EUPHORIA Z - Luke Ahearn - ebook

EUPHORIA Z ebook

Luke Ahearn

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Opis

Als infizierte Menschen in einer tödlichen Orgie durch die Straßen der Städte rund um den Globus fegten, erlag die Zivilisation diesem Angriff. Die wenigen Überlebenden kämpfen ums Überleben, wohl wissend, dass sie fast chancenlos sind. Cooper ist einer der Überlebenden. Noch vor einer Woche war das College seine größte Sorge, nun begibt er sich auf eine gefährliche Reise, um seine Schwester zu finden. Aber die Zombies sind nicht die einzige Bedrohung … ---------------------------------------------------------- "Der Roman ist spannend, blutig, manchmal auch widerlich, einfach ein super Zombie - Endzeit - Road - Trip Roman dem ich jedem ans Herz legen möchte!" [Lesermeinung]

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Inhalte

Titel

Copyright

Impressum

Widmung

Zuvor …

Die Gegenwart …

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Epilog

Der Autor

Danksagung

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Leseproben

Der LUZIFER Verlag

EUPHORIA Z

ein Horror-Thriller von

Luke Ahearn

aus dem Amerikanischen übersetzt von

Andreas Schiffmann

This Translation is published by arrangement with Luke AhearnTitle: EUPHORIA Z. All rights reserved.

Diese Geschichte ist frei erfunden. Sämtliche Namen, Charaktere, Firmen, Einrichtungen, Orte, Ereignisse und Begebenheiten sind entweder das Produkt der Fantasie des Autors oder wurden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen, lebend oder tot, Ereignissen oder Schauplätzen ist rein zufällig.

Impressum

Deutsche Erstausgabe
Originaltitel: EUPHORIA Z
Copyright Gesamtausgabe © 2015LUZIFER-Verlag
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Cover: Mark Freier
Übersetzung: Andreas Schiffmann

ISBN E-Book: 978-3-95835-048-9

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Für Julie, Ellen und Cooper.

Ein Jahr zuvor …

»Wir kriegen dich, du Bastard!«, echote es durch den Wald. Sie verfolgten ihn schon lange und waren ihm nun sehr nahe – aber nur, weil er es zuließ.

Cooper hatte selbst bestimmt, wann und wo er sich ihnen entgegenstellen würde. Er wartete geduldig darauf, dass sie zu ihm kamen. Er beruhigte seinen Atem und blieb völlig still.

Sie jagten ihn in einer geschlossenen, großen Gruppe, also alle acht, und versuchten, ihm Angst zu machen, damit er sich aufscheuchen ließ. Er wusste jedoch, dass sie sich vielmehr vor ihm fürchteten. Das machte er anhand ihrer Stimmen aus: angespanntes Flüstern, wütende Befehle.

Glauben sie wirklich, ich sei so dumm und wollte ihnen allen auf einmal die Stirn bieten?Er würde das im Rambostil durchziehen, indem er sich einen nach dem anderen vorknöpfte.

»Wir wissen, wo du steckst, Mann!« Eine andere Stimme, näher.

Ihr wisst, wo ich stecke? So was von lächerlich, dachte er. Einer seiner Jäger gab mehrere Schüsse ab.

»Spar deine verdammte Munition«, brüllte ihr Anführer.

Cooper drückte sich seine Pistole fest an die Brust – längs, damit sie nicht vom Körper abstand – und seinen Rücken gegen einen riesenhaften Baum. Er befand sich tief in einem urgewaltigen Wald; die Wasserfälle, kolossalen Tannen, üppigen Farne und moosbedeckten Felsen waren schön, eigneten sich aber auch trefflich zum Verstecken.

Schweiß rann an seinem Rücken und den Beinen hinunter. Etwas kitzelte ihn im Genick, doch er verdrängte das Jucken in der Hoffnung, es sei kein beißendes Insekt. Die raue Rinde blieb an seiner Montur haften. Rechterhand fiel ihm eine Bewegung auf, doch er hielt sich steif wie der Tod, verborgen zwischen zwei breiten Farnen.

Sein Herz raste. Acht gegen einen – ein irrsinniges Handicap, doch er war entschlossen, lebendig hier herauszukommen. Einen Gegner ließ er vorbeilaufen, dann noch einen und schließlich zwei weitere.

Der Angriff traf sie überraschend. Er tötete drei von ihnen, bevor sie überhaupt bemerkten, wo er war. Der vierte Mann machte Anstalten, zurück zu feuern, handelte sich für seinen Heldenmut jedoch einen Schuss mitten in die Brust ein.

Cooper dezimierte ihre Gruppe binnen Sekunden um die Hälfte und stand geschützt vor den Verbliebenen hinter einem Baumriesen. Er grinste, als die übrigen vier in Panik gerieten.

»Zurück! Verflucht, er ist gleich dort!«

Cooper hörte, dass mindestens zwei von ihnen davonliefen, und kicherte.Wenn er nach ihnen ruft, sucht er mich nicht, schlussfolgerte er. So lehnte er sich zur Seite und feuerte rasch. Die Kugel traf den Anführer am Visier seines Helms. Eigentlich hatte er mittig auf den Körper gezielt, doch ein Kopfschuss ließ ihn viel cooler dastehen.

»Scheiße!« Der Teenager zog den Helm aus, um sich den Rest des Kampfes ansehen zu können. Er war verblüfft und auch ein bisschen enttäuscht. Beim Paintball gewann Cooper immer, aber das war wirklich lächerlich: Acht gegen einen, unfassbar. Er hätte ihn des Schummelns bezichtigt, wäre es nur annähernd möglich gewesen, dass Cooper dies getan hatte.

»Kommt schon, er steht direkt hinter dem Baum.«

»Du bist tot, Harlan«, sagte Cooper ruhig.

»Ich bin ein Zombie.«

»Zombies können nicht sprechen.« Cooper lächelte. Er hörte, wie die anderen beiden sich anschickten, den Baum zu umrunden, um ihn von beiden Seiten anzugreifen. Ein weiterer harrte rechts hinter ihm aus, es sei denn, Norman hatte fliegen gelernt; der Kerl war nicht in der Lage, leise zu gehen.

»Hetze ihn, Dicker!«, rief Harlan.

»Er wird mich abschießen«, jammerte Norman.

»Nicht, wenn du ihm zuvorkommst.«

Cooper ärgerte sich darüber, dass jeder Norman „den Dicken“ nannte; das war einfach gemein. Jeder kam mit jedem aus, aber die Kids konnten sich immer noch unreif und grausam verhalten.

»Norman, zielst du auf mich?« Cooper sprach diese Worte gegen den Baum, sodass sie von überall her hätten kommen können.

»Äh, nein.«

»Solltest du aber. Richte die Waffe direkt auf den Baum. Ob ich von links oder rechts komme: Du kannst mich in jedem Fall leicht erwischen.«

»Du wirst mir auch nicht böse sein?«

Herrje, Norman, stöhnte er innerlich. »Ich bin tot! Du schießt großartig. Nur weil du keine zehn Schritte schaffst, ohne verschnaufen zu müssen, heißt das nicht, dass du das hier nicht gewinnen kannst.« Cooper lächelte wieder. Er stichelte Norman gerne, doch beide wussten, dass es nie fies gemeint war.

»Ha, ha.« Norman hob sein Gewehr und zielte auf den Baumstamm. Er wusste, Cooper würde ihm helfen, den Sieg aber nicht gleich schenken, sondern im Gegenteil sein Bestes geben, um selbst zu gewinnen und es vermutlich auch schaffen. Norman hatte tatsächlich Angst.

»Nicht vergessen … warte.« Cooper drückte ab und traf einen der beiden, die sich herangepirscht hatten und ihm zu dicht auf den Leib gerückt waren. Der andere hielt sich zurück – weit zurück – und gab ein paar Schüsse ins Blaue auf ihn ab.

Eine Farbkugel sauste über Normans Kopf hinweg. »Hey, nicht die eigenen Leute abballern, pass auf!«

Ein leises »’Tschuldigung« folgte aus dem fernen Unterholz.

Cooper belehrte ihn: »Norman, vergiss nicht, in Deckung zu gehen.«

Der Dicke rückte ein paar Fuß zur Seite hinter eine dünne, junge Kiefer.

Der tote Anführer lachte wiehernd: »Du brauchst einen Baum, der wesentlich breiter ist als der, Norm.«

»Halt die Fresse«, blaffte Norman, obwohl auch er es witzig fand; er war locker viermal so dick wie der Baum.

»Du siehst aus wie ein Elefant, der sich hinter einem Stoppschild verstecken will.« Harlan war sein eigener größter Fan und lachte am lautesten über seine Witze.

»Wenigstens sieht mein Riechkolben nicht aus wie ein Pimmel«, konterte Norman. Er hatte tagelang darauf gewartet, diesen Spruch zum Besten geben zu können. Dass Harlan empfindlich reagierte, wenn es um seine Nase ging, wusste er, deshalb brachte das den Jungen auch zum Schweigen.

Auch Cooper musste schmunzeln. Harlan konnte ein ziemlicher Trottel sein.

Sein zweiter Häscher stürzte plötzlich los und feuerte, ohne zu zielen. Cooper schaute seelenruhig zu, wie die Platzpatronen überall hinflogen, bloß nicht einmal annähernd auf ihn. Dem Schützen ging ungefähr 30 Fuß vor Cooper die Munition aus.

»Oh, Kacke.« Er warf sich dramatisch auf die Erde, dann »Autsch.«

Daraufhin prusteten alle los.

Cooper ging seelenruhig auf den Liegenden zu, wobei er zusah, dass der Baum zwischen ihm und Norman blieb. Der Jäger versuchte händeringend, neue Farbkugeln in die Zuführung seiner Waffe zu schütten, doch dann stand Cooper vor ihm. Der gescheiterte Nachlader sackte resignierend zusammen.

Cooper ging in die Hocke, hielt ihm den Lauf seiner Pistole im Abstand von einem Fuß vor die Brust und wisperte: »Ich werde es kurz und schmerzlos machen.«

»Okay.«

»Irgendwelche letzten Worte?«

»Komm schon, tu’s einfach.«

»Möchtest du eine Nachricht für deine Lieben aufgeben?«

»Los jetzt, du Arsch, erschieß mich.«

Cooper feuerte und schlich zurück hinter den Baum.

»Jetzt sind nur noch wir beide übrig, Norman. Bist du bereit?«

»Ja, nur zu.« Er versuchte, zuversichtlich zu klingen, aber seine Stimme brach sich dabei.

»Bist du sicher? Auf welcher Seite des Baumes werde ich vortreten? Stehe ich überhaupt noch dahinter? Vielleicht lauere ich in Wirklichkeit hinter dir.«

Norman wollte den Kopf drehen, um zurückzuschauen, wusste aber, dass Cooper bloß versuchte, ihn zu verwirren. Darum ließ er den Baum nicht aus den Augen und fixierte eine Stelle etwa drei Fuß über dem Boden. Als er eine Bewegung an einer Seite wahrnahm, duckte er sich, und schon rauschte ein Farbball an ihm vorbei.

»Scharfes Auge, Norm!«, lobte Harlan.

Norman blickte wieder dorthin, wo er Cooper gerade gesehen hatte. Er suchte diesen Bereich ab, entdeckte aber keine Spur von ihm. Ein lautes Klatschen an seinem Brustpanzer ließ ihn zusammenzucken, woraufhin rechts über seinem Herzen ein grüner Klecks auftauchte. Dass es Cooper gelungen war, sich mehrere Yards von der Stelle fortzubewegen, an der er gestanden hatte – völlig unbemerkt – war verblüffend.

»Ach, Mensch.« Norman tat enttäuscht, war aber eigentlich froh; so knapp hatte er bei Paintball noch nie unterlegen, was eine beachtliche Leistung darstellte, wenn man von Cooper gejagt wurde.

»Gut, gut, gut.« Der Sieger stolzierte nun auf Harlan zu, und der Rest der Gruppe schloss sich den beiden an. »Ich schätze, jemand muss mir eine Pizza ausgeben.«

Sie zogen auf dem Weg zu der langen Straße, die sie tiefer in den Nationalforst führte, ihre Helme und verschiedene Elemente ihrer Kunststoffpanzer aus. Dabei lachten sie und rissen Witze – ein typisch sorgenfreier Tag für alle. Schließlich warfen sie ihre Ausrüstungen in die Autos. Später am Abend würden sie sich am Strand treffen und ein Lagerfeuer machen.

In wenigen Wochen begann Coopers Abschlussjahr, aber er freute sich schon jetzt aufs College. Obwohl er diese Zeit vermissen würde, konnte er es kaum erwarten, die Kleinstadt zu verlassen und in die Ferne zu ziehen.

Allerdings sollte er es nie bis aufs College schaffen. Beinahe auf den Tag genau ein Jahr später würde er auf echte Killer mit scharfen Waffen stoßen – und wieder allein sein.

Neun Monate zuvor …

»Ich wollte nur sagen, dass ich nicht mit heruntergelassenen Hosen dort reingehen will«, grollte General Mason Schaumberg. Er stand vor einer dunkelhäutigen Frau im Laborkittel, die deutlich kleiner war als er, und rückte ihr viel zu dicht auf die Pelle.

»Na ja, viel zu sehen gäbe es dann ja nicht«, erwiderte sie, ohne vor ihm zurückzuweichen. Dr. Aimee Sarin war indischer Abstammung, aber Amerikanerin in der dritten Generation. Sie hatte in Astrophysik promoviert und zeigte sich unbeeindruckt, während er das Machoarschloch heraushängen ließ; genauer gesagt fand sie es niedlich, wenn er das versuchte.

Der General lächelte. »Heißt das also ja? Diese Berechnungen sind ganz sicher korrekt?«

Die Doktorin verdrehte bloß ihre Augen. »Was denkst du denn?«

General und Dr. – so nannten sie einander sogar außerhalb ihrer Arbeitszeit. Sie hatten vor etwas über einem Jahr begonnen, miteinander auszugehen. Dr. Sarin war für Seeker verantwortlich, einem Teleskop auf der dunklen Mondseite, von dessen Existenz nicht einmal 50 Personen wussten. General Schaumberg wiederum war für Dr. Sarin verantwortlich – jedenfalls beruflich, und selbst darüber ließ sich streiten.

Seeker übertraf alle anderen Teleskope, die man je gebaut hatte, und sie durfte darüber verfügen, was sie in die Situation des ersten Menschen der Welt brachte, der wusste, dass ein möglicherweise verheerender Asteroid auf die Erde zuraste – und zwar noch ehe dem US-Kongress klar wurde, wer das Projekt subventionierte.

»Und du kommst wirklich nicht mit mir?«, fragte der General, obwohl er die Antwort bereits kannte.

Sie hasste diese Besprechungen und hatte heute einen triftigen Grund, um fernzubleiben. »Ich bin mir sicher, du schaffst es allein, vor einem Saal voller Männer zu reden, die deine Karriere mit einem Telefonanruf zerstören könnten.« Sie lächelte über diese Spitze.

»Du verstehst es wirklich sehr gut, mich zu beruhigen, vielen Dank.« Er salutierte mit einem schiefen Grinsen, bevor er zum Konferenzraum ging.

Normalerweise würde sie einem so wichtigen Treffen beiwohnen, doch es galt, weiter an den Berechnungen zu arbeiten. Um mit hundertprozentiger Gewissheit zu sagen, dass der Asteroid einschlagen würde, war es noch zu früh, doch die Wahrscheinlichkeit dafür stand hoch. Dennoch hoffte sie, sich zu irren.

Sie war aufgeregt gewesen, als man sie auserwählt hatte, jenes Team zu leiten, welches das geheime Teleskop bedienen sollte. Dessen Stärken begeisterten sie, doch sobald sie die tatsächliche Zahl der Flugkörper gesehen hatte, die eine erhebliche Bedrohung für die Erde darstellten, war sie dazu übergegangen, nach der Arbeit zu trinken, um schlafen zu können. Innerhalb weniger Monate hatte sie sich auf dem besten Wege befunden, ihre Karriere zu zerstören. Mithilfe des Generals war sie wieder auf die richtige Spur gekommen, und eine Beziehung hatte sich entwickelt.

Dass man der Öffentlichkeit weismachte, man sei vor Asteroideneinschlägen sicher, regte sie immer noch auf, doch mit der Wahrheit umzugehen, wäre zu arg für die Menschen. In diesem Fall war Unwissen ein Segen, aber am schlimmsten fand Dr. Sarin, dass selbst das überragende Teleskop nicht jedes Objekt ausmachte, das die Erde treffen konnte.

Während sie beobachtete, wie der General den Konferenzraum betrat – selbstbewusst wie immer –, zwickten sie leise Gewissensbisse, weil er es war, nicht sie.Ich mach’s mit einem gemeinsamen Abendessen wieder gut. Vielleicht schaue ich mir sogar diese dämliche Fernsehserie über die Motorradgang an und tue so, als würde sie mir gefallen, sinnierte sie.

Drei Monate zuvor …

Der General saß mit der Doktorin hinten im Pressesaal und tat etwas, was die beiden während ihrer Arbeit nie wagten: Händchen halten. Als er sie drückte, schlossen sich ihre Finger um seinen Verlobungsring, und sie schüttelte leicht ihre Hand, damit er sich entspannte.

Der Pulk verstummte, als der Präsident der Vereinigten Staaten mit einem einzelnen Blatt Papier in den Händen aufs Podium trat.

»Guten Abend. Ich bin heute hier, um Ihnen diese Neuigkeit persönlich zu übermitteln. Während ich spreche, werden diese Informationen an andere Staatsregierungen und Medien weltweit weitergereicht, um eine grundlose Panik zu verhindern. Alles wird in Ordnung bleiben, und ich wiederhole dies ausdrücklich: Alles ist und wird in Ordnung bleiben.

Ein Asteroid befindet sich auf dem Weg zu uns – uns, das bedeutet: die Erde. Er wird in der russischen Stadt Ufa einschlagen; diese Stadt wird vernichtet, aber –«

»Moment mal!«, rief ein Reporter und sprang auf. »Sie haben gelogen, was Ufa angeht, richtig? Wie lange wissen Sie bereits von diesem Asteroiden?« Wütendes Gemurmel kam unter den anderen Medienvertretern auf.

Eine ältere Frau erhob sich. »Es ging also nicht um ein Arsenal biologischer Kampfstoffe, das zu gewaltig war, um es zu bewegen. Sie haben uns rundheraus belogen. Wie können Sie es wagen?«

Auf eine Handbewegung des Präsidenten hin traten rasch zwei Agenten in Aktion, um die Reporterin hinauszubringen. Sie widersetzte sich. Andere standen auf und fingen lauthals an, Fragen zu stellen.

»Setzen Sie sich! Tun Sie es sofort, oder ich lasse diesen Saal räumen!«, rief der Präsident ins Mikrofon. Niemand reagierte. Die Lage wurde so chaotisch, dass der Geheimdienst ihn aus dem Saal geleiten musste.

Der General schnitt ein finsteres Gesicht.Für diese Trottel ist es so schlimm, nicht informiert worden zu sein, dass sie gar nicht hören wollen, welche Nachricht der Präsident mitzuteilen hat.

Ein Journalist stellte sich auf einen Stuhl und begann zu schreien. Ein Agent des Geheimdienstes versetzte ihm einen Elektroschock, woraufhin der Mann zu Boden ging. Zwei andere Agenten drehten ihn auf den Bauch und legten ihm Handschellen an. Das war eine klare Ansage. Man würde nicht lange fackeln. Die anderen Medienvertreter beruhigten sich wieder und verließen nacheinander den Saal.

Sobald Ruhe eingekehrt war, durfte eine Handvoll zurückkehren. Der Präsident richtete sich an sie, doch das Kind war bereits in den Brunnen gefallen. Man wollte dem Staatsoberhaupt eine Lektion erteilen, weil man von ihm für dumm verkauft worden war. Den Reportern war anscheinend egal, dass die weltweite Panik, die sie zu schüren gedachten, zu Chaos führen würde – zu Zerstörung, Gewalt und Mord.

***

»Diese Arschlöcher.« Der General war es leid, dabei zuzusehen, wie kindisch sich die Medien aufführten. Man berichtete, der Asteroid würde die ganze Welt verwüsten und die Menschheit auslöschen. Er war zu verdrossen, um das Sandwich zu essen, das er sich gerade gemacht hatte, und lehnte sich an die Küchentheke.

Die Doktorin konnte ihm nur beipflichten: »Die spielen sogar Szenen aus Katastrophenfilmen als authentisches Material ein. Nicht zu fassen. Ganz ehrlich, ich fand schon immer, wir hätten es der Welt preisgeben sollen, als wir es erkannten, aber so zu reagieren, ist kriminell.«

»Ich weiß.« Der General betrachtete sein Sandwich. Er hatte mehrere hitzige Debatten mit ihr über die Situation hinter sich.

Sie war gerade vom Joggen zurückgekommen und trank Wasser aus einer Flasche. »Sieht nicht so aus, als würde die Mehrheit der Menschen die Lage begreifen und sich normal benehmen. Ich glaube, langfristig wird doch alles glattgehen.«

»Ja, sicher. Aber die Schäden, die daraus entstehen … Du hast die Geschichten gehört: Menschen werfen ihre Leben und Karrieren weg, ja töten sogar aufgrund dessen, was die Presse heraufbeschworen hat.«

Sie sah ungern, dass sich der General derart empörte, und schmiegte sich an ihn. »In ein paar Wochen ist alles wieder normal.«

»Für die meisten Menschen.« Er biss in sein Sandwich.

»Na ja, für uns aber auf jeden Fall.« Sie versuchte, ihn zu beschwichtigen und ihm Zuversicht zu spenden.

Er erwiderte ihre Umarmung, schnupperte an ihrem Haar und versuchte den ganzen Mist zu vergessen, der ihm gerade durch den Kopf ging.

»Für uns schon, definitiv.« Er gab ihr einen Kuss auf den Kopf. »Uns wird es besser gehen als je zuvor.«

Dabei irrte er sich jedoch, denn in wenigen Wochen sollten die beiden nicht mehr am Leben sein.

***

Der Tag kam, und die Welt hielt den Atem an. Der Asteroid trat in die Atmosphäre ein und ging über Osteuropa nieder – und das war es dann. Die Stimmung weltweit vermittelte einen Eindruck von Enttäuschung, den meisten Menschen entging der Einschlag völlig.

Während die Menschen jedoch allerorts zur Ruhe kamen und anfingen, ihre Leben wieder in geregelte Bahnen zu lenken, setzte eine Gruppe von neun Männern einen Plan um. Und dieser sollte eine wirkliche weltweite Katastrophe auslösen.

Drei Wochen zuvor …

Die Neun ließen in einem fürstlichen Hotel die Seele baumeln. Ihre Suite umfasste die oberen drei Etagen des vornehmsten Etablissements in Las Vegas, doch die Männer schienen einander nicht zur Kenntnis zu nehmen. Jeder wartete auf die Apokalypse, und sie waren die Einzigen auf Erden, die wussten, dass sie kommen würde … weil sie sie selbst in die Wege geleitet hatten.

Milliardäre. Neun Milliardäre an einem Ort. Trugen sie ihre Vermögen zusammen, konnten sie alles erreichen, doch sie hatten entschieden, die Welt zu vernichten. Der Plan war über Jahrzehnte hinweg ausgearbeitet worden, und die Zeit zur Umsetzung nun endlich reif. Von der Glaubwürdigkeit der Medien konnte keine Rede mehr sein, nachdem sie eine derartige Story aus dem Asteroiden gemacht hatten.

Im Rahmen einer beiläufigen Abstimmung, bei der es nur eines einträchtigen Kopfnickens bedurfte, fassten sie den Beschluss, die Weltbevölkerung fast vollständig auszumerzen. Im Lauf der folgenden Stunde führten sie mehrere Telefonate und verschickten ein paar E-Mails. Dann waren die Weichen gestellt und alle Hebel in Bewegung gesetzt; fast alle Menschen auf der Welt sollten binnen weniger Tage sterben.

Sie gingen davon aus, dass ihr Plan aufgehen würde, vor allem weil die bevorstehenden Ereignisse merkwürdig anmuten mussten. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung würde körperliche Krankheitssymptome ignorieren, die eigentlich erschreckend waren. Die Milliarden, die sich im Lauf der nächsten Wochen infizierten, würden sich besser, glücklicher und gesünder denn je fühlen – ja geradezu euphorisch sein. Diese Gruppe von neun Männern hatte festgelegt, wer auf globaler Ebene überleben und wer sterben sollte. Jetzt strahlten sie und prosteten einander zu. Bald würde das Paradies ihnen gehören.

Ihr Vorhaben, den Planeten zu entvölkern, verlief aber nicht wie beabsichtigt. Die Gruppen und Einzelpersonen, die sie geimpft hatten, steckten sich zwar an, als sie mit dem Virus in Berührung kamen, und viele fanden in den darauffolgenden Wirrnissen den Tod, allerdings verhielt sich der Erreger selbst nicht wie vorgesehen. Die Infizierten starben nicht nach der anfänglichen Euphorie, sie fielen ins Koma. Ihre Gehirne vollzogen einen nicht vorhergesehenen Wandel, der sie wieder erwachen ließ. Doch das Menschliche in ihnen war gestorben, ein Monster geboren – und alles, was dieses Monster wollte, war fressen.

Diese neun mächtigen Männer, die Gott spielten, indem sie Milliarden Menschen mit nur ein paar Anrufen und Mails umgebracht hatten, waren auch Menschen. Folglich steckten sie sich an und erlitten das gleiche Schicksal wie ihre Opfer.

Die Gegenwart, Monterey, Kalifornien

»Fuck!« Der drahtige alte Mann mit den grauen Haaren spürte, wie ihm die Augen vor Staunen regelrecht hervortraten. Jasper blickte finster drein. Jetzt ärgerte er sich wirklich schwarz. Mochte er auch einen Buckel haben und beim Gehen hinken, so ließ er sich dennoch nichts gefallen.

Irgendein fetter Dreckskerl hatte hinterrücks seine Arme um ihn geschlungen. Vor seinen Augen sah er weiße Berge von feuchtem Speck, während es nach Erbrochenem stank. Auch fühlte er den massiven, schmierigen Wanst und die Brüste des Mannes an seinem Rücken. Gewaltige Rollen von kaltem, verschwitztem Fleisch umgaben ihn, und ihn schauderte.

Er hasste Umarmungen, besonders von anderen Männern, und solche von schwitzenden Fettsäcken waren absolut unerträglich. Er trug seinen besten Hammer mit Pike bei sich, einen guten, alten Craftsman von anno dazumal, als die Schlitzaugen sie noch nicht hergestellt hatten, und brannte geradezu darauf, ihn zu benutzen. Der fette Wichser brüllte ihm ins Ohr: »Ich liebe dich! Ich liebe dich, Mann!«

»Ah, hör auf!« Jasper wand sich aus dem labbrigen Kokon und trat mehrere Schritte zurück. Was er sah, widerte ihn an. Es war ein hochgewachsener, dicker Jungspund, einen Kopf größer als er, was ihn wie ein Riesenbaby aussehen ließ, völlig haarlos und weichlich. Dabei grinste er wie ein Idiot, und das brachte Jasper noch weiter auf die Palme. Essensreste waren im Gesicht des Typen verschmiert und Fett rann in Strömen an seinem Doppelkinn hinunter, dann über die Titten und den Bauch. Jasper bekam den Gedanken nicht aus dem Kopf, der ganze Dreck klebte nun überall an seinem Rücken. Jetzt würde er sein Hemd verbrennen und lange heiß duschen müssen.

Der dicke Bursche trug nur ausgeleierte, weiße Unterwäsche, die mit Schweiß getränkt war. Jasper bekam von der nassen Kälte an seinem Rücken Gänsehaut. Sein Flanellhemd haftete an ihm wie ein klammer Badeanzug.

»Ich liebe dich, Mann!« Der fette, große Kerl grinste, während er auf ihn zukam, um ihn ein weiteres Mal zu umarmen.

»Ah, fick dich!« Trotz seines fortgeschrittenen Alters bewegte sich Jasper flink und behände, was er seinen vielen Jahren als Zimmermann danken durfte. Er ließ den Spitzhammer auf dem Kopf des Jungen niedergehen, der ohne Widerstand zusammenbrach. Ihm gefiel das Gefühl, Schädel zu zertrümmern, bloß vergeudete er ungern Zeit darauf, es zu tun.

Der Dicke fiel auf den Betonboden wie ein nasser Sack. Er grinste immer noch, was Jasper ein wenig die Freude daran nahm, ihm die Birne eingeschlagen zu haben. Er wünschte sich, jedem Arschloch auf Erden mit seinem altbewährten Hammer die Hölle heißmachen zu können. Schließlich blickte er zurück, um sich zu vergewissern, dass ihn nicht noch ein anderer Penner umarmen wollte.

Eine Frau kam auf ihn zu. Sie heulte so laut, dass sie die Menge übertönte, während sie mit ihren Brüsten wackelte. Auch sie tötete er mit einem Hieb zwischen die Augen. Ihm reichte dieser Scheiß; nachdem er spaßeshalber noch ein paar Köpfe eingeschlagen hatte, wurde ihm langweilig. Es war stets das Gleiche: Zwanglos eins übergebraten, und die Deppen brachen immer noch lächelnd zusammen.

Auf den Straßen wimmelte es vor Menschen, und alle spielten verrückt. Jasper wollte einfach nur nach Hause. Anscheinend versammelte man sich in der Innenstadt, strömte aus den angrenzenden Siedlungen herbei. Die Menschen bewegten sich Arm in Arm in großen Gruppen, sowohl nackt als auch bekleidet, tanzten und herzten einander. Jasper wurde übel davon, so richtig kotzübel.

Als er versuchte, ebenfalls ins Stadtzentrum zu gelangen, verlor er sich beinahe in der Menge. Die Menschen drängelten und schoben sich gegenseitig gegen Türen, bis diese aufbrachen. Er hörte, wie ein breites Schaufenster zersprang, doch niemand reagierte darauf – im Gegenteil, da wurde einfach eine ganze Welle von Körpern durch den Rahmen gedrückt. Er erkannte, dass dies zu ernsthaften Verletzungen und gar Toten führte, weshalb er schleunigst verschwinden wollte.

Das schaffte er gerade rechtzeitig. Der Andrang der riesigen Schar erdrückte und erstickte viele, quetschte sie irgendwo ein und trampelte sie nieder, brachte sie schlichtweg um und riss doch nicht ab. Niemand schrie panisch oder vor Schmerzen, niemand rief nach Hilfe oder verständigte den Notdienst, und niemand hielt inne, um anderen beizuspringen, sich zu entschuldigen oder auf irgendeine andere Art menschlich zu reagieren. Alle waren fest entschlossen, genau das zu tun, was sie wollten, und was sonst jemand versuchte, interessierte sie nicht im Geringsten.

Überall wo die Menschen zusammenkamen, um sich auszutoben, herrschte dichtes Gemenge. Das Einkaufszentrum platzte aus allen Nähten, doch das Krankenhaus war verlassen. Am Hafen war so viel los, dass Hunderte ins eiskalte Wasser der Bucht stürzten. Das Büro- und Geschäftsviertel hingegen blieb dunkel und still. Einige Gruppen taten sich – aus welchen Gründen auch immer – zufällig auf dieser oder jener Straße zusammen. Die meisten Bürger verließen ihre Wohnungen und gingen fort, ohne die Türen zuzusperren oder überhaupt zu schließen. Sie wanderten einfach fort.

Einige wenige Seelen, die alles andere als ausgelassen waren, versteckten sich noch in ihren vier Wänden. Sie beobachten die Geschehnisse draußen voller Furcht und Entsetzen durch ihre Fenster. Jasper hatte zu ihnen gezählt, brauchte aber seine beschissenen Tabletten und musste sich durch diesen elenden Wust kämpfen, um sie zu besorgen. Natürlich war die Apotheke geschlossen gewesen, als er sie erreicht hatte. Auf seinen vorangegangenen Versuch hin, dort anzurufen, hatte sich niemand gemeldet. Demzufolge war er sauer. Er wollte nichts mit diesem bekloppten Stuss zu tun haben, geschweige denn etwas davon sehen oder gar durch die Ansammlung laufen. Er sah nicht wenige, die Sachen machten, die er bisher nur in den schmutzigen Heftchen seiner Kollegen gesehen hatte, doch eines einte sie alle: Sie strahlten wie geistig Behinderte, denen man einen Lutscher in die Hand gedrückt hatte – jeder und jede Einzelne von ihnen.

Zunächst hatte er geglaubt, dieses absonderliche Verhalten beschränke sich auf geistig Minderbemittelte, Kinder und andere Sonderlinge.Dahinter muss irgendeine neue Droge stecken, sonst würden sie nicht so bescheuert abgehen, so sein Gedanke. Allerdings drehten zu viele Menschen am Rad – eine schlicht zu große Zahl, die sich anormal verhielt.

Er floh so schnell vor der Menge, wie er konnte, und kehrte zu seinem Wagen zurück. In seinem Leben hatte er schon einiges gesehen, doch während der letzten Tage war die Welt zum Vorhof der Hölle geworden. Berichten zufolge ließ so gut wie jeder überall auf der Welt seine Arbeit liegen, egal wie wichtig diese war. Alles kam gewaltsam zum Stillstand. Öffentliche Verkehrsmittel, das Kommunikationsnetz oder die Armeen – alles ging einfach vor die Hunde. Seit die Schwarzen wählen durften, hatte Jasper vorhergesehen, dass dieser Tag einmal kommen würde.

Und die Verbrecher in Washington tappten im Dunkeln. Sie behaupteten, es sei ein unbekanntes Virus, dem sie den einfallsreichen NamenEuphoria-Zgaben, wobei der Buchstabe für die Tatsache stand, dass sie nicht wussten, was es war, sondern nur, was es anrichtete. Und ihr Ratschlag? Zu Hause bleiben und sich von großen Mengen fernhalten. Unheimlich schlau.

Jasper hätte nie damit gerechnet, wieder jemanden töten zu müssen, nicht seit dem Krieg, doch in jüngster Zeit war ihm nichts anderes übriggeblieben. Auf den Straßen spielte sich Unbeschreibliches ab, und er würde nicht ins Freie gehen, wenn er seine Pillen nicht bräuchte. Er hatte das Gefühl, über Meilen hinweg die einzige vernünftige Person zu sein. Als er auf seine Füße schaute, fragte er sich – nur ganz kurz –, ob etwas mitihmnicht stimmte.Nein, kann nicht sein, dachte er dann. Nichts von alledem war richtig. Die Welt hatte den Verstand verloren.

Für Jasper war alles einige Tage zuvor losgegangen. Seine Freunde oder Nachbarn waren vorbeigekommen, um ihn zu umarmen oder mit ihm zu vögeln, aber er hatte sie alle abgewimmelt. Seit seinem ersten Mord waren nur wenige Tage vergangen, die ihm jedoch wie Wochen vorkamen. Seitdem hatte er viele weitere getötet. Ihre Gesichter blieben ihm größtenteils verschwommen in Erinnerung, doch jenen ersten Mord würde Jasper nie vergessen.

Er erinnerte sich, wie sein Vorderfenster unter dem Gehämmer vibriert hatte und wie angefressen er gewesen war, weil der unbekannte Urheber nicht hatte aufhören wollen. Er war davon ausgegangen, irgendeinen schwachköpfigen Halbstarken zu sehen, und hatte dann erschrocken die Luft angehalten, denn es war eine junge, attraktive Nachbarin gewesen, die auf seiner Vorterrasse stand – nackt und »spitz wie eine räudige Hündin«. Er hatte ihr die Tür vor der Nase zugeschlagen …

Jasper hörte das Schloss klicken. Sie machte wieder auf, denn er hatte vergessen, die Tür zu verriegeln. Die nackte Nachbarin betrat sein Haus. Er warf sich gegen die Tür, um das zu verhindern, und spürte, dass sie kurz vorm Zuschlagen aufgehalten wurde, wobei es dumpf knirschte. Nachdem er zurückgetreten war, musste er sich fast übergeben, als er die Finger des Eindringlings sah. Sie ließ sich jedoch nicht beirren, sondern wollte ihn weiter verführen, wozu sie die Hände hochhob und sich näherte. Spitze, weiße Knochensplitter stachen aus geschwollenem Fleisch hervor, ihre Finger waren in unmöglichen Winkeln umgeknickt. Blut floss an ihrem Arm hinunter und klatschte in dicken Tropfen auf den Fußboden. Sie bemerkte es nicht. Bei einer solchen Verletzung hätte sie vor Qual kopflos schreien, ja einen Schock erleiden müssen.

Seine erste Reaktion war, ihr helfen zu wollen, doch sie bedrängte ihn. Er stolperte rückwärts, während sie näherkam. Sie drang in sein Haus ein, und das schmeckte ihm nicht. Er stieß sie mit beiden Händen davon, sodass sie rücklings umkippte und mit dem Hinterkopf auf die Treppen knallte. Danach bewegte sie sich nicht mehr.

Zunächst hatte er vor, jemanden zu verständigen, während er sich eine Unfallgeschichte zurechtlegte. Aber egal, wen er anrief, niemand ging ans Telefon. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass sie tot war, schleifte er sie auf den Rasen seines Nachbarn. Das Arschgesicht stellte seine Mülltonnen ständig in Jaspers Auffahrt, also wollte er herausfinden, wie es ihm gefiel, eine Leiche auf seinem Grün liegen zu haben.

Jetzt kicherte er, als er sich daran zurückerinnerte, während er durch die Straße marschierte und dabei schwitzenden, grinsenden Wichsern auswich. Er hatte zwar seine Tabletten nicht bekommen, dafür aber ein paar Köpfe brechen können, jedoch nicht, ohne selbst einen Schlag ins Gesicht abzubekommen. Ein muskulöser junger Mann hatte ihn so übel erwischt, dass er gegen eine Wand geprallt und auf dem Pflaster niedergegangen war. Dort hatte er stundenlang bewusstlos gelegen, ohne dass es jemandem aufgefallen wäre.

***

Jaspers Kiefer tat weh, der Schmerz kam in heftigen Schüben. Nun, da er zu sich gekommen war, ballte er die Fäuste so fest, dass er sich mit den Fingernägeln in den Handballen schnitt, um der Qual Herr zu werden. Er stöhnte und unterdrückte einen Schrei. Der Knochen war bei dem Treffer ausgerenkt worden, jetzt spürte er nichts als intensiven Schmerz. Sein Kopf stand schief, und er verschluckte sich an metallisch schmeckendem Blut, das ihm fortwährend in den Rachen lief. Er stöhnte und wimmerte, als er es mit mehreren Zähnen ausspuckte. Seit Jahrzehnten hatte er nicht mehr das Bedürfnis zu weinen verspürt, nicht einmal während des Krieges auf dem Schlachtfeld.

Der Beton war kalt und rau. Er blieb liegen, während die Menschen an ihm vorbei gingen oder tanzten. Ein Passant stolperte über seinen Fuß und fiel auf ihn. Das tat so weh, dass er wieder ohnmächtig wurde.

***

Später – er lag immer noch auf dem Gehsteig – war die Temperatur bis knapp über den Gefrierpunkt gesunken. Er befand sich in einem mal mehr, mal weniger bewussten Dämmerzustand, während das Treiben ringsum munter weiterging. Nach einer Weile streckte er sich und befühlte seinen Kiefer. Heiliger Strohsack, er war gebrochen, und zwar so richtig: Der Knochen war am Kinn fast komplett gespalten. Als er ihn abtastete, erkannte er, dass er sich in seinen Rachen geschoben hatte. Er spürte, dass die andere Hälfte des Kiefers weit aus seinem Gesicht hervorstand, sodass Zähne und Knochen vom Kinn aufragten.

Als er zu lächeln versuchte, kratzte ein Teil an seinem Gaumen. Er dachte an den jungen Mann, der dies zu verantworten hatte. Er fühlte sich an seinen Militärdienst erinnert, denn damals hatten er und seine Kameraden oftmals Fremde vermöbelt, einfach so zum Scherz. Der junge Kerl vorhin hatte ihm gehörig die Hucke vollgehauen. Er stand auf, wobei er sich recht glücklich und heiter fühlte, um sich auf die Suche nach dem Verantwortlichen zu machen. Er wollte ihm die Hand schütteln und ihn in die Arme nehmen, vielleicht auch wieder mit ihm auf Tuchfühlung gehen. Dann – dessen war er sich sicher – würde er ihn besiegen.

Jasper schlurfte davon, freudiger als je zuvor, und vollführte einen kleinen Tanz. Beim Überqueren der Straße wurde er von einem Auto angefahren, das ihn mehrere Fuß hoch in die Luft schleuderte. Er fiel unsanft auf den Asphalt, wobei er sich sämtliche Knochen brach. Seine Glieder waren verdreht, Knochen stachen durch Haut und Stoff wie weiße Dolche. Er verlor viel Blut, das eine Lache auf der Straße bildete, wo er lag. Als er versuchte, sich zu erheben, konnte er nichts bewegen außer seinem Kopf. Er strengte sich erbitterter an und wünschte sich dabei, weiter tanzen zu dürfen. Die Lache breitete sich aus, und irgendwann legte Jasper seinen Kopf endlich hin. Während der letzten Augenblicke seines Lebens hörte er nicht auf zu grinsen.

- 1 -

Der alte Mann tauchte plötzlich vor seinen Scheinwerfern auf, weshalb er ihm nicht mehr ausweichen konnte. Er knickte vor dem Kühler ein und knallte mit dem Kopf auf die Motorhaube, dass es laut polterte, ehe er erstaunlich weit flog. Als er am Boden aufschlug, rollte er sogar noch ein Stück. Zu dem Zeitpunkt, als Cooper auf die Bremse trat, war es schon viel zu spät. Der Wagen stoppte mit quietschenden Reifen, gleichzeitig, da der alte Mann auf dem rauen Asphalt vor ihm liegenblieb.

Cooper wurde speiübel, als er ihn im Kegel seiner Scheinwerfer liegen sah. Er war sich sicher, dass der Alte infiziert war, aber es handelte sich immer noch um ein menschliches Wesen. Der Unfall schlug sich unerwartet emotional nieder. Der Motor brummte im Leerlauf, während Cooper überlegte, was er tun sollte. Sekunden vergingen. Er widerstand dem Drang, in Tränen auszubrechen, und handelte gegen seine Instinkte, die ihn dazu trieben, auszusteigen und dem Mann zu helfen. Das hätte er sofort getan, wären da nicht die Infizierten rund ums Auto, die eine Orgie feierten.

Cooper spürte, wie es schaukelte, und hörte leise die Aufhängung quietschen. Er griff zum Rückspiegel und hielt die Quaste seiner Studentenmütze fest, damit sie nicht pendelte, ehe er sie endgültig abnahm. Der Wagen geriet heftiger ins Wanken, als die Zahl der Menschen zunahm, die sich dagegenstemmten.

Vor ihm überquerte eine weitere große Gruppe die Straße auf dem Weg in die Innenstadt. Der alte Mann hob seinen Kopf an und legte ihn wieder nieder, bevor der Mob die Sicht auf ihn gänzlich verwehrte. Der Alte schaute sich einfach nur um, er zuckte nicht vor Schmerzen und legte keine andere Regung als Freude an den Tag.

Gut, war er also infiziert, schlussfolgerte Cooper und tröstete sich damit, dass der Kerl nicht litt. Nun bewegte er sich auch nicht mehr, was bedeutete, dass er tot sein musste. Das Einzige, was die Infizierten davon abhielt, sich zu rühren, war eine schwere Verletzung, die es körperlich unmöglich machte – oder der Tod. Es gab nichts, was Cooper hätte tun können.

Gerade als er den Schaltknüppel wieder in Fahrstellung brachte, knallte ein Körper auf seine Motorhaube. Eine nackte Frau drückte ihre fülligen Brüste gegen die Windschutzscheibe. Sie war hübsch, aber nur einen Sekundenbruchteil lang reizvoll, denn mehrere Rippen hatten sich durch die Haut gebohrt und ragten aus ihrem Leib hervor. Auf sie starrte Cooper, während sie am Glas kratzten wie lange, gebrochene Finger. Aus den Wunden quoll eine Menge Blut, mit dem sie die Scheibe verschmierte. Allein das Zuschauen tat bereits weh. Er grübelte nach einer sanften Art, sie vom Auto zu schaffen, als ihm eine Bewegung auf der Beifahrerseite auffiel. Ein Mann, der seltsamerweise Jeans und T-Shirt trug, glotzte ihn an und grinste dabei schauerlich.

Ein kräftiger Ruck lenkte Coopers Aufmerksamkeit wieder auf die Haube. Ein nackter, schlaksiger Teenager hatte die sich rekelnde Frau bestiegen. Aus seinem Mund floss Blut, da seine Unterlippe abgebissen worden war, und ein Teil seiner Kopfhaut fehlte. Er lächelte und versuchte wohl, irgendwie Geschlechtsverkehr mit der Frau zu haben. Sie strahlte immer noch und ließ ihren Oberkörper kreisen.

Cooper schaute erneut zu dem Mann auf der Beifahrerseite und bekam vor Schreck Herzklopfen, denn nun blickte er in die Mündung einer großen Pistole, die genau in sein Gesicht zielte. Über Gelächter, lüsterne Schreie und den Lärm der Meute hinweg hörte er ein entsetzliches Klicken, doch der Schlagbolzen traf auf eine leere Kammer. Der Mann drückte noch einmal ab, aber Cooper gab bereits Gas: Er lenkte ruckartig ein, um das Paar von seinem Wagen zu werfen. In diesem Moment änderte sich auch seine Einstellung; die Wirklichkeit dieser neuen Welt wurde ihm bewusst, und sein Herz verhärtete sich.Scheiß auf alle anderen, ich wäre fast draufgegangen.

Er raste nach Hause und sperrte sich ein. Cooper, der ansonsten gelassen und selbstbewusst war, fühlte sich erschüttert, doch so ging es jedem vernünftigen, nicht infizierten Menschen. Ruhig sitzenzubleiben, fiel ihm schwer. Adrenalin rauschte immer noch durch seine Adern. Er hielt sich an der Stange fest, die er in den Rahmen seiner Zimmertür geklemmt hatte, und machte so viele Klimmzüge, wie er schaffte, um die Anspannung abzubauen. Seine Arme taten weh, verkrampft von der Anstrengung, doch er kam sich weiterhin aufgedreht vor. Er hatte es sich während seiner Zeit auf der Highschool angewöhnt Sport zu treiben, um runterzukommen oder Ängste zu überwinden. Da es ihm in erster Linie darum ging, in Form zu bleiben, und weniger um die Tätigkeit an sich, war er im Gegensatz zu vielen seiner Freunde nie davon weggekommen. Daraus ergab sich nun, dass sie fett und träge geworden waren, während er mehr Muskeln und Ausdauer aufbaute.

Schließlich legte er sich auf eine kleine Bank und stemmte eine Stange Gewichte. Er hob sie ein wenig an, sodass er es leicht in der Brust spürte. Er hatte es bislang nicht geschafft, richtig stämmig zu werden, sondern sah schmächtig aus, obwohl seine Muskeln stahlhart waren und das Gros selbst derjenigen, die Steroide zu sich nahmen, im Gewichtheben keine Chance gegen ihn hatte. Nachdem er die Stange langsam eingehängt hatte, setzte er sich hin.

Cooper besah kurz seine Pokale und Urkunden, wandte sich dann jedoch ab. Dies alles mutete an wie ein Leben, das weit in der Vergangenheit lag, obwohl er seinen Abschluss erst wenige Wochen zuvor gemacht hatte. Er schob das dicke Jahrbuch von seinem Schreibtisch; er musste aufhören, an früher zu denken. Nichts davon hatte noch irgendeine Bedeutung. Seit das Leben schlagartig zum Erliegen gekommen war, kam es auf die Fähigkeiten zum Überleben an, die er sich als Pfadfinder angeeignet hatte, nicht auf seine verdienten Abzeichen und Ehrenbänder – genauso wie die Stärke und Kondition, welche er sich antrainiert hatte, wichtiger waren als die Trophäen.

Er ging duschen. Das heiße Wasser tat gut, es beruhigte ihn. Als er sich über die dichten Stoppeln in seinem Gesicht fuhr, entschied er, sich nicht zu rasieren. Dazu gab es keinen Grund. Dann ging er wieder im Haus herum, da er außerstande war, längere Zeit stillzusitzen.

Die geräumige Wohnung mit ihren hohen Zimmern und Fenstern, die vom Boden bis unter die Decken reichten, mutete wie ein Museum an. Die Scheiben vermittelten ihm das Gefühl, angreifbar zu sein. Obwohl er die Läden geschlossen und die Vorhänge zugezogen hatte, wirkte das Glas schwach im Vergleich zu Ziegel- oder Betonstein. Bei seinem nächsten Durchgang warf er einen Blick hinaus. Eine Menge Menschen bevölkerten die ansonsten ruhige Straße. Sie veranstalteten eine riesige Feier – eine Orgie des Wahnsinns.

Von hier aus überblickte er einen großen Teil Montereys, da sein Haus auf der Spitze eines 900 Fuß hohen Hügels mitten auf der Halbinsel stand. An einem Hang der weitläufigen Anhöhe erstreckte sich ein Wald, und er nahm sich vor, auf diesem Weg zu fliehen, sollte es darauf hinauslaufen.

Cooper hatte bereits versucht, nach San José zu gelangen, doch die Straßen waren versperrt und gefährlich, weil die anderen Verkehrsteilnehmer durchdrehten. Man konnte nicht einmal mehr tanken. Sein Plan bestand nun darin, sich auf die Lauer zu legen, obwohl er sich große Sorgen um seine Schwester machte. Sie standen sich sehr nahe, und er musste sie irgendwie erreichen.

Sie lebte in einem großen Appartementkomplex in San José, und er hatte schon seit Tagen nichts von ihr gehört. In der Stadt war es schon schlimm gewesen, bevor die Krankheit Monterey überhaupt heimgesucht hatte. Seine Schwester selbst wusste genauso wenig wie er, was sie tun sollte. Er wünschte sich, sie würde nach Monterey kommen, hatte aber die gleichen Bedenken wie sie, weil sie auf dem Highway steckenbleiben konnte. Bei seinem letzten Versuch, sie anzurufen, war die Leitung tot gewesen.

An dem Tag, als die Infektion die Stadt erreichte, war Cooper bereits darauf eingestellt und entschlossen gewesen, sich nicht anzustecken. Er hatte den Notfunk abgehört und wusste deshalb, dass es sich um ein Virus handelte. Jetzt kam er sich dämlich vor, weil er noch vor wenigen Tagen versucht hatte, zur Arbeit zu gehen. Er war in einem Burger-Imbiss vor Ort angestellt gewesen und hatte Anhaltspunkte für die Infektion gesucht. Seinen Vorgesetzten, einen ausgemachten Arsch, der sich nie zu schade war, seinem Personal die Hölle heißzumachen, hatte er als Infizierten verdächtigt, und sich, als der Kerl zum Grinsen übergegangen war, statt seine Untergebenen zu rügen, in seinem Verdacht bestätigt gesehen, sodass er umgehend abgehauen war.

Cooper fragte sich, ob der Asteroideneinschlag in Ufa mit den Geschehnissen zusammenhing. Allerdings hatte es nicht unmittelbar danach begonnen. Viele spekulierten darauf, das Virus sei mit dem Gesteinsbrocken auf der Erde gelandet, doch Wissenschaftler widersprachen dieser These aufgrund des Musters, nach dem sich die Infektion auf der Welt ausbreitete. Es gab kein Epizentrum, keinen Ausgangspunkt; sie war vielmehr überall zugleich aufgetreten. Hätte eine einzelne Quelle existiert, wäre man möglicherweise in der Lage gewesen, einen Ursprungsort oder spezifischen Träger zu bestimmen, um die Verbreitung einzudämmen.

Man glaubte, das Virus war aus einem alten Militärlabor freigesetzt worden. Natürlich bestanden auch andere Theorien, angefangen bei Gott über Außerirdische bis zu Terroristen. Es gab keinen Flecken auf der Erde, an dem der Erreger nicht präsent war.

Schüsse unterbrachen jäh Coopers Gedankengang. Er duckte sich instinktiv, versuchte aber weiter, aus dem Fenster zu schauen. Nichts zu sehen. Die Zahl und Lautstärke der Schüsse nahmen rasch zu, bis sie eine andauernde Lärmkulisse bildeten. Er wähnte sich in einer Kriegszone und hätte gerne gewusst, was genau da draußen vor sich ging. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass die Türen verschlossen waren, rief er die gleichen Personen an, bei denen er es immerzu probiert hatte: Mutter, Vater, Schwester, Freunde. Durchzukommen war einfach unmöglich. Immer wieder tippte er die Nummern im Eiltempo ein.

Ihm lag es fern, den Schutz und die Bequemlichkeit seines Hauses hinter sich zu lassen. Er verfügte über genügend Nahrungsmittel und Wasser für Wochen, falls nicht sogar Monate. Auch seine Mutter legte gerne Vorräte an für den Fall eines Erdbebens, und sein Vater kaufte vorzugsweise große Stückzahlen ein. Nur über seine Schwester zerbrach er sich den Kopf und wollte unbedingt wissen, ob es ihr gutging. Bis auf weiteres jedoch konnte er nichts weiter tun, als im Dunkeln auszuharren und zu warten – bloß worauf? Diese Frage ließ ihn nicht los.

Ein ohrenbetäubendes Krachen erschütterte das Haus. Der Lärm, den die Feiernden draußen machten, schwoll um ein Vielfaches an. Cooper lief den Flur hinunter, um herauszufinden, was geschehen war, und erstarrte: Die Orgie weitete sich durch eine zerbrochene Scheibe in sein Wohnzimmer aus. Ein Auto hatte einen Teil der Mauer eingerissen und damit auch mehrere der hohen, breiten Fenster. Immer mehr Irre drängten ins Haus, was ihm die Flucht unmöglich machte. Die Schlafzimmer hinter ihm verfügten bloß über dünne Innenraumtüren.

Hier war er nicht mehr sicher, und einen Weg nach draußen gab es nicht. Zum ersten Mal fürchtete er sich, weil er wusste, dass er nun sterben könnte.

- 2 -

Sal Labeggio schaute sich die Nachrichten an und nippte an einer Flasche Rum – nur einen Schluck, nicht viel, da ihm nicht der Sinn danach stand, sich zu besaufen. Dennoch musste er unbedingt seine Nerven beruhigen. Nachdem er den Deckel aufgeschraubt hatte, stellte er die Buddel auf den Couchtisch.

Seine Frau wollte ihn nicht aus dem Haus lassen. Sie war Krankenschwester aus Leidenschaft, weigerte sich aber gleichsam, selbst zur Arbeit zu gehen. Dieses fröhliche Einerlei, das wusste sie, verhieß nichts Gutes. Er hatte versucht, sie zu überreden und sich über sie hinwegzusetzen, war aber zurückgehalten worden – auch von ihrem Weinen. Da sie ihn in puncto Intelligenz ausstach – sie war ja praktisch Ärztin – hatte er nachgegeben und versprochen, zu Hause zu bleiben; nicht nur dass, insistierte sie, sondernimHaus. Er hatte seiner zierlichen Frau in die Augen schauen und einen Schwur ablegen müssen. Jetzt war er froh, dies getan zu haben.

Zuerst beobachtete er, dass seine Freunde und Verwandten freudiger denn je waren. Das fand er wirklich mitreißend! Tagelang kehrten sie unbändige Begeisterung hervor. Sie riefen Sal an, luden ihn zu sich ein oder wurden an der Haustür vorstellig. Maria jedoch hielt sich und ihn vehement – ja sogar mit Gewalt – im Haus eingesperrt. Sie wies auf verschiedene Symptome hin, die man nicht einfach so ignorieren konnte. Über mehrere Tage hinweg wurde die Außenwelt vor Sals Tür ohne sein Zutun immer glücklicher. Die Betroffenen lachten, fielen einander in die Arme und schienen zur Gänze mit Glück erfüllt zu sein. Jeder, außer ihm und seiner fanatischen Frau, so schien es, erfuhr die glücklichste Zeit seines Lebens.

Die Glücklichen mauserten sich rasch zu einer überbordenden Mehrheit der Bevölkerung. Einige wenige wunderbare Tage lang war die Erde ein besserer Ort als je zuvor. Sal hingegen musste aus seinem langweiligen, stickigen Haus zuschauen.

Dann aber wurden die Glücklichen allmählich zu überschwänglich. Sie lebten sich auf extreme Weise aus, frönten jedwedem Laster und stillten ihre Begierden in ausschweifendem Maße. Im Nu verwandelte sich die Welt in einen fiebrigen, orgiastischen Albtraum. Niemand ging mehr zur Arbeit, niemand schien mehr zu schlafen, niemand redete mehr, weil der Planet zu einem Ort konstanten Getöses und Gelächters, ständiger Jubelschreie und plärrender Musik verkommen war. Die Straßen quollen über vor Menschen, die Drogen nahmen, Sex miteinander hatten und allen erdenklichen Schlechtigkeiten nachgingen. Sie prügelten sich, vergewaltigten, rasten mit ihren Autos durch die Gegend – alles, was man sich vorstellen konnte.

Während Sal Nachrichten schaute, gewann er den Eindruck, die Infektion sei allerorts von jetzt auf gleich aufgetreten. Die Kranken steckten ihr Umfeld schnell an, also wurden weite Teile des Planeten zum gleichen Zeitpunkt befallen. Beim Anblick der Szenen im Fernsehen dämmerte ihm, was seine Frau schon seit Tagen predigte: Das war eine ernste Angelegenheit.

Die Infektion breitete sich so rasch aus, dass die Welt binnen weniger Stunden ins Chaos abrutschte. Trotz der Tatsache, dass die Zivilisation zusammenbrach, glaubten immer noch viele Menschen, was gerade geschah, sei eine gute Sache, und trafen keinerlei Vorkehrungen. Nun trugen sie die Konsequenzen.

Sal sollte im Lauf der kommenden Tage noch viele Male die gleichen Dinge hören, die ihm seine Frau schon länger vorbetete. Allem Anschein nach breitete sich das Virus hauptsächlich über den Kontakt mit Körperflüssigkeiten aus. Wie es schien, bestand schon eine hohe Wahrscheinlichkeit der Infektion, wenn man jemanden umarmte und seine Ausdünstungen berührte. Da die Betroffenen hohes Fieber bekamen, begannen sie, stark zu schwitzen. Indem sie miteinander rangen oder schliefen, steckten sie sich gegenseitig an.

Die Zügellosigkeit hatte zur Folge, dass die Krankheit viele Todesopfer forderte. Schwere Unfälle geschahen. Es kam zu Drogenexzessen, man vergaß, wichtige Arzneimittel einzunehmen, und erlitt Verletzungen durch Gewalt. Viele Menschen wurden schlichtweg zerdrückt, erstickt oder zu Tode getreten.

Das alles konnte Sal von seinem Fenster aus beobachten. Zuerst hatte er befürchtet, seinen Job zu verlieren, sich aber mit der Zeit größere Sorgen um seine Frau, Freunde und Angehörige als um seine Arbeit gemacht. Jetzt griff er wieder zur Flasche, schnitt dann jedoch eine Grimasse, als er die Hand zurückzog und sich in den Lehnstuhl zurückfallen ließ. Sich in die Besinnungslosigkeit zu saufen, war zu einfach. Er musste wachsam bleiben.

Sal war ein kraftvoller, gebräunter Bolide aus natürlich entwickelten Muskeln. Sein Körperbau rührte nicht vom Fitnessstudio her, sondern war genetisch bedingt und durch seine handwerkliche Tätigkeit bevorteilt. Er war mit italienischen Wurzeln auf dem Spaghetti Hill in Monterey aufgewachsen, dessen Name auf den Umstand zurückging, dass sich dort zahlreiche italienische Einwanderer angesiedelt hatten. Sals Hände waren mit Narben und Brandmalen übersät, doch sein äußeres Erscheinungsbild trügte: Er wirkte zwar wie ein Arbeiter der Unterschicht, ein ranklotzender Steineklopfer oder Rohrbieger, doch in Wirklichkeit war er eine sanftmütige, musische Seele. Sal las viel und schaute sich gerne gemeinsam mit seiner Frau alte Filme an. Auf seine halb künstlerische Tätigkeit in einer lokalen Autoschlosserei bildete er sich etwas ein. Nachdem er Zeit seines Lebens anständiges Geld als Zimmermann verdiente, hatte er vor einigen Jahren in der Werkstatt angefangen, kundenspezifische Lackierarbeiten durchzuführen.

Sal war besonders stolz auf einen Zeitschriftenartikel über sein Schaffen. Er hatte es gemeinsam mit dem Besitzer eines restaurierten Muscle Car auf die Titelseite eines führenden Fachmagazins geschafft. Sein Arbeitgeber, ein anständiger Kerl, hatte durch die Werbung einen Aufschwung erfahren, in dessen Zuge er imstande gewesen war, Sals Gehalt zu erhöhen. Ferner hatte er ihm einen geringen Anteil am Geschäft sowie das Vorrecht zum Kauf gewährt, sollte die Werkstatt je veräußert werden. Sal war zufrieden mit seinem Leben gewesen.

Sein Aussehen mochte sich nun auch als Segen erweisen. Üblicherweise hatten die Menschen einen weiten Bogen um ihn gemacht und offen zugegeben, dass sie sich vor ihm fürchteten. Er konnte nichts dafür, wenn sein Gesichtsausdruck wütend anmutete, obwohl er gutgelaunt war. Außenstehende hielten ihn für dumm und gewalttätig – einen Schläger, der seine Fäuste einsetzte und einschüchterte, um seinen Willen durchzusetzen. So geriet er nicht selten an Typen, die Streit suchten. Ging er auf Partys oder in Kneipen, fing fast immer irgendein Betrunkener an, ihn anzumachen. Er konnte sich nicht prügeln, selbst wenn er es gewollt hätte, und hielt deshalb nur die Arme hoch, um sich zu verteidigen und sein Gesicht zu schützen. Dann kehrte er dem Angreifer den Rücken zu und bat ihn, damit aufzuhören. Das ermutigte den Trunkenbold jedoch oftmals erst dazu, noch fester und häufiger zuzuschlagen. Stets schritten andere ein, um das Drama zu beenden, doch sie bedachten Sal mit mitleidigen Blicken. Er war nie zornig oder ängstlich, sondern schämte sich einfach nur.

Jetzt rutschte er auf dem Sessel herum. Seine Frau war in der Küche und telefonierte mit jemandem. Anscheinend befand sich die gesamte Nachbarschaft auf der Straße, kreischte und tanzte herum. Manche waren nackt, und zu Anfang hatte sich Sal die hübschen Frauen gerne angesehen. Wenn sie unbekleidet waren, tanzten sie fast immer, doch es hatte nur wenige Minuten gedauert, bis ihm viele nahe Bekannte und Verwandte in der Menge aufgefallen waren.

Als es auf einmal laut an der Haustür klopfte, schaute er hinaus. Es war sein Cousin Tony. Er grinste, schwitzte und wirkte ein bisschen wirr – alles Anzeichen, auf die er laut seiner Frau achten musste. Sie hatte ihm ebenfalls befohlen, wirklich niemanden hereinzulassen, Punkt! Da sie aber nicht aus Monterey stammte, besaß sie hier weder Angehörige noch langjährige Freunde.

»Sally!« Tonys Stimme klang irgendwie dumpf, leblos.

»Hey, äh, tut mir leid, aber ich kann dich nicht reinlassen.«

»Sally!« Tony schien ihn nicht gehört zu haben. »Hey, Sally, lass uns spielen.«

Tony und Sal hatten ihre Jugend nur ein paar Häuser voneinander entfernt verlebt. Seit Gedenken kam sein Cousin nahezu täglich zu ihm herüber. Noch heute, obwohl sie beide über 30 waren, änderte sich nichts daran, doch diesmal war Tony nicht gesund. Er sah fröhlich aus, strahlte und klopfte erneut. Sal wandte sich ab, rutschte an der Tür hinunter und fing an zu weinen. Sein Cousin hatte sich angesteckt. Er war sein Freund, Verwandter und ein wichtiger Teil seines Lebens. Sal schluchzte.

»Ach Gott, Schatz, was ist denn los?« Seine Frau kam zu ihm, um ihn zu trösten.

»Es ist Tony«, gluckste er.

Sie setzte sich neben ihn und nahm ihn in den Arm. »Das tut mir furchtbar leid.« Mehr konnte sie dazu nicht sagen.

***

Stunden später, als es dunkel und Tony nicht mehr da war, grämte sich Sal immer noch, auch wenn er nicht mehr weinen konnte. Er saß wieder in dem Lehnstuhl, seine Frau war in der Küche, und draußen spielten nach wie vor alle verrückt. Auf einmal donnerte es heftig, und auf der Straße pulsierte ein gleißendes Licht. Sal stürzte ans Fenster, und die Menschen explodierten, ihre Leiber wurden in Stücke gerissen. Er musste mit ansehen, wie sich Arme auflösten, sodass zerfranste, rote Stümpfe zurückblieben. Köpfe platzten in rotem Sprühnebel; Körper gingen entzwei, woraufhin ihre Eingeweide auf die Straße purzelten, und bei alledem lachte, tanzte die Meute weiter.

Sal versuchte von seiner Warte aus zu erkennen, woher die Blitze kamen. Er sah, wie es Äste und Blätter regnete. Ein Baum wurde am Stamm getroffen, sodass ein großes Loch darin klaffte. Holzsplitter flogen durch die Luft. Der dicke, alte Riese knickte ein und stürzte auf die Fahrbahn. Warum, in Gottes Namen, wurde seine Straße verwüstet?

Er sah dieses Gleißen, aber nicht dessen Ursprung, auch wenn er sich die Nase am Fenster plattdrückte. Er zuckte zusammen, als es mehrmals laut knallte, und löste sich von der Scheibe. Staub lag in der Luft. In einer Wand taten sich drei Löcher auf, und noch mehr in der gegenüberliegenden. Bücher, Schmuck und Plunder lagen verstreut am Boden.

Dann wurde wieder alles still und dunkel. Von dort, wo die Blitze aufgekommen waren, hörte er leise Motorengeräusche. Einen Moment später donnerte es erneut, aber nicht mehr so laut. Lichtblitze zuckten unter den Wipfeln der Bäume im angrenzenden Häuserblock. Die Menschen wurden niedergemäht, aber wieso? Was, wenn es ein Heilmittel für diese Krankheit gab? Man brachte seine Sippe und Freunde um. Sal wollte hinauslaufen und es verhindern. Er spielte ernsthaft mit dem Gedanken.

Als er in die Küche gehen wollte, um seiner Frau zu erzählen, was er gerade gesehen hatte, kam er nur bis zur Tür. Was er dort erblickte, konnte er mental nicht verarbeiten. Mehrere zähe Sekunden lang vermochte er nicht, sich einen Reim darauf zu machen. Seine Frau saß am Küchentisch, aber ohne Kopf. Dann traf es ihn wie ein Vorschlaghammer in die Magengrube, und er stöhnte gequält auf. Er lief zu ihr hinüber und fiel auf die Knie, wusste aber nicht, was er tun sollte. Während er ihre Hand hielt, schaute er auf die Wand hinter ihr, die rot bespritzt war. Fleischbrocken rutschten daran herunter. Er schlang die Arme um ihren Torso und schluchzte.

So hielt Sal Maria über eine Stunde lang und wünschte sich, von diesem schrecklichen Albtraum aufzuwachen. Er wollte nicht von ihr ablassen, denn in dem Moment würde er diese Tragödie erfassen und der Tatsache ins Auge blicken müssen, fortan ohne sie zu leben. Er hatte keine Ahnung, was er machen sollte, wenn dieser Moment kam. Würde er losziehen, um jeden Soldaten zu töten, dem er begegnete? Vielleicht sich selbst? Oder würde er etwas tun, auf das er noch gar nicht kam?

Als er endlich aufstand, schnappte er sich eine neue Flasche Rum und kehrte benommen zu seinem Sessel zurück. Nachdem er sich schwerfällig hingesetzt hatte, ließ er sie auf seinen Schoß fallen. Die alte Flasche, an der er nur genippt hatte, setzte er an und ließ sich den Inhalt die Kehle hinunterlaufen. So leerte er sie in einem schmerzhaften Zug, ehe er sie auf den Boden warf. Dann schraubte er den Verschluss der neuen Flasche ab – und gleich wieder zu. Er brauchte sie nicht. Der Alkohol breitete sich bereits in seinem Körper aus. Er verlor das Bewusstsein und hoffte, nie mehr aufzuwachen.

- 3 -

Cooper hielt ein paar Sekunden lang inne, um zu beobachten, wie sich die dichtgedrängte Menge nackter Leiber durch die zerbrochenen Scheiben drängte. Dicke, scharfe Dreiecke aus Glas schlitzten ihr Fleisch bis auf die Knochen auf, unnachgiebige Metallrahmen durchschnitten Haut und Muskeln. Es war entsetzlich, aber er konnte sich nicht abwenden. Ein Mann verlor seinen Penis, da er ihn fest gegen Scherben drückte, während die Menge von hinten schob, und ein weiterer langer Zacken weidete gleich mehrere Leiber hintereinander aus. Jede Person, die ins Haus trat, zog Gedärme hinter sich her. An einigen Körpern fehlten große Teile der Haut, sodass man blutiges Muskelgewebe sah. Dennoch zuckte niemand auch nur mit der Wimper.

Ein paar der Ersten, die es in die Wohnung geschafft hatten, näherten sich ihm. Cooper musste sich zwingen, in die Gänge zu kommen. Zwar wollte er das Haus nicht verlassen, doch ihm war klar, dass es schlicht keine Alternative gab. So stellte sich nun die Frage, wie er das anstellen konnte: Wie sollte er fliehen?

Er lief über den Flur und geduckt in sein Schlafzimmer, wo er die Tür hinter sich zuschlug. Er wusste, sie würden sich nicht lange aufhalten lassen, doch jetzt war jede Sekunde wertvoll. Da der Raum keine Fenster besaß, hoffte er, die Außenmauer durchbrechen zu können, um ins Freie zu gelangen. Er trat gegen Gipskartonplatten, die dabei in Stücke gingen. Das war der leichte Teil. Als er es bis zur äußeren Wand geschafft hatte, musste er dickes Sperrholz überwinden, nicht zu vergessen zwei Schichten stuckiertes Drahtgeflecht. Cooper sah ein, wie zwecklos dieses Unterfangen war, und gab es auf.