Ferrareser Geschichten - Giorgio Bassani - ebook

Ferrareser Geschichten ebook

Giorgio Bassani

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Opis

Mit den berühmten fünf Geschichten aus Ferrara setzt Bassani seiner Heimatstadt und ihren Bewohnern ein liebevolles Denkmal: Es ist das kleine Glück in einer bescheidenen Ehe oder das große, unerreichbare; es ist die tiefe menschliche Zuneigung, die auch unter widrigen Umständen gedeiht und das Versagen des Bürgertums in eben jenen Zeiten, die Bassani in seinem Buch präzise zeichnet, für das er den Premio Strega erhielt.

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Aus dem Italienischen von Herbert Schlüter.

Die italienische Originalausgabe erschien 1956 unter dem Titel Cinque storie ferraresi bei Giulio Einaudi Editore in Turin.

Die deutsche Erstausgabe erschien 1964 unter dem Titel FerrareserGeschichten bei Piper & Co. in München.

Diese Ausgabe wurde in freundlicher Zusammenarbeit mit der Fondazione Giorgio Bassani veröffentlicht.

E-Book-Ausgabe 2016

© 1956, 1973, 1974, 1980 Giorgio Bassani

All rights reserved

© 2007, 2016 für diese Ausgabe:

Verlag Klaus Wagenbach, Emser Straße 40/​41, 10719 Berlin

Covergestaltung unter Verwendung eines Screenshots von Lalunga notte del’43 (1960) © Italian Wikipedia. Das Karnickel zeichnete Horst Rudolph. Datenkonvertierung bei Zeilenwert, Rudolstadt.

Alle Rechte vorbehalten. Jede Vervielfältigung und Verwertung der Texte, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für das Herstellen und Verbreiten von Kopien auf Papier, Datenträgern oder im Internet sowie Übersetzungen.

ISBN 978 3 8031 4216 0

Auch in gedruckter Form erhältlich: ISBN 978 3 8031 2564 4

www.wagenbach.de

Die * beziehen sich auf die Anmerkungen des Übersetzers.

Lida Mantovani

Enfin des années entières s'étant passées, le temps et l'absence ralentirent sa douleur et éteignirent sa passion.

La Princesse de Cleves

1

Zeit ihres Lebens erinnerte sich Lida Mantovani an die Tage vor ihrer Niederkunft. Immer wenn sie daran dachte, überkam sie Rührung. Dabei waren jene Tage keineswegs reich an Ereignissen und Eindrücken gewesen. Einen Monat lang hatte sie in einem Saal des Entbindungsheims gelegen, ganz hinten, am Ende des langen Raums. Durch das Fenster, das auf den Garten ging, sah sie die blanken Blätter einer großen Magnolie. Es war April, doch es war schon warm, und das Fenster stand den ganzen Tag offen. Aber am Ende dieser Zeit hatte sie sogar das Interesse an den schwarzen, wie geölten Blättern des Magnolienbaums verloren. Die Schmerzen setzten erst sehr spät ein; sie begriff und empfand überhaupt nichts mehr wie sonst. Sie war zu einem aufgedunsenen, unempfindlichen Wesen geworden (die Ruhe, die sie umgab, entsprach ihrer inneren Ruhe), das verlassen in einem Krankenhaussaal lag. Sie aß fast nichts mehr. Aber Professor Bargellesi, der in jenen Jahren der Chefarzt des Entbindungsheims war, versicherte ihr, daß es so besser sei.

Am Fußende ihres Bettes stehend, musterte er sie aufmerksam. »Es ist heiß. Wenn du Luft kriegen willst, ist es besser, den Magen nicht zu belasten«, erklärte er, während er sich mit seinen zarten, geröteten Händen über den langen weißen Bart strich, der um den Mund herum voller Nikotinflecken war. »Dick genug bist du ja, wie mir scheint«, fügte er mit einem Lächeln hinzu.

2

Nach ihrer Niederkunft nahm das Leben wieder seinen gewohnten Gang.

Anfänglich hatte Lida im Gedanken an David versucht (die Erinnerung an sein gelangweiltes, unzufriedenes Gesicht verletzte sie: fast nie hatte er das Wort an sie gerichtet und den ganzen Tag auf dem Bett gelegen, Romane gelesen oder geschlafen), sich allein wieder in dem möblierten Zimmer in der Via Mortara einzurichten, in dem sie während des letzten halben Jahres mit David gelebt hatte. Doch als sie nach ein paar Wochen zu der Überzeugung kam, daß sich David nicht mehr blicken lassen würde, und die paar hundert Lire, die er ihr gegeben hatte, so gut wie verbraucht waren, ihr zudem die Milch für das Kind zu fehlen begann, fand sie sich damit ab, zu ihrer Mutter zurückzukehren. So erschien also Lida Mantovani noch im Sommer des gleichen Jahres wieder in der Via Salinguerra. Sie sah die ihr so vertraute kleine Straße wieder, mit den niederen, mit Glasscherben bewehrten Mauern, den armseligen Häuschen und dem Steinpflaster, aus dem allenthalben das Gras herauswuchs. Und dann sah sie das Zimmer wieder, in dem sie ihre Jugendjahre verbracht hatte, den staubigen Holzfußboden und die beiden eisernen Bettstellen. Eigentlich war es ein Kellerraum. (Vielleicht hatte er früher einmal als Kohlenkeller gedient; das Haus war das einzige etwas größere Gebäude in der Via Salinguerra.) Jedenfalls war der Zugang zu diesem Raum komplizierter als nötig. Von dem wie eine Scheune weiten und dunklen Hausflur aus stieg man eine Treppe bis zum ersten Absatz hinauf und machte vor einer kleinen Tür halt. Hatte man ihre Schwelle überschritten, stieß man mit dem Kopf beinahe an die Balkendecke, die sich unversehens über einer Art von Abgrund wölbte. Als Lida dort oben stand, sah sie unten ihre Mutter, die das Gesicht von der Näharbeit hob. In ihrem Blick lag keine Überraschung, nur eine drängende Frage. Das Kind im Arm, stieg Lida langsam die Stufen der Treppe hinab. Sie ging auf ihre Mutter zu und beugte sich nieder, um ihr einen Kuß auf die Wange zu geben. So ruhig, als wäre sie nur ein paar Stunden fortgewesen, erwiderte ihre Mutter den Kuß.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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