Elfenlicht - Bernhard Hennen - ebook

Elfenlicht ebook

Bernhard Hennen

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Opis

Bernhard Hennens „Die Elfen“ und „Elfenwinter“ zählten zu den Fantasy-Sensationserfolgen der letzten Jahre. In „Elfenlicht“ kehrt der Autor einmal mehr in die märchenhafte Welt der Elfen zurück und lüftet das größte Geheimnis des faszinierendsten Volks der Fantasy.

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HEYNE <

Das Buch

Als ein Heer von Trollen Albenmark bedroht, zerschneidet Emerelle, Königin der Elfen, mit der Kraft ihrer Magie einen goldenen Albenpfad. Tausende Trollkrieger stürzen ins Nichts, das Reich der Elfen scheint gerettet. Mit ihrer Tat hat Emerelle jedoch auch das goldene Netz zerstört, das einst die Alben zum Schutz ihrer Nachkommen woben. Schatten dringen ins Herzland und suchen nach Seelen, um sich diese einzuverleiben. Emerelle schickt Ollowain, ihren Schwertmeister, an der Seite einer Koboldin nach Iskendria, um die Hüter des Wissens zu befragen. Doch die Schatten lauern überall und mit ihnen eine Bedrohung, die sich bis in das Fjordland erstreckt.

Und plötzlich scheint nicht dem Schwertmeister Ollowain, sondern den Kindern des Menschenkönigs Alfadas die Schlüsselrolle im Kampf gegen den uralten Feind, der sich in den Schatten verbirgt, zuzufallen: Melvyn, dem Wolfselfen, der seinen Vater nie kennen lernte, Ulric, dem geheimnisvollen Thronerben, und der jungen Jägerin Kadlin, die nicht ahnt, welch Blut in ihren Adern fließt. Sie alle werden in ein Abenteuer verstrickt, das Menschen und Elfen vor eine schreckliche Wahl stellt, denn ein Reich ist dem Untergang geweiht – Albenmark oder Fjordland …

Der Autor

Bernhard Hennen, 1966 geboren, studierte Germanistik, Geschichte und Vorderasiatische Altertumskunde. Mit den Auftaktbänden zu seiner großen Elfen-Saga, »Die Elfen« und »Elfenwinter«, stürmte der Autor zahlreicher historischer und phantastischer Romane die Bestsellerlisten und schrieb sich an die Spitze der deutschen Fantasy-Autoren. Bernhard Hennen lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Krefeld.

Mehr zu Autor und Werk:

www.BernhardHennen.de

Inhaltsverzeichnis

Das BuchDer AutorWidmungInschriftERSTES BUCH - DER SPIELER
DIE LETZTE GRENZEDER WEG IN DIE FINSTERNISSTILLE
Copyright

Für Melike und Pascal, meine Albensterne

Alle Ketten der Meinung sind für mich zerbrochen; ich kenne nur die Ketten der Notwendigkeit.

JEAN-JAQUES ROUSSEAU (1712 – 1778)

ERSTES BUCH

DER SPIELER

DIE LETZTE GRENZE

In dieser Nacht noch sollten die Trolle kommen, so hieß es. Der Schwertmeister der Elfenkönigin beugte sich tief über die Mähne seines Hengstes und trieb ihn unbarmherzig voran. Es waren noch viele Meilen zur Burg.

Nichts hatte die Trolle in ihrem grausamen Wüten aufhalten können, seit sie nach Albenmark zurückgekehrt waren. Drei blutige Siege hatten diese grobschlächtigen Ungeheuer errungen, und Branbart, ihr König, hatte geschworen, Emerelle, die Herrscherin Albenmarks, zu erschlagen und aus ihrem Schädel eine Metschale für seine Festtafel fertigen zu lassen.

Verzweifelt hing der Elf seinen Gedanken nach. Alle hatten Emerelle verlassen. Und die Königin hatte gewusst, dass es so kommen würde. Die Herrschaft der Elfen würde in dieser Nacht enden. Doch wenigstens er würde an ihrer Seite sein! Dort, wo immer schon sein Platz gewesen war, wenn es galt, mit dem Schwerte für Albenmark einzutreten. Hoffentlich kam er nicht zu spät!

Ollowain blickte auf. Der Weg senkte sich in ein weites Tal und folgte dem silbern gesprenkelten Band eines Baches. Düstere Kopfweiden säumten das Ufer; wie große Perlen schimmerten die weißen Knospen auf den pfeilgeraden, jungen Ästen im Mondlicht.

Der Mond stand wie ein riesiger Schild aus gehämmertem Silber am Himmel. Sein Licht verlieh der lauen Nacht einen unheimlichen Zauber. Eine leichte Brise strich über den Hang und trieb dem Elfenritter Blütenblätter ins Gesicht. Er blinzelte und trieb den Hengst weiter an, seinem Ziel entgegen. Inmitten des weiten Tals erhob sich die Burg der Königin. Ihre schlanken Türme schienen fast bis zum Mond hinaufzureichen, in dessen Schein die weißen Mauern silbern leuchteten. Der dunkle Fels, auf dem die Burg sich erhob, verschwamm mit dem samtigen Blau der Nacht, sodass es schien, als schwebe die Festung in der Finsternis. Jahrhunderte hatte das Volk der Elfen an dieser Burg gebaut. Trotz ihrer Türme und Mauern hatte niemand geglaubt, dass sie jemals angegriffen würde, und sie war auch nicht errichtet worden, um einem Feind die Herrschaft über das Herzland abzutrotzen. Sie sollte ein Sinnbild der Vollkommenheit sein.

Obwohl Ollowain die Burg schon hunderte Male gesehen hatte, berührte ihr Anblick ihn stets aufs Neue. Es war ein Gefühl, wie es sonst nur Musik in ihm erwecken konnte, das traurige Lied einer Flöte vielleicht oder melancholisches Harfenspiel. Ein Schmerz, der sich nicht in Worte fassen ließ, süß und durchdringend.

Kein Horn kündete von seiner Ankunft, und die Öllampen, die gewöhnlich den Weg hinauf zum Burgtor in goldenes Licht tauchten, waren verloschen. Der hohle Hufklang unter dem Torbogen war der einzige Willkommensgruß, der den Schwertmeister empfing, als er in die Burg einritt.

Die Wachen waren verschwunden. Ihre Speere lehnten entlang der Mauer, so als seien die Krieger eben erst gegangen. Auf einem Sims stand ein Falrach-Tisch. Die Partie war vor dem Ende abgebrochen worden. Doch ein einziger Blick genügte, um zu erkennen, dass Schwarz auf verlorenem Posten stand. Die Königin war eingekreist in ihrer Burg, ihre Krieger standen auf dem ganzen Spielfeld verstreut.

Ollowain trieb den Hengst über den weiten Hof und dann den Marmoraufgang hinauf. Der Schwertmeister glaubte förmlich spüren zu können, wie sich das Unheil über der Burg zusammenzog. Er preschte einen Säulengang entlang. Die schweren, eisenbeschlagenen Hufe seines Schlachtrosses ließen Steinchen aus den kostbaren Bodenmosaiken splittern. Er musste Emerelle finden. Sie hatte die Burg nicht verlassen, da war er sich ganz sicher.

Das schwere Bronzetor am Ende des Ganges, das sich sonst stets wie von Geisterhand geöffnet hatte, blieb verschlossen. Es war so groß, dass nicht einmal ein Riese sein Haupt hätte neigen müssen, wollte er in die Halle dahinter treten. Fein ziselierte Bilder zeigten, wie die Alben den Letztgeborenen, den Elfen, ihre Welt anvertrauten, bevor sie für immer verschwanden. Es war eine Mahnung an alle, die den Weg zum Thronsaal beschritten. Jeder sollte sehen, wem es bestimmt war, in Albenmark zu herrschen. Doch die Trolle würden sich einen Dreck darum scheren.

Ollowain sprang aus dem Sattel. Ein Stoß genügte, um einen der Torflügel aufschwingen zu lassen. Er schlug gegen die Wand, und dumpfes Dröhnen wie ein Gongschlag schallte durch die verlassene Burg.

Der Hengst des Schwertmeisters wieherte ängstlich. Mit tänzelnden Schritten wich er vor der Schwelle der Halle zurück.

Geisterhaftes Licht erfüllte den Bannersaal. Es ließ die fernen Wände vor dem Auge des Betrachters verschwimmen und gab ihm das Gefühl, auf einem offenen Platz und nicht in einer Halle zu stehen.

Von den Emporen, die in kühnem Schwung aus dem Licht hervorragten, hingen prächtige Seidenbanner mit den Wappen der Fürsten Albenmarks: die Nixe Alvemers, der silberne Stern Carandamons, die scharlachfarbene Rose auf schwarzem Grund, die Alathaia von Langollion zu ihrem Feldzeichen erwählt hatte, und all die anderen stolzen Wappen jener, die heute nicht hier waren, um an Emerelles Seite zu stehen.

Mit fliegendem Schritt durchmaß Ollowain den Bannersaal und stieß das nächste Bronzetor auf. Die Halle, die vor ihm lag, wurde von einem großen Brunnen beherrscht. Zwischen Wasserfontänen fochten marmorne Krieger verzweifelt gegen einen Sonnendrachen von Ischemon. Eine der Kriegerinnen in dem Gefecht war Emerelle; damals war sie noch nicht Königin gewesen. Die Kampfszene zeigte den Augenblick, in dem sich Falrach opferte, um den tödlichen Hieb abzufangen, der Emerelle zu zerschmettern drohte.

Wie stets überlief Ollowain ein Schaudern, wenn er den Brunnen betrachtete. So lebensecht waren die Steinbilder, dass man erwartete, der Kampf werde jeden Augenblick mit lautem Getöse fortgeführt. Wo waren die Helden von einst geblieben?, fragte er sich bitter. Waren sie alle ins Mondlicht gegangen?

Er hatte fast das Tor zum Thronsaal erreicht, als sich das Licht in der weiten Halle wandelte. Es wurde blasser, und dann schien ein Zittern durch die Wände zu laufen. Einen Herzschlag lang wurden die Mauern der Halle sichtbar. Das helle Plätschern des Brunnens setzte aus.

Der Schwertmeister stieß das letzte Tor auf. Der Thronsaal war ein großer, kreisrunder Raum, dessen Wände hinter Kaskaden silbern schimmernden Wassers verborgen blieben. Anstelle einer Decke spannte sich der sternklare Nachthimmel über Ollowain. Gegenüber dem hohen Tor führten sieben Stufen hinauf zum Thron von Albenmark. Dort, neben dem schlichten Holzstuhl, dessen Intarsien aus Marmor und Onyx zwei untrennbar ineinander verflochtene Schlangen zeigten, stand Emerelle, die Königin der Elfen. Sie war klein und von zierlicher Gestalt, doch strahlte sie eine Kraft aus, vor der einst selbst Drachen zurückgeschreckt waren. Sie hielt sich gerade, ohne steif zu wirken; das Kinn trotzig vorgereckt, war ihr Blick auf die Mitte des Thronsaals gerichtet. Mit einer knappen Geste bedeutete sie dem Schwertmeister, zum Thron zu kommen.

Der Boden des Saals war mit einem weitläufigen Mosaik ausgelegt. Das Schmuckmotiv des Throns aufgreifend, zeigte es sieben Schlangen, die sich einander umschlingend bekämpften. Neben Marmor und Onyx hatten hier auch meerdunkle Jade, heller Türkis, purpurroter Porphyr, sonnengelber Bernstein und grausilberner Granit Verwendung gefunden. Obwohl in den Jahrhunderten, die der Palast bestand, ganze Heerscharen von Gästen und Höflingen über das Mosaik geschritten waren, hatten die Steine nichts von ihrem Glanz verloren. Ja, sie schienen auf geradezu magische Weise von innen heraus zu leuchten und ließen die Schlangen lebendig erscheinen.

Helles Vogelzwitschern ließ Ollowain aufblicken. Zwei Nachtigallen stießen einander umkreisend in den weiten Kreis des Saals hinab und ließen sich auf dem Rand der Silberschüssel nieder, die auf einer niedrigen Säule neben dem Thron stand. Ausgelassen begannen sie im flachen Wasser zu spielen.

Ein Lächeln umspielte die schmalen Lippen der Königin. Sie strich sich eine Strähne ihres sanft gewellten, dunkelblonden Haars aus der Stirn und sah Ollowain an. Ihre hellbraunen Augen wirkten traurig. »Ganz gleich, was in dieser Nacht geschehen wird, auch morgen werden die Nachtigallen noch singen. Vielleicht ist unser Volk zu selbstverliebt, zu alt geworden. Vielleicht ist nun unsere Stunde gekommen, und wir müssen gehen, so wie vor uns die Alben und die Drachen gegangen sind. Doch was immer auch geschieht, nicht einmal die Trolle können die Schönheit Albenmarks zerstören. Auch morgen werden die Nachtigallen noch singen.«

Eine leichte Brise spielte mit dem Haar der Königin und ließ den Stoff ihres schulterfreien Kleides leise rascheln. Der zartblaue, mit Silberfäden durchwirkte Stoff betonte die edle Blässe Emerelles. Ihre milchweiße Haut schien von feinem, silbrigem Licht umspielt zu sein, wie die Mauern ihrer Burg. Sie hatte etwas Ätherisches, Unwirkliches. Allein der dünne Lederriemen um ihren Hals erschien wie ein eigentümlicher Stilbruch. Er wirkte zu plump. An ihm hing ein schlichter Stein mit einem einfachen Ritzmuster. Jetzt war dieses Schmuckstück in Emerelles Dekolleté verborgen. Der Schwertmeister hatte den Stein nur wenige Male zu sehen bekommen. So schlicht er wirkte, war er doch der größte Schatz seines Volkes. Die Alben hatten jedem ihrer Völker einen solchen Stein geschenkt, bevor sie die Welt verließen. Die Albensteine waren ein Quell unvorstellbarer Macht, wenn man sie recht zu nutzen wusste. Es waren Kriege um diese Steine geführt worden.

Etwas bewegte sich unter Ollowains Füßen und schreckte ihn aus seinen Gedanken auf. Gleichzeitig erklang ein leises, schleifendes Geräusch, so als werde Stein auf Stein gerieben. Die Schlangen im Mosaik begannen sich zu bewegen. Ein flacher, purpurner Kopf erhob sich unmittelbar vor ihm. Aus dem schmalen Maul schnellte eine feuchte Zunge. Geschlitzte Pupillen musterten ihn kalt. Der Schwertmeister trat einen Schritt zurück und strauchelte fast. Alle Leiber waren in Bewegung geraten.

Nun schnellte der schwarze Schlangenkopf empor. Die steinernen Kiefer klappten auf, und die Kreatur stieß ein durchdringendes Zischen aus. Um sie herum verging das Licht.

Das Rauschen der Wasserwände erstarb. Die beiden Schlangenhäupter richteten sich immer höher auf und neigten sich zueinander. Dunkelheit, schimmernd wie ein schwarzer Spiegel, wuchs zwischen ihnen empor.

Ollowain vermochte den Blick nicht von dem Spektakel zu wenden. Schon oft war er Zeuge gewesen, wie Kundige die Pforten zu den Albenpfaden geöffnet hatten. Doch diesmal war es anders. Bedrohlicher. Der Schwertmeister gehörte zu den wenigen Elfen, denen sich die Kraft der Magie verschloss. Dennoch spürte er die dunkle Macht, die diesem Zauber innewohnte.

Die weiße Schlange aus dem Mosaik wand sich wie in Qualen, während die Übrigen sich nur kurz erhoben hatten, um nun wie erstarrt dazuliegen.

Der Purpurkopf sah auf Ollowain hinab. Die schmalen Schlitze der Pupillen weiteten sich, und plötzlich erblickte der Schwertmeister einen stahlblauen Winterhimmel. Auf einer vereisten Ebene hatte sich ein gewaltiges Heer versammelt. Tausende Trollkrieger schlugen mit Keulen auf ihre großen Schilde und schrieen dem Himmel ihre Schlachtrufe entgegen. Auf langen Stangen trugen sie Banner aus Elfenhaut vor sich her. Wie ein Vogel im Sturzflug fiel Ollowain einem dunklen Tor entgegen. Es hatte sich dicht neben einem schwarzen Obelisken geöffnet, der über die Eisebene aufragte. Dort war das Eis rot von Blut. Ein altes, gebeugtes Trollweib stützte sich schwer auf einen Knochenstab. Ollowain hatte sie während der Schlacht um Phylangan unter den Angreifern gesehen. Ihren Namen kannte man selbst im Elfenvolk: Skanga, der Quell allen Übels! Sie war es, die ihr Volk aus der Verbannung zurück nach Albenmark gebracht hatte. Nicht der König, sondern dieses alte, gebrechliche Weib war die Kraft, die ihr Volk lenkte und die Heere der Trolle über die leuchtenden Albenpfade führte.

Als spüre die Alte seine Gedanken, hob sie unvermittelt den Kopf und blickte Ollowain aus blinden, weißen Augen an.

»Komm zurück!«, befahl ihm eine vertraute Stimme. Etwas berührte ihn am Arm. Der Zauberbann war gebrochen. Benommen schüttelte der Schwertmeister den Kopf. Seine Glieder waren steif vor Kälte; Raureif bedeckte seinen Leinenpanzer, so als sei er tatsächlich in der fernen Snaiwamark gewesen.

»Komm.« Emerelle nahm ihn bei der Hand und führte ihn aus dem Schlangenkreis, die Stufen zum Thron hinauf.

Die Köpfe der beiden Schlangen berührten nun einander. Hoch aufgerichtet bildeten ihre Leiber einen weiten Torbogen, angefüllt mit spiegelnder Dunkelheit. Aus der Finsternis tönte ein Laut wie Trommelschlag. Nein, es war das Lärmen der Keulen, die auf Schilde schlugen. Das Trollheer war auf dem Marsch.

Wie gebannt starrte Ollowain in die Dunkelheit. Ein golden leuchtender Pfad führte durch das Nichts, den Raum zwischen den Welten. Die Snaiwamark lag mehr als zweitausend Meilen vom Herzland entfernt, doch für all diejenigen, die den Mut aufbrachten, die Albenpfade zu beschreiten, schrumpfte diese Wegstrecke auf ein paar hundert Schritt.

Ollowain blickte zu seiner Königin. Emerelle galt als die mächtigste Zauberin Albenmarks. Sie stand hier, um zu kämpfen. Selbst in dieser verzweifelten Lage schien ihr Mut sie nicht verlassen zu haben. Wie kein anderer verkörperte sie in diesem Augenblick die beiden Eigenschaften, die sein Volk vor allen anderen Kindern Albenmarks auszeichneten : Stolz und Schönheit.

Die anderen Fürsten hielten Emerelle für kalt und unnahbar. Ollowain wünschte sich, dass sie die Königin nun sehen könnten. In ihren Augen brannten Trotz und Leidenschaft, und ein Funke dieses Feuers sprang auf ihn über. Ihre Sache mochte aussichtslos erscheinen, doch noch war die letzte Schlacht nicht geschlagen!

Er zog das Schwert und trat die Stufen zum Mosaik hinab, wobei er es vermied, zu den Schlangenhäuptern emporzublicken. Mehr als zwei Trolle konnten nicht nebeneinander durch das Schlangenportal schreiten, so groß und unförmig wie sie waren. Dort an der Schwelle vermochte ein einzelner Krieger ein ganzes Trollheer eine Weile lang aufzuhalten. Ollowain wusste, dass er diesen Kampf dennoch nicht gewinnen konnte. Die Spanne seines Lebens hing nun an seinem Geschick, den wütenden Keulenhieben auszuweichen. Und dabei war auch er ein Gefangener der Schwelle, denn er durfte nicht einen Herzschlag lang vor den anstürmenden Trollen zurückweichen. Gab er die Schwelle preis, so würde sich die Flut der Feinde in den Thronsaal ergießen, und alles war verloren.

Ollowain lächelte. Der Tod hatte keinen Schrecken für ihn. Im Gegenteil: Diesen letzten großen Kampf zu fechten, war die Bestimmung seiner Seele. Danach würde der Zyklus aus Tod und Wiedergeburt durchbrochen sein. Er würde ins Mondlicht gehen, um wieder mit Lyndwyn vereint zu sein. Er fühlte sich leicht. Es gab keine Zukunft mehr, die ihn bedrücken konnte.

»Du solltest fliehen, Herrin, du hast die Macht dazu. Den Trollen ist es nicht bestimmt, in Albenmark zu herrschen. Das ist undenkbar! An einem anderen Tag wirst du siegen.«

»Tritt zur Seite.« Emerelle sprach leise, in ihrer Stimme lag keine Schärfe.

Ollowain gehorchte ihr widerstrebend. Besorgt blickte er ins Dunkel des Tors. Etwas bewegte sich nahe dem goldenen Pfad und beobachtete sie. War da ein Geräusch? Einen Herzschlag lang glaubte er in weiter Ferne das Lärmen der Keulen zu hören, doch nun war wieder Stille.

»Spürst du die Erschütterung der Albenpfade? Sie kommen. Es ist wie damals in Vahan Calyd.« Die Königin trat in den Schlangenkreis und kniete an der Schwelle des Tors nieder. Bedächtig streifte sie den dünnen Lederriemen mit dem schlichten Schmuckstein über den Kopf, dann umschloss sie den Stein mit der Faust. So verharrte sie, tief in Gedanken versunken.

Besorgt blickte Ollowain zum Tor. Es blieben nur noch wenige Augenblicke, bis die Trolle erscheinen würden. Emerelle konnte dort nicht bleiben.

»Herrin …« Sanft berührte er sie an der Schulter.

Die Königin blickte zu ihm auf. Ihre sonst so warmen braunen Augen erschienen ihm jetzt wie düstere Abgründe. Ollowain kannte Emerelle seit Jahrhunderten, doch nie zuvor hatte er sie so hasserfüllt gesehen. Selbst als sie einst auf der Shalyn Fallah, der weißen Brücke, die Ermordung der gefangenen Trollfürsten befohlen hatte, hatte sie diese Entscheidung in kalter Ruhe getroffen. Nun aber spiegelte sich blanker Hass in ihrem Blick.

»Skanga verlässt sich darauf, dass wir wieder fliehen werden. Doch sie hat die letzte Grenze erreicht. Von hier aus gibt es keinen Rückzug mehr, und ich werde nicht länger dulden, dass die Trolle alles zerstören, was schön ist in unserer Welt. Sollen ihre Seelen in der Finsternis verloren sein!«

Sie nahm den Albenstein und zog knirschend einen Strich über einen der Schlangenleiber des Mosaiks. Dann stieß sie ein einzelnes Wort hervor. Ollowain kannte die Sprache nicht, derer sich die Königin bediente, doch das war nicht notwendig, um zu verstehen. Es war ein Wort wie ein Messerstich.

DER WEG IN DIE FINSTERNIS

Der Wind schnitt ihr ins Gesicht und biss in ihre alten Knochen. Ihre Armgelenke knirschten, als Skanga den Fleischklumpen hochhielt, der vor wenigen Augenblicken noch ein schlagendes Elfenherz gewesen war. Das Heer, das sich rings um den niedrigen Eishügel versammelt hatte, sollte sehen, dass ihr Zauber mit Blut gewirkt war.

Die Trollschamanin selbst war blind. Das war der Preis, den Skanga vor langer Zeit dafür gezahlt hatte, in die tieferen Mysterien der Magie eingeweiht zu werden. Doch auch wenn ihre Augen nur noch knochenbleicher Gallert waren, nahm sie deutlich wahr, was um sie herum geschah. Sie spürte das warme Elfenblut ihre Arme hinabrinnen und genoss den eisigen Wind auf ihrer Haut. Sie wusste, dass das Blut in der Kälte dampfte. Die Opferung war geglückt, sie hatte ihren Zweck erfüllt. Obwohl tausende Krieger um sie herum versammelt standen, war kein Laut außer den Geräuschen des Windes zu hören. Er zerrte an den neuen Bannern aus Elfenhaut und ließ die aus Knochen geschnitzten Amulette leise klappern, die viele der Kämpfer mit Lederschnüren an ihre Waffen geknüpft hatten.

Skanga blickte auf den toten Elfen zu ihren Füßen. An jenem fernen Tag, an dem sie ihr Augenlicht ihrer Gabe geopfert hatte, hatte sie befürchtet, für immer in ein Meer aus Finsternis zu tauchen. Ihre Meisterin hatte ihr nicht gesagt, was geschehen würde; Furcht und Ungewissheit hatten zu dem Opfer dazugehört. Sie hatte es ihr nicht leicht gemacht, jenen Weg zu beschreiten, den sie nun schon so viele Jahrhunderte ging. Sie hatte sie gequält, um ihre Seele zu festigen, so hatte sie behauptet. Längst war sich Skanga sicher, dass sie es vor allem zu ihrem Vergnügen getan hatte. Matha Naht war von Finsternis durchdrungen gewesen. Schwarz wie ihre Rinde war auch ihre Magie. Die törichten Elfen hielten die uralten beseelten Bäume für weise, friedliche Geschöpfe. Keine Ahnung hatten sie!

Skanga wurde Zeuge, wie die Aura des toten Elfen zu ihren Füßen langsam verging. Statt Gestalten aus Fleisch und Blut sah sie ätherische Geschöpfe aus buntem Licht. Die Farben und die Helligkeit des Lichtes verrieten ihr mehr über ihr Gegenüber, als sie es jemals mit gesunden Augen hätte erkennen können.

Den Elfen zu opfern wäre nicht nötig gewesen, um das magische Tor im Albenstern zu öffnen. Skanga hatte es für die Krieger getan. Sie glaubten, ein Zauber sei nur dann wirklich machtvoll, wenn er mit einem Blutopfer verbunden war. Im Grunde war das auch nicht falsch, doch bei einem Stern, in dem sich sieben Albenpfade kreuzten, war es leicht, die goldenen Wege durch das Nichts zu betreten. Jedenfalls wenn man den Schlüssel zu ihnen besaß.

»Fürchtet mich, ihr Schatten!«, rief Skanga mit heiserer Stimme und streckte ihren schweren Stab der aufgehenden Sonne entgegen. »Öffnet mir das Tor, und dann weicht zurück in den Abgrund, damit mein flammender Zorn euch nicht verbrenne! Wagt es nicht, nach meinen Kindern zu greifen! Euch sei das Blut des Elflings geschenkt. Trinkt es und verschlingt seine Seele! Dies ist mein Wegezoll an euch. Nun gehorcht mir!«

Die alte Schamanin blickte hinab zu den Kraftlinien, die sich schlangengleich zu ihren Füßen wanden. Ein Gedanke genügte, um sich ihrer Macht zu bedienen. Die Linien bäumten sich auf und bildeten einen Torbogen, hinter dem das Nichts wartete, jener Raum zwischen den Welten, durch den die Alben einst ihre goldenen Pfade gezogen hatten. Wer diese Wege betrat, der vermochte mit wenigen Schritten hunderte Meilen zu überwinden. Doch der Weg, den sie an diesem Tag gehen würden, war lang. Sie mussten viele Sterne überschreiten. Skanga wusste, dass etliche Krieger verloren gehen würden. So war es jedes Mal, wenn diese Narren in das goldene Netz traten. Dabei waren sie alle gewarnt. Sie wussten, was jenseits der Pfade lauerte. Viele von ihnen hatten Met getrunken, um die Angst zu betäuben. Ein Marsch durch das Nichts erforderte mehr Mut als eine Schlacht.

Branbart, ihr König, zog geräuschvoll die Nase hoch und spuckte aus. Skanga spürte seine Unruhe, obwohl er nichts sagte. Es fiel ihm schwer, sich zu beherrschen. Er war es gewesen, der darauf gedrängt hatte, über die goldenen Albenpfade direkt ins Herzland vorzustoßen und der Herrschaft der Elfen ein für alle Mal ein Ende zu setzen. Nach der Schlacht um Phylangan waren die Elfen zu sehr geschwächt, um nennenswerten Widerstand leisten zu können. Weniger als eine Stunde noch, und Branbart gedachte auf Emerelles Thron zu sitzen.

Skanga war nicht ganz so zuversichtlich. Alles kam ihr zu leicht vor. Die alte Schamanin konnte sich nicht vorstellen, dass Emerelle so schnell aufgab. Sie sollte auf der Hut sein. Die Elfen kämpften voller Heimtücke. Vielleicht war es eine Falle. Es mochte …

Skanga spürte, dass sie beobachtet wurde. Etwas jenseits des goldenen Pfades spähte hinüber. Die Schamanin flüsterte ein Wort der Macht. Verschwommen erkannte sie einen Elfenkrieger jenseits des Tors. Seine Aura war kraftvoll, sie bestand aus hellem, weißgoldenem Licht. Er war entschlossen zu kämpfen. Skanga lächelte. Dieser Narr! Eine Schamanin hielt man nicht mit dem Schwert auf. Ein Gedanke von ihr, und schon formte sich eine Hand aus Schatten. Sie streckte sie über den Abgrund hinweg. Wenn sie das Herz des Elfen umklammerte, würde es aufhören zu schlagen. Er würde einfach …

Skanga zuckte zurück. Da war noch jemand! Eine machtvolle Präsenz hatte sich an die Seite des Kriegers gestellt und schirmte ihn mit einem goldenen Schild ab.

Die Schamanin zog die Schattenhand zurück. Emerelle! Die Königin erwartete sie. Skanga zögerte. Würde die Elfenkönigin kämpfen, wenn es keine Aussicht auf einen Sieg gab? Hundert junge Trollkrieger würde sie dem Opferdolch überlassen, wenn sie dafür in Emerelles Gedanken sehen könnte, dachte Skanga.

»Wann geht es los?«, fragte Branbart ungehalten. »Worauf warten wir noch?«

Die Schamanin nickte in Richtung des leuchtenden Pfades, der durch das Nichts schnitt. »Emerelle erwartet uns am Ende des Weges. Sie wird kämpfen.«

Branbart spuckte auf das Eis. »Kann sie gewinnen?«

»Nur ein einziger Krieger ist an ihrer Seite. Der Elfling, der die Verteidiger von Phylangan befehligt hat.«

Der König lachte. »Den haben wir schon einmal besiegt. Der wird uns auch diesmal nicht aufhalten.« Er winkte den Kriegern seiner Leibwache. »Vorwärts! Ihr habt die Ehre, das erste Blut zu vergießen. Und schlagt nicht nach den Köpfen der Elflinge. Ihr wisst ja, die brauchen wir noch.«

Skanga betrachtete die jungen Krieger, die mit Feuereifer durch das dunkle Tor stürmten. Vielleicht war sie zu alt? Zweifel zu haben war eine Schwäche. Sie lächelte zynisch. Eine Schwäche, die einen davor bewahrte, blindlings ins Verderben zu rennen. Von diesen Kriegern würde wohl kaum einer an der Siegestafel des Königs sitzen. Branbarts Art, Schlachten zu gewinnen, war ebenso einfach wie verschwenderisch. Er ertränkte seine Feinde in Strömen von Blut. Trollblut! Auf seinem Weg von Sieg zu Sieg würde er noch sein ganzes Volk auslöschen … Aber dies war die letzte Schlacht, berichtigte sich Skanga in Gedanken. Sie konnten nicht verlieren. Welche Möglichkeiten blieben Emerelle, gegen die Flut von Trollkriegern anzukämpfen? Der Albenstein des Elfenvolkes verlieh ihr schreckliche Macht. Sie würde ein paar Hundert ins Verderben stürzen. Vielleicht brachte sie sie durch ein Trugbild vom goldenen Pfad ab und ließ sie ins Nichts stürzen?

Skangas knotige Hand schloss sich um den Stein, den sie verborgen zwischen unzähligen Amuletten trug. Sie würde ihr Volk vor der Elfenkönigin schützen. Auch sie hatte Macht, dachte sie trotzig. Sie war es gewesen, die das Volk der Trolle aus der Verbannung nach Albenmark zurückgeführt hatte.

In den zwei Monden, die seit der Schlacht um Phylangan vergangen waren, hatten sie die Snaiwamark, ihre alte Heimat, vollständig in Besitz genommen und ihr Heer neu aufgestellt. Es waren vor allem die jungen Krieger, die den Krieg weiter fortsetzen wollten, um sich einen Namen zu machen. Und auch Branbart, ihr König, dachte nicht daran, Frieden zu suchen. Sein Hass gegen Emerelle war maßlos. Einst hatte die Elfenkönigin ihn und alle anderen Trollfürsten von der Shalyn Falah, der weißen Brücke an der Grenze zum Herzland, in den Tod gestürzt. Fünfmal war Branbart seitdem wiedergeboren worden und König gewesen. Es war sein Fluch, dass er die Vergangenheit nicht vergessen konnte. Jahrhunderte hatte er sich nach Rache an Emerelle gesehnt. Jetzt wollte er keine Stunde mehr warten! Die Gefahr, noch einmal durch das Nichts zu gehen, hatte keinen Schrecken für ihn, so sehr hasste er die Elfenkönigin.

Skanga wäre es lieber gewesen, wenn das Trollheer einfach nach Süden gezogen wäre. Zwar mochte es Jahre dauern, bis sie auf diesem Wege ins Herzland vorstießen, aber wer sollte sie letztlich aufhalten? Ihr Volk war stark, und die übrigen Völker der Albenkinder waren zu zerstritten, um ihnen auf Dauer Widerstand leisten zu können. Ja, vielleicht würden sie sogar Verbündete finden?

Die Zeit der Elfen war vorbei; ihre drei schweren Niederlagen hatten das deutlich gezeigt. Sie waren das jüngste der Völker Albenmarks, und sie herrschten, seit die Alben, die großen Träumer und Schöpfer aller Welten, ihre Kinder verlassen hatten. Das war schon immer ungerecht gewesen, und es konnte gewiss nicht der Wille der Alben gewesen sein! In welcher Familie herrschte der Jüngste der Erben? Die Elfen hielten sich als Letztgeborene für die vollkommensten Geschöpfe. Doch nun hatte die Dämmerung ihres Zeitalters begonnen! Das Licht der Elfen verblasste. Und wenn sie sich nicht unterwarfen, dann würden sie vernichtet werden.

Skanga blickte durch das Tor ins Dunkel. In warmem Gold erstrahlte der Weg, der vor ihnen lag. Sie sah ihn anders als die Scharen der Krieger, die ihm noch folgen würden. Ihr magisches Auge erkannte seine wahre Beschaffenheit. Er war wie ein dickes Seil aus hunderten Fasern gedreht. Nur die Alben verstanden es, Magie zu solch wunderbaren Zaubern zu weben.

Die Begeisterung, mit der die jungen Krieger ihren Angriff führten, hatte etwas Ansteckendes. Sie konnten heute siegen! Warum noch Jahre warten?

Skanga stieß den Stab steil in die Luft. »Vorwärts, meine Kinder, wie es euer König befiehlt! Schneller! Ich führe euch ins Herz der Verderbnis. Zur Königsburg Emerelles!« An der Seite Branbarts reihte sie sich in die Schar der Angreifer ein.

Der Schritt durchs Tor erforderte den meisten Mut. Man verließ festen Boden, um auf einen Pfad zu treten, der aus nichts anderem als Licht bestand. Hunderte Male hatte Skanga es schon getan, und doch war es immer wieder aufs Neue ein Kampf, sich dem Zauber der Alben anzuvertrauen. Die Schamanin wusste besser als alle andern, was es bedeutete, ins Nichts zu gehen, in jene Dunkelheit, die jenseits des dünnen Gespinstes aus Magie lag.

Misstrauisch musterte die Schamanin das weitmaschige Netz aus blauen und grünen Kraftlinien, das sich schützend über den goldenen Pfad wölbte. Blau, diese Farbe der Magie, war Skanga immer verschlossen geblieben. Sie speiste sich aus der Weite des Himmels und der Kraft der Sturmwinde. Für sie war es stets so gewesen, als versuche sie einen Lufthauch zu greifen, wenn sie die Magie des Himmels in ihre Zauber hatte einbinden wollen. Sie spürte die Kraft, und doch war es ihr unmöglich, sie zu binden.

Skanga spähte ins Dunkel jenseits der Pfade. Draußen, in der unermesslichen Finsternis, lauerten die Yingiz. Ein rätselhaftes Volk, das von den Alben einst ins Nichts zwischen den Welten vertrieben worden war. Die Schamanin spürte, dass sie dort waren, doch sie konnte sie kaum sehen. Die Yingiz waren von Furcht einflössender Art. Sie hatten keine Aura.

Alles, was lebte, war von einer pulsierenden Aura aus vielfarbigem Licht umgeben. Die Auren zu sehen, war das Erste gewesen, was Skanga gelernt hatte, nachdem sie ihr Augenlicht verloren hatte. Erst viel später vermochte sie Schatten zu fühlen, wenn vor ihr ein Felsblock oder etwas anderes Unbelebtes aufragte.

Skanga blickte erneut auf das Netz aus blauen und grünen Fäden. Es war zu weitmaschig, fand sie. Und doch hielt es die Yingiz fern. Bald würden sie in Scharen den goldenen Pfad umlagern. Wenn etwas Lebendiges in das Nichts eindrang, dann wurden sie von dessen Aura angezogen wie Nachtfalter von der Flamme einer Öllampe.

Die Yingiz vermochten die Zauber der Alben nicht zu durchdringen, aber wehe denen, die den goldenen Pfad verließen. Die Schattengestalten waren Seelenfresser. Wer hier in der Finsternis zwischen den Welten starb, der würde niemals wiedergeboren werden.

Die Schamanin war ein gutes Stück auf dem Weg gegangen, als sie etwas an der Schulter streifte. Branbart, ihr König, ging dicht hinter ihr. Sie spürte die Wärme der Fackel, die er in der Linken hielt. Ihr Licht konnte die Dunkelheit jenseits der Schutzzauber gewiss nicht erhellen.

Skanga roch Branbarts Angst. Ein säuerlicher Geruch, der sich mit dem Duft nach Met, ungegerbtem Leder und Rauch mischte.

»Dauert es noch lange?«, fragte der König heiser.

»Ja!«, entgegnete sie ungehalten. Tagelang hatte sie versucht, ihm diesen Angriff auszureden. Jetzt war es zu spät, um noch umzukehren. Wenn Branbart seine Krieger nun zurückschickte, dann würde er all sein Ansehen als König verlieren. Niederlagen oder allzu blutige Siege vergaßen Trolle schnell. Feigheit nicht.

Skanga überquerte einen Albenstern, an dem sich vier goldene Pfade kreuzten. Wie ein kunstvoller Knoten waren sie miteinander verwoben.

Sodann deutete sie auf die blasse, rote Flamme, die neben einem Pfad brannte, der nach links führte. Einen ganzen Tag lang hatte sie damit verbracht, den Weg durch das goldene Netz zu markieren. Trotzdem würden gewiss etliche Krieger verloren gehen. Angst machte blind. Aber das spielte keine Rolle. Siege wurden mit Blut erkauft.

Sie waren Tausende, und sie gingen alle hintereinander. Vermutlich waren immer noch nicht alle Krieger durch das Tor auf der Eisebene der Snaiwamark geschritten. Die Letzten würden den Pfad wohl erst betreten, wenn die Schlacht gegen Emerelle schon entschieden war.

»Was ist dort draußen?«, flüsterte Branbart. Der König drängte sich so dicht an sie, dass er ihr mit der Fackel den Nacken versengte. »Ich spüre da etwas. Es …«

»Erinnerst du dich an das Heerlager bei der Wolfsgrube, am Tag bevor die Eissegler uns angegriffen haben? Dort hat uns ein Geisterwolf besucht, eine üble Kreatur mit einem blutroten Auge. Erinnerst du dich an seine Bosheit und seinen Hass?«

»Ja.« Der König zog die Nase hoch und wollte ausspucken. Unschlüssig blickte er hinab auf den goldenen Pfad, der nicht Erde und nicht Fels war und sie dennoch trug. Dann überlegte er es sich anders und schluckte den Rotz hinunter.

»Stell dir vor, all diese Bosheit sei ein Kieselstein am Meeresufer. Ein Stein, wie sie dort ohne Zahl liegen. Das, was dich hier jenseits des Weges erwartet, ist der Berg, von dem dieser Stein stammt. Denk an das Schlimmste, das dir je widerfahren ist, und sei gewiss, die Schrecken des Nichts werden es bei weitem übertreffen.«

Skanga blickte nach vorn und betrachtete die rote Flamme der Wegmarkierung. War es ein Fehler gewesen, diese Lichter zu setzen? Störte ihre Magie vielleicht den Zauber der Alben? Kam ihr der Schutzzauber so weitmaschig vor, weil sie unwissentlich etwas zerstört hatte?

Sie versuchte, den Zweifel von sich zu schieben. Es war das Wesen der Yingiz, Ängste zu schüren. Kamen diese Gedanken von ihnen? War sie nicht mehr Herrin dessen, was sich in ihrem Kopf abspielte? War das schon geschehen, als sie die Lichter gesetzt hatte? Waren die Yingiz schon dort die Meister ihrer Gedanken gewesen und hatten sie dazu missbraucht, Tausende in die Falle zu locken?

Skanga atmete tief aus. Sie dachte an den hellen Sommertag zurück, an dem Matha Naht ihr das Augenlicht genommen hatte. An die Schmerzen … So vertrieb sie die Zweifel. Zumindest für ein paar Herzschläge.

Die Schamanin beschleunigte ihre Schritte. Ab und an sah sie Schatten jenseits des Netzwerks aus schützender Magie. Ihr Atem ging keuchend. Sie hatte das Gefühl, als stapele ein unsichtbarer Folterknecht Steine auf ihre Brust. Mit jedem Schritt wuchs die Last, wurde es qualvoller einzuatmen.

Alles Unsinn! Sie umklammerte den Albenstein fester. Das waren die Spiele der Yingiz! Sie blickte auf, doch ihr Feind war unsichtbar. Sie konnte … Die Schamanin stutzte. War der schützende Bogen aus Magie flacher geworden?

Ein gellender Schrei schreckte sie aus ihren Gedanken. Kurz, abgehackt. Jemand war ins Nichts gezerrt worden.

»Irgendein Trottel, der vom Weg abgewichen ist!«, rief Branbart. Seine Stimme war schrill, sie verriet seine Angst. »Beeilen wir uns!«

»Nein!« Skanga wusste, dass Eile ein falsches Zeichen war. Sie zwang sich zur Ruhe und spähte ins Dunkel. Nichts. Die Schamanin schlug ein Schutzzeichen. Die Krieger um sie herum waren still. Nur aus der Ferne erklang das Schlagen von Waffen auf Schilde.

»Niemand rennt hier! Ihr seid Jäger! Ihr wisst, dass fliehende Beute den Jäger aufmerksam werden lässt. Sie ist viel leichter zu stellen als ein Tier, das sich ruhig verhält. Hier sind wir die Beute. Behaltet kaltes Blut. Niemand rennt! Ihr geht langsam. Jedes Mal, wenn ich meinen Stab hebe, macht ihr einen Schritt und schlagt dabei mit euren Waffen auf die Schilde. Der Feind im Dunkel weidet sich an unserer Angst. Begegnet ihm mit Gelassenheit! Und stört die Stille. Lasst uns den Rhythmus unseres Marschtritts in die Stille tragen. Wir bestimmen, wann wir gehen und wann wir laufen.« Skanga hob ihren Stab, machte einen Schritt vorwärts und senkte den Stab wieder.

Vereinzelt erklangen Keulenschläge auf Schilden.

»Benehmt euch nicht wie scheue Rehkitzchen!«, brüllte Branbart und hob seinen Schild. »Tut, was Skanga sagt! Und sagt den Männern weiter hinten, was sie befohlen hat.«

Wieder hob und senkte die Schamanin ihren Stab. Das Donnern der Schilde wurde lauter. Sie musste Ordnung in das Heer bringen. So würden sie die Gefahr meistern. Skanga zwang sich, ruhig weiterzugehen. Kalter Schweiß rann ihr über den Rücken. Als sie noch jünger gewesen war, hatte sie viele weite Reisen unternommen. In all den Jahrhunderten ihres Lebens war ihr dabei nur ein einziges Geschöpf begegnet, das hier im Nichts keine Angst empfand: ein Dschinn. Er hatte ziemlich viel krausen Unsinn geredet. Vielleicht war er ja auch verrückt gewesen … Er hatte ihr gezeigt, wie er die Pfade verließ und durch das Dunkel gehen konnte, ohne sich schützen zu müssen. Und ihm war tatsächlich nichts geschehen! Warum die Yingiz ihn verschonten, hatte Skanga nie begriffen. Vielleicht war er zu fremdartig. Womöglich verschmähten die Yingiz auch Wesen, die nicht aus Fleisch und Blut waren.

Erneut erklang ein gellender Schrei, der abrupt abbrach. Trolle verschmähten die Seelenfresser jedenfalls nicht.

»Schneller!«, drängte Branbart.

Skanga ignorierte ihren König und ging gemessenen Schrittes weiter. Sie hob und senkte ihren Stab, und das Echo dröhnender Schilde folgte ihr. War der Weg schmaler geworden? Nein, nein … Ihr magisches Auge spielte ihr einen Streich! Das konnte nicht sein! Sie zwang sich, ruhig zu atmen, und presste den Albenstein auf ihr Herz. Er verstärkte ihre Magie und verlieh ihr eine Macht, die fast an jene sagenumwobenen Kräfte ihrer Schöpfer heranreichte. Es hieß, wer drei Albensteine besaß, der könne alles vollbringen. Doch jedem der Albenvölker war nur ein Stein geschenkt worden, und sie wurden eifersüchtig gehütet.

Die Schamanin dachte an Emerelle. Sie besaß den Stein, der den Elfen geschenkt worden war. Sollte Branbart nur aus dem Schädel der Königin trinken. Sie würde Emerelles Albenstein an sich nehmen! Wenn sie ihn erst besaß, würde sie ihr Volk künftig vor allen Gefahren schützen können.

Wieder erreichten sie einen Albenstern; diesmal kreuzten sich sieben Pfade. Skanga verharrte. Waren sie schon bei dem Stern angelangt, über den Atta Aikhjarto wachte? Die Schamanin musterte eingehend das verschlungene Knotenmuster der Kraftlinien. Nein, es war noch ein gutes Stück Wegs bis zum Tor in Emerelles Thronsaal.

Da war ein Geräusch … Ein fernes Jaulen? Es war in ihrem Kopf … Die Yingiz! Es hieß, dass die Yingiz an Macht gewannen, wenn man zu lange im Nichts verweilte. Sie fanden einen Weg, jene zu verlocken, die schwach waren. Wie um Skangas Gedanken zu bestätigen, erklang erneut ein Schrei.

Die Schamanin strauchelte. Sie hatte sich den Fuß vertreten. Stechender Schmerz peinigte ihren rechten Knöchel. Den Fuß vertreten? Das konnte doch nicht …

Weitere Schreie gellten durch die Finsternis. Da sie stehen geblieben war, erstarb das Krachen der Schilde. Der stechende Geruch der Angst hing in der Luft.

Skanga blickte auf ihre Füße. Sie versanken langsam im goldenen Pfad, so wie man auf einem regenweichen Lehmweg einsank.

Immer neue Schreie tönten vom Anfang der Marschkolonne.

Was ging dort vor sich? Skanga hob den Stab. Es musste vorwärts gehen! Schließlich war es nicht mehr weit bis zum Thronsaal der verfluchten Königin. Sie durften sich jetzt nicht aufhalten lassen. Der aufgeweichte Weg, die Todesschreie, das waren die Boten des letzten Widerstands!

Skanga blickte wieder auf ihre Füße. Der Arm, mit dem sie den Stab hob, verharrte inmitten der Bewegung. Der Pfad! Wie ein dickes Seil, das sich Strang für Strang auflöste, zerfaserte er.

»Zurück! Lauft!«, schrie die Schamanin und packte Branbart beim Arm.

Die Krieger vor ihnen kehrten um und drängten auf dem immer schmaler werdenden Weg zurück. Dutzende Kämpfer stürzten in die Finsternis und waren sofort von wirbelnden schwarzen Schlieren umgeben. Wie lange, dünne Würmer wurde das Lebenslicht aus ihren Leibern gezerrt.

Skanga versetzte dem Krieger, der ihr entgegenkam, mit ihrem Stab einen Schlag ins Gesicht. Vergebens! Sie wurde zur Seite gestoßen. Die Finsternis griff nach ihr. Dann brauste es in ihren Ohren. Sie fiel in den endlosen Abgrund. Gestalt gewordene Dunkelheit griff nach ihr.

STILLE

Ein tausendfacher Schrei erklang, erschreckend nah und zugleich nicht mehr von dieser Welt. Ollowain hatte auf unzähligen Schlachtfeldern gestanden. In seinem Leben, das nach Jahrhunderten zählte, hatte er unzählige Male dem Tod gelauscht. Wimmernd, röchelnd, trotzig fluchend waren die Sterbenden um ihn herum ihrem Ende begegnet. Manche riefen nach ihrer Mutter oder ihrer Geliebten, andere starben würdelos kreischend. All dies war dem Schwertmeister wohl vertraut, aber Todesschreie wie diese hatte er nie zuvor vernommen.

Eine Geste von Emerelle ließ das dunkle Tor vergehen und schnitt die Stimmen der Trolle ab. Die steinernen Schlangen flüchteten zurück an ihren Platz im Mosaik. Das leise flüsternde Wasser an den Wänden des Thronsaals verstummte. Es war jetzt totenstill in der großen, verlassenen Burg.

Ollowain zitterte, als er das Schwert zurück in die Scheide schob. Es war kälter geworden. Mondlicht wob seinen Zauber im weiten Thronsaal.

Nur ein Wort der Königin hatte genügt, den Elfen Frieden zu bringen. Alles war gut, redete sich Ollowain ein. Und doch spürte er, dass sich etwas verändert hatte. Etwas Fremdes, Ungreifbares war um ihn herum. Es vermochte sich vor ihm zu verbergen, aber er wusste, es war hier. Ganz nahe!

Feuchtigkeit hing schwer in der Luft und mit ihr der Duft von Lindenblüten. Ollowain hatte dicht vor dem dunklen Tor gestanden. Nichts hätte unbemerkt an ihm vorbeigelangen können. Und dennoch war etwas hier …

Obwohl er der berühmteste Schwertkämpfer Albenmarks war, fühlte er sich hilflos wie ein Kind. Ausgeliefert dem Unnennbaren. Er kniete neben seiner Königin nieder. Die Lippen schmal, den Blick in sich gekehrt, verharrte sie kniend. Mit beiden Händen hielt Emerelle den Albenstein umklammert, wie ein Frierender in einer Winternacht einen Becher mit warmem Wein.

Zärtlich umfingen seine Hände ihre kalten Finger. »Was ist geschehen, Herrin?«

Emerelle schwieg. Sie sah zu den bunten Steinen des Mosaiks hinab, als verberge sich in dem Bild ein Geheimnis, das nur sie allein zu deuten mochte. So schien es Ollowain, bis er begriff, dass die Königin in Wahrheit seinen Blick mied.

Lange knieten sie einander gegenüber. Langsam kehrte die Wärme in Emerelles Finger zurück. Kein Laut störte die Stille.

Der Drachenstern stand schon tief im Westen, als die Königin sich erhob. Schweigend folgte Ollowain ihr die Stufen zum Thron hinauf. Er wusste, dass es sinnlos war, seine Frage zu wiederholen. Sie würde ihm antworten, wann es ihr gefiel. Vielleicht auch nie … So viele Geheimnisse trug sie in ihrem Herzen. Es hieß, Emerelle sei die Älteste ihres Volkes, und sie habe bereits gelebt, bevor die Alben ins Mondlicht gegangen waren. Selbst für eine Elfe war die Spanne ihres Lebens schier unermesslich. Sie war alt wie die Berge, und doch hatte sie nie ihren jugendlichen Liebreiz verloren. Jetzt aber wirkte sie müde. Leicht vorgebeugt stand sie vor der flachen Silberschüssel neben dem Thron. Manchmal verharrte sie so ganze Tage. Nur Ollowain, Meister Alvias und Obilee durften den Thonsaal betreten, wenn die Herrin Albenmarks versuchte, der Zukunft ihre Geheimnisse zu entreißen. Im spiegelnden Wasser der Schüssel erblickte Emerelle, was in kommenden Jahrhunderten geschehen mochte, und sie hielt stumme Zwiesprache mit dem Schicksal, um über den Weg der Völker Albenmarks zu entscheiden.

Im Wasser der Schüssel lagen reglos die beiden Nachtigallen. Ihr Gefieder war zerzaust. Die kleinen Schnäbel standen offen; sie waren gestorben, während sie gesungen hatten. Eine Laune des Lichts ließ das Wasser einen Augenblick lang schwarz erscheinen, als treibe ein Schatten unter der spiegelnden Oberfläche.

»Wir beide wären jetzt tot, wenn ich es nicht getan hätte«, sagte Emerelle leise. »Aus den Türmen der Burg würden himmelhohe Flammen schlagen, aber diese Nachtigallen säßen im Geäst der beiden Linden unten im Tal, dort, wo die Quelle entspringt, die sich in den See ergießt. Sie hatten begonnen, sich dort ein Nest zu bauen …« Emerelle standen Tränen in den Augen. Nie zuvor hatte Ollowain die Königin weinen gesehen.

»Was hast du getan, Herrin?«

»Ich habe einen Teil der Schöpfung der Alben zerstört. Einen der goldenen Pfade, die durch das Dunkel führen. Jenen Pfad, den die Trolle gewählt hatten, um hierher zu gelangen. Alle, die ihn betreten haben, sind ins Nichts gestürzt. Ich …« Sie rang einen Augenblick lang um Worte. »Es war Zorn, der meine Tat bestimmte. Ich habe einen Weg beschritten, auf den ich nicht vorbereitet war und von dem ich nicht weiß, wohin er führen wird.«

»Aber du sagtest, wir wären sonst tot«, wandte Ollowain ein. Er mochte nicht glauben, was er hörte. Solange er Emerelle kannte, hatte er immer darauf vertraut, dass sie wusste, was die Zukunft brachte, und dass all ihr Tun in diesem Wissen begründet war. Vor allem, wenn er ihr Handeln nicht verstand, hatte er sich mit diesem Glauben gegen seine Zweifel gewappnet.

»Was sonst wäre wohl mit uns geschehen, wenn die Trolle den Thronsaal gestürmt hätten? Hättest du dich ergeben? Niemals. Und auf welche Weise ich an Branbarts Siegesfest teilnehmen sollte, ist dir auch bekannt. Man muss nicht immer Magie wirken, um die Zukunft zu kennen.« Vorsichtig hob Emerelle die beiden toten Vögel aus dem Wasser und bettete sie in ihre Handflächen. »Unsere Zukunft ist wie ein Baum, Ollowain. Mit jedem Herzschlag treibt er tausende junge Äste, die sich schon beim nächsten Herzschlag wieder zerteilen und zu einer mächtigen, unübersichtlichen Baumkrone werden. Mir war bewusst, dass Skanga Angst davor hatte, noch einmal die Albenpfade zu beschreiten. Zweimal schon haben die Trolle gesiegt, weil sie das Werk der Alben missbrauchten. Sie wusste, dass ich hier im Thronsaal stehen würde, um auf sie zu warten. Bei allen möglichen Zukünften, die ich gesehen habe, hat sie es nur ein einziges Mal gewagt, das Tor zu öffnen. Ihr war klar, dass ich die Macht habe, einen Albenpfad zu zerstören. Sie hat sich gefürchtet. Deshalb wählte sie die Macht des Blutes und der Finsternis, um ihren Zauber zu wirken. Dies sind die Spielarten der Magie, die mir am wenigsten vertraut sind.« Emerelle zitterte vor Zorn, während sie sprach. »Ich habe bis zuletzt nicht wahrhaben wollen, dass sie sich noch einmal in das goldene Netz wagen würde. Sie hat darauf vertraut, dass ich mich fürchten würde, das Werk der Alben zu einem Teil zu zerstören. Dies ist ein Zweig der Zukunft, den ich nicht erforscht habe, denn er führt in die Dunkelheit. Er …« Wieder versagte ihr die Stimme.

Ollowain spürte ihre Angst. Was war an Stelle der Trolle in ihre Welt getreten? Welchen Schrecken hatte sie in ihrem Zorn beschworen?

Die Königin wandte sich von der spiegelnden Silberschale ab. Erstes Morgenlicht vertrieb die Schatten im Thronsaal. Vorsichtig legte Emerelle die beiden toten Vögel auf die Lehne ihres Throns. »Hunderte Zukünfte habe ich erforscht. Tausende sind mir verborgen geblieben. Auf fast jedem Weg, dem ich folgte, sah ich, wie die Trolle ein gewaltiges Heer aufstellten. Ich sah weite Ebenen in Flammen und brennende Städte. Wer sich diesem Heer in den Weg stellte, der wurde vernichtet. Unaufhaltsam kam es nach Süden, zum Herzland. Das war es, was sie wollten. Sie wollten Albenmark das Herz herausreißen.«

Ollowain spähte in die verblassenden Schatten. Etwas verbarg sich dort. Warum sprach Emerelle nicht davon? Würden ihre Worte dem fremden Wesen weitere Macht verleihen? Er erinnerte sich an dunkle Legenden über ein ungenanntes Böses. Ihm einen Namen zu geben, machte es stärker. Es hieß, die Alben hätten es vertrieben. Aber man sprach immer noch nicht darüber. Emerelle wusste, was sie tat, redete sich der Schwertmeister ein. Trotz allem, was in dieser Nacht geschehen war. Wenn sie nicht darüber reden wollte, was die Nachtigallen getötet hatte, war es klüger, diese Frage unausgesprochen zu lassen. »Und wenn wir uns den Trollen mit aller Kraft entgegenwerfen würden?« Vor wenigen Stunden noch hatten die Trolle sein ganzes Denken beherrscht. Nun fiel es ihm schwer, seine Gedanken zu ordnen. Immer wieder spähte er ins Zwielicht, das langsam den Strahlen der Morgensonne wich.

»Wenn wir die Völker Albenmarks vereinen, um unter einer Fahne zu kämpfen, können wir dann nicht doch über die Trolle siegen? In dieser Nacht haben wir Zeit gewonnen, uns auf den Krieg vorzubereiten, der trotz allem kommen wird.« War da ein Schatten hinter dem Thron? Nicht hinsehen! Seine Augen spielten ihm gewiss einen Streich! Das war nur der Schatten der hohen Lehne. Nichts sonst! »Hat all unser Streben keinen Einfluss auf unsere Zukunft?«

»Ganz im Gegenteil. Jeder Schritt, den wir tun, verändert etwas. Und doch … Manchmal scheint es so, als seien bestimmte Ereignisse unabwendbar.« Sie senkte den Blick, denn sie wollte nicht, dass er in ihren Augen lesen konnte, als sie weitersprach. »Wir werden verlieren, was wir lieben. Das ist der Preis. So war es schon immer.«

Einen langen Augenblick schwiegen sie beide. Dann sah sie auf und lächelte plötzlich. »Heute Nacht haben wir den Weg in eine neue, unbekannte Zukunft beschritten. Sie ist dunkel … Aber wenn man die Hoffnung nicht aufgibt, dann ist alles möglich!« Ihr Lächeln war so plötzlich verflogen, wie es gekommen war. Es war ein seltener Gast in ihrem Antlitz, und doch hatte es schon unzählige Barden aus allen Völkern der Albenkinder zu Liedern über sie ermutigt. Wenn Emerelle lächelte, dann lag ihr die Welt zu Füßen. In diesen seltenen Augenblicken entfaltete sich ihre ganze Schönheit. Nichts, das Ollowain je gesehen hatte, war so vollkommen. Außer Lyndwyns Augen … dachte er traurig. Zuletzt hatte er nur noch in ihre Augen gesehen. Sonst hätte er nicht ertragen können, was die Trolle ihr angetan hatten. Er wusste, sie wartete auf ihn.

»Weißt du um meinen Tod, Herrin?«

»Ich weiß um viele deiner möglichen Lebenswege«, entgegnete die Königin ausweichend.

»Und mein Tod?«, beharrte er.

»Willst du das wirklich wissen? Deine Frage ist nicht weise. Dein Tod hängt von dem Weg ab, den du wählst. Ich habe dich oft sterben gesehen.«

»Und wie kann ich mich schützen?«, setzte er nach und meinte doch das Gegenteil.

Sie lächelte traurig. »Gar nicht, Schwertmeister. Zu leben ist auf jeden Fall tödlich. Meide das Feuer, Ollowain. Du wirst in den Flammen sterben, so war es schon immer.«

Endlich gelang es ihm, ihren Blick einzufangen. »Du kennst den Weg meiner Seele? Meine vergangenen Leben? Wer war ich?«

»Sich nicht zu erinnern, ist ein Geschenk, Ollowain. Rühre nicht an dieser Gunst, die dir das Schicksal gewährt. Jede Wiedergeburt hat deine Seele geläutert. Du bist ohne Fehl. Vollkommen. Ich …« Sie schüttelte sanft den Kopf. »Lassen wir die Vergangenheit ruhen. Warum Wunden, die verheilt sind, wieder aufreißen? Vertraue mir. Zu vergessen ist ein Geschenk. Nur so wird man wirklich in ein neues Leben geboren, wenn man wiederkehrt. Jenen, die geblieben sind, steht es nicht zu, selbstsüchtig an dieser Gnade zu rühren, mein Schwertmeister.« Sie schenkte ihm ein schmerzliches Lächeln. »Nun lass mich bitte allein. Es ist meine Pflicht, von neuem mit der Suche nach unserer Zukunft zu beginnen. Wir …« Sie hielt inne und senkte den Blick.

»Ja?«

»Ich habe dir nie dafür gedankt, wie du mich aus dem brennenden Vahan Calyd gerettet hast. Du warst mein Schwert und mein Schild, als ich mich nicht zu schützen vermochte. Männer wie du sind selten, Ollowain. Danke, dass du an meiner Seite stehst. Du bist das Licht in meinen dunkelsten Stunden.«

Ihre Worte machten ihn verlegen. Er verbeugte sich knapp und zog sich zurück. Doch noch bevor er die hohe Flügeltür zum Thronsaal erreichte, schlichen sich Zweifel in seine Gedanken. Seit seiner Kindheit hatte er sich kaum mehr Gedanken darüber gemacht, wer er einst gewesen sein mochte. Hatte die Königin all dies nur gesagt, um ihn davon abzulenken, was sie getan hatte?

Am Tor blickte er zurück. Der Thronsaal war nun lichtdurchflutet. Emerelle stand ganz in sich gekehrt vor der Silberschale. Den Schatten haftete nichts Bedrohliches mehr an. Nur die beiden toten Nachtigallen auf der Armlehne des Throns erinnerten daran, dass etwas nach Albenmark gekommen war, das selbst die Königin fürchtete.

Originalausgabe 12/2006

Redaktion: Angela Kuepper

Copyright © 2006 by Bernhard Hennen

Copyright © 2006 dieser Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

www.heyne.de

Karten: Andreas Hancock Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

eISBN 978-3-641-06493-8

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