Der letzte Akt - Lisa Lercher - ebook

Der letzte Akt ebook

Lisa Lercher

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Opis

Auf eigene Faust Um der Schauspielerin Antonia dabei zu helfen, einem sexistischen Stadtrat einen Denkzettel zu verpassen, beschafft ihr die Beamtin Anna belastende Unterlagen. Doch als Antonia stirbt, findet die harmlose Verschwörung ein jähes Ende. War es Selbstmord, ein Unfall, oder gar Mord? Anna will das Rätsel um Antonias Tod lüften und beginnt zusammen mit ihrer besten Freundin, der Gelegenheitsjournalistin Mona, Nachforschungen. Ohne es zu merken, bewegt sich Anna plötzlich auf immer dünner werdendem Eis ... Eingebettet in ein authentisches Setting mit einem erfrischend natürlichen Personal, besticht Lisa Lercher in ihrem mitreißenden Krimidebüt mit präzisen Milieustudien und trockenem Humor. ***Packende Krimihandlung rund um ein gesellschaftspolitisches Dauerthema. Authentische Dialoge und atemlose Spannung garantiert!*** Weitere Krimis von Lisa Lercher: - Der Tote im Stall. Kriminalroman - Ausgedient. Kriminalroman - Die Mutprobe. Kriminalroman - Zornige Väter. Kriminalroman - Mord im besten Alter. Kriminalroman

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Lisa Lercher

Der letzte Akt

Kriminalroman

© 2014HAYMON verlagInnsbruck-Wienwww.haymonverlag.at

Überarbeitete E-Book-AusgabeOriginalausgabe: Milena Verlag, Wien 2001

ISBN 978-3-7099-3566-8

Coverbild: www.photocase.com/MPower.

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

INHALT

Cover

Titel

Impressum

Inhalt

Der letzte Akt

Eigentlich hatte ich gar nicht hierher kommen wollen. Ich hasse das Gedränge und die vielen Leute, die ich nicht kenne. “Willst du noch was trinken?” Mona drängt sich auf den Barhocker neben mich. “Laß uns anstoßen!” Meine beste Freundin hat beschlossen, ihre erste Prüfung in diesem Semester zu feiern. Daß wir hier auf dem Geburtstagsfest von Klaus sind, entspricht ihrer Auffassung von Ökonomie. Wozu ein eigenes Fest organisieren, wenn ohnehin dauernd irgend jemand irgend etwas feiert? Sie nennt es - den Anlässen eine persönliche Note geben. “Auf dich, auf die Zukunft, auf den Erfolg.” Fröhlich schwenkt sie ihren Wodka-Orange. “Sei mir nicht böse, aber ich möchte dann gehen.” Mona schaut mich fragend an. “Denkst du wieder an ihn?” Sie nennt ihn nie beim Namen. Kein Wunder, sie kann ihn nicht ausstehen.

“Nein, das ist es nicht.” Schmusende, eng umschlungene Paare waren mir letzten Mai ein Greuel gewesen. Inzwischen bin ich meist viel zu sehr mit mir beschäftigt, um mich einsam zu fühlen. “Was ist es dann?” Mona kann sehr hartnäckig sein. “Nichts, ich bin einfach müde und nicht in Stimmung.”

“Ach komm, wir haben zwei Wochen …”

Ein tiefes, rauchiges Lachen lenkt mich ab. Es gehört zu einer Frau mit kurzen weißblonden Haaren. Die Luft um sie vibriert. Sie redet lebhaft auf zwei junge Männer ein, die fasziniert an ihren Lippen hängen. Ab und zu werfen sie ihr ein paar Worte oder einen Satz zu, als wollten sie dem Feuer ihrer Rede neuen Brennstoff liefern. “Ja oder nein?” Mona reißt mich aus den schwülstigen Vergleichen.

“Entschuldige, ich hab nicht zugehört. Kennst du die Frau dort drüben?”

Mona kneift die Augen zusammen und blickt suchend in die angegebene Richtung.

Ihre Brille trägt sie nur im Kino oder wenn sie am Computer arbeitet. “Die blonde, die mit den zwei Typen redet?”

“Ja, wer ist sie?”

“Sie heißt Antonia Kent, ist Schauspielerin und übrigens eine Ex von Klaus.”

Die Frau setzt eine Bierflasche an die Lippen und trinkt mit großen Schlucken, als wäre sie am Verdursten. “Und was spielt sie so?”

“Frauenthemen” - Mona grinst vielsagend. “Ich war einmal in einem Stück von ihr, das sie noch dazu selbst geschrieben hat. Sie wohnt in der Josefstadt und ist mit einem Musiker liiert. Einem nicht sehr erfolgreichen", fügt sie hinzu.

Mona überrascht mich immer wieder mit ihrem Talent zur Klatschkolumnistin. Aber von solchen Zukunftsperspektiven will sie nichts hören. Sie hat sich in den Kopf gesetzt, ihre Dissertation zu schreiben und Wissenschaftsjournalistin zu werden. Um ihr Studium zu finanzieren jobbt sie für ein Underground-Kulturblatt, schreibt Kritiken und rezensiert Neuerscheinungen.

Große braungrüne Augen schauen mich an, als hätte die Schauspielerin bemerkt, daß wir über sie reden. Es ist, als stünde ich plötzlich im Lichtkegel eines Scheinwerfers. Mein Atem stockt und meine Hände werden feucht. Die Frau wendet sich wieder ihren Gesprächspartnern zu.

“Was hast du? Ist dir schlecht?” Mona faßt besorgt nach meinem Arm.

“Nein, schon in Ordnung.” Wie soll ich ihr die Schauer erklären, die mir eine Gänsehaut verursacht haben? Die Frau wirft einen prüfenden Blick auf ihre Bierflasche, die nun leer zu sein scheint. Sie sagt etwas zu ihren Begleitern, schiebt sich durch die Menge und kommt direkt auf mich zu. Wie auf Kommando weichen die Gäste zur Seite und bilden ein Spalier, durch das sie schreitet. Sie bewegt sich ganz selbstverständlich, als sei eine solche Reaktion für sie keineswegs überraschend.

Wieder trifft mich ihr Blick ganz tief innen und bringt mich zum Erschauern.

“Hallo”, sagt sie und wendet sich dann an den Barmann. Meine Stimmbänder versagen mir den Dienst. Mein “Hallo” holpert fast unhörbar über meine trockenen Lippen. Sie geht weiter in Richtung Bar.

“Wie eine Kuh, wenn es donnert!”

Ich habe offensichtlich den Faden verloren. “Was ist mit donnernden Kühen?” Mona lacht. “Du solltest dich im Spiegel sehen. Dein Gesicht ist das reinste Lesebuch, aber ich kann die Kürzel nicht entziffern. Was ist mit dieser Schauspielerin? Liebe auf den ersten Blick?” Diesmal klingt eine Spur Eifersucht in Monas Stimme mit.

“Blödsinn, du weißt genau, daß ich mich nicht in Frauen verliebe. Ich finde diese Schauspielerin einfach faszinierend. Sie wirkt, als stünde sie mitten auf der Bühne und hätte uns alle als StatistInnen für ihr Stück engagiert.” Mona ist besänftigt. “Ja, du hast recht. Irgendwie dirigiert sie die Masse, den Eindruck kriegt man jedenfalls, wenn man sie so beobachtet.”

Die Schauspielerin hat ein weiteres Bier bestellt. Sie greift nach der Flasche und prostet in unsere Richtung. Ich proste ihr ebenfalls zu, was mit dem Plastikbecher nicht wirklich stilvoll wirkt. Offensichtlich interpretiert sie das als Einladung und kommt langsam auf uns zu.

“Tolles Fest” - ihre Stimme klingt tief und kehlig. Wie Laserstrahlen durchbohren mich die großen braungrünen Augen.

“Ja” sage ich. Mehr fällt mir im Augenblick nicht ein. Ihr Blick richtet sich auf Mona “Hallo Mona. Schön dich auch hier zu sehen. Dein Portrait hat mir übrigens gut gefallen. “Danke” Mona ist sichtlich geschmeichelt. “Ich habe eine Geschichte über Antonia gemacht. Sie ist in der letzten Nummer von Artemisia erschienen", erklärt sie mir und setzt, an Antonia gewandt fort “und du bist extra zu seinem Geburtstag gekommen?”

“Nein, die Party lag auf meinem Heimweg von meiner Premierenfeier. Mein Regisseur ist ein Freund von Klaus und er wollte, daß ich mitkomme, damit ich Hannes Kröll, ihr kennt ihn doch, er hat ‘Siegesfeier’ produziert, kennenlerne. Ach übrigens, ich bin Antonia, Antonia Kent.” Wenn sie lächelt, bilden sich zwei Grübchen auf ihren Wangen.

“Anna”, sage ich, ganz benommen von der ausführlichen Vorstellungsrunde Antonias.

“Deine Premiere?” fragt Mona interessiert. Sie weiß wirklich, wie man Konversation am Laufen hält.

“Ja, das Stück heißt Danach. Ich hab es selbst geschrieben und heute war Premiere.” Mona nickt. “Das ist ein Stück über sexuellen Mißbrauch. Eine Frau erinnert sich in Rückblenden an den sexuellen Mißbrauch durch ihren Großvater, während sie auf der Fahrt zu seinem Begräbnis ist.

“Klingt spannend”, melde ich mich zu Wort.

“Ein schwieriges Thema. Wie kommt es beim Publikum an?”

“Ich hatte vier Vorhänge, die Leute waren phantastisch und absolut begeistert.”

Antonia strahlt über das ganze Gesicht. Ihre Freude über den Erfolg ist ansteckend. Ich kann mir gut vorstellen, wie sie ihr Publikum von einer Emotion in die nächste schickt.

Eigentlich halte ich mich von Leuten, die soviel reden wie Antonia, lieber fern. Sie sind mir zu anstrengend. Aber sie ist irgendwie anders. Ich fühle mich wie elektrisiert von ihrer Energie.

“Na sowas. Hoher Besuch.” Erst jetzt merke ich, daß sich unser Gastgeber Klaus neben mich geschoben hat. Sein schwarzes Seidenhemd und die dunkle Hose aus glänzendem Satin lassen ihn noch schlanker wirken. Seine klassischen Gesichtszüge kommen durch den neuen Kurzhaarschnitt so richtig gut zur Geltung. Der Kajal betont seine schwarzen Augen. Lässig legt er seine Hand auf Monas Schulter. Erschreckt zuckt sie zusammen. “Antonia, das ist Mona, die angehende Wissenschaftsjournalistin, von der ich dir erzählt habe.” Mona macht vorsichtig einen kleinen Schritt rückwärts, um seine Hand loszuwerden. Die Zeiten in denen sie seine Berührungen genossen hat, sind endgültig vorbei.

“Ich hab es mir schon gedacht.” Antonia rückt Klaus kurz in das Scheinwerferlicht ihres Blicks. In diesem Moment erscheint er sogar mir attraktiv, obwohl ich weiß, daß sich hinter dem ansprechenden Äußeren ein ziemliches Arschloch verbirgt. Ich kann mir gut vorstellen, warum Mona mit ihm geschlafen hat. Aber der Zauber verfliegt rasch, als er die Zähne bleckt. Ich bin mir sicher, daß der Geifer von seinem Kinn tropfen würde, wenn er nicht so eine gute Erziehung genossen hätte. So stelle ich mir den bösen Wolf vor, der schon weiß, daß er Rotkäppchen in die Fänge kriegt.

Mona wendet sich irritiert an Klaus. “Was hast du von mir erzählt?” In seiner Gegenwart verwandelt sich die selbstsichere und weltgewandte junge Frau in ein kleines Mädchen. Klaus nimmt diese leicht überhebliche Pose ein, die ihn als klassischen Macho outet. Mein Magen verkrampft sich und ich konzentriere mich auf meine Atmung, um die aufsteigende Übelkeit zu bekämpfen.

“Antonia wird die neue Gertrude Stein. Sie will in ihrem Haus interessante Persönlichkeiten zusammenbringen - aber, erzähl doch selbst,” sagt er, ohne auf Monas Frage einzugehen.

“Es gibt so viele kompetente Frauen”, beginnt Antonia, “aber im öffentlichen Leben sind sie viel zu wenig präsent. Es wäre an der Zeit, daß sich die Frauen zusammentun und gemeinsam an der Emanzipation arbeiten. Wir Frauen sollten uns gegenseitig unterstützen, wir brauchen nur die Räume, wo wir uns die Strukturen schaffen.” Ihr engagiertes Plädoyer zieht die Neugierde der Umstehenden auf sich. “Die Männer betreiben das schon seit Jahrtausenden. Was glaubt ihr, warum das Patriarchat so gut funktioniert?” Die Frage ist rhetorisch gemeint, denn Antonia läßt uns keine Zeit zum Antworten. “Weil es unter Männern Solidarität gibt. Wir Frauen sponsern mit unserer Power die Männerbündelei, anstatt uns selbst weiter zu bringen.” Einige Frauen applaudieren. Das Geburtstagsfest hat sich zu einer Kundgebung entwickelt.

“Scheiß Emanzen”, der Störenfried ist offensichtlich betrunken. Grob schiebt er eine junge Frau zur Seite, die ihm den Blick auf Antonia verstellt. Wenige Schritte von ihr entfernt, bleibt er schließlich stehen. “Nutte”, zischt er voll Verachtung. Zwischen Antonias Brauen hat sich eine tiefe Falte gebildet. Die Spannung ist greifbar. 'Warum tut niemand was?' frage ich mich nervös. 'Warten die darauf, daß er zuschlägt?'

Als hätte der junge Mann meine Gedanken gelesen, hebt er plötzlich sein Glas. Die farblose Flüssigkeit verfehlt ihr Ziel nur knapp. Antonia ignoriert den Angriff. Hinter ihm tauchen zwei junge Männer auf. Während der eine nach seinem Arm greift, redet der andere beruhigend auf ihn ein.

Interessiert beobachten die Umstehenden die Szene.

“Ein typisches Beispiel,” sagt Antonia laut und zieht damit wieder alle Aufmerksamkeit auf sich. Herausfordernd stemmt sie eine Hand in die Hüfte. Die zweite streckt sie vor, als wollte sie ihn damit am Kragen packen.

“So reagieren Männer, wenn sie einer starken Frau begegnen, aggressiv und gewalttätig.” Der betrunkene junge Mann wehrt sich mit aller Kraft gegen seine Freunde, die ihn zwischen sich eingezwängt halten. Sein Gesicht ist vor Anstrengung dunkelrot. Die Adern an seinem Hals sind dick angeschwollen. Er sieht aus, als wollte er sich auf sie stürzen, um sie mit bloßen Händen zu zerreißen. Aber er hat keine Chance gegen die Männer, die wie Betonklötze an seinen Armen hängen.

Antonia lächelt siegessicher in ihr Publikum. Nichts und niemand kann ihr etwas anhaben. Sie strafft die Schultern. “Ich ruf dich an, Mona,” und zu mir “ich hoffe, wir sehen uns bald wieder”. Die Menge teilt sich. Antonia geht ab. Auf den tosenden Applaus warte ich vergeblich.

Seit meiner Trennung verbringe ich fast jeden Samstag Nachmittag mit Mona. Je nach Wetter und Laune spazieren wir entweder den Donaukanal entlang oder streifen durch den Wald am Stadtrand. Vorbei an ausgelassenen Kindern, Hunden und gestreßten Eltern.

Heute haben wir uns für die Kanalvariante entschieden. “Du bist ein faules Stück, ein Waldspaziergang hätte dir gut getan” sagt sie in einem seltenen Anfall von besorgter Mütterlichkeit, “Bäume, Natur, …”

“Hundescheiße und quengelnde Gören” ergänze ich mißmutig.

Eine alte Dame, die von ihrem Waldi an der Leine durch den schmalen Wiesenstreifen am Kanalufer gezerrt wird, wirft uns einen erstaunten Blick zu. Ihr Kommentar, ein leises Murmeln, mag unserem Gespräch, aber auch ihrem braunen Rauhaardackel gelten. Ich habe jedenfalls im Moment keine Lust, herauszufinden wen sie meint.

“Was ist los?” Mona sieht mich forschend von der Seite an.

“Mir will dieser Typ einfach nicht aus dem Kopf. Ich verstehe nicht, warum er gestern so ausgerastet ist.” Der Gefühlsausbruch des jungen Mannes beschäftigt mich noch immer, obwohl wir den Vorfall auf Klaus' Geburtstagsfest noch ausführlich besprochen haben.

"Du weißt ja, wie Männer sind", sagt Mona lakonisch. "Schade um jede Minute, die du über ihre Motive nachdenkst."

Ich zucke verdrossen die Schultern. "Du hast gesagt, Antonia lebt mit ihm zusammen. Eine Frau wie sie. Warum?"

"Du weißt es doch. Bei deinen Eltern hat es ja auch funktioniert."

Ich hebe abwehrend die Hand. Es gibt Phasen in meinem Leben, an die ich mich nicht gern erinnere. Die Szenen, die ich als Kind mitansehen mußte, gehören eindeutig dazu.

"Antonia vergöttert ihn," setzt Mona fort. "Als ich das Portrait für Artemisia gemacht habe, hat sie dauernd von ihrer Beziehung geredet. Sie hat mir erzählt, wie er sie unterstützt, wenn sie vor einer Premiere die Panik kriegt. Ich hab sie fast um diesen Märchenprinzen beneidet."

"Fast", wiederhole ich.

Wir grinsen uns an. Als langjährige Freundinnen - wir kennen uns seit unserer Gymnasiumszeit - brauchen wir einander nicht zu bestätigen, daß wir dasselbe denken.

"Glaubst du, daß er sie schlägt?" Die Frage hat mich seit gestern nicht losgelassen.

Wir sind vor einem Forsitienstrauch stehengeblieben. Mona greift nach einem der Zweige. “Keine Ahnung," sagt sie nachdenklich. "Was glaubst du?"

Ich atme hörbar aus. "Möglich ist alles. Ich traue ihnen prinzipiell nicht über den Weg."

Mona lacht. "Würde ich auch nicht. Keinem Mann, wenn ich deinen Job hätte."

"So schlimm ist es auch wieder nicht", verteidige ich mich, ein bißchen entrüstet.

"Ja. Seit du bei der Gemeinde an dieser Beratungshotline sitzt, hat sich einiges geändert."

"Du meinst, ich bin jetzt angepaßt und langweilig normal geworden?" mein Seufzen fällt wehmütiger aus als beabsichtigt.

Mona setzt zu einer Entgegnung an. Ich lasse sie aber nicht zu Wort kommen.

"Aber es stimmt schon. Manchmal trauere ich den wilden Zeiten beim autonomen Frauennotruf nach. Da waren wir einfach mutiger und klarer."

"Und idealistischer."

"Als Frauengruppe hatten wir auch viel mehr Möglichkeiten. Im Magistrat fehlt mir die Solidarität und oft auch das Engagement." Ich stoße meine Schuhspitze in einen eisverkrusteten, graubraunen Schneehaufen.

"Das ist der Deal für ein regelmäßiges Einkommen." Mona läßt den Zweig los und geht langsam weiter.

"Ok. Ich weiß. Dafür ist es dann umso frustrierender, einen solchen Job zu machen und nicht einmal darin fähig zu sein. So wie gestern. Ich konnte diesen Gerhard nicht stoppen."

"Vergiß es. Nur weil du vom Fach bist, bist du nicht für jedes Problem zuständig. Schon gar nicht in deiner Freizeit." Mona greift nach meiner Hand. "Los komm. Es ist Wochenende. Entspann dich. Wie wär's, wenn wir uns einen Glühwein genehmigen?"

Ein bißchen widerstrebend lasse ich mich von ihrem Unternehmungsgeist anstecken. Irgendwie hat sie ja recht.

“Verdammt”, ich blättere schon das dritte Mal durch meinen Terminkalender. Wie oft habe ich mir vorgenommen, mich besser zu organisieren. Jetzt läutet auch noch das Telefon. Dabei habe ich jetzt wirklich andere Sorgen.

"Hallo Anna. Wie geht es dir?" Einen Augenblick lang bin ich verwirrt. Ich kann die Stimme nicht zuordnen. "Markus. Du erinnerst dich doch?" Jetzt fällt es mir wieder ein. Der schlacksige wohlerzogene Jüngling. Der Neffe von Monas Chef. Sie hat ihn mir auf einem Empfang vorgestellt. "Laß dich ruhig ein bißchen verwöhnen. Dann bleibst du in Übung bis der nächste Märchenprinz vorbeigaloppiert," hat sie mir geraten.

"Ich würde dich gerne zum Essen einladen." Markus' leise Stimme klingt ein bißchen leidend.

'Warum eigentlich nicht.' "Gerne. Ich würde mich freuen. Nur im Augenblick bin ich etwas im Streß. Können wir morgen noch einmal telefonieren?"

"Sicher. Ich ruf dich an."

Die Aussicht auf eine Verabredung hat etwas. Schwungvoll greife ich erneut nach dem Terminkalender. Ich halte die beiden Buchdeckel und schüttle die Seiten. Diese Methode hat sich schon ofter bewährt.

Und da ist sie auch schon. Unscheinbares blaßgelbes Kopierpapier auf Kuvertgröße gefaltet. Die Einladung zum ersten Frauentreffen.

Die weit ausholende Schrift paßt zu Antonia. Ich überlege, was die geschwungenen f’s über ihren Charakter aussagen. Ein Blick auf die Uhr unterbricht die wenig ergebnisreichen Recherchen. Wie komme ich in einer halben Stunde ans andere Ende der Stadt? Ich schnappe meine schwarze Tasche und hoffe, daß der fast durchgescheuerte Riemen mir nicht gerade heute seine Dienste versagt.

Die Stiege ist wieder einmal vereist. Das ist einer der gravierenden Nachteile unseres offenen Eingangsbereichs. Wenn es schneit muß ich erst den Schnee wegschaufeln, damit ich in meine Wohnungstür öffnen kann. Wenn es taut, gefrieren die Pfützen zu kleinen Eisflächen.

Ich halte mich am Geländer fest und balanciere vorsichtig über die Stufen.

“Hoffentlich bricht sich der Architekt als Erster den Hals”, fluche ich leise vor mich hin. Bei der letzten Hausversammlung hat er auf die Frage, warum der Eingangsbereich nicht besser vor Wind und Wetter geschützt ist, zuerst kokett gelächelt. 'Allein für dieses Lächeln hat er einen Hals über Kopf Abgang verdient', denke ich in selbstgerechtem Zorn. “Wenigstens über die 14 Stufen vom ersten Stock”, schränke ich gnädig ein.

“Dafür haben Sie einen wunderschönen Lift”, hat er dann geantwortet. Das verspiegelte Meisterwerk ist zwar etwas langsam, aber ich benutze es ohnehin nur selten zum Fahren. Meist schleiche ich mich am späten Abend, mit neuen Klamotten, von denen noch die Preisschilder baumeln, in die Aufzugkabine und betrachte mich in aller Ruhe von vorne, von hinten und von der Seite. So manches gute Stück hat danach seine Wanderung zurück auf die Kleiderbügel des großen Einkaufszentrums angetreten.

Einmal hat mich Helmut Brauner, ein Nachbar, bei den nächtlichen Modeschauen erwischt. Plötzlich, so ganz ohne Vorwarnung, geht die Lifttür mit einem leisen Ächzen auf. Helmuts “guten Abend” ist in ein wissendes Lächeln gepackt. Ich habe gerade noch Zeit, die Weste über dem neuen Seidenpyjama zusammenzuraffen. Seither warte ich darauf, ihn mit neuen Boxershorts im Lift zu ertappen.

Meine Nase ist sicher knallrot von der beißenden Kälte. 'Es ist ohnehin nur ein Abend für Frauen', denke ich beruhigt. Und wenn nicht, könnte ich es auch nicht ändern. Ich läute noch einmal. Entweder die Klingel funktioniert nicht, oder sie unterhalten sich schon so angeregt, daß sie um sich nichts mehr wahrnehmen.

“Hallo, wer ist da?” die Stimme aus der Gegensprechanlage krächzt.

“Ich komme zum Frauentreffen”.

Der Türöffner summt. Die Parole stimmt also. Tür 14. Das Stockwerk hab ich vergessen. Sicherheitshalber gehe ich zu Fuß und habe Glück. Die Wohnung liegt im zweiten Stock.

Die hohe, weiß gestrichene Tür ist nur angelehnt. Sie geht langsam auf, als ich klopfe. “Guten Abend.”

“Herzlich willkommen!” Antonia wallt mir in einem schwarz-gelb karierten Hosenanzug mit gelbem Schalkragen entgegen. Bei jeder anderen Frau würde ich jetzt einen blöden Scherz über Fasching und Kostüme loswerden wollen. Sie jedoch sieht hinreißend aus. Ich merke, wie sich Unsicherheit in meinem Knochengerüst breit macht. Mit Jeans und Cordhemd komme ich mir unscheinbar vor.

“Schön, daß du gekommen bist, leg ab”. Ich drücke ihr die Flasche Rotwein in die Hand, die ich mitgebracht habe. “Demestica vom letzten Urlaub in Griechenland.”

“Vielen Dank, für heute genau das richtige.” Sie verschwindet mit der Flasche in einem der Nebenräume. Der Küche, wie ich vermute.

Der Vorraum ist weiß gefliest. Auf dem langen Ablagebrett der Garderobe türmen sich Kisten und Blechschachteln.

“Bühnenrequisiten”, erklärt Antonia, die meinem Blick gefolgt ist. “Wir sitzen im Salon. Ganz wie bei Gertrude Stein”, sie deutet auf eine hohe Doppelflügeltür am anderen Ende des Vorraums.

Der Salon ist riesig. Fast ein Ballsaal, wären da nicht die großen schweren Möbel aus Mahagoni und Nußholz. Sie beanspruchen mindestens die Hälfte des Zimmers.

Um einen großen ovalen Tisch sitzen drei Frauen.

“Das ist Doktor Anna Posch. Sie arbeitet bei der Beratungshotline der Gemeinde Wien."

"Hallo", begrüße ich die Frauen.

Antonia setzt ihre Vorstellungsrunde fort.

"Mia Fair. Musikerin, Tänzerin, Malerin." Die feingliedrige Elfe mit durchscheinender Haut und rötlichblonden Locken nickt mir zu.

"Ich habe eine Performance von dir gesehen. War echt toll."

Mia lächelt geschmeichelt. "Danke."

“Doktor Eva Tenner, Psychologin und Leiterin einer Beratungsstelle für Migrantinnen."

Die elegante Mitdreißigerin, streckt mir eine schlanke Hand mit auffallend langen Fingern entgegen. Am Mittelfinger steckt ein breiter Silberring in den ein Bernstein eingepaßt ist. “Tenner”, wiederholt sie distanziert, während sie meine Hand kurz und kräftig drückt.

"Guten Abend." Diese förmliche Begrüßung erscheint mir passender als das zwanglose Hallo.

“Gut, daß ich nicht auf dich gewartet habe.” Fast hätte ich Mona nicht erkannt. Sie hat ein weißes Tuch um ihren Kopf drapiert und trägt lange goldene Ohrringe. Ihre Augen leuchten lila. Das müssen diese neuen Kontaktlinsen sein.

Bevor mir Zeit bleibt, meine Überraschung über ihr verändertes Outfit auszusprechen, fährt sie fort. “Wahrscheinlich wäre ich inzwischen längst an der Haltestelle festgefroren und du würdest mich nicht mal vermissen.” Ihr Unmut ist mehr als berechtigt, fällt mir schuldbewußt ein. Ich hatte ihr ja versprochen, anzurufen, wenn ich mich verspäten würde.

“Es tut mir leid. Der Senatsrat. Du kennst das ja. Den ganzen Tag liest er seine Zeitungen oder telefoniert. Und wenn ich mich nach acht anstrengenden Stunden von meinen Akten verabschieden will, steht er mit einer dringenden Erledigung in der Tür.”

“Und”, ätzt Mona, “hat er dir wieder versprochen, daß du bald Abteilungsleiterin wirst?”

Diese Diskussion hatten wir schon und meine Grimasse ist Antwort genug auf ihre Frage.

"Ihr Chef hat sich ja gestern wieder ausgezeichnet", mischt sich Eva Tenners in unseren Schlagabtausch.

"Senatsrat Schneider?" frage ich verwundert. Woher kennt die Tenner denn den? Und warum siezt sie mich?

"Ich meine den Stadtrat," antwortet sie ungeduldig.

"Ach so." Ich fühle mich ertappt. Immer wieder vergesse ich auf unser politisches Oberhaupt. Kein Wunder. Auf diesen Boss würden viele meiner Kolleginnen gerne verzichten.

"Er ist fast jede Woche mit irgendeiner frauenfeindlichen Äußerung in den Medien."

"Bei seiner Grundeinstellung ist das nicht weiter schwierig."

"Er hätte die Frauen eben am liebsten bei den Kindern und in der Küche." Mona schnauft verächtlich.

"Damit schadet er der Frauenbewegung. Wie heißt es so schön? Back lash. Typen wie er sollten nicht an einflußreichen Stellen sitzen." Mona hat sich langsam in Rage geredet. Ihre goldenen Ohrgehänge blitzen auf und unterstreichen die Schärfe ihres Tonfalls.

"Vielleicht sollten wir anstoßen, bevor wir loslegen", bringt sich die Gastgeberin in Erinnerung. "Was möchtest du trinken? Ich habe zur Feier des Tages eine Flasche Veuve Cliquot eingekühlt. Wir müssen diese neu gegründete Frauenrunde auch standesgemäß einweihen.” Erst jetzt bemerke ich den Beistelltisch mit dem silbernen Kühler, aus dem die Flasche mit dem sattgelben Etikett ragt. Daneben türmen sich auf einer rechteckigen Glasplatte belegte Brötchen.

Ich entscheide mich für den burgenländischen Zweigelt. Antonia lobt sein Bouquet. Ich verstehe nicht viel von Wein, merke aber sofort den Unterschied zum Merlot aus dem Supermarkt.

“Auf uns und unsere Erfolge.” Die langstieligen Markengläser klingen glockenhell. Ich unterdrücke die Versuchung, ein Lied in derselben Tonlage anzustimmen.

"Gibt es denn keine Möglichkeit diesen Stadtrat aus seinem Sattel zu heben?" Eva Tenner greift das Thema von vorhin wieder auf. Sie schaut fragend in die Runde.

"Ein kleiner Skandal, den wir zum Happening machen könnten?" ergänzt Mia, die sich bis jetzt sehr zurück gehalten hat.

"Es müßte etwas für den 8. März sein. Ein gut plazierter Zeitungsartikel am internationalen Frauentag." Antonia wendet sich an Mona. "Du hast da sicher Kontakte."

"Das ist kein Problem. Die Frage ist nur, welchen Skandal? Mit seinen Frauen-zurück-an-den-Herd Parolen kommen wir nicht in die Schlagzeilen."

"Auch nicht am internationalen Frauentag?"

"Na ja, wenn sonst niemandem etwas besseres einfällt."

"Mona hat Recht. Ich finde diese ewig gleichen Themen, diese Jammerei über die Benachteiligung der Frauen auch zum Kotzen", ereifert sich Mia.

"Eine kleine pikante Geschichte. Das wäre das Richtige. Begrapscht er seine Sekretärin?" Alle Aufmerksamkeit richtet sich auf mich.

"Keine Ahnung. Mit ihm selber hab ich so gut wie nie zu tun." Enttäuscht wenden sich die Frauen wieder ab.

"Aber vielleicht, …"

"Was vielleicht?" hakt Antonia nach.

"Nun ja. Im Amt gab es vor kurzem einen kleinen Zwischenfall." Eva Tenner beugt sich neugierig vor und stößt dabei an ihr Glas. Mia greift geistesgegenwärtig danach und fängt es auf.

"Zwei Kollegen haben während der Dienstzeit Pornohotlines angerufen. Auf Steuerkosten. Sie haben verschiedene Apparate benutzt, deshalb hat es einige Zeit gedauert, bis man ihnen auf die Schliche gekommen ist."

"Und was passiert jetzt mit ihnen?"

"Wahrscheinlich kriegen sie intern einen Verweis. Das ganze soll nicht an die große Glocke gehängt werden. Ist ja auch peinlich", füge ich hinzu.

"Was? Keine Suspendierung? Keine Entlassung? Das ist unerhört", empört sich Antonia. Die anderen Frauen pflichten ihr bei.

"Daraus könnte man schon etwas machen", sinniert Mona. "Stadtrat deckt sexbesessene Beamte."

Ich sehe die Schlagzeile vor mir. In Vorwahlzeiten sicher keine gute Werbung.

Wir kichern verschwörerisch.

"Aber ohne Beweise wird es schwierig."

"Man könnte einen Akt …" überlege ich laut.

"Nicht man sondern du", holt mich Mona zurück auf den Boden der Realität. "Du arbeitest beim Magistrat. Das bedeutet, daß du einen solchen Akt organisieren müßtest oder zumindest die Kopie. Gibt es denn überhaupt etwas Schriftliches?"

Ein leises Klopfen unterbricht die angeregte Debatte. “Herein”, Antonia dreht sich unwirsch nach der Doppelflügeltür um. Eine Frau mit einem halblangen Pagenschnitt, in Jeans und einem graublauen Schlabberpulli steht schüchtern halb im Salon und halb im Vorzimmer. “Guten Abend. Ich wollte nicht stören und nur sagen, daß ich wieder da bin.” “Danke und schlaf gut", sagt Antonia, bevor die junge Frau mit einem “gute Nacht” die Tür hinter sich zuzieht und zu Mona und mir gewandt, “das ist mein Schützling Brigitte, eine Psychologiestudentin, die ich aufgenommen habe, weil sie kein Stipendium mehr bekommt und sich die teuren Mieten in Wien nicht leisten kann.” Eva nickt vielsagend in unsere Richtung.

"Wo sind wir stehengeblieben?" fragt Antonia.

"Beweise. Schriftstücke," sage ich knapp. "Die Personalvertretung müßte etwas haben."

"Und du glaubst, die kooperieren?"

"Natürlich nicht. Blöde Frage. Die sind zur Verschwiegenheit verpflichtet. Aber ich weiß immerhin, wo der Schriftführer seine Protokolle ablegt." Der Zweigelt scheint mir zu Kopf zu steigen. Was rede ich da? Ich werde doch nicht einen Personalvertreter hintergehen. Noch dazu einen, dem ich meine Vorzugsstimme gegeben habe.

Zu spät. Die Frauen haben Blut geleckt. Der Gedanke, dem Stadtrat eins auszuwischen ist zu verlockend. Wo habe ich mich da bloß wieder hineinmanövriert?

Ein Glas Tomatensaft mit Salz und Pfeffer wirkt fast immer gegen einen ausgeprägten Kater. Das ist zumindest meine mehrfach erprobte Erfahrung. Allerdings habe ich dieses Rezept noch nie an einem Bürotag ausprobiert. Mein Magen scheint an zwei elastischen Seilen zu hängen. Ich fürchte, er gerät aus dem Gleichgewicht, wenn auch nur ein winziger Schluck Tomatensaft zu weit rechts- oder linkslastig aufplatscht. Aber wie soll ich in meinem Zustand konzentriert mittig schlucken? Bei diesen Kopfschmerzen habe ich nur geringe Erfolgschancen. Selbst wenn ich es mit Visualisieren versuche. Und will ich mir wirklich einen Magen vor meinem geistigen Auge vorstellen? Allein die Frage reicht, um ihn in Aufwärtsschwingungen zu versetzen. Ich schiebe das Glas Tomatensaft aus meinem Blickfeld hinter den Tischkalender und versuche, mich auf die eingetragenen Termine zu konzentrieren.

“Dein gelbgrüner Teint schlägt sich mit deinem blitzblauen Pulli.” Thomas’ mitfühlende Kommentare haben mir gerade noch gefehlt. Er grinst mich zwischen den Zweigen seines prächtig gedeihenden Ficus Benjamin an. Leider gibt es in dem winzigen Büro, in dem wir unsere Telefonberatungen abhalten, keine andere Möglichkeit, als die beiden abgewohnten Schreibtische längsseitig aneinander zu stellen. So sitzen wir einander gegenüber. Wenn wir zwischen den Anrufen etwas Zeit haben, um miteinander zu reden, ist mir diese Sitzordnung sehr angenehm. Heute aber fühle ich mich aber nur beobachtet und noch dazu mit meinem Leiden allein gelassen. Thomas hat mich oft genug wissen lassen, daß es ihm an Verständnis für die Folgen übermäßigen Alkoholgenußes fehlt. “Eine Kuh weiß auch, wann sie genug hat”, hat er mehr als einmal lakonisch festgestellt und damit jeden Zweifel an seinen ländlichen Wurzeln beseitigt.

“Du könntest mir dankbar sein, daß ich dich nicht mit den ganzen Terminen im Stich gelassen habe.”

Thomas bleibt gelassen. “Verbindlichsten Dank, Euer Majestät.” Gut, die Botschaft ist angekommen. So wie es aussieht, werde ich in der Mittagspause unsere Telefonistin, Frau Bauer, heimsuchen. Sie hat sicher mehr Verständnis.

Auch das Telefon kennt kein Erbarmen. Es schrillt heute mindestens um 10 Dezibel lauter. Thomas nimmt das erste Gespräch entgegen und entpuppt sich damit doch noch als liebenswerter Kollege. Er greift in seine Schreibtischschublade und wirft eine Schachtel Aspirin C Brause über den Ficus direkt neben das Keyboard meines PCs. “Nimm eine davon.” Er hat eine Hand über die Muschel des Telefonhörers gelegt. “Die helfen immer”. Ich salutiere läßig mit zwei Fingern. Dann stehe ich vorsichtig auf. Mein Kreislauf liegt ziemlich danieder. Jede rasche Bewegung läßt die Welt um mich zum schwarzgefleckten Kreisel werden.

Thomas besorgte Blicke folgen mir, als ich mich zur Tür schleppe. Ich muß in die Küche, um Wasser für die Brause zu holen.

“Wieder einmal eine besorgte Großmutter.” Thomas hat sein Telefonat beendet und kaut genußvoll an einer dynamisch-biologischen Karotte.

“Und was wollte die gute Frau?” Ich bin meinem Kater fast dankbar, der mich vor einer vermutlich haarsträubenden und sehr umfassenden Schilderung zwischenmenschlichen Elends bewahrt hat.

“Sie hat sich über diese Kampagne beschwert."

"Welche Kampagne?"

"Familienarbeit lohnt sich. Schon davon gehört?" Thomas schüttelt den Kopf.

Der gestrige Alkoholgenuß hat wohl einige meiner Arbeitsgehirnzellen vernichtet.

Anfragen zur Kampagne sind derzeit das Hauptthema unserer Beratungen.

"Sie befürchtet, daß die dominante Schwiegertochter ihrem Sohn jetzt noch mehr Hausarbeit aufbrummt.” Er grinst. “Du weißt, daß es unprofessionell ist, die eigene politische Überzeugung in die Beratungssituation einzubringen”, belehrt er mich provokant. Wir kennen uns nun lange genug, so daß er meinen aufkommenden Unmut vollkommen richtig interpretiert. Ich ertrage es nur schwer, wenn Frauen ihren weiblichen Familienmitgliedern in den Rücken fallen. In solchen Situationen muß ich mich immer an meinen Arbeitsauftrag erinnern. “Na ein Glück, daß du an der Strippe warst." Die pochenden Kopfschmerzen halten mich davon jedoch von einer ausführlicheren Diskussion ab.

“Die Frage ist, wer hier Glück hatte.” Thomas kratzt sich nachdenklich hinter dem Ohr. Seine dichten schwarzen Haare trägt er, wie meistens, zu einem Pferdeschwanz gebunden.

“Die Frau war offensichtlich überrascht, eine Männerstimme zu hören,” erklärt er, “und als sie dann gemerkt hat, daß ich auch dafür bin, daß Männer mehr tun als den Mistkübel runter tragen, hat sie eingelenkt.”

“Sie wird doch wohl nicht später noch einmal anrufen”, ich versuche, gleichgültig zu klingen.

“Keine Sorge.” Thomas treuherziger Blick beruhigt mich keineswegs. Seit er eine dreifache Großmutter mit einem schier unerschöpflichen Pool an Problemen und einem ebensolchen Rededrang an mich weitervermittelt hat, bin ich prinzipiell mißtrauisch.

“Ich habe ihr geraten, an den Stadtrat persönlich zu schreiben.”

Beruhigt atme ich auf. “Karla wird sich freuen”. Thomas zuckt die Schultern. Karla ist für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Sie beantwortet die Anfragen aus dem Volk. So nennen wir die Schreiben von Leuten, die sich mit ihren Problemen vertrauensvoll an unsere gewählten Oberhäupter wenden.

“Job ist Job”. Bevor ich das lakonische Statement hinterfragen kann, klingelt das Telefon erneut. Ich greife nach dem Hörer. “Was tust du in der Arbeit?” Monas Stimme erinnert an Joe Cocker. “Ich habe gedacht, du bist im Krankenstand.” Monas Einstellung zur Arbeit anderer ist erstaunlich, wo sie sich doch selbst keine Minute Freizeit gönnt. Jedes private Gespräch kann innerhalb kürzester Zeit zu einem beruflichen werden, aus dem sie Informationen zieht, die sie in ihren Artikeln verkauft.

“Du weißt doch, daß ich Thomas nicht gerne hängen lasse”. Thomas setzt sein Dackelgesicht auf und schneidet mir eine Grimasse. Mona lacht wissend. “Ja, ja, der Arbeitseifer”, sagt sie zweideutig. Als ich keine Anstalten zeige, auf ihre Anspielung einzugehen, setzt sie fort: “Der gestrige Abend ist etwas außer Kontrolle geraten.” Ich bin nicht sicher, ob sie unseren Alkoholgenuß meint oder die Euphorie Antonias, die uns mitgerissen hat. Ich entscheide mich für letzteres. “Antonias Begeisterung war wirklich ansteckend. Ich finde es toll, wie viele Ideen wir entwickelt haben” füge ich hinzu, obwohl ich mich an die meisten der Pläne, die wir geschmiedet haben, nur undeutlich erinnere.

“Ja, Antonias Kreativität ist beeindruckend. Aber was ist mit dir? Hast du das gestern wirklich Ernst gemeint?"

"Was?"

"Du weißt genau, wovon ich rede."

Natürlich weiß ich, wovon sie spricht. Ich mag nur nicht darüber nachdenken.

"Wir werden sehen."

"Was heißt das?" So leicht läßt sich Mona nicht abschütteln.

"Na das, was ich gesagt habe." Mein Tonfall wird schärfer. Ihre Sorge hilft mir im Augenblick auch nicht weiter. Die Entscheidung muß ich alleine treffen.

Thomas schaut interessiert auf. Ich starre an ihm vorbei aus dem Fenster. Er vertieft sich wieder in die Broschüre, die vor ihm auf dem Tisch liegt.

"Ich kann jetzt nicht reden", sage ich eine Spur leiser als beabsichtigt.

"Du vergißt nicht, daß du eine Freundin hast?"

"Danke Mona. Ich vergesse es bestimmt nicht." Ich seufze tief. Dann lege ich auf.

Im selben Augenblick klingelt Thomas’ Telefon. Ich bin erleichtert. Jetzt kann er wenigstens keine neugierigen Fragen stellen. Er lehnt sich in seinen Schreibtischsessel zurück. Konzentriert lauscht er und massiert mit den Fingerspitzen seine Nasenwurzel. Die Augen hält er geschlossen. Ab und zu sagt er “ja” oder “ich verstehe”.

Die Brausetablette hat gewirkt. Die Kopfschmerzen sind kaum mehr spürbar. Auch die Übelkeit hat nachgelassen. Ich beschließe, eine Tasse Kaffee und Butterkekse zu wagen. Der Tomatensaft ist mir eindeutig zu rot. Ich ziehe das Glas mit Nescafé aus der untersten Schublade meines Schreibtisches. Mit einem Fuß suche ich nach meinem linken Schuh. Er ist mir während des Gesprächs mit Mona abhanden gekommen.

Aus dem Regal neben der Tür schnappe ich mir auch noch den löslichen Getreidekaffee. Thomas trinkt ihn, seit er seine Ernährung auf Biokost umgestellt hat. Dann mache ich mich zum zweiten Mal an diesem Vormittag auf den Weg in die kleine Küche. Sie ist das einzige Relikt der Wahlversprechen, mit denen die Personalvertretung um SympathisantInnen geworben hat.