Lost Places fotografieren - Peter Untermaierhofer - ebook

Lost Places fotografieren ebook

Peter Untermaierhofer

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Opis

Schauen Sie dem bekannten Lost Places-Fotografen Peter Untermaierhofer über die Schulter, um verlassene Orte präzise, kunstvoll und jenseits jeden Genre-Klischees zu fotografieren. Lernen Sie, die Weiten zerfallender Architekturen und die Details bröckelnder Texturen so in Szene zu setzen, dass dabei faszinierende Bilder voller Geschichten entstehen. Peter Untermaierhofer macht Sie mit allem vertraut, was Sie zum erfolgreichen Fotografieren vor Ort und zur Nachbearbeitung Ihrer Bilder wissen müssen. Neben den Grundregeln und -techniken der Architekturfotografie und dem Arbeiten mit Belichtungsreihen lernen Sie auch, wie Sie sich optimal vorbereiten, um in Lost Places Kopf und Hände für die bestmöglichen Bilder frei zu haben. Aus dem Inhalt: • Die richtige Ausrüstung (für Ihre Kamera und für Sie) • Wie Sie Lost Places-Exkursionen optimal vorbereiten und durchführen • Lichtstimmungen authentisch wiedergeben mit Belichtungsreihen und HDR • Kompositorische Regeln • Aufnahmetechniken (z.B. Panorama mit Tilt-Shift- Objektiven) • Kamerafernsteuerung mit qDslrDashboard • Nachbearbeitung mit HDR Projects Professional und Photoshop • u.v.a.m.

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Peter Untermaierhofer, Jahrgang 1983, hat Medientechnik studiert und fotografiert seit 2008. Hauptthemen seiner Bilder sind Lost Places aller Art, die ihn schon von Jugend an faszinieren, sowie Architektur und Autos, die er hauptberuflich für die Agentur Original BILDERMEISTER fotografiert.

2013 waren Peter Untermaierhofers Bilder erstmals im Rahmen der »urbEXPO« in Bochum zu sehen, an welcher er bis 2016 regelmäßig teilnahm. 2013 erschien sein erster Bildband »Vergessene Orte im Ruhrgebiet«. Im Mai 2016 nahm das ZDF heute journal seine Ausstellung in der Münchener Galerie für Fotografie der Gegenwart – Ingo Seufert zum Anlass für ein ausführliches Feature über seine Arbeit. Für 2016 sind weitere Ausstellungen in Vorbereitung.

Zu diesem Buch – sowie zu vielen weiteren dpunkt.büchern – können Sie auch das entsprechende E-Book im PDF-Format herunterladen. Werden Sie dazu einfach Mitglied bei dpunkt.plus+:

www.dpunkt.de/plus

Lost Places fotografieren

Von der Vorbereitung über das Shooting bis zur Nachbearbeitung

Peter Untermaierhofer

Lektorat: Boris Karnikowski

Copy-Editing: Friederike Daenecke, Zülpich

Herstellung: Susanne Bröckelmann

Satz: Ulrich Borstelmann, Dortmund

Umschlaggestaltung: Helmut Kraus, www.exclam.de, unter Verwendung eines Fotos des Autors

Druck und Bindung: Grafisches Centrum Cuno GmbH & Co. KG; Calbe (Saale)

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN:

Print   978-3-86490-314-4

PDF   978-3-86491-950-3

ePub   978-3-86491-951-0

mobi   978-3-86491-952-7

1. Auflage 2016

Copyright © 2016 dpunkt.verlag GmbH

Wieblinger Weg 17

69123 Heidelberg

Die vorliegende Publikation ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Texte und Abbildungen, auch auszugsweise, ist ohne die schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und daher strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.

Es wird darauf hingewiesen, dass die im Buch verwendeten Soft- und Hardware-Bezeichnungen sowie Markennamen und Produktbezeichnungen der jeweiligen Firmen im Allgemeinen warenzeichen-, marken- oder patentrechtlichem Schutz unterliegen.

Alle Angaben und Programme in diesem Buch wurden mit größter Sorgfalt kontrolliert. Weder Autor noch Verlag können jedoch für Schäden haftbar gemacht werden, die in Zusammenhang mit der Verwendung dieses Buches stehen.

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Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

Warum ich Lost Places fotografiere

Was macht für mich ein gutes Lost Places-Foto aus?

Fotografisch anspruchsvolle Bilder statt effektgetränkter Mainstream

Warum sich HDR für Lost Places-Fotos so gut eignet

Was Sie bei HDR alles falsch machen können

Wie wenden Sie HDR richtig an?

Vermeiden Sie Stereotypen und finden Sie Ihren Stil

Verschiedene Wege zum HDR-Bild

HDR aus einer Belichtungsreihe

HDR aus einer RAW-Datei (Pseudo-HDR)

HDR ohne HDR-Software

Kombinieren Sie die verschiedenen Methoden

2 Vor dem Shooting

Mein Equipment

Kamera

Objektive

Monitor und Kalibrierung

Der optimale Arbeitsplatz

Software, die ich nutze

Stromversorgung unterwegs

Kameraaufbau für den Einsatz in Lost Places

Kamera fernsteuern via Smartphone- oder Tablet-App

Testshooting unter Lost Places-ähnlichen Lichtbedingungen

Planen Sie Ihren Lost Places-Trip

Onlinekartendienste – ein mächtiges Werkzeug

Locations mit anderen teilen?

Gefahren vor Ort

Mögliche Hindernisse vor Ort

Zusätzliches nützliches Equipment in Lost Places

Schnittfeste Handschuhe

Erste-Hilfe-Set

Regenschutz und Schuhwerk

Taschenlampe

Entfernungsmesser

Putztücher/Blasebalg

Zusätzliches Equipment

Atemschutz

3 Während des Shootings

Wie Sie eine Location lesen

Detailaufnahmen

Szenerie-Aufnahmen

Symmetrie

Goldener Schnitt bzw. die Drittelregel

Stürzende Linien

Leading Lines

Anschnitt von Objekten

Besonderheiten bei Fenstern im Bild

Hochauflösende Bilder mit Tilt-Shift-Objektiven

Ungewollte Lensflares vermeiden

Kameraeinstellungen

RAW vs. JPG

ISO und Rauschen

Belichtungszeit (Stichwort »Hotpixel«)

Blende

Autofokus vs. manueller Fokus

Belichtungsmessmethode

Wasserwaage (digital/analog)

100 %-Ansicht

Peaking

Selbstauslöser

Fernauslöser

Spiegelvorauslösung

Wie Sie Belichtungsreihen erstellen

Wie Sie mit qDslrDashboard fotografieren

Verbindung zur Kamera und Grundeinstellungen

Belichtungsreihe vorbereiten

Fokussieren

4 Nach dem Shooting

Importieren und Umwandeln der RAW-Dateien

Datensicherung

Bilder verwalten in Adobe Bridge

Sichten und Vorauswahl

Eine DNG-Reihe für die HDR-Bearbeitung erstellen

HDR-Bearbeitung

Vorarbeiten

Tonemapping

Sonderfall Tilt-Shift-Bilder

Speichern

Photoshop-Bearbeitung

Import über Camera RAW

Mit Smartobjekten arbeiten

Grundretusche

Restlichen Lensflare ausbessern

Ausrichten

Mikro-, Mittel- und Makrokontrast

Schärfeebene

Nik Color Efex Pro

Dodge & Burn

Farbkorrektur und Farbanpassung

Helligkeits- und Kontrastanpassung

Mit Licht gestalten

Finishing

Sonderfall: Tilt-Shift-Bearbeitung

Index

Danksagung

Bei der Entstehung dieses Buches haben viele Menschen Einfluss genommen und standen mir zur Seite. Bei ihnen möchte ich mich für ihre (bewusste und unbewusste) Unterstützung bedanken, vor allem bei meiner Muse und Freundin SusY. Danke, dass du an mich glaubst! Bedanken möchte ich mich auch bei meinen Eltern und Geschwistern für ihre Unterstützung seit der ersten Stunde, bei Gerrit und der Firma Original BILDERMEISTER sowie dem dpunkt.verlag und meinem Lektor Boris Karnikowski für die Realisierung dieses Buches. Mein Dank geht auch an die Fotografen unter meinen Freunden für ihre Tipps, die zum Teil gemeinsamen Touren sowie für jede Menge Inspiration – besonders an Manuel Eichelberger, Andy Starflinger, Jörg Thiem, Lars Avanzini sowie Lily Stoneheart, Roman Zeschky, Olaf Rauch und Roswitha Schmid vom UrbEXPO- Team, Nicole Staniewsky, Thomas Junior, Andy Schwetz, Franziska Zoe, Lorenzo Capolupi und alle, die ich jetzt vergessen habe.

Peter Untermaierhofer

1 EINLEITUNG

Sony A300, 18 mm, (1/640, 1/400, 1/250, 1/160, 1/100, 1/60, 1/40 s), f/5,6, ISO 100

Warum ich Lost Places fotografiere

Sehr oft werde ich gefragt, warum ich eigentlich Lost Places fotografiere und wie ich dazu gekommen bin. Hierzu hat sicher jeder Fotograf, der sich verlassenen Orten widmet, seine ganz eigene Geschichte. Es lässt sich jedoch nicht leugnen, dass jeder, der einmal damit begonnen hat, von der Schönheit verlassener Orte in den Bann gezogen wird und ständig auf der Suche nach neuen spannenden, atemberaubenden Orten ist.

Bei mir hat die Faszination für alte, morbide Gebäude bereits in der Kindheit begonnen. Meine Eltern haben mich als kleinen Jungen oft auf Burgen im Voralpenland und in den Alpen mitgenommen, und meine Begeisterung für Burgen und alte Gemäuer hat da wohl ihren Ursprung. Als Jugendlicher erkundete ich das »Weingut I«, einen Rüstungsbunker des Nazi-Regimes in der Nähe meines Heimatortes. Die Anlage war als unterirdische Fabrik zum Bau von Messer-schmidt-Flugzeugen geplant, konnte aber vor Kriegsende nicht mehr fertiggestellt werden.

Den Alliierten gelang die Sprengung der Anlage bis auf einen Stahlbetonbogen, der heute noch mitten im Wald steht. Das ganze Gelände lädt geradezu zum Erforschen ein. Überall liegen Bogenreste, unter denen sich Hohlräume bilden, in die man hineinkriechen kann.

Sony A300, 18 mm, (1/1000, 1/640, 1/400, 1/250, 1/160, 1/100, 1/60 s), f/5, ISO 100

Hier machte ich meine ersten Lost Places-Fotos mit meiner ersten Kamera, einer Sony A300, und im »klassischen« HDR-Stil: mit Halos, Unschärfen, Verwacklungen, Überschärfung, überdrehten Farben und voll aufgezogenem Kontrastregler. Aber so hat fast jeder Lost Places-Fotograf mal angefangen. Heute, Anfang 2016 – sieben Jahre später und nach unzähligen Fotoexkursionen zu Lost Places in halb Europa, zwei Buchveröffentlichungen, einigen Ausstellungen und meinem ersten Galerie-Engagement – kann ich sagen, dass ich meinen Stil deutlich weiterentwickelt habe (und auch noch weiterentwickle).

Was macht für mich ein gutes Lost Places-Foto aus?

Was ist ein gutes Lost Places-Foto? Diese Frage lässt sich wohl wie alles, was dem persönlichen Geschmack untergeordnet ist, nicht pauschal beantworten. Für mich ist es sehr wichtig, dass das Bild eine Stimmung erzeugt. Ich versuche, bei meinen Bildern dem Betrachter dasselbe Gefühl zu vermitteln, das ich bei der Aufnahme des Motivs vor Ort hatte. Dazu gehört es, die Lichtstimmung so exakt wie möglich wieder ins Bild zu bringen. Der Betrachter soll zum Nachdenken angeregt werden. Ich biete ihm hierfür das Szenario und den Schauplatz – er macht sich darin seine eigenen Gedanken und spielt sein eigenes Kopfkino ab.

Nikon D800, 18 mm, (1/15, 1/5, 0,6, 2, 6 s), f/7.1, ISO 100

Nikon D800, 24 mm, (1/40, 1/13, 1/4, 0,8, 2,5, 8, 25 s), f/3.5, ISO 200

Es gibt eine Vielzahl von Punkten, die für mich ein gutes Lost Places-Bild ausmachen, ohne dass ich damit gleich einen pauschal anwendbaren Kriterienkatalog aufstellen möchte:

1 Ich vermeide stürzende Linien (außer bei bewusstem kreativen Einsatz, um z.B. extreme Größe zu übermitteln).

Nikon D800, 14 mm, (1/60, 1/50, 1/13, 0,3, 1,3 s), f/8, ISO 100

2 Ich belichte und entwickle meine Bilder so, dass in den hellsten und dunkelsten Stellen des Bildes immer noch ein wenig Zeichnung zu sehen ist. Ich vermeide also das »Ausbrennen« bzw. »Absaufen« von Details (es sei denn, ich setze dies bewusst als Stilmittel ein). Oft kommt dazu eine HDR genannte Technik zum Einsatz, die ich später noch erläutere.

Nikon D800, 14 mm, (1/25, 1/6, 0,6, 2,5, 10 s), f/4, ISO 500

3 Die Lichtstimmung allgemein ist mir sehr wichtig, also achte ich bereits beim Fotografieren darauf. Ich versuche, die Stimmung vor Ort in mich aufzusaugen, damit ich mich später daran erinnern kann. Ich muss diese Stimmung bei der Nachbearbeitung aus dem Gedächtnis heraus zurück ins Bild bringen.

Nikon D800, 18 mm, 30 s, f/3.2, ISO 500

Nikon D800, 18 mm, 13 s, f/3.2, ISO 500

4 Ich fotografiere ein Motiv – siehe die beiden folgenden Bilder – aus der Perspektive, die es am besten zur Geltung bringt.

Nikon D800, 24 mm, (1/80, 1/25, 1/8, 0,4, 1,3, 4 s), f/8, ISO 100

Nikon D800, 19 mm, (1/25, 1/8, 0,4, 1,3, 4 s), f/8, ISO 100

5 Ich vermeide bereits beim Fotografieren einen schiefen Horizont. Er lässt sich in Photoshop zwar zu 100 % ausgleichen, jedoch verliere ich durch den nötigen Beschnitt Teile der Bildränder sowie etwas Qualität.

Nikon D700, 24 mm, 0,6 s, f/8, ISO 1000

Nikon D700, 24 mm, 0,6 s, f/8, ISO 1000

6 Gibt es in der Architektur vor Ort besondere Formen, setze ich sie abstrakt in Szene. Zum Beispiel ergibt der Blick nach oben oft völlig neue Blickwinkel und Eindrücke.

Nikon D800, 14 mm, (1/1250, 1/400, 1/125, 1/40, 1/13 s), f/8, ISO 100

Nikon D800, 14 mm, (1/6, 0,6, 2,5, 10, 40 s), f/8, ISO 100

7 Ich vermeide ungewollte Flares. Flares – auch Lensflares oder Blendenflecken genannt – entstehen, wenn starkes Licht durch gering vergütete oder oft auch nur dreckige Linsen fällt. Sie sollten sie nach Möglichkeit schon bei der Aufnahme vermeiden. Wollen Sie Lensflares bewusst als Stilmittel einsetzen, ist dagegen natürlich nichts einzuwenden.

Nikon D700, 24 mm, 1/320 s, f/13, ISO 200

NIKON D800, 14 mm, 1/4 s, f/8, ISO 100

8 Ich nutze in der Nachbearbeitung nicht zu viel und nicht zu wenig HDR. Was dies genau heißt, erkläre ich Ihnen im nächsten Abschnitt.

Sony A300, 20 mm, 1/320 s, f/8, ISO 100

Nikon D800, 17 mm, 8 s, f/8, ISO 250

Fotografisch anspruchsvolle Bilder statt effektgetränkter Mainstream

HDR ist die Abkürzung für High Dynamic Range. »Dynamik« bedeutet in diesem Zusammenhang die Spanne zwischen dem dunkelsten und dem hellsten Punkt eines Bildes. Unser Auge ist in der Lage, einen hohen Dynamikumfang zu erfassen – viel höher, als dies aktuelle Kamerasensoren können.

HDR bezeichnet also ein Verfahren (bei Aufnahme und Bearbeitung des Fotos), mit dessen Hilfe Fotos erstellt werden können, die einen sehr breiten Dynamikumfang haben, der dem menschlichen Auge nachempfunden ist.

Das folgende Bild zeigt ein Beispiel: Die Lichtsituation vor Ort hatte eine hohe Dynamik – für ein Nicht-HDR-Foto hätte ich mich bei der Belichtung zwischen den Details im Halbdunkel des Esssaals oder den Details der weißen Fenstergardinen entscheiden müssen. Das HDR-Verfahren erlaubt mir, beides zu zeigen, und kommt damit meiner Wahrnehmung der Szenerie vor Ort viel näher. (Künstliches Licht war hier übrigens keine Option – Sie erinnern sich, wie wichtig mir die natürliche Wiedergabe der Lichtstimmung vor Ort ist?)

Nikon D800, 15 mm, (1/125, 1/40, 1/13, 1/4, 0,8 s), f/8, ISO 100 (siehe auch Seite 23)

Mit »HDR« wird aber auch ein bestimmter, meist über Filter oder Vorgaben in Bildbearbeitungsprogrammen zugewiesener Look bezeichnet, der sich so oft in der Lost Places-Fotografie findet, dass er das Genre tief geprägt hat. Dabei ist die Bedeutung von HDR immer noch dieselbe wie oben beschrieben, der Unterschied ist aber: HDR wird hier nur simuliert und verkommt so zum bloßen Effekt.

Das führt sehr oft zu sehr merkwürdigen Ergebnissen, sodass HDR inzwischen ein Synonym für schlecht bearbeitete, bunte Fotos mit unrealistischen Kontrasten geworden ist. Auch wenn dieser falsch verstandene und effekthascherische Einsatz von HDR inzwischen etwas aus der Mode gekommen ist, so ist er doch nach wie vor sehr verbreitet. Sie haben diese Bilder sicher schon oft gesehen, und sie mögen bei Ihnen im ersten Moment sogar einen Wow-Effekt ausgelöst haben.

Sony A300, 10 mm, 1/30 s, f/11, ISO 100

Meine Fotos von Lost Places definieren sich nicht über den HDR-Look, aber ich wende HDR als Technik an – wie oben gesagt, nicht zu viel und nicht zu wenig. Ich fotografiere ja auch, was ebenfalls typisch für das Genre ist, sehr gern weitwinklig, um den Raum als Ganzes einzufangen. Trotzdem haben für mich auch Detailaufnahmen ihren ganz besonderen Reiz. Und aufgrund der geringeren Dynamik im Bild brauche ich hierfür nicht mal HDR.

In diesem Buch geht es also darum, wie Sie besonders gute, stimmungsvolle Bilder von Lost Places machen. Dazu sind teilweise Techniken wie HDR notwendig, aber nicht zwingend. Ihr Ziel sollte nicht sein, HDR als Effekt einzusetzen (also einen Look zu kopieren), sondern Ihr Motiv bestmöglich wiederzugeben. Um dieses Ergebnis zu erreichen, werden Sie immer wieder das HDR-Verfahren nutzen.

Doch bevor ich hierzu weiter ins Detail gehe, erkläre ich Ihnen, was es mit dieser High-Dynamic-Range-Technologie auf sich hat, da Sie vielleicht noch nie damit in Berührung gekommen sind.

Nikon D800, 70 mm, 0,6 s, f/2.8, ISO 100

Warum sich HDR für Lost Places-Fotos so gut eignet

Die heutigen Bildsensoren digitaler Kameras können nicht mit dem Dynamikumfang des menschlichen Auges mithalten. Das macht es unmöglich, ein Motiv mit sehr großem Helligkeitsumfang als natürlich wirkendes Foto wiederzugeben. (Der Einfachheit halber klammere ich den Dynamikumfang Ihres Monitors, Druckers oder des verwendeten Papiers hier aus.)

Der maximal messbare Dynamikumfang in unserer Umwelt beträgt 23 Blendenstufen. In Zahlen: Der hellste Wert ist 223-mal, also über 8 Millionen Mal heller als der dunkelste Wert. Unser Auge kann einen Dynamikumfang von etwa 20 Blendenstufen abbilden – nur noch ein 1/8 davon (und das auch nur, weil es sich dynamisch an verschiedene Helligkeiten anpassen kann).

Eine hochwertige Spiegelreflexkamera schafft im RAW-Format je nach Qualität des Sensors maximal 15 Blendenstufen; das entspricht nur noch einem 1/32 dessen, was unser Auge vermag. Bei JPG-Bildern sinkt die Dynamik weiter auf 1/64 davon – 8,6 Blendenstufen, die in einer Aufnahme eingefangen werden können. Das bedeutet, der hellste Punkt ist gerade noch 512-mal heller als der dunkelste Punkt.

Hier setzt die High-Dynamic-Range-Fotografie an. HDR-Bilder bestehen im Grunde aus mehreren unterschiedlichen Belichtungen desselben Motivs, einer sogenannten Belichtungsreihe, die in ihrer Gesamtheit die Dynamik des Motivs abbildet (theoretisch bis zu 32 Blendenstufen, d. h., der hellste Punkt wäre bis zu über vier Milliarden Mal heller als der dunkelste). Nehmen wir das Foto des Esssaals auf Seite 20 als Beispiel: In jedem Foto der zugrundeliegenden Belichtungsreihe habe ich anhand einer entsprechenden Belichtung ein Detail herausgearbeitet (siehe Seite 23) – von der Struktur der weißen Gardinen in der dunkelsten bis zu Details im Halbdunkel in der hellsten Belichtung. Die einzelnen Bilder habe ich anschließend miteinander verrechnet, wodurch ein HDR-Bild entstand. Dieses HDR-Bild weist durch die angewandte Technik eine höhere Dynamik auf und entspricht dadurch mehr der realen Wahrnehmung.

Nikon D800, 15 mm, 1/40 s, f/8, ISO 100

Nikon D800, 15 mm, 1/13 s, f/8, ISO 100

Nikon D800, 15 mm, 1/4 s, f/8, ISO 100

Nikon D800, 15 mm, 0,8 s, f/8, ISO 100

Diese Verrechnung kann mit verschiedenen Techniken von Hand oder mit speziellen HDR-Programmen automatisiert geschehen. Eine HDR-Software zieht sich aus jeder Aufnahme die für sie optimal belichteten Bildbereiche und rechnet diese in einem Bild zusammen. Allerdings muss das Programm hier nicht immer richtig liegen – hochwertige Software zeichnet sich dadurch aus, dass Sie von Hand nachbessern können. Es hängt also auch von Ihrem Geschick bei der Anwendung der Software ab, ob das Ergebnis sehr realistisch wirkt oder vollkommen fehlerhaft ist.

Ich zeige Ihnen das einmal en detail am Beispiel von Photoshop.

Bei diesem Bild – einem optimierten RAW – sehen Sie deutlich, dass die Lichtunterschiede zwischen draußen und drinnen zu hoch sind. Das heißt, die Dynamik ist zu groß, als dass der Kamerasensor sie in einem einzigen Bild einfangen könnte (obwohl das Foto nicht bei hellem Tageslicht, sondern kurz vor der Dämmerung entstanden ist).

Nikon D800, 14 mm, 1/10 s, f/8, ISO 800

Sie sehen, dass die hellen Teile in den Fenstern des Treppenhauses ins Weiß abdriften und »ausbrennen«, wogegen die dunklen Stellen in den Türöffnungen fast schon »absaufen«, d. h., keine Zeichnung mehr aufweisen. Hätten Sie die Situation vor Ort erlebt, wüssten Sie, dass das Bild bei Weitem nicht die Lichtstimmung transportiert, die ich gesehen habe. Ich greife also zum HDR-Verfahren.

Im zweiten Bild – einem HDR-Bild – sehen Sie deutlich, dass die hellen Stellen in den Fenstern und die dunklen Ecken in den Türöffnungen deutlich mehr Zeichnung haben als im ersten Bild. Dieses Bild habe ich mithilfe der Software HDR Projects 4 Professional aus mehreren Einzelbelichtungen erstellt. Es sieht noch sehr flau bzw. kontrastarm aus, was eine typische Folge der HDR-Bearbeitung ist, da ich ja möglichst viel Bildinformation (Tonwerte) im Bild haben möchte. Natürlich ist dieses HDR-Bild noch nicht das Endergebnis, sondern nur die Grundlage für meine Bearbeitung in Photoshop, wo ich die für mich wesentlichen Bildinformationen dann Stück für Stück herausarbeite.

Nikon D800, 14 mm, (1/1000, 1/320, 1/100, 1/30, 1/10, 0,3 s), f/8, ISO 800

Wenn Sie die Histogramme des ersten und des zweiten Bildes miteinander vergleichen, werden die Unterschiede noch deutlicher.

Beim Histogramm der optimierten RAW-Datei (oben) können Sie am rechten und linken Rand erkennen, dass es Bereiche im Bild gibt, die pures Schwarz bzw. Weiß und somit keine genauer definierte Bildinformation mehr enthalten.

Das Histogramm des HDR-Bildes (unten) ist hingegen viel ausgeglichener. Es gibt keine Bereiche mehr, die ausfressen oder absaufen, da jedes Pixel noch Bildinformation enthält, die ich für die weitere Bearbeitung nutzen kann.

Das HDR-Bild ist also eine Zwischenstufe auf dem Weg zum eigentlichen Bild. Dadurch, dass HDR mir die volle Kontrolle über die Lichter und Schatten gibt, erhalte ich ein Maximum an Bildinformationen und damit auch alle Optionen, die ich für die finale Bearbeitung in Photoshop benötige. Auf Seite 26 sehen Sie das fertig bearbeitete Bild.

Tonemapping

Tatsächlich ist das, was beim Arbeiten mit HDR passiert, noch etwas komplizierter als bislang beschrieben. Auch wenn es – praktisch gesehen – für dieses Buch nicht wichtig ist, möchte ich kurz erklären, was dabei geschieht.

Ein Bild, das mit einer HDR-Software erstellt wurde, hat in der Regel mit 32 Bit zwar eine hohe Dynamik (also bis zu über 4 Milliarden Tonwerte). Diese lässt sich aber an handelsüblichen Monitoren nicht wiedergeben. Aus diesem Grund bieten HDR-Programme eine Funktion namens Tonemapping. Diese ermöglicht es, den Dynamikumfang eines 32-Bit-Bildes in ein 16-Bit-Bild zurückzurechnen, damit dieses korrekt am Bildschirm angezeigt und bearbeitet werden kann. Die 4,3 Milliarden unterschiedlichen Tonwerte eines 32-Bit-Bildes werden dabei in die zur Verfügung stehenden 32.758 bzw. 256 Tonwerte eines 16-Bit- bzw. 8-Bit-Bildes gepresst. Sie sehen also, vor welcher Herausforderung Ihre Software beim Tonemapping-Prozess steht – und die Methoden zur Errechnung des Tonemappings sind nicht mal einheitlich.

Tonemapping ist der Grund, warum HDR-Bilder erst einmal flau wirken, für eine angemessene Bildwirkung also erst noch nachbearbeitet werden müssen. Durch die hohe Dynamik geht die Tiefe des Bildes meist komplett verloren, Schatten verschwinden zum Teil gänzlich. Schärfe und die unrealistischen oder gänzlich fehlenden Kontraste beherrschen das Bild so stark, dass kein Platz mehr für Bildsprache und Komposition bleibt. Im letzten Kapitel dieses Buches zeige ich Ihnen, wie Sie durch die Bearbeitung eines HDR-Bildes in Photoshop wieder zur ursprünglich intendierten Bildwirkung gelangen.

Nikon D800, 14 mm, (1/1000, 1/320, 1/100, 1/30, 1/10, 0,3 s), f/8, ISO 800

Was Sie bei HDR alles falsch machen können

HDR war in den letzten Jahren sehr populär, bekam aber wegen der damit betriebenen Effekthascherei schnell einen schlechten Ruf. Jeder Einsteiger in die HDR-Bearbeitung war fasziniert von dem Look und davon, wie »kunstvoll« seine Bilder mit ein paar Klicks erscheinen können, und drehte erst mal kräftig an den Reglern. (Ich nehme mich da nicht aus, wie Sie an den folgenden Beispielbildern sehen.)

Das führte oft zu knallbunten, überkontrastreichen, überschärften Bildern, die bei längerem Betrachten durchaus Kopfschmerzen hervorrufen können. HDR wurde außerdem so oft als Allheilmittel für die schwierigen Lichtverhältnisse in Lost Places eingesetzt, dass der typische HDR-Look fast schon zu einem Erkennungsmerkmal für Lost Places-Fotografie wurde. Dieser oft kritisierte Einsatz von HDR ist wie gesagt der falsche Weg – und so manche Bildbearbeitung hat es ihren Nutzern leider sehr einfach gemacht, ihn zu gehen.

Nikon D700, 24 mm, 1/100 s, f/9, ISO 200

Ein »schlechtes« HDR-Bild1 zeichnet sich dadurch aus, dass es einige oder alle der folgenden Merkmale aufweist:

knallbunte Farben

unnatürliche und übertriebene Mikro- und Makrokontraste

dunkle, unwirkliche Wolkenhimmel in tiefen blauschwarzen Tönen

ein Bild ohne Lichter und Schatten, obwohl das ganze Bild sehr kontrastreich ist

komplett überstrahlte Fenster

ein Look, der wie »gemalt« aussieht

Geisterbilder (Objekte, die nicht in jedem Bild der Belichtungsreihe dieselbe Position haben und bei der HDR-Berechnung halbtransparent zu sehen sind, werden Geisterbilder genannt.)

starke Überschärfung des Bildes

Halos (helle Farbsäume um Objekte), die durch falsche HDR-Bearbeitung entstehen

Knallbunte FarbenNikon D700, 24 mm, 1/5 s, f/11, ISO 250

Dunkle unwirkliche HimmelSony A300, 10 mm, (1/160, 1/20, 1/10, 1/5, 0,4, 0,8 s), f/10, ISO 100

Übertriebene Mikro- und MakrokontrasteNikon D700, 24 mm, 1/4 s, f/9, ISO 1000

Überstrahlte FensterNikon D700, 24 mm, 1/4 s, f/9, ISO 200

Keine Lichter, keine SchattenSony A300, 18 mm, 10 s, f/8, ISO 100

Gemalter LookNikon D700, 24 mm, 0.5 s, f/8, ISO 200

Geisterbilder in den sich schnell bewegenden WolkenSony A300, 10 mm, 1/100 s, f/10, ISO 100

Stark überschärftNikon D700, 24 mm, 6 s, f/6.3, ISO 1000

Halobildung um den Turm und die BäumeNikon D700, 95 mm, 1/2500, f/11, ISO 800

Fotografen, die Bilder in diesem Look erzeugen, rechtfertigen sich oft damit, dass dies alles gewollt und dieser Look ein bewusstes Stilmittel sei. Ich denke jedoch, dass viele nicht mit den schwierigen Lichtverhältnissen in einem Lost Place zurechtkommen und nicht wissen, wie sie diese Lichtverhältnisse realistisch in ein Bild umsetzen können. Teilweise soll HDR auch einfach nur für Aufmerksamkeit sorgen und eine ansonsten dürftige fotografische Leistung aufwerten.

Gerade Anfänger überspringen gern die fotografischen Grundlagen, kaufen ein Stativ, arbeiten ein Tutorial zu HDR durch und legen dann sofort los. Verstehen Sie mich in diesem Punkt nicht falsch: Ausprobieren ist nichts Falsches, und auch ich habe auf diesem Weg mit HDR begonnen. Jedoch habe ich nebenbei immer versucht, mich technisch weiterzuentwickeln. Ein sehr wichtiger Punkt ist, für Kritik anderer offen zu sein.

Meine ersten HDR-Bilder von vor sieben Jahren kann ich heute kaum noch ansehen, geschweige denn für gut halten. Damals war ich unsagbar stolz auf sie und hielt sie für sehr hochwertige Aufnahmen. Heute kann ich ohne Scham behaupten, dass mein Auge damals einfach noch nicht geschult genug war, um auf Feinheiten zu achten. Es war geblendet von etwas »Neuem«, einem Effekt, der Aufsehen erregte, und bemerkte nicht die handwerklichen Fehler, die ich machte.

Seien Sie daher stets für Kritik offen, auch wenn Sie im ersten Moment nicht immer derselben Meinung sind. Versuchen Sie, die Argumente Ihres Kritikers aus einer anderen, nicht Ihrer eigenen Sicht zu betrachten und dadurch selbstreflektierend Ihre Fehler zu analysieren: »Finde ich es wirklich perfekt oder weiß ich nur nicht, wie ich es besser machen kann?«

Finden Sie Ihre Fehler, gestehen Sie sie sich ein und suchen Sie einen Weg, wie Sie diese Fehler beheben können. Nur so ist ein nennenswerter Fortschritt zu erreichen.

Wie wenden Sie HDR richtig an?

Worin besteht also der große Unterschied zwischen einem richtigen und einem falschen Einsatz von HDR? Es gibt verschiedene Dinge, die Sie beachten müssen, wenn Sie entschieden haben, dass sich ein Motiv für HDR eignet:

eine genaue Arbeitsweise