Terra - T. S. Orgel - ebook

Terra ebook

T.S. Orgel

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Opis

In der Zukunft hat sich die Erde in ein ökologisches Wrack verwandelt. Der Mond ist ein einziges Bergwerk, und alle Hoffnungen liegen nun auf der Besiedlung des Mars. Dessen Terraforming ist in vollem Gange, und mit Raumfrachtern werden die Rohstoffe des roten Planeten abtransportiert. Jak ist Mechaniker an Bord eines dieser vollautomatischen Frachter, der gerade mit zwei Millionen Tonnen Erz auf dem Weg zur Erde ist. Was er nicht weiß: Einer der Container ist vollgestopft mit Bomben. Und auch Jak hat ein paar Geheimnisse zu verbergen. Für ihn und seine Schwester Sal, die als Marshal auf dem Mond stationiert ist, beginnt ein gnadenloser Wettlauf gegen die Zeit, bei dem es um nichts weniger geht als um das Schicksal des Planeten Erde …

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Das Buch

In der Zukunft hat sich die Erde in ein ökologisches Wrack verwandelt. Der Mond ist ein einziges Bergwerk, und alle Hoffnungen liegen nun auf der Besiedlung des Mars. Dessen Terraforming ist in vollem Gange, und mit Raumfrachtern werden die Rohstoffe des roten Planeten abtransportiert. Jak ist Mechaniker an Bord eines vollautomatischen Frachters, der gerade mit zwei Millionen Tonnen Erz auf dem Weg zur Erde ist. Was er nicht weiß: Einer der Container ist vollgestopft mit Bomben. Und auch Jak hat ein paar Geheimnisse zu verbergen. Für ihn und seine Schwester Sal, die als Marshal auf dem Mond stationiert ist, beginnt ein gnadenloser Wettlauf gegen die Zeit, bei dem es um nichts weniger geht als um das Schicksal des Planeten Erde …

Die Autoren

Hinter dem Pseudonym T. S. Orgel stehen die beiden Brüder Tom und Stephan Orgel. In einem anderen Leben sind sie als Grafikdesigner und Werbetexter beziehungsweise Verlagskaufmann beschäftigt, doch wenn beide zur Feder greifen, geht es in fantastische Welten. Für ihren ersten gemeinsamen Roman Orks vs. Zwerge wurden sie im Oktober 2013 mit dem Deutschen Phantastik Preisfür das beste deutschsprachige Debüt ausgezeichnet. Terra ist ihr erster Science-Fiction-Roman.

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T. S. ORGEL

TERRA

ROMAN

WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN

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Originalausgabe 12/2018 Redaktion: Catherine Beck Copyright © 2018 by Tom & Stephan Orgel Copyright © 2018 dieser Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München Umschlaggestaltung: DAS ILLUSTRAT, München, unter Verwendung eines Motivs von Sergey Nivens / Shutterstock Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck ISBN: 978-3-641-23160-6V002diezukunft.de

All jenen, die hinaus ins All streben:den Ingenieuren, den Wissenschaftlern, den Raumfahrern, den Weltraumverrückten, den Geschichtenerzählern und Visionären, die unseren Horizont erweitern und uns gleichzeitig zeigen, wie klein und zerbrechlich unsere Heimat von außen gesehen ist

Inhalt

Neunundzwanzig Minuten Drei Tage zuvor

Rote Erde Fünf Tage zuvor

Mustererkennung Sieben Tage zuvor

1 – Go to hell

2 – Container 9-4

3 – Sal

4 – Glitch

5 – Nathan

6 – Downgrading

7 – König Moshoeshoe

8 – Pow Wow

9 – Millner

10 – Ham und Sem

11 – Dìyù yúdù

12 – Betty-Sue

13 – Ferngespräche

14 – Kalil

15 – Thunderbolt

16 – Sieben Schalen des Zorns

17 – Hallo Sal

18 – Passagiere

19 – Das Tor zum Paradies

20 – Verschissener weißer Gweilo

21 – Rote oder blaue Pille

22 – Dazu auserwählt

23 – Levante

24 – Neustart

25 – Ans Ende des Universums

26 – Fünf Minuten

27 – Bereit

28 – Zwölf G

29 – Noahs Arche

30 – New World Coming

Der siebenundzwanzigste Tag des zweiten Monats

Perfektion

Personenverzeichnis

Glossar

Danksagung

Abbildungen

Containerschiff Pequod

Der Mond

New Angeles

I would like to die on Mars.Just not on impact.Elon Musk

NEUNUNDZWANZIG MINUTENDrei Tage zuvor

»Du hast noch Sauerstoff für neunundzwanzig Minuten.«

Kaltes Grauen stieg in Charlotte auf. Unwillkürlich klopfte sie gegen die Seite ihres Helms, als würde das genügen, um die Anzeige auf ihrem Display zu verändern. Die Grafik in einer Ecke ihres Helmmonitors zeigte dasselbe an, was die Stimme in ihrem Ohr gerade verkündet hatte. »Audrey, das kann nicht stimmen! Meine Tanks waren voll, als ich sie angelegt habe, und ich bin erst seit einer knappen Stunde draußen. Ich müsste noch für mehr als elf Stunden Sauerstoff haben und nicht für verdammte neunundzwanzig Minuten! Und was ist mit der Energieanzeige los?« Der Balken im Display, der den Füllstand ihrer Batterien anzeigte, hatte bereits die 50%-Marke unterschritten.

»Beruhige dich, Charlotte.« Ihre AVA, ihr Advanced Virtual Assistant, hatte die beruhigend samtige Stimme einer französischen Schauspielerin, die ihre Großmutter zutiefst vergöttert hatte. Sie selbst hatte ihr diese Stimme ausgesucht, genauso wie ihren Namen.

»Sag mir bloß nicht, dass ich mich beruhigen soll, Audrey! Wag es ja nicht, oder ich kratz dich aus dem Speicher und ersetze dich durch …«

Eine Injektionsnadel aus der Med-Einheit in ihrem Helm stach in ihren Nacken. Beinahe sofort breitete sich ein eisiges Gefühl in ihr aus, während das Beruhigungsmittel wirkte.

»Ich bitte um Entschuldigung, doch deine erhöhte Atemfrequenz verbraucht den Restvorrat schneller als notwendig.«

»Fick dich«, murmelte sie, dieses Mal jedoch halbherzig. Dann seufzte sie und atmete tief durch. Diesen Luxus gönnte sie sich. »Welche Möglichkeiten habe ich noch, Audrey?«

»Die Schleusen des zentralen Schachts stehen offen. Bis zum Rig sind es zweihundertfünfzehn Meter. Bis zum habitablen Bereich des Rigs solltest du es in zwölf Minuten schaffen.«

Charlotte hatte das fast übermächtige Bedürfnis, sich die Stirn zu massieren, doch das war ein Luxus, den ein Raumanzug nicht bot. Sie stampfte auf. Die Luke unter ihren Füßen vibrierte und erzeugte ein dumpfes Dröhnen in ihrem Anzug. »Ich wiederhole mich: Ich stehe auf Schott 10-B, und es ist geschlossen wie … etwas verschlossen sein muss, um den verdammten Weltraum draußen zu halten. Oder die Luft drin. Du weißt, was ich meine.«

Ein leiser Signalton ertönte. Dann kehrte die Stimme der AVA zurück. »Das ist nicht möglich. Mir liegen keine Fehlfunktionen vor. Schott 10-B ist geöffnet und gesichert.«

Charlottes Blick zuckte unwillkürlich zur Sauerstoffanzeige. Sechsundzwanzig Minuten. »Wir haben hier offensichtlich mehr als nur ein Problem«, murmelte sie. »Audrey, das Ganze wird langsam unübersichtlich. Mein Anzug hat eine Fehlfunktion. In dem verdammten Container ist etwas anderes, als darin sein sollte, du kannst das Problem nicht sehen, das verdammte Schott hat eine Fehlfunktion, die Kommunikationssysteme sind down, der Lift ist tot, und mir geht die verdammte Luft aus.« Sie atmete tief durch, im vollen Bewusstsein, dass das nicht dazu beitrug, ihre Vorräte zu schonen. »In Ordnung. Audrey, geh einfach davon aus, dass ich nicht durch den Zentralschacht will. Aus welchen Gründen auch immer. Welche Möglichkeiten habe ich dann? Lebend?«

Die AVA schien zu zögern. »Es kommt darauf an, wie lange du ohne Sauerstoff bei Bewusstsein bleiben kannst.«

»Welche Möglichkeiten?«, wiederholte Charlotte eindringlich.

»Du kannst über die Außenhaut gehen.«

»Gut, und wie mache ich das?«

»Geh durch die Container 7-4 und 7-15. Die Schleuse von 7-4 ist bereits geöffnet. In beiden Einheiten sind dicht gepackte Erzlasten mit den vorgesehenen Notgängen.«

Charlotte verschwendete keine Luft auf eine Antwort. Stattdessen begann sie zu klettern. Es waren fünfzehn Meter bis zu den Einstiegsluken in die LastContainer, und der Liftmechanismus funktionierte nicht – egal was Audrey behauptete. Also blieben ihr nur die Leitern in den Wänden des Schachts. Fünfzehn Meter waren vielleicht nicht viel. Aber mehr als genug, wenn man in einem VacSuit mit voller Ausrüstung steckte und offenbar Luft verlor. Selbst wenn man nur gegen ein Drittel der Erdanziehungskraft anzukämpfen hatte.

Als Charlotte die Luken erreichte, hatte sie wertvolle Minuten verloren. Also hielt sie sich nicht damit auf, eine Pause einzulegen, sondern schob sich durch das Schott in Container 7-4. Den Laderaum, in dem ihre Probleme angefangen hatten. Audrey mochte darauf bestehen, dass dieser Container Erz enthielt, doch das, was sie mit ihren eigenen Augen sah, passte ganz und gar nicht dazu. Aber es bereitete ihr Magenschmerzen. Beinahe genauso viele wie der Gedanke daran, dass irgendetwas ihrer AVA permanent falsche Daten lieferte. Nicht nur Sensordaten, sondern auch Kamerabilder und wer wusste was noch. Möglicherweise waren sogar die Daten ihres Displays falsch, und sie hatte mehr Sauerstoff, als sie dachte. Erneut klopfte sie gegen ihren Helm. Das Display blieb unverändert. Aber das war garantiert nichts, worauf sie einfach warten wollte.

Die Astronautin erreichte das gegenüberliegende Schott und gab den Notfallcode ein. Wider Erwarten glitt es sofort beiseite und gleich darauf das nur einen Meter entfernte Gegenstück. Die Notbeleuchtung im angrenzenden Container begann zu glühen. Eilig zog sie sich hindurch. Dieser Container hier enthielt tatsächlich vorraffiniertes, gepresstes Erz, und ihre Magnetstiefel hinterließen bei jedem Schritt Abdrücke in der dicken, rötlichen Staubschicht. Im schummrigen Halbdunkel lag zehn Meter vor ihr, auf der anderen Seite des Doppelstegs, das Außenschott des Containers. Dahinter wartete das Nichts auf sie. Plötzlich empfand Charlotte ein unbestimmtes Grauen. Dafür war sie nicht gemacht. Das war nicht das, wofür sie hier war. Sie hasste das All, das wurde ihr in diesem Augenblick klar. Es war absurd und doch seltsam logisch. Seit acht Jahren flog sie Transportschiffe, davon ein halbes Dutzend Flüge auf der Goldilocks-Route zwischen Erde und Mars, doch bis heute hatte sie die kleine Blechdose an der Spitze der Olympia nie verlassen. Nicht im freien All, außerhalb der Reichweite einer der Raumstationen. Sie war keine Astronautin, sie war nur …

»Du hast noch Sauerstoff für einundzwanzig Minuten.«

Audreys ruhige Stimme durchdrang den chaotischen Wirbel aus Gedanken, den die aufsteigende Panik in ihr erzeugte, und sie biss die Zähne zusammen. Hastig zog sie sich am Geländer der Gangway durch den düsteren Container, auf die ferne Luke zu. Hinter ihr glitt das innere Schott wieder in Position.

»Audrey, öffne das äußere Schott.«

»Öffne das äußere Schott«, wiederholte die AVA ihre Anordnung. Die Anzeige vor ihr blinkte träge. Rot.

Blau. Komm schon. Blau! Nichts veränderte sich.

»Audrey, öffne das äußere Schott. Jetzt!«

»Äußeres Schott ist geöffnet, Charlotte.«

Noch immer blinkte das rote Licht. »Einen Scheiß ist es, Audrey! Benutz deine verdammten Kameras.«

»Visuelle Bestätigung. Das äußere Schott ist geöffnet.«

»Merde!« Charlotte schlug so fest gegen das Schott, dass nur der Handschuh ihres VacSuits sie davor bewahrte, sich die Knöchel zu brechen. Öffnen von Hand. Wie ging das noch mal? Sie packte den Nothebel und zerrte ihn nach oben. Vielmehr versuchte sie es und verschwendete dabei wertvolle Sekunden, bis ihr klar wurde, was sie vergessen hatte. Fluchend öffnete sie das Panel und deaktivierte die Elektronik der Verriegelung. Dann zerrte sie erneut am Hebel, und dieses Mal gab er nach. Mit einem dumpfen Klacken lösten sich die Siegel des Schotts. Sie stemmte die Platte beiseite und starrte zum ersten Mal überhaupt in den gigantischen Abgrund zwischen den Welten, nur noch durch das Glas ihres Helms getrennt vom absoluten Nichts. Eine Welle der Übelkeit brandete über sie hinweg und wurde von einer plötzlich einsetzenden Euphorie davongespült, noch bevor sie sich in ihren Helm übergeben konnte. Schließlich blinzelte sie. »Das ist … tatsächlich ist das wunderschön, Audrey.«

»Das kann ich nicht beurteilen. Du hast noch Sauerstoff für neunzehn Minuten.«

»Weißt du was? Das macht es nicht einfacher. Wirklich nicht. Stell die Ansage ab, Audrey. Gib mir einfach Bescheid, wenn wir bei dreißig Sekunden sind.«

»Verstanden. Deine Wegstrecke beträgt zweihundertdreißig Meter bis zur Heckschleuse.«

Charlotte riss den Blick vom unter ihr gähnenden Abgrund los und schloss die Augen. Es ist eine Illusion. Wo hier draußen oben und unten ist, legst allein du fest. Dazu gab es eine Regel im Basistraining, das jeder absolvieren musste, der auf einem Frachter arbeiten wollte. Unten ist, wo deine Füße sind.

Sie zog sich aus dem geöffneten Schott und aktivierte noch beim Aussteigen ihre Magnetstiefel. Sofort spürte sie den vertrauten Zug, der ihre Fußsohlen auf die Außenhaut des Containers zwang, wo sie mit einem satten Geräusch aufschlugen. Einen langen Moment kämpfte sie gegen die irrationale Furcht, das Schott loszulassen und sich in der großen Leere aufzurichten. Beinahe zu groß war die Furcht, einfach haltlos davonzutreiben in die Unendlichkeit, wie ein Sandkorn um die winzige Sonne zu kreisen, die der einzige Stern war, den die Menschheit je erreichen konnte. Alle Instinkte schrien in ihr, dass sie, wenn sie jetzt losließ, davontreiben würde, so als sinke sie in die ewig lichtlose Tiefe eines Meers, von dessen Grund ihr die wundervollen Lichter der Tiefseekreaturen zublinkten. Und sie würde weiter sinken, bis ihr Sauerstoffvorrat zur Neige ging und sie …

Der VacSuit zog sich fester um sie zusammen, und erneut spürte sie eine Injektion in ihren Hals. Der Anzug musste registriert haben, dass sie dabei war, das Bewusstsein zu verlieren.

Charlotte zwang ihre Augen auf und sah auf die Anzeige am Rand des Helmdisplays. Der Sauerstoffvorrat stand bei siebzehn Minuten. Sie blinzelte erneut. Zwei Minuten? Der Anzug hätte viel früher reagieren müssen. Irgendetwas lief hier gewaltig schief. »Audrey, kannst du jetzt Kontakt zu den anderen Schiffen herstellen?«

»Nein. Die Kommunikationskanäle sind noch immer gestört.«

»Ich rede nicht von der Bodenkontrolle. Ich will den Konvoi erreichen. Irgendjemanden!«

»Tut mir leid, Charlotte. Meine Daten legen Störungen durch eine Sonneneruption nahe. Du solltest dich beeilen. Das Risiko von Strahlenerkrankungen ist deutlich erhöht.«

Charlotte schnaubte. Als ob das der dringendste Grund ist, sich zu beeilen. Sie widerstand der Versuchung hinaufzusehen, sondern konzentrierte sich auf die ausgeblichene stumpfe Außenhaut des Containers unter ihren Stiefeln. Vorsichtig löste sie einen Fuß, setzte ihn vor sich und spürte, wie sich der Magnet wieder am Metall festsaugte. Dann der andere Fuß. Die konstante Beschleunigung des Schiffs vermittelte ihr das Gefühl, bergauf zu gehen und gegen einen spürbaren Gegenwind anzukämpfen. Fünfzehn Meter vom Ausstieg bis zum Ende des Containers. Fünf Meter bis zum nächsten Container lediglich auf einem schmalen Wartungssteg. Dreißig Meter über den Container, wieder fünf Meter, und so weiter. Eng, aber sie konnte es schaffen. Die Lücke zwischen den Containermodulen tauchte vor ihr auf, und auf einmal hatte Charlotte das Gefühl, sich auf eine dunkle Gletscherspalte zuzubewegen, über die frühere Tourengeher eine schmale Leiter gelegt hatten. Sie hatte das irgendwann in einer alten Dokumentation über Bergsteiger gesehen, aus der Zeit, als es in den Alpen noch Gletscher gegeben hatte und als man den Himalaja einfach so betreten durfte. Damals hatte sie sich gefragt, was Menschen zu derart verantwortungslosen Wagnissen veranlassen mochte. Jetzt wurde es ihr plötzlich klar. Es gab Situationen, in denen Stehenbleiben den Tod bedeutete. So einfach war das: Man blieb stehen und starb – oder man lief weiter und starb nur vielleicht.

Klack. Klack. Klack. Das monotone Klicken der sich lösenden und wieder anhaftenden Magnetstiefel war neben ihrem eigenen Atem das einzige Geräusch, das sie hier draußen begleitete. Es erinnerte sie an das Ticken eines Countdowns, der ihre letzten Atemzüge zählte. Der Steg tauchte vor ihr auf, schmaler und filigraner, als sie ihn in Erinnerung hatte. Unter ihr gähnte schwarz der Schlund zwischen den Lastmodulen, außerhalb des harten Lichts, das von der fernen Sonne kam. Der starke Strahler an der Seite ihres Helms machte die Schatten nur noch tiefer. Gefühlt brauchte sie eine Ewigkeit, bis sie die fünf Meter hinter sich gebracht hatte. Sobald sie den nächsten Container unter den Stiefeln hatte, beschleunigte sie ihr Tempo. Dreißig Meter. Fünf Meter. Dreißig Meter. Fünf Meter. Dreißig Meter, fünf Meter …

Inzwischen rannte sie. Die Hälfte der Strecke lag hinter ihr. Vor ihr ragte der klobige Verbund aus Tanks auf, der das hintere Ende des Zugschiffs markierte, und links und rechts daneben, weit außen, brannten die blauen Flammen der beiden gewaltigen Triebwerke, die die Olympia mit steter Beschleunigung in Richtung Erde trieben. Gleichzeitig schien es, als hänge ihr Schiff bewegungslos im leeren Raum. Bei aller Geschwindigkeit waren die Sterne viel zu weit weg, um sich vor ihren Augen auch nur um das Geringste zu verschieben, und so schien es, als laufe sie auf einem Feld in Richtung Schatten, so wie ein kleines Nagetier vor einem Räuber in Richtung seines Baus flüchtete.

Sie überquerte den letzten der Container so schnell, wie es ihre Stiefel erlaubten, stampfte über den letzten Steg und prallte beinahe gegen das verschlossene Schott. Die Sauerstoffanzeige des Helmdisplays wies sechs Minuten aus. Mehr als genug Zeit.

Charlotte klappte ein Panel neben dem Schleusenring auf und gab den Entriegelungscode ein.

Nichts geschah.

»Schon wieder? Audrey? Kannst du dieses Schott öffnen?«

Niemand antwortete.

Charlotte richtete sich auf, ihre Augen suchten das Display ab. »Audrey?«

Schweigen.

Sie betrachtete das rote Leuchten des Verriegelungsmechanismus. Das hier war nicht die einfache Schleuse eines Wegwerfcontainers, das hier war ein Schott zum Andocken von Hangarbrücken, groß genug, um Verladestapler hineinzufahren. Nichts, was man von außen einfach überbrücken konnte.

»Audrey, verdammt. Meldung!«

Noch immer schwieg die AVA.

»Merde!«

Mit einem Blinzeln wählte sie den Schiffscomputer. »Olympia. Ich brauche Zugang zur Heckschleuse des Laderaums. Jetzt.«

»Zugang nicht gewährt. Bitte geben Sie Ihren Autorisierungscode ein.«

Die Stimme des Schiffs ließ Charlotte innehalten. Das war nicht die freundliche Stimme einer älteren Dame, nicht die Stimme, die Charlotte für ihren Bordcomputer eingestellt hatte. Das war die unpersönliche Stimme der Werkseinstellungen. »Was ist hier gerade los, Olympia?«

»Inkorrekt. Geben Sie bitte Ihren Autorisierungscode ein.«

Charlotte biss die Zähne zusammen. »Autorisierungscode 2-7-3-2-2-9-5-1-4-2-3-7-7-9-1, Charlotte Darville.«

»Inkorrekt. Geben Sie den Autorisierungscode manuell ein.«

Was? Sie ging den Code im Kopf durch. Von wegen inkorrekt. Sie kannte ihn besser als ihre Sozialversicherungsnummer.

Fünf Minuten.

Sie klappte die Tastatur der Schleuse heraus und begann mit zitternden Fingern zu tippen. »Bestätigt.« Das Licht sprang auf Blau um.

Charlotte keuchte und bemerkte erst jetzt, dass sie die Luft angehalten hatte.

»Olympia, öffne die Schleuse.« Die beiden Schotttore glitten beiseite, gleichzeitig aktivierten sich die Lichter innerhalb der Kammer. Charlotte murmelte ein stummes Gebet und betrat ihr Schiff. »Außenschott schließen. Druckausgleich.«

Mit einem Rumpeln, das von ihren Fußsohlen her in ihren Anzug drang, schloss sich das Außentor wieder. Luft strömte ein, und eine große Anzeige an der Wand kletterte stetig, bis sie schließlich den vollständigen Druckausgleich verkündete. Charlotte ließ sich gegen die Wand sinken und schloss die Augen. Die Anzeige für den Sauerstoffvorrat ihres Anzugs hatte zu blinken begonnen. Drei Minuten. Das war zu knapp gewesen. Wirklich. Sobald sie den Mond erreicht hätten, würde sie irgendjemanden Verantwortlichen bei ADO Eurospace gründlich zusammenfalten. Dieses Schiff war offensichtlich ein einziger Schrotthaufen. Sie öffnete den ersten Verschluss am Halssiegel ihres Helms. Ein durchdringender Warnton ließ sie zusammenfahren. Sie riss die Augen auf. Das Helmdisplay wurde plötzlich von einer grellroten Warnmeldung dominiert. Lebensgefahr. Umgebung lebensfeindlich. Sofort Anzugversiegelung überprüfen. Was?

»Olympia, bestätige die Sicherheit der Schleusenatmosphäre.«

»Schleusenatmosphäre sicher«, entgegnete die computerisierte Stimme ihres Schiffs.

»Aber ich habe hier eine verdammte Umweltwarnmeldung!«

»Schleusenatmosphäre geprüft und sicher. Druck normal, Temperatur normal. Rückschluss: Fehlfunktionen in Anzugs-Messarray und Elektronik. Stellen Sie den VacSuit bitte umgehend vollständig zur Überprüfung zur Verfügung.«

Schrotthaufen. Charlotte schüttelte den Kopf. Sie öffnete den Helm, riss ihn vom Kopf, saugte tief die kühle Filterluft des Hauptladeraums ein. Und würgte. Instinktiv griff sie sich an den Hals. Ihre Lunge schien plötzlich mit Wasser gefüllt zu sein. So viel sie auch einatmete, sie bekam keine Luft. Mit einem entsetzten Laut presste sie den Atem wieder heraus, atmete erneut ein und hustete, weil es das Gefühl zu ersticken nur verstärkte. Fahrig hob sie den Helm, versuchte, ihn sich wieder über den Kopf zu stülpen und einrasten zu lassen, doch er glitt ihr aus den Handschuhen, fiel zu Boden und rollte einen Schritt weiter. Charlotte sackte auf die Knie. Sauerstoffmangel ließ ihre Ohren rauschen und begann bereits, die Ränder ihres Gesichtsfelds abzudunkeln. Panik wallte in ihr auf, und sie unterdrückte nur mit äußerster Mühe einen dritten Atemzug, als sie auf allen vieren vorwärtskroch, dem Helm hinterher. Ihre Lunge brannte, und ihr Puls hämmerte so heftig in ihrem Hals, dass in ihr erneut das Gefühl aufstieg, sich übergeben zu müssen. Dann bekam sie den Helm zu fassen, schob ihren Kopf hinein und ließ ihn einrasten. Zischend strömte Atemluft in ihren Anzug. Charlotte sog sie mit einem Schluchzen ein, hustete, atmete erneut durch und blieb keuchend liegen, bis sich ihr Puls wieder zu normalisieren begann. »Olympia! In der verdammten Schleuse fehlt Sauerstoff«, krächzte sie. »Öffne das innere Schott. Sofort!«

»Autorisierungscode erforderlich. Geben Sie bitte Ihren Autorisierungscode ein.«

Hilflose Wut stieg in Charlotte auf. »Du hast meinen verdammten Code bereits! Mach das Schott auf!«

»Autorisierungscode erloschen. Geben Sie bitte einen gültigen Autorisierungscode ein.«

»Was?« Charlotte starrte ungläubig auf den Terminalmonitor in der Wand über ihr, auf dem sich träge das Firmenlogo von ADO Eurospace drehte. »Was soll dieser Mist jetzt? Ich ersticke hier gleich!« Wie aufs Stichwort begann die Dreißig-Sekunden-Warnung in ihrem Helmdisplay zu blinken.

»Ihre Codes wurden wegen nicht autorisierten Zugriffs auf Frachtbehälterschotts deaktiviert. Setzen Sie sich bitte umgehend mit der Flugkontrolle in Verbindung.«

Charlotte fluchte. »Gib mir die Flugkontrolle! Sofort!«

»Kommunikation mit Flugkontrolle zurzeit nicht möglich. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal.«

»Fick dich!« Hastig zerrte sie einen Versorgungsschlauch aus der Bauchtasche und stöpselte ihn direkt in eines der Sauerstoffventile in der Kammerwand. Das erwartete Zischen blieb aus. »Unautorisierter Zugriff«, erklärte ihr das Schiff.

»Audrey! Verdammt, Audrey, öffne das verdammte Ventil!« Panik schnürte ihr den Hals zu.

»Ihre persönliche AVA wurde wegen missbräuchlichen Zugriffs vorübergehend deaktiviert«, stellte das Schiff fest. »Setzen Sie sich bitte umgehend mit der NOAH-Sicherheit in Verbindung.«

Die Vorratsanzeige von Charlottes Anzug sprang auf null, und plötzlich überkam die junge Französin eine unerwartete Ruhe. Sie atmete tief ein und trat an das winzige Bullauge in der Mitte des Außenschotts.

Die Pracht eines Sternenhimmels, den auf der Erde so noch niemand mit bloßem Auge gesehen hatte, blickte teilnahmslos zurück. Für einen langen Moment sah sie schweigend hinaus.

Das All mochte unendlich sein. Doch sie war so weit gelaufen, wie sie konnte, und trotzdem kam für jeden unweigerlich einmal der Punkt, an dem man nicht mehr weiterkam. An dem es keinen Punkt gab, zu dem man noch fliehen konnte. Irgendwann machte es keinen Unterschied mehr, ob man lief oder stehen blieb.

Man sagte, dass die Wege auf die Gipfel des Himalaja mit Toten markiert waren. Vielleicht musste das so sein. Vielleicht mussten auch die Wege zu den Sternen mit Toten markiert werden. Sie atmete aus und wieder ein. Benommenheit machte sich in ihr breit. Kohlendioxid. Das Einzige, was in ihrem Anzug noch kreisen konnte. Es fiel ihr erstaunlich leicht, das Warnsignal zu ignorieren.

Vermutlich wurde sie jetzt zu einer dieser Wegmarken auf dem Zug der Menschen hinaus ins All. Das war nicht der Plan gewesen – aber was lief im Leben schon jemals nach Plan?

Sie atmete erneut ein, und die Dunkelheit schloss sich über ihr, als sie zusammensackte. Ein paar Warnmeldungen flackerten noch für einige Zeit hektisch über ihr Helmdisplay, bis nach einer Weile der letzte Warnton verstummte.

Irgendwann erlosch das Licht in der Schleusenkammer wieder.

ROTE ERDEFünf Tage zuvor

Die staubige Oberfläche des Mars drehte sich gemächlich unter Harmonia Station hinweg und ließ die Nachtgrenze langsam näher wandern. Auf den ersten Blick wirkte der rötlichgelbe Planet genauso tot wie auf den Fotos des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts, als sich die ersten Pioniere darauf vorbereiteten, die Grenzen des menschlichen Siedlungsraums ein weiteres Mal ins Unbekannte zu verschieben. Für das geübte Auge gab es jedoch sehr wohl Unterschiede, die deutlich darauf hinwiesen, dass der kleine Bruder der Erde langsam, aber sicher aus seinem Millionen Jahre währenden Winterschlaf erwachte. Der zarte, bläuliche Schimmer, der in der kaum sichtbaren Atmosphäre am äußersten Rand der Kugel aufgetaucht war, hatte vor weniger als zwei Jahrzehnten noch nicht existiert. Und die vereinzelten Wolkenfelder, die wirkten wie Schwärme von unendlich zerbrechlichen Spinnweben, waren nicht nur Staubstürme, wie sie seit Äonen auf dem Mars tobten. Einige von ihnen enthielten jetzt Wasser, das auf den Staub herabfiel und versickerte, verdunstete, erneut herabfiel, sich zu winzigen Rinnsalen sammelte, zu schmalen Bächen, die Rinnen in die tote Erde gruben, das schlammige Tümpel bildete, erneut verdunstete und irgendwann seinen Weg in einen der Seen fand, die jetzt im schräg einfallenden Licht der Abendsonne glänzten. Es waren nicht viele. Noch nicht. Aber es wurden von Jahr zu Jahr mehr. Jak besuchte den Mars erst seit fünf Jahren, doch auch er konnte es sehen. Jede Saison, in der er zurückkehrte, waren die winzigen Spiegel auf der Oberfläche des Planeten ein wenig gewachsen. Nach allem, was er hörte, genug, um den größten von ihnen bereits Namen zu geben. Der See Neu-Genezareth zum Beispiel war nur rund dreißig Kilometer lang, an den meisten Stellen weniger als zwei Meter tief und so mit genetisch modifizierten Blaualgen vollgestopft, dass es hieß, man könne ihn zu Fuß überqueren, wie das einst schon seinem Namensgeber auf der Erde passiert sein sollte. Er lag an einem der tiefsten Punkte in den Valles Marineris, wo die Atmosphäre des erwachenden Planeten am dichtesten war und die Wolken sich am häufigsten sammeln und abregnen konnten. Doch auch in anderen Regionen tauchte das Wasser auf. Ursprünglich freigesprengt von den Fusionsbomben, die man vor rund vierzig Jahren an den Polen gezündet hatte, hatte das verdampfende Wasser Methan, Kohlendioxid und anderes Zeug in die Luft geschleudert. Das war der Startschuss des großen Terraformingprojekts gewesen, das die vereinigten Marsmissionen großspurig »Projekt Noah« genannt hatten – weil man den Planeten unter Wasser setzen und in eine neue Erde verwandeln wollte. Nur dass es nicht vierzig Tage und auch nicht vierzig Jahre dauern würde.

Jak drehte seinen Sitz und musterte das Netz aus unzähligen Kraternarben, die viele Areale des Planeten bedeckten wie staubige Poren. Sie waren die Spuren Noahs, die Einschlagkrater der Darwinsonden, die jedes Jahr mehr Treibhauschemikalien, mehr Düngemittel und vor allem mehr von den genetisch modifizierten Bakterien und Algen über den Roten Planeten verstreuten. Samenkörner, von denen sich die ersten Vorboten des Lebens zu winzigen Inseln ausbreiteten und Boden wie Luft zu verändern begannen.

Keine vierzig Jahre vielleicht, sicherlich aber auch nicht die fünfhundert, die die Menschheit zu Beginn ihres Aufbruchs ins All angenommen hatte. Dreihundert schienen inzwischen wahrscheinlicher. Ein Kerl in der Messe der Station hatte ihm das letzte Mal erzählt, dass es jetzt vielleicht sogar in weniger als zweihundert zu schaffen war. Die Forschung blieb nicht stehen, und inzwischen pumpten sie dort unten seit mehr als zwei Jahrzehnten Treibhausgase in die Luft, zehntausend Mal stärker als alles, was man sich zu Beginn des Jahrtausends hätte vorstellen können. Die stetig steigende Temperatur setzte mehr und mehr Gas und Wasser aus dem Boden frei, die wiederum dafür sorgten, dass der Mars heißer und heißer wurde und seine Atmosphäre dichter und dichter. Es würde nicht mehr lange dauern, und die dort unten würden ohne Druckanzüge auf dem roten Planeten spazieren gehen können. Vorausgesetzt, sie vergaßen ihre Sauerstoffmasken nicht. Der Kohlendioxidanteil in der Luft überstieg im Moment selbst den der riesigen Industriemegastädte des amerikanischen Ostens um ein Vielfaches. Schon seltsam eigentlich, dass das, was die Erde langsam zu Tode quälte, hier als der Schlüssel zu einer blühenden Zukunft gesehen wurde.

»He, Jakarta, schläfst du? Wie ist der Status von 17-7 auf deiner Seite?«

Die Stimme in seinem Ohr riss ihn aus den Gedanken. »Bin da, Velasma. Jetzt hetz mich nicht.« Er warf einen Blick auf die Uhr, die im Moment die Lokalzeit der Marsstation anzeigte. »Ihr habt euch genug Zeit gelassen. Zwanzig Minuten hinter dem Plan. Also schieb’s nicht mir in die Stiefel.«

Die Verladetechnikerin am anderen Ende der Verbindung klang sogar durch die Kopfhörer deutlich gepresst. »17-7. Jetzt, bitte.«

Jak wischte das Marspanorama vor sich mit einer bedauernden Geste beiseite, um den Statusdaten seines Schiffs Platz zu machen. Schlagartig war das, was soeben noch wie eine gläserne Kuppel gewirkt hatte, mit Zahlenkolonnen und leuchtenden Diagrammen gefüllt. »Alles im grünen. Klammern eins bis zwanzig geschlossen, Container sitzt gerade, Schott schließt dicht.« Er unterdrückte ein Gähnen. »Nina?«

»Alle Systeme melden o. k.« Die rauchige Stimme seiner virtuellen Assistentin schien aus dem leeren Pilotensitz neben ihm zu kommen, ein Trick, den das Programm eigenständig perfektioniert hatte. »Kopplung Stand-by.«

»Koppeln. Danke, Nina.«

»Für dich immer.«

Als Bolzen ihre Halterungen fanden, ging ein dumpfes Dröhnen durch das Schiff.

»In Ordnung, dann kommt hier 17-8«, meldete sich die Marstechnikerin wieder in Jaks Kopf. »Wie sieht’s aus, Jakarta? Die Jungs und ich gehen nachher noch etwas trinken. Nomez hat eine Lieferung Bier von unten mit hochgebracht, und dieses Mal soll ihnen der Ansatz wirklich gelungen sein. Was meinst du? Richtiges Marsbier? Garantiert mit Alkohol und vielleicht sogar aus echtem Getreide. Und ich meine nicht Hydroponikreis!«

»Oi.« Jak schnaubte belustigt und wischte Datenkolonnen über den Schirm. Es war eigentlich nicht notwendig. Nina hatte die Daten bereits in einem Sekundenbruchteil gründlicher gesichtet, als er es je können würde. Aber das war keine Entschuldigung, seine Arbeit nicht zu machen. »Marsbier? Wenn es auch nur halb so schlecht ist wie der Selbstgebrannte, den ihr uns das letzte Mal vorgesetzt habt, habe ich Verwendung dafür. Ich hätte ein paar Meter Bodenlack abzubeizen.«

Die Technikerin lachte. »Es ist besser, verspricht Nomez. In einem Monat wollen sie anfangen, es offiziell zu verkaufen, aber die Leute rennen ihm jetzt schon die Tür ein. Sie haben sich inzwischen sogar auf einen Namen geeinigt. Rockhammer Red.«

»Wie einfallsreich.«

»Jakarta hat bereits eine Verabredung«, warf die Stimme der virtuellen Assistentin ein. »In dreiundfünfzig Minuten.«

»Du hast die Dame gehört, Velasma. Sie hat meinen Kalender im Griff. Morgen, wenn wir hier fertig sind, vielleicht.«

»Dein Pech, compañero. Du hast keine Ahnung, was du verpasst.«

»Ich weiß ganz genau, was ich verpasse. Rajesh und Fazio werden endlos über Glaubensfragen diskutieren. Katalina wird irgendeinen eurer Techniker abschleppen, während alle noch Wetten darauf abschließen, wer dieses Mal das Pech haben wird. Hopper säuft Nomez vermutlich zum zehnten Mal unter den Tisch, und das Ganze endet damit, dass sich irgendwer mit irgendwem prügelt. Und alle haben am Morgen Kopfschmerzen wie von einem anderen Stern. Tut mir leid, aber ich habe die nächsten sieben Tage ausschließlich diese Gestalten um mich. Ich glaube, ich kann heute mal darauf verzichten.«

Velasmas Lachen vibrierte in seinen Wangenknochen. »Ziemlich genau so wird’s ablaufen, ja. Du fliegst die Route eindeutig schon zu lange, bonito. Falls du’s dir anders überlegst, wir treffen uns in Rot Fünf.«

»Alles klar. Lasst mir sicherheitshalber was von dem Bier übrig. Nur für den Fall.« Irgendwo hinter ihm rumpelte dumpf der nächste Container an das Skelett seines Lastzugs. »Vorsichtig damit. Mach mir Dellen in meinen Trailer, und ich sorge dafür, dass du das selbst ausbeulst, und zwar da draußen.«

Velasma lachte erneut und würdigte ihn keiner Antwort. Ein weiteres Rumpeln hallte durch das Schiff. »17-8 sitzt.«

Jak seufzte. Er überflog erneut die Daten, bestätigte und gab Nina den Befehl zum Ankoppeln. Dumpf hallte das Schließen der Bolzen durch das Schiff.

»Schluss für heute.« Er konnte durch den Lautsprecher hören, wie sich die Technikerin drüben in der Station streckte. »Wir sehen uns nachher.«

»Nicht wenn nicht irgendetwas verdammt schiefgeht. Viel Spaß.« Jak trennte die Verbindung, öffnete die Gurte seines Sitzes und stieß sich mit den Fingerspitzen ab, um mit einem eleganten Salto über seinen Sitz ans andere Ende des Cockpits zu schweben. »Nina, mach das Fenster wieder auf und brüh mir einen Schwarzen. Mit viel Zucker.«

Rund um ihn verschwanden die Anzeigen wieder und machten erneut der Illusion einer gläsernen Aussichtskuppel Platz, während er vor der kurzen Verbindungsröhre landete, die das Cockpit mit dem Mannschaftsquartier der Pequod verband. »Und mach mir ’ne Dusche heiß.« Er schälte sich aus seinem Overall, noch während er in Richtung der kleinen Küchenzeile schwebte. Die Nahrungsausgabe blinkte bereits. Ein silberner Beutel mit Nummerncode und der so überflüssigen wie obligatorischen Aufschrift »Vorsicht, kann heiß sein« wartete im Ausgabeschacht auf ihn. Er nahm einen tiefen Schluck aus dem Vakuumverschluss und fluchte vor sich hin. Heiß und bitter, voller Teein und mit einem leichten Nachgeschmack von Schimmel und Scheiße. »Assam« stand in der Beschreibung dieses Nummerncodes. Das Zeug war so weit von einem anständigen Assam entfernt, wie es derzeit menschenmöglich war. Im Moment also rund sechzig Millionen Kilometer. Mars und Mond züchteten dieses Zeug genau aus dem, wonach es schmeckte. Und trotzdem war es besser als überhaupt kein Tee.

Jak trank einen weiteren Schluck und nahm den Rest mit in die Nasszelle. Er war spät dran, und seine Verabredung würde es ihm kaum verzeihen. Er war sich ziemlich sicher, dass es ein Fehler wäre, ungeduscht zu erscheinen. Oder zu müde, um aufmerksam zu sein. Wer weiß, vielleicht war heute ja sein Glückstag.

MUSTERERKENNUNGSieben Tage zuvor

Moses Moletsane war mehr als ordentlich. Er bezeichnete sich selbst als einen akkuraten Mann. Das begann schon bei seiner Haltung, die trotz seines stattlichen Körperbaus grundsätzlich tadellos war. Die deutlich geringere Schwerkraft des Monds half ihm natürlich dabei, sein Körpergewicht mit mehr Eleganz zu tragen, als es ihm auf der Erde je gelungen war. Es machte allerdings die Sache mit seiner Frisur nicht einfacher, und Moletsane legte größten Wert auf den perfekten Schnitt und Sitz. Dazu gehörte auch, dass er es nicht ertrug, wenn sein Haar in ständiger Bewegung war, wie bei den meisten Mondbewohnern, die ihres länger trugen. Und eine einfallslose, militärische Schädelrasur, die ein Großteil der Mooner bevorzugte, kam natürlich ebenfalls nicht infrage. Beachtliche Mengen an Haarwachs waren die einzige Option.

Moletsane war ein Mann, der auf der Erde niemals etwas anderes als einen perfekt gepflegten Anzug getragen hätte, vermutlich mit einem violetten Hemd samt schwarzer Krawatte. Dieser Luxus blieb ihm während seiner Arbeit auf dem Mond verwehrt. Wie jeder seiner Kollegen in Alpha One trug er den vorgeschriebenen VacSuit mit dem gut sichtbaren Logo der Zollunion, der ihm weitgehende Bewegungsfreiheit in den Raumhäfen des Monds gab. Jeder seiner Kollegen allerdings schwor, dass es keinen makelloseren VacSuit in den Docks gab – und das sogar am Ende einer langen Schicht. Moletsane selbst schien Schmutz geradezu abzuweisen, und er war dafür bekannt, alles zu verabscheuen, was unsauber war, angefangen von schlecht gepflegten Schiffen und noch nicht beendet bei nachlässig geführter Buchhaltung. Kurz – er war der Schrecken jedes Schichtführers in den Raumhäfen des Monds. Tandee Sharma zuckte zusammen, als der Zollbeamte ihr Büro betrat. Eilig bemühte sie sich um ein offenes, unverfängliches Lächeln und schickte ein Stoßgebet zur Göttin Maya, in der Hoffnung, dass Moletsane ihre erste Reaktion nicht bemerkt hatte. »Ihr Besuch kommt unerwartet, Herr Moletsane«, stellte sie fest und schloss unauffällig einige Programmfenster auf ihrem Hauptmonitor, ohne den Blick von dem Beamten zu nehmen. »Wir haben heute keinerlei Neuankömmlinge in meinem Abschnitt, und die Verladearbeiten an den beiden Schönheiten dort draußen werden nicht vor morgen ernsthaft beginnen.« Sie deutete aus den beiden Stahlglasfenstern, vor denen im Schatten der Hangars zwei große Orbitalshuttles lagen.

Moletsane erwiderte ihren Gruß mit einem knappen Nicken und trat an eines der Fenster, um die ruhenden Raumschiffe zu betrachten. Hinter ihm betrat jetzt ein Androide den kleinen Raum, ein älteres Modell mit den distinguierten Gesichtszügen eines weißen Butlers und der leicht beunruhigenden Aura eines künstlichen Menschen, der eine Spur zu echt, einen Tick nicht-ganz-echt wirkte. Nicht dass die Erbauer dieser Maschine es nicht besser konnten, aber das, wie auch die seltsam mechanisch-fließende Art, sich zu bewegen, gehörte zu den strengen Auflagen der Hawkingdirektive, die verhindern sollte, dass sich Androiden nicht von lebenden Menschen unterscheiden ließen. Dazu kamen eine bewusste Drosselung ihrer Intelligenz und eine Myriade von Sicherheitsvorkehrungen in Soft- und Hardware. Niemand wollte nochmals so etwas erleben wie die Sache mit der französischen KI in den Fünfzigern, die eine eigene Partei gegründet hatte, um einen neuen Nationalismus in Frankreich zu etablieren. Mit sich selbst als geistigem Nachfolger von Napoleon.

All das diente dazu, die konstante Furcht der Menschen zu zerstreuen, von ihrer eigenen Schöpfung zu einer veralteten Sprosse auf der Leiter der Evolution gemacht zu werden.

Was Tandee betraf, funktionierte es nicht. Sie schluckte, als ihr klar wurde, dass sie nicht wusste, welchen der beiden Eindringlinge in ihrem Büro sie unheimlicher fand.

Der Afrikaner wandte sich schließlich von der Aussicht ab und betrachtete sie von oben bis unten. Tandee stellte sich unwillkürlich vor, wie Zahlenkolonnen durch seine dunklen Augen liefen. »Tandee Priya Sharma, Ladebetriebsleiterin Sektion vierzehn?«

Tandee nickte und warf dem Androiden einen Seitenblick zu. »Die bin ich.« Sie tippte auf die Datenkarte an ihrer Brust. »Aber das wissen Sie mit Sicherheit.«

»Entschuldigen Sie vielmals. Ich folge nur dem Protokoll, Frau Sharma.« Moletsane verschränkte die Hände hinter dem Rücken. »Aber entschuldigen Sie, Tandee Priya Sharma, ich habe vergessen, mich vorzustellen: Moses Moletsane, Zolldivision zwei, Inspektionsabteilung. Obwohl Ihnen das natürlich bekannt ist. Aber das ist kein Grund für Unhöflichkeit. Jedenfalls – Sie hatten vor einem halben Jahr zum ersten Mal um eine Versetzung vom Mond auf die Orbitalstation Deep Space Gateway Four gebeten. Aus …«, er zögerte. Sofort sprang der Androide mit vollkommen emotionsloser Stimme ein. »Aus persönlichen Gründen, sagt die Akte.«

»Persönliche Gründe.« Moletsane rollte diese Worte im Mund herum, als würde er einen Wein verkosten. »Ihrem Wunsch wurde bislang nicht stattgegeben. Es tut mir leid, das zu hören. Darf ich fragen: Liegen sie noch immer vor, diese persönlichen Gründe?«

Tandee dachte an die Frau, mit der sie noch immer ihr Quartier teilte. Weil sie es zusammen gemietet hatten und Tandee in Alpha One keine Bleibe fand, die sie mit ihrem Gehalt bezahlen konnte. Nicht solange sie noch den Kredit abstotterte, den sie, blind vor Liebe, für Ginebra aufgenommen hatte. Die Verliebtheit war längst verschwunden. Ginebra und der Kredit waren geblieben und weigerten sich hartnäckig, aus ihrem Leben zu verschwinden. Stattdessen brachte Ginebra ihre neuen Liebhaberinnen in ihr Quartier mit und …

Sie nickte. »Ja, kann man so sagen.«

»So hatte ich das verstanden.« Der Zollbeamte nickte ebenfalls. »Sehen Sie, zufällig weiß ich, dass oben im Orbit soeben eine Stelle frei geworden ist. Es hat einen Unfall gegeben, und sie benötigen jetzt einen zuverlässigen neuen Ladebetriebsleiter für das Industriedock. Oder eine Betriebsleiterin. Das kommt ganz auf die Person an, die dafür ausgewählt wird.« Er legte eine Pause ein und sah Tandee mit unlesbar liebenswürdiger Miene an.

»Und …« Tandee schluckte erneut. »Und Sie meinen, ich sollte mich darauf bewerben?«

»Das hängt sicherlich davon ab, wie dringend Sie die Stelle wollen«, stellte Moletsane fest. »Aber ich würde es Ihnen empfehlen, ja.«

Sie nickte vorsichtig. »Und wo ist der Haken?«

Das Lächeln des Afrikaners wurde um eine winzige Spur breiter. »Der Haken«, stellte er fest. »Das klingt so negativ. Es gibt keinen Haken im eigentlichen Sinne. Haken würde bedeuten, dass ich Sie ködern müsste, ohne dass Ihnen klar ist, dass ich Sie an Land ziehen will.« Er lehnte sich ein wenig vor. »Sie sind intelligent, Tandee. Sie wissen, dass ich keinen Haken brauche. Und wissen Sie, woher ich das weiß?«

Als die Ladebetriebsleiterin ihn lediglich stumm ansah, seufzte er und richtete sich auf. »Masken«, sagte er. »Masken sind dazu da, unser Gesicht hinter ihnen zu verbergen. Damit unser Gegenüber nur das sieht, was wir ihn sehen lassen wollen, nicht aber, was in uns, was in unseren Köpfen passiert.« Er deutete auf den Androiden, der Tandee unbewegt ansah. »Schauen Sie sich diesen Burschen an. Sein Gesicht ist eine Maske. Eine hoch entwickelte, die dafür da ist, ein genau vorherberechnetes Bild seiner simulierten Empfindungen zu zeigen. Sein Gesicht ist eine Maske, die uns genau sehen lässt, was wir sehen sollen. Alles, was es uns zeigt, ist das, was nötig ist, um von Menschen richtig gedeutet zu werden. Unsere Vorfahren trugen Masken, um sich in etwas zu verwandeln, das sie nicht waren. Tiere, Geister, Götter, Dämonen … Figuren in einem Schauspiel. Und genau wie bei unserem Freund hier ist nicht zu erkennen gewesen, was hinter der Maske vorging. Wir wissen nicht, was er denkt. Er könnte genauso gut meine Steuererklärung vorbereiten, wie Ihren Rechner dort durchforsten, planen, uns alle umzubringen, oder sich heimlich Pornos mit elektrischen Schafen ansehen. Ganz gleich, was, seine Maske wird immer die des hilfreichen Bediensteten sein.« Moletsane sah Tandee erneut an. Die androgynen Gesichtszüge des Androiden hinter ihm blieben unbewegt, aber er legte den Kopf ein winziges Stück schräg, wie um seine Aufmerksamkeit auszudrücken. Tandee schauderte.

»Sie und ich, Tandee, sind da leider anders. Unsere Gesichter sind lesbar. Wissen Sie, dass sich ein Großteil unserer Gehirnkapazität mit nichts anderem beschäftigt als mit der Erkennung von Gesichtsausdrücken und Körperhaltungen unserer eigenen Spezies? Das ist der Grund, warum wir sogar Gesichter in Dingen sehen, die überhaupt keine haben. Und in Ihrem Gesicht, Tandee, steht: ›Im Grunde ist es mir egal, was mir der seltsame Mensch vorschlägt und was seine Beweggründe sind, solange ich nur vom Mond wegkomme. Solange ich nur aus der Hölle von Ginebra Romeros Gesellschaft entkommen kann und aus dem Kredit, der auf meinen Namen läuft. Solange ich neu anfangen kann. Ich werde mich noch ein wenig zieren, aber ich erkenne eine zweite Chance, wenn ich sie sehe. Und wenn ich ehrlich bin, ganz tief drin ehrlich zu mir selbst, dann weiß ich, dass es mir weitgehend egal ist, was ich dafür tun muss.‹«

Tandee sah ihn verwirrt an. Für einen Moment war sie versucht, so etwas wie Das ist nicht wahr, oder Ich glaube, Sie verwechseln mich, oder vielleicht Woher wissen Sie das? zu sagen. Dann wurde ihr klar, dass nur Leute in schlechten Filmen solche Dinge von sich gaben. Also fragte sie schließlich das einzig Mögliche: »Was müsste ich dafür tun?«

Moletsane lächelte erneut. »Die zweite Eigenschaft neben der Mustererkennung, die uns auszeichnet: die Fähigkeit, uns schnell an geänderte Umweltparameter anzupassen. Das hat unsere Vorfahren in wenigen Tausend Jahren aus Afrika heraus und über die gesamte Welt geführt. Also – wenn ich unsere sage, meine ich offensichtlich Ihre. Sie und mich hat sie immerhin auf den Mond geführt.«

Tandee biss die Zähne aufeinander. Langsam begann der Mann, ihr auf die Nerven zu gehen. Wenigstens vertrieb dieses Gefühl ein wenig ihre Verunsicherung. »Was?«, wiederholte sie unwirsch. Immerhin gelang es ihr, eine scharfe Bemerkung herunterzuschlucken.

»Nichts Besonderes. Nichts Illegales, falls Sie das befürchten. Wir bitten Sie lediglich, Ihre hervorragende Arbeit zu tun. Auf Deep Space Four.« Moletsane streckte die Hand zur Seite aus, ohne sich umzusehen. Der Androide legte ein Multitablet hinein, und der Zollbeamte hielt es Tandee entgegen. »Dafür müssen Sie lediglich hier unterschreiben, Frau Sharma. Ihren Versetzungsantrag in Verladesektion E auf Deep Space Four.«

Tandee starrte das Tablet an. Ihr Hals war so trocken, dass sie das dringende Bedürfnis hatte, sich zu räuspern. Unwillkürlich zuckte ihr Blick zu einer der Überwachungskameras im Raum.

»Keine Sorge. Dieses Gespräch bleibt vollständig unter uns. So wie auch alle anderen Dinge, die in diesem Raum gesprochen werden. Zumindest, solange er hier ist.« Moletsane nickte in Richtung des Androiden. »Vertraulichkeit ist in meinem Beruf ein wertvolles Gut.«

Tandee sah erneut auf das Tablet, auf dem ganz eindeutig einer der standardisierten Versetzungsanträge der Heuergesellschaft von Alpha City zu sehen war. Sie kannte ihn in- und auswendig. Immerhin hatte sie im letzten halben Jahr fünf Stück davon ausgefüllt. Die allesamt abgelehnt worden waren. Sie gab sich einen Ruck und presste ihren Daumen auf den DNA-Scanner. Das Tablet nahm automatisch eine Probe und fügte sie dem Dokument hinzu. Dann blinkte es kurz grün auf.

Moletsane nickte und nahm das Gerät wieder entgegen. »Wundervoll. Dann würde ich vorschlagen, dass Sie noch heute Ihre Sachen packen, meine Liebe.« Er deutete auf eines der Shuttles, die auf dem betonierten Flugfeld warteten. »Verabschieden Sie sich vom Mond. Das dort wird morgen Ihr Flug hier hinaus sein. Unsere einzige Bedingung: Es wird zu gegebener Zeit jemand zu Ihnen kommen, den ich Ihnen sende. Zur Zollinspektion. Wenn er sich ankündigt, lassen Sie niemanden und nichts von Bord des Schiffs, das Ihnen genannt wird. Diese Person wird ihr eigenes Verladeteam mitbringen, und Sie werden seine Leute ihre Arbeit machen lassen. Ohne zu fragen, ohne sie zu behindern und ohne dass Ihre Leute unseren Leuten im Weg stehen. Ist das für Sie akzeptabel?«

Tandee nickte. Dieses Mal fiel es ihr etwas leichter. Vermutlich lag es daran, dass sie ihre Unterschrift bereits gegeben hatte. Ihre Entscheidung war gefallen. Moletsane lächelte erneut, und jetzt fiel ihr auf, wie extrem ebenmäßig seine Zähne waren. Ein Schauer zog über ihren Nacken. Ein Film kam ihr in den Sinn, den sie irgendwann spät nachts als Kind gesehen hatte. Irgendjemand hatte darin an irgendeiner Kreuzung einen Vertrag mit dem Teufel geschlossen und ihn mit Blut unterzeichnet. Und was war das anderes als die DNA-Probe, mit der sie soeben ihr eigenes Schicksal besiegelt hatte?

»Verladesektion E«, sagte sie langsam. »Das ist die Sektion, die für die Marsschiffe reserviert ist, richtig?«

»Ich sehe, dass Sie auf dem Laufenden sind. Und ich habe vollstes Vertrauen, dass wir uns auf Sie verlassen können«, stellte der Zollbeamte fest. »Es sind Menschen wie Sie, die wir in den kommenden Jahren brauchen werden.« Er reichte das Tablet an den Androiden weiter. »Ihrem Antrag auf Versetzung ist stattgegeben, Tandee Priya Sharma.« Der Android presste seinen eigenen Daumen auf den DNS-Scanner, und erneut blinkte das Gerät grün auf. »Und im Vertrauen: Da kommen große Dinge auf uns zu.« Moletsane nickte ihr lächelnd zu und wandte sich zum Gehen. »Ich gratuliere und wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.«

Der Android hinter ihm sah Tandee noch einen Moment unbewegt an. Dann blickte er seinem Dienstherrn hinterher und legte den Kopf erneut ein winziges Stück auf die Seite, bevor er dem Zöllner folgte.

1

GO TO HELL

Die ersten Klänge des Barpianos holten Jak langsam an die Oberfläche seines Traums zurück, bevor sich die samtige Stimme von Nina Simone darüberlegte. Die Jazzsängerin begann ihm heiter zu erklären, dass er genau wisse, dass er zur Hölle fahren würde. Für einige lange Augenblicke ließ er sich von der weit über hundert Jahre alten Aufnahme tragen, ohne die Augen zu öffnen. Stattdessen sog er gemächlich die Luft ein, die im ewig gleichen Strom aus der Klimaanlage über sein Gesicht strich. Sie roch wie immer nach einem zu kleinen Raum, in dem ein Mann bereits etwas zu lange lebte, einer Ahnung von Desinfektionsmitteln, frischem Filter und einer Spur Maschinenöl. Jetzt mischte sich ein Hauch von schwarzem Tee darunter und täuschte Jaks Sinne lange genug, um ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen zu lassen. Schließlich jedoch war er ausreichend wach, um sich daran zu erinnern, dass der Duft nicht wirklich aus dem Fach der Nahrungsausgabe kam. Es war lediglich die Art des Schiffs, ihm einen guten Morgen zu wünschen. Selbst wenn der Beutel, der dort auf ihn wartete, nicht luftdicht verschlossen gewesen wäre, wäre der Geruch daraus mit Sicherheit nicht der sorgfältig fermentierter Assamblätter gewesen. Also hatte sich Jak darauf trainiert, die Illusion zu genießen, solange es ging. Schweigend genoss er die letzten Noten der göttlichen Sängerin, bevor er tief durchatmete. »Guten Morgen, Nina.«

»Guten Morgen, Jak«, antwortete Nina Simones Stimme mit derselben Heiterkeit, mit der sie ihm soeben noch You’ll go to Hell prophezeit hatte. »Es ist 07:33 Uhr. Dein Tee ist frisch gebrüht.«

Jak schnaubte spöttisch. »Man kann immer hoffen. Licht, bitte. Dämmerung. Gehen wir es langsam an.« Es ist ja nicht so, als hätten wir einen Termin. Mit einem Seufzen öffnete er den Gurt, der ihn in seiner Schlafnische hielt, und stemmte sich hoch, bevor er die Augen öffnete. Das sanfte Licht einer langsam heraufziehenden Dämmerung fiel durch die beiden Fenster der Kabine und täuschte seine Sinne wider besseres Wissen darüber hinweg, dass der Ausblick auf die träge rollenden graugrünen Wellen des Ozeans und das sanfte Rosa der Wolken im Osten nur das Ergebnis hochauflösender Monitore war. Eine Illusion, so wie die Idee der Richtung Osten im All. Irgendwo zirpte etwas zaghaft. Jak verzog das Gesicht und hob den Zeigefinger. »Wag es nicht.«

»Es gilt als erwiesen, dass Vogelgesang am Morgen dazu beiträgt, den menschlichen Organismus in einen Zustand des inneren Friedens zu versetzen«, sagte Nina Simones Stimme. »Es scheint, dass diese Reaktion im menschlichen Erbgut …«

»Der frühe Vogel fängt sich eine Ladung Schrot«, murmelte Jak. »Hat mein Großvater immer gesagt. Und das liegt in meinem Erbgut. Dusche, bitte.« Er schlurfte durch den tonnenförmigen Raum, zog den silbernen Beutel aus dem Ausgabeschacht und hielt ihn für einen Moment zwischen den Händen, um die Wärme in seine Haut ziehen zu lassen. Der Vogel verstummte. Schweigend lauschte Jak dem Ticken und Knacken im Metall des Schiffs, als Nina irgendwo im Fußboden unter ihm den Wassertank erhitzte. Es waren nur minimale Spannungsveränderungen in der Struktur, doch wie jeden Morgen führten sie dazu, dass das Schiff gewissermaßen erwachte. Ein dumpfes Stöhnen, im Grunde kaum hörbar, ging durch den Rumpf und legte sich unter die Vibrationen der gewaltigen Triebwerke, die seit zwei Tagen unermüdlich daran arbeiteten, den gewaltigen Leib der Pequod abzubremsen. Es mischte sich unter die zahllosen anderen Geräusche, das simulierte Ticken von Anzeigen, das Knarren von Gelenken, das Zischen von verborgenen Hydrauliken – all die Laute, die den Klangteppich eines Raumfrachters bildeten und verkündeten, dass das Schiff am Leben war. Jak rieb die Implantate in Daumen und Mittelfinger seiner Rechten aneinander und scrollte damit durch die Liste der Nachrichten, die während der Nacht eingegangen waren. Er trank einen Schluck aus dem Teebeutel und grinste matt. Die meisten Leute hier draußen, weg von den Oberflächen von Erde und Mond, begannen irgendwann, von Schlaf- und Wachzyklen zu sprechen. Die Arbeiter in den Werften und Lasthäfen der Stationen hatten das Konzept noch gründlicher aufgegeben. Sie arbeiteten in Schichten, und so lebten sie auch. Für ihn aber waren es noch immer Tag und Nacht.

Der Großteil der Nachrichten waren Statusmeldungen und Memos aus Richtung Erde, Kleinigkeiten, die nicht sofort erledigt werden mussten. Eine Handvoll Nachrichtensendungen, die er abonniert hatte. Er würde sie später ansehen.

»Es liegen zwei Nachrichten aus dem Konvoi vor«, warf Nina hilfreich ein, bevor er bis zum Ende gelangt war.

Jak hörte auf zu scrollen. »Von?«

»Kapitän Marco Okoye und Kapitän Aliza Mansoor. Soll ich …?«

»Untersteh dich. Nicht bevor ich geduscht habe.«

Während die Duschbox das überschüssige Wasser von seiner Haut blies und wieder dem Recyclingsystem zuführte, leerte Jak seinen zweiten Beutel Schwarztee und rang mit der Entscheidung, sich zu rasieren. Normalerweise war sein Kopf, wie bei den meisten Piloten, glatt geschoren. Es war der einfachste Weg, Haare davon abzuhalten, in alle möglichen Ritzen eines Raumfahrzeugs zu kriechen, Dinge zu verstopfen, Luftfilter zu blockieren und generell lästig zu sein. Außerdem verbesserte die haarlose Haut den Kontakt zu den Elektroden im VacSuit enorm. Andererseits – wann hatte er den Overall, der das Herzstück jedes modernen Raumanzugs bildete, das letzte Mal wirklich gebraucht? Vor einem Jahr? Eineinhalb? Er rieb sich über den Scheitel, auf dem die Haare inzwischen lang genug waren, um dabei nicht mehr zu knistern. Was sollte es. Wenn es so weit kam, dass er auf die Lebenserhaltungssensoren seines Anzugs wirklich angewiesen war, dann war er sowieso geliefert. Mit einem Seufzen warf er den Rasierer zurück in sein Fach und ließ sich einen frischen Overall ausgeben.

»Lass uns anfangen, Nina.« Er verließ die Dusche, warf den Teebeutel in den Recyclerschacht und hangelte sich zum Aufzug in der Mitte des Raums. Die Tür öffnete sich surrend und gab den Blick in eine sanft beleuchtete Röhre frei, die sich nach oben hin schier endlos fortzusetzen schien. Wobei oben wie alles andere im All relativ war. Im Moment bremste der Konvoi ab, also vermittelte der Anpressdruck das Gefühl, das vordere Ende des Schiffs wäre in Wirklichkeit unten. Und da der Mannschaftsraum auf der Pequod in der vordersten Kapsel untergebracht war, befand sich der Rest des Schiffs über ihm. Das galt auch für das Cockpit. Jak griff nach der Leiter auf der Innenseite des Schachts und stieg nach oben. »Was wollte Marco denn?«

Nina Simones Stimme klang im Inneren der Röhre seltsam dumpf: »Soll ich die Nachricht abspielen?«

»Nein, eine kurze Zusammenfassung genügt.«

»Kapitän Okoye lässt ausrichten, dass er in der vergangenen Schicht die Aldebaran-Instanz erfolgreich bewältigt hat. Er möchte wissen, ob du dich ihm heute in der Konvoimission stellen …«

»Stopp. Danke, Nina, das reicht.« Jak zog sich ein Stockwerk höher aus dem Zentralschacht. »Sag ihm …« Jak zögerte. Der Afrikaner war ein nahezu fanatischer Spieler von Raumsimulationen. Die meiste Zeit fand Jak diesen Umstand reichlich seltsam. Ein Mann, der in einem echten Raumschiff mit unvorstellbaren zwei Millionen Tonnen Masse durch das All zwischen Mars und Erde donnerte, verbrachte seine Zeit am liebsten damit, im virtuellen Raum Raumschlachten durchzuspielen. Andererseits – jeder musste zusehen, wie er die ereignislosen Wochen im Nichts hinter sich brachte. Ein Weg war da wohl so gut wie der nächste – und Marcos vermutlich immer noch deutlich besser als andere. Und, das musste Jak zugeben, die VacSuits, die Hightech-Feedbackanzüge, die zur Ausrüstung jedes der Schiffe gehörten, waren vermutlich das beste AR-Equipment, das sich ein Spieler wünschen konnte. Sollten sie auch. Immerhin kostete einer davon mehr, als Jak vermutlich in seinem ganzen Leben verdienen würde. Sie waren unter anderem dazu da, echte Raumschiffe zu fliegen und echte Raumpiloten am Leben zu erhalten. Außerdem – Marcos derzeitiges Lieblingsspiel war tatsächlich unterhaltsamer als die Realität als Raumpilot.

»Vergiss es. Sag ihm nichts, ich rufe ihn später an. Licht. Gedämpft. Leg mir bitte die Statusdaten auf den Schirm.«

Flackernd erwachten die Lichter und Monitore des Cockpits. Irgendwo im Halbdunkel ratterte etwas mechanisch, und der Widerschein einer grünlichen Laufschrift huschte für einen Moment über die Wände, bevor der Hauptmonitor aufklarte und einen nahezu ungehinderten Blick auf den Sternenhimmel freigab. Was ebenso eine Illusion war wie das Flackern der Lichter und die mechanischen Geräusche zuvor. Jak schniefte. Nina war in letzter Zeit ein wenig melodramatisch. Um genau zu sein: seit dem ausgedehnten Marathon von Weltraumhorrorklassikern, den er sich auf dem Hinflug zum Mars gegönnt hatte. Danach hatte er ihr verbieten müssen, mit der Stimme dieses Bordcomputers namens HAL zu sprechen.

Das Cockpit der Pequod war, wie das Mannschaftsquartier, in einem grob tonnenförmigen Modul untergebracht. Auch dieser Raum war wie bei den meisten alten Modellen der Legrelle-Reihe auf eine Mannschaft von vier Crewmitgliedern ausgelegt. Alles, was nicht vom Hauptmonitor und den vier Pilotensitzen belegt war, war mit Technik vollgestopft, von der schon seit Jahren der größte Teil vom Bordcomputer des jeweiligen Schiffs bedient wurde. So gut wie alles, um genau zu sein, was auch der Grund war, warum Jak diesen ganzen Raum für sich allein hatte. Leute wie er, die Trucker, waren nur noch dazu da, regelmäßig einen Blick auf die Verschleißteile zu werfen, die Maschinen zu warten und im Notfall Flicken auf Stellen zu kleben, an die ein Computer nicht herankam. Aber auch die wurden jedes Jahr weniger. Inzwischen gab es Drohnen für alles. Menschen waren auf Raumtransporten heute nur noch eine weitere Ebene redundanter Systeme. Er zog sich in eine der beiden zentralen Pilotenliegen und setzte seine Brille auf. Sofort tauchten Statusmeldungen, Hinweissymbole und Tabellen vor ihm auf und füllten den Raum zwischen Sternenhimmel und Sitz mit den Daten eines Zwei-Millionen-Tonnen-Raumtransports. Jak blinzelte, wischte den Großteil davon zur Seite und überflog die Statusmeldungen des automatischen Systems. Ionentriebwerke – im Normbereich. Fusionsreaktor – alles grün. Kühlsysteme, Tanks, Luftrecycler, Wasseraufbereitung, Temperatur, Strahlungswerte, Strukturschwingungen, Druck, Netzspannung, Batteriestatus … Die Liste setzte sich noch einige Dutzend Punkte weit fort, und Jak ging sie mit derselben Routine durch wie jeden Tag. Nur zweimal machte er sich eine kurze Notiz. Eine Dichtung in einer der beiden Maschinenraumschleusen konnte beim nächsten Zwischenstopp im Mondorbit einen Austausch vertragen, und eine der Lampen im hinteren Maschinenraum schien zu flackern. Zumindest deuteten minimale Spannungsschwankungen darauf hin. Aber es war eine einzelne Lampe, und er hatte nicht vor, die beinahe siebenhundert Meter nach oben zu fahren, nur um ein Zehn-Cent-Bauteil auszutauschen, das er ohnehin nicht sehen würde. Darum durften sich andere kümmern.

»Alles im Normbereich«, stellte er schließlich fest.

»Alles im Normbereich«, bestätigte Nina aus Richtung der zweiten Liege. Sie trug ein altmodisches Sommerkleid und prostete ihm mit einem Cocktailglas zu.

Jak verdrehte die Augen. »Könntest du bitte ein wenig professioneller sein?«

Das Hologramm lächelte kokett, dann flirrte es kurz und trug jetzt den Standardoverall des Konzerns. »Aber wenn ich eine Anmerkung machen darf«, mit einer ausladenden Geste zog das Hologramm eine der Tabellen vor dem Hauptschirm größer. »Der Container in Sektion neun weist heute erneut Werte im unteren Bereich auf.«

Jak runzelte die Stirn. Er betrachtete die Werte. »Knapp – aber im Normbereich«, stellte er fest. »Was findest du daran bemerkenswert?«

Nina hob eine perfekte Augenbraue. »Die Schwankung ist regelmäßig.« Sie schob die Anzeige zusammen, und weitere Zeilen tauchten auf.

Jak überflog die Zahlen, und sein Haaransatz im Nacken begann zu jucken. »Prüf das bitte so weit wie möglich zurück.«

Nina legte den Kopf schief. »Dreihundertzwanzig Werte, dann beginnt der nächste Zyklus nach sechs Stunden und zwölf Minuten erneut. Eine perfekte Sinuskurve. Das ist seit dem Beladen auf Harmonia Station so.«

Jak sah sie an, auch wenn ihm klar war, dass das Hologramm lediglich in seine Brillengläser projiziert wurde. »Von wie perfekt reden wir?«

»Keine Abweichungen seit dem Start.«

Gedankenverloren kratzte er sich den Nacken und musterte die Werte erneut. Schwankungen in den Messwerten der Container waren normal, regelmäßige ebenfalls. Die meisten Abläufe des Schiffs verliefen in Zyklen. Metall erwärmte sich und kühlte ab. Steuerdüsen lösten aus, und selbst seine eigenen Schlaf- und Wachzyklen hinterließen winzige Spuren in den Messwerten. Was allerdings nicht vorkam, waren perfekte Wiederholungen. »Hm. Das ist bemerkenswert, du hast recht. Prognose bitte.«

Das Hologramm strich sich über die kurz geschorenen Locken. »Mit zweiundsiebzigprozentiger Wahrscheinlichkeit ein Softwarefehler im Sensor«, stellte es fest.

Jak verzog das Gesicht. »Das bedeutet: eine Chance von eins zu vier, dass es etwas anderes ist. Kannst du das noch etwas genauer eingrenzen, Nina?«

Seine virtuelle Assistentin gab ihrem Hologramm für einen kurzen Moment den Anschein, die Daten erneut zu sichten – Ninas Version einer dramatischen Pause, denn in Wirklichkeit konnte die Prüfung der Optionen nicht mehr als eine Hundertstelsekunde benötigt haben. Jak hatte irgendwann einmal darüber gelesen. Virtuelle Assistenten hatten Eigenheiten dieser Art angeblich mit voller Absicht erhalten. Es erfüllte irgendeinen wichtigen psychologischen Zweck, der ihm längst wieder entfallen war. Vermutlich denselben, wegen dem man seinen AVA mit Name, Stimme und Aussehen personalisieren konnte.

»Tut mir leid«, sagte Nina. »Eine genauere Eingrenzung ist nicht möglich.«

»Irgendeine Chance, dass die Werte trotz eines Sensorfehlers korrekt oder zumindest innerhalb der Toleranzen sind?«

»Natürlich. Eine Chance besteht. Ich kann dir aber nicht sagen, welche. Ich gehe allerdings von über fünfzig Prozent aus.«

Jak scrollte ein letztes Mal durch die Zahlenkolonne, bevor er seufzend das Fenster schloss. »Woraus schließt du das?«

»Die Pequod ist noch intakt. Ein Fehler außerhalb der Toleranzen hätte sich spätestens bei der Schubumkehr zur Einleitung der Abbremsung kritisch ausgewirkt«, erklärte sie nüchtern.

Das Jucken in Jaks Nacken wurde unangenehm. »Das heißt, damit können sich auch die Leute auf Deep Space Four darum kümmern, wenn wir im Mondorbit sind?« Es hatte keine Frage werden sollen.

»Das, oder in der finalen Anflugphase tritt ein Problem auf«, entgegnete Nina und verschränkte die Arme.

Jak betrachtete das Hologramm. Dann seufzte er und kratzte sich im Nacken. »Ich sollte nachsehen.«

»Du solltest nachsehen«, bestätigte Nina. »VacSuit zwei ist vollständig geladen.« Sie nickte zum Staufach direkt neben dem Bullauge der Schleusenkammer. »Du hättest dich rasieren sollen«, fügte sie hinzu, und Jak war sich fast sicher, so etwas wie einen kritischen Unterton aus ihrer Stimme herauszuhören. Er verzog das Gesicht. »Ich schätze, ich habe heute nicht viel anderes vor, oder?«

»Dein Kalender hat keine weiteren Einträge«, bestätigte Nina.

»Na dann. Bringen wir’s hinter uns.«

Der VacSuit war eine recht neue Weiterentwicklung auf dem Gebiet der Raumanzüge und im Grunde nicht mehr als beheizte Unterwäsche aus mehreren Lagen Karbonnanoröhren, die sich mittels elektrischer Spannung ausdehnen und zusammenziehen konnten. Er sah aus wie ein Trockentauchanzug und sorgte dafür, dass in seinem Inneren immer derselbe Druck herrschte, egal ob er sich im All oder in der Tiefsee befand. Nebenbei bewältigte er Heizung, Kühlung und Abtransport von Schweiß und anderen Körperausscheidungen, überwachte mittels zahlreicher Messpunkte seine Vitalwerte und bot auch noch deutlich mehr Schutz gegen mechanische Beschädigung als die bis dahin üblichen, klobigen Schutzanzüge. Als Folge davon wurden die Raumanzüge deutlich leichter und beweglicher als in den Anfangszeiten der Raumfahrt. Was nicht bedeutete, dass sie bequem oder einfach anzuziehen waren.

Außerdem war sich Jak fast sicher, dass er auf irgendetwas in diesen Dingern allergisch reagierte. Leise fluchend schloss er die zweite Haut seines Anzugs und überprüfte alle Siegel, bevor er den Helm aus seinem Fach nahm. »Ich hasse die Röhre, Nina. Wirklich.«

»Das hast du bereits mehrfach erwähnt.«

Jak warf dem Hologramm einen Seitenblick zu, setzte dann die Brille ab und den Helm auf. Mit leisem Zischen versiegelte der Anzug, und das Helmdisplay erwachte zum Leben. Ninas Hologramm tauchte erneut auf.

»Und ich mag deinen schnippischen Tonfall nicht.«

»Meine Einstellungen lassen sich jederzeit im Hauptmenü ändern.«

»Schon. Aber wer garantiert mir, dass du sie nicht selbst wieder zurücksetzt?« Er stieg erneut in die Röhre und klinkte sich dieses Mal in die Transportschienen ein, die in dem kaum eineinhalb Meter durchmessenden Schacht die Funktion eines Lifts übernahmen, und sah nach oben. Eine massive Schleusenklappe versperrte im Moment dort den Weg.

»Niemand«, stellte Nina trocken fest, »aber es würde gegen meine Programmierung verstoßen.«

»Das behauptest du jetzt. Schleuse öffnen und abfahren.«

»Etwas anderes zu behaupten würde ebenfalls gegen meine Programmierung verstoßen«, sagte Nina.