Das positivste Wort der englischen Sprache - Steven Bloom - ebook

Das positivste Wort der englischen Sprache ebook

Steven Bloom

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Opis

Steven Blooms neuer Roman ist ein wilder Ritt durch die letzten 50 Jahre der amerikanischen Geschichte. Als College-Student verliebt sich Norman Goldstein in eine schwarze Kommilitonin und heiratet sie gegen alle Widerstände. Zunächst als Postsortierer, später Sozialarbeiter und schließlich Uniprofessor wird er immer wieder in politisch absolut unkorrekte Debatten verwickelt: über Eltern und Kinder, über Sexualität, Ehe und die extrem vielgestaltigen Beziehungen zwischen Männern und Frauen, über Religion, Rassendiskriminierung und Schwulenhass, über die Iren und die Juden, über Vietnam- und Irakkrieg, Terrorismus und Verschwörungsphantasien nach dem WTC-Anschlag. Bloom ruft alle nur denkbaren Vorurteile und Klischees auf, um die große Politik und Geschichte sowie die privatesten Schicksale ins Tanzen zu bringen. Nie zielt er auf die billige Pointe, im Gegenteil, er zündet ein Feuerwerk von Pointen, in dem Trauriges und Komisches erst Sichtbarkeit gewinnen.

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Steven Bloom

Das positivste Wort derenglischen Sprache

Roman

Aus dem amerikanischen Englischvon Silvia Morawetz

Für meine Enkeltöchter: Jasmin, Joelle, Jenna und Lúthien Tinúviel

»In Selbsterkenntnis liegt die Männlichkeit.«

Geoffrey Chaucer: Die Erzählung des Mönchs (1387)

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diesePublikation in der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internetüber http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© Wallstein Verlag, Göttingen 2015www.wallstein-verlag.deVom Verlag gesetzt aus der Stempel GaramondUmschlaggestaltung: Susanne Gerhards, DüsseldorfFoto: »Beatniks in einer Bar«, New York© Jacoby/Süddeutsche ZeitungDruck: Pustet, RegensburgISBN (Print) 978-3-8353-1597-6ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-2755-9ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-2756-6

Eins

1.

Die Mädchen hier, las Phil vor, sind wie pflückreife Pfirsiche. Saftige Details demnächst. Achtung, Postmeisterin Tuttle: Diese Postkarte zu lesen, verstößt gegen Bundesrecht und kann strafrechtliche Verfolgung und Gefängnis nach sich ziehen.

Er reichte Norman den Modigliani-Akt, und der drehte ihn schnell auf die beschriebene Seite und steckte ihn in das Verteilerfach für Athens, Georgia.

Noch ist es nicht zu spät, sagte Phil.

Könntest du dich um deine Angelegenheiten kümmern?, sagte Norman.

Du, sagte Phil, siehst da etwas grundlegend falsch. Du wähnst dich auf ewig gefeit gegen den Fluch der Einsamkeit und die Not sexueller Entbehrung. Doch der Skylla der Pubertät entronnen, wird die Charybdis der Ehe dich vernichten.

2.

Liebe Alonya, las Phil vor, wir sind gleich bis in die Krone raufgestiegen. New York ist schon ok, nur tragen gewisse ELEMENTE die Nase so hoch, dass wir uns auch wieder auf daheim freuen, denn da wissen diese Leute, wo sie hingehören. Behüt dich Gott, LuAnn.

Er balancierte die Karte auf der ausgestreckten Hand.

Hier, Norman, sagte er, haben wir ein klassisches moralisches Dilemma. Einen ganz offensichtlichen Wertekonflikt. Auf der einen Seite das unveräußerliche Recht der freien Rede, auf der anderen das zwingende Gebot, Rassismus zu bekämpfen. Vielleicht sollte ich die gute Miss Liberty einfach in den kaum sichtbaren Spalt zwischen unseren Schränken schieben, wo sie unbeschadet sieben Jahre überwintern kann.

Phil spielte auf die Legende an, dass jemand hier auf diesem Postamt einmal einen Brief aus so einem Spalt fischte, der laut Poststempel sieben Jahre dort gesteckt hatte. Der Angestellte, der ihn fand, brachte ihn pflichtgemäß zu seinem Vorgesetzten und fragte, was er tun solle. Der Legende nach zuckte der Vorgesetzte die Achseln und sagte: zustellen.

Behüt dich Gott, sagte Phil, ist nicht ganz unwichtig.

Er sah zu der hohen Kuppeldecke hinauf.

Sieh da, sagte er, ich vernehme ein leises Stimmchen. Es sagt, mehr Vertrauen in den freien Markt der Ideen, Bamberger. LuAnn steht für ihre drei Cent derselbe Service zu wie allen anderen.

3.

Unser hiesiger Obersturmbannführer, sagte Phil, hat mir gerade anvertraut, Juden seien in Wirklichkeit viel bessere Arbeiter, als manche Leute denken.

Mr. Wohlfahrt saß an seinem Tisch, rauchte eine Zigarette und las die Daily News.

Eichmann, sagte Phil, war noch dazu Katholik. Die Erziehung zu blindem Gehorsam kann sich unter den richtigen Umständen als sehr nützlich erweisen. Obwohl die Katholiken in puncto blinder Gehorsam nicht die Einzigen sind. Ein typischer Amerikaner taugte, wenn er die Möglichkeit dazu hatte, genauso gut zum guten Deutschen wie die Deutschen selber. Während des Kriegs wurden an der Westküste lebende Personen japanischer Herkunft, in der Mehrzahl amerikanische Staatsbürger, in Umsiedlungslagern interniert, und niemand hat protestiert. Niemand wusste, ob es in diesen Lagern Gaskammern oder Krematorien gab oder nicht, aber das hat auch niemanden interessiert. Ihr Führer hatte einen Erlass verkündet, und es wurde nicht für nötig gehalten, dass jemand Fragen stellt. Und müssten wir ab morgen statt Post in den Süden Puertoricaner in Konzentrationslager befördern, würde das bestimmt nur wenigen Kollegen einen schlaflosen Tag bereiten.

4.

Norman war der Meinung, er hätte sich für Geschichte der westlichen Zivilisation bei Dr. Morath eingeschrieben, der Fachbereich Geschichte hatte ihn jedoch böse hereingelegt. Er hatte genau die Lehrkraft erwischt, vor der man sich, wie er gehört hatte, hüten sollte; das sei ein richtiger Drachen.

Ich habe lediglich danach gefragt, sagte Miss Very, wann der Albigenserkreuzzug stattfand. Das Datum steht in Ihrem Lehrbuch. Sie sollten eine schuldbewusste Miene aufsetzen, Miss. Sie sind unter falschem Vorwand an diesem College. Ich rate Ihnen, sich lieber nach einem Ehemann umzusehen.

Sie da mit der schlechten Haut, können Sie uns das Datum für den Schleitheimer Artikel sagen? Nein? Dann wollen wir mal sehen, ob unsere Negerin etwas weiß.

Karl der Dicke, Geburts- und Sterbejahr.

Entschuldigung, Ma’am, sagte Savannah.

Ethelred der Unberatene?, sagte Miss Very.

Savannah schüttelte den Kopf.

Pippin der Kurze?, sagte Miss Very. Philipp der Lange? Karl der Einfältige?

Savannah schüttelte abermals den Kopf.

Sie machen Ihrer Rasse nicht viel Ehre, wie?, sagte Miss Very.

Sie zeigte auf Norman.

Widerrufung des Edikts von Nantes?, sagte sie.

Edikt von Fontainebleau, 1685, sagte Norman.

Das Auserwählte Volk, sagte Miss Very, lässt alle anderen weit hinter sich.

Nach dem Unterricht wartete Savannah im Korridor.

Kleine Karteikärtchen, sagte Norman. Auf der einen Seite »Edikt von Fontainebleau«, auf der anderen »1685«. Die wendest du so lange um und um, bis du wie ein Pawlowscher Hund bist.

5.

Savannah war Negerin, und darum hatte Norman an sie nicht so gedacht, wie er an andere Mädchen dachte. Aber dann hatten sie sich zufällig in der Semesterpause getroffen und eine ganze Weile auf einer Bank gesessen und sich schließlich geküsst. Und an dem Abend, an dem Phil ihm erklärte, warum der dialektische Prozess jemanden dazu trieb, Anarchist zu werden, begriff Norman, dass Savannah ihn heiraten würde.

6.

Anfangs hatte Norman beim Zuschauen nicht das Geringste verstanden, aber schon bald durchschaute er die Regeln. Das Spiel, sagte ihm jemand, heiße Whist. Whist, fiel ihm ein, wurde in Anthony Trollopes Roman Septimus Harding, Spitalvorsteher gespielt. Trollope hatte selbst sieben unglückliche Jahre als Postangestellter im Londoner Hauptpostamt zugebracht. Genau genommen arbeitete er in der einen oder anderen Position sogar weiter bei der Post, nachdem er bereits Romane schrieb.

Für gewöhnlich spielten nur die Neger Whist, ausgenommen eine Runde, die aus drei Negern und dem einen Weißen bestand, der älter als alle anderen in der Nachtschicht war, sogar als der Schichtleiter. Bei den vier sah Norman für gewöhnlich zu. Meistens gewannen der Weiße und sein Partner. Bei anderen Spielern kam es schon mal vor, dass einer aufstand und die Karten auf den Tisch knallte; der Weiße tat das jedoch nie.

Eines Nachts sagte einer der Neger: Sie sind zu gut für uns, Mr. van Hayton. Wir sollten Sie gar nicht mehr mitspielen lassen.

Ihr würdet nicht glauben, sagte Mr. van Hayton, wie gut ich früher mal war.

7.

Sagt dir der Name Mr. van Hayton etwas?, sagte Norman.

Ehemaliger Kontraktbridge-Meister, sagte Phil.

Im Ernst?

Heute auf Whist im Pausenraum des Hauptpostamts zurückgeworfen, sagte Phil. Seine Geschichte, Norman, ist tragisch, aber du könntest dennoch eine Lehre daraus ziehen, was ich freilich bezweifle. Der Mann ist dreiundsechzig Jahre alt und wegen einer jungen Gemahlin gezwungen, sich mit uns abzugeben.

Das denkst du dir aus, sagte Norman.

Er hat es mir selbst anvertraut, sagte Phil. Manche Leute finden offenbar Trost darin, anderen von ihrem Kummer zu erzählen. Als die junge Gemahlin das ganze Geld ausgegeben hatte, das er aus seiner Turnierzeit zurückgelegt hatte, verlangte sie ein regelmäßiges Einkommen, weil er auf dem Niveau, das er mal besaß, nicht mehr mithalten konnte. Doch wer sollte einen alten Mann mit Übergewicht beschäftigen, dessen einziges Talent das Kartenspiel war? In seiner Verzweiflung hat er den Test bei der Post gemacht, die höchste Punktzahl erreicht und wurde bald darauf eingestellt.

Hätte er nicht auf die trügerische Sicherheit der Ehe gebaut, Norman, für ihn allein hätten seine bescheidenen Gewinne weiter gereicht und er brauchte jetzt nicht mitten in der Nacht Briefe zu sortieren.

8.

Wenn man heiratet, sagte Jerry, kann man nach und nach alles machen, was man will, und was man will, geht trotzdem nicht weg. Nicht zu vergessen den kleinen Mann im Boot küssen.

Norman sah an Jerrys anzüglichem Grinsen, dass der auf etwas Sexuelles anspielte, kannte sich in puncto weibliche Anatomie aber nicht gut genug aus, um es zu verstehen.

Hat sich dein Freund heute abend krankgemeldet?, sagte Jerry.

Das weiß ich doch nicht, sagte Norman.

Würde mich nicht überraschen, sagte Jerry, wenn der sich eine Tropenkrankheit zugezogen hätte. Gewisse Leute hier machen einen Dschungel aus diesem Laden.

9.

Du hast weniger Hirn als ein Pavian, schrie Queen Esther.

Na, wenigstens bin ich kein Flusspferd, schrie Saddletime.

Flusspferd?, schrie Queen Esther.

Sie boxte Saddletime in den Arm.

Hört mal, ihr zwei, sagte Mr. Wohlfahrt, wir sind zum Arbeiten hier.

Dieser Holzkopf belästigt mich dermaßen, dass ich gar nicht denken kann, sagte Queen Esther.

Belästigen?, sagte Saddletime. Da kann ich nur lachen. Dieses Weib …

Tauschen Sie mit Goldstein, sagte Mr. Wohlfahrt.

Wieso ich?, sagte Saddletime.

Ich an Ihrer Stelle, sagte Mr. Wohlfahrt, würde den Bogen nicht überspannen.

Mach’s gut, Holzkopf, sagte Queen Esther.

Saddletime zog auf die andere Seite des Gangs um, und Norman setzte sich neben Queen Esther.

Der hat mir gerade noch gefehlt, sagte sie. Der Verrückte. Du und Bambi, ihr seid bald Stadtgespräch.

Zufällig werde ich demnächst heiraten, sagte Norman.

Eine Frau?, sagte Queen Esther. Gelobt sei Jesus Christus.

Norman wollte einen Brief in das Fach für Lenoir, North Carolina, schieben, traf aber die Leiste, die Lenoir von New Bern trennte, und der Brief fiel zu Boden.

Bist ganz schön nervös, sagte Queen Esther. Macht es dich nervös, neben mir zu sitzen?

Norman stieg von seinem Hocker und hob den Brief auf.

Angeblich machen Weiße gar nichts, ehe sie nicht verheiratet sind, wie es sich gehört, sagte Queen Esther.

Das hängt ja wohl von den Beteiligten ab, sagte Norman.

Ha, sagte Queen Esther, und zweimal ha. Ihr Juden bildet euch ein, es kommt nur auf Grips an. Aber wenn du mit einem Mädchen zusammen bist, ist der Grips egal.

Sie nahm die Hände herunter.

Von wegen glücklich bis ans Ende ihrer Tage, sagte sie. In der Ehe geht’s immer weiter bergab.

Sie drehte sich um.

Holzkopf, schrie sie.

Mehr hast du nicht auf Lager?, sagte Saddletime.

Arschloch, schrie Queen Esther.

Mit Löchern kennst du dich aus, was, sagte Saddletime.

Halt deine Zunge im Zaum, sagte Booker Smith.

Die hat doch angefangen, sagte Saddletime.

Wird es eine große Hochzeit?, sagte Queen Esther.

Nur die Angehörigen, sagte Norman.

Wie heißen noch mal die jüdischen Kirchen?, sagte Queen Esther.

Synagogen, sagte Norman.

Ja, genau, sagte Queen Esther. In so einer ist mein Onkel Earl Hausmeister. Diese Juden sind reich wie Gott.

10.

Der kannst du kein Wort glauben, sagte Saddletime. Das ist eine geborene Lügnerin.

Wenn ihr nicht an eure Plätze geht und weitersortiert, sagte Mr. Wohlfahrt, nehm ich eure Stechkarte und stempel euch aus.

Mann, wieso hacken Sie immer auf mir rum?, sagte Saddletime.

Vielleicht weil du der Weltmeister im Nassauern bist, sagte Mr. Wohlfahrt. Seit wann seid ihr denn so dicke Freunde, du und Goldstein?

Ich wollte den bloß was fragen, sagte Saddletime.

Schön, aber tu das in deiner Freizeit, sagte Mr. Wohlfahrt. Und jetzt zurück an deinen Platz und sortieren.

Diese Leute treiben mich in den Wahnsinn, sagte Mr. Wohlfahrt, als Saddletime gegangen war.

Er legte die Hand auf Queen Esthers Hocker.

Und die hier, sagte er, könnte ein Jungchen wie dich schon vor dem Frühstück verspeisen.

Hab ich dir gefehlt?, sagte Queen Esther, als sie wiederkam.

Sie lächelte breit.

Du hast es noch nie gemacht, sagte sie, das weiß ich. Ist aber nicht schlimm. Queenie kriegt das alles wunderbar hin.

11.

Unter den zwanzig für die Südstaaten zuständigen Briefsortierern, zehn auf der Georgia-Alabama-Louisiana-Mississippi- und zehn auf der North-Carolina-South-Carolina-Seite des Gangs, waren acht Neger, vier davon Männer und vier Frauen. Postbediensteter war eine der Stellen bei der Regierung der Vereinigten Staaten, die demokratisch für jedermann zugänglich war. Es gab keinerlei wie immer geartete Bildungsanforderungen. Vorhandene Berufserfahrung spielte keine Rolle. Es kam einzig darauf an, einen Test zu bestehen. Natürlich war das Bestehen eines Tests für Leute wie Queen Esther, Saddletime und Booker Smith, die nie eine Highschool besucht hatten, nicht dasselbe wie für Norman, der das College besucht hatte, oder wie für jemanden wie Mr. van Hayton. Man konnte jedoch einen Vorbereitungskurs belegen, und die Aussicht auf einen so guten Job wie bei der Post motivierte Menschen wie nie zuvor zum Lernen. Bei einem Mindestlohn von einem Dollar fünfzehn Cent pro Stunde, wobei Frauen, die als Hausangestellte arbeiteten, noch weniger verdienten, waren die drei Dollar pro Stunde plus zehn Prozent Nachtschichtzuschlag bei der Post sehr attraktiv.

Hinzu kamen der Status als Angestellter im öffentlichen Dienst, elf bezahlte Krankheitstage, bis zu vier Wochen Urlaub, Krankenversicherung, eine Pension und Aufstiegsmöglichkeiten. Auf einem Hocker sitzen und Post in Fächer einsortieren war außerdem wesentlich leichter als die Arbeit, die Menschen wie Queen Esther, Saddletime und Booker Smith gewohnt waren. Nach bestandenem Test wurde der oder die Betreffende auf eine Liste gesetzt, nach erreichter Punktzahl eingestuft und, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Rasse, angerufen, sobald eine Stelle frei geworden war. Kriegsveteranen erhielten zwar Bonuspunkte, ansonsten aber galt im Auswahlverfahren das Leistungsprinzip so weit, wie es damals möglich war.

12.

Bist eingeladen, sagte der Armenier.

Du glaubst wohl, ich kann es mir nicht leisten, ins Kino zu gehen?, sagte Laura.

Es geht nicht ums Leistenkönnen, sagte der Armenier. Da, wo ich herkomme, ist der Mann derjenige, der bezahlt.

Und da, wo du herkommst, ist es in Ordnung, wenn eine verheiratete Frau mit einem fremden Mann ins Kino geht?, sagte Laura.

Seit wann bin ich so fremd?, sagte der Armenier.

Zur Gesellschaft, sagte Laura, hab ich einen Ehemann.

Was ist das für ein Mann, der seine Frau nachts arbeiten lässt?, sagte der Armenier. Wenn ich mit einer Frau wie dir verheiratet wäre, wärst du zu Hause, wo du hingehörst.

Er zog einen Kamm aus der Brusttasche seines Hemds, kämmte sich und schob sich die Stirnlocke zurecht.

Ich hab nachgesehen, was für Filme jetzt kommen. Diese Elizabeth Taylor, die ist schon was.

Dann geh, sagte Laura.

Das Leben besteht nicht bloß aus Wohnzimmersaugen, sagte der Armenier. Was ist mit Spaß?

Ich hab so viel Spaß, wie ich verkraften kann.

Und das soll ich dir glauben?

Es ist ein freies Land, sagte Laura, du kannst glauben, was du willst. Ich geh mal für Damen.

Als Laura weg war, setzte sich der Armenier auf ihren Hocker.

Der große Tag kommt näher, sagte er. Natürlich warten die jungen Leute heute meistens nicht mehr.

Er warf einen Packen Post in Lauras Korb und rieb sich kräftig den Nacken.

Fünf, sechs Monate, sagte er, dann geht das los mit ich brauch einen neuen Mantel, wir gehen gar nicht mehr aus, ich hab Kopfschmerzen. Was du dir nur denken kannst. Hör auf mich, Junge, nimm alles mit, was du jetzt kriegen kannst, denn der Honigmond währt nicht ewig.

Hast du was an den Armen, Souvarian?, sagte Mr. Wohlfahrt.

Ich hab dem Kleinen bloß einen Rat gegeben, sagte der Armenier.

Den weiß er sicher zu schätzen, sagte Mr. Wohlfahrt, und Präsident Kennedy würde sich bestimmt auch freuen, wenn er wüsste, dass Angestellte des Bundes so viel Anteil am Leben des anderen nehmen, aber wie wär’s, falls das nicht zu viel verlangt ist, mit ein bisschen Post sortieren, wenn du schon mal da bist?

Erinnern Sie sich noch an Ihre Hochzeitsnacht?, sagte der Armenier.

Mach deine Arbeit, Souvarian, sagte Mr. Wohlfahrt, oder ich muss dich aufschreiben.

Der Armenier griff sich einen Packen Briefe.

Klar warten junge Leute für gewöhnlich heute nicht mehr, sagte er.

Los, sagte Mr. Wohlfahrt.

Er machte kehrt und ging hinkend davon.

Der Mann wird zu kurz gehalten, sagte der Armenier. Für einen jungen Mann wie dich ist dreimal pro Tag ja ein Klacks. Und zwischendurch wird noch mal gewichst.

Haben wir die Plätze getauscht oder was?, sagte Laura.

Ich wollte dem Kleinen bloß ein bisschen auf die Sprünge helfen, sagte der Armenier.

So ist er, sagte Laura, immer will er jemandem auf die Sprünge helfen.

Wenn ein junger Mann heiratet, sagte der Armenier, kann er den einen oder anderen Rat eines alten Hasen gut brauchen.

Glaub dem kein Wort, sagte Laura. Wenn du Rat brauchst, Norman, frag deinen Vater.

13.

Da wurden kleine Kinder ermordet, sagte Normans Vater, und Gott stand daneben und hatte die Arme verschränkt. Du bist Anwalt, Morris, ist das ein klarer Fall von unterlassener Hilfeleistung und damit strafbar oder was sonst?

Worüber Sie da sprechen, sagte Mr. Katz, ist Deismus. Dem Deismus zufolge setzte Gott alles in Gang und ließ es dann laufen, ohne sich einzumischen. Jefferson war Deist.

Jefferson war außerdem Sklavenhalter, sagte Mrs. Katz, und hat bekanntlich mindestens ein Buch pro Woche gelesen, und das, obwohl er ein Haus mit neun Zimmern und vier Kinder hatte.

Damals, sagte Mr. Katz, haben alle Sklaven gehalten.

Und damit ist er entschuldigt?, sagte Mrs. Katz.

Wir hätten auch Sklaven gehalten, sagte Mr. Katz.

Du vielleicht, sagte Mrs. Katz.

Was hätte es Ihn gekostet, sagte Normans Vater. Er hat doch die Allmacht gehabt. Wofür hebt Er sie sich auf?

14.

Sind Sie verheiratet?, sagte der Hausmeister.

Wir heiraten nächsten Monat, sagte Norman.

Er war noch nie zuvor in einem Raum ohne jegliches Mobiliar gewesen.

Werfen Sie einen Blick ins Badezimmer, sagte der Hausmeister.

Savannah öffnete die Badezimmertür und schaute hinein.

Nur weiter, ziehen Sie mal die Toilette ab, sagte der Hausmeister. Eine Wohnung, in der die Spülung nicht geht, dürfen Sie nicht nehmen.

Savannah ging ins Bad.

Wenn Sie die wollen, sagte der Hausmeister, müssen Sie zum Hausbesitzer gehen. Ich bin bloß der Hausmeister.

15.

Was wünschen Sie?, sagte der Hausbesitzer.

Wir kommen wegen der Wohnung in der achtzehnten Straße Ost, sagte Norman.

Die ist schon weg, sagte der Besitzer. Sie hätten anrufen und sich die Mühe sparen können.

Dreimal hörten sie von farbigen Hausmeistern, eine Wohnung sei zu haben, und dreimal hörten sie von den Hausbesitzern, sie sei schon vermietet. Norman glaubte, sie wären halt zu spät gekommen, bis der dritte Hausbesitzer, auf dessen Unterarm eine bläuliche Nummer eintätowiert war, sagte: Nehmen Sie denn gar keine Rücksicht auf Ihre Eltern?

16.

Sie sind beide noch recht jung, sagte Mr. Williams, und offenbar sehr idealistisch.

Auf einer gerahmten Fotografie an der Wand hinter seinem Schreibtisch reichten sich Mr. Williams und Präsident Kennedy die Hand. Auf einer anderen reichten sich er und Jackie Robinson die Hand.

Zum Glück, sagte er, sind Ihre Rechte durch das New Yorker Wohnungsgesetz geschützt. Aber vorher müssen Sie ein bisschen schummeln.

17.

Jessica Stein saß allein in der Cafeteria.