ADS - das kreative Chaos - Walter Beerwerth - ebook

ADS - das kreative Chaos ebook

Walter Beerwerth

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Opis

Konzentrationsprobleme, Unruhe, Impulsivität, emotionale Störungen und Stressintoleranz sind häufige Symptome der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Wie lebt man mit ADS? Wie denkt und fühlt man? Walter Beerwerth, Arzt und Betroffener schreibt über den Hunger, den Schmerz, das Glück, die Verliebtheit, die Angst, die Lust, auch das Mobbing und den Ärger von Betroffenen und schließlich über gescheiterte Therapien und mögliche Wege.

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Walter Beerwerth

ADS – das kreative CHAOS

Impressum

Titel der Originalausgabe: ADS – das kreative Chaos

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2012

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2015

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: Verlag Herder

Umschlagmotiv: © corbis.

Foto Walter Beerwerth: © privat

E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (E-Book): 978-3-451-80443-4

ISBN (Buch): 978-3-451-06387-9

Inhalt

Vorwort

1. Die Geschichte der Diagnose »Aufmerksamkeitsstörung«

Dr. Hoffmanns Zeit

Schultafeln und rauchende Schlote

Der Struwwelpeter

Einige Kinder neigen dazu, »schlechte Nerven« zu haben

Nun wird eine Gehirnstörung gefunden

Der Computer als Hebamme der Krankheit ADS

Was ist ADS?

Wer bekommt ADS?

Viele Gene – viele Varianten

Schau auf die Vorfahren!

Immer gleich und immer anders

Es scheint zu kommen und zu gehen

Was ist mit den Emotionen?

Was ist mit der Aufmerksamkeit?

Wie ist solch ein Mensch »organisiert«?

Was bedeutet Kreativität?

Was heißt »Reifungsverzögerung«?

Ist ADS eine Krankheit?

Macht ADS krank?

Kann man ADS heilen?

Kann man ADS lindern?

2. Was ist bei ADS anders?

Ob früher der richtige Blick fehlte?

Was ist eine geeignete Lupe?

ADS entzieht sich den Ärzten, weniger den Biographen

Auch eine »Krankheit« kann eine Gestalt haben

Wo finden Sie heute Menschen mit ADS?

Spezialisten haben viele Erkenntnisse gesammelt

3. Wie denkt es sich mit ADS?

Beratungsbüro McKinsey

Gedankenkreiseln

Herumtoben

Begeisterung

Multitasking

4. Wer denkt, dass er denkt…

Hyperaktive Gefühle

Hyperfokussierung auf Gefühle statt Chaos?

Zeichen tief greifender Veränderungen im Zusammenspiel von Gehirn und Körper

Was geschieht, wenn das ADS mit Tabletten ausgeschaltet wird?

5. Der Hunger

6. Der Schmerz

Herr Z. funktioniert durch Schmerz

7. Das Glück

8. Die Verliebtheit

Verhaltensbiologie

Nüsse knacken

9. Die Angst

Die Angst des Kindes macht die Mutter verrückt

Eine Studie zu ADS und Angst

Warum Angst?

Wer hat ADS und deshalb keine Angst?

Angst macht Wut

Angst verleiht Flügel

Der Angst auf die Spur kommen

Ein echtes Fallbeispiel

10. Die Lust

Sex und Gewalt

Sex tut gut

Allerdings …

Sex und Partnerschaft

11. Das Mobbing

Tägliche »Vorspiele«

Die dunkle Seite der Solidarität

Zu wenig Aggression ist das Hauptproblem

Patient P.

Patient R.

Was könnte helfen?

Lebensumstände

Medikamente

Sport

Was hat geholfen?

12. Der Krieg

Was hat ein Soldat mit einem Mörder gemein?

Bild

Bild

Bild

13. Der Zorn der Götter

Die starken Götter der Germanen

In Hollywood leben sie noch

Im Kalender stehen sie auch

Was früher angesehen war, ist heute verpönt

14. Der Ärger

Der ganz normale Wahnsinn macht sauer

Jetzt erst recht!

Lohn und Preis der Wut

15. Die Trauer

Wozu trauern?

Was geschieht im Gehirn bei Depressionen?

Gemeinsamkeiten von ADS und Depression

Sekundentraurigkeit

Was ist anders als bei einer Depression?

Überlegungen zur Diagnostik und Therapie depressiver Menschen mit ADS

16. Die gescheiterte Therapie

These 1: Die Unterordnung unter den Therapeuten ist unerträglich

These 2: Ohne Erinnerung ist Vergangenheitsbewältigung schwierig

These 3: Man kann über Gefühle nur reden, wenn man sie unterscheidet

These 4: Sich »hineinsteigern« macht Patienten und Therapeuten blind und taub

These 5: Die Aufmerksamkeitsstörung macht eine Therapie unmöglich

These 6: ADS an sich ist nicht zu beheben

These 7: Therapie – und dann?

These 8: Die Diagnose ist oft »ungeeignet«

Zu den Fallbeispielen

17. Das therapeutische »Kochbuch«

1. Bei »depressiven« Patienten nach ADS suchen

Ein kleiner Fragenkatalog

Beobachtung der Motorik

Steuerung der Aufmerksamkeit nach dem »Alles-oder-nichts-Prinzip«?

Steuerung der Impulsivität nach dem »Alles oder Nichts Prinzip«?

Suche nach dem Kick?

Zwei wichtige Regeln!

2. Suchen, was hinter der »Depression« liegt

Ein Persönlichkeitsstörung zu vermuten, hilft nicht weiter

3. Versuche, die Stärken zu finden

Gute Diagnostik ist die Basis des Coachings

4. Zwischen Kernsymptomatik und Folgen unterscheiden

Was tun?

Das Vier-Säulen-Modell des ADS

5. Die Diagnostik des Körpers weiter in den Vordergrund rücken

Sportfähigkeit

Vorbereitung der Medikation

Gefahr des Aufschaukelns von Stresserkrankungen

Differentialdiagnosen

6. Die Behandlung mit Medikamenten muss maßgeschneidert sein

Diagnostische Fragen vor der Medikation

Es braucht Geduld

7. Die Behandlung muss rhythmisiert werden

Rhythmisierung umsetzen

8. Priorität der Wissensvermittlung

9. Coaching muss eine zentrale Stelle einnehmen

Ein Partner ist nötig

Arbeiten auf Gegenseitigkeit

10. Körperliche Betätigung ernst nehmen

11. Einen offenen und freien Umgang pflegen

12. Geeignete Umgebungsbedingungen schaffen

Literatur

Danke

Vorwort

Liebe Leserin, lieber Leser,

ADS hat mein Leben im Guten wie im Bösen bestimmt. Menschen, die mich mögen, empfinden mich als anstrengend, andere als unerträglich. Denen, die mich mögen, verdanke ich Vieles. Oft habe ich es nicht gedankt. Wer mich liebt, hat mit mir eine schwere Bürde zu tragen. Ich denke da besonders an meine Mutter und an meine Frau.

Eine langjährige Tätigkeit als Oberarzt in unterschiedlichen Röntgenabteilungen endete in der Katastrophe. Nach dem Zusammenbruch kam die Diagnose des ADS.

Was mich seither notdürftig zusammen hält, ist Tag für Tag dasselbe: pünktliches Aufstehen, regelmäßige Mahlzeiten, eine Stunde Kopfarbeit, Mittagsruhe, zwei Stunden Sport, Sonnenlicht, viel Familie, abends zeitig im Bett liegen. Das wird durch die Selbsthilfegruppe ergänzt.

Der täglichen Stunde Kopfarbeit nach dem Frühstück ist dieses Buch entsprungen. Der Beruf hat mich geprägt. Fachübergreifendes Arbeiten, analytisches Denken und Patientengespräche machten meinen Alltag aus. So bin ich an das nötige Handwerkszeug gekommen. Die Teilnahme an der Selbsthilfegruppe allein hätte nicht genügt.

Ich hoffe, liebe Leserin, lieber Leser, Sie haben ein wenig Freude an dem Ergebnis. Es ist keineswegs nötig, alles der Reihe nach zu lesen. Stöbern Sie ruhig. Wenn Sie ADS haben sollten, wird Ihnen das entgegen kommen. Auch die Sprache ist deshalb so locker wie möglich.

Walter Beerwerth

1. Die Geschichte der Diagnose »Aufmerksamkeitsstörung«

Im ersten Kapitel wird zusammengefasst, was die Lehrmeinung über das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ist und wie es zu ihr kam.

Das, was wir allgemein etwas ungenau als »Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom mit und ohne Hyperaktivität« bezeichnen, kurz »AD(H)S«, ist angeboren. Es wird vererbt. Wenn Sie so wollen, ist es eine Erbkrankheit oder eine von Generation zu Generation weitergegebene Eigenschaft. Bei Zuckerkrankheit zum Beispiel ist es ebenso. Sie hat es immer schon gegeben, wurde früher aber nur selten festgestellt. Diese ererbte Krankheit ist erst heute durch geänderte Lebensbedingungen zum massenhaften Problem geworden. Wir nennen das »Zivilisationskrankheit«. Genauso hat es immer schon ADS gegeben. Aber erst durch die industrielle Revolution haben sich unsere Lebensbedingungen so geändert, dass eine »Massenerkrankung« entstehen konnte. Aus einer ursprünglich günstigen, zumindest nicht nachteiligen Erbanlage wurde ein echtes Problem. Für die Verbreitung der Zuckerkrankheit waren die gute Ernährung und das zunehmende Alter der Bevölkerung die verantwortlichen Faktoren. Für ADS, die Veranlagung zum Chaos, sind es andere Faktoren. In der Literatur wird allgemein der Zappelphilipp aus dem Kinderbuch »Der Struwwelpeter« des Arztes Dr. Heinrich Hoffmann als Symbolfigur für den Beginn der »Krankheit« ADS gesehen. Wie kann das sein: Eine immer schon vorhandene Erbanlage wird im Jahre 1845 auf einmal auffällig? Betreiben wir etwas Kulturgeschichte, und wir werden die Zivilisationskrankheit ADS verstehen lernen.

Dr. Hoffmanns Zeit

Versetzen wir uns in diese Zeit zurück! Die Französische Revolution liegt eine Generation zurück. In Deutschland herrschen zum Verzweifeln engstirnige politische Verhältnisse. In den letzten Jahrzehnten ist das Bürgertum zu einer bedeutenden wirtschaftlichen Kraft in den deutschen Kleinstaaten geworden. Von der Macht ausgeschlossen, demonstrieren die Bürger ihren Status auf andere Weise. »Benimm« ist das Schlagwort. Tatsächlich bedeutet das, sich den Luxus zu leisten, eine Unzahl kleiner und enger gesellschaftlicher Regeln zu erlernen. Das kostet Zeit und Kraft, was sich kein Handwerker (ein Bauer schon gar nicht) leisten kann. Das bedeutet auch eine strenge Abrichtung der Kinder mit einem menschenverachtenden Drill. Sonst sind die vielen der menschlichen Natur nicht entsprechenden Regeln kaum durchzusetzen. »Beim Essen wird nicht gesprochen!« – Ja, wann denn sonst? »Im Beisein Erwachsener hast du zu schweigen, außer du antwortest auf Fragen.« »Auf der Straße darf nicht gespielt werden, das schickt sich nicht.« »In der Wohnung hast du dich ruhig zu verhalten.« Dazu kommt, dass die Kleidung unzweckmäßig gestaltet ist, um den niederen Ständen zeigen zu können: »Unsere Familie kann sich erlauben, sogar unseren Kindern Kleider anzuziehen, in denen niemand arbeiten oder im Schmutz spielen kann!« Dies ist in einer Zeit, in der Kinderarbeit die Regel ist, sicherlich ein wirksames Statussymbol. Leider lassen sich im »vornehmen Rock« keine kindgerecht wilden Spiele machen. Die sind aber ohnehin verboten und fallen nun an der verschmutzten Kleidung auch im Nachhinein auf. Sauberkeit wird zum Selbstzweck: »Ich kann mir im Gegensatz zu 95 % der Bevölkerung eine allzeit fleckfreie Kleidung leisten.« Bedenken wir, es ist eine Zeit der schmutzigen körperlichen Schwerstarbeit. Waschmaschinen gibt es nicht, und Bekleidung ist unverhältnismäßig teuer. Ein Arbeiter oder Knecht hat allzu oft keine Sonntagsjacke neben seiner abgewetzten Arbeitsjoppe. Die Kinder der einfachen Leute gehen sommers barfuß, winters in Holzschuhen. Ihre Kleidung wird mehrfach vererbt, umgearbeitet und geflickt.

Lesenswertes zu England am Vorabend der Industrialisierung finden Sie bei Peter Laslett. In meiner Heimat, der ehemals preußischen Provinz Westfalen, waren die Verhältnisse ähnlich, nachzulesen zum Beispiel in »Westfälische Geschichte« (Herausgeber W. Kohl).

Wenn Sie, liebe Leserin, lieber Leser, nun zur Ansicht gekommen sind, das Bürgertum der Biedermeierzeit habe seinen Kindern ungesunde Verhältnisse geschaffen, will ich nicht widersprechen. Wer unter diesen Verhältnissen auffiel, ist aus heutiger Sicht normaler als die angepassten Personen der Umgebung.

Schultafeln und rauchende Schlote

Das Bürgertum hatte sich in ein knöchernes Korsett von Spielregeln begeben. Politisch ist es die Zeit der Stagnation. Und sonst? Wirtschaftlich und technisch sind wir mitten in der ersten industriellen Revolution: Dampfmaschinen, Eisenbahnen, Webstühle, Kanäle, Bergwerke bisher ungeahnter Dimensionen, fahrplanmäßiger Schiffsverkehr, Hochöfen, neue Stahlherstellungs- und Bearbeitungsmethoden … In England rauchen schon überall die Schornsteine, in Deutschland holt die Industrialisierung Schwung, um in den nächsten Jahrzehnten aufgrund der besseren Schulen auf die Überholspur zu gehen. Der Auftakt zu der Aufholjagd ist die Eröffnung der Köln-Mindener Eisenbahn 1847. An ihr hängt das rheinisch-westfälische Industrierevier bis in die jüngste Vergangenheit wie an einer Nabelschnur. Gleichzeitig beginnt die Bevölkerung zu wachsen. Verbesserte Ackerbaumethoden und die Befreiung der Bauern ermöglichen das. Die Folgen sind allenthalben sichtbar. Lebte bis dahin nur ein winziger Bruchteil der Menschen in Städten, so änderte sich das.

Eine neue Klasse entsteht: Die Schreibtischarbeiter. War bis dahin (den Klerus einmal ausgenommen) kaum jemand mit Feder und Tinte beschäftigt, entsteht nun eine Fülle von Büros. Auf einmal wird es wichtig, dass die Mehrheit der Bevölkerung lesen, schreiben und rechnen kann. Bauern und Handwerker früherer Tage kamen ohne diese Fertigkeiten aus. Landvermesser und Bergwerksingenieure aber müssen trigonometrische Tabellen lesen können. Die Eisenbahn verlangte notwendigerweise eine gewisse Schulbildung. Mag der Fahrgast sich noch durchfragen können, so muss das gesamte Personal in der Lage sein, einen Fahrplan lesen können. Der gestiegene Frachtverkehr lässt sich nur mit einiger Bürokratie wie Frachtpapieren, Laufzetteln und Buchführung bewältigen. Selbst der nun allgemein eingeführte Landbriefträger muss Adressen lesen können.

Ein Meilenstein bei der Vorbereitung der Industrialisierung Deutschlands war die Einführung der allgemeinen Schulpflicht in Preußen im Jahre 1763. Etwas vorzuschreiben und durchzusetzen sind jedoch verschiedene Dinge. Über Jahrzehnte war die Schule ihren Namen nicht wert. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der so genannten Biedermeierzeit, hat der Staat mit Erfolg versucht, aus den unregelmäßig besuchten und schlecht geführten Schulen schlagkräftige Bildungseinrichtungen zu machen. Die preußische Geschichte dieser Zeit liest sich wie eine Geschichte der Schulreform: angemessene Bezahlung der Lehrer, so dass sie davon leben können, Lehrerseminare zur Verbesserung ihrer Qualifikation, Einführung neuer und Verbesserung alter Schulformen, Durchsetzung der Schulpflicht auch auf dem Lande, kleinere Klassen – zuvor kamen in manchen Landesteilen 150 Schüler auf einen Lehrer.

In Deutschland ging der industriellen Revolution eine Bildungsrevolution voraus. Davon zehren wir noch heute. Wer aber waren die Lehrer? Es waren genau die Bürger, die wir im »Struwwelpeter« kennen gelernt haben: Kleinlich bis zum Exzess, verliebt in Regeln, sich stets bewusst, dass sie ihren »Stand« nur mit »Benimm« und »Schicklichkeit« verteidigen können. Auch die Schule kann man vortrefflich benutzen, um seine Exklusivität zu wahren. Das Regelwerk der deutschen Rechtschreibung und die fromme Ehrfurcht, die ihm gegenüber gepflegt wird, ist ein Überbleibsel dieser Zeit.

Einige Schüler fielen auf. Viele davon hatten erfolgreiche, kreative und risikobereite Eltern. Deren Erbanlagen hinderten diese Kinder daran, »lebenswichtige« Dinge wie griechische und lateinische Vokabeln zu lernen. Der Sinn des Lernens von Jahreszahlen der antiken Geschichte erschloss sich ihnen nicht. Sie waren unfähig, dem Lehrer bei solchen Themen aufmerksam zu folgen. Still sitzen zu bleiben, fiel ihnen schwer: Fatal, da dies doch als Selbstzweck angesehen wurde. Wenn der Lehrer ungerecht zu einem ihrer Mitschüler war, meldeten sie sich spontan zu Wort. Ein grober Fehler, bestehen doch Lehrer und Ärzte darauf, zu bestimmen, was »Recht« ist.

In einen unnatürlichen Sozialverband, bestehend aus 30 gleichaltrigen Kindern, konnten sie sich schlecht einfügen. Seit Jahrmillionen leben wir in altersgemischten Gruppen. Nun ist auf einmal die Klassengemeinschaft eingeführt worden. Mit all den Drangsalierungen untereinander stellt sie bis heute ein zentrales »Schulproblem« dar. Die Pädagogen klagen, die Familie hätte versagt. Dieser Unfug ist so oft wiederholt worden, dass ihn mittlerweile auch die Eltern glauben. Durch die nicht »artgerechte Haltung« in der Schule werden Kinder und Jugendliche aus verhaltensbiologischen Gründen zu aggressivem Verhalten und Ausgrenzung Einzelner gezwungen.

Nun, im Biedermeier, fallen Kinder unangenehm auf, die unter anderen Umständen als mindestens normal (wenn nicht als besonders clever) gegolten hätten. Es sind viele darunter, die über besondere Gaben und einen ausgeprägten Charakter verfügen. Die bürgerlichen Elternhäuser arbeiten mit den Schulen Hand in Hand, mit dem Erfolg, dass sich von Minderwertigkeitskomplexen gequälte Verhaltenskrüppel entwickeln. Der böse Friederich aus dem Struwwelpeter fügt sich gut in dieses Bild ein. Die Schuld wurde (und wird) beim »unartigen« Kind und seiner schlechten Erziehung gesucht. Interessanterweise sind die Eltern durch genau die Spontaneität und Offenheit, die bei ihren Sprösslingen abgestraft wird, befähigt worden, vom Kleinhandwerker oder Bauern zum Bürger aufzusteigen. Wundert es Sie noch, dass Dr. Hoffmann, der Schöpfer des Struwwelpeters, ausgerechnet im ausgehenden Biedermeier und im bürgerlichen Frankfurt so viel von der störenden Seite des ADS gesehen und erlebt hatte? Dass er es vortrefflich beschreiben und sogar malen konnte? Dass es ihm in den verschiedenen, noch von der modernen Jugendpsychiatrie gesehenen Spielarten vertraut war? Dass der Struwwelpeter es, bis in das Mienenspiel seiner Figuren hinein, mit einem modernen Lehrfilm aufnehmen könnte? Woher hatte Dr. Hoffmann diese Beobachtungsgabe und Kreativität? Das sind doch typische Zeichen eines ADS! Und tatsächlich finden sich in seiner Biographie Hinweise auf ein solches.

Der Struwwelpeter

Sehen wir uns einmal dieses berühmte Buch an. Das gesamte Bilderbuch ist ein Vorläufer der heutigen Comics. Es wird von zwei Themen bestimmt: ADS in allen heute bekannten Spielarten zum einen und dem Scheitern der damit behafteten Menschen an der bürgerlichen Gesellschaft zum anderen.

Gleich auf dem Umschlag schaut uns ein Jugendlicher mit beneidenswert vollem Haar mürrisch an. Und lange Fingernägel hat er auch noch. Ein wahrer Bürgerschreck! Ungepflegte Haare und Fingernägel sind auch heute noch störend, wenn wir gesellschaftlich vorankommen wollen. Aber sind sie deshalb erschreckend?

Auf der ersten Seite wird das Buch mit einem Gedicht eingeführt. Wenn die Kinder artig seien, komme das Christkind. Was unter »artig« zu verstehen ist, wird sogleich definiert:

»Suppe essen« (Arbeiter- und Bauernkinder waren mager, Bürger konnten sich »runde« Kinder heranfüttern.)

»ohne Lärm zu machen still sein bei den Siebensachen« (Die meisten Familien konnten sich kein Spielzeug leisten und auch keine engmaschige Beaufsichtigung der Kinder, damit sie still blieben.)

»beim Spazierengehen auf den Gassen von Mama sich führen lassen« (Wer konnte schon ein Kind als Statussymbol herausgeputzt durch die Gassen führen, wie heutzutage die Designerkleidung und das Schoßhündchen auf der Düsseldorfer Kö?)

Es folgt die Geschichte vom bösen Friederich, einem argen Wüterich. Dieser ungeratene Bursche quält Mensch und Tier, entkommt aber der Strafe nicht. Unter Verhältnissen wie sie oben angedeutet sind, die mit einer Fülle von Regeln nur dem Status der Eltern dienen, wird sich so etwas wie eine innere moralische Haltung schwer vermitteln lassen.

Weiter geht es mit einer Warnung vor dem Spiel mit dem Feuer, die immer noch brandaktuell ist.

Danach hat der Nikolas einen Auftritt, der Kinder in das Tintenfass taucht, weil sie einen Mohren auslachen. Ausgrenzung, Mobbing und dergleichen wird Ihnen beim Lesen dieses Buches immer wieder begegnen. Hoffmann – selber teils von ADS beflügelt, teils daran leidend (seine Biographie legt diese Diagnose nahe) – hat als Schulkind sicher Erfahrungen in diese Richtung gemacht. Den Zeigefinger hat er vermutlich aus schmerzhafter eigener Erfahrung erhoben. Auch in dem Buch, das Sie in der Hand halten, scheint es fast, als wolle ich den Nikolas spielen und manche Leute mitsamt der »Lehrmeinung« in das Tintenfass tauchen.

Zu unser aller Freude schießt auf den nächsten Seiten der Hase auf einen trotteligen Jägersmann. Dazu muss man wissen, dass damals die Jagd das Privileg des vom Bürgertum als verdummt angesehenen Adels war.

Dem Daumenlutscher werden danach die Hände verstümmelt. Glücklich, wer sich um Daumenlutschen und Sauberkeit Sorgen machen konnte, statt 16 Stunden am Tag zu arbeiten!

Nun kommt der Suppenkasper an die Reihe, der bei vollem Suppentopf verstirbt. Ein rundes Kind war für das Ansehen der Eltern wichtig, so wie heute ein magerer Mensch geschätzt wird. Wenn der fein gesteuerte Urtrieb des Hungers durch den Verstand beeinflusst wird, kommt dabei nur Unfug heraus! Damit sind wir mitten im Thema der Magersucht als »Zivilisationskrankheit«. Mit ADS besteht ein zusätzlich erhöhtes Risiko für Essstörungen, wie wir noch lernen werden. Eine solche ist, wenn sie als Magersucht auftritt, immer noch lebensbedrohlich.

Endlich begrüßt uns der berühmte Zappelphilipp. Ein mit Tischtuch (damals ein teurer Luxus) gedeckter Tisch, eine schweigende Familie und ein zappelndes Kind. Es kommt, wie es kommen muss: Das Kind, das nicht nur kippelt, sondern auch noch ungeschickt ist, räumt mit dem Tischtuch auch die teure Suppenterrine ab. Der Vater ist erkennbar jähzornig, die Mutter halb resigniert, halb entsetzt. Hiermit sind wir mitten im Thema ADS. Der Vater mit seinem Jähzorn zeigt uns dessen häufige impulsiv aggressive Form. Der Sohn ist das, was wir heute als »hyperaktiv« sowie »in der Motorik gestört« bezeichnen. Sogar auf den Erbgang in dieser Familie können wir zurückschließen. Die Mutter hat es schon mit diesem Mann nicht leicht, noch weniger mit dem Kind. Beide zusammen wirken wie Dynamit.

Es tritt ein Faktor zutage, der aus heutiger Sicht zu den zentralen, oft unlösbaren Umfeldproblemen bei ADS gehört. Als Störung tritt ADS meistens unter bestimmten Bedingungen, unter nicht kindgerechten Umständen auf. Die Angehörigen des Zappelphilipps sind hilflos: Essen ohne Tischwäsche oder gar das Kind in eine angeregte Unterhaltung verwickeln »gehört sich nicht«. Den Buben schon beizeiten zum Spielen zu entlassen und was es an Möglichkeiten mehr gäbe, liegt weit jenseits des Vorstellungsvermögens der Erwachsenen. Als Vater Strategien gegen den eigenen Jähzorn zu entwickeln, wird er als Familienvorstand als unwürdig empfunden haben. Die ganze Situation ist derartig verrückt, dass ich behaupte, der Zappelphilipp ist noch der Normalste in seiner gutbürgerlichen Familie. Schon sind wir mitten in der Diskussion darüber, ob und wer hier wodurch krank ist. Diese Fragen werden wir in diesem Buch immer wieder erörtern.

Wie im Lehrbuch der Psychologie folgt nach dem quirligen Rabauken der aufmerksamkeitsgestörte, aber liebenswerte Hanns Guck-in-die-Luft. Diesem stoßen, weil er träumend auf nichts achtet, einige Unfälle zu. Er gerät auch in Lebensgefahr, als er in das Wasser fällt. Das kennen wir mittlerweile als ADS der verträumten oder unaufmerksamen Art. Diese ist, wie wir heute wissen, ebenso häufig wie die hyperaktive Variante und ebenso gefährlich. Im modernen Straßenverkehr kann es sich keiner leisten, verträumt »daherzuschusseln«.

Beendet wird das Buch mit der Geschichte vom fliegenden Robert. Diesen hält es nicht zu Hause, und er geht bei unschicklich schlechtem Wetter nach draußen. »Unschicklich« ist es, weil nur arme Leute gezwungen waren, auch bei Regen und Wind im Freien zu sein, um ihrem Broterwerb nachzugehen. Der Sturm trägt den jungen Mann mitsamt Regenschirm davon; wohin wissen wir nicht. Und wieder ADS! Viele dieser Leute werden von ihrer Unrast aus dem Paradies der bürgerlichen Enge getrieben. Das gilt für Spaziergänge ebenso wie für ferne Welten. Entdecker, Erfinder und Auswanderer haben überdurchschnittlich häufig diese seltsame Eigenschaft, die wir ADS nennen. Sie sind es, die das Wort »Du sollst Dir die Erde untertan machen« erfüllen, mit den guten wie schlechten Folgen. Wie es dazu kommt, darauf werde ich im Folgenden noch eingehen.

Einige Kinder neigen dazu, »schlechte Nerven« zu haben

Noch ist ADS eine »Unart« einiger Kinder. Noch hat diese »Unart« keinen Namen. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bereitete sich die zweite industrielle Revolution vor, die wir derzeit als »Zeitalter der Information« bezeichnen. Zu den angesprochenen Problemen der bürgerlichen Familie des 19. Jahrhunderts treten nun die Probleme, die durch eine weitere nicht im »biologischen Programm« vorgesehene Form des Zusammenlebens – nämlich das Leben in der Kleinfamilie – entstehen. Impulsiven Menschen wie dem Zappelphilipp geht der ruhende Pol eines »Öhm« (der unverheiratete Onkel auf westfälischen Bauernhöfen), einer Oma oder einer verständnisvollen Hausmagd verloren. Bürgerliche Verhaltensweisen mit all ihren oben beschriebenen Folgen sind zur allgemeinen Norm geworden, ein Ausweichen ist nicht mehr möglich.

Mitten in der hohen Zeit des »Wilhelminischen Zeitalters« findet sich ein Nervenarzt, der dem Kind einen Namen gibt: »Neuropathische Konstitution«. Wenn ich das einmal übersetzen darf, ist es die Neigung, nervenkrank zu werden. Übrigens ist der Begriff näher an der Wirklichkeit als die heute gebräuchliche Definition. Der Namensgeber war Adalbert Cerny. Die Merkmale dieser potenziellen Neuropathen definierte er wie folgt: »Großer Bewegungsdrang, mangelnde Ausdauer im Spiel und bei jeder Beschäftigung, Unfolgsamkeit und mangelhafte Konzentrationsfähigkeit der Aufmerksamkeit beim Unterricht«. Nebenbei bemerkt: Kaiser Wilhelm, der dieser Zeit den Namen gab, war eine tragikomische Gestalt und hatte etwas mit Dr. Hoffmann gemein: Er zeigte als Kind alle Merkmale dieser neuropathischen Konstitution. Auch als Erwachsener hatte er gewisse Eigenheiten…

Nun wird eine Gehirnstörung gefunden

Adalbert Cerny ist lange tot, wir finden uns wieder im Informationszeitalter in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Die Situation verschärft sich durch eine Reizüberflutung, die den empfindsamen Menschen mit neuropathischer Konstitution den »letzten Nerv« raubt. Kraftfahrzeugverkehr, Radio, Fernsehen, bunte Reklame, schrill gekleidete Menschenmassen – insgesamt eine Herausforderung, Eindrücke zu sortieren. Individuen, die so veranlagt sind, dass sie kleinste Bewegungen »reizoffen« wahrnehmen, werden benachteiligt. Sie werden bis zur Erschöpfung überfordert. In der Gruppe der Verlierer stehen wieder der Zappelphilipp und der Hanns Guck-in-die-Luft. Diese Kinder werden zunehmend körperlich und seelisch krank. Aus der »Neigung zu …« ist ein beständiges Problem geworden. Es gibt Kinder, die nicht auf Knopfdruck funktionieren. »Funktionieren« ist im Maschinenzeitalter aber das einzige Kriterium geworden.

»Minimal brain dysfunction« nennt sich das neudeutsch. Als Ursache wurde angenommen, es habe etwas in der Schwangerschaft und Geburt nicht gestimmt und das Gehirn dieses Kindes habe einen Schaden bekommen. Tatsächlich haben viele Mütter von ADS-Kindern soziale Probleme, die sich in der Krise einer Schwangerschaft oft verschlimmern und häufig auch zu körperlichen Beeinträchtigungen führen. Ursache ist die schlechte Anpassung an die sozialen Bedingungen durch ihr ADS – oder das ihrer Partner. Erinnern wir uns: ADS wird vererbt.

Schwangerschaftsprobleme sind als Folge, nicht als Ursache des ADS zu sehen. Diese miteinander zu verwechseln ist bis heute in der Wissenschaft nicht selten. Hierbei handelt es sich um einen häufigen Fehler im Umgang mit Statistiken. Derzeit erleben wir denselben Unfug bei der Diskussion, ob das Rauchen der Mütter ADS der Kinder bewirke. Da Nikotin eine schwach lindernde Wirkung auf ADS hat, rauchen in der Tat viele der so veranlagten Schwangeren. Wenn Sie das Schrifttum zu unserem Thema aufmerksam studieren, werden Sie Ursache und Wirkung oft vertauscht sehen.

Erstaunlicherweise ist niemand auf den Gedanken gekommen, dass das »dysfunktionierende« Gehirn dieser Menschen für eine andere Umgebung konzipiert sein könnte, in der es zu Höchstleistungen fähig wäre. Ein Rennwagen vor dem Pflug ist als Ackergerät auch dysfunktional. Wir Menschen sollen schon als Kinder – und wehe wenn nicht! – unter den Bedingungen der Schule und der Reizüberflutung funktionieren, um später im Büro ackern zu können. All diese Einrichtungen stehen im Gegensatz zu unseren Erbanlagen. Sie haben keine erfolgreiche Geschichte über viele Hunderttausende von Jahren. Die »Minimal brain dysfunction«, das ADS, ist unter anderen Bedingungen ausgesprochen hilfreich. Als Krankheit sollte es als Anpassungsstörung an die nicht »artgerechte Haltung« des modernen Menschen aufgefasst werden.

Der Computer als Hebamme der Krankheit ADS

Die Zeit vergeht, und mit ihr schreitet die Umwandlung zur Informationsgesellschaft voran. In den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts Jahren können große Mengen von Daten beliebig statistisch verarbeitet werden. Statistik wird (weil sie nun einfacher zu betreiben ist) die wissenschaftliche Methode, die als allein selig machend angesehen wird. Dass man damit nur selten wirklich zu neuen Ideen kommt, wen stört das? Ursache und Wirkung ließen sich eher auswürfeln als statistisch klären. Einige beachtenswerte Gedanken zum Sinn und Unsinn moderner Statistik finden Sie bei Beck-Bornholdt und Dubben in »Der Hund, der Eier legt«. Die Forschung beginnt sich zusätzlich zu bürokratisieren.

Bezüglich des ADS hat das mehrere Folgen. Eine der Nischen, die Forschung, in der Menschen mit ihrer »minimal brain dysfunction« hatten glänzen können, verschließt sich für diese. Bürokratie und deren Betriebsstoff, die Ignoranz, ist Gift für sie.

Wenn etwas statistisch erfasst werden soll, muss es einfach zu findende Merkmale haben und klassifizierbar sein. Kurzerhand hat man zwei Merkmale der »minimal brain dysfunction« ausgesucht, die sich aufdrängen, ganz egal ob sie wirklich den Kern der Sache treffen oder (wie in diesem Fall) nicht. Der Begriff des Aufmerksamkeitsdefizit- (mit oder ohne Hyperaktivität-) Syndroms wurde geboren. Das neu getaufte Kind wurde in das »Geburtsregister« in Form einer medizinischen Klassifikation eingetragen. Das DSM (Diagnostic and Statistcal Manual of Mental Disorders, eine Klassifikation von psychiatrischen Erkrankungen) bot die passende Schublade.

Nun sind wir nicht mehr bei einer »Unart« (Zappelphillip) oder einer »Bereitschaft« krank zu werden (neuropathische Konstitution), nein, wir sind bei »Mental Disorders«, also Geisteskrankheiten angelangt! Die Maßstäbe jedoch sind die gleichen wie im Jahr 1846. Es wird nur gefragt: Wo passt sich das Kind nicht in unsere verschulte gutbürgerliche Gesellschaft ein? Die Wissenschaftler sind eben in der Tradition der Bürger des Biedermeier aufgewachsen. Mittlerweile ist die gesamte Gesellschaft bis weit in die Arbeiterschaft verbürgerlicht. Gesellschaftliche Regeln und die Ansicht, dass sie gottgegeben seien, werden sehr zuverlässig über Generationen weitergegeben; schließlich sichern sie die Position in der Gesellschaft. Verhaltensbiologie, Sozialgeschichte und Medizingeschichte zusammenzuführen bringt doch immer wieder überraschende Einsichten!

Immer noch steckt unser Baby ADS in den Kinderschuhen, es gilt als Kinderkrankheit. »Ja, das wächst sich mit der Pubertät aus«, so sagen die Kinderärzte. Noch ist auch die zweite industrielle Revolution jung. Die Lebensbedingungen ändern sich weiter. Die Lohnkosten steigen, der Faktor Arbeit wird immer teurer. Für die tägliche Arbeit bedeutet das: Die Pausenzeiten werden verkürzt. Auszeiten sind nicht mehr vorgesehen. Die Arbeitsabläufe werden so weit rationalisiert, dass kleine Flüchtigkeitsfehler fatale Folgen nach sich ziehen. Vorschriften ersetzen weitgehend die Eigeninitiative. Die Regelungswut des Gesetzgebers zwängt Unternehmen und den Einzelnen in ein immer engeres Korsett. Die Familien und Freundschaftskreise geraten immer mehr unter Druck. Wer müde von der Arbeit kommt, findet danach keine Geborgenheit. Mobbing wird in vielen Firmen zum Führungsprinzip. Bei all dem soll der Mensch zuverlässig funktionieren wie ein Computer.

Nun gibt es Menschen, die sind nicht zuverlässig wie ein Computer, können aber genau das, was in einer solchen Umwelt so dringend fehlt: kritisch nachfragen, kreative Lösungen finden, sich voll und ganz für eine gute Sache einsetzen. Diese Menschen werden den anderen schnell unheimlich; Angst und Neid gehen Hand in Hand. Sie werden ausgegrenzt und sind bevorzugte Mobbingopfer. Außerdem benötigen sie nach den beängstigenden Höchstleistungen Pausenzeiten. Diese werden ihnen mittlerweile verwehrt. Zu allem Überfluss neigen sie zu Flüchtigkeitsfehlern. Diese Fehler kann ein Chef erheblich besser messen als die guten Leistungen. Zum Fehlermessen ist ein Computer wie geschaffen: Dumm, wie er ist, kann er mit kreativen Lösungen und Krisenmanagement, den Stärken der ADSler, nichts anfangen. Wenn dann wegen häufiger Fehler die Abstrafung aus der Abteilungsleitung kommt, reagiert der Gemaßregelte mit impulsivem Aufbegehren. Fortan prüft der Vorgesetzte noch genauer…

Etwa ein Zehntel der Bevölkerung hat als Erwachsener die hier beschriebenen Probleme und verfügt zudem über ein überschießendes Gefühlsleben. »Ein Zehntel« ist eine grobe Schätzung, die auch ich treffe, nachdem ich meine Umgebung in Vereinen und Berufsleben »sondiert« habe.

Cordula Neuhaus, Diplompsychologin, Heilpädagogin und Kinderpsychologin, in Deutschland eine Autorität in Sachen ADS, kommt zu einer ähnlichen Schätzung. Cordula Neuhaus arbeitet seit Jahren erfolgreich mit hyperaktiven Kindern. In Materialien, die sie in einem Ausbildungsseminar zur Elterntrainerin nutzt, wird diese Schätzung nach intensiver Würdigung des Zahlenmaterials in gleicher Höhe vorgenommen. Das statistische Material weist eine Spanne von 2 % bis 21 % auf. Bei 2 % wurden nur die stark hyperaktiven männlichen Kinder gesehen und von ihnen auf das Vorhandensein in der Gesamtbevölkerung geschlossen. Bei 21 % wurde ADS munter als nette Wesenseigenschaft aufgefasst. Die Wahrheit dürfte in der Mitte liegen. Von etwa einen Zehntel der Bevölkerung mit ADS ist ca. die Hälfte dauernd oder zeitweise krank. Dieses Zwanzigstel mit krank machenden Problemen entspricht tatsächlich den aktuellen Statistiken. Bei ebenso vielen hat es aber keinen Krankheitswert!

Ein Wort zu den angeborenen heftigen Emotionen! Leider handelt es sich unter aktuellen Bedingungen meistens um negative Empfindungen. Wenn Sie sich diese Menschen genau anschauen, hatten sie als Kinder alle eine »neuropathische Konstitution« oder einen »moral defect« (ein offen diffamierender Ausdruck, 1902 vom Kinderarzt Frederick Still erfunden), kurz: Sie litten unter dem ADS.

In den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts finden einige amerikanische Ärzte heraus: »Ich hatte als Kind eine minimale Brain Dysfunction, bin aber heute noch genauso!« Gleichzeitig dekompensieren immer häufiger Erwachsene, denen es ebenso geht. Das ist kein Wunder, ist doch mittlerweile die gesamte Gesellschaft verschult. Edward Hallowell und John Ratey (siehe Literaturverzeichnis) schreiben das erste Buch über ADS bei Erwachsenen. Nun erst wird auch klar, dass es sich um ein erbliches Geschehen handelt. Mittlerweile sind zwei Dutzend Genorte bekannt, die beteiligt sein können.

Was ist bei diesen Menschen anders als bei der Mehrheit der Bevölkerung? Ein Teil ihres Gehirns funktioniert anders. Es ist die Funktion des dopaminergen Systems gestört. Dieses ist für die Dämpfung und Sortierung von Emotionen, Sinneseindrücken und Handlungsplanungen wichtig. Diese Störung ist unter bestimmten Bedingungen von Vorteil, unter anderen fatal: Den damit befassten Fachleuten wird immer deutlicher, dass die Betroffenen selbst am meisten unter ihrer Impulsivität und ihren heftigen Gefühlsschwankungen leiden. Diese Komponenten finden dann auch im neueren Schrifttum und den daraus resultierenden Klassifikationen Ausdruck.

In einer Kurzbeschreibung des ADS, auf die Sie möglicherweise warten, käme nur unvollständig zum Ausdruck, wie und was ADS wirklich ist. Ich werde versuchen, mich dem langsam auf den nächsten Seiten anzunähern, und dabei werden sich viele Fragen klären. Vollständige Antworten kann und will ich Ihnen aber nicht geben. Wir alle wissen noch zu wenig.

Was ist ADS?

Liebe Leserin, lieber Leser, das ist eine Frage, die ich umso weniger kurz und knapp zu beantworten weiß, je mehr ich mich damit beschäftige. All die trockenen Diagnosekriterien, mit denen Ärzte versuchen, dem ADS auf die Spur zu kommen, lesen Sie besser an anderer Stelle nach. Diese Versuche bedeuten ohnehin nur einen Behelf. Ich werde mich dem ADS durch die Beantwortung solcher Fragen annähern, die Sie mir stellen könnten. An anderer Stelle werde ich auf einzelne Aspekte dieser Fragen ausführlicher eingehen.

Wer bekommt ADS?