Märenborn - Norman Liebold - ebook

Märenborn ebook

Norman Liebold, Liebold Norman

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Opis

Dem Spielmann Nahtegal, vom Spielmannswind ins Burgenland geweht, erscheint die Mondgöttin im Traum. Sie befielt ihn zum Vollmond in die Kuno Klamm. Doch bis Nahtegal dem Befehl nachkommen kann, tritt das Wolfsschaf an ihn heran, ein Wesen, nicht Schaf noch Wolf und auch kein Mensch, um ihm seine leidvolle Geschichte zu erzählen. In der Kuno Klamm warten eine Nixe und ein Steintroll auf ihn, seit tausend Jahren verwunschen, um ihn zu bitten, ihre Geschichte in die Welt zu tragen - denn nur wenn sie ein Liebespaar so sehr rührt, daß es kommt und sich einer Prüfung stellt, können sie erlöst werden. Nahtegal erfüllt ihre Bitte, findet seine Spielmännin, zieht mit der Geschichte aus der Kuno Klamm durch die Lande, begegnet dem Wechselbalg und muß nach einem Jahr feststellen, daß die Herzen kalt geworden sind und niemand gerührt wird. Voller Wut schreit er seine Zuhörer an, ob sie ein Herz aus Stein hätten - und wird von der Mondgöttin beim Wort genommen. Um zu beweisen, daß sein Herz nicht aus Stein ist, muß er zusammen mit seiner Liebsten die Prüfung selbst bestehen und den Geheimen Garten finden. Geschichten aus Dunkeldeutschland - vom Wolfsschaf bis zur Mondgöttin: Das Wolfsschaf, Kuno Ohneland (Romanversion), Brief aus Anderswelt, Der Geheime Garten, Anhang: Kuno Ohneland (Versversion). Amator Veritas Buch Nr. 28, dem "Nahtegal-Zyklus" zugeordnet.

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Norman Liebold

Märenborn

Nâhtegals Burgenlandbuch

mit Illustrationen von Norman Liebold und Vera Walterscheid

AMATOR VERITAS

Digitale Version der Erstausgabe 2002.

Amator Veritas Buch Nr. XXVIII
Covergestaltung von N.Liebold und Jens Finkhäuser.
Illustrationen von Norman Liebold und Vera Walterscheid
Copyright © 2002
Norman Liebold und Amator Veritas Verlag, Hennef.
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere die des öffentlichen Vortrags, der Übertragung durch Rundfunk, Fernsehen und elektronische Medien, sowie der Übersetzung auch einzelner Teile.

Widmung

Den Vätern Beorns: Michael Frank, dem Bildhauer, Maxim Spektor, und Landi „Graywolf“ Landefeld. Und all jenen Künstlern, die für ihre Kunst kämpfend auf Bequemlichkeiten, Luxus

Die sind die Geschichten Nâhtegals des Spielmanns, abgelauscht im Burgenland, wo die Saale ihren Bogen schlägt. Dies ist überdies der Bericht, wie Nâhtegals Erzählen auf ihn zurückgeschlagen, um ihm Lehre zu erteil‘n.

Da ist ein Wind, den nennen die Spielmänner Spielmannswind. Der Spielmannswind ist‘s, der die Spielmänner vorwärts treibt, er ist des Spielmanns Schicksalssturm: Ruhelos und ruhig zugleich treibt er ihn durch die Landen - seine Bestimmung ist zu suchen und zu finden, sein Wille zu begreifen, sein Brot, den Leuten Geschichten zu erzähl‘n, zu singen und zu spiel‘n. Ein seltsam Volk ist das Spielmannsvolk: Jeder kennt‘s, und doch umweht‘s stets ein Hauch von Einsamkeit - einem losen Blatt im Herbst gleicht der Spielmann, ist loses Blatt im Spielmannswind. Glücklich der Spielmann, der seine Spielmännin fand, Heimat ihm auf der Straße, wohin der Wind Spielmann und Spielmännin auch immer treiben mag. Glücklich so Nahtegal: Dank jetzt und hier seiner Spielmännin!

Einst, vor zwei Jahren in seiner, vier Jahren aber in Eurer Zeit, trieb der Spielmannswind Nahtegal vom Blocksberg her ins Tal. Übernächtigt war er, manch Mär hat er abgelauscht den Hexen droben an Walpurgisnacht, und seine Glieder schmerzten ihm vom Preis, den er dafür bezahlt.

An einem Fluß entlang trieb‘s den Nahtegal, der schlug einen weiten Bogen zwischen hohen Wänden von Karst–Gestein, und droben auf den Klippen stand Burg bei Burg. Da hielt der Spielmannswind den Atem an. Dies geschieht manchmal, der Spielmann weiß darum: Wie der Spielmannswind wehend sagt „Zieh fort und fort“, so heißt er den Spielmann schweigend „Halt ein und Dein Auge offen!“

So hielt Nahtegal in seinem Wandern inne, nahm sich ein Zimmer und wartete. Seine Träume sprachen ihm von einer engen Schlucht, drüber der Vollmond stand. Im Fluß davor schwamm die Wasserfrau, schaute ihn bittend an, und eine Stimme war über allem, die war nicht von dieser Welt. Die sprach: „Nahtegal, ich hab Dich hergeführt, eine Märe sollst Du für mich schmieden!“ Und am Morgen frug Nahtegal die Wirtin: „Sagt, ist eine enge Schlucht hier, am Fluß gelegen?“

Die Wirtin schickt‘ Nahtegal gen Süden, da fand Nahtegal die Schlucht, die ihm geträumt. Sie lag grad zwischen zweier Burgen Trümmer und hieß die „Kuno Klamm“.

Doch es war Neumond noch, zwei Wochen blieb still der Spielmannswind. Sein Brot zu finden zog Nahtegal umher, erzählte seine Mär‘n, sang und spielte. Auch nach Pforta kam Nahtegal, sein Brot sich zu verdienen, unter der alten Platane stund Nahtegal, seine Mären zu erzähl‘n, und ein holdes Augenpaar fing ihn ein dabei. So kam Nahtegal oft des Nachts die Stunde am Fluß hinab, um in ein gewisses Fenster hineinzuschlüpfen. Als Nahtegal seine Spielmännin noch nicht getroffen, war Nâhtegals Liebe stets wie ein Apfel, den im Wandern man abpflückt. Doch in einer Nacht war das Fenster abgeriegelt, und dahinter sah Nahtegal einen andren Mann den Apfel pflücken - das kennen Spielmänner nur zu gut: Der Spielmann ist stets willkommen im kalten Bett, doch der stete Gast zählt mehr als er.

Nahtegal setzte ein wenig traurig in den Kreuzgang sich, spielt‘ den Schatten mit einer Flötenweise sich vom Herz. Die Weise sprach vom Herbst und vom losen Blatt, das hoch und einsam durch die Lüfte treibt. Ein leises Wehen hub an vom Spielmannswind, kein Drängen, ein Streicheln mehr zum Trost, der Spielmannswind kennt gut das Spielmannsherz. Vielleicht zum Trost schenkte der Spielmannswind in jener Nacht Nahtegal die erste Geschichte aus dem Burgenland, und Nahtegal erzählt sie jetzt grad so, wie er seitdem die Geschichte zu erzählen pflegt, er erzählt

Das Wolfsschaf

I.

Einst überraschte mich ein Unwetter, der Regen drosch nur so auf mich ein und ich suchte Zuflucht in einem alten Kloster. Im Kreuzgang war ich vor dem Wetter geschürzt, doch es wollte nicht weichen, und die Nacht brach herein. An ein Weitergehen war nicht zu denken, und so holte ich einige Kerzen aus meinem Reisesack, tropfte sie auf den Stein fest und machte es mir so bequem als möglich.

In solchen Momenten fühlt man sich oft einsam und verlassen, und drum nahm ich meine Flöte und spielte einige Melodei‘n, um mir die Einsamkeit aus dem Herzen zu vertreiben.

Ich weiß nicht, wie lang ich so gesessen und gespielt, aber irgendwann hörte ich ein Geräusch im Kreuzgang, ein Kratzen wie von Krallen über Stein und ein seltsames Röcheln und Seufzen, und meine Nackenhaare stellten sich auf. Es war wieder eine Weile still, nur der Wind heulte in einer Mauerritze, und ich entspannte mich ein wenig. Allein es dauerte nicht lang, da ertönte wiederum das Kratzen und diesmal war es näher.

Die Wolken über dem kleinen Klosterhof rissen auf, und durchzogen von dem kahlen, schwarzglänzenden Geäst der großen Platane erschien der Mond riesig und rötlichblaß und warf Schatten hinter die Säulen und ins Gewölb‘.

Die Kerzen flackerten, zitternd kroch ihr Licht die Arkaden hinauf und versank im Schwarz.

Und wieder war da das Geräusch, ganz nah, hinter der nächsten Säule. Gebannt starrte ich darauf, aber ich hörte nichts. Fast hatte sich meine Angst verflüchtigt, fast die Nackenhaare sich wieder niedergelegt, da streckte etwas seinen Kopf hervor hinter dieser Säule und schaute mich an mit großen dunklen Augen.

Ich schrie, der Kopf verschwand.

Voller Furcht saß ich in meiner Arkade im Licht der Kerzen, starrte dorthin, wo der Kopf erschienen war, greulich und entstellt, und klappte mein Messer auf und hielt es fest umfaßt.

Nach einer Weile schaute der Kopf erneut hervor und sah mich an.

Es war ein seltsamer Kopf. Zuerst dacht ich an ein Schaf, aber wenn es der Kopf eines Schafes war, dann war es auf schreckliche Weise mißgestaltet. Die Augen waren übergroß, die Ohren zerfetzt, die Zähne ragten spitz zulaufend aus dem Maule und das gelockte Fell war gefleckt und kahl an einigen Stellen.

Aber trotz dieser Häßlichkeit war da etwas in seinen Augen, das rührte mich an. Es war etwas Einsames, Trauriges, und so schaute ich es nur an, ganz still, und bald kam das Wesen mehr und mehr hervor hinter der Säule. Es tat dies sehr scheu, mir kam der Gedanke, daß es sich ebenso vor mir fürchtete wie ich mich vor ihm, und es schien etwas Fragendes in seinem Blick zu sein, als ob es darum bäte, sich zu mir gesellen zu dürfen.

Ich lächelte ihm zu und alsbald kam es ganz nah an mich heran und schnüffelte, die Nüstern geweitet, an meinem Mantel. Ich hielt ganz still, es war auch keine Angst mehr in mir, denn diese Augen, sie bedrohten mich nicht, sie wirkten vielmehr verunsichert und Schutz suchend.

„Setz Dich doch“, sagte ich mit vertraulich gesenkter Stimme, aber ich konnte es nicht über mich bringen, dieses Ding zu streicheln. Es ekelte mich davor, wie etwas in uns sich vor einer mißgestaltigen Natur immer ekelt, als könnte eine Berührung uns anstecken.

Das Wesen schaute mich an, und für einen Moment wollte es mir scheinen, als grinste es. Es hatte eine unglaublich bewegliche Mimik, und manchmal schien sie fast menschliche Zuge anzunehmen.

„Danke sehr, Mensch“, sprach das Wesen und sprang mit einem Satze auf die Balustrade und rollte sich mir gegenüber zusammen, die Schnauze auf den Pfoten.

Ich war einigermaßen überrascht, wie man sich wohl denken kann, und wohl ist dies eine sehr untertriebene Formulierung.

Es war das erste Mal, daß ich ein Tier habe sprechen hören. Es sah wohl, wie sehr ich verwundert war und grinste erneut.

„Ja, Ihr Menschen, ihr wisst vieles nicht“, sagte es. „Glaubt Ihr denn, Ihr allein hättet die Gabe zu sprechen, nur weil Ihr unfähig seid, die Sprachen der Tiere zu verstehen?“

Ich wußte darauf keine Antwort zu geben und schaute das Wesen nur an, und mit dem Ekel vor seiner Mißgestaltetheit mischte sich leises Grauen ebenso wie Faszination.

Mit sehr unsicherer Stimme fragte ich es, was oder wer es sei, und hier grinste es wieder auf diese seltsam wehmütig bissige Weise und sprach, daß sich darüber die Geister teilten.

„Nennt mich schlicht das Wolfsschaf“, sagte es.

Ich wiederholte dies Wort. „Wolfsschaf?“, so fragte ich, und es bewegte bestätigend die Schnauze.

„Es ist dies eine höchst seltsame Geschichte, was sich mein Leben nennt“, grinste das Wolfsschaf und ein bettelnder Ausdruck kam in seine Augen. „Wollt Ihr sie hören?“

Und ohne noch auf meine Antwort zu warten, fuhr es fort: „Ich möchte Euch wirklich nicht zu nahe treten, müßt Ihr wissen, ich weiß wohl, es ist dies eine seltsame Stunde, wo ein Ding wie ich hinter der Säule hervorkriecht, sich Euch gegenüber hockt und Euch von seinem Leben erzählen will, aber hört, Ihr macht einen guten Eindruck auf mich, den Eindruck von einem Menschen, der die Dinge sieht, wie sie sind und nicht einen fortstößt, nur weil man greulich anzuschaun ist.“

Es schwieg.

„Es gab Zeiten, da habe ich einen großen Hass wider Euch Menschen verspürt, müßt Ihr wissen, und ich habe viele Eurer Art getötet, da hielt ich mich noch für den Letzten der Wölfe und wollte mein Volk rächen an Euch. Aber ich bin kein Wolf, ich bin, ich weiß nicht was, und lange Zeit habe ich mich keinem mehr gezeigt, bin Schatten geworden und unsichtbar und habe meine Augen überall gehabt und sah, daß es auch unter Euch Wesen gibt wie mich. Ihr seid der erste, dem ich mich zeige, ich kann Euch nicht sagen, warum, vielleicht, weil Ihr so still hier im Kreuzgange saßet, und wie ich Euch beobachtete, wie ich Euer Flötenspiel hörte, da kamt Ihr mir verwandt vor, neinnein, Ihr seid nicht mißgestaltig wie ich, aber vielleicht schaut Eure Seele aus wie ich. Wie dem auch sei, jetzt sitze ich hier und will Euch erzählen, was mir widerfuhr, und ich will Euch bitten, vielleicht könnt Ihr mir sodann vielleicht sagen, was ich hin. Sagt mir, wollt Ihr meiner Geschichte zuhören, oder soll ich wieder zum Schatten werden?“

Ich sagte ihm, es solle mir seine Geschichte erzählen, die Nacht wäre lang, und an Schlaf war nicht zu denken - da käme mir eine gute Geschichte gerade recht, die Zeit mir zu vertreiben.

II.

„Nun wohl“, hub das Wesen an, das sich das „Wolfsschaf“ nannte. „Ich wuchs unter Schafen auf in einem Lande von Hügeln, die, mit nichts als Gras und wenigen Sträuchern bedeckt, sich von Horizont zu Horizont zogen - das ist schon sehr lang her, müßt Ihr wissen. Ich glaubte daran, daß ich ein Schaf sei, und ich lebte als Schaf, oder versuchte es zumindest.

Wisst Ihr, die Gräser machten mich nie recht satt, ich schnappte nach Regenwürmern und Käfern, auch nach Mäusen und Maulwürfen, und ich schämte mich sehr deswegen, denn ich sah kein anderes Schaf solches tun.

Auch fühlte ich mich sehr fremd unter den Schafen, als würde ich nicht recht dazugehören, und das war schrecklich:

Ich war nicht allein, und doch war ich einsamer, als Ihr es Euch vorstellen könnt.

Wie oft sah ich den anderen jungen Schafen zu, wie sie sprangen und einander jagten, wie sie zusammengeschmiegt schliefen und war sehr traurig dabei, denn sie mieden mich und ich mied sie.

Manchmal hatte ich versucht, einer der ihren zu sein, allein, das wollte nie so recht gelingen.

Entweder nahmen sie sofort Abstand und gaben mir wortlos zu verstehen, daß sie mich nicht mochten, oder aber, noch weit häufiger, ich fühlte mich unwohl und wollte schnell wieder allein sein. Denn obgleich ich mich da nicht weniger einsam fühlte, so konnte ich doch wenigstens einfach Sein, anstatt mich zu verstellen.

Heute glaube ich, daß die anderen Schafe vielleicht auch gerade darum mich mieden und Angst hatten: Ich war ihnen fremd und unheimlich, sie verstanden nicht, wie ich allein stundenlang, manchmal ganze Tage und Nächte, über die Hügellande striff.

Einmal lag ich des Nachts abseits der anderen, wie ich immer lag, zu dem zusammengerückten Haufen der Herde sehnsüchtig hinüberäugend, da stieg der Mond groß und rot und voll über die Hügel auf, und wie er langsam den Himmel hinauf kletterte, da macht er ein Gefühl in meinen Eingeweiden, daß ich aufsprang und wie gebannt zu ihm hinstarrte.

Und je mehr ich zu ihm hinstarrte, um so lauter wurde ein Ton in mir, der zitterte in meiner Brust und drängte nach außen, und dann brach er hervor und zog sich als langgestrecktes Heulen über die Hügellande hin. Und so mächtig war er und so stark, daß ich selbst vor ihm erschrak und zitternd mich zusammenrollte.

Ich äugte zu der Herde hinüber und sah, wie sie aufgesprungen war und zitternd sich auseinanderdrängte, und da rannte ich fort und rannte die ganze Nacht und verkroch mich in einer Erdspalte, da hing ein Haselstrauch darüber. Tagelang blieb ich dort verkrochen und kannte mich selbst nicht mehr, und als ich letzthin zu meiner Herde zurückkehrte, da sagte man mir, und das kam mir verlogen vor, daß man geglaubt habe, der Wolf hätte mich geholt. Und die ich für meine Eltern hielt, die sahen mich so fremd an und mit einer Angst in den Augen, die mich noch mehr verwirrte.

Ich hielt mich mehr noch von den andern fern als vordem, streifte tagelang umher, verbot mir, nach Regenwürmern und Wühlmäusen zu schnappen und magerte ab mit jedem Tag.

Des Nachts, wenn Freund Mond am Himmel stand, biß ich mich fest in einem Stück Holz.

Und als ich einmal meine Eltern fragte, ob sie wirklich meine Eltern wären, da schwiegen sie betreten.

Aber mit der Zeit benahm man sich wieder mir gegenüber wie früher. Die anderen jungen Schafe sogar schienen mich nicht mehr so zu meiden, aber ich sah, wie sie es nicht gern taten, vielleicht wurden sie von den Alten dazu angehalten.

Sie neckten mich, und wenn die Alten nicht hinschauten, da traten sie nach mir, bissen mich sogar. Und dann kam, manchmal, ein seltsames Fühlen in mir auf, ich sah alles rot und sah mich die Schafe zerreißen mit meinen Zähnen, wie ich Wühlmäuse zerrissen, und dann stieg ein Grollen in meiner Kehle auf, und geduckt stand ich im Kreis und starrte meine Peiniger an und knurrte, und da waren sie plötzlich ganz still, und Angst war in ihren Augen, und sie rannten fort. Dann lief ich zu der Erdspalte unterm Haselstrauch und verbarg mich lang dort und kam manchmal erst nach Wochen wieder.“

Das Wolfsschaf schaute mich an und versuchte zu lächeln.

„Das war meine Kindheit als Schaf, und ich kam langsam auch in das Alter, wo die Schafe sich zu verlieben pflegen und ein Schaf fand das andere um mich herum, und nur ich blieb einsam. Ich mochte eines der Schafe gern, das war das einzige, das mich nicht ärgerte oder mir böse Worte nachrief.

Es war immer sehr still, stand zwar bei den anderen, machte aber die Hänseleien und Bösartigkeiten nicht mit. Manchmal auch sagte es mir etwas Liebes oder lächelte mich an, und so sagte ich mir, daß ich es liebte, vielleicht.

Eines Tages ging ich hin zu ihm und sagte: „Möchtest Du meine Gefährtin sein?“ Aber es schaute mich nur erschrocken an, schüttelte den Kopf, und ich sah Ekel in seinem Blick.

Das kann man gut verstehen, nicht wahr? Ich trug zwar damals ein Schaffell, das hatte man mir umgebunden, aber meine Schnauze mit den Zähnen darin, die schaute doch hervor und auch meine Augen, und sagt, sind dies die Augen eines Schafes?“

Es blickte mich an, und wahrlich, das waren keine Schafsaugen, da war ein Funkeln darin und ein Hunger nach Blut.

„Meine Kindheit“, so fuhr es fort, „Vielmehr meine Zeit als Schaf, endete sehr abrupt. Es war eines Nachts, als ich wieder abseits der Herde in einer Mulde lag.

Plötzlich hing ein Geruch in der Luft, der meine Nackenhaare sich aufstellen ließ, und geduckt schleichend verließ ich meine Mulde und sah im Mondenlichte einen Schatten dahinkriechen in Richtung der Herde, und ich schlich ihm nach.

Und ich sah, wie der Schatten ganz nah an die Herde herankroch, plötzlich aufsprang und mit einem ungeheuren Satze sich auf eines der Wollknäule warf, die da schlafend lagen. Ich hörte ein kurzes Fiepen, dann das Knacken von Knochen und ein Knurren und ich roch Blut, und der Geruch stieg mir zu Kopf.

Etwas in mir brach hervor, ließ mich aufspringen und zu dem Schatten hinjagen, einen Satz machen, und dann wälzten der Schatten und ich uns durch das Blut des toten Schafes.

Wir bellten und knurrten und Zähne gruben sich in meine Weichen, und plötzlich hatte ich etwas Warmes zwischen meinen Kiefern, und die Kiefer schnappten zu und zerrissen, was zwischen ihnen war, zerrten hin und zerrten her, und warmes Blut floß in mein Maul, und der Leib, der auf mir lag, wurde schlaff und schlaffer, und ich spürte, wie das Leben aus ihm wich. Und als der Rausch von mir wich, da sah ich das zerfetzte Schaf und den Schatten mit der aufgerissenen Kehle, und meine Kiefer öffneten sich. Ich wand mich hervor und rannte und rannte und rannte, bis ich irgendwann zusammenbrach.

Als ich wieder zu mir kam, da war nichts mehr in mir als brennender Durst, und nahebei hörte ich ein Wasser plätschern, und so stand ich auf, ging dem Plätschern nach und fand ein Becken, das war voll mit klarem Wasser, und aus einem Stein ergoss sich ein Strahl hinein.

Ich setzte auf den Rand und wollte trinken, aber als ich mich hinüberbeugte, erblickte ich mein Spiegelbild. Das Schaffell war im Kampfe zerrissen und hing in Fetzen, und ich sah, was Ihr jetzt seht, und erschrak und ekelte mich und stürzte mich hinein in das Becken und wollte mich ertränken. Allein, als ich untergesunken war und keine Luft mehr bekam, da schrie etwas auf in mir, das wollte leben, leben, nichts als leben: Es strampelte und zuckte und brachte mich an die Oberfläche zurück. Ich kletterte auf den Rand und wußte, daß ich nicht sterben wollte. So trank ich und begann zu wandern.“

Das Wolfsschaf schwieg eine Weile und schaute mich an. Es war ein wenig so, als versuche es, Ekel in meinen Mienen zu entdecken, Ekel wider es, vielleicht, weil es gemordet hatte. Aber da war kein Ekel mehr in mir, ich fühlte mit ihm, und es erschien mir in ganz neuem Lichte, was es gesagt hatte von wegen, es hätte sich mir verwandt gefühlt. Denn nun ging es mir ganz ähnlich. Was es erzählt hatte von seiner Einsamkeit unter den Schafen, die dann am größten war, wenn es nicht allein sein konnte, das kannte ich nur zu gut, und auch das Ausgestoßensein, das zumeist von einem selbst ausgeht.

Und so ward ich immer interessierter an seiner Geschichte und gab ihm das kund. Und es hob die Schnauze von den Vorderpfoten und hub an, fortzufahren.

III.

„Nachdem ich aus dem Becken geklettert war“, zog es sein Resümee, „war meine Kindheit beendet.

Ich möchte es so sehen, wisst Ihr, denn die üblichen Einteilungen von Kindheit, Jugend, Erwachsensein und Alter, sie sind hätte nicht auf mich anzuwenden.

Für ein Schaf hätte ich längst erwachsen sein müssen, für einen Wolf auch, in Menschenjahren gezählt war ich noch Kind, und jetzt bin ich älter, als je ein Schaf, ein Wolf oder ein Mensch geworden ist.

Ich bin älter als die ältesten Bäume, und also setze ich so hier das Ende meiner Kindheit an, denn ich hatte mich sehr verändert.

Ich war nicht länger Schaf, wußte, daß ich irgendetwas anderes war und mußte dies verstehen lernen. Ich streifte umher nach einem Ort der Ruhe, und als ich Wochen über die Hügel gewandert war, da kam ich an den Rand des Waldes, und ich trat ein in diesen Wald, und vielleicht verlebte ich hier meine glücklichste Zeit.

Ich wußte nur, was ich nicht war, nämlich ein Schaf, und suchte mir meinen Weg zu leben. Ich horchte auf mein Inneres und folgte ihm, und niemand störte sich daran und niemandem war ich Rechenschaft schuldig.

Wenn der Mond groß und voll und bleich am Himmel stand, da ging ich auf eine Lichtung im Wald, streckte die Schnauze Freund Mond entgegen und ließ das Heulen aus meiner Brust herausbrechen, bis es wieder stille ward in mir, und das war eine Zeit, wo ich, vielleicht zum ersten Male, ruhig schlief anstatt im qualvollen Halbdämmer nur zu dösen.

Aber einsam war ich trotzdem noch, und oft kamen Zweifel daran auf, was ich denn wäre und zu was ich geboren sei, und die Herde der Schafe kam mir wieder in den Sinn in verklärtem Lichte, und ich fragte mich, ob ich denn nicht doch ein Schaf gewesen. Ein seltsames Schaf zwar, ein mißgestaltiges Schaf, aber doch eben ein Schaf. Und nichts war so stark in mir wie die Sehnsucht, die Sehnsucht, nicht mehr allein zu sein, und also ging ich durch den Wald und suchte nach einem Freund.

Und als ich ein paar Tage und Nächte gewandert war, da sah ich ein Rehlein stehen, das war wunderschön. Wisst Ihr, wie schön ein Reh ist? So braun und weich und zierlich, mit so wunderbar großen, liebenden Augen, und wie es da stand im Untergehölz und zu mir hinschaute mit seinen großen Augen, da war die Sehnsucht groß in mir, ihm nah zu sein.

Das Reh nun harte gewiß noch nicht so etwas gesehen wie mich und in den Flanken zitternd, die Nüstern weit, stand es da und rührte sich nicht vom Fleck, und langsam kam ich näher, und je näher ich kam, desto mehr zitterte das Wesen. Aber es rannte nicht fort, vielleicht war es neugierig, ich weiß es nicht.

Nun, Ihr müßt wissen, ich sehe recht furchteinflößend aus, und nach Raubtier rieche ich auch, und meine Zähne, sie sehen grad nach dem aus, zu was sie geschaffen sind: Zum Kehle-Aufreißen, Bäuche-Schlitzen, zum Eingeweide-Wühlen und Blut-Baden. Und doch, vielleicht spürte es auch meine Einsamkeit und meine Sehnsucht und daß ich ihm nichts Böses wollte, und so blieb es stehen, bis ich ganz nah war.

Und als ich seine Wärme spürte, da schloß ich die Augen und schmiegte mich an und knurrte im Rachen vor Wonne, denn es war, als schmölze mein Schmerz dahin.

Allein, da bekam das Rehlein solche Angst, daß es mit einem Satze davon sprang und durchs Gehölz hinwegjagte, und ich sah nur noch den weißen Fleck auf seinem Hintern mal hier, mal da kurz aufleuchten, und da war ich einsamer als ich je einsam gewesen bin und wollte nicht länger leben mit einem solchen Schmerze in der Brust: Ein jeder ekelte sich vor mir oder fürchtete mich.

Ich legte mich nieder und schwor, nicht eher wieder aufzustehen, als ich des Hungers und des Durstes gestorben war, und wohl lag ich da ein paar Tage lang.

Da kam eine wilde Katze gesprungen von Ast zu Ast wie ein Eichkater springt und blieb sitzen über mir und beäugte mich.

Es wunderte sie wohl sehr, wie ich so völlig still im Laube lag, über das Leben nachdachte und eine Stunde lang einem Käfer nachschaute, der sich seinen Weg wühlte, und da sagte sie: „Miau!“ Aber ich schaute nur traurig nach oben, und als sie meine Augen sah, da fragte sie: „Was hast Du denn, was liegst Du so faul im Laube?“

Und ich sprach: „Ich sterbe. Ich liege hier und warte auf den Tod, denn ich will nicht länger leben, und ich will nicht eher wieder aufstehen, als ich des Hungers und des Durstes gestorben bin.“

Das wohl verwunderte die wilde Katze sehr, das sah man ihr an. Katzen sind da ganz anders, man muss sie immerhin ganze neun Male töten, ehe sie es endlich verstehen, und da Katzen überdies höchst neugierige Wesen sind, fragte sie sogleich auch, warum ich denn sterben wolle. Und ich sprach zu ihr, daß ich ein häßliches Ding sei und alle mich haßten und keiner mich anschauen mochte ohne sofort davonzuspringen. Daß ich einsam wär und daß ich so nicht weiterleben wolle, und ich tat ihr wohl ein wenig leid.

Jedenfalls sprang sie von ihrem Aste zu mir ins Laub, und da Katzen sich ganz gern an Dingen reiben, am liebsten noch an solchen, die leben, weil das so ein schön warm Gefühl macht in der Brust, da legte sie sich neben mich und schmiegte ihren Kopf in meine Seite.

Oh, Ihr könnt mir klauben, wie glücklich ich da war! Endlich war ich nicht mehr einsam und in mir war ein warmes Gefühl, wenn die wilde Katze bei mir lag.

Ich weiß nicht, was sie dabei empfand, daß kann ich Euch nicht sagen, sie leckte mir die Schnauze, und ich leckte die Ihre, und wenngleich wir uns in vielen Dingen nie verstehen konnten, dachte sie doch wie Katzen denken und ich wie was weiß ich, so fühlte ich mich doch ruhig und wohl, lag sie an meiner Seite.

Des Nachts jagten wir zusammen und wenn wir schliefen, so schliefen wir als warmes Knäul, aber vielleicht auch lag das daran, daß die Blätter bunt wurden und der Herbstwind heulte, denn da werden die Nächte kälter.

Als eines Tages wir wieder gemeinsam jagten, und ich hinter einem Baume einem Reh auflauerte, da ertönte plötzlich eine mächtige Stimme gerade über mir.

„Uhu! Schuhu!“, rief es da, daß ich zusammenschreckte. „Sei gegrüßt, oh Wolf!“

Ich blickte empor und sah über mir im Geäste hocken ein wunderliches Tier, das war groß und rollte mit seinen riesigen Augen und funkelte damit, daß man Angst bekommen konnte.

„Wer bist Du?“, fragte ich, und das Tier sprach, es sei die alte Weise, die große Eule hier im Wald.

„Noch nie sah ich einen Wolf“, sagte sie. „Und ich dachte nicht, daß meine Augen je einen zu Gesicht bekämen.“

„Warum nennst Du mich einen Wolf und was ist ein Wolf?“, so fragte ich, denn ich wußte nichts von Wölfen: Die Schafe schweigen das Thema tot, und nur einmal hatte ich davon gehört. Da hatte man gesagt, der Wolf hätte mich geholt.

„Da haben wir also einen Wolf, ganz ohne Frage, allein die Zähne!“ sprach die Weise des Waldes, „und dieses unser Wolfstier, das weiß noch nicht mal was von Wölfen!“

Sie lachte ihr „Schuhu!“ und „Uhu!“ und fragte mich, was ich denn denke, was ich sei, und da erzählte ich ihr meine Geschichte. Am Anfange, da lachte sie noch zwischendrinnen „Uhu!“ und „Schuhu!“ und „Uhuschuhu!“, wie es die Art der Eulen ist, und gewiß hättet Ihr ebenso gelacht, wenn Ihr auf einem Aste gesessen mit einem Wolf unter Euch, der denkt, er sei ein Schaf, aber dann wurde sie immer stiller und in ihren Augen war Verständnis.

Auch horte sie auf, sich zu plustern und ihren Kopf auf so verrückte Art zu drehen und mit den Augen zu funkeln, daß man Angst bekam. Sie gefiel sich nämlich bei solchem Getu‘, man merkte schon, daß sie gern dramatisch war und furchteinflößend und all bekannt mit den Dingen der Welt.

Und als ich geendet, da sagte sie mit vertraulicher Stimme, sie hätte da einstens eine Geschichte gehört, die wolle sie mir erzählen, denn ihr dünkte, sie erzähle von mir.

„Man erzählte mir“, so sprach sie. „Daß einstens eine Herde von Schafen, als sie grasend über die Hügellande zog, einen großen Schwarm von Krähen hat über einer Stelle kreisen sehen lange Zeit. Und die Schafe schickten sodann die drei Weisesten unter ihnen dorthin, um zu erkunden und herauszufinden, ob von dorten Gefahr wohl drohe.

Und wie die Drei Weisen Schafe an dem Platze anlangten, darüber kreischend die Krähen kreisten, da sahen sie einen Wolf hingestreckt und ohne Haut und ausgeweidet, darauf saßen viele der schwarzen Federtiere und hackten an seinem Fleisch.

Die Wölfe waren zu den Zeiten schon in den Norden zum großen Wild gezogen, und wohl waren dies die Letzten, die ihre Heimat nicht hatten verlassen wollen. Man sah die Spuren der Menschen, und im Leibe des Wolfs sah man die Wunden, welche die Blitze der Donnerstücke machen.

Die Drei Weisen Schafe waren‘s zufrieden damit und wandten sich zum Gehen, denn hier drohte ja keine Gefahr, als sie unter einem Haselstrauch an der Hügelflanke ein Winseln hörten.

Sie gingen dem nach, und als sie die Zweige auseinanderbogen, lag ein kleiner Wolfswelpen darunter, der hatte sich da verkrochen. Er war noch ganz jung, konnte kaum tapsen und zutraulich und ohne Arg krabbelte er auf die Schafe zu und schnupperte an ihnen.

Die Schafe nun berieten, und sie sahen sich in Verlegenheit. Denn wohl wussten sie: Wenn der Welpe groß geworden, würde er zum Herdenreißer und zum Mörder und Schlächter Ihresgleichen. Sie sprachen darüber, ihn zu töten, oder ihn einfach zurückzulassen, was auf das Gleiche hinausgelaufen wäre, und da Schafe nicht töten können, einigte man sich auf das Zurücklassen.

Aber kaum daß sie sich zum Gehen wandten, da winselte der Welpe herzzerreißend und tapste ihnen hinterdrein und schaute sie an aus wehmüt‘gen Augen.

Da konnten sie ihn nicht dem Tode überlassen, denn Schafe sind weichherzige Wesen. Da berieten sie erneut, was denn zu machen sei, und sagten sich, daß die Umwelt ja das Wesen forme und sprachen zueinander, sie wollten aus dem Wolfe ein gutes Schaf machen.

Und so gingen sie wieder hinauf auf den Hügel, scharrten den ganzen Tag und die ganze Nacht, bis sie ein großes Loch gemacht hatten und legten den Leib des toten Wolfes hinein und vergruben ihn. Sodann rissen sie einander Büschel von Fell aus und machten daraus ein wollenes Kleid für den Welpen, daß er fast aussah wie ein junges Schaf, ein mißgestalt‘ges zwar, aber doch ein Schaf.

Und sie nahmen ihn mit sich und erzählten den anderen nur die halbe Wahrheit: Bei dem toten Wolfe sei noch eine tote Schafsmutter gewesen, und an ihren Zitzen hing dies kleine Würmchen, das häßlich zwar, doch einer der Ihren, und so hätten sie es mit sich genommen und wollten es annehmen als das Ihre.“

So schloß die Eule ihre Erzählung, sagte noch, es sei dies aber eine Sage und sie erzählt nicht, was denn aus dem Welpen geworden sei, und sie glaube nicht den Schafen, die sich damit rühmten, sie hätten den Wolf zum Schaf gemacht, und er wäre als Schaf gestorben. Vielmehr glaube sie, so funkelte sie mich an, daß ich der Welpe wär.

Ich war ganz ihrer Meinung, das erklärte mir so vieles, und ich ließ mir noch von den Wölfen erzählen, wie sie im Rudel lebten und gemeinsam jagten, und all das war so verwandt mit dem, was ich fühlte und wollte, daß ich nunmehr überzeugt aus ganzem Herzen sprach: „Ich bin ein Wolf!“

„Und wo?“, fragte ich die Weise des Waldes, „wo kann ich meinesgleichen finden?“

Aber darauf wußte sie nichts zu sagen. Sie lebte schon sehr lange Zeit, wohl an die hundert Jahr, doch nie hätte sie einen Wolf gesehen. Man erzähle sich, so sagte sie, daß die Wölfe einst, als immer mehr Menschen kamen und sie jagten, in großen Rudeln gen Norden gezogen seien, wo ein riesiger Wald sich befände, den kaum noch je ein Mensch erblickt zu diesen Zeiten, und dann wären nur noch ganz selten Wölfe gesehen worden in den Hügellanden, man sagte, nur einige hatten nicht die Heimat lassen wollen und versteckten sich.

„Aber ich will für Dich forschen“, so sprach die Eule. „Ich kenne jedes Wesen und belausche viel, auch was die Menschen reden an den Feuern. Und ich will sehen, ob ich nicht die Wölfe finde, die sich verstecken.“ Sie nickte mir zu und ließ die Schwingen rauschen und flog als mächt‘ger Schatten gegen den Mond hinweg.

Ich aber, ich ging zu der wilden Katze zurück, und wie wir auf dem Lager warm beieinanderlagen und uns die Schnauzen leckten so zärtlich, da erzählte ich ihr, ich habe die Eule getroffen im Wald. Da lachte meine Katze und sagte: „Ach die! Die ist sehr eingebildet und plustert sich auf und tut gern weise und dramatisch. Und am Liebsten noch redet sie, vor allem von Dingen, die sie irgendwo gehört und meist nicht recht verstanden hat. Die Eule ist eine von denen, sage ich Dir, die glauben, auf alles die rechte Antwort zu kennen.“

Ich aber erzählte der wilden Katze, was mir die Eule gesagt und schloß, daß ich nun wüß3te, was ich sei, ein Wolf nämlich.