes Stützgebälk und lose Gipskartonplatten mit einer dicken Schicht Baustaub darauf. Die Immobilie war wie alle, derer sich DCM annahm, nach einer Zwangsvollstreckung gekauft worden und wurde jetzt zu einem gewerblichen Büro ausgebaut, um es zu verpachten.

»Hey, hören Sie mir zu«, verlangte die laute Stimme im Keller. »Verstehen Sie, was ich sage? Ich werde kein ganzes Schaltbrett nur wegen etwas Rost auswechseln. Hier ist es nicht feucht. Sehen Sie irgendwo Wasserflecken?«

Declan schüttelte den Kopf und ging die Treppe hinunter. Das alte Holz knarrte unter seinem Gewicht, und als er am Boden ankam, schauten die beiden Männer in dem unfertigen, muffigen Raum zu ihm auf. Vor einem geöffneten Stromverteilerkasten stand Brendan Regan, ein übergewichtiger Mann mit zerzaust buschigem Blondschopf und einem Bierbauch, der über seinen Gürtel hing, sowie einem ratlosen Gesichtsausdruck, der an einen dicken Jungen in einer Eisdiele mit unmöglich breiter Auswahl erinnerte. Er war ungefähr so groß wie Declan und wirkte imposant gegen den Gebäudeinspektor vor ihm, einen untersetzten Kerl mit blauem Jeanshemd, zurückgehendem grauen Haar und zottigem Schnurrbart.

»Hi, ich bin Declan McIver, Inhaber von DCM Properties«, sagte Declan mit ausgestreckter Hand.

»Howard Terry, Mr. McIver, vom Amt für Landschaftsbau- und Stadtplanung Lynchburg.« Die beiden schüttelten Hände. »Ihr Angestellter hier teilte mir gerade mit, Sie würden nicht vorsehen, die elektrischen Leitungen dieses Hauses zu erneuern, aber ich fürchte, die Kommune wird auf einer Instandsetzung bestehen müssen, bevor sie eine Gebäudenutzungserlaubnis ausstellt.«

»Ich bin noch nicht dazu gekommen, mir die Leitungen anzusehen. Wir haben erst vor ein paar Wochen mit diesem Projekt begonnen. Wo liegt das Problem?«

»Na, dieser Bürohengst hier behauptet, das ganze Teil müsse raus, weil es verrostet ist«, erklärte Regan barsch. »Der einzige Rost, den ich aber sehe, ist dieser Fleck hier, nicht größer als eine Vierteldollarmünze. Schau nur, den kann man abkratzen.«

»Lass gut sein, Brendan«, lenkte Declan ein. »Wir alle hier sind vom Fach.«

»Vom Fach? Von wegen! Der Typ hat keinen Plan.«

»Das reicht jetzt. Mr. Terry arbeitet für die Stadt, und falls wir unsere Geschäftsbeziehungen nach Lynchburg ausweiten wollen, müssen wir uns seine Worte zu Herzen nehmen. Warum wartest du nicht oben, während ich das hier erledige?«

»Gut, du kriechst gern in Ärsche? Dann mach«, grummelte Regan, bevor er sich zwischen Declan und dem Inspektor durchdrängelte. Auf dem Weg zur Treppe murrte er: »Blöder Paragrafenreiter, Sesselfurzer.«

Declan sah zu Terry, während Regan hinaufging. Der Mann schaute ihm mit abschätzigem Blick hinterher.

Dann kehrte sich der Inspektor wieder Declan zu, der sogleich ein Lächeln bemühte. »Ich versuche schon, seit er 30 ist, ihm Manieren beizubringen«, entschuldigte er das Verhalten seines Angestellten, bevor er sich nach vorne beugte, um das Schaltbrett genauer zu betrachten. Mit einem Multifunktionswerkzeug, das er aus seiner Gesäßtasche zog, löste er die Blende der Anschlussdose am unteren Teil des Kastens. Aus dem Inneren ergoss sich rostbraune Flüssigkeit auf den Boden.

»Da haben wir das Problem, Mr. Terry: Grundwasser«, sagte Declan, schloss eine Hand um ein Bündel schludrig isolierter Drähte und zog es heraus. »Wir verlegen einen neuen, wasserdichten Kabelkanal und setzen eine Dose nach NEMA-4-Standard ein. Das genügt doch für eine Nutzungserlaubnis, oder?«

Terry nickte. »Ja, das genügt.«

»Vielen Dank, Sir.« Declan richtete sich auf und gab dem Inspektor wieder die Hand. »Nehmen Sie eine Visitenkarte von mir mit. Darauf steht meine Mobilnummer für den Fall, dass Sie weitere Mängel feststellen.«

Terry steckte sie ein und nahm eine eigene aus seiner Tasche. »Ich komme wieder, um eine letzte Untersuchung durchzuführen, wenn Sie mit der Renovierung fertig sind«, sagte er und reichte Declan die Karte.

Der nickte und folgte ihm die Kellertreppe hinauf. Nachdem der Mann das Haus verlassen und die Eingangstür hinter sich zugezogen hatte, drehte sich Declan um und schaute in die Küche. Constance saß unbequem auf einem umgedrehten Fünf-Gallonen-Eimer, während Regan und Dex neben ihr standen, wobei Regan dämlich grinste, weil er sich bemühte, in ihren Ausschnitt zu schauen. Declan musste auch lächeln, als sie den Dicken mit einem genervten Blick abstrafte und ihre Jacke zusammenzog.

»Du bist also fertig?«, fragte er.

Constance sprang auf und antwortete: »Ja doch, auf jeden Fall.«

»Dex, gute Arbeit, Mann«, lobte Declan, während er seiner Frau die Tür aufhielt. »Ich schau am Montag noch mal vorbei, um euch auf der Terrasse hinterm Haus zu helfen. Regan, du gibst dir in der Zwischenzeit Mühe, uns nicht die ganze Stadtverwaltung auf den Hals zu hetzen, ja?«

Der Angesprochene brummelte noch irgendetwas, als Declan die Tür schloss.

Vor dem Haus ließ sich Constance ein »Bist gefeuert« von den Lippen ablesen.

Declan lächelte sie an. »Er arbeitet für ein geringes Gehalt«, sagte er, schlang einen Arm um ihren Oberkörper und führte sie zurück zum Wagen. »Fahren wir zum Hotel und checken ein.«

Kapitel 5

18:02 Uhr, Eastern Standard Time – Freitag, C.H. Barton Center – Liberty-Universität, Lynchburg, Virginia

Gegen sechs Uhr am Abend hatte leichter Regen eingesetzt. Als sie zum Campus zurückkamen, folgte Declan den Anweisungen der Parkhelfer mit den orangefarbenen Westen und stellte den Sportwagen seiner Frau auf einem zugewiesenen Platz ab.

Beim Aussteigen schaute er über die Candler's Mountain Road nach Süden. Man betrieb einen erheblichen Sicherheitsaufwand, gerade wie er es erwartet hatte. Weiße Geländewagen mit blinkenden LEDs blockierten Zufahrten und Männer in marineblauen Uniformen, an deren Gürteln gut sichtbar Glock-Pistolen vom Kaliber .40 hingen, standen am Bordstein der Bürgersteige. Nachdem er die Beifahrertür geöffnet hatte, wartete er, bis seine Frau ausgestiegen war.

Aus der Ferne hörte man die empörten Rufe einer Gruppe Demonstranten, die auf einem Gehweg direkt vor dem Universitätsgelände ausharrten, wo eintreffende Gäste sie allerdings nicht übersehen konnten. Manche Dinge änderten sich nie … Abidan Kafni geriet wie viele andere, die lautstark für Amerika und Israel eintraten, ständig ins Kreuzfeuer der Kritik. Man winkte provokant mit Schildern, auf denen Sprüche wie ›für ein freies Palästina‹ oder ›Besatzung ist ein Verbrechen‹ prangten, und stimmte Sprechgesänge an, ein lautes »Stoppt die israelische Aggression« gegen jeden, der sich dem Pulk bis auf 50 Yards näherte.

»Reist Kafni immer mit so viel Geleitschutz?«, fragte Constance, während sie zwischen geparkten Autos zum Haupteingang gelotst wurden.

»Nein, ich glaube nicht – jedenfalls bisher nie. Abgesehen von ihm sind heute Abend ja noch viele andere Gäste da: Senatoren, Kongressabgeordnete und wahrscheinlich auch einige Botschafter. Sehen und gesehen werden.«

»Dass du aber auch immer so ein Pessimist sein musst«, mäkelte sie und verdrehte die Augen.

»Ich ziehe den Begriff ›Realist‹ vor, wenn es um Politiker geht.«

Zwischen dem neuen C.H. Barton Center und dem Hauptcampus verlief die Route 460 vierspurig. Eingebettet im Hang des Liberty Mountain unter dem riesigen Universitätslogo am Berg gab es ein beeindruckendes Bild ab. Das Barton Center – so würden Studentenschaft und Fakultät es wohl verkürzt nennen – war ein ambitioniertes Architekturprojekt. Die Hochschule, die sich nie vor Herausforderungen scheute, hatte es wie erwähnt Thomas Jeffersons einstigem Ruhesitz nachempfunden, nur in einem größeren Maßstab.

Es handelte sich um ein achteckiges, dreistöckiges Bauwerk mit je zwei raumhohen Fenstern pro Seite auf allen Ebenen. Das Gebäude verfügte wie Monticello, die Plantage des früheren Präsidenten, an Vorder- und Hintereingang über je einen weißen Portikus mit Giebeldach, das von vier Marmorsäulen gestützt wurde, während sich an der Ostseite – genau dort, wo auf dem ursprünglichen Anwesen die Bediensteten untergebracht waren – eine lang gezogene, einstöckige Halle anschloss. Am Fuß der Treppe zum Vorbau lag ein kreisrunder Platz, umgeben von einer Hecke, der mit Pflastersteinen ausgelegt an eine Haltestelle für Kutschen erinnerte. In der Mitte ragte ein stattlicher Thomas Jefferson aus Bronze auf, der einen Federkiel und eine Abschrift der Unabhängigkeitserklärung in den Händen hielt. Sein sanfter, aber wissender Blick zeugte von der Ernsthaftigkeit dessen, was er 236 Jahre zuvor auf den Weg gebracht hatte.

Nachdem sie über den Platz zum unteren Treppenabsatz gegangen waren, betraten Declan und Constance ein Zelt, das als abgeschlossener Empfangsbereich fungierte. Mehrere Limousinen entließen ihre Smoking tragenden Insassen, die in den Vorbau eilten, als kämen sie zu spät zu einem wichtigen Treffen.

»Siehst du, was ich meine?«, fragte Declan trocken, während sie auf das Sicherheitspersonal zugingen und einer jener piekfeinen Herren an ihnen vorbeilief, ohne noch einen Blick zurückzuwerfen.

»Ihr Name, bitte«, verlangte ein Wachmann an einem grauen, quadratischen Tischchen.

»Declan und Constance Mc–«

»Ich sagte Name, nicht Namen. Vorausgesetzt, sie ist nicht stumm, darf sie gleich für sich selbst sprechen.«

»Offensichtlich hat sich der Umgangston im Lauf der Jahre nicht großartig geändert«, brummte Declan, ehe er sich laut und deutlich vorstellte: »Declan McIver.«

Der Wachmann hakte ihn mit einem Kugelschreiber auf seiner Liste ab und verwies an zwei seiner Kollegen, die an der untersten Treppenstufe standen. »Wenn Sie bitte Ihre Jacke ausziehen, die Beine spreizen und die Arme von sich strecken würden, Sir«, sagte einer der beiden, als sich Declan an ihn richtete.

Er streifte sein Oberteil ab und reichte es dem Mann, der es abklopfte und in den Taschen kramte. Unterdessen suchte der zweite Wächter seinen Körper mit einem Metalldetektor ab. Während er die Prozedur über sich ergehen ließ, fasste er seine Umgebung ins Auge. In dem Zelt hielten sich abgesehen von dem Mann am Tisch, der die Gästeliste abglich, und den beiden, die gerade mit Declan beschäftigt waren, mehrere junge Männer mit schwarzen Regenponchos auf, die Autos herein- und hinauswinkten sowie Türen aufhielten, damit die Gäste aussteigen konnten. Neben dem Unterstand parkte schräg ein weißer Ford Crown Victoria mit neutral weißen LED-Signallampen auf dem Dach und dem Hinweis ›Security‹ in leuchtend roten Buchstaben an einer Seite.

»Sie dürfen weitergehen, Sir«, erlaubte der Wächter mit dem Metalldetektor und baute sich vor Constance auf, die ihren Namen tatsächlich selbst hatte nennen können und nun an der Reihe war. Declan blieb stehen, weil er seine Jacke zurückhaben wollte, doch der Verantwortliche überließ sie stattdessen einer Frau, die ebenfalls einen schwarzen Regenponcho trug. Sie schrieb eine Zahl auf eine Abrisskarte, durchtrennte diese in der Mitte und steckte eine Hälfte an einen Kleiderbügel, mit dem Sie die Jacke aufhängte.

»Gut darauf aufpassen«, mahnte Declan, als sie ihm die andere Hälfte gab. »Ich trage diese Jacke gerne.«

Die Frau lächelte kurz oberflächlich, bevor ihr der Wachmann den Mantel von Constance hinhielt, die sich dann ihrem Gatten anschloss. »Komm schon«, drängte sie. »Lass diese Leute ihre Arbeit machen.«

»Was denn?«, fragte er, als sie seinen Arm nahm und ihn die Treppe hinaufführte. »Ich zieh das Ding echt gerne an.«

Am Eingang waren zwei weitere Wächter postiert, und zwar jeweils seitlich der offenen Eichentür. Ein kleiner Mann mit einem Dreiteiler aus Tweed stand neben ihnen und blickte freundlich drein. Als die McIvers näherkamen, streckte er eine Hand aus.

»Ich freue mich, Sie zu sehen, Declan«, begann er mit semitischem Akzent. »Verzeihen Sie all die Unannehmlichkeiten.«

Declan drückte fest seine Hand und erwiderte: »Schätze, ich hätte Abes Angebot annehmen sollen, was den Chauffeur angeht.« Gerade stieg ein älterer Gentleman aus einem Lincoln und huschte an den Sicherheitsleuten vorbei. »Ich freue mich auch, Sie zu sehen, Levi. Das ist meine Ehefrau Constance.«

»Hi«, sagte sie mit einem Lächeln, während Levi ihre Hand nahm und küsste.

»Ich würde gern etwas auf Französisch sagen«, erwiderte der Israeli, »aber mir fällt im Augenblick nichts ein.«

Da lachte sie verlegen.

»Constance, das ist Levi Levitt, Dr. Abidan Kafnis oberster Leibwächter.«

»Außerdem sein persönlicher Assistent, Laufbursche und dieser Tage auch alles andere«, ergänzte Levitt heiter. »Manchmal ist mir, als sei ich zu alt für diese Tätigkeit.«

»Ich wette, Ihr Reisepensum ist anstrengend«, sagte Constance.

»Oy, das können Sie sich gar nicht vorstellen. Ich kenne meine E-Mail-Adresse, vergesse aber beinahe schon, wie meine Postadresse lautet. Nun denn, wenn Sie beide mir bitte folgen würden; ich führe Sie durch den Saal zu Dr. Kafni. Er ist hoch erfreut, dass Sie beschlossen haben, an der Veranstaltung teilzunehmen.«

Levitt wandte sich um und ging an den Wachen vorbei durch die Flügeltür. Er mochte nicht der Größte sein, glich dies aber mit einem breiten Oberkörper aus. Declan wusste, irgendwo in dem akademisch gebildeten Männlein in Tweed mit struppigem, grauen Bart und dickem Brillengestell steckte wie in seinem Arbeitgeber Dr. Kafni ein ehemaliger Agent des Mossad.

Schließlich nahm er seine Frau bei der Hand und ging langsam in den gefüllten Saal.

Man hatte jegliche Einrichtungsgegenstände aus dem Erdgeschoss des Barton Centers entfernt, mit welchen es ausgestattet sein würde, wenn es nach der Einführung der neuen Studiengänge an der Universität in Gebrauch kam. An den acht umgebenden Wänden hingen hinter einem Absperrband aus blauem Samt, das zwischen bronzefarbenen Stempeln gespannt war, Gemälde mit Szenen aus Thomas Jeffersons Amtszeit als Diplomat in Frankreich und als Staatssekretär. Auf dem Fußboden aus dunklem Mahagoni standen im gleichen Abstand zueinander 25 runde Esstische, jeder mit dunkelblauer Decke und einem so großen Umfang, dass zwölf Gäste daran Platz fanden.

Das Gemurmel im Saal war ohrenbetäubend. Wie ein Crescendo sich paarender Heuschrecken buhlten vier- oder fünfköpfige Trauben von Politikern, ihren Beratern, Journalisten und solchen, die zu den Herrschenden emporsteigen wollten, lautstark um Aufmerksamkeit. Declan erkannte auf der Stelle mehrere Gäste aus diversen Nachrichten- und Postwurfsendungen wieder, die seinen Briefkasten während der letzten Wahlen verstopft hatten. Quälend langsam wie Schnecken, die obendrein durch Sirup krochen, gingen sie an den Tischen vorbei zu einer Bühne, die mit den Nationalflaggen verschiedener Staaten geschmückt war. Mitten darauf stand ein ansehnliches Rednerpult mit dem Universitätswappen.

»Osman und Nazari machen einen Rundgang durchs Gebäude. Sie stoßen später zu uns«, bemerkte Levitt mit Bezug auf zwei andere Leibwächter, mit denen Declan während seiner Zeit in Kafnis Dienst eng zusammengearbeitet hatte.

»Großartig«, sagte er, während sie der Bühne näherkamen.