Moderne Piraten - Hans Dominik - ebook

Moderne Piraten ebook

Hans Dominik

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Opis

Moderne Piraten ist ein 1929 veröffentlichter Thriller des Autors Hans Dominik. Dominik ist einer der bedeutendsten Pioniere der Zukunftsliteratur in Deutschland. Seine Science-Fiction-Erzählungen erfreuen sich seit Anfang des vorigen Jahrhunderts bis in die Gegenwart großer Beliebtheit. Mit dem Roman „Moderne Piraten” verfasste Hans Dominik, ansonsten eher bekannt für seine Science-Fiction-Romane, in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts eine tempogeladenen Geschichte, die sich mit dem internationalen Drogenhandel beschäftigt. Durch Zufall kommt ein junger Deutscher einer Bande Rauschgifthändler auf die Spur. Ein spannender Roman, in dem eine Kriminalangelegenheit im Mittelpunkt steht, der aber auch technische Probleme behandelt. Der Roman spielt an stets wechselnden Orten und erinnert an die rasanten Verfolgungsjagden, die zum Beispiel bei James Bond-Filmen beliebt sind.

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Hans Dominik

Moderne Piraten

Warschau 2018

Inhalt

1. AUF DER FAHRT NACH ÄGYPTEN

2. ZURÜCK NACH HAMBURG

3. DIE »ORGANISATION«

4. VON GORLA NACH GENF

5. AUF DEM GENFER SEE

6. WIEDER IN GORLA

7. DER KAMPF GEHT HART AUF HART

8. DER KNOTEN SCHÜRZT SICH

9. DIE SCHLINGE ZIEHT SICH ZUSAMMEN

1. AUF DER FAHRT NACH ÄGYPTEN

Mit einer Stundengeschwindigkeit von achtzehn Knoten schraubte sich die »Usakama« durch die Fluten des Mittelmeeres. Nur ein schwaches Zittern des gewaltigen Körpers verriet die Arbeit der zwanzigtausendpferdigen Turbinen, die das Schiff vorwärts trieben. Vor zwei Tagen hatten die Reisenden in der Straße von Messina zum letzten Male Land gesehen, dann war der rauchende Kegel des Ätnas, das letzte Wahrzeichen Europas, allmählich im Westen hinter ihnen in der See versunken. Nur ruhiges, saphirblaues Meer zeigte sich jetzt nach allen Seiten hin, soweit das Auge reichte, ein ebenso blauer Himmel darüber, von dem das Tagesgestirn mit südlicher Kraft herniederbrannte. Glänzendweiße Sonnensegel, von den Schiffspumpen in kurzen Zeitabständen mit Seewasser benetzt, überspannten die Oberdecks und spendeten Schatten und Kühlung.

Der Lunch im großen Speisesaal der »Usakama« ging mit einer Tasse Kaffee zu Ende. Die letzten Klänge der Schiffskapelle verrauschten, und lauter schlugen nun Gesprächsbrocken von den einzelnen Tischen her durch den Raum. Schon erhoben sich einzelne Gäste.

Auch Doktor Gransfeld, der seinen Platz neben dem Schiffsarzt hatte, schob die leere Kaffeetasse zurück und machte Anstalt, aufzustehen. »Wie wär's mit einem Verdauungsmarsch über das Promenadendeck, Kollege?«

Doktor Lüders, der Schiffsarzt, lachte. »Aha, die alte Regel! ›Nach der Mahlzeit sollst du ruhn oder tausend Schritte tun!‹ Sie haben recht. Man setzt bei unserer Bordverpflegung sonst unweigerlich Speck an. Also auf zum Mittagsbummel!«

Die beiden Medizinmänner—auch Doktor Gransfeld war Arzt—stiegen die Mahagonitreppe zum Promenadendeck empor. Vor der Wanduhr im Treppenhaus, unter der auf einer Seekarte gerade das neue Mittagsbesteck eingetragen wurde, blieben sie stehen.

»Einen Augenblick, Kollege! Wollen mal sehen, wo wir sind.—24 Grad 10 Minuten östlicher Länge, 33 Grad 45 Minuten nördlicher Breite. Alle Wetter, sollte denn da im Norden nichts von Kreta zu sehen sein?«

Doktor Lüders schüttelte den Kopf. »Ausgeschlossen! Unser Kurs steht zwanzig Meilen südlich von der Insel. Von Europa bekommen Sie nichts mehr zu sehen, erst in Port Said wieder afrikanisches und asiatisches Land zur gleichen Zeit. Stellen wir unsere Uhren gleich auf die neue Schiffszeit dreißig Minuten vor! Eine halbe Stunde ist uns bei der Ostfahrt verloren gegangen. Ein Trost, daß wir sie auf der Rückreise wiederfinden.«

Auch Gransfeld zog seinen Chronometer und richtete ihn neu. »So, Punkt eins des Programms wäre erledigt. Jetzt mal nach vorn! Vielleicht gibt's Delphine.«

»Meinetwegen! Aber da sind keine Sonnensegel. Es wird ein bißchen warm werden.«

Sie schritten über Promenaden- und Vorderdeck bis zur Spitze des Schiffes und schauten in die Flut. In der klaren See umschwärmte ein Rudel Delphine das Schiff, und geraume Zeit betrachteten sie die munteren Fische.

Doktor Lüders brach das Schweigen. »Besser Delphine als Haie.«

»Haie? Gibt's die hier auch?« fragte Gransfeld.

»Leider! Die Biester müssen durch den Suezkanal kommen. Im Hafen von Port Said wimmelt es manchmal davon. Ich möchte niemand empfehlen, dort über Bord zu fallen.«

»Es sind wohl nur Katzenhaie und keine richtigen Menschenhaie?«

»Ob Katzenhai oder Menschenhai soll mir gleich sein. Beißen tun alle beide.—Doch jetzt haben wir hier genug geschmort. Gehen wir lieber nach hinten in kühlere Gegenden!«

»Sie wollen Ihren Onkel in Syut besuchen?« setzte Doktor Lüders auf dem Rückwege die Unterhaltung fort. »Ich habe inzwischen allerlei über ihn gehört. Das muß ja ein ganz bedeutender Herr sein, Chefingenieur der Egyptian Irrigation Company, Leiter sämtlicher Bewässerungsarbeiten im Abschnitt Syut, schon seit langem dort tätig, dabei unverheiratet. Nach meiner Schätzung muß der Mann ein Vermögen zurückgelegt haben. So einen Erbonkel könnte ich auch brauchen.«

Gransfeld machte eine abweisende Bewegung. »Ich wünsche meinem Onkel ein langes Leben. Leider ist seine Gesundheit nicht die beste, seitdem er vor zwei Jahren einen Unfall auf einer Baustelle hatte. Ein Sturz, der an sich gar nicht so gefährlich war, aber die Aufregung, die Nervenerschütterung. Obwohl ich Arzt bin, kann ich mir kein klares Bild machen. Jedenfalls muß der Unfall ein anderes Leiden, das innerlich schon vorhanden war, zum Vorschein gebracht haben.«

»Das wäre nicht das erstemal«, warf Doktor Lüders ein »Jeder Europäer, der jahrzehntelang in subtropischem Klima lebt, hat mehr oder weniger einen Knacks weg. Wenn Ihr Onkel noch etwas von seinem Leben haben will, sollte er die Irrigation Company sich selbst überlassen und schleunigst nach Deutschland zurückkehren.«

»Das wird schwerhalten, Kollege. Er hängt mit Leib und Seele an seinem Beruf. Aber ich will versuchen, in diesem Sinne auf ihn zu wirken.«

Sie waren in ihrer Unterhaltung bis zum Heck des Schiffes gekommen. Hier war ein Sonnensegel gespannt, in dessen Schatten ein Teil der dienstfreien Schiffsbesatzung Ruhe und Erfrischung suchte.

»Il dolce far niente, das süße Nichtstun«, meinte Doktor Lüders, »hier lernen sie's alle. Nicht nur die Levantiner und Griechen, die wir unter der Besatzung haben, auch unsere Hamburger geben sich dieser Beschäftigung mit lobenswerter Ausdauer hin. Sehen Sie mal unsern kleinen Steward da, den Rudi! Ein Berliner Junge übrigens, ein fixes Kerlchen. Macht schon seine achte Reise mit der ›Usakama‹. Der hat sich da wie ein Igel hinter dem Rettungsboot zusammengerollt. Geschickt, wie er sich den Platz gesucht hat! Liegt im Bootschatten und hat das bißchen Seebrise aus erster Hand.—Na, Rudi, mein Sohn, bald wird die Glocke schlagen, die dich zu neuen Taten ruft!—Sein Chef Rasati, der Obersteward, ist übrigens ein ziemlich brutaler Kerl.« Lüders wandte sich wieder an Gransfeld. »Der wird sacksiedegrob, wenn seine Leute nicht pünktlich zum Dienst kommen. Er ist übrigens auch ein Levantiner, aber in Zug hält er seine Kolonne, das muß der Neid ihm lassen.«

Sie waren an dem letzten Rettungsboot vorbei bis an die Heckreling gekommen und blickten eine Weile auf das schaumige Schraubenwasser, das sich kilometerweit auf dem ruhigen blauen Seespiegel verfolgen ließ.

»Hier könnten wir Haie sehen, wenn welche da wären«, meinte Doktor Lüders. »Das Viehzeug ist gefräßig; es bleibt immer hinter dem Schiff, um jeden Abfall zu erwischen, den der Koch über Bord wirft.«

»Weiter, Kollege! Unsere tausend Schritte sind noch nicht um.« Gransfeld suchte zur Fortsetzung des Spazierganges zu ermuntern.

Doch Lüders lehnte sich behaglich mit dem Rücken an den Stock der Heckflagge. »Einen Augenblick noch! In zwei Minuten muß die Glocke die neue Wache schlagen. Ich möchte gern sehen, wie die Leutchen hier mobil werden.«

So blieben sie stehen. Außer Gransfeld befanden sich nur noch zwei Fahrgäste der ersten Klasse auf dem Achterdeck. In ein eifriges Gespräch vertieft standen sie dicht neben dem letzten Backbordrettungsboot. Gransfeld warf einen Blick dorthin und fragte Lüders: »Was sind das für Leute? Die sind mir schon aufgefallen.«

»Fahrgäste wie Sie und viele andere. Nur die Schiffsliste kennt ›Nam und Art‹; aus der kann ich's Ihnen verraten. Der Lange mit der Schirmmütze ist ein Schotte, ein Mister Morton aus Edinburg, der andere, kleinere, namens van Holsten, stammt irgendwoher aus dem Lande der Mynheers. Engländer, Holländer, Levantiner und so weiter, wir führen alles an Bord, was Sie wünschen. Wenn ich mich nicht irre, habe ich die beiden schon einmal auf einer früheren Fahrt an Bord der ›Wadoni‹ gesehen.«

»Merkwürdig!« warf Gransfeld ein.

»Durchaus nicht, Kollege. Gewisse Leute werden Sie immer wieder auf bestimmten Schiffsstrecken treffen. Das hängt wohl mit ihren Geschäften zusammen.«

In diesem Augenblick schrillte die elektrische Glocke. Sofort sprang Rudi, der junge Steward, der unmittelbar neben den beiden Fahrgästen gelegen hatte, auf und wollte zum Dienst eilen. Erst jetzt, wie erschreckt, bemerkten diese seine Anwesenheit. Der Holländer packte ihn am Rockärmel und fuhr ihn grob an: »Qu'est-ce que vous avez fait ici?«

Während der Gefragte noch mit der Antwort zögerte, mischte sich der lange Schotte dazwischen und wiederholte die Frage: »What did you do here?«

Rudi antwortete englisch: »Ich habe hier geschlafen und höre eben das Signal, daß ich zum Dienst kommen muß.«

»Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?«

»Ich verstand nicht, was der andere Herr auf französisch sagte«, entschuldigte sich Rudi und wollte weitergehen.

Wütend sprang der Schotte ihm nach und versetzte ihm einen Schlag, der ihn fast zu Fall brachte. Schreck und Entrüstung erpreßten dem Getroffenen einen lauten Schrei. Augenblicklich hatte Rudi sich umgedreht, die Fäuste geballt, die Arme angezogen, bereit, jedem weiteren Angriff auf Boxerweise zu begegnen.

Morton zog es vor, sich zurückzuziehen, während er laut schimpfte. »Ich will dich lehren, hinter den Fahrgästen her zu spionieren und fremde Gespräche zu belauschen!«

Gransfeld und Lüders waren inzwischen hinzugekommen, um der Szene ein Ende zu machen. Auf einen Wink des Schiffsarztes ging der Steward ruhig fort.

»Mr. Morton«, wandte sich Doktor Lüders in gutem Englisch an den Schotten, »es ist nicht erlaubt, Leute der Besatzung zu schlagen. Wenn Sie glauben, Grund zu einer Beschwerde zu haben, wollen Sie diese gefälligst an der zuständigen Stelle, das heißt beim Kapitän, vorbringen!«

Den Herren Morton und van Holsten war das Dazwischentreten des Schiffsarztes offenbar peinlich, peinlicher vielleicht noch der scharfe, durchdringende Blick, mit dem Gransfeld sie während der ganzen Zeit musterte. Verlegen wandten sie sich ab, während Lüders und Gransfeld nach dem Promenadendeck gingen.

»Die beiden Herren haben mir von allem Anfang an nicht gefallen«, sagte Gransfeld. »Weiß der Kuckuck, woran das liegt! Ich fühle eine unwillkürliche Abneigung. Dabei sind es eigentlich ganz gewöhnliche Durchschnittsgesichter. Aber die Roheit gegen den Jungen—warum, weshalb?«

»Viel Scharfsinn gehört nicht dazu, Kollege, um das zu erraten. Der Mister und der Mynheer haben sich wohl über Dinge unterhalten, die kein Dritter hören soll. Wer weiß, was für dunkle Geschäfte die betreiben! Ihr schlechtes Gewissen hat unserm Freunde Rudi unverdientermaßen zu einem blauen Fleck verholfen. Na, das kann bei der Seefahrt schon mal vorkommen!«

Wie ein Purpurball war die Sonne versunken. Nur noch kurze Zeit leuchtete das Meer im Westen in roten und goldenen Tönen. Schnell kam die volle Dunkelheit der Nacht. In stillem Glanz schimmerte das Firmament, während eine leichte Westbrise Kühlung brachte.

Die Abendmahlzeit war vorüber. Auf dem Promenadendeck hatte Gransfeld es sich bequem gemacht und sich ein Bier bestellt. Es war Rudi, der es ihm brachte. Gransfeld sprach ihn an. »Sie hatten heute ein unangenehmes Zusammentreffen mit dem langen Engländer. Ist alles wieder in Ordnung, oder haben Sie sich etwa über ihn beschwert?«

Der Junge zuckte die Achseln. »Es kommt nichts dabei heraus, Herr. Am liebsten hätte ich dem Menschen sofort einen soliden Kinnhaken verpaßt, aber meine Stellung an Bord... Ich darf mir so etwas nicht erlauben. Gott sei Dank hat unser Doktor ihm wenigstens die Meinung gesagt.«

Es waren nur wenige Fahrgäste auf Deck, und die Dienste des Jungen wurden kaum beansprucht. So konnte sich Gransfeld ungestört mit ihm unterhalten und erfuhr im Verlauf einer halben Stunde seine ganze Lebensgeschichte. Er hieß Rudi Wagner und war ein gebürtiger Berliner, achtzehn Jahre alt. Schulbildung? Hier wurden die Angaben Rudis lückenhaft; nur das Wort Obertertia war gefallen. Dann kam eine Lehrzeit in einem Berliner Hotel. Vor Jahresfrist waren beide Eltern schnell hintereinander gestorben. Da hielt ihn nichts mehr in Berlin. Durch die Vermittlung eines Verwandten in Hamburg hatte er die Stellung als Steward auf der »Usakama« bekommen. »Warum soll ich in Berlin kleben, Herr Doktor? Man ist jung und will die Welt kennenlernen. Außerdem habe ich hier Gelegenheit, mich in Sprachen zu vervollkommnen, die für bessere Hotelstellungen nötig sind. Zwei Reisen mache ich noch mit der ›Usakama‹. Dann will ich auf einem der großen afrikanischen Dampfer unserer Linie anmustern.«

Als Rudi ihn verließ, um andere Gäste zu bedienen, ging Doktor Gransfeld das Gehörte noch geraume Zeit durch den Kopf. Ein netter, anstelliger Junge! dachte er. Der wird mal seinen Weg machen.

Andere Leute an Bord dachten anders über Rudi. Mister Morton und der Obersteward Rasati standen in einem Winkel im Mitteldeck. Rudi, der Erfrischungen auf das Promenadendeck brachte, kam an ihnen vorbei.

»Rasati, versteht der Lümmel da Französisch?«

»Selbstverständlich. Spricht nicht gerade fließend, aber doch einigermaßen.«

»Würde er es verstehen, wenn man ihn fragte: ›Was machen Sie hier?‹«

»Natürlich, Morton, das muß er verstehen; hat ja lange genug französische Gäste bei Tisch bedient.«

»So? Der Bursche versteht Französisch?« Danach gab es im Flüsterton ein langes vertrauliches Gespräch zwischen Rasati und Morton, dessen Gegenstand Rudi bildete.

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