Akademische Reitkunst - Bent Branderup - ebook

Akademische Reitkunst ebook

Bent Branderup

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Opis

Die Akademische Reitkunst war in der höfischen Zeit nicht nur eine Frage der reiterlichen Fähigkeiten, sondern auch eine Frage von Geist und Körperbeherrschung. Bent Branderups Lebensziel ist es, die Lehren und das Wissen der alten Meister zurückzubringen und leichtverständlich zu erklären. In diesem Buch bietet der Autor einen umfassenden Einblick in die Akademische Reitkunst und führt den Leser in diese ein.

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(Foto: Christiane Slawik)

Impressum

Copyright © 2013 by Cadmos Verlag, Schwarzenbek

Gestaltung und Satz: Nicola van Ravenstein, www.ravenstein2.de

Titelfoto: Christiane Slawik

Fotos im Innenteil: Lotte Lekholm, wenn nicht anders angegeben

Illustrationen: Archiv Bent Branderup, wenn nicht anders angegeben

Lektorat der Originalausgabe: Stéphanie Kniest

Konvertierung: S4Carlisle Publishing Services

Deutsche Nationalbibliothek – CIP-Einheitsaufnahme

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im

Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Alle Rechte vorbehalten.

Abdruck oder Speicherung in elektronischen Medien nur nach vorheriger schriftlicher Genehmigung durch den Verlag.

eISBN: 978-3-8404-6139-2

Haftungsausschluss

Der Autor, der Verlag und alle anderen an diesem Buch direkt oder indirekt beteiligten Personen lehnen für Unfälle oder Schäden jeder Art, die aus in diesem Buch dargestellten Übungen entstehen können, jegliche Haftung ab.

In diesem Buch sind einige Reiter abgebildet, die ohne splittersicheren Kopfschutz reiten. Dies ist nicht zur Nachahmung zu empfehlen! Achten Sie immer auf die entsprechende Sicherheitsausrüstung für sich selbst: feste Schuhe und Handschuhe bei der Bodenarbeit sowie Reithelm, Reitstiefel/-schuhe, Reithandschuhe und gegebenenfalls Sicherheitsweste beim Reiten.

Inhalt

Vorwort zur überarbeiteten Ausgabe

Vorwort

Zielsetzung und Vorbilder

Erst Geist, dann Körper

Geschichte und Literatur

Sitz- und Schenkelhilfen

Frühgeschichte bis Renaissance

Barock

Klassizismus

Grundsitz

Der physische Sitz

Die sechs Schenkelhilfen

Der statische Sitz

Der fühlende Sitz

Der Sattel

Hand, Zügel und Gerte

Das Gebiss

Die Hand

Der Zügel

Die Gerte

Leichtigkeit

Grundlagen

Die akademische Leiter

Grundvoraussetzungen für das Training

Die Bodenarbeit

Schulterherein

Untertreten im Zickzack

Schulterherein an der Bande

Kruppeherein an der Bande

Traversale und Pirouette

Renvers

Longieren

Körperhilfen

Einwirkung mit der Hand auf den Kappzaum durch die Longe

Stimmhilfen

Gertenhilfen

Formgebung der Wirbelsäule

Fortgeschrittenes Longieren

Einreiten

Der Zirkel

Hilfengebung

Reiten auf dem Zirkel

Schulterherein

Hilfengebung

Kruppeherein

Hilfengebung

Halber Travers, Traversale

Renvers

Geraderichten

Von den vier Hinterbeinen

Formgebung der Oberlinie

Vorwärts-Abwärts

Mittlere Formgebung

Versammlung

Vorwärts-Aufwärts

Verstärkungen

Piaffe und Versammlung

Hilfengebung

Schulschritt

Pirouette und Karree

Pirouette

Hilfengebung

Karree

Fliegende Galoppwechsel

Passage

Schulparade

Levade

Levade oder Pesade?

Terre à Terre und Mezair

Schulen über der Erde

Croupade und Ballotade

Wiener Courbette

Kapriole

Arbeit an der Hand

Arbeit am Langzügel

Hilfengebung

Pilarenarbeit

Nachwort

Vorwort

zur überarbeiteten Ausgabe

Hugin

(Foto: Kirstin Ellerbaek/Archiv Bent Branderup)

Diese Ausgabe der „Akademischen Reitkunst“ möchte ich dem Pferd widmen, das mich zum Nachdenken gebracht hat: Hugin.

Dieses Jahr ist es 25 Jahre her, dass er zu einem Teil meines Lebens wurde. Er hatte Knochenbrüche in drei Beinen und ist völlig erblindet. So musste ich lernen, dass das Pferd nicht für die Reitkunst da ist, sondern die Reitkunst für das Pferd. Noch heute lerne ich von Hugin. Zurzeit zeigt er mir, wie man in Würde alt wird. In der germanischen Mythologie erhält der oberste Gott, Wotan, Kunde von seinen zwei Raben Hugin und Munin. Hugin heißt „Gedanke“, Munin heißt „Erinnerung“.

Die neue Ausgabe der „Akademischen Reitkunst“ ist umfangreicher geworden. Ich gehe an vielen Stellen mehr ins Detail, auch weil ich glaube, dass immer mehr Leser mir dorthin folgen können. Außerdem bin ich heute in der Lage, Details und Lektionen zu beschreiben, die meine Lehrmeister mich nicht lehren konnten, weil sie in Vergessenheit geraten waren, wie zum Beispiel Schulschritt und Schulparade. In meinen Studien der alten Meister sind sie mir aufgefallen, und nach jahrelangem Experimentieren mit meinen Schülern und meinen Pferden wurde mir klar, dass die Akademische Reitkunst ohne diese Elemente unvollständig ist.

Ich möchte mich herzlich bei einigen Menschen bedanken, die zur Überarbeitung des Buches beigetragen haben:

Lotte Lekholm, die mich bei der alltäglichen Arbeit fotografiert hat, sodass dieses Buch mit zahlreichen neuen, ungestellten Fotos illustriert werden konnte.

Kathrin Tannous für die Überarbeitung des Textes und die Übersetzung ins Deutsche, Ylvie Fros für die Übersetzung ins Englische.

Bent Branderup | Lindegaard 2013

Vorwort

(Foto: Kirstin Ellerbaek/Archiv Bent Branderup)

Ich habe mir gerade eine Tasse Tee eingeschenkt und möchte Ihnen jetzt erzählen, wie meine Reise in die Akademische Reitkunst begann:

Ursprünglich wollte ich Ethnologie studieren und mich auf historische Hippologie spezialisieren. Ich begann schon als Kind, mich in dänischen Museen nach alten Pferdesachen umzusehen. Durch Reisen erlebte ich hippologisches Kulturgut in ganz Europa, was mich bis in den hohen Norden nach Island führte, aber diese Geschichte soll ein anderes Mal erzählt werden.

Eines Tages stand ich vor den Toren von Jerez de la Frontera, ohne allerdings ein Wort Spanisch zu sprechen. Ich klopfte an, und überwältigt von den Türmen, Marmorsälen und Stallgewölben trat ich als Schüler in die Escuela Andaluza del Arte Ecuestre ein, die damals noch nicht den Beinamen „Real“ (königlich) trug.

Zwei viel zu kurze Jahre waren mir als persönlicher Schüler von Maestro Don Francisco Javier Garcia Romero vergönnt. Dieser große Reitpädagoge wurde mein väterliches Vorbild, indem er mich in die Welt der Hohen Schule einführte. Ihm ist es zu verdanken, dass ich nun mein Leben der Reitkunst widme.

Nach den glücklichen Jahren in der Stadt der schönen Weine, Frauen und Pferde begannen die Jahre der Pilgerschaft, in denen ich große Meister der klassischen Reitkunst aufsuchte, wie Salvador Sanchez, Nuno Oliveira und Egon von Neindorff, um die bekanntesten von ihnen zu erwähnen. Sie waren es, die mich nachhaltig prägten.

Der 24-jährige PRE-Hengst Jerezano war mein erster vierbeiniger Lehrmeister in der Akademischen Reitkunst. Heute ist einer der Stalltrakte der Real Escuela Andaluza del Arte Ecuestre nach ihm benannt. (Foto: Archiv Bent Branderup)

Natürlich habe ich auch Dummheiten gemacht, aber es waren alles Schritte, die dazu führten, dass ich eines Tages sesshaft wurde: Ich hatte Hugin getroffen, einen Hengst, dessen beide Sprunggelenke und dessen Krongelenk vorne links durch einen Unfall zertrümmert waren. Das Griffelbein hinten rechts war gebrochen, überlappend zusammengewachsen und durch die Sehnenscheide hindurch verknorpelt. Zu allem Überfluss wurde Hugin völlig blind. Ich lernte durch ihn, wie man ein Pferd mit durchdachten Übungen gesund und stark machen kann. Er lehrte mich, die Dressur für das Pferd zu nutzen, statt das Pferd für die Dressur zu benutzen.

Ich lerne täglich von den Pferden, die ich reite, und indem ich meine Gedanken formulieren muss, auch von den Problemen meiner Schüler, die ich zu lösen versuche. Ich möchte Ihnen die Gefühle vermitteln, die sich zwischen dem Reiter und seinem Pferd abspielen, Gefühle für eine der schönsten Kunstarten und höchste Genussgefühle, wie sie nur zwischen einem Menschen und einem Pferd entstehen können. Dies ist eines der schönsten kulturellen Erbgüter Europas, wie es an den Fürstenhöfen und in den Reitakademien vergangener Jahrhunderte gelehrt wurde. Mit diesem Buch werde ich versuchen, dieses Erbe an Sie weiterzureichen. Als Lehrling erlernt man die handwerkliche Grundlage, auf deren Basis man sich als Geselle künstlerische Freiheiten leisten kann, um dadurch zum Meister heranzureifen. Denn ein Meister ist niemals ein Kopist, sondern ein selbstständig ausübender Künstler.

Die freie Kunst nur für die Kunst – l’art pour l’art – birgt aber auch einige Gefahren in sich. Solange die Reiterei noch praktische Ziele hatte, wie Rinder zu hüten oder dem Feind im Kampf zu begegnen, konnte das Niveau zwar hoch oder niedrig sein, niemals aber widernatürlich. Hüten Sie sich vor einer Kunst, die nur künstlich ist und mit der Sie Ihrem Pferd schaden.

Möchten Sie die Reitkunst Teil Ihres Alltags werden lassen, müssen Sie durch die mühsamen Jahre gehen, in denen das Handwerkliche erlernt sein will. Dabei müssen – als Voraussetzung vor dem Handeln – Ihr Wissen und Ihr Körpergefühl geschult werden. Wir leben heute in einem Zeitalter des Konsums. Gutes Reiten kann nicht erkauft werden, man muss es erlernen.

Der raue Ton der Kavallerieschulen ist aber dem modernen Menschen zuwider. Auf diese Weise wird ein moderner Schüler also kaum lernen können. Gebildete Menschen, von denen es heute mehr gibt als je zuvor, werden eher mit den höfischen Umgangsformen der historischen Reitakademien harmonieren, weil sie einen Kontrast darstellen zu ihrem aufreibenden Arbeitsalltag. In Ruhe und Harmonie werden sie Ruhe und Harmonie mit ihrem Pferd finden.

Jaguar war ein Lusitanohengst vom Gestüt „Infante de Camara“. Mein geschätzter Lehrer Don Javier führte mit ihm die Schulquadrille an. Während meiner Ausbildung in Jerez war Jaguar das Pferd, das ich am häufigsten reiten durfte. Ich liebte dieses Pferd sehr und schulde ihm großen Respekt und tiefe Dankbarkeit. Als ich die Schule verließ, bot Don Javier mir den Hengst als Geschenk an. Ich konnte es mir leider nicht leisten, das Pferd mitzunehmen. Als ich ihn zurückließ, war dies einer der traurigsten Momente in meinem Leben. (Foto: Archiv Bent Branderup)

Sie können nicht erwarten, dass Sie Ihrem Pferd Lebensqualität geben können, wenn Sie selbst keine haben. Nur gemeinsam können Sie sie erobern. Bilden Sie sich aber nicht ein, Sie könnten Ihrem Pferd seine Natur wiedergeben. Nicht einmal die Kunst kann dem Pferd einen Lebensinhalt bieten, bei dem es wie in der Natur für das Überleben kämpfen und sterben muss. Gemeinsam aber können Sie auf einer künstlerischen Ebene ein Mehr an Lebensqualität erreichen.

Glauben Sie nicht, dass Sie Ihrem Pferd etwas beibringen müssen. Wir Menschen können höchstens das hervorrufen, was das Pferd schon in sich trägt und auch von allein ausführen würde, wenn die Situation es erforderte. Wir können dies schulen, verfeinern und abrufbar machen, aber nicht erzeugen, herstellen, produzieren. Wer akademisch reiten will, muss sich selbst schulen und von den Pferden lernen.

Zielsetzung und Vorbilder

Reiten ist Lebenskunst. Wenn Sie sich aufmachen, ein Künstler zu werden, werden Sie entdecken, dass ein Künstler nicht länger lebt, aber mehr.

Es ist im Leben wichtig, Ideale zu haben, die sowohl als Beispiel wie auch als Leitfaden zum Ziel fungieren. Ich hatte das Glück, große Lehrmeister zu haben, die mir als Vorbilder dienten. Dennoch ist mein größtes Vorbild ein Reiter, der mich niemals direkt unterrichtet hat, der aber durch seine Ausstrahlung alle, die zu meiner Zeit an der Schule von Jerez de la Frontera ritten, auf das Tiefste beeinflusste:Don Alvaro Domecq Diaz.

Besonders deutlich erinnere ich mich an seinen Ritt bei einer Abschiedsgala, dem letzten Stierkampf seines Sohnes Don Alvaro Domecq Romero, Leiter und Gründer der Real Escuela Andaluza del Arte Ecuestre. Weitaus jüngere und namhafte Rejoneadores ritten im Schatten des damals über 70-jährigen Don Alvaro Domecq Diaz. Mit einer Ruhe, als wäre er auf einer Sonntagspromenade, und mit der Würde eines Imperators begegnete der alte Mann dem schwarzen Stier, den er an unsichtbaren Fäden zu führen schien, genau wie seinen weißen Hengst. Es war eine Begegnung mit der Gefahr des Todes, in der dieser Reiter ohne imposante Tricks sauberes, unspektakuläres Können bewies. Er verkörpert für mich die Tradition der klassischen spanischen Reitkultur.

Sosehr ich aber Don Alvaro bewundert habe, war Don Francisco Javier Garcia Romero die wichtigste Begegnung meines Lebens und in meinen Augen der größte Pädagoge. Er verstand es, das Beste aus jedem Reiter herauszuholen, formte dabei aber keine Kopisten, sondern Individualisten. Sein enormes Fachwissen, sein großes Können, seine väterliche Geduld und Liebenswürdigkeit bleiben für mich menschliche und reiterliche Ideale, die ich stets anstreben werde und versuche, an meine Schüler weiterzureichen.

Noch im Alter von 70 Jahren verkörperte Don Alvaro Domecq Diaz die spanische Reitkunst in beeindruckender Perfektion.

Don Francisco Javier Garcia Romero, Ehrenmeister der Ritterschaft der Akademischen Reitkunst, begnadeter Pädagoge und Pferdemensch.

Nuno Oliveira experimentierte mit dem Baucheristischen Ausbildungssystem.

Egon von Neindorff, Großmeister der Ritterschaft der Akademischen Reitkunst, verkörperte die Ideale der klassischen deutschen Schule, wie Gustav Steinbrecht sie formulierte.(Fotos: Archiv Bent Branderup)

Nuno Oliveira war ein Magier, der uns Reiter genauso wie die Pferde in seinen Bann schlug. Er schien mit dem Pferd geistig und körperlich zu verschmelzen. Sein Wille war der Wille des Pferdes, und der Körper des Pferdes war sein Körper.

Egon von Neindorff ritt zu meiner Zeit leider nicht mehr selbst. Bei ihm lernte ich, dass auch sehr schlechte und schwierige Pferde zu höchstem Ausbildungsniveau gefördert werden können und dass das korrekte Handwerk dabei stets die Grundlage bleiben sollte. Er verkörpert für mich die deutsche Lehre in ihrer reinsten Form.

Meine Zielsetzung und meine Ideale sind eng mit meinen Vorbildern verknüpft durch Synonyme wie korrektes Handwerk, Fachwissen, Geduld, Verschmelzung zweier Lebewesen, sauberes, unspektakuläres Können und Ruhe. Und meine Reitweise? Dänisch? Spanisch? Portugiesisch? Oder deutsch? Ich würde eher sagen: gesamteuropäisch, denn die Akademische Reitkunst hatte in ganz Europa dieselben Ziele, nämlich das Pferd einhändig auf blanker Kandare durch alle Gänge und Touren der Hohen Schule führen zu können. Jede Art der Reiterei hat die einhändige Zügelführung als Ideal, denn die andere Hand braucht man für den Degen, die Lanze, das Lasso oder – wie es mir am besten gefällt – für das Sherryglas. Die Gebrauchsreiter wie Vaqueros, Cowboys, Buckaroos, Gauchos oder Gardians erreichen dieses Ziel durch einfachere Hilfengebung als der Akademische Reiter. Sie müssen aber auch nicht so nahe an einen Stier heran wie ein Rejoneador, und ihre Pferde waren ursprünglich weniger kostbar. Der Weg der Akademischen Reiter ist länger, denn sie verfügen über komplexere Hilfengebung, durch die sie ihre Pferde perfekter beherrschen und gymnastizieren können.

Auch wenn mein Pferd im Handel vielleicht keinen hohen Preis erzielen würde, ist es mir lieb und teuer. Deswegen möchte ich es optimal gymnastizieren und einsatzbereit erhalten. So lange es fein meine Hand sucht und mit beiden Hinterbeinen gleichermaßen unter den Schwerpunkt greift, befinden wir uns auf dem Pfad zur Akademischen Reitkunst.

Erst Geist, dann Körper

Wer bin ich in den Augen des Pferdes?

Swan ist im Nationalpark bei Ronda (Spanien) zusammen mit seinen Halbbrüdern bis zum Alter von vier Jahren wild aufgewachsen. Einige Schüler von mir und ich kauften gemeinsam die ganze Gruppe. Die Natur und 7000 Jahre Selektion haben diesen Pferden ein großartiges Talent gegeben. Wir müssen ihre Bewegung nur gerade so weit kultivieren, dass wir daran teilhaben können. Nur wenn der Reiter exakt in der Balance sitzt, stört er die natürliche Bewegung nicht und kann daran teilhaben.

„Die Anmut eines jungen Pferdes ist wie der Duft einer Blüte, der, einmal verflogen, nie wiederkehrt.“ Dieser Satz stammt von Pluvinel, der zu seinen Lebzeiten in mehrere Schlachten ritt. Es hieß auch: „Auf ein Pferd, das aus Angst gehorcht, ist kein Verlass. Es wird immer etwas geben, vor dem es sich mehr fürchtet als vor dem Reiter. Wenn es aber seinem Reiter vertraut, wird es ihn fragen, was es tun soll, wenn es sich fürchtet.“ Weit früher noch schrieb Xenophon, wobei er Simon von Athen zitiert: „Was ein Pferd unter Zwang tut, das beherrscht es nicht, noch sieht es schöner aus, als wenn man einen Tänzer durch Peitschen und Stacheln zum Tanzen zwingt.“

In unserer Zeit ist uns die Natur ein wenig fremd geworden. So kommt es, dass uns manchmal unnatürliche Bewegungen schöner erscheinen als sorgfältig geschulte und weiterentwickelte natürliche Bewegungen. Wir sehen zu viele angesehene Reiter auf Pferden sitzen, die jeden Glanz in den Augen verloren haben.

Wenn ich beginne, ein junges Pferd auszubilden, bemühe ich mich deshalb nicht zuerst um die Schulung seines Körpers, sondern um die Ausbildung seines Geistes. Ich möchte versuchen, seine Freundschaft zu gewinnen. Es soll sich darauf freuen, Zeit mit mir zu verbringen. Wenn es sich nicht auf mich freut, wenn es mir nicht entgegenkommt, mag das Pferd mir zwar gehören, aber es ist nicht „mein Pferd“. Wenn ich sein Ausbilder werden möchte, muss ich zuerst sein Freund sein. Das Pferd muss bereit sein, von mir zu lernen. Dann, und nur dann, kann ich von mir sagen, dass ich sein Ausbilder bin.

Geschichte und Literatur

Ich arbeite an einer Skulptur der Schulparade.

Ich hatte das Glück, von verschiedenen Meistern zu ihren Lebzeiten lernen zu können. Daneben versuche ich aber auch durch das Studium der Literatur alter Meister, durch das Studium der Geschichte, die Analyse von Bildern, Gemälden und Skulpturen zu lernen. In all diesen Werken liegt viel Wissen und Inspiration, die ich für meine eigene Arbeit mit Pferden nutzen kann.

Wie genau sich die Ausbildung von Reitern in den einzelnen Epochen und Ländern Europas gestaltet hat, können wir nicht rekonstruieren.

Für die aufwendige Ausbildung eines berittenen Kriegers können wir in den meisten Fällen annehmen, dass sich der Ausbildungsweg ähnlich gestaltete wie bei den mittelalterlichen Rittern. Hier gab es eine Meisterlehre, in der sich der Knappe von einem Ritter ausbilden ließ, um selbst zum Ritter heranzureifen. Der Ritter als adliger Berufssoldat verpflichtete sich, für seinen König zu kämpfen, wozu er nur nach entsprechender Ausbildung in der Lage war.