Unter schwebender Last lauert der Tod - Ulrich Völkel - ebook

Unter schwebender Last lauert der Tod ebook

Ulrich Völkel

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Opis

Ein Wachmann entdeckt unter der Plattform eines Lastenaufzugs im Industriegebiet Weimars eine zerschmetterte Person. Kriminalhauptkommissar Ekke Ponte und sein Team ermitteln. Zunächst ist aber noch nicht einmal bekannt, wer der Tote ist. Und wieso hat der Baustellenleiter eine Fuhre Beton bestellt und wieder abbestellt? Wozu dienen die 10.000 Euro im Safe des Baucontainers und warum holt die Sekretärin die gleiche Summe von ihrem Konto ab? Viele verwirrende Spuren, aber keine ergibt einen Sinn. Da meldet sich einer, dem ein teurer Ring zum Kauf angeboten wurde.

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Ulrich Völkel

Unter schwebender Last lauert der Tod

Kommissar Pontes dritter Fall

Die Kommissar-Ponte-Reihe:

1. Fall: Die entlaufene Leiche vom Zeughof

2. Fall: Die Maske des Mörders

Erschienen im Rhino Verlag:

3. Fall: Unter schwebender Last lauert der Tod

4. Fall: Drei tote Männer und eine Frau (erscheint Herbst 2017)

Impressum

© 2017 RHINO VERLAG Dr.Lutz Gebhardt & Söhne

GmbH & Co. KG

Am Hang 27, 98693 Ilmenau

Tel.: 03677/46628-0, Fax: 03677/46628-80

www.RhinoVerlag.de | www.blutrot.info

Alle Rechte vorbehalten.

Nachdruck, Vervielfältigung und Verbreitung – auch von Teilen – bedürfen der ausdrücklichen Genehmigung des Verlages. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verbreitung in elektronischen Systemen.

Titelbild: im Bartel (CC-BY-SA 2.0)

Lektorat:Lekto. Rat, Katja Völkel, M. A., Dresden

Layout, Satz:Verlag grünes herz®, Sibylle Senftleben

Schrift:Linux Libertine O

Titelgestaltung:Verlag grünes herz®, Sibylle Senftleben

E-Book-Herstellung:Zeilenwert GmbH 2017

1. Auflage 2017

ISBN: 978-3-95560-703-6

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Unter schwebender Last lauert der Tod

Buchempfehlung

Neben dem Aufzug der Baustelle im Industriegebiet warnte ein Schild, schwarze Schrift auf grellgelbem Grund: „Unter schwebender Last lauert der Tod!“ Hätte ich es zu einem anderen Zeitpunkt gelesen, hätte ich vermutlich über die unfreiwillige Komik gelacht. Nun aber, angesichts des zerschmetterten menschlichen Körpers unter der Plattform des Aufzugs, empfand ich den Text eher als makaber. Und das am Samstag früh kurz nach sechs Uhr!

Warum ereignen sich Gewaltverbrechen meistens am Wochenende, fragte ich mich genervt. Eigentlich wollten Lilli und ich mit den Kindern in die Morassina-Höhle bei Schmiedefeld fahren. Es muss mit meinem Beruf zusammenhängen, dass ich ein besonderes Faible für geheimnisvolle Höhlen, Grotten und Schaubergwerke habe. Und Thüringen hat davon reichlich zu bieten.

„Die meisten Gewaltverbrechen ereignen sich deshalb an Wochenenden“, hatte mein Kollege Hans Brandt sarkastisch geäußert, „weil die Leute dann ausreichend Zeit haben oder jedenfalls hätten, um miteinander zu reden, was sie die Woche über kaum tun. Und dann geraten sie plötzlich aneinander, weil sie miteinander zu reden nicht gelernt und geübt haben. Aufgestauter Frust der ganzen Woche, vielleicht der ganzen Jahre, bricht plötzlich durch. Ist doch so! Ein Wort gibt das andere, schließlich brennt einem von beiden die Sicherung durch. Totschlag im Affekt.“

„Du kannst Theorien entwickeln!“, kommentierte ich seine Philosophie. „Aber nach Ehekrach sieht das hier nicht aus.“

„Mer weeß es nich“, murmelte Hans. Er fühlte sich nicht ernst genommen. Mimose, dachte ich. Über alle und alles machst du deine Späße, verträgst es aber nicht, wenn man dich mal ein bisschen foppt.

Vermutlich aus der höchstmöglichen Höhe, also dem fünften Stock des Rohbaus, war ein mit Betonteilen belasteter Aufzug ungebremst heruntergekracht und hatte die genau unter ihm befindliche Person auf grausame Weise zertrümmert. Es war ein grässlicher Anblick. Ein Unfall? Danach sah es wirklich nicht aus. Das eigentliche Ausmaß des Verbrechens wurde aber erst deutlich, als der eiligst herbeigerufene Gabelstaplerfahrer die schwere Plattform anhob, denn mit eigener Kraft ließ sich der Aufzug nicht mehr bewegen. Mir fiel auf, dass Teile einer Betonplatte genau an der Stelle lagen, wo der Lastenaufzug aufschlagen musste, sodass der Abstand, den die eisernen Stützfüße zwischen Boden und Bodenplatte sichern sollten, nicht mehr gegeben war. Das konnte kein Zufall sein. Das Opfer sollte auf brutale Weise unkenntlich gemacht werden.

Auf den ersten Blick ließ sich nicht einmal bestimmen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte. Ich erinnerte mich eines Toten, der über mehrere Tage am Grund eines Wehrs wie in einer Wäschetrommel herumgeschleudert worden war. Der hier – oder die? – sah schlimmer aus.

Noch warteten wir auf den Bauleiter, der nach Auskunft seiner Frau joggen war und sein Handy vermutlich im Auto liegengelassen hatte. The person you have called is temporarily not available. Please try again later.

Der Fahrer des Gabelstaplers war ein Schwager des diensthabenden Wachmanns, der uns informiert hatte, und der von diesem herbeigerufen worden war. Er konnte mit einiger Mühe die Plattform um etwa zwei Meter anheben. Aber die musste erst einmal arretiert werden, weil es sonst zu gefährlich gewesen wäre, unter dem ungesicherten Aufzug an das Opfer direkt heranzukommen.

„Wie sieht’s aus, Doc?“, fragte ich unseren zuständigen Arzt Gregor Pause, der fast zeitgleich mit mir angekommen war.

Der Arzt blickte mürrisch auf, weil ich ihn gestört hatte oder weil er sein Wochenende vergessen konnte oder weil er diese ihm zu einem so frühen Zeitpunkt gestellte Frage als lästig empfand. „Vermutlich ist der Mann etwas tot“, meinte er sarkastisch.

Immerhin wusste ich jetzt, dass es sich um eine männliche Leiche handelte. Dann machte Pause sich die Mühe, mich wenigstens direkt anzusehen und nicht in einen imaginären Raum hinein zu reden. „Zehn, zwölf Stunden.“ Das war alles, was er zu diesem Zeitpunkt zu sagen bereit war.

Da fragte ich nicht weiter. Mir war bekannt, dass Pause schnell und zuverlässig arbeitet. Voreilige Festlegungen waren von ihm nicht zu erwarten. „Montagvormittag?“, versuchte ich es trotzdem.

„Nachmittag, frühestens“, lautete die knappe Antwort. Und er fügte in einem etwas versöhnlicheren Ton hinzu: „Ich muss die Teile erst einmal sortieren. So etwas habe ich überhaupt noch nicht auf den Tisch bekommen.“ Er schüttelte wie ungläubig den Kopf.

Elke Otto von der Spurensicherung war mit ihrem Team dabei, den Fundort der Leiche und das Umfeld gründlich zu untersuchen und alles zu erfassen, was für die Aufklärung relevant sein konnte. Auf sie konnte ich mich verlassen. Elke dokumentierte jeden Krümel.

Der Fahrer des Gabelstaplers saß in dem kleinen Führerhäuschen, um den Aufzug in gesicherter Position zu halten. Er war bemüht, nicht auf den Toten zu blicken. Das Bild war zu grausam. Sein Schwager, der Wachmann, der den Toten gefunden hatte, saß auf einem Stapel Betonsteinen und schien offensichtlich noch unter Schock zu stehen. Hans Brandt bot ihm eine Zigarette an, aber der Mann lehnte dankend ab.

„Aufgehört. Hast ’nen Schnaps?“, fragte er stattdessen. „Ich bin der Basser Kurt.“

Ich sah, wie Hans einen Flachmann aus der Innentasche seines Parkas zog, wobei er sich nicht einmal die Mühe machte, ihn vor mir zu verbergen. „Hans“, stellte er sich knapp vor und reichte dem sichtlich verstörten Mann die Hand. Er überließ Kurt Basser den Flachmann. „Gehört zur Grundausstattung eines Kriminalisten vor Ort“, sagte er mehr in meine Richtung als zu dem neben ihm Sitzenden. Er hatte wohl gesehen, wie ich die Augenbrauen unwillig gehoben hatte.

Ich nickte und dachte dabei: Darüber reden wir noch, mein Freund! Natürlich weiß ich, dass Alkoholmissbrauch auch vor Polizisten nicht Halt macht. Der Stress im Dienst, die vielen Überstunden und Sondereinsätze, Hilfeleistung bei tödlichen Unfällen bis hin zu Mordopfern, deren Angehörige benachrichtigt werden müssen, mitunter Geldsorgen oder häusliche Spannungen – da scheint der schnelle Griff zur Flasche ein Ausweg zu sein oder eine Flucht, was aber früher oder später in die Katastrophe führt. Und meistens merken es die Kollegen oder gar der Vorgesetzte zu spät, wenn aus dem gelegentlichen Schluck eine Abhängigkeit geworden ist. Ich weiß, dass Hans am Verlust seiner Frau schwer zu tragen hat. Ich werde mit ihm reden müssen. Lieber ein Wort zu früh, als später nur noch Schadensbegrenzung versuchen zu können. Wenn erst einmal eine Pfändung bei der Gehaltsstelle eintrifft, weil das Geld am Ende nur noch für Sprit reicht, ist das Kind bereits in den Brunnen gefallen.

Hans steckte die Flasche wieder weg. Der Wachmann kraulte wie abwesend seinem Hund das Nackenhaar. „Ich hatte Schichtschluss und wollte eigentlich nach Hause. Mir ist nur aufgefallen, dass der Aufzug irgendwie demoliert war und einige Betonteile herumlagen. Ich dachte, da hat wohl einer die Sicherung nicht ordentlich verriegelt oder so, und der ganze Krempel ist nach unten gesaust. Ich verstehe sowieso nicht, warum der Maschinist den Aufzug nicht unten abgestellt und vorschriftsmäßig arretiert hat. Was heutzutage auf den Baustellen aber auch alles geschlampt wird! Das hätten wir uns damals mal erlauben sollen! Laufen aber auch Leute hier durch die Kante … Na ja, geht mich nichts an. Dass da eine Leiche drunter liegt, konnte ich schließlich nicht ahnen. Asja hat mächtig an der Leine gezogen.“ Er blickte anerkennend zu seinem Hund. „Da bin ich hin. Erst habe ich gar nichts gesehen, aber dann, weil der Hund keine Ruhe gab, fiel mir der Schuh auf. Und da hab’ ich begriffen, dass der Schuh an einem Fuß steckte. Hast du noch ’n Schluck?“, fragte er in Hans’ Richtung.

„Einer reicht!“, antwortete Hans.

„Das ist hier ein Rohbau“, wandte ich mich an den Wachmann. „Was gibt es da viel zu bewachen? Obwohl“, sagte ich, weil ich den Widerspruch im Gesicht des Mannes sah, „die Leute klauen inzwischen alles, was nicht niet- und nagelfest ist.“

Ohne seinen Hund zu vernachlässigen, der inzwischen die Schnauze auf das Knie seines Herrn gelegt hatte und das Kraulen genoss, lachte der Wachmann trocken. „Vor zwei Wochen ist das transportable Scheißhaus geklaut worden!“

„Es gibt eben Leute, die können aus Scheiße Gold machen“, kommentierte Hans sarkastisch.

„Metall“, sagte Basser. „Bauwagen werden aufgebrochen und nach Werkzeug durchsucht. Die Klempner und Elektriker haben das Material eingelagert, das sie für den Innenausbau brauchen. Eigentlich müssten wir zu dritt im Stundenrhythmus die Runden gehen, so dreist wie die sind. Aber der Herr Bauleiter spart gern am verkehrten Ende.“

Er machte keine freundliche Geste, hielt sich aber mit seinem Kommentar zurück. Mehr musste er auch nicht dazu sagen. Ich wusste, dass die Aufklärungsrate bei Eigentumsdelikten unter fünfzehn Prozent liegt. Keine Leute, hätte ich in Bassers Horn blasen müssen. Und die Bürokratie wuchert. Wenn man die Leute, die sich immer wieder neue Vorschriften ausdenken, um zu beweisen, wie wichtig sie sind, in den aktiven Polizeidienst schicken würde, wäre das Missverhältnis gewiss geringer.

„Sie hatten heute Nacht Dienst?“, erkundigte ich mich bei dem Wachmann. „Ist Ihnen etwas Besonderes aufgefallen, etwas Ungewöhnliches? Fremde Personen?“

Er schüttelte energisch den Kopf und sagte: „Satz mitX. War nix.“

„Wenn Sie Ihre Runde drehen“, fragte ich weiter, „gehen Sie da auch in die Baustelle hinein oder kontrollieren Sie nur von außen?“

Er lachte trocken. „Reingehen? Ich bin doch nicht lebensmüde! Das ist noch gar nicht lange her. War aber auf ’ner anderen Baustelle. Kollege von mir. Der hat etwas gehört oder gesehen und ist in den Rohbau hineingegangen. Er liegt jetzt noch im Krankenhaus. Das sind doch keine kleinen Spitzbuben wie anno dazumals. Das sind gut organisierte Banden. Die baldowern die Gegend aus, kommen immer mindestens im Doppelpack und haben keine Skrupel, jemanden wegen Dreimarkfuffzig totzuschlagen. Nee, ich bin doch nicht bekloppt und geh’ da rein!“

„Und wenn du etwas Ungewöhnliches bemerkst?“, wollte Hans wissen.

Der Mann zeigte auf sein Funkgerät, das er an der Seite trug. „Direkter Draht zur nächsten Polizeistation. Bläuen sie uns bei jeder Schulung immer wieder ein: Keine Alleingänge! Wie gesagt, mein Kollege wollte den Helden spielen. Helden werden nicht alt in dem Geschäft.“ Er machte erneut eine wegwerfende Handbewegung. „Das war früher anders.“

Ich wollte mich auf eine Diskussion, was früher und wie es anders war, nicht einlassen. „Also, nichts Ungewöhnliches?“

„Keine besonderen Vorkommnisse, Herr Hauptkommissar!“ Fehlte nur, dass er im Sitzen salutierte.

„Schönes Tier“, sagte ich, um das Thema zu wechseln.

Der Wachmann nickte, als gelte die Anerkennung ihm selbst. „Ohne Asja würde ich den Job nicht machen. Sie hat mich auch zu dem Toten geführt. Gutes Tier.“ Und nach einem kurzen Blick zum Aufzug fragte er: „Weiß man schon, wer das ist?“

Ich hatte zwar den Eindruck, dass Herrchen der Beschützer Asjas ist, aber da konnte ich mich auch täuschen. Im Ernstfall würde ich es wahrscheinlich nicht darauf ankommen lassen. „Nein“, sagte ich als Antwort auf seine Frage. „Wissen Sie es?“

„Keine Ahnung. Ist aber kaum etwas zu erkennen. Wer macht so etwas?“

Ein schwarzer BMW kam mit hoher Geschwindigkeit auf das Gelände gebraust und bremste kurz vor der Absperrung, die den Fundort weiträumig sicherte. Im Fond saß ein Respekt einflößender Hund, eine Deutsche Dogge. Ich dachte: So saß Al Capone in seinem zum Luxuspanzer umgebauten Cadillac. Der Fahrer hätte auch einen breitkrempigen Hut tragen können wie der Ganove. Die Vorstellung erheiterte mich.

Ein Mann in Jogginganzug sprang heraus. „Verdammt, was ist denn hier los?“, rief er aufgeregt. Irgendwie muss er mich als den verantwortlichen Kommissar ausgemacht haben. „Kollmann, Architekt und Bauleiter. Sind Sie der Kommissar?“, stellte er sich vor und fragte in einem Atemzug. Offensichtlich legte er Wert darauf, nicht nur als Bauleiter bezeichnet zu werden. Architekt und Bauleiter! In der Reihenfolge.

Ich nickte. „Ponte, Hauptkommissar.“

„Angenehm“, erwiderte er und entschuldigte sich gleich für die Floskel, denn was sollte angenehm an diesem Morgen und bei diesem Fund sein?

Er ging näher zu der Stelle, wo der Tote lag, und ließ sich nur schwer zurückhalten. „Das ist kein besonders schöner Anblick, Herr Kollmann. Außerdem sind noch nicht alle Spuren gesichert. Können wir uns irgendwo in Ruhe unterhalten?“

Er starrte auf den Toten. Sein Gesicht war kalt und blass. „Wer war das?“ Er fragte nicht: Wer ist das? Er sah noch einmal genau hin, als müsse er sich vergewissern. Dann schüttelte er nachdrücklich den Kopf. „Ich glaube nicht, dass ich ihn kenne. Ist jedenfalls keiner von meinen Leuten. Wissen Sie es?“

„Noch nicht. Er hatte keine Brieftasche und keine Papiere bei sich.“

„Wieso hatte er keine Brieftasche?“, fragte Kollmann erstaunt. „Man geht doch nicht ohne Papiere aus dem Haus. Ich meine“, setzte er erklärend hinzu, „selbst beim Joggen habe ich immer etwas bei mir.“ Er klopfte gegen die Brusttasche seines Jogginganzugs.

„Möglicherweise hatte er etwas bei sich, als er herkam. Wer ihn auch immer auf dem Gewissen hat – falls dieser Jemand überhaupt ein solches besitzt –, wollte vielleicht nicht, dass der Mann identifiziert werden kann. Der Lastenaufzug hat ganze Arbeit geleistet. Können wir?“, kam ich auf meine ursprüngliche Frage zurück.

Kollmann drehte sich noch einmal zu dem Toten um und schüttelte unwillig den Kopf. Dann zeigte er auf den Baucontainer. „Mein Büro befindet sich dort drüben. Da können wir reden“, schlug er vor.

Ich war einverstanden, informierte aber Hans noch schnell, wo ich zu finden bin. „Und sag Astrid, wenn sie kommt, sie möchte die Ermittlungen vor Ort übernehmen. Es wird zwar schwierig mit möglichen Zeugen werden, denn wer soll am Wochenende, genauer: in der Nacht vom Freitag zum Samstag, hier vorbeikommen in dem Industriegelände? Trotzdem, versucht es.“ Ich wusste, dass ihm meine Anweisung, Astrid solle die Untersuchung leiten, nicht gefallen konnte, aber sie ist meine Stellvertreterin, die wollte ich nicht einfach übergehen. Und da war die Sache mit dem Flachmann.

„Geht klar, Chef“, erwiderte er scheinbar ungerührt. „Übrigens hat der Wachmann eine vielleicht interessante Beobachtung gemacht.“

Ich hätte Hans nach der Beobachtung des Wachmanns fragen müssen, dann wäre das Gespräch mit dem Architekten etwas anders verlaufen. Aber Kollmann war schon auf dem Weg zum Bürocontainer. „Später, Hans. Ich möchte mich erst einmal mit Herrn Kollmann unterhalten.“

Ich hörte noch, wie Hans beleidigt murmelte: „Wenn du meinst. Du bist der Boss.“ Er kraulte dem Hund des Wachmanns die Nackenhaare. „So einen hatte ich auch mal“, hörte ich ihn noch sagen. Wann will der denn mal einen Hund gehabt haben?, grübelte ich.

Dem Bürocontainer sah man an, dass er nicht für die Dauer eingerichtet war. Ein großer, leicht ramponierter Schreibtisch mit einer nicht mehr ganz modernen Telefonanlage, Computer, mehrere gestapelte Ablagen, aufgerollte Bauzeichnungen, aber alles relativ ordentlich abgelegt. Ein zweiter, kleinerer Schreibtisch, vermutlich der der Sekretärin, stand dem des Chefs schräg gegenüber. Drei arg ramponierte metallene Stühle mit unansehnlichen Sitzflächen, wohl für gelegentliche Besprechungen mit Bauarbeitern reserviert, die Sitze waren mit abwaschbaren Bezügen zwischen braun und rot versehen. An den Wänden hingen verschiedene, mit Magneten fixierte Bauzeichnungen. Stabile Metallregale, halbwegs bequeme Stühle hinter den beiden Schreibtischen, einer davon ein lederbezogener Chefsessel, der schon bessere Tage gesehen haben muss. Schutzhelm, Gummistiefel, Regenjacke – was man eben so benötigt auf einer Baustelle. Private Fotos konnte ich nirgendwo entdecken. Sie hätten aber auch nicht in diesen kargen Raum gepasst. Es war eng und unpersönlich. Und es roch irgendwie – chemisch. Ich entdeckte eine Dose Raumspray auf dem kleineren Schreibtisch. „Rauchen Sie?“, fragte ich den Bauleiter. Auf seinem Schreibtisch stand ein etwas überdimensionierter Aschenbecher ohne Kippen. Es roch nach Menthol.

„Wieso?“

„Ihre Sekretärin ist Nichtraucherin“, stellte ich fest. Sie wird sich gegen den kalten Rauch wehren.

„Ich bin der Boss!“, erklärte er kategorisch. Es war nicht sicher, ob er das wirklich so meinte oder ob er mich mit der Antwort nur schocken wollte.

Mir fiel auf, dass sein Jogginganzug auf dem Rücken und unter den Armen stark durchgeschwitzt war. Der joggt nicht nur irgendwie, der betreibt seinen Morgensport ziemlich extensiv. Ich blickte auf meine Armbanduhr. Es war gerade sieben. Ziemlich früh am Samstag.

„Laufen Sie jeden Morgen?“, wollte ich wissen.

„Wenn irgend möglich – ja. Man muss fit sein in diesem Job. Wer ist der Mann?“

„Wo laufen Sie?“ Auch seine wiederholte Frage blieb ohne Antwort von mir.

„Ilmpark. Vom Reithaus an der Ilm entlang bis zur Schaukelbrücke und auf dem Corona-Schröter-Weg zurück, vorbei an Goethes Gartenhaus wieder zum Reithaus. Gibt genug Leute, die Sie fragen könnten. Da müssten Sie aber mitlaufen. Persönlich oder gar mit Namen kenne ich keinen. Laufkundschaft, wenn Sie so wollen. Warum möchten Sie das wissen?“

„Nicht schlecht“, sagte ich anerkennend, denn die Strecke war bestimmt nicht in zehn Minuten zu bewältigen. Auch diese Frage ließ ich unbeantwortet. „Sollte ich vielleicht auch machen. Man sitzt zu viel am Schreibtisch.“

„Hören Sie, Herr – Ponte? Wenn Sie einen Fitnesstrainer brauchen, gehen Sie in eine Muckibude. Was hat das hier mit meinem Frühsport zu tun? Auf meiner Baustelle ist jemand auf ziemlich brutale Weise umgebracht worden!“, protestierte er.

„Sie meinen, es war kein Unfall?“

„Menschenskind!“, antwortete er ungehalten. „Wer legt sich freiwillig unter einen herabstürzenden Aufzug? Wenn er darunter gestanden hätte, als das Gerät herabschlug, wäre er gewissermaßen unangespitzt in den Boden gerammt worden. Wollen Sie mich testen?“ Er sah mich herausfordernd an.

Ich stellte fest, dass er die Situation genau beobachtet hatte. Oder wusste er mehr? „Herr Kollmann, ich brauche eine Liste sämtlicher Mitarbeiter dieser Baustelle und aller Gewerke bis hin zur Klofrau. Besonders hervorzuheben sind Leute, die den Aufzug bedienen oder bedienen können. Im Übrigen bezweifle ich, dass Sie bei dem Zustand des Toten mit Sicherheit sagen können, dass es sich nicht um einen Ihrer Leute handelt. Wer hätte sonst etwas auf der Baustelle zu suchen, noch dazu am Wochenende?“

„Montag“, sagte er knapp. „Kriegen Sie am Montag. Heute ist Sonnabend, da habe ich niemanden im Büro. Meine Sekretärin druckt Ihnen die Liste aus. Klofrau ist nicht“, fügte er sarkastisch hinzu. „Und meine Leute kenne ich.“

„Nicht erst Montag. Ich brauche die Liste möglichst in den nächsten zwei Stunden.“

„Wie soll das gehen? Es ist Wochenende! Die Fischer, also meine Sekretärin, ist wahrscheinlich gar nicht zu Hause.“

„Rufen Sie sie an, bitte. Jetzt. Und stellen Sie das Telefon laut.“

Er machte eine wegwerfende Handbewegung, die nicht gerade als freundlich bezeichnet werden konnte, aber er wählte eine Nummer über die Kurzwahltaste. Es dauerte eine Weile. Zunächst nahm niemand auf der Gegenseite ab. Ich dachte schon, die Frau sei wirklich nicht zu Hause. Plötzlich hörte ich eine überraschte Frauenstimme. „Günther? Bist du auf der Baustelle?“

„Frag nicht, komm her. Sofort!“

Die Frau kam gar nicht dazu, nach dem Grund seiner Aufforderung zu fragen. Er legte den Hörer einfach auf. „Sie kommt.“

Ich musste an einen Kasernenhof denken. Herrscht ein ziemlich barscher Ton auf so einer Baustelle, dachte ich. Und sie nennt ihren Chef Günther und duzt ihn, registrierte ich. „Wie viele Leute beschäftigen Sie hier eigentlich? Und sind die alle gemeldet?“, wollte ich wissen.

„Zwölf Mann“, sagte er. „Stammbelegschaft“, fügte er hinzu. „Aber die sind nicht aus Weimar. Die fahren Freitagmittag auf ihre Dörfer und kommen erst am Montag früh um sechs Uhr wieder hier an. Dann noch Leiharbeiter, je nach Erfordernis. Fünf, sechs Leute. Alle korrekt gemeldet! Die genauen Zahlen kriegen Sie. Ich kann mich nicht um jeden Tinnef kümmern. Und noch einmal zwei Leute im anderen Büro.“

„Welches andere Büro?“, fragte ich.

„Ich bin Architekt und habe das Gebäude entworfen. Und ich bin der Bauleiter, der es baut.“

Aha, dachte ich, der Pferdehändler verkauft seinen Gaul zweimal. Aber ich kommentierte es nicht, sondern wiederholte meine Frage direkter: „Auch Illegale?“ Ich sah ihn unverhohlen an.

Er brauste auf: „Ihr Ton gefällt mir nicht, Herr Hauptkommissar! Auf meiner Baustelle geht alles nach Recht und Gesetz zu!“

„Bis auf den Toten unter dem Lastenaufzug“, erwiderte ich trocken.

In dem Moment hörten wir, wie ein Wagen vorfuhr. Kurz danach betrat eine junge Frau das Büro. „Meine Sekretärin. Die Fischer.“ Er hielt es nicht einmal für erforderlich, „Frau Fischer“ zu sagen. Du bist ein ausgemachter Kotzbrocken, dachte ich.

Frau Fischer nickte mir zwar grüßend zu, wandte sich aber sofort an ihren Chef. „Was ist denn los, Herr Kollmann? Was macht die Polizei auf der Baustelle? Ist etwas passiert?“ Mir fiel auf, dass sie reichlich nervös wirkte, ihn jedoch in meiner Gegenwart mit Herr Kollmann und Sie ansprach. Aber ihr Chef hatte auch einen Ton am Leib, der selbst zu einem distanzierteren Verhältnis nicht gepasst hätte. Die beiden hatten doch etwas miteinander!

Frau Fischer sah in meine Richtung, blickte aber an mir vorbei, als sei es ihr unangenehm, mir in die Augen zu sehen.

„Ponte“, stellte ich mich vor. „Kriminalhauptkommissar.“ Den Dienstausweis ließ ich stecken. Ich beobachtete beide. Sie ist nicht nur seine Sekretärin, für so etwas habe ich ein Auge. Und dass sie ihn in meiner Gegenwart siezte, amüsierte mich. Sie wusste nicht, dass ich das Gespräch vorhin mitgehört hatte, in dem sie ihn mit dem Vornamen angesprochen hat. Ihm schien es aber gleichgültig zu sein, ob mir das aufgefallen war oder nicht.

„Da liegt einer unterm Aufzug“, erklärte er ihr. „Tot.“ Mehr musste sie nach seiner Ansicht gar nicht wissen.

„Was? Was für ein Aufzug?“, fragte sie mit dünner Stimme.

„Wie viele Aufzüge haben wir denn auf der Baustelle?“ Und wieder in seinem Kasernenhofton: „Der Kommissar will die Liste aller auf dem Bau Beschäftigten haben, auch die Leiharbeiter. Und falls du einen Illegalen findest, den natürlich auch.“ Wollte er mich mit dieser Bemerkung nur verhöhnen oder sollte es eine versteckte Warnung an sie sein, unbedingt den Mund zu halten?

„Was für einen Illegalen?“, fragte sie verunsichert.

„Herr Ponte liest zu viel Zeitung. Er glaubt, auf allen deutschen Baustellen werden Schwarzarbeiter aus Rumänien beschäftigt. Bei mir nicht!“ Der Satz hätte drei Ausrufezeichen vertragen.

Ich hielt es nicht für erforderlich, die Unterstellung zu kommentieren. „Die Liste, bitte. Name, Anschrift, wenn möglich Telefon.“ Immerhin, dachte ich, hat er Rumänien gesagt. Er hätte ja auch Timbuktu sagen können oder Honolulu. Rumänien, notierte ich in Gedanken. Bemerkungen dieser Art, eher als Nebensatz irgendwo untergebracht, geschehen in aller Regel nicht zufällig und verraten oft mehr, als drei Hauptsätze nacheinander sagen können.

Sie sah ihren Chef fragend an.

„Die Liste!“, schnarrte er.

Ihr fiel der Autoschlüssel aus der Hand, an dem sie nervös herumgespielt hatte, als wolle sie die Verriegelung ihres Polos öffnen und wieder schließen. Das Auto stand gut dreißig Meter vom Baucontainer entfernt.

Er machte keine Anstalten, den Schlüssel für sie aufzuheben. „Was ist denn los mit dir?“

Sie bückte sich. Und noch in dieser Haltung sagte sie: „Nun ja, ein Toter auf der Baustelle. Und die Polizei …“

Frau Fischer war eine gutaussehende junge Frau, Mitte zwanzig, dunkler Teint, tiefdunkle Augen, schlanke Figur. Mir war nicht ganz klar, wieso sie sich in diesem Ton von ihrem gut zwanzig Jahre älteren Chef herumkommandieren ließ. Aber das war nicht mein Problem, jedenfalls nicht zu diesem Zeitpunkt. Ich stellte nur fest, dass Liebe anders aussieht, und sie es weiß Gott nicht nötig hatte, sich von einem deutlich älteren Mann disziplinieren zu lassen wie eine dumme Gans. Falls die Beziehung der beiden miteinander etwas mit Liebe zu tun haben sollte. Aber ich verstehe nichts von Frauen, sagt die meine.

Frau Fischer gehorchte wortlos, nahm den Autoschlüssel auf und setzte sich an ihren Computer. Sie suchte die entsprechenden Tabellen heraus und druckte die Liste aus, die sie aber nicht mir, sondern ihrem Chef übergab.

„Zufrieden?“, fragte er und reichte mir die Blätter nach einem kurzen Blick über die Namen weiter.

Ich hätte ihn gern gefragt, wo er zum Zeitpunkt des Unfalls – oder was immer es war – gewesen ist, aber Pauses Zeitangabe war mir noch zu vage. Außerdem hatte ich es mir zum Prinzip gemacht, Täterwissen nicht an Dritte weiterzugeben, ob sie für die Tat in Betracht kamen oder nicht. „Vorerst, ja, Herr Kollmann.“ Ich gab ihm meine Karte. „Bitte am Montag früh um 9 Uhr in meinem Büro. Wegen des Protokolls“, fügte ich hinzu, weil er mich erstaunt ansah.

„War das eben ein Verhör?“, fragte er.

„Nein, eine Befragung. Aber auch bei uns geht alles nach Recht und Gesetz zu.“ Den Zusatz konnte ich mir nicht verkneifen.

Er schüttelte verneinend den Kopf. „Das geht nicht. Ich habe Montag früh einen wichtigen Termin auf der Baustelle. Den kann ich nicht sausen lassen. Da hängt eine Menge dran.“

„Herr Kollmann“, sagte ich, „auf Ihrer Baustelle ist ein Toter gefunden worden. Wahrscheinlich war es Mord. Bevor nicht alles abgeklärt ist, betritt ohnehin niemand außer der Polizei die Baustelle.“

Ich dachte, ihm platzt gleich die Stirnader. „Was?!“, schrie er. „Sie wollen die Baustelle dichtmachen? Wissen Sie, was das pro Tag kostet?“

Ich blieb gelassen und freute mich innerlich, dass ich ihn offensichtlich an seiner empfindlichen Stelle getroffen hatte. „Herr Kollmann, hundert Meter von hier liegt ein auf brutale Weise zertrümmerter Mensch auf Ihrer Baustelle.“ Das besitzanzeigende „Ihrer“ betonte ich nachdrücklich. „Wollen Sie nicht auch, dass der Fall so schnell wie möglich aufgeklärt wird? Im Übrigen gehe ich davon aus, dass Sie gegen solche Eventualitäten versichert sind. Das sind Sie doch?“ Es klang beinahe höflich.

Er winkte resigniert ab. „Machen Sie doch, was Sie wollen, Herr Hauptkommissar. Mein Anwalt wird sich bei Ihnen melden.“

„Den können Sie am Montag gern mitbringen, wenn Sie sich dann besser fühlen.“ Ich nickte grüßend in Richtung der Sekretärin, die eingeschüchtert vor ihrem Computer saß, und sagte: „Danke.“

„Entschuldigen Sie, Herr Ponte“, wandte sie sich überraschend direkt an mich, „weiß man denn schon, wer es war und wie er …“ Aber sie brach den Satz ab, weil sie den kalten Blick ihres Chefs bemerkte. „Geht mich ja eigentlich gar nichts an.“ Sie konzentrierte sich wieder auf den Bildschirm ihres Computers, als sei noch eine andere Liste auszudrucken.

„War’s das?“, fragte mich Kollmann.

„Fürs Erste, ja. Wir sehen uns am Montag in meinem Büro.“ Ich tippte leicht mit Zeige- und Mittelfinger an meinen imaginären Hutrand. Dann verließ ich das Büro, ohne Kollmann eines weiteren Blickes zu würdigen. Der Mensch war mir unsympathisch. Ich hatte keine Veranlassung, besonders nett zu ihm zu sein. Aber ich hätte auch keinen schlüssigen Grund gewusst, ihn mit dem Toten und der Tat direkt in Verbindung zu bringen. Eigentlich wussten wir zu diesem Zeitpunkt herzlich wenig.

Wenn der Getötete zur Verdeckung einer Straftat auf diese grausame Weise unkenntlich gemacht werden sollte, muss der Mord nicht unbedingt am Fundort der Leiche geschehen sein. Wahrscheinlicher war sogar, dass sich der eigentliche Tatort zwar in unmittelbarer Nähe, aber kaum an dieser Stelle befand. Es gab reichlich Möglichkeiten auf der Baustelle, die nicht oder nur schwer einsehbar waren. Auf Elkes Gründlichkeit konnte ich mich verlassen.

Ich schloss die Tür hinter mir, hörte aber noch, wie Frau Fischer völlig verstört fragte: „Was ist denn eigentlich passiert, Günther? Wieso lag denn unter dem Aufzug …?“

„Nichts!“, schnitt er ihr das Wort ab. „Überhaupt nichts ist passiert. Du hältst gefälligst den Mund. Und erzähl der Kripo bloß nichts, was die einen feuchten Kehricht angeht!“

Kopfschüttelnd verließ ich den Container und ging wieder zu meinen Kollegen. Ich sah, dass Astrid inzwischen gekommen war. „Wochenende, ade!“, begrüßte sie mich.

Pause hatte sein Köfferchen schon wieder geschlossen. „Hätte mal ein freies Wochenende werden können. Das nehme ich ihm persönlich übel“, sagte er in Richtung des Toten.