Liebessiegel - Martin Mucha - ebook

Liebessiegel ebook

Martin Mucha

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Opis

Arno Linder ist am Ziel seiner Träume angekommen. Er ist endlich Professor, er ist verheiratet und seine Laura erwartet ein Kind. Die schlimmen Tage scheinen hinter ihm zu liegen und allem kann er widerstehen - bloß der Versuchung nicht … Die steht in Form seiner alten Jugendliebe Kaede Yoshikawa unerwartet vor der Tür. Als diese plötzlich die Stadt verlassen muss kann Arno aufatmen - doch nur kurz. Kaede wird ermordet und Arno versucht, ohne das Wissen seiner Frau und der Polizei, den Mörder zu entlarven.

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Martin Mucha

Liebessiegel

Kriminalroman

Impressum

Dieses Buch wurde vermittelt durch die Literaturagentur erzähl:perspektive

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2015 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2015

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Irmela Nothdurft, Stuttgart

ISBN 978-3-8392-4766-2

Zitat

»… and they spent the rest of their lives in search for fools gold«

Prolog

Wenn ich mich an die Zeit erinnere, als Kaede in mein Leben zurückkehrte, dann muss ich nicht lange nachdenken, um genau zu wissen, was mich damals so aus der Bahn warf. Ich war vorbereitet, ernst, vorsichtig und verantwortungsbewusst zu sein. Zehn Sekunden und eine geöffnete Tür reichten aus, um alles über den Haufen zu werfen. Ich weiß genau, woran das lag. Es lag an Kaedes Duft.

Den optischen, den akustischen, den haptischen Eindrücken gegenüber können wir Menschen Barrieren entgegensetzen, die wir in langen Jahren errichtet haben. So stark diese Eindrücke auch immer sein mögen, wir können sie ertragen und beherrschen.

Mit dem Geruchssinn ist es etwas anderes. Der trifft uns mitten in unser Sein. Dorthin, wo kein Panzer und kein Schild uns schützen. Einmal eingeatmet, und der Duft der Jugend hüllt einen ein wie ein göttlicher Hauch. Ein Tor tut sich auf in eine längst vergangene Zeit, die um einen herum wieder ersteht.

Doch sobald man ausatmet, ist der Spuk vorbei. Die Jugend vergangen, und das Jetzt allein bleibt übrig.

1. Kapitel

I

Institutssitzungen haben immer was Langweiliges. Administrative Angelegenheiten. Enervierendes Ennui. Immerzu Intrigen. Omnipräsente Omnachtung. Unpackbare Umsonstigkeit. Schon beim Gedanken daran switcht mein Hirn auf Deep Sleep Mode. Nicht mal Stabreime machen da mehr Spaß.

Es war einer dieser langen Nachmittage, und ich hörte dem Plappern einer Kollegin zu. Ob es um Sexismus, Heteronormativität oder das Aufbrechen patriarchaler Strukturen ging, ist mir nicht mehr erinnerlich. Jedenfalls startete die ganze Diskussion mit der Auswahl des neuen Kopierpapiers für das Institut. Von da war es nur mehr ein kleiner Schritt bis zum Geschlechterkampf. Da ich der einzige Vertreter meines Geschlechts in der Sitzung war, brach die gesamte Frustration des weiblichen Lehrkörpers über mich herein. Was sich in mancher Situation als lustvolle Erfahrung denken lässt. Nur halt nicht im Rahmen einer Institutssitzung. Ich zog mich in meinen Seelenpalast zurück und ließ die Damen diskutieren. In meinem Seelenpalast saß ich auf einem handgegerbten Ledersessel, trank Sencha und las Ovid. Wenn der gewusst hätte …

Jedenfalls schreckte mich irgendwas auf. Ich kehrte an die Oberfläche meines Bewusstseins zurück und versuchte herauszufinden, was da nicht stimmte. Ich brauchte nur einen Augenblick. Es war still. Viel zu still. Alle blickten auf mich. Ich hatte doch nicht wieder laut gedacht? Nein, nein beruhigte ich mich. Langsam räusperte ich mich und blickte hoheitsvoll in die Runde. Nur keine Unsicherheit zeigen. Sie können Angst riechen. Um keinen Blödsinn zu sagen, biss ich die Zähne aufeinander und schwieg.

»Herr Professor Linder?«, sprach mich Frau Glanicic-Werffel an. Ein hintergründiges Lächeln umspielte ihre Lippen. Meine Chefin, die Vorständin des Instituts, kannte mich genau. »Was halten Sie von dem Vorschlag?«

»Hm«, machte ich und versuchte, gewichtig zu klingen. »Ein zweischneidiges Schwert.«

Wieder machte ich eine kleine Pause und hoffte darauf, dass mich irgendeine der Kolleginnen unterbrechen würde. Normalerweise taten sie das alle Augenblicke. Aber jetzt nicht. Alle starrten mich an und warteten auf eine Wortspende. Ich war ins Eck gedrängt und fühlte mich wie Friedrich der Große im Siebenjährigen Krieg. Bloß ohne Siege, und Zarin Elisabeth wollte auch nicht sterben. Außerdem würde die Worte ›der Große‹ auch nie wer hinter meinen Namen auf einen Grabstein schreiben. Bitter.

»Also gut, ich bin dabei«, meinte ich und hoffte inbrünstig, dass ich mich weder blamiert noch in irgendeine unangenehme Situation geritten hatte.

»Ausgezeichnet«, meinte Glanicic-Werffel und hakte irgendwas auf ihrer Liste ab. »Und nun zurück zum ersten Punkt. Was ist mit dem Kopierpapier?«

Ein Summen und Brausen zog durch das Zimmer, wirbelte in den Ecken und verdichtete sich über dem langweilig modernen Schreibtisch, um den wir saßen, zu einer Gewitterstimmung.

»Es kann nicht sein, dass wir weiterhin Papier von einem Hersteller beziehen, der keine Frau in der Geschäftsführung hat. Wie vorhin schon ausgeführt: Ich habe recherchiert, war vor Ort, das ist eine Tatsache. Wir müssen dem Sexismus, den das männliche Patriarchat …«

Weiter hörte ich ihr nicht zu. Das würde jetzt wieder eine halbe Stunde so weitergehen und damit enden, dass wir ein Papier haben würden, das doppelt so schlecht und vierfach so teuer war wie bisher. Was wiederum dazu führen würde, dass wir weniger Bücher ankaufen und weniger alte wieder instand setzen lassen können würden. Aber wir müssen halt alle Opfer bringen im großen Kampf. Ich beneidete den alten Gruber, das einzige andere männliche Mitglied des Instituts. Der musste nicht mehr an diesen Sitzungen teilnehmen, seitdem er ohne Schuhe und mit den Socken an der Nase am Institut aufgetaucht war. Er durfte nun zu Hause arbeiten. Wie man hörte, musste er allerdings auch ständig eine Windel tragen, aber das war ein kleiner Preis, wie mir schien. Ich zog mich wieder in meinen Seelenpalast zurück und las weiter in meinem Ovid. Aber erst nachdem ich tief durchgeatmet hatte und ein Schluck bester Sencha durch meine Kehle geronnen war. Hmmm. Sencha.

Ich war gerade wieder einmal beim Anfang der Heroides, der Stelle, an der Penelope davon spricht, dass Troja für alle anderen gefallen ist, nur nicht für sie, als mich ein allgemeines Rascheln und Stuhlrücken aus dem Genuss der Lektüre riss. Ich blickte mich um, und alle waren dabei aufzuspringen und den Raum zu verlassen. Gut, die Sitzung war endlich vorbei. Glanicic-Werffel blickte mich an und winkte mich zu sich. Schlecht, das Leiden ging weiter.

»Die anderen können gehen. Professor Linder, Sie kommen noch für einen Augenblick zu mir.«

»Was habe ich diesmal verbrochen?«, fragte ich, als wir allein waren.

»Nichts«, meinte Glanicic-Werffel, »von dem ich wüsste. Es ist nur so: Laura hat mich vorhin angerufen, sie kann Sie nicht erreichen und ich soll Ihnen ausrichten, dass Sie zurückrufen sollen.«

Nachdem meine Frau, die Rechtsanwältin ist, die Scheidung von Glanicic-Werffel geleitet hatte und dem untreuen Ehemann meiner Chefin das letzte Hemd und jeden Rest von Selbstachtung genommen hatte, waren die beiden beste Freundinnen. Auf dem Papier klingt das gut, in der Realität ist das eine Katastrophe. Mit Laura ging sie ins Konzert und zur Weinverkostung. Es gab nichts, was die beiden nicht von mir wussten. Ich war ihnen hilflos ausgeliefert. 24/7-Überwachung, die NSA ist dagegen lächerlich.

»Danke!«, sagte ich und wollte schon gehen, als mich meine Chefin schelmisch ansah.

Die kurzen eisgrauen Haare lagen in schönen Locken eng am Kopf, die Augen blickten mich klar und durchdringend an, der Lidstrich war wie von Picasso gezogen. Ebenso fein wie elegant. Sie schmunzelte.

»Sie haben keine Ahnung, wozu sie vorhin Ja gesagt haben, oder?«

»Das hat mich noch nie gestört«, meinte ich trotzig.

»Kann ich mir vorstellen«, meinte meine Chefin, und ich war entlassen.

Auf dem Weg zu meinem Büro – ich hatte nun eines als ordentlicher Professor, obgleich es derselbe Raum war, den ich zuvor bewohnt hatte, nur ohne Studenten – schaltete ich mein Handy ein. Das Ding ist schon uralt, und der Akku ist schwer hinüber. Ich kann es nicht mehr ständig laufen lassen. In meinem Zimmer plumpste ich in meinen Sessel und schenkte mir einen ordentlichen Schluck aus der Bürokanne ein. Dann drückte ich den grünen Knopf.

»Ja?«, meinte Laura ein paar Augenblicke später.

»Hi, Süßeste, was gibt’s?«, fragte ich leichthin.

»Wir müssen reden«, antwortete Laura ernst.

»Tun wir ja.«

»Ich mein ein echtes Gespräch.«

»Von Angesicht zu Angesicht?«

»Genauso.« Laura klang erstaunlich ernst.

»Oh mein Gott. Du bist schwanger!«, entrang sich mir ein tonloser Ausruf.

Die Wirklichkeit um mich herum zerfiel zu grauen Schatten, die ascheartig ihre Konturen verloren und zu kleinen Häufchen zusammensackten. Dann zerblies sie ein unfühlbarer Wind. Es kam mir ein bisschen so vor, wie wenn Gott die Schöpfung rückgängig gemacht hätte.

Am anderen Ende der Leitung schwieg Laura einen Moment. Dann meinte sie: »Ja, Arno. Ich bin schwanger. Ich denke, wir sollten darüber reden.«

»Mhm.«

»›Mhm‹ machen ist kein Reden. Streng dich ein bisschen mehr an.«

Ich versuchte krampfhaft, etwas zu finden, was man in einer solchen Situation sagen könnte. Allein, mir fiel nichts ein.

»Du könntest zum Beispiel sagen, dass du dich freust«, meinte Laura, nachdem ich eine gefühlte Stunde nichts rausgebracht hatte.

Mir war klar, dass ich bis jetzt alles falsch gemacht hatte, was sich in einer solchen Situation überhaupt nur falsch machen ließ. Laura war ein Engel, dass sie mir noch keine Morddrohung zukommen hatte lassen.

»Ähh«, war meine Antwort.

Ich steuerte auf eine Katastrophe zu und ich wusste es. Mit schwangeren Frauen verhält es sich wie mit verletzten Tigern: Man sollte sie besser nicht reizen. Aber dafür war es vielleicht schon zu spät.

»Arno!«, ermahnte mich meine Frau.

Sie klang rasch böse werdend. Und ein klein wenig verletzt. Mit dem Gedanken an eine schwangere, verletzte Laura, die im Unterholz lauert, nur bereit, loszuschlagen, löste sich endlich meine Blockade.

»Süße, das muss gefeiert werden, wir gehen essen! Ich reservier’ was und komm dich um sieben in der Firma holen. Okay? Das ist der schönste Augenblick meines Lebens. Ich freu mich so für uns. Wir werden eine Familie.«

Damit legte ich auf. Nach dem Sermon verharrte ich zunächst reglos. In meinen Ohren klang ständig: Wir werden eine Familie. Ich checkte meinen Terminkalender und stellte fest, dass ich keine Lehrverpflichtung hatte. Es kam auch keine Studierende, gleich welchen Geschlechts, zu mir wegen Diplomarbeiten oder Dissertationen. Ich hatte frei. Normalerweise hätte ich mich jetzt in die Bibliothek zurückgezogen, aber so gab es nur einen Ort auf der Welt, wo ich mich jetzt geborgen fühlen würde.

Eine halbe Stunde später saß ich in meiner alten Wohnung, und ein paar Kumpels schauten vorbei. Wobei, ich kannte sie nicht persönlich, anwesend waren sie auch nicht und außerdem schon alle tot. Aber CDs sind eine feine Sache. Die Jungs jammten, und ich grübelte. Charlie blies sich die Lunge aus dem Leib, Max trommelte wie ein Berserker, und Dizzie gab den coolen Hund. Bloß Thelonius war nicht so gut in Fahrt. Aber wer ist das schon bei solchen Neuigkeiten.

›Gib acht, was du dir wünschst, es könnte in Erfüllung gehen.‹ Bis vor einer Stunde hatte ich das nur für einen coolen Spruch gehalten. Aber jetzt wusste ich es besser. Ich hatte bekommen, was ich mir gewünscht hatte.

Ich liebte eine wahnsinnig kluge und schöne Frau, die den schönsten Hintern der Welt hatte und mit mir zusammen sein wollte. Ich hatte endlich eine Anstellung am Institut. Alles war perfekt. Na gut, es gab da die StudentInnen, die Institutssitzungen und das Haus, das Laura haben wollte. Damit wir es kaufen konnten, hatte ich eine Lebensversicherung abschließen müssen. Das war schon hart, aber alles noch zu ertragen gewesen. Dem war nun nicht mehr so. Es war alles aus. Ich würde Vater werden. Kein Wunder, dass sich meiner damals aus dem Staub gemacht hatte.

Ich sah mich Rasen mähen und Unkraut jäten und dann unsere Kinder zu den Klavierstunden fahren. In meiner Muße würde ich dann vielleicht Briefmarken sammeln oder chinesisches Porzellan oder solche Sachen. Mir lief ein Schauer den Rücken runter.

Schnell trank ich meine Schale Tee aus und schenkte nach. Ilam Feng. Grüner Tee von den Hängen des Himalaja. Passt wunderbar zum Wiener Hochquellwasser. Und zu Bebop. Wieder leerte ich meine Schale im verzweifelten Bemühen, mich so weit zu beruhigen, dass ich mich einigermaßen Herr der Situation schimpfen konnte.

Ich überlegte mir kurz, ob ich mir einen picken sollte, ließ es aber bleiben. Meine Performance Laura gegenüber war bis jetzt suboptimal gewesen; wenn ich stoned zum Abendessen gekommen wäre, hätte das sogar Lauras Regentonne zum Überlaufen gebracht. Also verräumte ich mein Equipment wieder und blickte mich in der leeren Wohnung um. Bis auf meinen alten Ohrensessel, eine kleine Soundanlage, einen Wasserkocher und ein Teegeschirr war nicht viel da. Der Rest war in unserem Häuschen. Obwohl, das war schon ein richtiges Haus. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, war das mit der Schwangerschaft sicher keine große Überraschung, denn Laura wollte unbedingt drei Schlafzimmer haben. Ich hatte mich noch gewundert, wozu, und auf bizarre Sexualtechniken gehofft. Jetzt war es mir klar. Die Frau hatte von Anfang an an Kinder gedacht. Höchstwahrscheinlich hatte sie sogar einmal davon gesprochen, und ich hatte dazu genickt und es gar nicht richtig mitgekriegt. Wahrscheinlich am Frühstückstisch. Sie hatte dort gesessen, im Morgenmantel, ihr Ei gelöffelt, der Kaffee hatte geduftet, und ich hatte gerade genießerisch in die frisch geschmierte Buttersemmel gebissen. Meine Nase hatte ich tief in eine Grammatik gesteckt gehabt, wie immer zum Frühstück, und da war es passiert.

»Du Arno, ich wünsche mir Kinder.«

»Mhmm.«

»Hörst du überhaupt zu?«

»Sicher.«

»Hör auf zu lesen und schau mich an.«

»Ja«, hatte ich wahrscheinlich geantwortet und mich zu ihr hinübergedreht.

Da hatte ich wahrscheinlich bemerkt, dass ihr Morgenmantel zu kurz war. Ihre glatten Schenkel waren zu sehen gewesen, und Bumm. Wahrscheinlich hätte ich in dem Moment nicht mal mitgekriegt, wenn ein Brontosaurier auf unseren Frühstückstisch geschissen hätte.

So oder so ähnlich hatte sich das zugetragen. Zugestimmt hatte ich wahrscheinlich auch noch. Verdammt.

Vielleicht sollte ich mir doch noch einen picken. Ab jetzt wäre ich Vater. Da würde das nicht mehr gehen. Unkontrollierter Drogenkonsum und so. Mhmm. Allerdings bestand die Möglichkeit, dass, wenn ich jetzt noch einen Letzten rauchen würde, ich dann überhaupt gar nie die Möglichkeit hätte, die Vaterschaft anzutreten. Laura kann sehr hart in ihren Entscheidungen sein. Dieses Entweder-oder abzuwägen, dauerte keine halbe Sekunde. Ich räumte die alte Zigarrenschachtel weg, unter den Stuhl. Dann lehnte ich mich wieder entspannt zurück und lauschte den Jungs. Thelonius war jetzt auch besser drauf und jammte schräg drauf los, dass die Harmonien nur so knackten. Die Musik würde mir niemand nehmen können. Und den Tee auch nicht. Als ich fast so weit war, meinen inneren Frieden mit der neuen Lebenssituation zu schließen, klopfte es an der Tür. Ich war überrascht. Denn eigentlich wohnte ich hier gar nicht mehr. Mit Ende letzten Monats war ich offiziell ausgezogen. Mike hatte da ein bisschen rumgetrickst, und in der Wohnung war ein Serbe gemeldet. Der Typ würde mir aber nie in die Quere kommen, denn der lag schon seit einiger Zeit auf irgendeinem kleinen Friedhof im Kosovo. Wenn die eigene Frau klüger ist als man selbst, dann muss man zu allerhand Vorsichtmaßnahmen greifen.

Ich wohnte hier nicht mehr. Der Serbe war tot. Wer konnte da draußen klopfen? Viel blieb nicht übrig. Gevatter Tod, die vier Reiter der Apokalypse, vielleicht aber auch das Schicksal. Mannhaft und verwegen riss ich die Tür auf. Bereit, allem zu trotzen, hatte ich keinen Blick durch den Spion riskiert. Was vor mir stand, war schlimmer als alles, was ich erwartet hatte. Es war die schönste Frau der Welt.

II

»Du bist also jetzt verheiratet?«, meinte Kaede, ihr hohes geeistes Glas langsam an den Mund führend.

Wir saßen an der Bar des Intercontinental am Heumarkt. Das Licht war warm und golden. Das leise Murmeln der Gäste tanzte beschwingt auf den Takten der geschmackvollen Hintergrundmusik.

»Ja, jetzt schon ein bisschen mehr als zwei Jahre.«

»I come late …«, begann Kaede ein Zitat und ließ es auffordernd ausklingen.

»… to delights already taken and possessed«, vollendete ich die Zeile Ovids. »Das hast du dir gemerkt? All die Jahre?«, fragte ich nach.

»Sicher, es gibt nicht viele schönere Liebesgedichte als das.« Kaede schaute mich an und seufzte unhörbar. »Warum ist nie die richtige Zeit für uns?«

»Wir sitzen doch gemeinsam hier!«, wich ich aus.

»Ach, das mein ich doch nicht. Warum bin ich zu spät? Warum warst du damals zu spät, oder zu früh? Was ist daran gerecht?«

»Gerecht? Damit hat das nichts zu tun, das ist das Leben.«

»Ja, das Leben.« Kaede lehnte ihren Kopf an meine Schulter. »Weißt du, Arno, eigentlich hat man eh immer alles, was man will. Man ist nur in dem Moment dann immer zu dumm, um es zu bemerken.«

»Zu dumm, um zu bemerken, dass man es hat oder dass man es will?«

»Beides, glaube ich, beides.« Kaede schaute in ihr Glas. »Und dann sitzt man neben dem Mann, den man will, und der ist verheiratet.«

Wir schwiegen uns kurz an.

»Und? Glücklich?«, fragte sie weiter.

»Sehr.«

Kaede sah mich an, mit dem neckischen Lächeln, das ihrer Modelschönheit einen schelmenhaften Lausbubenanstrich gab, der mehr aus ihr machte als ein bloßes Hochglanzcovergirl. Sie nahm einen weiteren winzigen Schluck aus ihrem Glas.

»Darum sitzt du auch allein in einer dunklen, leeren Wohnung und hörst diese grässliche Musik?«

»Das ist Bebop!«, protestierte ich und kam mir vor wie ein 13-Jähriger, der einer Frau gegenüber Dinge sagt, die er noch nicht versteht, weil er ernst genommen werden will.

»Sicher«, meinte Kaede.

Sie stellte ihr Glas auf der weißen Papierserviette ab. Ihre schlanke Hand, die langen Finger, das dunkle Holz, das weiche, weiße dicke Papier. Es war perfekt.

Ich schwieg.

»So schlimm?«, fragte sie mitfühlend.

Ich nickte.

»Sag schon«, stupfte sie mich an.

»Laura ist schwanger«, meinte ich.

»Laura ist deine Frau?«

»Ja.«

»Dann ist doch eh alles in Ordnung. Ich dachte schon, du hättest deiner Geliebten ein Kind gemacht.«

Kaede sprach perfekt Deutsch, allerdings hatte sie die Angewohnheit, sich über die harten Dentale der deutschen Sprache fast unhörbar hinwegzuschummeln. Es war ungeheuer sexy.

»Ich habe keine Geliebte.«

»Sicher«, antwortete mir Kaede, und aus ihren Augen sprühten die Funken der Ironie.

Für Kaede ist Moral ein Fremdwort. Im wahrsten Sinn des Wortes.

»Gehst du jetzt zu ihr?«, fragte sie mich.

»Sicher, wir gehen Abendessen.«

»Wie romantisch. Ich glaube, ich mag deine Frau nicht.« Kaede hielt den Kopf schräg, wie um ihren Worten nachzuschmecken. »Nein, ich mag deine Frau überhaupt nicht.«

Kaede nahm einen letzten Schluck. Im leeren Glas blieben nur ein paar Eiskrümel und zerstoßene Minze. Sie fischte ein kleines Portemonnaie aus ihrer Handtasche, legte einen Fünfziger auf den Tresen und nickte dem Barmann zu.

»Ich bin jetzt wieder in Wien, Arno. Schon zwei Monate, aber ich hab mich nicht getraut, dich zu besuchen.«

»Nicht getraut? Das glaubst du selbst nicht. Für was brauchst du mich?«, fragte ich nach, aber sie überging die Frage, als ob ich sie nie gestellt hätte.

»Wir sollten uns öfter sehen. Um der alten Zeiten willen«, meinte sie und hakte sich bei mir unter, während wir hinausgingen.

»Damals, als du mich an Cotton-Whyte verpfiffen hast, oder danach, als du mich wegen dem Milliardär sitzen hast lassen?«, wollte ich nachfragen, aber Frauen, die so schön sind, dass das Herz in der Brust schmerzt, denen wirft man nichts vor. Denen wird gehorcht.

Der Typ draußen im Lackaffenoutfit stieg gerade aus Kaedes kleinem Sportflitzer und hielt ihr die Tür auf. Ohne mich aus den Augen zu lassen, gab sie dem Typen einen Zwanziger. Er zerfloss förmlich vor Hingabe. Kaede warf die Arme um meinen Hals wie ein Netz, das einen Vogel fangen soll, und zog mich zu sich herunter. Dann hauchte sie mir einen Kuss auf die Wange und drückte ihren Kopf an meinen Hals. Ihr unbeschreiblicher Duft hüllte mich ein.

»Soll ich dich zu ihr hinfahren?«, fragte sie mich ins Ohr.

»Nein.«

»Angst, dass sie von uns wissen könnte?«

»Angst ist gar kein Ausdruck«, meinte ich ernst und biss mir auf die Zunge. Ich hätte sagen sollen: »Da ist nichts, was sie nicht wissen darf«, aber das hatte ich nicht gesagt.

»Angst, so warst du doch früher nicht«, gab Kaede zurück.

»Das ist lange her.«

»Du änderst dich nicht!«, lachte sie und stieg ins Auto.

Ohne Rücksicht drängte sie sich in den Verkehr draußen und war verschwunden. Ich blickte ihr nach. Es dauerte ein wenig, bis ich aus dem Zauber erwachte und merkte, dass ein halbes Dutzend Männer einem ähnlichen Schicksal erlegen war wie ich. Einer bekam von seiner Frau deswegen Saures. Ich ging die Johannesgasse hinein in die Innere Stadt und versuchte, an Laura, das Baby und unsere Zukunft zu denken.

Als ich in die Bäckergasse kam, wo Lauras Kanzlei beheimatet war, ging mir noch immer so manches durch den Kopf. Ich lehnte mich gegen die Wand des Hauses vis-à-vis von dem, in dem Laura arbeitete. Vom Problemkreis Schwangerschaft einmal abgesehen kreisten meine Gedanken um Kaede. Ich war so überrascht gewesen von ihrem plötzlichen Auftauchen, dass ich überhaupt gar nicht daran gedacht hatte, sie zu fragen, was sie denn eigentlich in Wien machte. Das letzte Mal, dass wir uns gesehen hatten, war schon gute 15 Jahre her. Als wir uns kennengelernt hatten, war sie die Lebensgefährtin eines britischen Ganoven gewesen, der in Wien sein Unwesen trieb. Es war eine komplizierte Liebe gewesen. Weil nicht klar war zwischen wem und ob überhaupt. Aber schön war es schon gewesen. Irgendwie zumindestens. In den Jahren seither hatte ich zwar oft an sie gedacht, aber nie mehr etwas von ihr gehört. Dem Anschein nach verfügte sie über Geld. Die Frage, warum sie aber in Wien war, blieb weiterhin unbeantwortet.

Da es nicht mehr lange dauern konnte, bis Laura zur Tür herauskommen würde, versuchte ich, die Gedanken von Kaede wegzulenken. Das gelang nur halb. Immerhin. Echte Männer machen halbe-halbe.

Wenige Minuten später kam Laura raus. Als sie mich sah, strahlte sie mich an, dann aber, kurz bevor ich sie in die Arme schließen konnte, verdüsterte sich ihr Gesicht.

»Was denn?«, fragte ich sie.

»Wo ist denn deine Tasche?«, antwortete sie. Normalerweise schleppe ich immer eine riesige uralte Ledertasche mit mir rum, in der ich meine Bücher und Exzerpte unterbringe.

»Die habe ich auf der Uni im Büro gelassen. Wie hätte ich denn sonst deine Akten tragen sollen?«, fand ich schnell eine Ausrede und schnappte mir den dicken Stoß brauner und blauer Unterlagenmappen, den meine Frau unter ihrem Arm trug. Die Ledertasche hatte ich in meiner Wohnung vergessen, als ich mit Kaede auf einen Drink gegangen war. Obwohl, vergessen hatte ich sie nicht, ich wollte nur nicht mit dem Monstrum neben Kaede gehen. Das hätte irgendwie komisch gewirkt. Verdammt, Laura war ungeheuer scharfsinnig, dass ihr das sofort aufgefallen war.

Der Aktenstapel unter meinem Arm war schwer. Den anderen hatte ich um Laura gelegt.

»Willst du mich nicht küssen?«, fragte sie, und ihr Wunsch war mir Befehl.

Laura schmeckt ungeheuer gut.

»Du bist ein bisschen zappelig heute«, meinte sie anschließend.

»Überhaupt nicht. Die Akten sind bloß schwer.«

»Soll ich sie wieder nehmen?«, fragte sie verschmitzt.

»So war das nicht gemeint.«

»Wie dann?«

»Na, das ganze Drumherum halt.«

»Drumherum? Die paar Touristen?«

»Nein, das andere Drumherum.«

»Was denn für eins?«, fragte sie kokett.

»Na du weißt schon.«

»Nix weiß ich. Also spuck’s aus.«

»Die Sache mit dem Baby halt«, platzte ich heraus und wartete mit angehaltenem Atem auf Lauras Reaktion.

»Mr. Supercool ist nervös? Na da schau her!«, feixte sie.

»He, mach dich nicht lustig über mich. Das ist eine große Sache.«

»Für dich ist das eine große Sache? Mein Lieber! Ich muss das Ding mit mir rumschleppen, werde fett werden und geschwollene Beine kriegen und schwitzen und Launen haben. Dazu werde ich meinen Job aufgeben müssen, teilweise zumindest, alles, wofür ich gearbeitet habe. Alles wird sich verändern: in meinem Körper, in meinem Leben, in unserer Beziehung, ich werde auf dich angewiesen sein! Das ist wild! Und dann kommt noch das Schlimmste: die Geburt. Hast du eine Ahnung, was da los ist?«

»Äh, nein«, stammelte ich.

»Das ist, wie wenn man eine Sau schlachtet, nur schlimmer«, meinte Laura trocken.

»Echt jetzt?«, fragte ich blöd.

»Meine Freundin hat ein Video, das können wir uns gerne mal anschauen.«

»Äh.« Mir fiel nichts mehr ein.

»Schon kalte Füße? Wenn du abspringen willst, dann wäre jetzt der geeignete Zeitpunkt!«

Ich bemerkte, dass hinter ihrer Stärke und Selbstständigkeit ein wenig Angst mitklang. Echte Besorgnis. Das löste in mir irgendwie den Beschützerinstinkt aus. Alle meine eigenen Zweifel und Ungewissheiten beiseiteschiebend nahm ich sie in den Arm, hielt sie ganz fest und presste meine Lippen ganz sacht an ihren Hals. Ohne sie zu küssen. Ohne was zu sagen. Einfach nur so. Laura zitterte ein wenig, sie schluchzte zweimal, und dann war wieder alles in Ordnung.

»Also was jetzt, du Loser! Bist du dabei oder nicht?«

»Sicher bin ich dabei, Laura. Das ist unsere Sache, unser Leben, unser Kind.«

»Fein, und jetzt gehen wir essen, ich habe einen Hunger, dass ich ihn sehen kann.«

III

Die Wochen vergingen, und es änderte sich wenig. Auf der Uni gingen die Sommerferien los, Laura arbeitete normal weiter, und Kaede schaute ab und zu bei mir vorbei. Einzig und allein bei mir änderte sich etwas, denn klammheimlich lieh ich mir Bücher über Schwangerschaft oder Babys oder Erziehung aus. Ich machte mir einen Zettelkasten zurecht, arbeitete an einer kleinen Bibliografie zu dem Thema und begann ein echter Experte auf dem Thema Babyliteratur zu werden. Was nicht mehr heißen soll, als gesagt. Ich hatte noch nie ein Baby im Arm gehalten, geschweige denn bewusst eines wahrgenommen. Aber die Literatur darüber würde ich bis zum Geburtstermin kennen wie meine Westentasche.

Wenn Kaede vorbeischaute, geschah das entweder im Büro, was ich nicht so gerne hatte, oder draußen im Fünfzehnten, in meiner alten Bude. Wir gingen dann gewöhnlich auf einen Drink, redeten über die alten Zeiten. Aber irgendwie kamen wir nie dazu, darüber zu sprechen, was Kaede gerade in Wien zu tun hatte. War mir eigentlich auch recht, denn zu viel wollte ich gar nicht wissen, hatte ich doch auch so schon alle Hände voll zu tun, ein Minimum an Distanz in unserer Beziehung aufrechtzuerhalten.

Überhaupt war das eine seltsame Sache mit Kaede. Sie suchte meine Nähe, flirtete mit mir, strich mir einen Flusen vom Jackett, hängte sich bei mir ein, einmal legte sie sogar ihre Hand auf meinen Oberschenkel, während ihr vor Lachen der Champagner aus der Nase schoss. Sie ließ keine Gelegenheit aus, mir so nah zu sein, dass ich sie riechen konnte, und ihre Sommerkleidung war so luftig, dass – in den Grenzen eines gewissen Anstands – immer was zu sehen war. Doch irgendwie ließ mich das kalt. Ich wurde niemals von einem Rausch der Leidenschaft überwältigt, um danach schweißgebadet in einem Bett mit Seidenlaken aufzuwachen, blieb immer Herr der Lage.

Andererseits aber genoss ich die Stunden mit Kaede sehr. Ihre Schönheit, ihre Avancen, die neidischen Blicke der anderen Männer, die interessierten Augenblitze der Damen, all das ließ mich mehr empfinden als bloßen Stolz. Da war noch was. Irgendwie vermittelte mir Kaede das Selbstbewusstsein, das ich so sehr brauchte, um Laura ein Partner sein zu können. Mit der Nachricht von der Schwangerschaft war in mir ein atavistischer Ernährerinstinkt aufgetaucht. Ich grübelte stundenlang darüber, wie ich mein Gehalt strecken konnte, dass sich vom Kindergarten über die Schule bis zum Studium alles für unser Kind ausgehen würde, auch wenn Laura ihren Job verlieren oder nicht wieder vollständig zurückbekommen würde. Heim, Gesundheit, Erziehung, Ausbildung, das alles wollte finanziert und gesichert sein. Gut, ich war jetzt o. Prof. Und bezog ein regelmäßiges Gehalt. Aber da war diese ganze neue Dimension an der Sache, die alles so schwierig machte. Das Einzige, was ich bis jetzt für schlechte Zeiten behalten hatte, waren gute Vorsätze gewesen. Das war nun entschieden zu wenig. Zum ersten Mal in meinem Leben wurde mir bewusst, was ein Wort wie Verantwortung eigentlich bedeutet. Nichts hatte mich in meinem bisherigen Leben darauf vorbereitet. Also war es eigentlich nur ganz natürlich, dass ich ein wenig kalte Füße hatte. Aber das sah ich damals überhaupt nicht so. Schon allein die Tatsache, dass ich mir Gedanken über die Situation machte, reichte aus, mir selbst als Versager vorzukommen.

Und genau dann tauchte immer Kaede auf, flirtete mit mir, und ich kam mir vor wie ein toller Hecht. Alle Zweifel waren wie weggewischt, wir redeten von den alten Zeiten, von den Abenteuern, dem Leichtsinn und dem Lebensstrudel, in dem wir damals steckten.

Kaede und ich trafen uns ein Dutzend Mal. Obwohl ich nie mit ihr intim wurde, sie nie küsste, ja sie nicht einmal von mir aus berührte, so wusste ich doch, dass das, was ich da tat, schlimmer war als jeder physische Sex. Ich betrog Laura. Und fühlte mich gut dabei.

Das ging so lange, bis eines Nachts das Telefon klingelte. Also mit Klingeln hatte das nichts mehr zu tun. Es spielte irgendeine Melodie. Das Telefon war neu. Smartphone. Es ging nicht mehr an, dass mein altes Ding manchmal den Geist aufgab. Als werdender Vater hatte ich 24/7 erreichbar zu sein. Nachdem es die Melodie dreimal gespielt hatte, war ich so weit wach, dass ich erkannte, dass mein Telefon mich verlangte. Sklave der Technik, der ich als braver Mitteleuropäer war, kroch ich aus dem Bett und nahm ab.

Laura lag hinter mir, nackt und zusammengekuschelt. Ihre schwarzen Haare lugten verwuschelt aus den Kissen. Laura hat immer ihres und meins. Ich habe keins. Drittes Kissen gibts nicht, weil da ist kein Platz. Das ist das Schöne an der Ehe, Laura hat immer recht.

Irgendwie schaffte ich es, nicht umzukippen, bis ich beim Handy war. Angekommen nahm ich ab.

»Eh?«, krächzte ich ins Telefon.

»Arno, ich brauch dich.«

»Kaede. Weißt du, wie spät es ist?«

»Nenn meinen Namen nicht so laut!«

»Mafia, NSA, BND?«

»Nein, du bist verheiratet, schon vergessen?«

»Eh?«

»Vergiss es. Komm schnell. Ich warte.«

»Wo denn?«

Aber sie hatte schon aufgelegt. Ich überlegte mir kurz, Freundschaft Freundschaft sein zu lassen und ins warme Bett zurückzukriechen. Aber irgendwie bin ich doch ein guter Mensch. Ich zog mich an, nahm Lauras Autoschlüssel und hauchte meiner Süßen einen Kuss auf die rosige Wange.

»Wsdnnls?«, fragte Laura, traumschwer auf die Vokale verzichtend.

»Ich muss los. Habs total verschwitzt gehabt. Bring Frühstück mit.«

Mehr fiel mir nicht ein. Laura streckte den Arm aus, versuchte, mich zurückzuhalten, aber war schon wieder eingeschlafen. Sie ist in der Beziehung wie eine Katze. Während ich nächtelang wach liege und, wenn ich einmal schlafe, beim geringsten Geräusch aufwache, um nicht mehr einschlafen zu können, muss Laura nur die Augen zumachen und sie mützt schon. Dabei wirkt sie dann so kuschelig und friedlich, dass einem das Herz zerfließt. Dafür hatte ich allerdings keine Zeit. Ich musste einer anderen Schönen zu Gefallen sein.

Als ich durch die schlafende Stadt dahinraste, begann mein Hirn langsam wach zu werden. Das äußerte sich dahingehend, dass ich krampfhaft nach einer Ausrede suchte, denn dass ich die schönste Frau der Welt getroffen hatte, würde Laura niemals akzeptieren. So gut kannte ich sie. Mitten im Ausredenspiel kam mir ein anderer Gedanke. Wenn das nur ein Schmäh von Kaede war, dann würde sie mich kennenlernen. Ich war bereit, ernsthaft sauer zu sein. Erst als ich am Westbahnhof einbog, war mir klar, dass ich eigentlich gar nicht wusste, wohin ich wollte. Ich war instinktiv zu meiner alten Wohnung gefahren. Dafür war ich schon da. Ich parkte, sperrte ab und ging zur Haustür; ich sah niemanden, also ging ich rauf in den ersten Stock, sperrte dort die Wohnungstür auf und trat ein. Ich ließ mich in einen Stuhl sinken und wählte Kaedes Nummer.

»He. Wo bist du?«

»Hinter dir«, klang es synchron aus dem Handy und durch den Raum. In der Tür zur Küche stand Kaede, eine Knarre in der Hand.

»Du kannst mich erschießen, aber ich werde niemals mit dir schlafen!«, meinte ich, die Hände über den Kopf haltend.

»Nimm dich nicht so wichtig. Ist nicht wegen dir.«

»Wie bist du reingekommen?«

»Mit einem Schlüssel.«

»Hä?«, fragte ich eloquent.

»Du hast mir damals einen gegeben.«

»Echt jetzt? Und du hast den noch?«

»Ich hab auch noch den Serviettenring, den du mir damals im Steirereck mitgehen hast lassen.«

»Ok«, sagte ich. Es dauerte ein wenig, bis ich das Gespräch fortsetzen konnte.

»In Schwierigkeiten?«, fragte ich.

Sie nickte. Mir war klar, dass sie keinen Schmäh machte. Das war ernst. Sie steckte die Knarre nicht weg, ließ sie nur sinken.

»Hilfst du mir?«

»Sicher«, meinte ich, ganz ›knight in shining armour‹. Dabei total vergessend, dass meine einzige Loyalität einer Schlafenden und ihrem Kind gelten sollte.

»Ich muss weg. Schnell.«

»Sicher. Kein Thema. Fahren wir.«

»Einfach so?«

»Sicher. Hast du einen Pass?«

Kaede nickte zaghaft.

»Oder sollen wir noch schnell einen organisieren?«

»Woher willst du …?«

»Brauchst du einen oder nicht?«

»Nein.«

»Gut. Dann los.«

Ich war erleichtert. Denn erstens hätte ich jemanden aus dem Schlaf klingeln müssen, der auch ausgeschlafen ein Monster ist, und zweitens war ich happy, mich so nicht strafbar machen zu können. Gut, dass keine neue Identität vonnöten war. Denn schließlich kontrollieren nur die Regierungsorgane die Reisedaten. So dachte ich jedenfalls.

20 Sekunden später saßen wir im Auto und rasten den Gürtel entlang. Die Straßen waren menschenleer. Nur hier und da ein Wagen. Der Himmel war noch tiefschwarz. Niemand folgte uns.

»Wien oder Bratislava?«, fragte ich.

»Willst du gar nicht wissen, warum ich abhaue?«, fragte Kaede zurück.

»Du wirst schon niemanden getötet haben. Und wenn, dann mag ich dich sowieso lieber als den anderen. Der wird schon selber schuld gewesen sein«, antwortete ich leichthin. Die Wahrheit war: Ich wollte es gar nicht wissen. Besser für alle Beteiligten, besser in jedem Fall, alles schon schwierig genug. »Also, Bratislava oder Schwechat?«, hakte ich nach.

»Warum?«

»Vielleicht ist es besser, dort wegzufliegen?«

»Ach was, ich glaube, wir haben noch ein bisschen Zeit, bis jemand entdeckt, dass ich weg bin.«

Wir rasten auf der A23 dahin, bogen auf die A4, und entlang gings der Donau nach Osten, in Richtung Sonnenaufgang, der sich schon fast am Horizont erahnen ließ.

»Letzte Chance, Kaede, gleich muss ich abfahren. Willst du nicht doch lieber nach Bratislava oder nach Prag? Ich fahr dich auch nach Budapest.«

»Blödsinn. Einfach rein ins Flugzeug und gut ist.«

»Brauchst du Geld?«, fragte ich, zum tausendsten Mal in den Rückspiegel linsend.

»Hast du was?«

»Nicht so viel.«

Bei Laura zu Hause hatte ich mir 200 Euro eingesteckt. Mehr war nicht da gewesen. Ich griff in meine Innentasche, zog meine Geldtasche heraus und entnahm ihr mit einer Hand die Kreditkarte.

»Da.«

»Das kann ich nicht annehmen.«

»Wenn du mich um vier Uhr aus dem Bett klingelst, meine Ehe aufs Spiel setzt, und ich dich durch die Gegend fahre, dann ist es ernst. Und wenn es ernst ist, dann brauchst du Geld. Also nimm sie. Sobald du in Sicherheit bist, kannst du sie ja zerschneiden.«

»Danke, Arno«, meinte Kaede.

Sie küsste mich auf die Wange. Ich versuchte, hart zu bleiben.

»Ich hätte dich nehmen sollen. Damals, jetzt. Egal, es ist zu spät. Hoffentlich weiß Laura zu schätzen, was sie hat.«

Wir hielten vor der Abflughalle. Kaede sah mir tief in die Augen. Ich stieg aus, hielt ihr die Tür auf, und sie stieg aus. Sie trug schwarze Jeans, einen himmelblauen Pullover, der sich ganz leicht und kuschlig an ihre Kurven schmiegte, einfache Schuhe, kein Make-up. Sie war die schönste Frau der Welt. Sie küsste mich. Ich küsste nicht zurück. Sie ging. Ich setzte mich ins Auto. Ein Herzinfarkt war ein Pipifax dagegen.

Ich saß noch wie betäubt im Auto, während die Welt um mich herum schon ein paar Minuten weiter war. Mein Handy klingelte. Als ich merkte, dass es nicht Laura war, atmete ich tief durch. Als ich erkannte, dass es sich auch nicht um die Polizei handelte, war ich erleichtert. Aber als ich den Namen am Display las, war ich zutiefst verwundert.

»Ja, Frau Glanicic-Werffel?«, fragte ich verblüfft.

»Tut mir leid, Herr Linder, ich wollte nur sichergehen, dass Sie auch am Flughafen sind.«

»Sicher bin ich da«, spielte ich das Spiel mit. »Wo sollte ich auch sonst sein?«

»Es hätte ja auch sein können, dass Sie vergessen haben, den Kollegen abzuholen.«

»Vergessen? Ich? Der Mann mit dem Elefantengedächtnis?«

»Ich weiß, seien Sie mir nicht böse, aber Sie wirkten damals in der Sitzung so gedankenverloren.«

»Ich sage doch nicht Ja zu etwas, was ich gar nicht mitgekriegt habe!«, bemerkte ich im Ton des Bundeskanzlers, der nach der Wahl feststellt, dass im Budget 38 von 116 Milliarden fehlen.

»Wie gesagt, ich wollte nicht unhöflich sein. Nichts für ungut. Aber Herr Steijner ist unser Gast, und ich musste sichergehen …«

»Schon in Ordnung. Bin ja da.«

»Danke.«

Meine Chefin legte auf. Ich wusste also, wie der Typ hieß. Sonst aber nichts. Also machte ich mich auf, das Auto zu parken, Geld dafür zu zahlen und ein Schild samt Stift aufzutreiben. 15 Minuten später stand ich dann für eine Stunde und 20 Minuten da, hielt das Schild hoch und wartete. Als ich schon anfing zu zweifeln, kam ein dürres Männchen mit einem riesigen Koffer, einem runden Hut und einer Brille auf mich zu.

»Herr Linder?«, fragte er mich.

»Herr Steijner?«, fragte ich zurück.

»Nice to meet you.«

»Freut mich auch sehr«, antwortete ich lächelnd.

Als Gott die Welt erschaffen hat, da muss er das Wort ›Koinzidenz‹ im Bauplan fett unterstrichen haben. Wenn es allerdings keinen Gott gegeben hat, frage ich mich: Wer war dann dafür verantwortlich?

IV

Herr Steijner war ein Kollege von der Universität Pittsburgh. Er war klein, schmächtig, trug Brillengläser, dick wie Aschenbecherböden, er hatte einen karierten Hut auf und wirkte recht bieder. Sein Hauptinteresse galt dem Mittellatein, also jenen Formen der lateinischen Sprache, die sie im Mittelalter angenommen hatte und die erst mit den Reformbestrebungen der Renaissance endeten. Francisco Petrarca sei Dank. Steijner selbst war ein alter Bekannter von Glanicic-Werffel, die wohl einfach zu faul gewesen war, den Kerl selbst abzuholen. Er wohnte für die Dauer seines Aufenthalts im Bristol, vis-à-vis der Oper, am Ende der Kärntnerstraße. Für ein paar Minuten hatte ich schon Angst, den kleinen Kerl für die nächsten Wochen am Hals zu haben. Aber das bisschen Sightseeing wollte er allein machen und sonst wäre er mit einem Arbeitsplatz und einem Bibliotheksausweis zufrieden. Ich war noch so im emotionalen Taumel gefangen, den Lauras Schwangerschaft, die Rückkehr, die Abreise und das Dasein von Kaede ausgelöst hatten, dass ich all dem keine große Aufmerksamkeit schenkte.

»Sie können gern mein Büro mitbenutzen, da ist genug Platz, und im Sommer bin ich ohnedies selten dort. Das mit dem Bibliotheksausweis wird schon schwieriger. Den muss man beantragen. So was dauert im Regelfall Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. Was wollen Sie denn am liebsten machen?«

»Ach!« Er sprach den Reibelaut so betont korrekt aus, dass ich annahm, es müsse sich um eine Visitenkarte derer handeln, die Deutsch als Fremdsprache lernen. »You know, das Staatsarchiv, das wäre interessant, mit all die alten Texte, Urkunden und the like.«

»Soso. Also bei 14 Tagen Aufenthalt, da können wir froh sein, wenn wir es schaffen, das Formularbestellantragsfrageblatt korrekt auszufüllen. Machen wir das anders. Sie nehmen meine Ausweise, und wenn es Probleme gibt, dann rufen Sie mich einfach an, ja?«

»Oh, das ist aber kolossal nett von Ihnen!«, rief der kleine Mann aus.

Das Gesicht unter dem runden Hut strahlte. Wir Bücherwürmer sind schon komische Gesellen.

Wir hielten vor dem Bristol.

»Da steht alles drauf.«

Ich reichte ihm meine Visitenkarte, und wir schüttelten uns die Hände. Er bedankte sich mit der fünfmal vorgebrachten Versicherung, beim Abflug die Ausweise wieder zurückzugeben, und stieg aus. Ich wartete, bis er samt Kofferträger in der Lobby verschwunden war, und fuhr los.