1965: Rue de Grenelle - J. R. Bechtle - ebook

1965: Rue de Grenelle ebook

J. R. Bechtle

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Opis

Politische Intrigen, eine unmögliche Liebe und ein gefährliches Geheimnis führen den Leser in das dunkle Labyrinth des unterirdischen Paris des Jahres 1965. Oktober 1965: Steffen träumt von einem Studium an der renommierten Grand École Science Po in Paris. Für die Aufnahmeprüfung reist der Münchner in die französische Hauptstadt zu seinem Freund André, der ein großes Appartement in der Rue de Grenelle bewohnt. In diesem mit vergilbten Häkeldecken und Brokatvorhängen ausstaffiertem Reich, das André von seiner Tante, einer Gräfin, geerbt hat, scheint die Zeit stillzustehen. André jedoch ist wie ausgewechselt: Anstatt zu studieren, arbeitet er mit fieberhaftem Eifer an einem streng geheimen Projekt: eine Karte des berüchtigten Pariser Untergrunds. Feine Linien markieren uralte Wege und Stollen, in denen im zweiten Weltkrieg Widerstandskämpfer und vom Naziregime Verfolgte Zuflucht fanden. Und Steffen trifft Sarah, eine Jüdin, in die er sich Hals über Kopf verliebt. Als André auf offener Straße von einem unbekannten Angreifer attackiert wird und immer neue unbekannte Gesichter in seiner Wohnung auftauchen, ahnt Steffen, dass die Karte einem Verbrechen dienen soll. Die Ereignisse überschlagen sich und führen Steffen in den Pariser Untergrund. Verloren im dunklen Geflecht der feuchten Gänge, wird ihm klar, er hat sich weit vorgewagt, vielleicht zu weit. Doch als kein Weg mehr zurückführt, hat er mit einem Mal ein klares Ziel vor Augen. Auf spannende Weise lässt J. R. Bechtle das Paris der 60er Jahre auferstehen. In lebendigen Szenen erzählt er von verdeckten politischen Intrigen, der Arbeit von Geheimdiensten und einer Liebe gegen alle Widerstände, die den Helden in ein weitverzweigtes Netz an Geheimnissen vordringen lässt.

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Politische Intrigen, eine unmögliche Liebe und ein gefährliches Geheimnis führen den Leser in das dunkle Labyrinth des unterirdischen Paris des Jahres 1965.

Oktober 1965: Steffen träumt von einem Studium an der renommierten Grand École Science Po in Paris. Für die Aufnahmeprüfung reist der Münchner in die französische Hauptstadt zu seinem Freund André, der ein großes Appartement in der Rue de Grenelle bewohnt. In diesem mit vergilbten Häkeldecken und Brokatvorhängen ausstaffiertem Reich, das André von seiner Tante, einer Gräfin, geerbt hat, scheint die Zeit stillzustehen. André jedoch ist wie ausgewechselt: Anstatt zu studieren, arbeitet er mit fieberhaftem Eifer an einem streng geheimen Projekt: eine Karte des berüchtigten Pariser Untergrunds. Feine Linien markieren uralte Wege und Stollen, in denen im zweiten Weltkrieg Widerstandskämpfer und vom Naziregime Verfolgte Zuflucht fanden. Und Steffen trifft Sarah, eine Jüdin, in die er sich Hals über Kopf verliebt. Als André auf offener Straße von einem unbekannten Angreifer attackiert wird und immer neue unbekannte Gesichter in seiner Wohnung auftauchen, ahnt Steffen, dass die Karte einem Verbrechen dienen soll. Die Ereignisse überschlagen sich und führen Steffen in den Pariser Untergrund. Verloren im dunklen Geflecht der feuchten Gänge, wird ihm klar, er hat sich weit vorgewagt, vielleicht zu weit. Doch als kein Weg mehr zurückführt, hat er mit einem Mal ein klares Ziel vor Augen.

Auf spannende Weise lässt J. R. Bechtle das Paris der 60er Jahre auferstehen. In lebendigen Szenen erzählt er von verdeckten politischen Intrigen, der Arbeit von Geheimdiensten und einer Liebe gegen alle Widerstände, die den Helden in ein weitverzweigtes Netz an Geheimnissen vordringen lässt.

Für Nancy,

die Anregung zu diesem Buch

Vergangenheit, Gegenwart, brüchiges Eis.

Unsichere Fragen, überall wo ich hintaste.

Nur in unserer Umarmung nicht,

da sind wir vor allem sicher.

Aus Steffens Pariser Tagebuch

Inhalt

Freitag, 15. Oktober 1965

Samstag, 16. Oktober 1965

Sonntag, 17. Oktober 1965

Montag, 18. Oktober 1965

Dienstag, 19. Oktober 1965

Mittwoch, 20. Oktober 1965

Donnerstag, 21. Oktober 1965

Freitag, 22. Oktober 1965

Samstag, 23. Oktober 1965

Sonntag, 24. Oktober 1965

Montag, 25. Oktober 1965

Dienstag, 26. Oktober 1965

Mittwoch, 27. Oktober 1965

Donnerstag, 28. Oktober 1965

Freitag, 29. Oktober 1965

Samstag, 30. Oktober 1965

Sonntag, 31. Oktober 1965

Montag, 1. November 1965

Dienstag, 2. November 1965

Epilog: Samstag, 6. November 1965

Impressum

Über den Autor

Leseprobe aus dem Roman des Autors »Hotel van Gogh«

Freitag, 15. Oktober 1965

Steffen blickt aus dem Abteilfenster, als der Zug der französischen Grenze entgegenrast. Das ganze nächste Jahr in Paris, das kann er nach dieser Nacht doch kaum noch wollen!

Er nimmt nur unscharf die vorbeihuschende Landschaft wahr. Herbstlich gelb die Weite der Rheinebene, von der Sonne beschienene Wolkenballen schweben über den grünen Bergrücken des Schwarzwalds. Ob Claudia ihn überhaupt vermissen wird?

Er hat sie am letzten Tag des vergangenen Sommersemesters kennengelernt. Kurz danach ist er nach Hamburg gefahren, um sein dreimonatiges Praktikum bei einer Tageszeitung anzutreten. Erst als er vor wenigen Tagen nach München zurückgekommen ist, haben sie sich wiedergesehen. Sie haben die letzte Nacht miteinander verbracht.

»Ich sollte dich eigentlich nicht alleine verreisen lassen«, verabschiedete sie ihn am Morgen.

Unvermittelt hatte die Reise nach Paris, die dazu dienen sollte, die Aufnahmeprüfung an der Grande École Sciences Po abzulegen, ihre Bedeutung verloren. Auch einige Tage bei seinem Freund André werden ihn kaum dafür entschädigen, was er in dieser Zeit mit Claudia in München alles hätte erleben können. André hatte ihn zudem bereits vorgewarnt, dass der Besuch für ihn zeitlich ungünstig käme, da er im Augenblick wahnsinnig viel zu tun habe. Alles sprach gegen die Reise, nur dass er dies in München nicht hatte wahrhaben wollen, und jetzt kommt jede Einsicht zu spät. Missmutig drückt Steffen seine Stirn an das Fenster. Dabei hatte er sich das Studium in Paris an einer der französischen Eliteuniversitäten als Belohnung für den erfolgreichen Juraabschluss vorgestellt. Als er mit sechzehn als Austauschschüler zum ersten Mal bei Andrés Familie zu Besuch war, gab es für André und seine Freunde nur eine Zukunft: nach dem Baccalauréat, dem französischen Abitur, an der Sciences Po, der École Polytechnique oder einer der anderen erstrangigen Pariser Hochschulen zu studieren und danach eine Karriere als Diplomat, Beamter, Bankier oder Unternehmer anzustreben. Während dieser Zeit wollten sie natürlich weiterhin auf den Bänken im Jardin du Luxembourg über Literatur und Poesie diskutieren und lange Nächte in den verräucherten Jazzkellern in Saint-Germain-des-Prés verbringen. Unabhängig sein, angesehen und intellektuell, dafür konnte sich Steffen damals wie heute begeistern.

Das Wintersemester in München würde unmittelbar nach seiner Rückkehr von dieser Reise beginnen. Sein siebtes Semester, ein Jahr war es noch bis zum ersten juristischen Staatsexamen, und dann wartete Paris. Er hat sich einen anspruchsvollen Studienplan vorgenommen, es musste ein Jahr ohne jede Ablenkung sein, und nun erhielten seine guten Vorsätze durch Claudia bereits den ersten Dämpfer.

Als der Zug in den Hauptbahnhof von Straßburg einrollt, verspürt er trotzdem wieder diese Aufregung, die ihn noch jedes Mal bei der Ankunft in Frankreich befallen hat. Er atmet tief durch, seine Stimmung hebt sich. Die Ortsansage auf Französisch, das »Bourg« länger gezogen und weicher als das deutsche »Burg«. Er schnappt französische Wortfetzen auf, sieht farbige Werbeplakate für Gitanes-Zigaretten und Pernod, das überdimensionale Bild von Johnny Hallyday auf einem Anschlag der Paris Match, ein Plakat des neuesten Films von Alain Delon. Ein anderes Land, es duftet anders, fühlt sich anders an, die Stimmung wandelt sich, ist plötzlich ungezwungen und lebhaft, so erscheint es Steffen jedenfalls. Auch er selbst fühlt sich, wie bei jedem Frankreichbesuch, verändert, als ob er in eine neue Haut schlüpfe, die diesseits der Grenze auf ihn wartet.

Neue Reisende steigen zu. Er bemerkt, wie ihn der Mann auf dem Sitz gegenüber mustert.

»Deutscher?« Eher eine Feststellung.

Steffen nickt, antwortet mit einem kurz angebundenen »Ja«. Dabei spürt er, wie er die Blicke der anderen Fahrgäste auf sich zieht. Der Mann trägt einen gestreiften grauen Anzug, der Stoff eigentlich zu schwer für den warmen Herbsttag. Sein Gesicht ist fahl und faltig, das angegraute Haar glatt zurückgekämmt. Abgestandener Zigarettengeruch hängt an ihm.

»Wohin fahren Sie?«, erkundigt er sich nach einer Weile.

»Paris.«

»Sie sind Student?«

»Ich studiere in München.«

»Wo haben Sie Französisch gelernt?«

»Ich bin häufig in Frankreich gewesen, in Paris, aber auch im Süden.«

»Es gefällt Ihnen wohl hier?«

Er scheint keine Antwort zu erwarten, gedankenverloren wiegt er den Kopf. Schließlich öffnet er seine Zeitung. Buchhalter oder Angestellter, schätzt Steffen, zum Manager hat es wohl nicht gereicht. Dabei denkt er an seinen Vater, erfolgreich als Exportmanager einer Werkzeugmaschinenfabrik in Stuttgart. Beide dürften im selben Alter sein, aber sein Vater macht einen weniger verbrauchten Eindruck. Vielleicht sind es die französischen Zigaretten, die den Unterschied machen.

Hinter Straßburg gehen die Ausläufer der Stadt in eine hügelige Landschaft über. Abgeerntete Felder im Mittagsdunst, die sattgrünen Wiesen sind mit in den Himmel schießenden Pappeln und hängenden Weiden gesäumt. Ein Bild zeitloser Zufriedenheit. Die kleinen Dörfer der Vogesen mit ihren roten Schieferdächern, die sich schützend an die spitz aufragenden Kirchtürme schmiegen. Deutsch klingende Orte wie Marlenheim oder Stephansfeld. Manchmal kann Steffen im Vorbeifahren nur die Namensenden »-dorf« oder »-weiher« erkennen. Er bemerkt, dass sein Gegenüber über den Zeitungsrand hinweg auch aus dem Fenster blickt.

»In dieser Gegend habe ich gegen die Deutschen gekämpft. Gerade erst zwanzig Jahre ist das her.« Er wendet den Blick nicht von der Landschaft ab. »Wie viel Blut hier geflossen ist, genau wie schon im Ersten Weltkrieg.«

Steffen erinnert sich an einen Ausflug vor über fünf Jahren zum Hartmannsweilerkopf, irgendwo hier in der Nähe. Sein Vater wollte ihm und seiner jüngeren Schwester die Überbleibsel der Kriege als Mahnung fürs Leben zeigen. Schützengräben und Bombentrichter ohne Ende, aufgewühlte Erde, Stacheldraht und verrostetes Blech. Und die makellos und gleichförmig angelegten Kriegsgräberfelder. Aber wie seltsam fern und unvorstellbar dies alles beim Blick auf die Gegenwart für ihn war. Ihm fällt seine kleine Schwester ein, damals gerade zwölf Jahre alt, die sich, gelangweilt auf dem Rundgang im Nebel, unvermittelt an ihn wandte. »Weißt du, wie viele hier tot sind?«

»Keine Ahnung«, brummte er, während er über die scheinbar bis ins Unendliche reichenden weißen Kreuze blickte.

»Alle!« Sie lachte ihm ins Gesicht, unbefangen angesichts der bedrückenden Vergangenheit und trotz des missbilligenden Blickes des Vaters.

»Wo war Ihr Vater im Krieg?« Der Mann blickt ihn plötzlich prüfend an.

Steffen ist die aufgezwungene Unterhaltung lästig. Die beiden anderen Mitreisenden in ihrem Abteil, ein biederes Ehepaar, verfolgen ihr Gespräch.

»In Nordafrika, er wurde dort von den Engländern gefangen genommen und hat den Rest des Krieges in verschiedenen Gefangenenlagern in der Wüste verbracht.«

»In Nordafrika unter Rommel? Das war ein Stratege und Soldat, wie es ihn selten gibt, aber am Ende hat er doch verloren, erst in Nordafrika und später in Frankreich.«

In seiner Stimme schwingt Hochachtung mit, aber auch eine gewisse Selbstzufriedenheit. Steffen nickt ihm zu, ohne weiter darauf einzugehen. Er hatte nicht gewusst, dass Rommel auch in Frankreich war. Aber für ihn ist dieser Krieg sowieso abgehakt, Geschichte. Heute, 1965, geht es längst um anderes.

»Ich war auch Kriegsgefangener, bei euch. Nicht lange, aber es war eine schlimme Zeit. Und nun überrollt ihr Deutschen unser Land mit euren Autos, als hättet ihr den Krieg gewonnen. Was studieren Sie denn?«

Zu Steffens Erleichterung greift der Ehemann, der ihm schräg gegenübersitzt, in das Gespräch ein.

»Lassen Sie die Vergangenheit Vergangenheit sein, Deutschland und Frankreich sind heute die Säulen eines vereinten Europas. Die Zukunft unserer Jugend ist eine gemeinschaftliche. Deutsche und Franzosen haben dieselben Interessen.« Seinem Akzent nach stammt der Mann aus dem Elsass. »Mein Sohn arbeitet bei der Niederlassung einer deutschen Firma, in der Nähe von Colmar. Also bitte! Das ist heute alles ganz normal.«

Seine Frau nickt beifällig. Steffens Gegenüber macht eine beschwichtigende Geste.

Steffen ist es seit jeher schwergefallen, die Kriege zwischen Deutschen und Franzosen nachzuvollziehen. André ist sein bester Freund, mit ihm hatte er sich vom ersten Moment an bestens verstanden. Von ihrer Art her sind ihm die Franzosen sympathischer als die Deutschen, wobei er allerdings Frankreich nur von der angenehmen Seite her kennt, das waren Ferien ohne Zwang, ohne Erwartungen, denen er entsprechen musste.

Er blickt wieder aus dem Fenster, die düsteren Wälder der Vogesen ziehen vorbei. Das bedrohliche Dunkel scheint plötzlich gerade hier, trotz allem, bedrückend nah.

»Sie haben recht, und dennoch …«, antwortet sein Gegenüber nach einem Moment des Schweigens. »Nach vier Monaten Kriegsgefangenschaft ließen sie mich wieder frei. Vor dem Krieg war ich Eisenbahner, und sie brauchten die Züge, für ihren Krieg und ihre Transporte, Menschen in Viehwaggons gepfercht. Wir ahnten, wo die Reise hinging, aber wir konnten nicht helfen, hinter uns die SS, bei dem geringsten Hilfeversuch wurde scharf geschossen. Keiner hat eine noch so kleine Geste Menschlichkeit gewagt. Ob jemand Essensreste oder Wasser verteilte, auch bei unerlaubtem Anhalten auf offener Strecke wurde sofort geschossen. Wir hatten unsere eigene erbärmliche Angst. Die verzweifelte Hilflosigkeit in diesen Augen hinter den Ritzen der Waggons lässt sich jedoch niemals vergessen. Aber es ist sicher richtig, dass man der Jugend nun eine Chance gibt.«

Er hatte dem Elsässer an seiner Seite geantwortet, doch Steffen weiß, dass die Worte an ihn gerichtet sind. Ein Gefühl der Verlegenheit überkommt ihn. Der Elsässer wiegt bedächtig den Kopf, schweigt aber. Nur das lärmende Rütteln des Zuges ist noch zu hören.

In Nancy steigen Steffens Mitreisende aus. Die Landschaft hinter der Stadt öffnet sich großzügig. Ein zarter, milchblauer Himmel, vom Herbst kolorierte Weinberge. Paris bei diesem Wetter, gerät er ins Träumen, und wie so oft erfasst ihn eine gespannte Erwartung, eine Vorfreude auf das Unbekannte. Er hat sich immer wieder neu in Frankreich verliebt, doch eine beständige Beziehung wurde nie daraus.

Bisher hat er ein einjähriges Studium an der Sciences Po geplant, mit einem Diplomabschluss für Europäische Wirtschafts- und Verwaltungswissenschaften als Krönung. Für eine künftige Stellung bei der Europäischen Gemeinschaft in Brüssel wäre das der Schlüssel. Am Mittwoch erwarten ihn eine mehrstündige schriftliche Allgemeinprüfung, ein Sprachtest und ein Vorstellungsgespräch, jedenfalls stand es so in den Unterlagen, die er sich schon vor Jahren beschafft hat, als er gerade mit dem Studium begonnen hatte. Sein Französisch ist momentan vielleicht etwas eingerostet, aber das wird sich geben, deswegen ist er ja ein paar Tage früher angereist.

»Dreißig Minuten bis Paris«, erklingt eine Frauenstimme weiter vorne im Waggon. Steffen schreckt aus dem Halbschlaf auf. Während schon die ersten Pariser Wohnblöcke sichtbar werden, schweifen seine Gedanken zu Claudia. Vielleicht sollte er schon gleich nach der Prüfung wieder zurückfahren, drei Tage früher als ursprünglich geplant, und sie überraschen.

Als der Zug in die Gare de l’Est einfährt, dämmert es draußen bereits, eine Spur Rosa über dem Blau, das sich in den gelblichen Abendlichtern von Paris verliert.

André hatte ihn bei bisher jedem Besuch am Bahnhof abgeholt. Doch am Ende des Gleises schaut sich Steffen vergeblich nach ihm um. Er hatte bereits so eine Vorahnung, als André am Telefon zögerte, ihn bei sich wohnen zu lassen, doch hatte dem keine besondere Beachtung geschenkt. André hat gelegentlich seine Macken, aber nun kommt ihm sein Verhalten doch etwas ungewöhnlich vor.

Enttäuscht begibt er sich im Gedränge des abendlichen Geschäftsverkehrs zur Metro. Von der Gare de l’Est kann er ohne Umsteigen direkt nach Saint-Germain-des-Prés fahren und viel Gepäck hat er zum Glück nicht dabei, nur seine abgewetzte lederne Reisetasche, die ihn schon auf vielen Frankreichreisen begleitet hat, und einen Schulterbeutel für Bücher.

Damit zwängt sich Steffen in einen überfüllten Metrowagen. Gespannt wartet er auf das hydraulische Zischen unmittelbar vor dem Schließen und verfolgt, wie sich die Türen gleichmäßig, bis zu einem etwa körperbreiten Spalt, aufeinander zuschieben, für ein oder zwei Sekunden noch diese Öffnung, bis sich unter dem stöhnenden Zischen der Druckluft auch dieser letzte Spalt schließt.

Dabei muss er unweigerlich an seine ersten Ferien mit André, dessen Familie und zwei seiner Freunde in einem kleinen Ort in den südfranzösischen Alpen denken. In der herrlichen Bergwelt schwärmten die Jungen von der Metro, imitierten mit Zischen, Pfeifen und Klatschen das sich nähernde eiserne Dröhnen aus den Gleisschächten bis zum Einrollen der Züge auf den Bahnsteigen, das Öffnen und Schließen der Türen und wie sie sich ratternd wieder in den Schächten entfernten. Sich in letzter Sekunde, kurz vor dem endgültigen Schließen der Türen, noch seitlich durch den Spalt zu zwängen, darin zeige sich die hohe Kunst des Metrofahrens, belehrten sie ihn.

Für ihn, der Paris damals noch nicht kannte, wurde die Metro durch diese Erzählung zu etwas besonders Faszinierendem. Diesen Erlebnissen hatte er nichts Vergleichbares entgegenzusetzen. Er beneidete André und seine Freunde, die jederzeit bereit waren, ihre Ferien in den Bergen für die Rückkehr nach Paris einzutauschen, um ihr aufregendes Leben dort.

In dem Waggon stehen die Menschen dicht gedrängt und Steffen muss sich die Reisetasche zwischen die Füße klemmen. Zwischen den Stationen betrachtet er sein Spiegelbild in der Scheibe vor der schwarzen Tunnelwand. Er sieht ernst aus, eher abweisend, mit bohrendem Blick. Er kneift die Augen zusammen, zwinkert sich mit dem Anflug eines Lächelns zu. Grau-grüne Augen, wobei er lieber von Grün spricht, das findet er interessanter. Claudia hielt sie allerdings für grau, vielleicht hatte das mit dem trüben Wetter in München zu tun, vielleicht wollte sie ihn auch nur ärgern. Der Zug läuft auf dem überfüllten Bahnsteig von Châtelet ein. Erneut das Zischen der Druckluft beim Schließen der Türen, ein Ruck, die Körper verschieben sich im Weiterfahren. Neben ihm zwei junge Männer und ein Mädchen, er klammert sich an ihre Unterhaltung, versucht das Thema zu erahnen, Araber und Algerien, Vietnam und die Amerikaner. Abgerissene Fetzen im Donnern der Metro.

Am Odéon die nächste Welle des Umsteigens, danach seine Station. Er drängelt sich durch die Fahrgäste, die kaum merklich Platz machen, aber auf dem Bahnsteig verspürt er keine Eile mehr. Er nimmt die Treppe, die neben der Kirche Saint-Germain-des-Prés ins Freie führt, vor ihm tauchen die Dichter- und Künstlerbistros auf, das Restaurant Les Deux Magots, daneben das Café de Flore. Abendlicher Verkehr, Kirchenglocken läuten, es ist sieben Uhr. Am Telefon hatte er André gesagt, dass er ihn um diese Zeit erwarten könne.

Andrés Wohnung befindet sich in der obersten Etage eines vierstöckigen Gebäudes in der Rue de Grenelle. Das Haus ist im Stil der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts erbaut, an der Fassade hängen die grauen Schatten des Straßenstaubs von Jahrzehnten. Der Eingang ist ein für ein Stadthaus sperriges Holztor mit zwei mattgrünen Flügeln und einem auffallend großen Schlüsselloch. Ein besonderes Fingerspitzengefühl gehört dazu, den Punkt zu finden, an dem der Schlüssel greift, erinnert Steffen sich.

Ihr geheimes Klingelzeichen, dreimal kurz und einmal lang. André wird wie üblich den Schlüssel in einem kleinen Korb abseilen. Erwartungsvoll blickt Steffen zum Fenster hoch, aber es rührt sich nichts. Er kann auch kein Licht erkennen, allerdings liegen die von André in der Wohnung benutzten Zimmer nicht zur Rue de Grenelle hin. Ob André zur Begrüßung herunterkommt? Steffen klingelt erneut, diesmal fordernder. Aber oben bleibt es still. So ein Mist, dabei hatten wir doch alles genau besprochen! Unschlüssig steht er vor dem Eingang. Schließlich geht er langsam die Rue de Grenelle vor, bis zur Kreuzung Rue Saint-Guillaume. Plötzlich ist ihm kalt, außerdem ist er hungrig, er hat seit Ewigkeiten nichts gegessen. Zögerlich bleibt er mit seinem Gepäck an der Ecke stehen, blickt hinüber zu den Fußgängern und dem rollenden Verkehr auf dem Boulevard Saint-Germain. Nach ein paar Minuten kehrt er zu Andrés Haus zurück, aber nichts, auch nach einer halben Stunde Warten kein Zeichen von seinem Freund. Und keine Concierge, die er fragen könnte. Als wisse André nicht genau, dass er den ganzen Tag im Zug gehockt hat.

Schlechtgelaunt geht Steffen wieder zum Boulevard. Freitagabend, volle Cafés und Bistros, die ausgelassene Stimmung der anderen empfindet er als eine ihn abweisende Mauer. Er schleppt das lästige Reisegepäck, seine Vorfreude ist wie weggeblasen. Ihn streift der Gedanke an Claudia und ein warmes Bett in München. Schließlich betritt er ein kleines chinesisches Lokal. Ohne jede Eile isst er die fremden Gerichte mit ihrem exotischen Aroma. Ob André überhaupt in Paris ist? Er entschließt sich zu einem letzten Versuch, bevor er sich wohl oder übel nach einem billigen Hotel in der Umgebung umsehen muss.

Steffen ist unverbesserlicher Optimist, klingelt voller Hoffnung, dreimal kurz und einmal lang, aber es bleibt dabei, niemand macht auf. Schräg gegenüber, auf der anderen Straßenseite, befindet sich eine kleine Bar. Der Wirt dort nennt ihm einige Hotels in der Nähe, zu dieser Jahreszeit sollte es leicht sein, ein Zimmer zu finden, meint er. Steffen bleibt noch auf einen Rotwein, von der Bar aus hat er den Eingang bei André im Blick, sollte der doch noch unerwartet auftauchen.

»Woher kommen Sie?«, fragt der Mann auf dem Hocker neben ihm. Er trägt eine abgeschabte Lederjacke, die er, so wie er aussieht, abends gegen die beengenden Nadelstreifen des Tages tauscht.

»Aus Deutschland, München, bin gerade in Paris angekommen.«

»Was hat Sie in diese Gegend verschlagen?«

»Mein Freund wohnt dort gegenüber, aber wenn er nicht bald kommt, nehme ich wohl oder übel ein Hotel. Es war eine lange Reise, ich bin ziemlich müde.«

»Das ist Paris, bestimmt ist Ihrem Freund etwas dazwischengekommen oder er hat es einfach vergessen. Er ist Franzose, nehme ich an? In München hätten Sie ihn wahrscheinlich gleich am Bahnhof abgeholt.«

»Jeder ist anders.«

»Nein, Ihr Deutschen seid einfach genauer und verlässlicher. Das haben wir im Krieg erlebt und jetzt wieder, die geballte Kraft der Wirtschaft. Sie hat auf alle Fälle etwas für sich, diese Energie!«

»Wenn ich in Deutschland bin, blicke ich voller Neid auf die Franzosen und ihre Lebensart.«

»Bewahren Sie sich Ihre Illusionen. Sie sind jung, ich hoffe, es bleibt Ihnen erspart, was wir durchgemacht haben. Ich habe im Krieg in Amiens gegen die Deutschen gekämpft, im Juni 1940, als sie von allen Seiten angriffen. Wir konnten ihren Vormarsch anfänglich noch aufhalten, aber westlich und östlich von uns brachen ihre Panzerverbände durch. Am Ende standen wir auf verlorenem Posten und mussten uns ergeben. Ich war einfacher Infanterist, um mich ist viel Blut geflossen. Und heute, wie sich die Welt verändert hat! Lassen Sie uns noch ein Glas zusammen trinken!«

Steffen kennt das von seinem Vater, zwanzig Jahre sind es seit Kriegsende, aber das Erlebte wühlt sich immer wieder hoch, trotz aller Veränderungen seitdem.

Der Mann bestellt die Getränke und wendet sich ihm wieder zu. »Algerien, die Araber, da liegen doch unsere Probleme! Sie werden Frankreich in einem Maß verändern, wie es die Deutschen nie geschafft hätten. Es gibt mittlerweile ganze arabische Viertel in Paris oder Marseille. Die Araber sind eine Bedrohung. Wir haben Algerien zu schnell aufgegeben. Die Folgen beginnen sich gerade erst abzuzeichnen.«

Steffen schaut ihn stumm an. Er hatte mit dem Freiheitsstreben der Algerier sympathisiert, aber er weiß, dass er mit dieser Ansicht seinen Gesprächspartner nur unnötig in Rage versetzen würde.

»Schon komisch«, fährt der Mann fort, »wir haben den Krieg gewonnen, und trotzdem befinden wir uns seither ständig im Krieg: Dien Bien Phu, Suez, Algerien und was sonst noch, ohne mit Erfolgen glänzen zu können. Einen Bürgerkrieg konnten wir gerade noch vermeiden. Und die Deutschen haben den Krieg verloren, dafür leben sie jetzt im Wohlstand, auf jeden Fall besser als wir.« Er unterbricht sich für einen Schluck Rotwein. »Und als ob das nicht genug wäre, kommt ein deutscher Radfahrer wie Rudi Altig daher und gewinnt fast die Tour de France. Unsere Tour de France! Für das deutsch-französische Verhältnis hat er jedenfalls mehr getan als alle Politiker.«

Plötzlich bemerkt Steffen drei Gestalten vor Andrés Haus. Vielleicht hat sich die Warterei doch noch gelohnt!

»Sieht so aus, als sei mein Freund gerade gekommen. Ich möchte gerne zahlen«, wendet er sich an den Wirt.

»Lassen Sie mal, das übernehme ich«, wirft sein Gesprächspartner ein. »Damit Sie Ihren guten Eindruck von Frankreich behalten.«

Der Mann wehrt Steffens Einwände mit einer knappen Handbewegung ab. Steffen bleibt keine Wahl, typisch Frankreich, was soll’s. Hastig nimmt er sein Gepäck und tritt auf die Straße. Als er sich der Gruppe nähert, erkennt er tatsächlich André.

Er ist in ein, wie es scheint, ernstes Gespräch mit einem älteren Mann und einer jungen Frau verwickelt. Der Mann bemerkt Steffen zuerst. Untersetzt und stämmig, fixiert er Steffen mit hellen Augen. Ein eiskaltes Blau. Verunsichert bleibt Steffen stehen. Als André ihn erkennt, unterbricht er das Gespräch.

»Steffen! Es tut mir wirklich leid, ich hatte dich nicht vergessen, aber etwas ist dazwischengekommen, du warst schon unterwegs, und ich konnte dich nicht mehr benachrichtigen. Ich bin froh, dass es trotzdem noch geklappt hat.«

Steffen lacht erleichtert auf. »So was kommt vor. Ich war dort drüben in der Bar auf zwei Glas Rotwein, und dazu mal wieder deutsch-französische Kriegsvergangenheit. Gerade waren wir bei der Bedrohung Frankreichs durch die Araber angelangt …«

»Ich möchte dir meinen Freund Aaron vorstellen«, unterbricht ihn André. Der Mann nickt kaum wahrnehmbar, sonst keine Reaktion, nur dieser unverändert kalte Blick. Der Name klingt nicht französisch, aber Steffen ist sich nicht sicher, ob er ihn richtig verstanden hat.

»Und seine Tochter Sarah«, fährt André fort.

Sarah grüßt freundlich, gleichzeitig wirft sie André einen erstaunten Blick zu. Sie ist hochgewachsen, hat einen dunklen, fast olivfarbenen Teint, ihr braunes, von rötlichen Strähnen durchzogenes Haar ist zu einem Pferdeschwanz gebunden. Vielleicht ist auch sie etwas distanziert, denkt Steffen, aber kein Vergleich zu ihrem Vater.

»Bis spätestens Ende nächster Woche brauchen wir es, André, ich hoffe, du schaffst es.« Der Vater macht sich auf den Weg, Steffen wirft er nur einen kurzen Blick zu.

»Bis bald!« Sarahs lockere Verabschiedung scheint an sie beide gerichtet, jedenfalls möchte Steffen es gern glauben.

Er dreht sich zu André um. »Was hast du denn da für neue Freunde? Und wegen denen versetzt du mich? Schon ziemlich mies, muss ich sagen.«

»Eine geschäftliche Sache, man kann es sich nicht immer aussuchen.« André schaut ihn zufrieden an, unversehens umarmt er ihn, klopft ihm auf die Schultern. »Mensch, schön, dass du da bist. Auch wenn dein Besuch etwas ungelegen kommt. Ich habe irre viel zu tun. Aber besser so als zu wenig. Lass uns hochgehen, ich habe dich hier unten lange genug warten lassen.« Er nimmt den alten rostigen Schlüssel aus der Jackentasche. »Weißt du noch, wie es geht?« André reicht Steffen den Schlüssel.

Erst bis zum Ende durchstoßen, dann etwa ein Viertel der Länge zurück, gefühlvoll vorwärts und rückwärts tasten, bis der Schlüssel unvermittelt greift. Nach mehreren Versuchen gelingt es Steffen schließlich, das Tor zu öffnen. Er atmet durch. »Hoffentlich wird dein Leben nie davon abhängen, schnell hier reinzukommen.«

»Gib mir den Schlüssel!« André wirft das Tor mit einer überlegenen Geste wieder ins Schloss, hält den Schlüssel demonstrativ hoch und schiebt ihn dann gezielt in das Schlüsselloch, genau und blitzschnell zu dem Punkt, an dem das Schloss sich öffnen lässt.

»Beachtlich, so gut warst du bei meinem letzten Besuch noch nicht.«

André lässt Steffen mit einer großzügigen Geste den Vortritt. Der Innenhof ist schwach beleuchtet.

»Damals kam es auch noch nicht auf Sekunden an.« Ein verschmitzter Gesichtsausdruck, die Augenbrauen hochgezogen.

»Das Rätselhafte steht dir gut. Euer Aufzug ist jedenfalls auch wieder außer Betrieb.«

»Immer noch«, berichtigt André. »Lass mich wenigstens deine Reisetasche nach oben tragen, du bist mein Gast!«

Auf dem Weg in den vierten Stock erkennt Steffen den besonderen Geruch des Hauses wieder, durchsetzt mit einem süßen Veilchenduft aus einer der anderen Wohnungen. Als André seine Tür aufschließt, schlägt ihnen abgestandene Luft entgegen.

»Du weigerst dich offensichtlich weiterhin, einmal richtig durchzulüften.«

»Nach zwanzig Jahren plötzlich so viel Sauerstoff, stell dir das vor, das alte Zeug würde in sich zusammenfallen, oder schlimmer noch, die Fenster könnten sich nicht mehr schließen lassen, und dann müsste ich dauernd mit Zugluft leben. Dann könnte ich gleich aufs Land ziehen. Oder zu dir nach München. Ein schrecklicher Gedanke.«

André hat sich nicht verändert. Mit ihm versteht Steffen sich blind, so wie mit eigentlich keinem seiner Freunde in München. Nur dieser Empfang heute war nicht normal, als ob ihre Freundschaft plötzlich hinter anderem zurückzustehen habe.

Dabei steckt André voller Widersprüche. Auf den ersten Blick ist er sympathisch, sein Gesicht ist markant, vorstechend die Nase, seitlich über der Oberlippe sitzt ein Muttermal. Seine Augen blitzen hinter einer hellbraunen Hornbrille. Um den Mund oft ein leichtes Zucken, manchmal nervös, dann wieder belustigt, dabei tanzt sein Muttermal. Lange schwarze Haare hängen ihm in die Stirn und über den Kragen seines Rollkragenpullovers. Reflexartig streicht er sich gelegentlich mit den Fingern durch das Haar. Oft hat er einen unangenehmen Körpergeruch an sich; er hasse Wasser, verteidigt er sich achselzuckend. Als er noch bei seinen Eltern lebte, ließ sich André auf Drängen seiner Mutter jeweils mittwochs und samstags ein Vollbad einlaufen, verschwand mit einem Buch im Badezimmer, hockte am Wannenrand, gelegentlich mit einer Hand laut im Wasser planschend, um nach angemessener Zeit das Wasser auslaufen zu lassen und mit sich selbst zufrieden wieder herauszukommen.

»Warum, glaubst du wohl, haben die Franzosen das Parfum erfunden?«

Zu Andrés exaltiertem Charakter passt seine Wohnung. Er behauptet, dass er sie von einer kinderlosen Tante geerbt habe. In einem der Zimmer steht ein Bett unter einem Baldachin aus Brokat, die Betttücher sind vergilbt, eine fein gehäkelte Decke liegt über dem zurückgeworfenen Federbett. Als Andrés Tante, eine Gräfin, hier Ende der vierziger Jahre gestorben ist, hat man sie aus dem Bett getragen, beerdigt und die Wohnung, wie sie war, verschlossen, einschließlich des ungemachten Sterbebetts. Mit einundzwanzig durfte André sein Erbe antreten, seit drei Jahren lebt er nun hier, ein Student mit zwölf Zimmern in bester Lage von Paris.

André bewohnt nur zwei der Zimmer neben dem Eingang, mit Blick auf die grauen Dächer der Nachbarhäuser und einen dünnen Streifen Himmel. In seinem rotgestrichenen Arbeits- und Schlafzimmer hat er Bilder junger Pariser Künstler hängen. In dem großzügigen Wohnzimmer daneben stehen zwei schwarze Ledersessel und eine große Ledercouch, ein Glastisch auf einem breiten Marmorklotz, Radio und Plattenspieler, und aufeinandergestapelt einige farbige Plastikkisten mit Langspielplatten, geordnet nach Jazz, Chansons, Klassik. Diese Räume und die zum Innenhof gelegene Küche und das Bad hat er vor zwei Jahren neu herrichten lassen.

»Alles noch ziemlich gut in Schuss«, lobt Steffen.

Die übrigen Zimmer, mehr oder weniger im Zustand, wie er sie übernommen hat, liegen zur anderen Seite des Eingangs, einige mit Blick zur Rue de Grenelle. Sie sind vollgestellt mit dem Mobiliar der Gräfin, ihren alten Kommoden und Tischen, aufbrechenden Ledersesseln, Sofas mit staubgefüllten Kissen, in prunkvollem Gold gerahmten und mit der Zeit erblindeten Spiegeln, ihrem allmählichen Verfall überlassen. Dazu schwere, faltige Vorhänge, die die Zimmer verdunkeln, nur durch Ritzen und Risse dringt die Andeutung von Tageslicht. Stühle und Truhen sind mit von Staub angegrauten Tüchern abgedeckt. Vereinzelt stehen mittelalterliche Ritterrüstungen herum, am Ende des Ganges sogar eine altertümliche Kanone.

»Leider habe ich im Moment dein altes Zimmer in Beschlag nehmen müssen. Ich habe dir eine Matratze in ein Zimmer hier am Gang gelegt, das du allerdings mit einem Ritter teilen musst. Was Besseres kann ich dir nicht bieten, es sei denn das Bett der Gräfin.«

Steffen sieht sich in dem Zimmer um, sein früheres hatte wenigstens ein richtiges Bett. Das wird ja immer besser, denkt er irritiert. Eine zweiflügelige Glastür mit Vorhängen mit vergilbter Stickerei führt von dort in das Schlafzimmer der Gräfin. Im Speisesaal daneben steht ein schwerer Holztisch mit zwölf Stühlen, an den Wänden sind Rüstungen wie Diener aufgereiht. Zwei dunkle Ölporträts in protzigen Goldrahmen, die Eltern der Gräfin, behauptet André.

»Schon gut, halte das Bett der Gräfin in Reserve. Ich könnte jetzt überall einschlafen.«

»Langsam, erst noch einen Nightcap, Tradition des Hauses, das muss sein.«

»Ich bin überrascht, dass du diese Marotte aufrechterhalten hast. Deine Traditionen sind sonst kurzlebiger.«

»Nicht die guten! Ein wichtiger Unterschied. Genau wie bei meinen Freundinnen. Allerdings, seit meine kleine Amerikanerin vergangene Woche in die USA zurück ist, bin ich verwaist. Wie sieht es bei dir aus?«

Er gießt den Calvados in geschwungene Kognakgläser, auch eine Hinterlassenschaft der Gräfin. Steffen erinnert sich an die Amerikanerin, quirlig und voller Energie, an allem interessiert, als ob sie nur einen Tag Zeit für Paris hätte. Sie hat den Nightcap eingeführt, den Schlummertrunk. Steffen erzählt André von Claudia.

»Dann muss ich dir diesmal wenigstens keine Mädchen besorgen. Und hör danach keine Beschwerden.«

»Wieso, wer hat sich denn beklagt?«

André lächelt überlegen, ohne darauf einzugehen. Er erkundigt sich nach Steffens weiteren Plänen. Am Montag werde er sich ein wenig an der Universität umsehen, am Mittwoch dann das Vorstellungsgespräch und die Prüfung an der Sciences Po hinter sich bringen und am Donnerstag wieder zurückfahren, früher als geplant.

»Und du, wie sieht es mit deinem Wirtschaftsstudium aus?«

»Im Moment lege ich eine Pause ein, habe einfach zu viel sonst zu tun.«

»Immer noch oder schon wieder?«

Vor einem Jahr hatte er schon einmal sein Studium unterbrochen. Steffen glaubt, seinen Freund gut zu kennen, aber etwas undurchsichtig bleibt sein Leben. Finanzielle Sorgen scheint er nicht zu haben, obwohl er mit seinen wohlhabenden Eltern vor einigen Jahren jeden Kontakt abgebrochen hat. Als Steffen sich einmal über seinen plötzlichen Wohlstand wunderte, erzählte ihm André, er habe seit jeher in der Wohnung einen Schatz vermutet, den er schließlich nach langem Suchen in einem Tresor, unter einem Fenstersims versteckt, gefunden habe. Natürlich gehöre das zu seinem Erbe, und seitdem gehe es ihm gut.

Samstag, 16. Oktober 1965

Verwirrt wacht Steffen neben Stuhlbeinen und eisernen Ritterfüßen auf. Das Tageslicht ist abgeschirmt durch schwere Vorhänge, der Stadtlärm dumpf in einem unterschwelligen Ton verschmolzen. Noch halb in den Träumen stellt er sich vor, stattdessen mit Claudia in den Armen an diesem föhnig sonnigen Samstagmorgen in seinem Bett in München zu liegen. Du spinnst, die Sciences Po ist das doch nie im Leben wert!

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