39 Stunden - Catherine Fox - ebook

39 Stunden ebook

Catherine Fox

0,0

Opis

Konzernchefin Sina König führt arrogant, hochnäsig und rücksichtlos die Firma. Ein graues Mäuschen wie die neue Sekretärin Lilly Neumeier hat es da nicht leicht. Doch dann geschieht das Unvorstellbare: An einem Wochenende bleiben beide zusammen im Fahrstuhl stecken. Notruf und Handy funktionieren nicht, und so müssen sie bis Montag ausharren - was nicht ohne Folgen bleibt ...

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Catherine Fox

39 STUNDEN

Liebesgeschichte

© 2014édition el!es

www.elles.de [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-95609-099-8

Coverfoto: © nikoniano – Fotolia.com

1.

Der Zusammenprall war unvermeidlich. Akten flogen durch die Luft und verstreuten ihren Inhalt über den Fußboden.

»Können Sie nicht aufpassen, Sie blindes Huhn?«, ging Sina König die kleinere Frau vor sich an, deren Brille auf die Nasenspitze gerutscht war und nur noch an einem Ohr festhing.

Lilly Neumeier richtete ihre Brille, ging sofort zu Boden und sammelte die losen Papierseiten ein. Die Frau war doch um die Ecke geschossen gekommen und hatte Lilly angerempelt!

»Suchen Sie sich gefälligst einen anderen Spielplatz für Ihr Papiermikado, aber nicht in meiner Firma!«, fuhr diese Lilly erneut an.

Noch ehe Lilly darauf etwas erwidern konnte, sah sie die Firmenchefin mit wehendem Rock um die nächste Ecke entschwinden.

»Oh je, Medusa hat ein neues Ablassventil gefunden«, hörte Lilly hinter sich eine Stimme sagen. Sie drehte sich um und sah in ein Paar warme grüne Augen. »Hi, ich bin Bianca.«

»Lilly.«

Bianca bückte sich und half Lilly beim Einsammeln. »Ich habe dich hier noch nie gesehen.«

»Es ist mein erster Arbeitstag. Und der fängt nicht besonders gut an.« Lilly war zerknirscht.

»Nur nicht gleich unterbuttern lassen. Wenn du hier durchhalten willst, brauchst du ein dickes Fell, am besten mehrere Schichten. Medusa zieht jedem regelmäßig mindestens einmal am Tag das Fell über die Ohren.« Bianca grinste breit.

Lilly sah Bianca erschrocken mit großen Augen durch ihre Brille an. »Wieso Medusa?«

Bianca musste bei diesem Anblick lachen. »Weil jeder, der sie anschaut, zu Stein erstarrt, so hart ist ihr Blick. Du wirst dich dran gewöhnen. Irgendwo mag sie außer ihrem guten Aussehen vielleicht auch einige menschliche Eigenschaften besitzen, aber die hat bisher noch keiner kennengelernt. In welcher Abteilung arbeitest du eigentlich?«

»Ich bin Sachbearbeiterin bei Tilo Schmidt.«

»Ach, unser Werbespezialist. Wenigstens hast du bei ihm keine Zickereien zu erwarten. Er ist in der Firma der Fels in der Brandung. Ganz anders als die Chefin. Da müssen mehrere Dinge gleichzeitig erledigt werden.«

»Mir macht Arbeit nichts aus. Besser als herumsitzen und nichts zu tun haben.«

»Kommt auf die Arbeit an.« Bianca lachte. »Du, ich muss los. Wir sehen uns. Ich wünsch dir viel Glück.«

»Danke.«

Lilly ging in ihr Büro und sortierte die losen Papierblätter wieder in der richtigen Reihenfolge, heftete sie ab und stellte die Ordner ins Regal.

»Frau Neumeier?« Tilo Schmidt stand in der Verbindungstür zu seinem Büro, das gleich neben Lillys lag. »Haben Sie sich bereits mit dem Grafikprogramm vertraut gemacht, damit Sie die Skizzen in den Computer übertragen können?«

»Meine . . .« Lilly räusperte sich kurz. ». . . Vorgängerin hat mich kurz eingewiesen. Ich denke schon, dass ich alles behalten habe, auch wenn es mir vielleicht noch nicht so schnell von der Hand gehen wird wie ihr.«

»Nun, Sie werden das schon hinbekommen. Ich hoffe nur, dass Sie in nächster Zeit nicht auch schwanger werden. Ich kann nicht ständig neue Sachbearbeiterinnen einarbeiten. Das kostet mich wertvolle Zeit.«

Ein Fels in der Brandung hat aber doch alle Zeit der Welt, dachte Lilly. »Keine Sorge, das wird mit Sicherheit nicht geschehen.«

Tilo sah Lilly mit zusammengezogenen Augenbrauen an. So richtig hatte er nicht verstanden, was sie damit meinte, hatte aber auch kein Interesse daran, es zu hinterfragen. Er ging an seinen Schreibtisch, nahm die Papierbögen und gab sie Lilly.

Lilly überflog die Skizzen mit einem Blick und fragte: »Bis wann müssen die fertig sein?«

»Donnerstagmittag.«

Ein kurzes Nicken war Lillys Antwort.

Konzentriert arbeitete sie verbissen daran, die Skizzen ihres Vorgesetzten in den Computer zu bringen. Die ersten beiden Tage machte sie Überstunden, doch dann hatte sie sich so gut eingearbeitet, dass es ihr zusehends schneller von der Hand ging.

Am Mittwoch gönnte Lilly sich zum ersten Mal die ihr zustehende Mittagspause. In der kleinen Kantine kaufte sie sich zwei belegte Brötchen und eine große Tasse Kaffee. Mit dem Tablett balancierte sie zwischen den besetzten Tischen zu einem freien Stuhl. Als sie dicht an einem Tisch vorbei musste, an dem angeregt diskutiert wurde, stand eine Frau auf, als Lilly gerade hinter ihr war.

Lilly stolperte über den Stuhl, den diese Frau zurückgeschoben hatte. Ihre Kaffeetasse fiel um, Kaffee schwappte über Lillys Bluse.

»Nicht schon wieder Sie!«, entfuhr es der Frau, die den Unfall verursacht hatte.

Lilly erkannte in ihr die Firmenchefin.

»So etwas tollpatschiges wie Sie ist mir auch noch nicht begegnet«, fuhr Sina König Lilly an und überprüfte ihr eigenes Kostüm nach Kaffeespritzern. »Wenn Sie in Ihrer Arbeit auch so schusselig sind, haben Sie hier keine Zukunft. Wer hat Sie überhaupt eingestellt?«

»Sie, Frau König.«

»Ich kann mich nicht entsinnen, dass Sie bei mir vorgesprochen haben.« Sina König musterte Lilly von oben bis unten. Etwas geringschätzig, wie Lilly schien. Sina überlegte krampfhaft, wann sie diese graue Maus mit dem streng zu einem Knoten zusammengesteckten Haar eingestellt haben sollte.

»Sie haben es Herrn Schmidt überlassen, die Wahl zu treffen«, antwortete Lilly wahrheitsgemäß.

»Ich werde nie wieder eine Blankounterschrift unter eine Bewerbungszustimmung geben«, fasste Sina diesen Entschluss mehr für sich selbst, als dass es eine Antwort war. Damit ließ sie Lilly mit ihrer verschmutzten Bluse stehen und verschwand aus der Kantine.

Während jener wenigen Sekunden hatte es keiner gewagt, Lilly zur Seite zu stehen. Erst als die Chefin außer Hörweite war, boten sie Hilfe an.

Lilly wehrte dankend ab. Ihr war der Appetit vergangen. Sie stellte das Tablett auf dem Tisch ab und rannte mit Tränen in den Augen aus der Kantine. An der Tür stieß sie fast mit Bianca zusammen, die gerade hereinkam. Lilly hatte sich noch nie so erniedrigt gefühlt. Auch wenn sie neu in der Firma war, gab es der König nicht das Recht, sie vor all den anderen so herunterzuputzen!

Schluchzend saß sie an ihrem Schreibtisch, das Gesicht in ihren Händen vergraben.

Es klopfte leise an der Tür. Bianca steckte ihren Kopf herein. »Darf ich reinkommen?«

Lilly sah auf und wollte eigentlich den Kopf schütteln. Momentan mochte sie niemanden sehen. Schließlich brachte sie dennoch ein tränenersticktes »Ja« zustande.

Mit dem Fuß schob Bianca die Tür auf und kam mit einem Tablett herein, das sie vor Lilly auf dem Schreibtisch absetzte. Lilly sah ihre beiden Brötchen darauf und eine frische Tasse Kaffee.

»Du solltest nicht nur arbeiten, sondern auch was essen«, sagte Bianca fürsorglich.

»Ach, du bist lieb! Aber ich bringe gerade keinen Bissen runter. Mir ist der Appetit vergangen.«

»Trink zumindest den Kaffee. Hier, ich habe dir noch was mitgebracht.« Bianca zog eine unter ihren Arm geklemmte zusammengelegte Bluse hervor. »Ich habe immer Wäsche zum Wechseln in meinem Büro.« Sie legte die Bluse neben das Tablett auf den Tisch.

»Das wäre wirklich nicht nötig gewesen. Ich danke dir.« Lilly stand vor Rührung bereits wieder das Wasser in den Augen.

»Kollegen sollten zusammenhalten. Wäre ich vorhin dabei gewesen, hätte ich Medusa schon einige Takte gesagt.«

»Mir kommt es eher so vor, als würde sich hier keiner trauen, sich gegen sie aufzulehnen.« Ich getraue es mir ja auch nicht, dachte Lilly. Sie nippte an dem heißen Kaffee und bemühte sich, ihre Fassung wiederzugewinnen.

»Die meisten schon, weil Medusa sowieso immer das letzte Wort hat und somit jedes Gegenargument in Grund und Boden tritt. Sie hat immer Recht. Das Dumme ist, dass es zu achtundneunzig Prozent auch stimmt.«

»Und die restlichen zwei Prozent?«

»Die werden geschickt kaschiert, damit keiner ihren Fehler bemerkt. Ich muss wieder los.« Bianca war schon auf dem Weg zur Tür. »Wenn du eine Verbündete brauchst: Ich sitze eine Etage höher, Zimmer fünfzehn. Ach übrigens, weißt du schon von dem betriebsinternen Sportfest am Freitag? Kommen ist Pflicht.«

»Ein Sportfest? Davon hat mir noch keiner was gesagt.«

»Ja, Medusa legt Wert darauf, dass ihre Angestellten und Mitarbeiter fit sind. Daher findet jedes Jahr ein solches Sportfest statt. Der Gewinner bekommt eine vierzehntägige Urlaubsreise in die Karibik. Und der Verlierer ein Jahres-Abo fürs Fitnessstudio.«

»Na toll!«

»Erkundige dich mal bei Tilo nach den Einzelheiten. Ich muss jetzt wirklich los. Bis später.«

Verdattert saß Lilly an ihrem Schreibtisch. Ihre erste Woche war der Horror!

In der Ruhe ihres Büros aß sie ihre Brötchen und ließ sich dabei die Begegnungen mit der Chefin durch den Kopf gehen. Sollte sie ihr Kontra geben? Das hätte mit Sicherheit ihren Rauswurf zur Folge. Sie war froh, endlich einen Job gefunden zu haben. Außerdem war das nicht Lillys Art. Sie mochte keinen Streit heraufbeschwören. Lieber steckte sie ein.

Lilly widmete sich wieder ihrer Arbeit. Bis zum frühen Nachmittag hatte Lilly ihren Auftrag fertig und überbrachte das Ergebnis Tilo.

»Die Skizzen sind fertig. Das sind die Ausdrucke. Wenn Sie bitte nachsehen würden, ob sie Ihre Zustimmung finden?«

Tilo zog erstaunt die Augenbrauen hoch. »Sie sind aber schnell. Ich schaue es sofort durch und gebe Ihnen dann Bescheid.«

Mit einem Nicken verließ Lilly sein Büro und machte sich wieder an ihrem Schreibtisch zu schaffen. Ihr war nicht entgangen, wie er sie gemustert hatte. Nun, Biancas Bluse war figurbetont, während Lilly eher nicht so enge Kleidung bevorzugte. Aber sie konnte ja schlecht mit der beschmutzten Bluse ihrem Vorgesetzten gegenübertreten.

Wenig später kam Tilo aus seinem Büro.

»Sie haben gute Arbeit geleistet«, lobte er Lilly, die verlegen nach unten schaute. »Ihre Ideen sind hervorragend. Ich würde die Punkte, die Sie zusätzlich vorgeschlagen haben, gern in dem Projekt unterbringen. Ist es zu viel verlangt, wenn Sie mir dazu noch eine PowerPoint-Präsentation erstellen? Dann können wir morgen unserem Kunden schon die Ergebnisse offerieren.«

Lilly fiel ein Stein vom Herzen. Das Lob ihres Vorgesetzten war Balsam für ihre Seele. Die erste Hürde in dieser Firma hatte sie geschafft!

»Ich denke schon, dass ich das bis morgen schaffe.« Glücklicherweise kannte sie sich mit dem Programm gut aus und sah darin kein Problem.

»Gut. Ich schicke Ihnen gleich die Kalkulationen dazu via Mail, damit Sie alle nötigen Daten zur Verfügung haben.«

»Geht in Ordnung.«

Kurz bevor Tilo in seinem Büro verschwand, drehte er sich noch einmal um. »Übrigens . . . die Bluse steht Ihnen gut.« Damit schloss er die Tür.

Lilly spürte die Röte in ihrem Gesicht aufsteigen und war froh, dass ihr Vorgesetzter das nicht mehr gesehen hatte. Er mochte zwar zwanzig Jahre älter als sie sein, so in etwa in den Fünfzigern, dennoch waren ihr solche Blicke unangenehm.

Sie ging auf die Toilette, wusch sich die Hände und betrachtete dabei kritisch ihren Oberkörper im Spiegel. Ihre üppigen Brüste waren in der engen Bluse ein Blickfang. Genau das war es, was Lilly eigentlich nicht wollte: Die Blicke der Männer auf sich ziehen. Bisher konnte sie geschickt mit die Figur umspielenden Blusen ihr breites Becken kaschieren. Sie war nun mal ein Vollweib, nicht dick, aber einige Kilo weniger an der einen oder anderen Stelle würde sie sich schon wünschen.

Unzufrieden biss sie sich auf die Unterlippe. Morgen würde sie wieder in ihrem eigenen, unscheinbaren Outfit erscheinen und sich ein zweites im Schreibtisch verstauen, falls irgendwann wieder ein Wechsel nötig war. Auffallen war das Letzte, was sie wollte.

Als sie ins Büro zurückkam, blinkte auf ihrem Computer das E-Mail-Postfach. Tilo hatte ihr die Zahlen geschickt. Sofort machte sich Lilly an die Erstellung der PowerPoint-Präsentation.

Gegen vier verließ Tilo sein Büro. Beim Abschied fragte Lilly ihn: »Wie ist das eigentlich mit Freitag?«

»Freitag? Wieso? Ach – das Sportfest. Das habe ich glatt vergessen.« Tilo schlug sich mit der Hand vor die Stirn. »Ja, da müssen wir beide wohl irgendwie durch.«

»Beide?«

»Ja. Es wird in Teams angetreten. Jede Abteilung bildet ein Team, und alle treten gegeneinander an.«

»Aha. Was werden denn für sportliche Disziplinen verlangt?«

»Das ist jedes Jahr unterschiedlich. Die Chefin lässt sich jedes Mal etwas Neues einfallen. Es kommt ihr dabei auf das Teamwork an. Eine Grundvoraussetzung, damit in ihrer Firma Höchstleistungen erbracht werden.«

»Da werden wir wohl nicht besonders gut abschneiden«, meinte Lilly.

»Wie kommen Sie denn darauf?«

»Die anderen sind ja alle schon aufeinander eingespielt . . . Ich weiß noch gar nicht so recht, wo der Hase langläuft«, meinte Lilly etwas deprimiert.

»Lassen Sie sich keine grauen Haare wachsen. Wir schaffen das schon.«

»Ich bin keine Sportskanone.«

»Sie werden sich wundern, wer alles zwei linke Füße in dieser Firma hat!« Tilo lachte herzlich. »Das allein ist der Spaß schon wert.«

Ich habe bestimmt nicht nur zwei linke Füße, sondern zwei Holzbeine noch dazu, dachte Lilly von sich. »Muss ich was Spezielles mitbringen?«

»Treten Sie pünktlich um acht in Jogginganzug und Turnschuhen an. Alles Weitere ist eine Überraschung.«

Lilly war nicht wohl bei dem Gedanken an den kommenden Freitag. Sich davor zu drücken ging auch nicht, sonst konnte sie ihren Job gleich vergessen. Es blieb ihr nichts weiter übrig, als der Dinge zu harren, die auf sie zukommen würden.

Den Donnerstag widmete Lilly der Fertigstellung der PowerPoint-Präsentation.

Gegen Mittag kam Sina König herein, eine Akte unter dem Arm.

»Sie schon wieder«, konnte sie sich nicht verkneifen, ihre Einstellung zu Lilly zu offenbaren.

»Guten Tag«, antwortete Lilly, als hätte sie diese Bemerkung nicht gehört, und arbeitete weiter an ihrem Computer.

Erstaunt blieb Sina stehen. Mit derartiger Ignoranz hatte sie bei dieser unscheinbaren Sekretärin nicht gerechnet. Ein solches Verhalten war Sina neu. Die Angestellten in der Firma ließen sofort alles aus den Fingern fallen, wenn sie aufkreuzte, und standen zu ihrer Verfügung. Aber diese graue Maus hier . . . Nun, das würde sie auch noch lernen! Ansonsten hatte sie in der Firma keine Zukunft.

»Ist Tilo in seinem Büro?«

»Ja.« Lillys Blick haftete weiter konzentriert auf dem Computerbildschirm. Wann würde diese Person endlich wieder verschwinden? Lange konnte Lilly diese äußere Ruhe nämlich nicht mehr aufrechterhalten. Diese Sina König machte sie nervös.

»Unerhört!« Sina holte tief Luft. Sie stand kurz vor der Explosion.

Lilly beachtete sie weiterhin nicht. Ihre Finger glitten unentwegt über die Tastatur.

Mit zornesrotem Gesicht rauschte Sina in Tilos Büro und ließ die Tür hinter sich lautstark ins Schloss krachen.

»Hui, welcher Tornado weht dich denn herein?« Tilo zuckte erschrocken zusammen.

»Falls du dieses Schrapnell da draußen nächste Woche immer noch dort sitzen hast, kannst du gleich mit ihr die Firma verlassen!« Sina kochte vor Wut.

»Wieso? Was hat sie dir denn getan?«, wollte Tilo wissen.

»Wenn sie so schnell arbeitet, wie sie reagiert, leben wir bald in Zeitlupe.«

»Sie ist gut«, sagte Tilo.

»Gut nennst du das? Da rennt ja eine Schnecke schneller über die Straße!«

»Ich habe lange keine solch fähige Mitarbeiterin gehabt. Sie hat eine hervorragende Auffassungsgabe, verfügt über ein hohes Maß an Selbständigkeit und bringt gute Ideen ein. Wenn du auf solche Mitarbeiterinnen in deiner Firma verzichten kannst . . .«

Sina winkte ab. »Manieren scheint sie jedenfalls keine zu haben. Egal jetzt. Ich habe Änderungen für das Heymann-Projekt. Bekommst du das bis Montag hin?«

»Ich denke schon.« Tilo nickte zuversichtlich.

Lächelnd verließ Sina sein Büro. Als sie an Lilly vorbeikam, gefror ihr Lächeln, denn Lilly würdigte sie keines Blickes.

Den Rest des Tages konnte Lilly sich mit ihrer Arbeit ganz gut ablenken. Abends wuchsen wieder Zweifel in ihr, ob sie das Sportfest am nächsten Tag schaffen oder als Niete dastehen würde. Sie würde sich sicher blamieren. Letztendlich kam sie zu dem Schluss, dass alles im Leben seinen Sinn hatte. Wenn es nicht anders ging, würde sie den Wettkampf halt verlieren und ihren Job ebenso. Dann hatte es eben nicht sein sollen. Irgendwo anders wartete sicher eine neue Herausforderung.

2.

Bei ihrem Eintreffen auf dem Firmengelände am Freitagmorgen konnte Lilly sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Sonst in Anzug und Krawatte beziehungsweise in Rock und Blazer, waren viele der Männer und Frauen in ihren Jogginganzügen nicht wiederzuerkennen.

»Guten Morgen, Lilly«, begrüßte Tilo sie. »Sie sehen sehr sportlich aus.«

Lilly erwiderte den Gruß und fügte hinzu: »Sieht das in einem Jogginganzug nicht jeder?«

»Übrigens ist Ihre PowerPoint-Präsentation sehr gut geworden. Den Termin für die Vorstellung mussten wir allerdings auf Dienstag verschieben. Der Kunde ist seit gestern Morgen auf Geschäftsreise im Ausland.«

Inzwischen waren die restlichen Mitarbeiter der Firma eingetroffen sowie auch die Chefin selbst. Sie war in ihrem sportlichen engen Outfit ein absoluter Hingucker, und Lilly konnte den Blick nicht von ihr lassen. Eine solch traumhafte Figur lag für sie Lichtjahre entfernt. Aber nicht nur das. Sina König hatte etwas, das Lilly faszinierte, trotz der arroganten Art, die sie an den Tag legte.

Sina begrüßte ihre Untergebenen und stimmte sie auf das kommende Event ein. »Es gibt in diesem Jahr die gewohnten Einzeldisziplinen wie Einhundertmetersprint, Weitsprung und Kugelstoßen, wobei für das einzelne Team das jeweilige Mittel errechnet wird. Hinzu kommt diesmal eine Disziplin Typisch Mann und Typisch Frau. Last, but not least ein Orientierungslauf. Ich erwarte von jedem Bestleistungen!«

Die Belegschaft bestieg die beiden bereits wartenden Busse, die sie zum Sportpark brachten. Dort übergab Sina das Wort an den leitenden Trainer, der eine detaillierte Einweisung vornahm.

Als die Teams an ihre Plätze gingen, schüttelte Lilly mit dem Kopf. »Auf solch eine Idee muss man erst mal kommen. Disziplin Typisch Mann, Typisch Frau.«

»Das ist Sina.« Tilo lachte. »Solche verkorksten Einfälle kommen jedes Jahr von ihr.«

Sie waren an der Sprintstrecke angekommen und machten sich mit einigen gymnastischen Übungen warm. Lilly sah skeptisch auf die Laufbahn. »Sprint war noch nie meine Sache. Ein Schnitzel läuft schneller als ich.«

»Ich nehme Sie eben Huckepack«, sagte Tilo.

»Davon würde ich abraten. Davon ziehen Sie sich womöglich einen Bandscheibenvorfall zu, und wir sind aus dem Rennen. Dann müssen wir die nächsten zwölf Monate gemeinsam ins Fitnessstudio.«

»Eine gesunde Alternative.« Tilo lachte.