54 - Wu Ming - ebook

54 ebook

Wu Ming

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Opis

1954: Kalter Krieg, McCarthy, Dien Bien Phu. Der britische Secret Service schickt Cary Grant auf eine bizarre Geheimdienstmission zu Tito nach Jugoslawien. Steve Cemento, die rechte Hand des legendären Mafia-Bosses Lucky Luciano, träumt vom großen Coup, um sich den Lebensabend zu versüßen. In einer Bar in Bologna treffen sich ehemalige Partisanen, junge Kommunisten, Filuzzi-Tänzer. Sie alle werden in Ereignisse verwickelt, die sie auf das große Spielfeld der Geschichte führen. Dem italienischen Autorenkollektiv Wu Ming ist mit dem Roman »54« ein großer Wurf gelungen: ein faszinierendes Zeitgemälde voll überraschender Wendungen, in dem Geschichte neu entdeckt und erfunden wird. Gespickt mit Elementen von Spy Story und Mafiathriller, gewürzt mit viel Witz und einem Schuss Tarantino.

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WU MING54

WU MING54

Roman

Aus dem Italienischenvon Klaus-Peter Arnold

54:© 2002 Wu MingPublished by arrangement with Agenzia Letteraria Roberto Santachiara© 2002, 2008 e 2014 Giulio Einaudi editore s.p.a., Torino

The partial or total reproduction of the work and its diffusion by telematic means is permitted, provided that this is not done for commercial purposes and that the following wording is reproduced:

The authors defend the right to free library lending and are opposed to norms or directives which limit access to culture by monetizing this service.

The authors and the publisher renounce any claim to royalties deriving from library lending of this work.

Wu Ming’s books are printed on eco-sustainable Cyclus Offset. Should there be any problems or delays in supply, only paper approved by the Forest Stewardship Council and not obtained from the destruction of ancient forests is used.

© der deutschsprachigen Ausgabe: Berlin, Hamburg 2015Assoziation A, Gneisenaustr. 2a, 10961 Berlinwww.assoziation-a.de, [email protected], [email protected]: Andreas Homann, Druck: fgb, FreiburgFoto Cary Grant: akg-images, Foto Tito: Imperial War MuseumISBN 978-3-86241-441-3EPUB ISBN: 978-3-86241-615-8

INHALT

Vorgeschichte

Erster Teil: Šipan

Zweiter Teil: McGuffin Electric

Epilog

Anhang

Für Gilberto Centi

Es gibt keine »Nachkriegszeit«.

Als die Front sich entfernte, nannten die Toren es »Friede«. Die Toren verteidigten den Frieden, indem sie den bewaffneten Arm des Geldes unterstützten.

Hinter der nächsten Düne gingen die Kämpfe weiter; die Hauer gespenstischer Tiere ins Fleisch geschlagen, der Himmel voller Stahl und Rauch, ganze Kulturen auf der Erde ausgelöscht.

Die Toren bekämpften die Feinde von heute, indem sie die Feinde von morgen fütterten.

Die Toren warfen sich in die Brust und redeten von »Freiheit«, »Demokratie«, »hier in unserem Lande« und verspeisten die Beute von Razzien und Plünderungen.

Sie verteidigten die Zivilisation gegen die Schatten von Dinosauriern.

Sie verteidigten den Planeten gegen Trugbilder von Asteroiden.

Sie verteidigten den Schatten von Zivilisation.

Sie verteidigten das Trugbild eines Planeten.

VORGESCHICHTE

I.

Jugoslawische Front, Frühling 1943

ITALIENISCHE SOLDATEN!

Das slowenische Volk hat seinen unerbittlichen Kampf gegen die Besatzer aufgenommen. In diesem Kampf sind bereits viele eurer Kameraden gefallen, und auch ihr werdet weiterhin Tag und Nacht sterben, solange ihr Werkzeuge in der Hand unserer Unterdrücker seid; solange das letzte Stück slowenischen Bodens nicht befreit sein wird.

Eure Machthaber wollen euch weismachen, dass das slowenische Volk euch liebt und dass es nur »ein paar Kommunisten« seien, die euch angreifen. Das ist eine unverschämte Lüge. Im Kampf gegen die Besatzer sind sich alle Slowenen einig. Das gesamte slowenische Volk hat sich unter der Führung des Nationalen Slowenischen Befreiungskomitees zu einer einzigen, unbesiegbaren Befreiungsfront zusammengeschlossen.

ITALIENISCHE SOLDATEN!

Eure Vorgesetzten verheimlichen euch die verzweifelte Lage, in die Mussolini das »Italienische Reich« gebracht hat, nachdem er es an Hitler verkauft hat; genauso wie sie euch verheimlichen, dass Abessinien, für das Mussolini so viel italienisches Blut vergossen hat, nicht mehr in italienischer Hand ist. Sie verheimlichen euch die ausweglose Lage der italienischen Truppen in allen afrikanischen Kolonien. Sie verheimlichen euch die Verluste, die italienische Truppen auf dem Balkan erlitten haben; der westliche Teil Serbiens, Montenegro, der größte Teil Bosniens und der Herzegowina, Lika und Teile Dalmatiens sind bereits befreit. Sie verheimlichen euch die schrecklichen Verluste und das Leid der italienischen Truppen an der russischen Front. Die russische Übermacht ist erdrückend und der russische Winter unerträglich. Sie verheimlichen euch, dass sich in italienischen Städten Aufruhr ausbreitet, aufgrund der Lebensmittelknappheit, der andauernden Bombardierungen durch die englische Luftwaffe und der wachsenden Unzufriedenheit des italienischen Volkes mit der Politik des Kriegstreibers Mussolini, der Italien ins Verderben stürzt.

ITALIENISCHE SOLDATEN!

Das italienische Volk ist aufgewacht und hat erkannt, was auch ihr endlich begreifen solltet: Hitler schickt euch an alle Fronten: nach Afrika, auf den Balkan, nach Frankreich und in die UdSSR, damit ihr zu Hause keinen Widerstand mehr leisten könnt, wenn er das »verbündete« Italien angreifen wird, so wie er das »verbündete« Jugoslawien angegriffen hat. Begreift endlich, was heute jeder Blinde begreift, dass dem mit Deutschland verbündeten Italien eine schreckliche Niederlage zu Wasser, zu Lande und in der Luft bevorsteht, durch die vereinigten Streitkräfte Russlands, Englands und aller Völker der Welt, die die Freiheit lieben.

Italienische Soldaten, begreift endlich, dass die einzige Rettung für euch und für das gesamte italienische Volk darin besteht, eure Waffen gegen die zu richten, die uns und euch nur Unheil gebracht haben, gegen die faschistische Clique um Mussolini! Es genügt nicht zu sagen, dass auch ihr die Brutalität Hitlers und Mussolinis verurteilt, dass auch ihr das Ende des Faschismus und des Krieges wünscht. Ihr müsst eure Freiheits- und Friedensliebe, euren Hass gegen eure und unsere Unterdrücker mit Taten beweisen, sonst erwartet euch und sie der Untergang.

ITALIENISCHE SOLDATEN!

Die Kommunistische Partei Sloweniens fordert euch auf:

Verweigert die Befehle eurer Vorgesetzten, schießt nicht auf Slowenen, stellt die Verfolgung der Partisanen ein und ergebt euch ihnen. Behindert nicht länger unseren Freiheitskampf!

Überwältigt und entwaffnet die faschistischen Milizen, die Agenten der Geheimpolizei und alle, die euch in den Kampf gegen das slowenische Volk treiben!

Zerstört die italienische Kriegsmaschine, ihre Waffen und Lebensmittellager, wenn ihr sie nicht den Partisanen übergeben könnt! Zerstört die Transportmittel des italienischen Heeres, Lastwagen, Motorräder, Pferde, Straßen, Eisenbahnen usw.

Verweigert die Einsatzbefehle für die russische Front; ihr werdet dort für den wahnsinnigen Hitler und seine Trabanten sterben! Verlangt, nach Hause entlassen zu werden!

Desertiert vom italienischen Heer, unser Volk wird euch dabei unterstützen! Übergebt Waffen und Munition den Partisanen und der Volksverteidigung!

Vereinigt euch mit den slowenischen Partisaneneinheiten und helft, mit der Waffe in der Hand, die absurde Kriegsschlächterei zu beenden, damit ihr so schnell wie möglich zu euren verlassenen Müttern, Frauen und Kindern nach Hause zurückkehren und dort die wahre Souveränität eures Volkes aufbauen könnt.

ES LEBE DER GEMEINSAME KAMPF ALLER VÖLKER GEGEN DIE FASCHISTISCHE BARBAREI!

ES LEBE DIE UDSSR UND DIE UNBESIEGBARE ROTE ARMEE, VERTEIDIGER VON FREIHEIT UND FORTSCHRITT!

ES LEBE STALIN, DER ANFÜHRER DER VÖLKER UND DER ARBEITER ALLER LÄNDER!

ES LEBE DIE KOMMUNISTISCHE PARTEI JUGOSLAWIENS!

TOD DEM FASCHISMUS – FREIHEIT DEM VOLKE!

Zentralkomitee derKommunistischen Partei Sloweniens

Mit roter Farbe hatte jemand SMRT FAŠIZMU auf den abblätternden Putz der Mauer geschrieben. Genau davor hatte man sie nebeneinander aufgestellt. Ausdruckslose, abweisende Gesichter; wie die Fenster der Häuser im Dorf.

Der Hauptmann brüllte einen Befehl und die italienischen Soldaten traten mit geschulterten Gewehren in einer Reihe an; fast alle Reservisten. Der Offizier der Kompanie war der Jüngste; akkurat gestutzter Schnurrbart, das graue Stoffschiffchen in die Stirn gedrückt.

Die Verurteilten hoben die Augen und blickten ihren Schlächtern ins Gesicht; sie mussten sich vergewissern, dass es Menschen waren wie sie. Der Tod, auch der eigene, war ihnen nicht fremd. Über zahllose Generationen hatten sie sich an ihn gewöhnt.

In den gesenkten Blicken der Gegenseite spiegelten sich die Empfindungen der Opfer.

Wie Statuen auf einer Wiese standen sich die Reihen unbeweglich gegenüber.

Einer der Verurteilten rieb mit einer mechanischen, grotesk wirkenden Geste einen Fuß an seinem Bein.

Der Hauptmann drehte sich zu den Häusern um und befahl den Dolmetscher zu sich.

»Die Dorfbewohner haben den kommunistischen Rebellen Unterschlupf gewährt, die gestern Nacht zwei italienische Soldaten heimtückisch ermordet haben!«

Der Dolmetscher übersetzte.

»Man hat euch gewarnt! Wer den Banditen Asyl gewährt, wer ihnen Schutz und Unterkunft bietet, ist der Kollaboration überführt und bezahlt mit dem Leben!«

Der Offizier wartete, bis der Dolmetscher übersetzt hatte.

»Als Warnung an alle, die die Absicht haben, den Banditen zu helfen, die diese Gegend verseuchen, werden heute zehn Einwohner des Dorfes erschossen!«

Der Dolmetscher hatte geendet, der Hauptmann stand regungslos mit den Lederstiefeln im Schlamm, als erwarte er eine Antwort von der Handvoll stummer Häuser.

Kein Lebenszeichen. Kein Lufthauch.

Er brüllte: »Kompanie! Präsentiert das Gewehr!«

Eine unregelmäßige Bewegung durchlief die Reihe der Soldaten, so als hätten nur einige von ihnen den Befehl verstanden, während die anderen auf sie schauten, um zu sehen, was zu tun sei. Ein Gewehr fiel zu Boden.

»Befehl! Verdammte Schweinerei! Das ist ein Befehl!«

In diesem Augenblick änderten drei Soldaten auf ein geheimes Zeichen die Richtung ihrer Karabiner. Der eine zielte auf den Kopf des Hauptmanns, die beiden anderen auf die Kameraden.

»Stillgestanden! Niemand gibt einen Schuss ab!«

Der Hauptmann erbleichte: »Capponi, was zum Teufel tust du? Farina! Piras! Ich bringe euch vors Kriegsgericht!«

Die anderen Soldaten schauten bestürzt. Schulterzucken, Unbehagen.

»Hauptmann, werfen Sie Ihre Pistole auf den Boden!«

»Das ist Fahnenflucht! Ihr seid verrückt!«

»Werfen Sie die Pistole weg oder Farina erschießt Sie!«

Der Offizier verharrte regungslos, die Waffe zeigte auf seine Schläfe. Er presste wütend die Zähne aufeinander, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen.

»Werfen Sie die Pistole weg, Hauptmann, dann können Sie gehen.«

»Ich habe schon immer gewusst, dass du ein Scheißkommunist bist, Capponi. Was glaubst du, wie weit du kommst? Und ihr? Steht nicht so stocksteif rum! Wollt ihr auch erschossen werden?«

Keine Antwort. Ratlose Blicke, kein Hinweis, was zu tun sei. Aber wenn sie ihre Kameraden entwaffnen wollten, mussten sie sie zusammen mit den anderen erschießen.

Die Reihe schwankte, die Soldaten wandten sich ab, unsicher, was zu tun sei.

Die Männer an der Mauer starrten mit aufgerissenen Augen auf die Szene.

»Weg mit der Pistole!«

Der Offizier mahlte mit den Kiefern und schwieg. Er zog die Waffe aus dem Halfter und ließ sie fallen.

Capponi hob sie auf und schob sie hinter seinen Gürtel.

»Sie können gehen!« Dann wandte er sich an die Verurteilten: »Ihr auch!«

Eine Handbewegung unterstrich seine Worte. Sie schauten zunächst ungläubig und liefen dann einer nach dem anderen in Richtung Berge.

»Hört jetzt alle gut zu! Ich, Farina und Piras, wir gehen zu den Rebellen. Wer mitkommen will, kommt mit. Entscheidet euch! Ihr habt zugeschaut und vielleicht wird man euch erschießen, aber ihr habt richtig gehandelt. Es wäre eine Schweinerei gewesen, diese Menschen zu erschießen.«

Die drei ergriffen ihre Rucksäcke und warfen sie sich über die Schulter.

»Halt, warte, Romagna, du hast uns das eingebrockt, jetzt sorge dafür, dass wir das heil überleben.«

»Nein, der Duce, Benito Mussolini, hat dir das hier eingebrockt, Romano. Aber jetzt entscheidet jeder selbst.«

»Und wo sollen wir hin?«

»Kommt doch mit uns«, sagte Farina, der mit einer Munitionskiste an ihm vorbeiging, die er vom Lastwagen, mit dem sie gekommen waren, abgeladen hatte.

»Zu den Rebellen? Die erschießen uns!«

Capponi schüttelte den Kopf: »Keine Angst, die schießen nicht. Haltet euch einfach an mich.«

»Keine Angst, hat er gesagt!«, fluchend ging er zum Lastwagen.

»Was machst du? Gehst du mit?«, fragte einer der anderen.

Der Mann aus Rom zuckte mit den Schultern: »Was soll ich hier?« Er zeigte auf den Hauptmann: »Dem traue ich nicht, der war mir schon immer unsympathisch. Wenn wir Glück haben, landen wir im Gefängnis, wenn nicht, lässt er uns erschießen.«

Er nahm seinen Rucksack: »Mein Gott, wenn meine Frau das wüsste …« Als er sich umdrehte, sah er, dass der Hauptmann dem Dolmetscher mit einer schnellen Bewegung etwas vom Gürtel riss.

»Heee!!!«

Vittorio Capponi schoss als Erster. Mit zerschmettertem Schädel schlug der Hauptmann der Länge nach hin. Ein dunkler Gegenstand rollte neben ihm über den Boden.

»Eine Handgranate!«

Alle warfen sich auf den Boden, die Arme über den Köpfen, den Atem angehalten.

Nichts geschah. Einer öffnete die Augen und streckte den Kopf vor.

Schließlich wagte er es, näher heranzukommen.

Sie lagen da, wie gelähmt, und starrten auf den toten Offizier und die Handgranate.

Jemand dankte der Madonna del Carmine, dass die Waffen des Duce so schlecht waren. Ein anderer spuckte aus.

Der Dolmetscher saß mit erhobenen Armen da: »Italiener! Nicht schießen. Ich unschuldig!«, aber keiner beachtete ihn.

Farina gab Capponi ein Zeichen, endlich aufzubrechen: »Komm Romagna, wir gehen.«

Zügig nahmen die drei den ansteigenden Weg in Angriff. Der Sarde lief an der Spitze. Der Römer folgte unentschlossen, stolperte und drehte sich mehrmals nach der Leiche um, als erwarte er, dass sie jeden Moment wieder lebendig werde.

Die anderen sagten nichts. Verzweifelte Gesten. Dann nahm einer nach dem anderen seinen Rucksack auf und im Gänsemarsch folgten sie den anderen.

II.

Freies Territorium Triest, 5. November 1953

Der Architekt und Poet Carlo Alberto Rizzi verließ um zehn Uhr morgens das Haus. Sein schwarzer Bart war sauber gestutzt, und stolz und aufrecht, als posiere er für ein Reiterstandbild, blickte er sich kurz um, rückte die zusammengefaltete Trikolore unter seinem Montgomery zurecht und machte sich schließlich auf den Weg zur Kirche San Antonio Nuovo, wo sich in Kürze die Studenten versammeln würden.

Aus der Ferne trug der Wind Stimmen, Schreie und Gesänge herüber. Die Stadt demonstrierte gegen die Übergriffe des Generals Winterton und für die Rückgabe Triests und der umliegenden besetzten Gebiete an Italien. Trotz der Kontrollen der Angloamerikaner, die die Stadt schon seit neun Jahren besetzt hielten, waren am Abend vorher Kuriere von Haus zu Haus geeilt, um die Demonstrationszüge zu organisieren.

Der 46-jährige Rizzi hatte in diesen neun Jahren Briefe an Zeitungen geschrieben, Petitionen an Behörden gerichtet und feurige patriotische Gedichte in Theatern und Cafés deklamiert. Sich selbst bezeichnete er als einen »Liberalen von altem Schrot und Korn«, der schwer unter dem Schicksal litt, das seine Stadt getroffen hatte. 1943 war sie von den Deutschen, 1945 von Tito und kurze Zeit später von den Angloamerikanern besetzt worden.

Die Großmächte weigerten sich, die Bevölkerung der Gebiete Julisch Venetien, Istrien und Dalmatien frei über ihr Schicksal entscheiden zu lassen, als Italiener unter Italienern. Triest trug als eine Art Grauzone die höhnische Bezeichnung »Freies Territorium«. Nicht Fisch nicht Fleisch, gehörte die Stadt weder den einen noch den anderen. Die Stadt selbst und die nördlichen Gebiete unterstanden der alliierten Militärregierung und hießen »Zone A«, südlich der Stadtgrenze begann die von Jugoslawien verwaltete »Zone B«. Die demütigende Aufteilung war 1947 in einem sogenannten Friedensvertrag festgelegt worden, aber wessen Friede war das?

Die Zivilpolizei der Alliierten Militärregierung patrouillierte in den Straßen von Triest. Die Gewalt, mit der sie die Demonstrationen der Italiener unterdrückte, hatte ihren Einsatzkräften den Namen »Titos fünfte Kolonne« eingebracht. In Zone B regierte Tito mit eiserner Faust, bemüht, jede Spur italienischer Identität auszulöschen. Es war Zeit, die verlorene Würde zurückzuerobern. Dieser 5. November konnte zum Tag der Wahrheit werden.

Schlaflos und unfähig, seinen Gedanken zu entfliehen, hatte er am Fenster seines Schlafzimmers das Morgengrauen betrachtet.

Das Versprechen, Zone A an Italien zurückzugeben, hatte am 8. Oktober neue Hoffnung aufkeimen lassen. Aber am 3. November, am 36. Jahrestag der Befreiung Triests, hatte General Winterton alle Gedenkveranstaltungen und patriotischen Kundgebungen verboten. Bürgermeister Bartoli hatte trotz Verbots die Trikolore auf dem Dach des Rathauses gehisst. Winterton hatte sie einholen und beschlagnahmen lassen und sich geweigert, sie der Stadt zurückzugeben.

Am 4. November, am Jahrestag des Sieges im Ersten Weltkrieg, war Rizzi zur Kundgebung nach Redipuglia gefahren, der ersten Ortschaft jenseits der »Grenze«. Auf dem Militärfriedhof hatte eine große Menschenmenge der Befreiung vom österreichischen Joch gedacht und die Befreiung vom slawischen gefordert. Rizzi waren Tränen in die Augen getreten, als er die Delegationen der besetzten Städte gesehen hatte: Zara, Cherso, Lussino, Isola … unvergesslich. Abends in Triest, nach der Rückkehr mit dem Zug, waren die Frauen und Männer nicht einzeln nach Hause gegangen, sondern in kleinen Umzügen durch die Straßen gezogen und hatten sich dann zu einer großen Demonstration vereint. Auf dem Platz der Einheit, zwischen Rathaus und Spiegel-Café, hatte der Zug gehalten. Ein englischer Offizier war aus der Präfektur gekommen und hatte den Fahnenträger des Zuges angegriffen. Er hatte ihn geschlagen und ihm die Trikolore aus der Hand gerissen, während gleichzeitig mit Karabinern bewaffnete Einsatzkräfte in schwarzen Regenmänteln aufgetaucht waren und versucht hatten, die Demonstranten auseinanderzutreiben. Diese, einschließlich Rizzi, hatten Stühle und Tische des Cafés zerschlagen und sich mit Tisch- und Stuhlbeinen verteidigt. Während des Handgemenges war Rizzi zufällig in den Besitz der Trikolore gelangt; jetzt trug er sie zusammengefaltet unter Jacke und Mantel.

Auf der Piazza San Giovanni, gegenüber dem Denkmal Giuseppe Verdis, waren die Scharmützel weitergegangen und hatten sich dann auf der Piazza Goldoni und dem Viale XX Settembre fortgesetzt; die Menge hatte ein Kino für englische Offiziere gestürmt. Ein Lastwagen der Polizei war im Getümmel mit einem Oberleitungsbus zusammengestoßen und zehn verletzte Polizisten waren die Folge gewesen.

In der Via delle Torri wurde die Straße neu asphaltiert. Die Demonstranten hatten versucht, mit Hilfe von Absperrgittern und einer Dampfwalze Barrikaden zu errichten. Einen Steinhagel hatten die Polizisten mit Schüssen in die Luft beantwortet, dann hatten zehn Jeeps die Barrikade durchbrochen und Transporter hatten weitere Polizisten gebracht. Die Straßenschlachten hatten sich bis zu den Arkaden von Chiozza ausgeweitet. Insgesamt hatte es zwanzig Verletzte gegeben. Sechzehn Menschen waren verhaftet worden.

Die Studenten, aber nicht nur sie, hatten beschlossen, am nächsten Morgen erneut auf die Straße zu gehen. Die einzelnen Demonstrationszüge sollten sich vor der Polizeikommandantur vereinigen.

Die Straße vor der Kirche war aufgerissen. Auf der Seite der Demonstranten standen Schubkarren, lagen Säcke mit Kies, ein paar Spitzhacken und ein Haufen Pflastersteine. Zwei Straßen führten auf den Piazzale: die Via XXX Ottobre und die Via Dante. An der Ecke Via XXX Ottobre lag in gefährlicher Nähe das Polizeihauptquartier.

Unter den zweihundert, von mobilen Einsatzkräften umstellten Unbeugsamen, befanden sich Gymnasiasten, Studenten, alte Irredentisten und ein paar unpolitische Bürger. Sogar ehemalige Faschisten waren darunter, aber schließlich waren auch sie Italiener!

Das mobile Einsatzkommando bestand aus mit Metallgittern versehenen Jeeps, Panzerfahrzeugen, mindestens 300 Polizisten mit Stahlhelmen, Schlagstöcken, Karabinern und Tränengasgranaten. Ihr Anblick wirkte bedrohlich, aber … war jetzt der Augenblick der Wahrheit gekommen oder nicht? Rizzi schwenkte die Trikolore und schrie aus vollem Hals.

Aus der Schlachtaufstellung löste sich einer der Kommandanten. Er ging auf die Menge zu, blieb genau vor Rizzi stehen, starrte ihm in die Augen und wedelte mit seiner Peitsche. Es gab keinen Zweifel, es war der Provokateur vom Abend vorher. Er war kreidebleich und sein Gesichtsausdruck war kälter als die Bora im Dezember. Es herrschte absolute Stille. Ohne den Blick zu senken, legte Rizzi sich die Fahne über die Schulter. Dann sagte der Mann:

»Dies ist die einzige Aufforderung, eine weitere wird es nicht geben: Geht auseinander und kehrt nach Hause zurück!«

Rizzi stieß ihm hart die Hand gegen die Brust, sodass er nach hinten fiel. Pflastersteinsalven und Kies hinderten die Polizisten daran, sofort einzugreifen. Eine Spitzhacke flog durch die Luft und verfehlte nur um Zentimeter die Motorhaube eines Jeeps. Dann kam der Angriff, der Zusammenprall war heftig.

Rizzi rannte unter Fußtritten, Faustschlägen, Stockhieben und Kolbenschlägen: »Son of a bitch!« (er wusste nicht, was das bedeutete), »Hundesohn« (was deutlich war), Verwünschungen auf Slowenisch und Flüche der Roten. Es gelang ihm, mit anderen in die Kirche zu flüchten und das Portal zu schließen. Sie waren mehr als dreißig und alle restlos außer Atem.

Unter ihnen befand sich auch Enrico Pinamonti, ein hagerer Brillenträger mit anarchistischen Ideen und Lehrer am Gymnasium. Was wollte der hier? Rizzi kannte ihn kaum, über ein »Guten Tag« waren sie nie hinausgekommen; jetzt saßen sie gemeinsam in der Falle.

»Guten Tag, Pinamonti.«

»Hallo, Rizzi. Wer weiß, ob es ein guter Tag wird. Wäre schon möglich.«

Geschrei, Lärm, Sirenen und Schläge gegen das Portal waren zu hören. Atemlos tauchte der Pfarrer auf.

»Was ist hier los?«

Ein Mann mittleren Alters mit einem Halstuch in den Farben der Trikolore antwortete:

»Pater, wir sind hier im Hause des Herrn! Sie müssen uns Asyl gewähren, die da draußen sind schlimmer als die Deutschen und die Anhänger Titos zusammen!«

Der Priester ging zum Portal und rief:

»Hier spricht der Pfarrer, hört mir zu! Die Kirche ist Territorium des Heiligen Stuhls. Sie ist einem Wundertäter, dem Heiligen Antonius, geweiht. Sie ist das Haus Gottes. Wer dieses Portal gewaltsam öffnet, entehrt diesen Ort. Stellt sofort alle Feindseligkeiten ein. Ich werde mit den Leuten reden und sie überzeugen, hinauszugehen, ohne jede weitere Gewaltanwendung!«

»Einen Scheißdreck werde ich tun und rausgehen, solange die noch da draußen sind«, sagte ein langhaariger Jüngling.

»Wenn ich Prügel einstecken soll, dann teile ich auch aus!«, sagte ein anderer und ergriff einen großen bronzenen Kandelaber, den er wie eine Pike hielt.

»Was soll das? Stell ihn sofort zurück! Wenn du so mutig bist, hättest du gleich draußen bleiben können!«, schrie der Priester. Draußen herrschte jetzt vollkommene Stille.

Bis plötzlich das Portal aufflog, getroffen von der Wucht eines Wasserwerferstrahls. Er warf alle zu Boden und öffnete eine Bresche für den nächsten, noch brutaleren Angriff. Als der Priester sah, dass seine Kirche überschwemmt wurde, lief er dunkelrot an, und wäre er nicht Priester gewesen, hätte er mit Sicherheit geflucht. Er schrie:

»Wo ist euer Chef? Ich will sofort euren Vorgesetzten sprechen! Unverzüglich!«

Niemand hörte ihm zu, das Massaker nahm seinen Lauf. Ein paar Studenten wurde mit Karabinerkolben der Schädel zertrümmert. Blut mischte sich mit Wasser. Der Junge, der nicht einstecken wollte, ohne auszuteilen, ließ den Kandelaber in der Luft kreisen, landete einen Hieb auf der Schulter eines Polizisten und traf einen anderen in den Bauch, bevor er schließlich von mindestens sieben Polizisten überwältigt wurde, die ihn auf den Boden warfen und so lange auf ihn eintraten, bis er sich nicht mehr bewegte.

Alle in der Kirche wurden festgenommen und fortgeschleift. Alle, außer Rizzi und Pinamonti.

Kurz bevor die Polizei gewaltsam in die Kirche eingedrungen war, hatten sich der Architekt und der Lehrer in einem Beichtstuhl versteckt und waren der Gewaltorgie und den Verhaftungen knapp entgangen. Anschließend diskutierten sie das Geschehen in der Sakristei, während der Priester zur Polizeikommandantur ging, um Protest einzulegen. Er erklärte, die Kirche sei geschändet worden und er werde sie noch am gleichen Nachmittag vor den Gläubigen und der gesamten Bürgerschaft erneut weihen, und wenn die Welt zusammenbreche.

»Ganz schön aufgeweckt für einen Priester!«, bemerkte Pinamonti, schaute Rizzi an und fügte hinzu: »Aber der Faustschlag, den Sie dem Kommandanten verpasst haben, war auch nicht schlecht!«

»Es war kein Faustschlag, es war ein Stoß«, präzisierte Rizzi, dessen Gesicht sich wieder verfinstert hatte.

Sie schwiegen eine Weile, dann seufzte Rizzi und begann mit leiser Stimme zu deklamieren:

»Armes, von Machtmissbrauch gebeugtes Vaterland, | von Verrätern, die nicht wissen, was Scham ist.«

»Ich vergaß, dass Sie Poet sind. Ganz reizend, aber ich bin nicht fürs ›Vaterland‹ auf die Straße gegangen, auch wenn Ihnen das merkwürdig vorkommen mag. Ich bin Internationalist, ich glaube nicht an Vaterländer.«

»In der Tat habe ich mich schon gefragt, aus welchem Grund Sie …«

»Ich kann nicht zuschauen, wenn es gegen Polizeiwillkür geht. Ansonsten bin ich weder Irredentist noch für die Slawen, und auch nicht für Togliatti, der jeden Tag eine andere Meinung zu Tito hat, je nachdem, wie die Direktiven aus Moskau ausfallen.«

»Ich fürchte, ich verstehe Sie nicht, für wen sind Sie denn?«, fragte Rizzi, kniff die Augen ein wenig zusammen und strich sich über den Bart.

»Egal auf welcher Seite man landet, man muss in jedem Fall gegen die eigenen Herren kämpfen, und zwar gemeinsam, Italiener und Slowenen.«

»Und was erhoffen Sie sich für Triest?«, fragte Rizzi neugierig geworden.

»Vor allem, dass Winterton mit der ganzen Bande abhaut. Ansonsten bin ich für Brüderlichkeit zwischen Italienisch und Slawisch sprechenden Arbeitern und lehne alle rassistischen und patriotischen Forderungen ab. Über Blut und Boden ist bereits vor und während des Krieges zu viel Unfug geredet worden. Aber ich weiß auch, dass Sie das anders sehen.«

»Wie könnte ich nicht? Wollen Sie die Ausfälle des Führers über die Reinheit der arischen Rasse mit dem legitimen Wunsch aller Italiener vergleichen, vereint in einem Land zu leben? Ich bin ein alter Liberaler und immer Antifaschist gewesen. Es ist nicht meine Schuld, wenn Wörter wie ›Vaterland‹ beschmutzt wurden durch den Gebrauch, den Demagogen von ihnen gemacht haben. Fragen Sie die Bürger von Pola und Zara, ob sie sich vom Joch Titos befreien wollen! Familien wurden auseinandergerissen, es gibt eine Diaspora …« Die Stimme versagte ihm, und Pinamonti nutzte die Gelegenheit:

»Lassen Sie die Bibel aus dem Spiel! Wörter wie ›Diaspora‹ heizen die Streitereien nur künstlich an. Der Streit entzweit die Völker, sie sollten zusammen gegen diejenigen kämpfen, die sie ausbeuten. Lieber Rizzi, ich zweifle nicht an Ihrer Ernsthaftigkeit, aber das Vaterland, das Sie wiedervereinigen wollen, ist das Vaterland der Bourgeoisie, der Christdemokraten und der Herren, die gestern alle Faschisten waren und die jetzt in die Rolle von Demokraten geschlüpft sind. Die italienische Polizei benimmt sich außerdem auch nicht besser als die der Alliierten Militärregierung, im Gegenteil. Glauben Sie, es wäre für die Triestiner ein Erfolg, wenn die Schlagstöcke im Auftrag Roms eingesetzt würden anstatt im Auftrag der Alliierten? Das ist nicht sehr rational. Ich bin sogar der Meinung, dass gerade solche Irrationalitäten es der Alliierten Militärregierung leicht machen, repressiv vorzugehen.

»Was wollen Sie damit sagen?«, unterbrach ihn Rizzi. Er war neugierig, wie weit Pinamonti sich vorwagen würde.

»Triest ist in eine italienische irredentistische Mehrheit, eine slowenische Minderheit und eine italienische ›nach Unabhängigkeit strebende‹ Minderheit gespalten. Das ist ein guter Grund, Italiener aus anderen Provinzen sowie Slowenen und nach Unabhängigkeit strebende Triestiner in die Polizei einzugliedern. Denn das, was Sie Patriotismus nennen, ist nichts anderes als Rassenhass, der Treibstoff, der die Maschine der Alliierten Militärregierung antreibt, und vielleicht sogar alle staatlichen Maschinen.«

»Was sind Sie eigentlich, Anarchist? In welcher Gruppe sind Sie aktiv?«

Pinamonti fuhr mit der Hand unter seinen Mantel, zog eine zusammengefaltete Zeitung hervor und reichte sie Rizzi. Sie erschien halbmonatlich und hieß Das kommunistische Programm. Rizzi faltete sie auseinander und überflog einen Bericht über die Versammlung einer Internationalen Kommunistischen Partei, die im Sommer in Triest stattgefunden hatte; von dieser Partei hatte Rizzi noch nie gehört.

»Was ist denn die Internationale Kommunistische Partei? Sind Sie da Mitglied?«

»Mitglied nicht. Aber ihre Vorstellungen sind den meinen nicht unähnlich. Sie haben mit Moskau und Belgrad nichts zu tun, sie hassen Stalin und halten Russland für ein kapitalistisches Land.«

»Bizarr! Wie heißt der Vorsitzende?«

»Es gibt keinen Vorsitzenden, aber der wichtigste Exponent ist Amadeo Bordiga, 1921 Mitbegründer der PCI und ein paar Jahre später ausgeschlossen.«

»Den Namen habe ich schon einmal gehört. Wie dem auch sei, mein lieber Pinamonti, ich war dabei, als Titos Vierte Armee am 5. Mai 1945 in die italienische Menge schoss. Sie machen ja ganz nette Analysen, aber wenn es um Leben und Tod geht, muss man Farbe bekennen, und ich glaube, dass Istrien, Fiume und Dalmatien zu uns gehören wollen, die wir ihre Sprache sprechen, und nicht zu Räubern, die sich durch Grunzen verständigen und die Menschen in Massengräber werfen. Sie können darüber denken, wie sie wollen, aber ich werde auch weiterhin Wörter wie ›Vaterland‹ benutzen.«

Pinamonti wartete einen Moment, zuckte mit den Schultern und sagte:

»Mein lieber Rizzi, tun Sie, was Sie wollen. Sie sind ein netter Mensch und deshalb möchte ich Sie warnen: Wer hier und heute den Patrioten gibt, dem wird morgen der Arsch aufgerissen.«

Mit dieser schwerwiegenden Bemerkung schlossen sie die Debatte.

Um vier Uhr nachmittags riefen die Glocken von S. Antonio die Menge zusammen. Der Priester weihte die blutbesudelte Kirche. Die Menschen standen dicht gedrängt auf der Freitreppe und in den angrenzenden Straßen, die Atmosphäre war gespannt. Jeeps der Polizei fuhren vor. Nach einer halben Stunde erschien der Priester inmitten der Prozession. Er hielt das Kreuz hoch und segnete die Außenmauern. Schweigen. Die Männer nahmen ihre Kopfbedeckungen ab und alle bekreuzigten sich.

Rizzi und Pinamonti standen in der Menge und beobachteten die Engländer, ihre verächtlichen Blicke, ihre Finger, die nervös auf die Waffen trommelten. Der bekannte Offizier – es hieß, es handle sich um einen Major Williams – forderte zur Auflösung des »Menschenauflaufs« auf. Erneute Steinhagel. Ein paar Gläubige versuchten dem Einhalt zu gebieten und der Pfarrer bemühte sich, mit der Messe fortzufahren. Aus einer Seitenstraße kamen Maschinengewehrsalven, zuerst in die Luft, dann in die Menge!

Panik, Flucht, Verletzte werden auf Schultern mitgeschleppt, aber die Polizei blockiert die Helfer und schlägt auf sie ein. Auf den Stufen sind große Blutlachen zu sehen. Priester und Gläubige fliehen in die Kirche, aber die Verfolgung endet erst am Altar. Erneut überfluten Wassermassen das Kirchenschiff. Schreie: »Hier liegen Tote, es hat Tote gegeben« und »Himmel hilf, sie bringen uns um«.

Rizzi hatte Pinamonti aus den Augen verloren. Er verlor die Trikolore und eine Kugel erwischte ihn am Gesäß; sie durchschlug die rechte Hälfte und streifte den Ansatz des Oberschenkelknochens. Pinamonti kam mit einem Knüppelschlag auf den Kopf und ein paar Tritten in die Nieren davon.

Ein Sechzehnjähriger starb mit einer Kugel im Herzen. Er hieß Pierino Addobbati und es hieß, er sei der Sohn eines aus Zara verbannten Arztes. Alle erinnerten sich an die mit Blut getränkte Schleife in den Farben der Trikolore im Knopfloch. Auch Antonio Zavadil, ein in der Tschechoslowakei geborener und in Triest eingebürgerter Schiffskellner, musste sterben. Es gab zwölf Schwerverletzte und über vierzig Verhaftete. Die Polizei verwüstete den Sitz des MSI und des Sportvereins La Fiamma. Es sollte so aussehen, als sei man gegen neofaschistische Demonstranten vorgegangen.

Die italienischen Korrespondenten britischer Zeitungen sprachen in ihren Artikeln von »verbrecherischen Aktionen neofaschistischer Gangster«.

In Rom forderte Ministerpräsident Pella die Triestiner auf, »die Ruhe des Starken zu bewahren«.

Am nächsten Tag wurde der Generalstreik ausgerufen. Die Spannung stieg, bis gegen zehn Uhr morgens erneut Zusammenstöße und Schießereien begannen. An der Ecke Via Mazzini und Via Milano stürzten Demonstranten einen Jeep der Polizei um und zündeten ihn an. Die Sitze slowenischer Vereinigungen und von Anhängern der Unabhängigkeit wurden gestürmt und zerstört. Jemand warf eine Handgranate gegen die Präfektur. In der Via del Teatro eröffnete die Polizei das Feuer auch auf Personen, die nur aus dem Fenster schauten. An jenem 6. November tötete die Polizei weitere vier Personen und verletzte dreißig.

Rizzi erfuhr davon gedemütigt, niedergeschlagen und auf dem Bauch liegend in einem Krankenhausbett, und mehr als ans Vaterland dachte er an seinen Hintern.

Dieser Pinamonti war entweder ein Prophet oder ein Unglücksbote.

III.

Irgendwo auf der Welt, 25. Dezember 1953

Herz und Schließmuskel entspannende Substanz, rebellische Muskeln beruhigender Nektar; eine gute Fee redet beruhigend auf Knochen und Gelenke ein. Herbe Frucht des Papaver somniferum. Hand eines Türken, eines Laoten, eines Birmanesen. Ruhige Hand, Klinge, die schneidet, milchiger Saft, der bei der Berührung mit Luft gerinnt. Brauner Brei, der die Finger verklebt. Fäden und Fingerkuppen, Kinder, die mit Kiefernharz spielen.

Chandu, Rohopium. Brote füllen Kisten, füllen Lastwagen, erreichen Schiffe oder Flugzeuge in Wartestellung. Gefügige Zollbeamte, Staaten und Armeen drücken ein Auge zu; Investitionen werden über Banken abgewickelt. Ein Kilo Opium wird zu hundert Gramm Morphin, wird zu hundertzwanzig Gramm reinem Heroin, das mit Talkum, Gips und anderem gestreckt wird.

Jedem in Opium investierten Dollar entsprechen fünftausend Dollar Gewinn.

Ware, von der jeder Händler träumt, Additiv, das jeder Kreislauf herbeisehnt.

Sich kreuzende Routen. Von der Türkei nach Sizilien über Bulgarien und Jugoslawien. Von Sizilien nach Marseille. Auf den Schiffen der Legionäre von Indochina nach Marseille. Von Marseille nach Sizilien. Aus dem Mittelmeer nach Amerika.

The French Connection.

Die Krawatte drückt die Vene ab. Die hastig in die Armbeuge eingeführte Nadel zerreißt die gut sichtbare Vene unter der dunklen Haut. Plasmaspritzer, rote und weiße Blutkörperchen, nutzlose Blutplättchen, die in die Außenwelt gelangen. Die Verwünschung bringt den Schöpfer ins Spiel. Niemand hört sie.

Nur der Schöpfer.

Und die Kakerlaken hinter der Fußleiste.

Ach, der Schöpfer … wer weiß, ob es ihn wirklich gibt, und die Kakerlaken haben keine Ohren.

Der Körper: eine zitternde und zuckende Hülle, kein einziger Muskel tut seine Pflicht, ohne zu rebellieren. Blut eines lebenden Toten, Geruch akuter Zahnfleischentzündung, kalter Schweiß.

Der Musiker drückt ein Taschentuch auf das Einstichloch. Er seufzt und streift die Krawattenschlinge über den anderen Arm. Es ist schwierig, den Kolben der Spritze herunterzudrücken. Die weniger benutzte Hand scheint einem anderen zu gehören. Das Gehirn führt sie nicht gut. Ruhe, Ruhe, Atmen und ein weiterer Versuch.

Na also! Überhaupt kein Problem. Warmes Serum beginnt zu kreisen.

Euphorie und Wohlgefühl, ein Zoll nach dem anderen.

Er öffnet die Krawatte, gekauft bei Brooks Brothers.

Lautloser Furz der Glückseligkeit. Lächeln. Frohe Weihnachten.

ERSTER TEIL

Šipan

KAPITEL 1

Neapel, Pferderennbahn von Agnano, Sonntag, 3. Januar 1954

Magione betrat als Erster den Platz, geführt von seinem Pfleger, der die Farben Blau und Gold des Gestüts trug. Er begann im Kreis zu laufen und schüttelte Hals und Kopf, als gelte es, Verspannungen lösen. Magione war ein fuchsrotes vierjähriges Vollblut von zierlichem Wuchs mit schmalem Maul. 1953 war eine gute Saison gewesen, zahlreiche Platzierungen und zwei Siege. Hinter ihm führten Pfleger die anderen, ebenso prächtigen Tiere vor, deren Atem sich in der kalten, klaren Luft jenes winterlichen Sonntagnachmittags verlor. Giuseppe Marano tätschelte seiner Ninfa, der unangefochtenen Favoritin, beruhigend den Hals, auch wenn er wusste, dass er der Nervösere der beiden war. Er blickte skeptisch zu den Zuschauern hinüber und prüfte zum x-ten Mal, ob alles perfekt saß. Die Stute näherte sich Lario und schnaubte. Hengste gehörten nicht unbedingt zu ihren Freunden. Dann kamen Verdi, Augusta und Redipuglia; wunderschöne Tiere, aber diese Namen waren höchstens für eine Platzierung gut. Nur Augusta konnte auf schwerem Boden mithalten. Bis zum Vortag hatte es in Neapel geregnet und die Piste war aufgeweicht. Monte Allegro, der Nervöseste der Gruppe, schnaubte und riss an den Zügeln, ohne auf die Stimme seines Zureiters zu hören, der ihm etwas zuflüsterte, das ihn wohl beruhigen sollte. Das war nicht neu. Monte Allegro gehörte zu den Pferden, die schwer zu kontrollieren sind, die die ersten tausend Meter verschlingen und beim Endspurt einbrechen.

Auf der Tribüne zündete sich Salvatore Lucania eine Zigarette an und beobachtete das erste Rauchwölkchen, das vom Wind davongetragen wurde. Er hatte sich seiner Handschuhe entledigt, was er schon fast bereute. Die Kälte war schneidend. Er wandte sich an den Cavaliere De Dominicis und sagte: »Ich dachte immer, das hier ist die Stadt von O sole mio! Hier herrscht eine Kälte wie in New York!«

Der Cavaliere lachte und die Leute um ihn herum fielen sofort ein. Lucania zog den Kamelhaarmantel enger an den Körper und rauchte weiter.

Mit einem Notizblock in der Hand näherten sich zwei Journalisten.

»Signor Lucania, es wird behauptet, Edoardo wolle einen Film über Ihr Leben drehen. Haben Sie schon mit ihm gesprochen?«

»De Filippo? Nein. Großartiger Mann, großer Künstler, aber den Film werden sie ihn nicht drehen lassen.«

»Welcher Schauspieler könnte Ihre Rolle übernehmen?«

Lucania rückte seine Brille zurecht. »Cary Grant, of course. Von den Italienern gefällt mir Amedeo Nazzari.«

Ein abweisender, unmissverständlicher Blick überzeugte die Vertreter der Presse, nicht weiter nachzufragen. Der Blick gehörte Stefano Zollo, der seinen Stiernacken mit einer feinen Krawatte behängt hatte; an seiner Seite stand Victor Trimane. Die beiden sollten dafür sorgen, dass das Kommen und Gehen dem Boss nicht auf die Nerven ging.

»Die Pferde betreten jetzt die Rennbahn«, verkündete der Lautsprecher.

Die Jockeys saßen bereits zum Aufwärmen im Sattel und ließen den Pferden ein wenig freien Lauf, um sie die Beschaffenheit der Piste erkunden zu lassen. Ninfa sah aus wie eine weiße Prinzessin unter lauter Rappen. Marano befestigte die kleine Peitsche am Handgelenk und zog die Mütze in die Stirn. Lario roch die Stuten und schüttelte den Kopf. Dann kamen Verdi und Magione, gefolgt von Augusta und Redipuglia. Zuletzt erschien Monte Allegro. Der Rappe hielt den Kopf hoch, die Zähne waren zu sehen, und Cabras, der sardische Jockey, hatte Mühe, ihn einigermaßen ruhig zu halten; erfolglos redete er unentwegt auf ihn ein und tätschelte seinen Hals.

Saverio Spagnuolo wartete auf den Jungen mit den Quoten und als er kam und ihm zuflüsterte: »Savè, Ninfa steht bei halb«, nickte Spagnuolo und wandte sich an den anderen Typen, der neben ihm stand: »Hör zu mein Freund, Ninfa ist Topfavorit, du kriegst siebzig Prozent, nicht mehr. Aber mach, was du willst, es gibt ja auch noch andere Pferde mit höheren Quoten.«

Der andere drückte seine Hand und übergab dabei ein Bündel Banknoten: »Du willst mich bloß heiß machen! Siebzig Prozent geht in Ordnung. Auf den Sieg von Ninfa.«

»Wie du willst. Lass es dir gut gehen.«

Der illegale Buchmacher schielte noch einmal zu den Pferden hinüber, die sich auf der Piste warm liefen und dachte an den erhaltenen Befehl, die Quoten so lange wie möglich niedrig zu halten.

Er kritzelte etwas in ein Notizbuch und steckte es zurück in die Tasche. Dann schickte er den Jungen wieder zur Annahmestelle.

»Zwanzigtausend auf Ninfa, in vier Portionen zu fünftausend.«

»Siebzig Prozent.«

»Bei der langsamen Piste?«, wandte der Wetter ein, um ihn zu bewegen, die Quote zu erhöhen.

»Siebzig Prozent ist ein gutes Geschäft. Wenn Ihnen das nicht reicht, im Wettbüro bekommen Sie die Hälfte.«

Spagnuolo ergriff das Bündel, zählte hastig nach, kritzelte etwas und riss einen Streifen ab.

»Fünftausend auf Ninfa.«

Der Rennleiter gab das Zeichen, die Pferde in die Startboxen zu führen. Magione ging als Erster, gefolgt von Augusta. Marano hielt Ninfa zurück, bis auch Lario eingetreten war. Monte Allegro umkreiste die Boxen in großem Abstand und machte dem Jockey Probleme. Die Nervosität steckte Verdi und Redipuglia an, die zu schnauben begannen und an den Zügeln zerrten.

Gennaro Iovene schloss den Veterinärinstrumentenkoffer, ging zum Ausgang der Stallungen und trat, vom Licht geblendet, hinaus. Er zögerte einen kurzen Augenblick, bevor er den Weg rechts zur Rennbahn nahm; in der Ferne sah er die Pferde in die Startboxen treten. Mit dem Rücken zur Bahn, Hände in den Taschen, wartete ein Mann im schwarzen Mantel. Iovene nickte nur mit dem Kopf, und als der andere sich eine Zigarette anzündete, wusste er, dass die Botschaft angekommen war.

Er ging weiter, ohne sich umzudrehen, und hörte das lauter werdende Publikum.

»Die Pferde stehen zum Start bereit. Noch eine Minute bis zum Ende der Wettannahmen«, tönte es aus den Lautsprechern.

Marano hielt Ninfa kurz. Die Stute streckte ihr Maul über das Tor. Alle waren in den Boxen außer Monte Allegro, der weiter Widerstand leistete. Mit Hilfe einiger Pfleger und kräftiger Hiebe auf die Flanken gelang es Cabras, ihn hineinzubekommen.

Cassazione putzte sich unentwegt die Nase und scharrte mit den Füßen wie der Rappe, der als Letzter in die Startbox getreten war. Auch Kociss, der neben ihm stand und das Geld in der Tasche hatte, war unruhig. Es war mehr, als er jemals in den zwanzig Jahren seines Lebens gezählt hatte. Sie machten den anderen, die an der Wettannahme auf sie warteten, ein Zeichen und gaben ihnen mit einer blitzschnellen Bewegung das Geld. Dann mischten sich die vier unter die Leute, die die Tresen der Buchmacher belagerten. Kociss schob sein Banknotenbündel über den Tresen: »Hunderttausend auf Monte Allegro!«

Der Buchmacher streckte den Kopf vor: »Was?«

Lauter: »Hunderttausend auf Monte Allegro!«

Die gleiche Szene wiederholte sich an drei weiteren Schaltern. Die Buchmacher drehten sich in einer einzigen Bewegung herum, um die Quote auf die Tafel zu schreiben. Sie war von sieben auf zweieinhalb gefallen.

Kociss rannte zum Totalisator in dem überdachten Gebäude und stieß dabei ein paar Wetter zur Seite. Er erreichte die Annahmestelle im allerletzten Augenblick: »Hunderttausend auf Nummer sechs, Monte Allegro.«

Ohne mit der Wimper zu zucken, stellte die Kassiererin die Quittung aus. Am Totalisator sank die Quote von Monte Allegro von hundertachtzig Lire auf knapp über neunzig.

Kociss lächelte Cassazione zu: »Komm, wir gehen.«

Die Türen öffneten sich mit einem metallischen Klang und spuckten die Pferde auf die Piste.

»Gestartet!«, rief der Sprecher.

Saverio Spagnuolo sah sie vorbeirennen. Er umklammerte die verknitterten Banknoten in der Tasche und betete zu seiner Mutter im Himmel, dass alles gut gehen möge.

Eingangs der Kurve hatte Magione schnell ein paar Längen Vorsprung. Marano ließ ihm den Vortritt und hielt Ninfa in seiner Spur auf Abstand. Direkt dahinter Verdi mit Redipuglia vor Lario und Augusta auf der einen und Monte Allegro auf der anderen Seite an der Umzäunung.

Ein paar Meter vor dem Tor blieb Iovene stehen. Er redete sich ein, es sei die Neugier, das Rennen zu sehen, aber er wusste nur zu gut, dass es die Angst war. Angst, es könne etwas schief gehen. Er hatte ständig das Gefühl, der Koffer rutsche ihm aus der verschwitzten Hand oder jemand könne ihn ihm entreißen. Die Spritze im Koffer war zweihundertfünfzigtausend Lire wert. Er schluckte.

Bei tausend Metern wurde Ninfa schneller und bedrängte Magione, der weiterhin in Führung lag und dicht an der Umzäunung lief. Augusta und Lario verloren einige Meter auf dem schlechten Untergrund. Cabras hielt Monte Allegro am Seil, überholte Verdi auf der Innenseite und verkürzte damit die Distanz zu den Führenden. Marano blickte sich um, um die Situation unter Kontrolle zu halten; er sah, dass der Rappe aufholte und zu Magione aufschloss. Das Einzige was er vierhundert Meter vor dem Ziel denken konnte, war: NOCH NICHT.

Kociss und Cassazione standen am Zieleinlauf und hielten den Atem an.

Zweihundert Meter vor dem Ziel warf Ninfa sich nach vorne und wich mit mehr als einer Länge Vorsprung auf Magione leicht nach links aus. Cabras schob das Maul von Monte Allegro sofort in die entstandene Lücke. Marano war klar, dass der entscheidende Moment gekommen war: Er pumpte mit den Ellenbogen, als wolle er aus der Stute das Letzte herausholen, tatsächlich aber bremste er ihren Vorwärtsdrang. Er sah Monte Allegro mit vorgeschobenem Maul an seiner Seite auftauchen und dann mit einer Halslänge siegen.

Salvatore Lucania nahm den Einlauf mit zufriedenem Lächeln zur Kenntnis, während alle um ihn herum und auch die anderen unten im Parterre ungläubig schauten und wütend wurden. Monte Allegro hatte gesiegt, gefolgt von Ninfa, Magione und Redipuglia.

Der Cavaliere De Dominicis applaudierte: »Kompliment, Don Salvatore, Sie haben wieder einmal gewonnen.«

Lucania nickte seelenruhig: »Was soll ich machen. Das Schicksal hat es immer schon gut mit mir gemeint.«

Die Gruppe, die um die beiden herumstand, applaudierte und lachte einträchtig.

Stefano Zollo verharrte regungslos und bewegte sich erst, als Lucania entschied, es sei Zeit zum Aufbruch.

Nachdem sie die riesige Summe kassiert hatten, legte sich die Aufregung bei Kociss und Cassazione. Sie stimmten ein entspanntes Lachen an, und erst als sie die Gruppe erreichten, wurden sie wieder ernst. Zollo nahm die Banknotenbündel entgegen und machte ihnen ein Zeichen, zu verschwinden, aber der Boss hielt sie zurück: »Großartige Jungs! Gute Jungs! Mach ihnen ein Geschenk, Steve, sie haben es verdient!«

Der Leibwächter reichte beiden ein paar Scheine hinüber. Er behielt dabei den Boss im Auge, bis der aufhörte zu nicken.

Die beiden Laufburschen starrten sprachlos die Banknoten an. Fünftausend Lire. Für jeden. Zollo sagte: »Verschwindet!«

Sie rannten weg, glücklich über das Geld und begeistert darüber, dass der große Boss ihnen seine Aufmerksamkeit geschenkt hatte.

Während sich der Cavaliere unter fortgesetzten Verbeugungen verabschiedete, reichte Zollo dem Mann mit dem schwarzen Mantel einen Umschlag und flüsterte: »Jeder bekommt seinen Teil.«

In diesem Moment traf ihn die Ohrfeige. Zollo sah es aus den Augenwinkeln. Ein gut gekleideter junger Mann, weißer Schal und Hut, noch keine dreißig, hatte dem Boss mit der Hand ins Gesicht geschlagen. Nicht sehr hart, es war eine Geste der Herausforderung, eine Schmach. Er wirbelte herum, um ihn festzuhalten, um diesen Verrückten fertigzumachen, aber Don Salvatore Lucania, in aller Welt bekannt als Charles »Lucky« Luciano, bremste ihn mit seinem Blick: nicht reagieren.

Er blieb stehen und blickte dem Mann, der mit dem Feuer spielte, in die Augen. Er prägte sich solche Gesichter ein. Sie waren zu zweit, und bevor eine Gruppe von Begleitern sie außer Reichweite zog, besaßen sie überdies die Frechheit, Luciano direkt in die Augen zu blicken.

Lucky Luciano setzte ein Lächeln auf, ein Lächeln, das Zollo gut kannte. Dieses Lächeln war die Einladung zu deiner eigenen Beerdigung: »Don’t worry, Dumme-Jungen-Streiche, unwichtig! Erst im Alter lernt man zu verlieren. Wie man sieht, erleiden vor allem Rentner wie ich solche Schicksalsschläge!«

Aber die Spannung löste sich auch bei diesen Worten nicht ganz.

Zollo biss die Zähne aufeinander, als sie dem Ausgang zustrebten.

KAPITEL 2

Bologna, Stadtteil San Donato, 4. Januar

Nur die Ältesten erinnerten sich an eine solche Kälte, lange vor dem Krieg musste das gewesen sein, als die meisten von uns noch gar nicht geboren waren. In allen Bars von Bologna stand das Thermometer im Mittelpunkt der Gespräche. Nicht enden wollende Diskussionen, um nicht zu sagen Streitereien, über den kältesten Winter des Jahrhunderts, als könne das Gerede darüber Schüttelfrost und Grippe fernhalten.

Allen Einwänden zum Trotz behauptete eine Mehrheit in der Bar Aurora bis gestern, die ersten Februartage des Jahres 1932 seien die kältesten seit Menschengedenken gewesen. Dann hatte der Carlino geschrieben, in Bologna habe man seit siebzig Jahren keine dreizehn Grad unter Null mehr gemessen. Einige hatten protestiert. Wie jeder weiß, erfindet der Carlino seine Nachrichten selbst, wenn es nichts Neues gibt, und außerdem stand nichts davon in der Unità und aus dem Billardzimmer rief jemand, man solle ihn endlich mit dieser Geschichte in Ruhe lassen, ‘32 sei seine Zuchtsau an der Kälte verreckt und das bedeute, dass es damals mindestens fünfzehn Grad unter Null gewesen seien.

Garibaldi schlichtete den Streit. Mit seinen fünfundsiebzig Jahren gehört er zu den Ältesten, ist aber noch völlig klar im Kopf.

»Dreizehn Grad, ich erinnere mich genau, damals war ich ungefähr sieben. Es hieß ›Todeskälte‹, wegen der Dreizehn, der Tod, al tragg, bei den Tarockkarten. Und wenn Bortolottis Zuchtsau ‘32 gestorben ist, dann deshalb, weil er vor dem Krieg in Vergato gewohnt hat, und da ist es kälter als in der Stadt, wie allgemein bekannt sein dürfte.«

Die Frage der Kälte war damit entschieden und seit ein paar Tagen wurde nur noch über den Schnee geredet, das heißt, man beurteilte die Arbeit der Schneeschipper und damit die städtische Verwaltung. Egal ob man Kommunist oder etwas anderes ist, dass die Straßen in einem bedauerlichen Zustand sind, das sehen alle, und folglich kann jeder etwas dazu sagen, ohne die Schuld gleich Dozza, dem Bürgermeister, geben zu müssen. Niemand hier will den Reaktionären vom Carlino Recht geben, die jeden Tag unter einem Skandaltitel das Foto irgendeiner Straße veröffentlichen.

»Mein Gedächtnis funktioniert noch prima, hört zu«, sagt La Gaggia, während er seine fünfzehn Karten ordnet. »Der Winter ‘27 war noch viel schlimmer. Die Arkaden waren Tunnel, der Schnee reichte auf der offenen Seite bis oben unter die Bögen.«

Garibaldi schüttelt den Kopf, schiebt die Karten zusammen und kippt den letzten Tropfen Grappa hinunter. Dann richtet er Blick und Glas auf Capponi, der hinter dem Tresen mit seinem Bruder streitet und ihn daher nicht beachtet.

»Du mit deinen Erinnerungen«, regt Bottone sich auf. »Tatsache ist, dass es ‘27 noch Leute gab, die Schnee geschippt haben. Schaufel doch mal den ganzen Schnee in der Via Saragozza zusammen, damit kannst du alle Arkaden von San Luca dicht machen, und zwar auf beiden Seiten!«

Er klopft mit der Hand auf den Tisch, direkt vor Walterún, der sich nicht entscheiden kann, was er ausspielen soll: »Komm raus, mein Lieber, jetzt gibt’s was auf die Mütze!«

Und kaum hat der Apulier seine zwei Karten auf den Tisch gelegt, deckt La Gaggia als Mitspieler von Bottone vier Königinnen auf und sagt achtundzwanzig Punkte an.

»Ganz schön mutig!«, sagt Bottone, während er die Farbe wechselt und Pik ausspielt. »Erklärt mir mal, was der Bürgermeister mit dem Schnee auf der Straße zu tun hat. Sucht der die Leute selbst aus, die den Schnee wegschaufeln?«

La Gaggia will antworten, aber Bottone ist nicht zu bremsen: »Ihr tut so, als seien das alles Parteimitglieder. Dabei weiß jeder, dass sie nur Nichtsnutze zum Schippen nehmen, Faulenzer, die am liebsten den ganzen Tag auf der faulen Haut liegen!« Er konzentriert sich auf den nächsten Spielzug und legt wieder los: »Wieso wundert euch das? Gibt es irgendwo auf dieser Welt noch Menschen, die ihre Arbeit anständig erledigen? Nein, die Anständigen sind alle in Rente, wie wir, fünftausend Lire im Monat und dankbar sein und die anderen kassieren eine halbe Million dafür, dass sie einen Stuhl warm halten.« Er wird lauter, seine Stimme bebt, die hellen Augen sind weit aufgerissen: »Die können verdammt froh sein, dass wir alt sind«, wie immer beginnt sein Finger auf den Tisch zu hämmern: »Wenn ich einen Knopf hätte, mit dem ich eine kleine Atombombe zünden könnte, die alle wegputzt … Klar, dabei würde auch der eine oder andere Unschuldige draufgehen, aber ich würde ihn trotzdem drücken, das schwöre ich dir«, er schreit jetzt fast, wirft einen König auf den Tisch und lässt ihn sich von Garibaldi wegschnappen.

Bottone ist beim Tarocchino einer der Besten der Bar, er zieht nur selten eine verkehrte Karte. Unsere einzige Hoffnung ist, dass er die Nerven verliert. Hat er erst einmal mit dem Knopf und der Atombombe angefangen, verliert er leicht den Überblick über das Spiel. Er hält diese Rede zu den verschiedensten Themen mindestens einmal am Tag. Der Finger, der auf den Tisch klopft, und dann der Atompilz, der alle Ungerechtigkeiten auslöscht. Deshalb heißt Rino Gualandi für alle nur Bottone, der Knopf.

Walterún ist der Einzige, der zum Thema Schnee schweigt. Einerseits muss er sich aufs Spiel konzentrieren, denn er ist nicht gerade ein Meisterspieler, aber vor allem weil er siebzehn Jahre in Manfredonia gelebt hat, in der Nähe von Bari, und dann dreißig Jahre als Arbeiter in Mailand. In Bologna ist er erst seit zwölf Jahren. Deshalb haben seine Ansichten nicht dasselbe Gewicht wie die der anderen. Zum Beispiel interessiert es uns nur am Rande, wieviel Schnee ‘28 auf der Piazza del Duomo lag. Seine Erzählungen aus der Mailänder Zeit sind manchmal ein wenig undurchsichtig, wie zum Beispiel jene, in der er als junger Mensch mit dem Fahrrad durch sein Viertel zur Arbeit fährt, und die anderen grüßen ihn und schreien: »Walterún, Walterún.« Wir glauben, das heißt Walterone, großer Walter, denn Walter Santagata hat breite Schultern und ist mindestens eins achtzig groß. Aber immer wenn er das erzählt, überfällt ihn eine Art Bitterkeit, und wir wissen bis heute nicht, ob es Heimweh oder irgendetwas anderes ist.

Wie auch immer, Wetter und alte Zeiten sind Themen der Alten, die sich in der Bar Aurora wie in einer Zweitwohnung aufhalten; Tarocchino und Geschwätz. Die, die noch arbeiten, sind im Billardzimmer und reden über Sport und Frauen. Aber es ist unwichtig, wer spricht oder über was diskutiert wird, wenn man nur die wichtigste Regel einhält: kein Flüstern! Wer sich in Ecken herumdrücken und flüstern will, soll beichten gehen und nicht hierher kommen, das will hier niemand. Hier redet man zu dritt, zu viert oder manchmal auch die ganze Bar zusammen, und es gibt Themen wie Radsport und Politik, bei denen sich die Gemüter erhitzen und es laut wird. An den seltenen Fall, dass jemand eine Zeit lang nicht gekommen ist, weil er sich nicht an diese Regel gehalten hat, erinnern sich alle, und auch an den noch selteneren, dass jemand, der schon ein bisschen blau war, handgreiflich wurde; ein Stoß, eine Ohrfeige, und die Nüchternen müssen eingreifen. Wie ‘48, als Stalin Tito aus der Kominform geworfen hat und wir alle hier geblieben sind und bei halb heruntergelassenem Rollladen diskutiert haben, bis es Tag wurde.

Die Jüngeren reden über gar nichts. Die tun so, als ob sie zufällig hereingeschneit wären, nur auf einen Sprung. Die ziehen nicht einmal den Mantel aus, auch wenn sie gar kein anderes Ziel haben. Na ja, einige vielleicht schon, die Filuzzi zum Beispiel, die aussehen, als wären sie gerade einem amerikanischen Film entsprungen, mit Regenmantel und Zigarette, die sie ohne Hände rauchen, und man denkt, jetzt bestellen sie einen Whisky, aber dann ist es nur ein Fernet oder Sambuca. Später gehen sie dann zum Tanzen. Da gibt es ein paar, die haben Nummern drauf, da würde Fredastèr vor Neid erblassen. Wir freuen uns, dass sie hier vorbeikommen, um ein Gläschen zu trinken, bevor sie zum Tanzen gehen. Wir fühlen uns alle ein bisschen wie die Männer mit den Handtüchern über der Schulter, die die Boxer vor dem Kampf massieren. Schließlich ist Robespierre Capponi, also Pierre, der beste Tänzer der ganzen Sektion und des Viertels und vielleicht von ganz Bologna. Nicola beschwert sich, dass er morgens nicht aus dem Bett kommt, wenn er spät nach Hause gekommen ist, aber auch er weiß, dass wir stolz sind, dass der König der Filuzzi uns die Getränke serviert und mit uns zusammen in der Bar sitzt.

Nicola Capponi, für uns Capponi, sollte man nicht ärgern. Wenn es Zeit ist, zu schließen, krächzt er mit seiner Bärenstimme: »Holt das Sägemehl«, und fängt an, die Stühle umzudrehen. Dann stehen auch die Letzten auf und gehen fast ein wenig traurig nach Hause, sodass man meinen könnte, wir würden hier ewig bleiben, wenn die Bar nicht geschlossen würde.

KAPITEL 3

Stützpunkt der Alliierten, Agnano, Neapel, 6. Januar

Kurz vor Weihnachten hatte man ihn hergebracht, als Geschenk für die Truppe. Das Prunkstück des neuen Freizeitzentrums. Dann Merry Christmas, Happy New Year, Familie, Urlaub. Die Arbeiten waren unterbrochen worden und man hatte ihn zusammen mit zwei Sesseln, einem Tisch, einer alten Juke-Box und dem Foto des Präsidenten an der Wand zurückgelassen.

Das Nichtstun zerrte an den Nerven, Zweifel und Trübsinn nagten am Selbstvertrauen. Werde ich noch in der Lage sein, meine Arbeit gut zu machen? Werden sie es schaffen, mich hier, so weit weg von zu Hause, zum Funktionieren zu bringen? Werde ich die Leute wieder zum Lachen bringen, sie für Nachrichten interessieren, sie in Rührung versetzen? McGuffin wusste keine Antwort. Er tröstete sich mit dem Gedanken an vergangenen Ruhm und ab und zu, um die Hoffnung nicht sterben zu lassen, schaute er in der Erwartung zur Tür, jemand möge kommen und sich um ihn kümmern.

Nach seiner Endmontage am 16. Februar 1953 in den Fabriken der McGuffin Electric bei Pittsburgh, Pennsylvania, hatte das Unternehmen ihn als eines der ersten Deluxe-Modelle auf den Markt gebracht. Gegen Ende des Monats kaufte ihn die Familie Bainton in einem Geschäft für Elektroartikel in Baltimore und McGuffin erwies sich von Anfang an als außergewöhnlicher Fernsehapparat. Am 5. März, nach nicht einmal einem Monat seiner Existenz, begeisterte er den Hausherrn mit der sensationellen Nachricht vom Tod des Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili, besser bekannt unter dem Namen Stalin. Während der nicht enden wollenden Direktübertragung der Urteilsverkündung gegen Ethel und Julius Rosenberg, die der Spionage zu Gunsten der Sowjetunion angeklagt und zum Tode verurteilt wurden, klagte dank der natürlichen Schirmhelligkeit kein Mitglied der Familie über Augenermüdung. Und sogar die halb blinde, über achtzigjährige Oma Margareth konnte auf dem rechteckigen Siebzehn-Zoll-Bildschirm die Bilder von der Unterzeichnung des Waffenstillstands in Panmunjeom in Korea erkennen. Das war am 27. Juli gewesen. Knapp einen Monat später verkündete McGuffin, auch Moskau besitze jetzt Wasserstoffbomben, wie die, die über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen worden waren. Das war sein letztes Highlight. Seitdem nichts mehr. Eines Abends Mitte August schaltete man ihn aus und seither nie wieder ein.

Er wurde verkauft, weil er nicht mehr zu den schwedischen Möbeln des neuen Wohnzimmers passte, und zusammen mit ein paar italienischen Immigranten, die zum Weihnachtsfest nach Hause fuhren, landete er auf einem Schiff. Innerhalb weniger Tage tauschte man ihn gegen ein Moped der Marke »Paperino« und am Heiligen Abend endete seine Reise in der Militärbasis. Von dort hatte er sich nicht mehr fortbewegt. Nicht einmal den Stecker hatte man in die Steckdose gesteckt.

Der schummrige Lichtkegel einer Fahrradlampe huschte über McGuffin. Draußen unter den Laternen war ein Junge, kein Soldat, und blickte sich verstohlen um. Es war kein normales Fahrrad. Auf dem Gepäckträger über dem Vorderrad war ein breiter Holzkasten befestigt.

Das Licht wurde schwächer, bis es gänzlich erlosch. Durch den Türspalt sah McGuffin zwei Arme und den Lenker. Eine seltsame Spannung hing in der Luft. Er bemerkte, dass sich etwas in ihm rührte, obwohl er nicht eingesteckt war. Der Junge, das Fahrrad, der Kasten, die Flucht aus diesem dunklen Loch, in dem ihn anscheinend alle vergessen hatten. Aber wie konnte er auf sich aufmerksam machen? Er war zwar ein Deluxe, aber sich selbst einschalten konnte er nicht. Der Stecker war nicht in der Dose; unmöglich, aus der Lethargie zu erwachen.

Quietschend verbreiterte sich der Türspalt und das Gesicht des Jungen wurde sichtbar.

»Nimm mich mit! Bring mich weg von hier!«, hätte McGuffin gerne gerufen, aber der Junge musste gar nicht erst aufgefordert werden.

KAPITEL 4

Bologna, 7. Januar

Der Spiegel war so klein, dass Pierre sich darin nicht vollständig sehen konnte, aber inzwischen führte er alle Handgriffe blind aus; die Krawatte binden, den zentimetergenauen Hosenaufschlag prüfen, kontrollieren, ob der Jackenschlitz hinten präzise saß und ob die Knöpfe glänzten.

Er zog die Schnürsenkel der guten Schuhe fest, denn er hasste es, mitten im Tanz, die Schuhe neu binden zu müssen. Passierte es doch einmal, kam er sich lächerlich und verletzlich vor.

Sticleina erschien auch an jenem Mittwoch als Erster. Er verharrte einen Augenblick auf der Schwelle, erkundete mit forschenden Blicken den Raum, sog lange und nachdenklich an der Zigarette, schnippte die Kippe dann nach draußen und schloss die Tür hinter sich, gerade als Garibaldi lospolterte: »Mach die Tür zu, es wird kalt!«

Capponi warf dem Freund seines Bruders schiefe Blicke zu, während er sich an der Espressomaschine zu schaffen machte, um ihm den üblichen Caffè Corretto zu servieren.

»Na Schätzchen, wohin geht’s denn heute Abend?«, fragte La Gaggia vom Tisch in der Nähe des Ofens.

»Nach Pratello natürlich.«

»Guter Tanzschuppen?«

Sticleina antwortete mit falschem Bedauern in der Stimme: »Schon, aber die in Pratello lassen dich nicht an ihre Frauen ran. Wir gehen hin, weil das Trio Bonora da spielt.«

»Nehmt ihr mich irgendwann mal mit? Ich würde bestimmt noch eine ganz gute Figur abgeben!«

»Eine Spitzenwitzfigur!«, beeilte sich Walterún zu kommentieren, um Bégato zu ärgern.

Pierre betrachtete sich in aller Ruhe. Seine Augen waren die dunklen Augen seiner Mutter im Hochzeitskleid auf der Fotografie, die auf dem Nachtschränkchen stand; der geschwungene Brauenbogen, die lange Nase, die schmalen Wangen. Er nahm das Foto von Cary Grant von der Kommode, klemmte es zwischen Wand und Spiegel und trat einen Schritt zurück. Er versuchte den gleichen, unwiderstehlichen Ausdruck anzunehmen.

Ein eiskalter Luftstrom zog durchs Lokal und das Schlagen der Tür kündigte die Ankunft Gigis an, des Gummimännchens; mit über dem Kopf erhobenen Armen drehte er mehrere Pirouetten bis zum Tresen und legte sich dann fast auf Sticleina.

»Capponi, einen Amaro, mach schon«, sagte er, als der Applaus verebbte.

»Und? Fällt dir nichts auf?«, fragte Sticleina und bot sich den Blicken des Neuankömmlings dar.

Gigi zog die Brauen zusammen und musterte ihn von oben bis unten. »Da schau her! Vom Weihnachtsmann?«, er streckte die Hand aus, um den Mantel zu berühren.

»Kamelhaar! In Mailand gekauft. Auf Raten.«

»Mensch, du hast Schwein, dass du noch zu Hause wohnst, sonst könntest du dir solche Sachen nicht leisten!«

Sticleina steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen und hielt Gigi das Päckchen hin. Nachdenklich nahm er einen Zug und stieß den Rauch gemächlich wieder aus.

»Ich weiß nicht, ob ich noch lange zu Hause bleiben werde.«

»Was willst du damit sagen?«

»Mein Vater will, dass ich heirate. Er ist der Meinung, man könne nicht so lange unverheiratet mit einem Mädchen zusammen sein.«

»Und was sagt deine Mutter dazu?«

»Ich soll erst meine Ausbildung als Krankenpfleger zu Ende machen. Sonst hätte ich keine Chance, eine Frau wolle zuallererst Sicherheit.«

Gigi kontrollierte im Spiegel hinter dem Tresen mit der Aufschrift »Martini« seine gegelten Haare, prüfte, ob sie noch glatt an den Schläfen lagen und bis zu den kleinen Löckchen im Nacken glänzten.

»Die Alten behaupten ständig, Jungs hätten es leichter. Ich finde das alles ziemlich kompliziert. Hast du eine Freundin, sollst du sie nach kurzer Zeit heiraten. Willst du sie heiraten, brauchst du ein sicheres Einkommen, also musst du warten mit dem Heiraten. Was soll das?«

Cary Grants Lächeln war auf distanzierte Weise elegant, aber zugleich natürlich. In seinem Lächeln lag etwas Widersprüchliches. Pierre wollte genauso lächeln, aber je mehr er sich bemühte, desto weniger gelang es ihm. Mit dem Gang hatte er mehr Erfolg, und auch die Art, wie er die Hände in die Taschen steckte, war fast perfekt.

Brando kam, als von der Kirchenuhr die letzten Schläge erklangen.

»Seid ihr noch nicht fertig?«

»Pierre braucht mal wieder eine Ewigkeit.«

»Beeil dich, Pierre, du bist schön genug!«

Die Haltung stimmte, als er aus dem Rückraum der Bar trat. Vor ihm die drei Musketiere, einer neben dem anderen. Wie im Roman von Dumas: Athos, Porthos und Aramis. Und er war D’Artagnan, der Gascogner, der Beste.

»Gehen wir?«

»Sehr witzig! Alle warten nur auf dich!«, platzte Brando los.

Gigi machte ein Furzgeräusch: »Kommt, es ist spät.«

Pierre blickte zu Nicola. Nicola blickte grimmig wie immer, wenn er zum Tanzen ging. Er lief rot an und versuchte seinen Ärger zu unterdrücken. Nicolas Blick würde ihm nur wenige Minuten lassen, und die wollte er bis zur letzten Sekunde auskosten und sich von allen verabschieden. Er bog um den Tresen und schlenderte schlaksig durchs Lokal. Vor dem Tisch der Tarocchinospieler blieb er stehen: »Ciao, Bottone, wir gehen, lass die anderen auch mal gewinnen!«

»Ciao, alter Gauner.«

Er verabschiedete sich von La Gaggia und Walterún und erwartete den Blick Garibaldis wie einen Segen vor dem Kampf.

Bortolotti, Melega und die anderen am Billardtisch begnügten sich mit einem Handzeichen.