Die Welt der Poesie für neugierige Leser. Achter Band: Dichter und Dichterinnen in Zeiten der Weltkriege - Anne-Gabriele Michaelis - ebook

Die Welt der Poesie für neugierige Leser. Achter Band: Dichter und Dichterinnen in Zeiten der Weltkriege ebook

Anne-Gabriele Michaelis

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Opis

Achter Band: Dichter und Dichterinnen in Zeiten der Weltkriege: Rainer Maria Rilke zählt zu den bedeutenden Lyrikern des 20. Jahrhunderts. Hans Fallada war ein ausgezeichneter Milieuschilderer mit Humor. Hermann Hesse erhielt den Literatur-Nobelpreis im Jahr 1946. Agnes Miegel gilt als große ostpreußische Dichterin. Ina Seidel gehörte zu den großen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Antoine de Saint-Exupéry gehört zu den beliebtesten Dichtern des 20. Jahrhunderts. Anne-Gabriele Michaelis stellt das Leben dieser Dichterinnen und Dichter vor, zeigt uns deren unbekannte Seiten und empfiehlt ausgesuchte Werke zum Weiterlesen. Die Lebensbilder basieren auf Vorträgen, die seit mehr als fünfzehn Jahren gut besucht werden. So urteilt die Presse: »Die Kombination von Hintergrundinformationen mit ausgewählten Werkauszügen findet zunehmend Anklang – auch beim jüngeren Publikum.« Leonore Welzin in der »Heilbronner Stimme« … »In flüssig und wenig lehrbuchhaft zu lesender Weise widmet sich die Autorin dem Leben und Wirken … Mit interessanten Details und kleinen Anekdoten aus dem Leben der Schriftsteller … überaus kurzweilig …« Detlef Knut in »Der Federkiel«

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Anne-Gabriele Michaelis

Die Welt der Poesie für neugierige Leser

Herausgegeben und mit einem Vorwort von Jan Michaelis

Achter Band:Dichter und Dichterinnen in Zeiten der Weltkriege

Rainer Maria Rilke Hans Fallada Hermann Hesse Agnes Miegel Ina Seidel Antoine de Saint-Exupéry

Engelsdorfer Verlag 2014

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag

Alle Rechte bei der Autorin

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vorwort von Jan Michaelis

Rainer-Maria Rilke (1875–1926)

Hans Fallada (1893–1947)

Hermann Hesse (1877–1962)

Agnes Miegel (1879–1964)

Ina Seidel (1885–1974)

Antoine de Saint-Exupéry (1900–1944)

Die Autorin der Lebensbilder

Der Herausgeber und Autor des Vorwortes

Weitere Bücher der Autorin

Vorwort von Jan Michaelis

Dichter und Dichterinnen in Zeiten der Weltkriege

Dieser Band ist Dichterinnen und Dichtern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewidmet. Ihr Leben und Werk ist stark beeinflusst von den Weltkriegen. Dabei sind die Schicksale so interessant wie die Breite ihres literarischen Schaffens, von dem uns einiges verblüffen dürfte, da wir die Autoren oft zu kennen meinen, sie aber doch nur zunächst in eine Schublade gepackt haben. Es ist das Verdienst von Anne-Gabriele Michaelis typische Werke herausgesucht zu haben, die auch zu der jeweiligen Lebensetappe passen und sie erhellen. Und uns mit diesen Leseempfehlungen den Zugang zu auch der unbekannten Seite der Autorinnen und Autoren zu erleichtern, damit zugleich diese zur Würde kommen zu lassen und uns unbekannte Kontinente gleichsam entdecken zu lassen, die letzten weißen Flecken auf der literarischen Landschaft zu erschließen.

Rainer Maria Rilke zählt zu den bedeutenden Lyrikern des 20. Jahrhunderts. Rilke schuf unerreichte Sprach- und Formkunstwerke. Seine unstete Künstlerexistenz trieb ihn um, er lebte in Worpswede und Paris, was in sein Werk einfloss. Rilke wurde 1875 in Prag geboren, das damals zu Österreich gehörte. Der Dichter starb im Wallis 1926 an Leukämie. Anne-Gabriele Michaelis stellt Rilke in Leben und Werk vor, und es gelingt der Autorin, Facetten des Lyrikers herauszuarbeiten und sein Wirken in ein neues Licht zu stellen.

Hans Fallada war ein ausgezeichneter Milieuschilderer mit scharfer Beobachtungsgabe und liebenswertem Humor. Fallada (1893–1947) war ein populärer deutscher Schriftsteller der zwanziger und dreißiger Jahre. Seine Zeitromane aus dem Leben kleiner Leute sind bekannt. Wenige kennen seine Lyrik, die zwischen 1912 und 1914 entstand. Anne-Gabriele Michaelis stellt Fallada in Leben und Werk vor und erschließt dem Leser auch diese unbekannte Seite des Romanciers, die ihn in den Rang eines Poeten erhebt.

Hermann Hesse erhielt den Nobelpreis für Literatur im Jahr 1946. Da er seit 1924 Bürger der Schweiz war, ging die Auszeichnung auch an seine Wahlheimat. Als preiswürdig galten seine Gedichte. Gelobt wurden sein reiner Ton und die ergreifende Wärme. Hermann Hesse (1877–1962) wurde in Calw geboren. Anne-Gabriele Michaelis stellt Hesse in Leben und Werk vor, beleuchtet seine persönlichen Dramen, die ihn schwer gezeichnet hatten.

Agnes Miegel gilt als große ostpreußische Dichterin. Miegel (1879–1964) erhielt im Jahr 1916 den Kleist-Preis für ihre hervorragenden Balladen. Anne-Gabriele Michaelis stellt die Dichterin in Leben und Werk vor, dabei lernen die Leser eine überraschend auch in der Prosa beheimatete Dichterin kennen, die schwer gefehlt hat, aber dennoch unbeugsam am Schaffen festhielt. Ihre scheinbar untypische Prosa und Dramatik dürfte jedem Leser eine Entdeckung sein.

Ina Seidel gehörte zu den großen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Seidel schrieb zehn Romane. Der Durchbruch gelang ihr 1930 mit „Das Wunschkind“. Sie verfasste auch Lyrik, Kurzbiografien, Erzählungen und Novellen. Seidel stammte aus einer großen Schriftstellerfamilie und war mit dem evangelischen Pfarrer Heinrich Wolfgang Seidel verheiratet, der mit Albrecht Goes befreundet war. Anne-Gabriele Michaelis stellt die in Vergessenheit geratene Dichterin Ina Seidel (1885–1974) in Leben und Werk vor, spannend ist dabei die Verzahnung der beiden Lebensbilder von Seidel und Miegel, die sich als Schriftstellerinnen kennenlernten und schätzten.

Sein „Kleiner Prinz“ gehört zu den Weisheitsklassikern der Weltliteratur. Antoine de Saint-Exupéry (1900–1944) war ein begeisterter Flieger. Er kehrte von einem Aufklärungsflug 1944 nicht mehr zurück! Der französische Schriftsteller Saint-Exupéry gehört zu den beliebtesten Dichtern des 20. Jahrhunderts. Anne-Gabriele Michaelis stellt Saint-Exupéry in Leben und Werk vor.

Ich wünsche diesem Buch aufmerksame Leser und ein breites Publikum, wie es erfreulicherweise den ersten sieben Bänden ergangen ist. Und den Lesern des achten Bandes wünsche ich Denkanstöße und die tiefe Freude an den Lebensbildern der Autoren und ihrem Schaffen sowie dem Werk, das sich ihnen durch diese Lebensbilder neu erschließen dürfte und leichter zugänglich sein wird. Die Erfahrung hat gezeigt, dass so mancher zu den Büchern im Regal greift, die dort seit Jahren unberührt standen und mit Begeisterung erneut darin liest.

Viel Freude mit dem achten Band der Reihe „Die Welt der Poesie für neugierige Leser“ von Anne-Gabriele Michaelis! Und einen herzlichen Dank der Autorin für ihr unermüdliches Wirken gegen das Vergessen von Literaten.

Der Herausgeber, Düsseldorf 2014

Lebensbilder

Lebensbild des Dichters Rainer-Maria Rilke mit Verweisen auf Lyrik, Prosa, Tagebuchnotizen und Briefen von Rilke zum Weiterlesen.

Rainer-Maria Rilke (1875–1926)

Rilkes Biografie war weltoffen und weltbewegend, wie kaum eine seiner Zeitgenossen. Prag – Geburtsstadt – München, Berlin und der unauslöschliche Eindruck Russlands, Worpswede, Paris, Italien, Schweden und in Nordafrika das Erlebnis pharaonischer Kultur und schließlich Spanien.

Überall war er nicht nur Gast, sondern die Orte bedeuteten ihm Heimat, prägten sein Lebensgefühl und sein Werk.

Der Erste Weltkrieg und die Revolution in Deutschland, mit der er für kurze Zeit die Hoffnung auf eine Wende verband, der Rückzug in die Schweiz mit dem Glück dichterischer Selbstvollendung im Turm zu Muzot, gehören zu diesem Leben.

Russische Ikonen, Worpsweder Maler, Skulpturen Rodins, Cézanne, malerische Zeugnisse der Renaissance, des französischen Impressionismus und des deutschen Expressionismus bis hin zu Slevogt, Picasso, Kokoschka, Beckmann und Barlach: Ein Bilderreichtum, der in vielfach verwandelter Form in seine Dichtung eingegangen ist.

Rainer Maria Rilke war der letzte Mystiker, der sich und Gott in unserer Zeit suchte.

Er wuchs in der Habsburger Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, in der k. u. k. Zeit in Prag auf und war somit Österreicher. 25.000 Deutsche, fünf Prozent der Einwohner Prags, lebten in dieser Stadt zur Zeit Rilkes.

Am 4. Dez. 1875 wurde Rainer Maria Rilke in Prag geboren. Er war ein Sieben-Monats-Kind, was die Eltern mit umso größerer Angst erfüllt haben dürfte, da eine im Jahr zuvor geborene Tochter nach nur wenigen Wochen starb. Am 19. Dezember wird der etwas schwächliche aber gesunde Junge in der Kirche zu St. Heinrich in Prag auf den Namen René Karl Wilhelm Johann Josef Maria getauft.

„René“ – „der Wiedergeborene“, dieser Name klingt wie die weibliche Form „Renée“. Es kommt nicht selten vor, dass ein nachgeborenes Kind von den Eltern als Ersatz für sein verstorbenes Geschwisterchen angesehen wird, das war wohl auch bei Rilkes Eltern der Fall gewesen.

Bis zu seiner Einschulung steckte ihn seine Mutter in Mädchenkleider und bringt ihn dazu, die Rolle seiner verstorbenen Schwester zu spielen.

Der Vater, Josef Rilke, 1838 im böhmischen Schwabitz geboren, wurde in Militärschulen erzogen, nahm 1859 als Kadettfeuerwerker am Feldzug gegen Italien teil. War während dieses Krieges für kurze Zeit Kommandant des Kastells Brescia. Nach dem Krieg wurde er Lehrer an der Schule seines Regiments, nahm dann 1865 tief enttäuscht seinen Abschied, da ihm trotz mehrerer Eingaben die Beförderung zum Offizier vorenthalten worden war, dazu litt er gesundheitlich schwer angeschlagen unter einem chronischen Halsleiden.

Durch die Hilfe seines Bruders Jaroslaw konnte er bei der k. u. k. Turnau-Kralup-Eisenbahngesellschaft als Bahnhofschef und Magazinvorsteher unterkommen, um schließlich als Inspektor der böhmischen Nordbahn pensioniert zu werden.

Die Selbstbestätigung, die ihm im Beruf versagt blieb, verschaffte sich Josef Rilke nach Feierabend bei regelmäßigen Besuchen in den Cafés der Altstadt. Mit seinen gepflegten Umgangsformen und stets adrett gekleidet beeindruckte er die behüteten, höheren Töchter Prags.

So ließ sich auch die junge Sophie Entz, 1851 geboren, von seinen sorgsam einstudierten soldatischen Posen faszinieren. Von der Ehe mit dem dreizehn Jahre älteren Josef Rilke am 24. Mai 1873 machte sich wohl die 22-Jährige unrealistische Vorstellungen. Einige der von ihr 1900 unter dem Titel „Ephemeriden“ veröffentlichten Aphorismen lassen die Desillusionierung spüren, die Sophie Rilke schon bald erlebte, etwa: „Manche Trauung ist nur das Gebet vor der Schlacht.“

Sophie Rilke stammte aus einer angesehenen Prager Familie: Der Vater war Fabrikant und kaiserlicher Rat, ihre Mutter Caroline, die Tochter eines Fabrikanten für chemische Farben und Produkte. Die Familie Entz wohnte in einem aus der Barockzeit stammenden Haus in der Herrengasse in Prag.

Sophie, „Phia“ genannt, ein kleines, zartes Wesen, signalisierte allen, dass man sie vor allem Ungemach der Welt bewahren müsse.

In Wirklichkeit war ihre vermeintliche Schwäche nur eine Maske, hinter der sich eine starke und durchaus lebenstüchtige Persönlichkeit verbarg, die stets ihren Willen durchzusetzen wusste, wie z.B. ihre spätere Trennung von ihrem Mann nach elf Jahren Ehe, was im 19. Jahrhundert in bürgerlichen Kreisen ein durchaus schwieriger Schritt war.

Zur Kompensierung ihrer Enttäuschungen kultivierte sie dafür eine lebensabgewandte, in Ritualen erstarrte katholische Kirchenfrömmigkeit, die sich im zunehmenden Alter zu regelrechtem religiösen Fanatismus steigerte. Sie kleidete sich stets ganz schwarz, um den Anschein einer großen Dame zu erwecken, und litt unter meist eingebildeten Krankheiten.

Wenn Josef Rilke seine kapriziöse Gattin nicht mehr ertrug, machte er sich auf den Weg in die Altstadt. Der gemeinsame Sohn aber war den Launen seiner Mutter ausgeliefert.

Die Welt des kleinen Renés ist eng, bedrückend eng, räumlich wie seelisch.

Tagtäglich erfährt er die Unzufriedenheit seiner Eltern mit sich selbst, mit dem anderen und dem Leben, das sie führen. Besonders bedrückend empfindet er das aber, weil seine Mutter sich allein auf ihn konzentriert, ohne sich ihrer erzieherischen Verantwortung bewusst zu werden. Bedenkenlos verwickelt sie ihn in ihre religiösen Rituale, bei jedem Kirchenbesuch musste René „die Wunden Christi küssen“, die Mutter überträgt ihre hypochondrischen Befürchtungen auf ihn und sie hält ihn vom Kontakt mit Gleichaltrigen fern.

Rilkes Mutter behandelt ihren Sohn nicht als ein Wesen mit eigenen Gefühlen, Wünschen und Bedürfnissen, sondern als einen Teil ihrer selbst, als ein Objekt, in dem sie sich großartig gespiegelt sehen kann, wann immer sie das will und René erfüllt die Wünsche seiner Mutter, weil er abhängig von ihr ist. Er befürchtet zu sterben, wenn er ihre Zuneigung verliert.

Es gibt nur einen einzigen Bereich in dem René sich in seinen ersten zehn Lebensjahren ungehindert entfalten kann, wenn er seiner eigenen Fantasie freien Lauf lässt, da werden ihm von der Mutter keine Grenzen gesetzt.

In seiner Freude am Zeichnen erfährt er ihre Bestätigung, wie bei den gemeinsamen Träumen von einer vornehmen Herkunft der Familie, die bis heute nicht beweisbare adlige Herkunft.

In seiner frühen Begeisterung für Dichtung wird er ebenso bestärkt, wie in seinen eigenen dichterischen Versuchen.

Seine Mutter ermöglichte es ihm zweifellos, ein Gefühl für seine einzigartige sprachliche Begabung zu entwickeln und sie hat seinem Ziel, Dichter zu werden, immer positiv gegenübergestanden, wenn auch sicher nicht uneigennützig. Solange der Sohn mit ihr zusammen war, hatte sie in ihm einen Verbündeten, der ihre schöngeistigen Interessen teilte, anders ihr Mann, dem die Welt der Kunst zeitlebens nicht viel sagte.

Zum Weiterlesen: Erste Gedichte des Zwanzigjährigen, seiner Heimatstadt Prag gewidmet um 1895 „Im Alten Hause“, „Auf der Kleinseite“, „Der Hradschin“, „Frühling“ im Stil eines impressionistischen Jugendstils.

Diese Gedichte des Zwanzigährigen erschienen als zweiter Gedichtsband mit dem Titel „Larenopfer“. Der Titel symbolisiert die Volks- und Heimatverbundenheit der Texte, so wie die Römer den „Laren“, den Schutzgöttern der Familie und der Feldflur opferten, so bringt der junge Dichter seiner Vaterstadt Prag, der böhmischen Heimat und dessen Volk seine Werke als Gabe dar. Es sind Schilderungen Prags.

Als René in die von Piaristen geleitete, hauptsächlich von Söhnen des gehobenen deutschsprachigen Mittelstands besuchten „Deutschen Volksschule“ in Prag kam, änderte sich an den gefühlsmäßigen Verwobenheiten zwischen Mutter und Sohn nichts.

Obwohl der Schulweg nur wenig von der Wohnung entfernt ist, bringt sie ihren Sohn bis zum Schultor und holt ihn ebenso wieder ab.

Als Gegengewicht zum Schulfach Tschechisch bringt sie ihm Französisch bei.

Um diesem unheilvollen Einfluss seiner Frau etwas entgegen zu setzen, fängt der Vater an seinen Sohn mit den Erwartungen des gescheiterten Offiziers zu konfrontieren.

Er soll mit Hanteln trainieren, sich die Zeit mit Säbel, Helm und Bleisoldaten und durch Spiele, die einem Jungen angemessen sind, seine körperliche Konstitution verbessern. René bestens vorbereitet, elterliche Erwartungen zu erfüllen, klettert plötzlich auf Bäume, spielt Soldat, darf im Urlaub auch einmal eine Kutsche lenken. Mit acht Jahren schreibt er dem Vater im soldatischen Meldeton: „Esse wie ein Wolf, schlafe wie ein Sack“, „bin Major der zweiten reitenden Kompanie“ und „bin Ritter des blechernen Verdienstkreuzes“.

Am 1. September 1886 kommt der Elfjährige in die Militärunterrealschule St. Pölten. Ihm, der immer isoliert gehalten wurde, ist diese Schule ein Schock, eine traumatische Erfahrung, die er nie wirklich bewältigt.

Er sieht sich Offizieren gegenüber, die ihm und 200 Mitzöglingen soldatische Fähigkeiten und Tugenden beibringen wollen. Rund um die Uhr ist er mit Gleichaltrigen zusammen, die ihm unbegreiflich bleiben. Mit vierzehn Jahren entwickelt er die Idee einen Militärroman zu schreiben, über diese Gesellschaft von Knaben in ihrer ganzen Rohheit und Entartung und ihrer Hoffnungslosigkeit.

Leidvolle Erfahrungen mit einem überharten Schulwesen sind ein nicht seltenes Thema unter Rilkes Zeitgenossen. Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“ 1891, Hermann Hesses „Unterm Rad“, sowie Robert Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ beides 1906 sprechen davon. Sie haben etwa die Zerstörung der Individualität im preußisch-deutschen bzw. habsburgischen Bildungssystems beschrieben. Rilke hat diesen Roman nicht geschrieben, nur Skizzen und Fragmente wie 1894 „Pierre Dumont“ oder in der Erzählung „Die Turnstunde“ 1899, die im bemerkenswerten Gegensatz zu fast gleichzeitig entstandenen romantischheroischen Verherrlichungen des Soldatenlebens in der „Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ stehen.

Trotz dieser Leiden auf der Militärschule gehörte René Rilke zu den besten Schülern seines Jahrgangs. Bei seinen Mitschülern galt er als Sonderling, wurde aber als solcher respektiert. Er schreibt Tagebuch und Gedichte und darf sie öfters im Deutschunterricht vortragen.

Mit sechzehn Jahren nimmt ihn der Vater von der Militäroberschule, da er öfters krank ist, die abgezeichnete Lebenshaltung dieser Schule wird er aber beibehalten. Er wird seinen eigenen Weg gehen, aber unauffällig, er wird in Formen der Tradition leben, ohne ihnen zuzustimmen und er wird sein Innerstes in Dichtungen aussprechen.

Noch aber ist die Sorge, was aus dem jungen René werden soll. Wieder springt der Bruder des Vaters, Onkel Jaroslaw, ein, der einzige der Familie Rilke, der es zu etwas gebracht hat, nämlich zum Ritter von Rüliken geadelt zu werden.

Da seine beiden Söhne früh starben, will er nun seinem Neffen helfen.

Zuerst ein dreijähriger Kurs auf der Handelsakademie in Linz. Doch das geht schief, da sich der Neffe René in ein Kindermädchen verliebt.

Zurück in Prag setzt ihm der Onkel 200 Gulden Monatsgeld aus, René soll das Abitur machen und dann Jura studieren, um später die Anwaltspraxis des Onkels zu übernehmen.

Im September 1891 wird im „Interessanten Blatt“ in Wien erstmals ein Gedicht von René Rilke veröffentlicht. Für ihn steht nun fest, dass er ein Dichter sein will, nichts als ein Dichter.

Das Abitur besteht er mit achtzehn Jahren „Mit Auszeichnung“.

Die Mutter wohnt in Wien, er wohnt bei einer Tante in Prag und genießt seine unvorstellbare Freiheit.

Verliebt sich in Valerie von David-Rhonfeld bei der er Halt und seelische Stabilisierung sucht. Sein erster Gedichtband erscheint 1894, die Druckkosten trägt seine Mutter.

Rilke schreibt sich 1895 an der Deutschen Carl Ferdinands Universität in Prag für Philosophie, Kunstgeschichte sowie Literaturgeschichte ein.

Seinen Umgang sucht er aber konsequenter denn je unter Literaten, Theaterleuten und Künstlern.

Als sein erstes Heft „Wegwarten“ im Untertitel „Lieder dem Volke geschenkt“ erscheint, verschenkt es Rilke an Krankenhäuser, Volks- und Handwerkervereine in idealistischer Absicht, den armen Leuten die Dichtung näherzubringen.

Zum Weiterlesen: Erzählung „Feder und Schwert“ (ein Dialog)

1896 wird sein einaktiges Drama „Jetzt und in der Stunde unseres Absterbens“ am Prager Deutschen Volks-Theater uraufgeführt. Obwohl Rilke als Dramatiker kaum bekannt ist, schrieb er doch vierzehn Dramen bzw. Spiele oder Szenen. Vorbild war ihm Gerhart Hauptmann. „Im Frühfrost“ war vielleicht seine beachtlichste Leistung auf dem dramatischen Gebiet.

Das Theaterstück „Die weiße Fürstin“ wurde am 30. September 2000 unter der Regie von Regisseur Christian Scholze mit der „Theatergruppe Pantarhei“ in der „Zigarre“ in Heilbronn aufgeführt. Rilke hatte es nach einem Erlebnis in Viareggio am 22. Mai 1898 in seinem „Florenzer Tagebuch“ aufgezeichnet. Gedacht war das eineinhalbstündige Theaterstück von Liebe, Tod, Traum und Wirklichkeit, Freiheit und Gefangenschaft für Eleonora Duse, kam aber zu Rilkes Zeiten nie zur Aufführung.

In den achtziger Jahren kam es zu einer französischen Aufführung. Christian Scholze, der am Heilbronner Theater unter Wagner arbeitete, hatte es ausgegraben und mit Erfolg inszeniert.

Inzwischen ist der junge Rilke in Prager Literaten-und Künstlerkreisen bekannt und hält Ende 1896 mit 21 Jahren einen Vortragsabend zugunsten des viel älteren, in finanzielle Bedrängnis geratenen Dichters Detlev von Liliencron. In dieser Zeit beginnen seine ersten Reisen nach Budapest, Wien, Ischl und Dresden.

Er möchte heraus aus der sprachlichen Enge Prags und entschließt sich 1896 im September für München, um seine eigene Sprache zu finden.

Sein Vater gewährt ihm ein Monatsgeld, die Töchter des inzwischen verstorbenen Onkels Jaroslaw unterstützen ihn weiterhin mit den ihm ausgesetzten 200 Gulden, von denen er ja Jura studieren soll. Er schreibt sich jedoch als Student der Philosophie ein, hört Vorlesungen über Geschichte der bildenden Künste im Zeitalter der Renaissance und er veröffentlicht Gedichte.

Er wohnt in der Nähe Schwabings und findet einen neuen Freundeskreis. Franziska von Reventlow und sein Prager Freund Emil Orlik gehören dazu.

Rilke hat aus Prag nicht nur sein dichterisches Talent, seine Begeisterungsfähigkeit und seinen Tatendrang mitgebracht, sondern auch seine Selbstzweifel, die Depressionen und die Sehnsucht nach innerer Ruhe. Er meidet das Schwabinger Bohemeleben. Die Kunst entwickelt sich für ihn mehr und mehr zum Medium der Befreiung seines Selbst, er ringt um einen lyrischen Ausdruck für seine Sehnsucht nach menschlicher und künstlerischer Freiheit. Hatte er sich in seinen ersten Gedichten mehr