Verfahren - Ludwig Laher - ebook

Verfahren ebook

Ludwig Laher

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Opis

Jelena, eine Kosovo-Serbin, wird in ihrer Heimat wiederholt Opfer unvorstellbarer Gewalt. Die geht nicht vom Staat aus, sondern von enthemmten Mitgliedern der Mehrheitsbevölkerung. Schwer traumatisiert, hofft die junge Frau nach zwei Selbstmordversuchen auf einen Neuanfang in Österreich. Dort aber gerät sie in die Mühlen eines unmenschlichen Asylrechts, das seinem Namen nicht gerecht wird. Seit langem prägt das Thema Asyl die öffentlichen Debatten und sorgt nach jedem von den Medien aufgegriffenen Einzelfall für heftige Kontroversen. Ludwig Laher überträgt diese brandaktuelle Thematik auf eine literarische Ebene. Er erzählt die exakt recherchierte Geschichte Jelenas als roten Faden eines aufwühlenden Romans, in dessen Mittelpunkt das Justizwesen selbst steht, die Welt der Paragraphen und ihrer Anwendung, ein Spiegelbild unserer Verfassung im doppelten Wortsinn: vielschichtig, mitreißend diskret, erhellend und weit davon entfernt, komplexen Fragestellungen mit einfachen Antworten beikommen zu wollen.

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Liczba stron: 215

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HAYMONverlag

Ludwig Laher

Verfahren

Roman

Im Anhang findet sich ein Abkürzungsverzeichnis.

© 2011HAYMON verlagInnsbruck-Wienwww.haymonverlag.at

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-7099-7453-7

Umschlag- und Buchgestaltung, Satz:hoeretzeder grafische gestaltung, Scheffau/TirolCoverfoto: Haymon Verlag / Rebecca Dorner

Dieses Buch erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.haymonverlag.at.

Und dabei entschlüpfte ihm eine private Erklärung,die bei ungenügendem Einblick in den Sachverhalt hätteso aufgefaßt werden können, als ob sie dem dienstlichenBerichte, der gesetzmäßig und daher zum Nutzen desHäftlings war, Abbruch in seiner Wirkung tun wollte,nämlich die, daß Zwetschkenbaum auch nur einarmer Hund sei.Albert Drach: Das große Protokollgegen Zwetschkenbaum (1939)

Man betrachte nur die Form der Gerechtigkeit,welche über uns waltet. Ist sie nicht ein klarer Beweisvon der menschlichen Verstandesschwäche? So vielWiderspruch und Irrtümer findet man darin!Nun erhalten sich aber die Gesetze in Ansehen, nichtweil sie gerecht sind, sondern weil sie Gesetze sind.Michel de Montaigne: Essais (1588)

Für M., H. und die anderen

Zugriff

Wir sind friedlich, was seid ihr? skandieren zwanzig bis dreißig vorwiegend junge Leute, als die Polizisten Ernst machen und damit beginnen, die Gruppe mit Vehemenz zurückzudrängen. Das läuft vorerst im großen und ganzen routiniert ab, wenn sich auch die eine Beamtenhand am Hals eines Demonstranten, der andere Beamtenmund im Ton vergreift: Verschwindet, ihr Ratten! hieße der Ratschlag hochdeutsch. Von allen Seiten strömen jetzt neue Einsatzkräfte auf den kleinen Platz.

Und so hat alles angefangen: Von langer Hand geplant war gar nichts, vielmehr verbreitete sich nach dem Schneeballsystem via SMS, E-Mail und Telefon die Botschaft, die Innenministerin werde zu einem Vortrag über Grundzüge ihrer Asylpolitik erwartet. Erst kürzlich in Kraft getretene Verschärfungen des Fremdenrechts, von den Aktivisten beharrlich Fremdenunrecht genannt, hatten die forsche Dame beliebt und unbeliebt gemacht, die Geister schieden sich. Um eine Kundgebung ordnungsgemäß anzumelden, war es zu spät, gegen großes Unrecht ein kleines zu setzen, wollten die ungebeten Erschienenen gerne in Kauf nehmen.

Anfangs war die Stimmung ausgesprochen gut, wenngleich nur auf Seiten der Protestierenden, die es, bei aller Ernsthaftigkeit ihres Anliegens, als lustvoll erlebten, daß ihnen die Überraschung gelungen war. Die dem Veranstaltungslokal zustrebten, weil sie den Vortrag hören wollten, fühlten sich dagegen gröblich belästigt, provoziert, einige gar bedroht. Buhrufe, Parolen und Pfeifkonzerte schienen ihnen zuzusetzen. Verbale Unfreundlichkeiten wurden ausgetauscht. Auch Selbstjustiz schien manchem auf den ersten Blick seriösen Besucher ein probates Mittel. So hielt ein Mann mittleren Alters im dunklen Anzug plötzlich das improvisierte Pappschild eines Gegners in Händen und unterzog sich sogar der Mühe, es unter erheblicher Kraftanstrengung in zwei Teile zu reißen.

Der handgeschriebene Text auf einem dieser Kartons schlug vor, die Innenministerin aus dem Land zu vertreiben, nicht die Asylsuchenden, auf einem anderen war ihr Name statt dem Hitlers in den nach ihm benannten Gruß gefügt. Ein entrolltes Transparent machte geltend, die Ministerin sei eine für Lager und Deportation.

Der Vortrag begann mit ziemlicher Verspätung, aber er begann, denn der Zweck der Protestes bestand darin, einen Unmut öffentlich kundzutun, und nicht darin, die Veranstaltung zu sprengen. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt trafen endlich die ersten Polizisten ein. Die Demonstrantinnen und Demonstranten zogen sich langsam zurück, die Exekutivkräfte schubsten, drängten nach, vergriffen sich. Wir sind friedlich, was seid ihr? hallte es ihnen entgegen.

Und jetzt knallt es laut. Beim Brunnen hat offenbar jemand zwei Schweizerkracher gezündet. Dann geht es ganz schnell. Die meisten der Abziehenden werden durch einen Polizeikordon von jenen paar Nachzüglern getrennt, unter denen man den Übeltäter vermutet. Zugriff! heißt es, und viele stürzen sich auf wenige. Von denen hört man zwar ängstliche, doch ziemlich laute Rufe, sie würden friedlich bleiben und keinen Widerstand leisten. Einer wird später behaupten, auf seine wiederholte Frage, warum sie ihn festnehmen und ihm Handschellen anlegen würden, er habe doch überhaupt nichts getan, hätte ihm ein aufgebrachter Polizist schließlich umgangssprachlich die Erklärung angeboten, weil er ein Arschloch sei.

Lediglich zur Aufnahme persönlicher Daten, gibt ein ausnehmend disziplinierter Beamter einer sehr jungen Frau, die von den Kundgebungsteilnehmern außerhalb des Kordons abgeordnet wird nachzufragen, einen anderen, freilich ebenso wenig befriedigenden Grund für die Festnahmen an. Die Ausweiskontrolle wird nämlich bald auf alle bei der Demonstration Anwesenden ausgedehnt. Arretiert werden sie nicht. Soll an den beiden Abgeführten ein Exempel statuiert werden?

Schwere Körperverletzung und versuchter Widerstand gegen die Staatsgewalt werden dem Brüderpaar schließlich zur Last gelegt. Nach sechsundvierzig Stunden Untersuchungshaft steht ihm ein Prozeß bevor.

Weibliches Organ

Dem AW wird folgendes zur Kenntnis gebracht: „Wegen des Auftretens von Vogelgrippe-Fällen bei Wassergeflügel und der Gefahr der Übertragung auf Menschen wird von jeglicher Kontaktnahme (Aufenthalt in unmittelbarer Nähe, Berühren, Essen roher Geflügelprodukte) zu lebenden oder toten Wildvögeln, deren Produkten oder Ausscheidungen dringend abgeraten.“

Der AW ist ein zweckmäßig abgekürzter Asylwerber. Der AW wird von Obigem im Frühherbst 2006 im Rahmen der niederschriftlichen Einvernahme zunächst mündlich in Kenntnis gesetzt, noch ehe ein von der erkennenden Behörde, dem Bundesasylamt, bestellter und beeideter Dolmetscher der Sprache Serbisch die erste Frage des Organwalters zum Antrag übersetzt.

Unmittelbar nach illegaler Einreise über die grüne Grenze war der unbescholtene AW, ohne Widerstand zu leisten, von Wehrpflichtigen im Assistenzeinsatz aufgegriffen worden. Im Anschluß an die Überstellung und eine kurze Erstbefragung war über ihn exakt um dreiundzwanzig Uhr offiziell die Schubhaft im Polizeianhaltezentrum verhängt worden, aus der er vorhin, inzwischen wegen Platzmangels in eine andere, weit entfernte Stadt verfrachtet und seit bald zehn Tagen im Hungerstreik, vorgeführt wurde.

Der Organwalter ist auch im wirklichen Leben Mann, nicht nur im Sprachgebrauch der Behörde. Der Dolmetscher und der AW sind im wirklichen Leben Frauen, bleiben aber im Text der niederschriftlichen Einvernahme durchgehend männliche Wesen. Nur wenn der AW, selten genug, als ASt. erwähnt wird, scheint sein Frausein durch: . Der AW ist nämlich auch Antragstellerin.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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