Die unbekannten Nachbarn - Ruth Leiserowitz - ebook

Die unbekannten Nachbarn ebook

Ruth Leiserowitz

0,0

Opis

Die zahlreichen Minderheiten verwandelten Osteuropa einst in eine kulturell reiche, vielfarbige Landschaft mit funktionierenden Nachbarschaften. Doch diese einzigartige Pluralität wurde in der Mitte des letzten Jahrhunderts zerstört. Nach dem Zweiten Weltkrieg mit seinen Umsiedlungsaktionen, Grenzverschiebungen und Blockbildungen ging ein Riss durch viele Kulturlandschaften, die sozialistische Staatsideologie überlagerte die jeweiligen Traditionen. Erst allmählich beginnt eine Rückbesinnung und Wiederbelebung der spezifischen Lebensarten. Im Auftrag der Robert Bosch Stiftung haben Journalisten elf Länder Osteuropas bereist, dort lebende Minderheiten besucht und ihre gegenwärtige Situation in Reportagen exemplarisch beschrieben. Daneben gibt es zu jedem Land eine ausführliche Übersicht zu allen ethnischen Gruppierungen, ihrer Geschichte im 20. Jahrhundert und ihren heutigen Lebensbedingungen.

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 437

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS



Ruth Leiserowitz (Hg.)

Die unbekannten Nachbarn

Ruth Leiserowitz (Hg.)

Die unbekannten Nachbarn

Minderheiten in Osteuropa

Die Erarbeitung dieses Buches erfolgte mit freundlicher Unterstützung der Robert Bosch Stiftung.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

1. Auflage, Dezember 2013 (entspricht der 1. Druck-Auflage von September 2008) © Christoph Links Verlag GmbH Schönhauser Allee 36, 10435 Berlin, Tel.: (030) 44 02 32-0 Internet: www.linksverlag.de; [email protected] Umschlaggestaltung: KahaneDesign, Berlin

Inhalt

Ruth Leiserowitz

Die unbekannten Nachbarn

Ein Mosaik der Minderheiten in Ostmitteleuropa

Polen

Ulrike Butmaloiu

Die belarussische Sprache ist vom Aussterben bedroht

Die weißrussische Familie Pawlowska im polnischen Zaluki

Minderheiten im heutigen Polen

Litauen

Vivi Bentin

Naleśniki und Piłsudski

Die Polen in Litauen

Minderheiten im heutigen Litauen

Lettland

Roland Stork

»Irgendwie sind wir alle Russen und irgendwie sind wir alle keine Russen.«

Die Familie Morosli in Riga

Minderheiten im heutigen Lettland

Estland

Alexandra Frank

Die Seto

Ein Leben zwischen Estland und Russland

Minderheiten im heutigen Estland

Deutschland

Melanie Longerich

Sorben in Deutschland

Familie Handrick in Wendischbaselitz

Minderheiten im heutigen Deutschland

Tschechien

Blahoslav Hruška

Kneifel – Ein Porträt des Landespatrioten als alter Mann

Leben und Meinungen des letzten deutschen Holzfällers im Riesengebirge

Minderheiten im heutigen Tschechien

Slowakei

Zuzana Kleknerová

Pätorak gehört zum Schlimmsten

Besuch in einer Roma-Siedlung

Minderheiten in der heutigen Slowakei

Slowenien

Veronika Wengert

Die Seeräuber aus den Bergen

Familie Žurćak – ein slowenisch-kroatisches Miteinander

Minderheiten im heutigen Slowenien

Ungarn

Nikola Richter

Friehrige Zeite

Die ungarndeutsche Familie Hammer in der »Schwäbischen Türkei«

Minderheiten im heutigen Ungarn

Rumänien

Laura Căpăţână Juller

Das Lächeln, das vom Untergang bedroht ist

Jüdisches Leben in Kronstadt

Minderheiten im heutigen Rumänien

Bulgarien

Diljana Lambreva

Die erzwungenen Namen

Râgenowo und die Kampagne von 1984

Minderheiten im heutigen Bulgarien

Anhang

Danksagung

Gesamtüberblick der Minderheiten

Literaturverzeichnis

Über die Herausgeberin und die Autoren

Ruth Leiserowitz

Die unbekannten Nachbarn

Ein Mosaik der Minderheiten in Ostmitteleuropa

Seit dem 21. Dezember 2007 können wir aus Deutschland ohne eine einzige Passkontrolle bis in die estnisch-russische Grenzstadt Narva reisen, in das galizische Medyka bis kurz vor das ehemalige Lemberg, nach Košice und weiter bis an die Waldkarpaten oder an die kroatische Grenze. Wir können nun einen größeren europäischen Raum in Richtung Osten und Südosten barrierefrei durchqueren. Dabei bewegen wir uns nun durch ein Territorium, das wir als Aneinanderreihung unterschiedlicher Staaten betrachten und kaum als Ganzes. Wir können es kaum als Einheit wahrnehmen, da es in dieser Gestalt bisher nicht in unserem Gesichtsfeld lag. Verbindet die zahlreichen verschiedenen Länder Polen, Tschechien und die Slowakei mit Ungarn und den drei baltischen Staaten etwas Gemeinsames, das über die Klammer der sowjetisch geprägten Ostblockerfahrung hinausreicht? Ja, es gibt verbindende Elemente und Phänomene. Eines, das alle jetzt miteinander teilen, ist die Gemeinschaft des europäischen Raumes. Hier ist die Grundlage für eine gleichberechtigte Nachbarschaft in Europa gelegt worden, die jetzt allmählich entstehen kann. Hier haben wir den geographischen Raum, in dem sich die »Unvereinigten Staaten von Europa« (so der Filmemacher Cédric Klapisch) entfalten können. Ein weiteres herausragendes und verbindendes Phänomen ist die Existenz zahlreicher Minderheiten in allen diesen osteuropäischen Ländern. Ihr Leben, ihre Kultur und Geschichte haben viele kleine mittel- und osteuropäische Winkel und Regionen über lange Jahrhunderte geprägt, bereichert und auch miteinander verbunden. Gerade durch sie wurde Osteuropa einstmals zu einer vielfarbigen und kulturell reichen Landschaft. Die Vielfalt dieser Kulturen, ihre Heterogenität, ihre reiche Differenziertheit und ihre Verwobenheit bewirkten eine einzigartige Pluralität, die in der Mitte des letzten Jahrhunderts zerstört wurde. Zusätzlich geriet das Wissen über dieses ehemalige dichte kulturelle System in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in fast vollständige Vergessenheit. Wie konnte das geschehen?

Der Leser des vor uns liegenden Bandes wird nach der Lektüre mehr Fragen als Antworten haben und er wird beginnen zu begreifen, dass das östliche Europa durch den Zweiten Weltkrieg und in dessen Folge weitaus tiefgehender beschädigt und verändert wurde, als gemeinhin angenommen wird. Nach diesem Krieg konnte Ostmitteleuropa zu keiner wie auch immer gearteten oder vorgestellten Normalität zurückkehren, denn der Eiserne Vorhang riss Regionen auseinander, die jahrhundertelange enge Beziehungen gepflegt hatten. Es kam nicht nur zu einer einfachen Teilung Europas bzw. Abschottung des nun entstandenen sowjetischen Blockes. Die UdSSR riegelte sich inklusive der von ihr besetzten Gebiete, der nun entstandenen estnischen, lettischen, litauischen und moldawischen Unionsrepublik fast hermetisch von den übrigen Staaten ab, so dass Ostmitteleuropa gleich mehrfach auseinandergerissen wurde und die zahlreichen lebendigen Kommunikationsstränge, die konstitutiv für das gesamte östliche Europa gewesen waren, brachgelegt wurden. Zusätzlich zu der Unterbindung der Kommunikation kam es aus weiteren Ursachen zu grundlegenden Veränderungen im Profil dieses Teils von Europa. Denn große und deutlich wahrnehmbare Minderheitengruppen waren nach 1945 nicht mehr existent. Die osteuropäischen Juden waren fast vollständig umgebracht worden, die deutsche Minderheit war am Ende des Zweiten Weltkrieges geflohen, wurde wie in Rumänien und Ungarn zum Teil in das Innere der Sowjetunion deportiert oder während des darauffolgenden Jahrzehnts unter wechselnden Umständen mit zeitweise drastischen Methoden ausgesiedelt. Auch die polnische Minderheit wurde aus den östlichen Gebieten, die nun zur UdSSR gehörten, vertrieben. Diese polnischen Vertriebenen fanden sich plötzlich in den neuen polnischen Nord- und Westgebieten, in Ostpreußen, Schlesien und Pommern wieder. Die Reste der noch existierenden Minderheiten sollten sich nach dem Willen der neuen Machthaber nicht oder nur äußerst marginal artikulieren können. Die Umstände der unterschiedlichen Umsiedlungsaktionen durften zumeist in der Gesellschaft weder öffentlich thematisiert noch gar debattiert werden. In diesem Zusammenhang gerieten auch die Erinnerungen an die ehemaligen Heimatregionen zu politisch missliebigen Themen. Häufig wurden die Umgesiedelten auch politisch diffamiert und von vornherein mit dem Etikett des Revanchismus belegt. So versuchten sie zumeist, sich den neuen Verhältnissen anzupassen, was vorrangig bedeutete zu schweigen, seine eigene Herkunft zu verschweigen. Das führte mehrheitlich dazu, dass Kindern und Enkelkindern nur noch dürftige Kurzfassungen der Familiengeschichte vermittelt wurden. Ganze europäische Regionen wie beispielsweise die Waldkarpaten, Ostpreußen, das Sudetengebiet oder die »schwäbische Türkei« in Südungarn gerieten aus dem Blickfeld und wurden allmählich zu weißen Flecken in der europäischen Geschichte. In einigen Ländern, wie in den baltischen Sowjetrepubliken, kam es auch zur Zuwanderung neuer Minderheitengruppen, die sich teilweise ebenfalls nicht zu artikulieren wagten, denn vielfach bot die Teilnahme an einem der sowjetischen Neubesiedlungsprogramme die Möglichkeit, einer politisch bedrohlichen Situation am bisherigen Heimatort zu entkommen. So flohen Juden Ende der 40er Jahre aus politischen Brennpunkten der Sowjetunion in das abgelegene Kaliningrad, um antijüdischen Kampagnen zu entgehen, oder weißrussische Bauern meldeten sich für den Aufbau von Kolchosen im ehemaligen Memelland, um dem Partisanenkrieg in Ostlitauen zu entfliehen. Damals einte die verschiedenen alten und neuen Minderheiten in Ostmitteleuropa vor allem das Gefühl, schweigen zu müssen.

Selbst die Minderheiten, die das zweifelhafte Glück hatten, in der Nachkriegszeit offiziell anerkannt zu sein, mussten sich der jeweiligen Politik anpassen. Sie durften nur gewisse, ideologisch nicht belastete Teile ihrer Geschichte und Kultur pflegen, was eine Einschränkung ihrer kulturellen Arbeit bedeutete. Sie mussten sich mit der stetigen staatlichen Kontrolle arrangieren und liefen darüber hinaus ständig Gefahr, sich vom Staat instrumentalisieren zu lassen.

Es kam in einem Großteil der nun entstandenen Ostblockstaaten zu einer oberflächlichen nationalen Homogenisierung. Ethnische Minderheiten galten als rückständige Überreste, die die sozialistische Entwicklung rasch überwinden könne. Die verordnete Orientierung nach Moskau und der verstohlene und sehnsüchtige Blick in Richtung Westen bewirkten auf längere Dauer eine habituelle Schizophrenie. Als es in der Mitte und Ende der 1950er Jahre Möglichkeiten zur Ausreise nach Deutschland und Israel gab, verließen vor allem Deutsche und Juden ihre Heimat, in der sie sich nicht mehr zu Hause fühlten. Diese Entscheidungen führten häufig zur Trennung ganzer Familienverbände und erwiesen sich als bestimmend für das ganze weitere Leben. Die Geschichte der Ausreise und ihrer Folgen ist bis heute nicht erzählt worden. Die Ausgereisten schwiegen, um ihre Angehörigen, die dortgeblieben waren, nicht zu kompromittieren. Die Dagebliebenen blieben als geschrumpfte Minderheit sprachlos zurück und versuchten, sich mit der neuen Lage zu arrangieren.

Das östliche Europa war über einen Zeitraum von 45 Jahren zerstückelt wie nie zuvor in seiner Geschichte. Der Blick auf die politische Landkarte, der einen großen roten Block zeigte, trog. In Wirklichkeit verbargen sich dahinter einzelne Fragmente, fein säuberlich voneinander durch Stacheldraht abgetrennt. Fast jeder Kontaktversuch der Bevölkerung wurde lange Zeit zusätzlich aufgrund komplizierter Ein- und Ausreisebestimmungen und -mechanismen erschwert. Europäische Nachbarschaft im Sinne von normalen Kontakten zwischen Nachbarländern konnte sich nicht entwickeln. Europa existierte somit nur noch in der Erinnerung oder auf der abstrakten Landkarte im Atlas. Der begrenzte Raum und die mangelnden Erfahrungen (im wahrsten Sinne des Wortes) führten im Laufe der Zeit auch zur Beschränkung der individuellen Vorstellungen. Ethnische Vielfalt war nur noch begrenzt denkbar. In den Zeiten, in denen Losungen zu hören waren wie: »Wer nicht für uns ist, ist gegen uns«, in denen das strikte Prinzip des Entweder-oder herrschte, gab es keinen Platz für Doppel- oder Mehrfachidentitäten. Wie hätte jemand plausibel erklären können, dass er sich als Deutscher und Este fühlt, als Kroate und Ungar? Solche Denkmuster waren in jener Zeit nicht vorgesehen.

Wie äußerte sich das im sozialistischen Alltag? In den vielen neuen Siedlungen der rasant wachsenden osteuropäischen Städte lebten Tür an Tür sehr unterschiedliche Familien, die hier in den großen neuen Betrieben Arbeit und gleich nebenan in den Plattenbauten ihr neues Zuhause gefunden hatten. Die Nachbarn kannten sich, sie halfen sich gegenseitig aus, stritten sich manchmal und feierten zusammen. Dabei wussten sie einiges voneinander, aber häufig auch nicht zu viel. Natürlich hörten die Hausbewohner, dass der eine unter ihnen einen anderen Dialekt sprach, wussten, dass die Großmutter aus dem Parterre Kuchen nach einem seltenen Rezept buk, den alle im Treppenaufgang sehr schätzten, und die Familie von ganz oben an Tagen Feste feierte, zu denen niemand anderem ein Anlass eingefallen wäre. Es war bekannt, dass die eine Nachbarin im Nebenaufgang ungewöhnliche, sehr aparte Tischdecken häkelte und der Hausmeister, wenn er mit den anderen Männern angeln ging, eine Schachtel mit ganz eigenen selbst zubereiteten Ködern mitnahm. Untereinander registrierten sie diese Unterschiede, aber sie verloren nie zu viele Worte darüber. Private Erinnerungen konnten in jener Zeit in den Ostblockstaaten den Geruch des Subversiven haben. Wer wollte damals schon genau wissen, woher die anderen kamen? Dann hätten auch die Umstände der Wege bis hier in die Neubausiedlung beschrieben werden müssen, dann hätte es die Notwendigkeit gegeben, alles das zu kommentieren, dann wäre das Gespräch politisch geworden. Ethnische Minderheiten hatten damals keine Lobby und darum wurde selbst im halböffentlichen Raum, in der Nachbarschaft verschwindend wenig darüber geredet. Die ethnische Identität existierte zu weiten Teilen nur noch innerfamiliär, hinter geschlossenen Türen. Die Kinder schämten sich, ihre Familiensprache, ihren Dialekt offen zu sprechen. Sie wollten lieber so sein wie alle oder wenigstens nicht auffallen.

Im Allgemeinen gingen die Politiker der 60er und 70er Jahre davon aus, dass die ethnischen Minderheiten im Laufe des Aufbaus des Sozialismus allmählich ihre Andersartigkeit vergessen und in der Gesellschaft aufgehen würden.

Ende der 80er Jahre kam es mit geringen Zeitverschiebungen in allen ostmitteleuropäischen Staaten zum politischen Aufbruch. Zeitgleich führte die Lockerung der Zensur dazu, dass die Geschichte des 20. Jahrhunderts in allen Ländern gesichtet wurde. In der Presse und in zahlreichen neu gegründeten Vereinen artikulierten sich nun auch erst zögerlich, aber zusehends immer vernehmlicher Vertreter zahlreicher Minderheiten. Forderungen zur Tilgung der »weißen Flecken« in der Geschichtsschreibung, zur Benennung erlittenen Unrechts und zur »Entlügung« der Geschichte gerieten zu wesentlichen Bestandteilen im politischen Engagement gegen das sowjetische System. Dazu gehörten auch Geschichten von Vertreibung, Aussiedlung, Neuansiedlung und Ausreise. Die Vertreter der Minderheiten, die sich endlich artikulieren durften, gründeten Vereine und begannen mit ihrer Arbeit, wobei sie aber zumeist die staatsbürgerlichen Interessen ihres jetzigen Heimatlandes vertraten. Plötzlich begannen sich wieder Stränge eines ehemals dichten kulturellen Textes zu formieren. Dieser kurze Zeitraum zwischen 1988 und 1990 stellte für nahezu alle Angehörigen der ostmitteleuropäischen Minderheiten eine Zäsur dar und war von einer ungeheuren Aufbruchsstimmung geprägt. Dabei darf aber nicht unterschlagen werden, dass es auch Personen gab, die an keine bleibende Änderung der Verhältnisse glauben mochten und die erste Lockerung der Reiserestriktionen nutzten, um eine ungeliebte Nachbarschaft aufzugeben und das Land, in dem sie sich gefangen fühlten, für immer zu verlassen.

Wie erlebten die Bürger vor Ort diese Veränderungen? Häufig waren sie im ersten Moment befremdet, ja sogar schockiert, als sie erlebten, dass die Nachbarin eine unbekannte selbst genähte Fahne zum Fenster hinaushing, der Hausmeister Meetings mit einigen Freunden organisierte, die Enkel aus der Parterrewohnung im Keller Flugblätter in einer anderen Sprache druckten und für die Familie von oben eines Tages ein Überseecontainer für den Umzug vor der Tür stand. Ein Gefühl von Fremdheit kam auf, häufig auch gepaart mit Misstrauen. Die Gemeinschaft der letzten Jahre und Jahrzehnte schien zu zerfallen. Plötzlich gab es zwischen den Nachbarn zahlreiche kleine Unterschiede, die jetzt sogar mit Stolz präsentiert wurden. Viele glaubten jetzt, in den langjährigen Nachbarn Unbekannte zu erblicken. Es fiel ihnen schwer, die neu entstehenden Differenzen auszuhalten, umso mehr, als sie in solchen Dingen nicht geübt waren. Wie lässt sich über Nacht Pluralität erlernen und noch dazu ausgerechnet in einer Situation, da einen selbst die gerade stattfindende »Rückkehr« der eigenen Nation begeistert?

In der heißen Phase der Unabhängigkeitsbewegungen, der Revolutionen mit all ihren verschiedenen Adjektiven (von der »samtenen« bis zur »singenden« ...) standen die meisten Nachbarn noch einmal gemeinsam nebeneinander auf Straßen, Plätzen und an einigen Stellen auch an Barrikaden. Es herrschten kollektiver Enthusiasmus und Masseneuphorie. Der Wunsch nach einer neuen, unabhängigen Regierung und dem Abzug der sowjetischen Truppen einte für einen kurzen Zeitraum alle. Trotzdem blieben die Fragezeichen. Wollten die Nachbarn wirklich das Gleiche? Wollten sie sich tatsächlich in den neuen Staat einbringen oder vertraten sie bereits andere Interessen? Der ersten Irritation folgte ein weiterer zeitweise recht verhängnisvoller Irritationssprozess. Jetzt glaubten viele Bürger der neuen (und wieder) unabhängigen Staaten, dass ihre Nachbarn, die andere Wurzeln hatten, doch nun, da es keine Reisebeschränkungen mehr gäbe, in die Heimat zurückgehen dürften. Die weißrussischen Familien aus Polen könnten nach Weißrussland, die russischen Bürger aus Riga nach Russland, die deutschen Bauern aus Ungarn nach Deutschland. Auch jetzt verkannten sie das Wesen einer ethnischen Minderheit, da sie glaubten, dass die ausschließliche und richtige Heimat jeder nationalen Gruppe in dem Staat ihrer Nation sei. Sie glaubten an das Mysterium der Einheit des Volkes. Nicht wenige Bürger, die keine Angehörigen der Staatsnation waren, durchlitten damals eine Identitätskrise, denn immer wieder bekamen sie aus ihrer nächsten Umgebung zu hören, dass sie doch in ihre Heimat zurückgehen sollten. Dahinter stand ebenfalls die latente Furcht vor Doppelidentitäten. Erschwerend wirkte, dass den Angehörigen der Minderheiten plötzlich alle Stereotype zugedacht wurden, die in Bezug auf das Land ihrer nationalen Zugehörigkeit kursierten. Immer wieder mussten sich die Einzelnen erklären, versichern, dass ihre Heimat vor Ort sei und dass sie sich beispielsweise als Weißrusse in Polen fühlten, als Russe in Lettland oder als Deutscher in Ungarn, eben als Ungarndeutscher. Die Situation gestaltete sich Anfang der 90er Jahre bisweilen kompliziert, da es nahezu in keinem der wieder entstehenden Nationalstaaten eine Strategie für die nächste Zukunft gab. Überall ließen sich Politiker von der Erinnerung an die frühere nationale Existenz leiten, schöpften mangels Alternativen aus dem nationalen Modell ihres Vorkriegsstaates. Diese starken Rückwärtsorientierungen brachten Anachronismen mit sich und auch gewisse Gefahren. Die Zwischenkriegszeit war bis dahin nie diskutiert worden, denn aus politischen Gründen galt sie in der sowjetischen Ära als absolutes Tabuthema. Somit mangelte es an umfassenden einordnungsfähigen Kenntnissen über diese Periode und ihre verschiedenen Kontexte. Auf dieser Vorlage erfolgte während der ersten Jahre in einigen Bereichen eine recht blinde Verherrlichung der politischen Geschichte der Vorkriegszeit. Damit verbunden lebten auch alte Traumata auf, wie das der Ungarn vor dem Hintergrund von Trianon, der Litauer, die sich an den Wilnakonflikt erinnerten, usw. Dabei versäumte es die jeweilige Mehrheitsgesellschaft nicht, die Minderheiten mit diesen erlittenen Verletzungen erneut zu konfrontieren, wodurch es zu vielfachen Spannungen kam. In einigen Ländern kam es zu Auswüchsen einer vergleichenden Martyrologie. Dabei gingen deren Wortführer davon aus, dass ihre eigene Nation in den letzten 60 Jahren weit mehr als andere Nationen und ethnische Minderheiten gelitten habe. Um diesen Anspruch des größten Leides zu untermauern, zögerten sie nicht, diese mit arithmetischen Argumenten zu untermauern bzw. »aufzurechnen«. Glücklicherweise kam es in den darauffolgenden Jahren in den meisten Fällen zu einer Entspannung, da die meisten Regierungen mit ihren Nachbarstaaten bilaterale Verträge abschlossen, in denen u. a. deklariert wurde, dass die gegenseitigen Verhältnisse geklärt sind, und sich beide Partner zum Schutz der jeweiligen Minderheiten verpflichteten. Diese Nachbarschaftsverträge auf Staatsebene stabilisierten in gewisser Weise auch die Situation vor Ort. Analog zu den Politikern, die sich auf dem Fernsehbildschirm die Hand reichten, saßen die jeweiligen Nachbarn vor dem Fernseher, tranken gemeinsam ein Gläschen und zwinkerten sich zu.

Es zeichnet die Angehörigen der ethnischen Minderheiten in der Regel aus, dass sie außer der Staatssprache noch mindestens eine Familiensprache beherrschen und darüber hinaus mit verschiedenen Kulturen vertraut sind. Sie können die Symbole der anderen Kulturen lesen und verstehen, ebenso deren Alltagsrituale, sie wissen, welche Worte, Bilder und Gesten den anderen wichtig sind. Sie haben auch einen wachen Blick auf kulturelle Unterschiede, können sie sehen, deuten und auch vermitteln. Manchmal schlägt sich diese Offenheit in der eigenen Biografie nieder. So kann der Leser hier die Geschichte der weißrussischen Polin Grażyna Danesh lesen, die in Bulgarien studierte und ihren Mann Mohammed von dort mitbrachte. Die Verhaltenskompetenz von Personen wie Grażyna strahlt auf das Umfeld aus. Sie ist nicht das einzige Beispiel für angewandtes interkulturelles Wissen. Der Kroate Danijel in der Reportage über Slowenien drückt es wie folgt aus: »Ich sage immer, dass es nicht ausreicht, in Novo Mesto zu wohnen. Man muss mit der Stadt leben, nicht nur in ihr.« Er hat sich vollkommen auf seine slowenische Wahlheimat eingelassen, engagiert sich sogar im Gemeinderat. (Allerdings – und das zeigt die bittere Geschichte der Roma von Rudňany deutlich – können die Kompetenzen nur eingebracht werden, wenn es nicht zu massiven Ausgrenzungen kommt.)

Ganz allmählich begriffen Behörden und Institutionen, dass interkulturelle Kompetenzen, sei es auf Dorf-, Kreis- oder Regierungsebene, ein zu nutzendes Potential darstellen. Nach und nach setzte bei den Bevölkerungen der Länder ein Denkprozess ein, innerhalb dessen überhaupt Multipolaritäten und Mehrfachidentitäten vorstellbar wurden. Doch innerhalb dieses »Öffnungsprozesses« wurde auch deutlich, dass nur wenige wussten, warum bei ihnen auch Bürger mit anderen Sprachen und Kulturen leben. Es wurde deutlich, dass die Geschichte(n) der Minderheiten und ihrer kulturellen Verschränkungen mit den jeweiligen Ländern zum größten Teil verschüttet sind und einer gründlichen Aufarbeitung bedürfen.

Das Bild der ehemaligen Minderheitenregionen wurde in den 1990er Jahren noch vorwiegend von außen bestimmt. Es erzählten diejenigen, die nicht mehr dort lebten, oder diejenigen, die es als Außenstehende bereist hatten. Nur langsam und bruchstückhaft wurde und wird einer breiteren Öffentlichkeit bewusst, welche kulturelle Vielfalt in ihrer Heterogenität und reichen Differenziertheit in Ostmitteleuropa seit der Mitte des 20. Jahrhunderts zerstört wurde. Erst allmählich wird klar, dass das kulturelle Gedächtnis dieses Teils des Kontinents vor allem durch Vielfalt, Ambivalenz und überaus starke Verflechtungen charakterisiert wird. Die unzähligen Einflüsse sind über Jahrhunderte ganz unterschiedliche Symbiosen eingegangen, die sich auf ebenso unterschiedliche Weise – wirtschaftsgeschichtlich, architektonisch und nicht zu vergessen auch bildungsbiografisch – niederschlugen.

Wer heute durch das östliche Europa reist und sich dabei nicht nur von Hauptstadt zu Hauptstadt bewegt, sondern einige der zahlreichen Grenzregionen in Augenschein nimmt, dem fallen trotz der übergeordneten kulturellen Zeichen, die gewissermaßen als Klammer fungieren, Differenzen und Alteritäten ins Auge. Hier und dort deutet eine Landschaft an, dass in ihr Mehrfachidentitäten und Multipolaritäten ihr Zuhause haben, weisen darauf hin, dass es Verflechtungen zur Nachbarschaft gibt. Auch in den osteuropäischen Hauptstädten lassen sich die kulturellen Verschränkungen aufzeigen. Hier fallen zuerst die »versteinerten« Formen ins Auge, die Baudenkmäler. Es sind vor allem die unterschiedlichen Gotteshäuser, die sich erhalten haben. Jetzt kann der Reisende, nicht mehr durch Schlagbäume und Kontrollprozeduren behindert, beginnen, Ost- und Mitteleuropa als einen kulturellen Text zu lesen. Genau hier stellt sich eine Aufgabe für die historische Forschung: Es gilt, Abschied von einer nationalstaatlich geprägten Forschungsperspektive zu nehmen und die Geschichte des osteuropäischen Raumes zu einer multiperspektivischen Erzählung zusammenzufügen. Dazu gehören die Geschichten der anderen Ethnien in den verschiedenen Ländern. Der bisher vorherrschenden Beschreibung einzelner Gruppen, die sie als eher isolierte Einheiten erscheinen lassen, ist künftig eine Gesamtschau vorzuziehen, bei der auch die Verflechtungen untereinander und in deutlichen Abgrenzungen voneinander sichtbar werden. Erst dadurch wird es möglich sein, die Produktivität und auch die Konflikte ihrer internen Differenzen aufzuzeigen.

Das Streben der ostmitteleuropäischen Staaten in die Europäische Union erwies sich als ungemein förderlich für die Akzeptanz der ethnischen Minderheiten. Im Zuge der Erfüllung der Brüsseler Aufnahmekriterien wurden Garantien für ihre eigene Minderheitenexistenz im jeweiligen Land neu befestigt. Mit der Aufnahme in die Union fühlen sie sich deutlich als Teil Europas, Teil einer großen kulturellen Verflechtung.

In den letzten zehn Jahren haben mehr als je zuvor Wanderungsprozesse eingesetzt; auch in den Reportagen der Autoren finden sie bereits Erwähnung. Die Migrationsströme ziehen durch Europa und darüber hinaus. Junge Balten arbeiten in Irland und Großbritannien, Polen in Deutschland und Frankreich, Rumänen in Portugal und Israel. In Rumänien sind inzwischen mehrere Tausend chinesische Arbeitsmigranten angekommen, in Polen arbeiten zahlreiche Ukrainer. Die Verflechtungen der verschiedenen Bevölkerungen nehmen zu. Dabei sind auch jene Erfahrungen prägend, die die Migranten von zu Hause mitbringen. Wer zu Hause Anderssein erlebt hat, wer je die Produktivität kultureller Differenz erfahren hat, wird mit den neuen Realitäten souveräner umgehen können.

In den letzten Jahren haben wir uns daran gewöhnt, dass in den osteuropäischen Staaten ein enormes Tempo vorgelegt wurde. Jetzt, nachdem das Nahziel, der Beitritt in die EU, erreicht ist, können die neuen Mitglieder erst einmal aufatmen, sie orientieren sich in der neuen Situation und beginnen, sich in diesem vergrößerten Europa, an diesem gemeinsamen Ort einzurichten und einzugewöhnen. Es ist ein europäischer Raum, der von seinen großen Verschiedenheiten lebt und dem eine große Dynamik innewohnt. Hier haben sich kulturelle Hierarchien verschoben oder ihre Bedeutung eingebüßt. Dafür werden andere Räume wirksam. Alle Minderheiten präsentieren sich heute im Internet; zu den Ersten, die sich hier positionierten, gehörten übrigens die Roma. Es sind spannende Zeiten für neue Nachbarschaften.

Quellenhinweis

Die Übersichten zu den Minderheiten der jeweiligen Länder fußen auf Dokumentationen von Alexandra Frank (Estland), Alina Gromova (Rumänien /Bulgarien), Tanja Petrović (Slowenien), Carmen Schmidt (Litauen), Peter Šoltés (Slowakei), Andrea Stritz (Lettland), Balint Varga (Ungarn), Stefan Zwicker (Tschechien), auf Informationen aus den aktuellen Selbstdarstellungen von Minderheitenorganisationen und -vereinen sowie aus Verlautbarungen der zuständigen Regierungsorganisationen der jeweiligen Länder und Informationen aus der Euromosaik-Studie der Europäischen Gemeinschaft. (http://ec.europa.eu/education/policies/lang/languages/ langmin/euromosaic/) Die Artikel »Ungarn und Roma in der Slowakei« sind von Peter Šoltés verfasst worden.

Polen

Ulrike Butmaloiu

Die belarussische Sprache ist vom Aussterben bedroht

Die weißrussische Familie Pawlowska im polnischen Zaluki

Ein Schnapsglas macht die Runde. Auch Walentina Pawlowska nippt am Selbstgebrannten, der im Nachgeschmack eindeutig die Birnen verrät, aus denen er gemacht ist. Mit der rechten Hand reicht die 74-Jährige das Getränk weiter, greift einen Plastikbecher mit süßem Brombeersaft, trinkt einen großen Schluck daraus und schiebt ein Stück Brot mit Speck und Sülzwurst hinterher. Ihre Linke umschließt währenddessen immer noch ihr Kopfband mit den roten und schwarzen Ornamenten. Sie will es nicht aus der Hand legen, als könnte das dicht bestickte Tuch eine Verbindung schaffen zu ihrem Auftritt mit dem Folklore-Chor »Kalina«: Vor zehn Minuten noch hat Walentina mit 14 Frauen und zwei Männern in Trachten auf der Bühne gestanden und weißrussische Volkslieder vorgetragen. Für rund 500 Gäste haben sie gesungen beim Festival des weißrussischen Liedes »Belarusskaja pesnja«. Fast jeder Platz war besetzt im Saal des Klubhauses »Garnisonowa« am Rand von Białystok, der Hauptstadt der Wojewodschaft Podlaskie, ganz weit im Osten Polens.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!