Im Sturm der Gefühle - Julia Schöning - ebook

Im Sturm der Gefühle ebook

Julia Schöning

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Opis

Nachdem Carla Tornow herausfindet, dass ihre Lebensgefährtin sie betrügt, flieht sie bitter enttäuscht auf die Insel Juist, wo sie sich in einer Pen­sion einmietet. Die junge Betreiberin der Pension, Lena Peters, verliebt sich Hals über Kopf in Carla, und auch in Car­la keimen zarte Gefüh­le, ge­gen die sie sich jedoch zunächst noch wehrt. Mit der Ankündigung einer Sturmflut brechen sich schließlich auch die Gefühle Bahn, Carla und Lena verbringen eine heiße Nacht miteinander ... Ende gut, alles gut? Nicht für Carla, denn auch Lena hat unangenehme Überraschungen parat, so dass sich Carla schließlich in einem wahren Sturm der Gefühle wiederfindet ...

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Julia Schöning

IM STURM DER GEFÜHLE

Roman

© 2015édition el!es

www.elles.de [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-95609-117-9

Coverfoto: © Givaga – Fotolia.com

»Wie kann ich Ihnen helfen?«, fragte die Rezeptionistin freundlich, als Carla nach vorn trat.

»Ich suche das Zimmer von Frau Hammer.« Plötzlich überfielen Carla leise Zweifel. Vielleicht hätte sie Nadia doch lieber einweihen sollen.

Die Dame, deren Namensschild sie als Frau Delfs auswies, tippte etwas in ihren Computer ein. »Da habe ich es.« Sie hob den Kopf und lächelte Carla an. »Zimmer vierhundertfünfunddreißig. Sie nehmen den Aufzug in die vierte Etage und dann links den Gang entlang.«

»Vielen Dank.«

Carlas Herz machte einen kleinen Freudensprung, als sie die Zimmernummer endlich gefunden hatte. Sie entfernte das Papier um den Strauß roter Rosen, den sie in der Hand hielt, und strich ihren Blazer glatt. Dann klopfte sie an. Schritte näherten sich. Im nächsten Moment ging die Tür auf.

»Happy . . .« Mitten im Satz brach Carla ab. Eine fremde Frau stand im Türrahmen. Sie trug nur ein dünnes Negligé und sah ebenso überrascht aus wie Carla.

»Entschuldigen Sie«, stammelte Carla. »Ich hab mich wohl in der Zimmertür geirrt . . .«

»Carla!«

Das war Nadias Stimme. Mit weit aufgerissenen Augen tauchte sie hinter der Fremden auf und kam auf Carla zu. Sie trug nur einen Bademantel. »Es ist nicht so, wie du denkst.«

Entgeistert starrte Carla sie an. Das musste alles ein böser Traum sein. Gleich würde sie jemand kneifen, sie würde aufwachen und über sich und ihre blühende Phantasie lachen.

Aber niemand kniff sie. Noch immer standen Nadia und diese fremde Frau regungslos in der Tür.

Alles, woran Carla die letzten drei Jahre geglaubt hatte, zerbrach in diesen Sekunden. Tränen schossen ihr in die Augen, aber sie merkte es kaum. Alles, was sie wahrnahm, war ein tiefer, bodenloser Schmerz.

Nadia trat näher und fragte: »Was machst du eigentlich hier?« Es klang fast ein wenig vorwurfsvoll. Sie wollte Carla die Hand auf die Schulter legen, doch Carla schüttelte sie ab.

»Fass mich nicht an.«

Es gab nur noch eine Lösung: Sie musste weg.

»Ich will dich nie wieder sehen«, sagte Carla, dann versagte ihr die Stimme. Sie schleuderte die Blumen auf den Boden, drehte sich um und rannte einfach los. Ohne ein Ziel, nur weg von dem Unbegreiflichen, das gerade passiert war.

»Carla, warte! Lass mich das doch erklären«, rief Nadia ihr nach. Vielleicht folgte sie ihr sogar, aber Carla drehte sich nicht noch einmal um, sondern beschleunigte nur ihre Schritte. Mit tränenverschleiertem Blick rannte sie die Treppe hinunter bis in die Tiefgarage, nahm mit jedem Schritt mehrere Stufen und war mehrmals kurz davor, das Gleichgewicht zu verlieren.

Wie naiv war sie eigentlich? Hätte sie sich nicht denken können, dass etwas nicht stimmte? Normalerweise hätte Nadia doch niemals auf eine große Feier zu ihrem dreißigsten Geburtstag verzichtet. Und wenn, dann nur . . . Ihr wurde übel. Sie wollte gar nicht daran denken, was dieses Flittchen mit ihrer Nadia getrieben hatte.

Völlig außer Atem blieb Carla vor dem Parkautomat stehen. Wie ferngesteuert zahlte sie die Parkgebühr, hastete zu ihrem Auto, ließ sich in den Fahrersitz fallen und startete den Motor. Sie musste raus hier. Sofort. Waghalsig manövrierte sie ihren Wagen aus der Parklücke und steuerte auf die Ausfahrt zu.

Hätte sie ahnen müssen, dass Nadia sie betrog? Wie lange ging das schon? Warum hatte sie es nicht bemerkt?

Carla wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. Sie hatte viel gearbeitet in den letzten Wochen, ja, aber es war doch für sie beide gewesen. Für ihre gemeinsame Agentur. Ihren Zukunftstraum.

Ohne zu wissen wohin, lenkte sie ihr Auto durch die Straßen Bremens. Das Navi einzuschalten und den Weg zurück nach Essen anzeigen zu lassen, wäre im Moment einfach zu viel gewesen. Aber wozu auch? Was sollte sie jetzt zu Hause? Carla schluchzte. Die Tränen vernebelten ihr die Sicht.

Wäre sie nur niemals nach Bremen gefahren . . . Die Überraschung war gründlich missglückt. Geschäftsreise – das hatte Nadia sich ja großartig ausgedacht. Und Carla war auch noch darauf hereingefallen.

Sie drehte die Musik lauter, versuchte sich auf ihre Lieblingsmelodien zu konzentrieren, damit sich zumindest ihr Atem und ihr Herzschlag ein wenig beruhigten. Aber es ging nicht. Nadias panischer Gesichtsausdruck verfolgte sie und ließ die Tränen einfach nicht versiegen.

Irgendwann fand sich Carla auf der Autobahn wieder. Auch gut. Aber ansonsten war nichts gut. Sie war mit den besten Absichten und voller Vorfreude nach Bremen gefahren: um nach all den Wochen und Monaten, in der sie beide neben der Arbeit kaum Zeit füreinander gehabt hatten, endlich wieder ganz für Nadia da zu sein. Nur sie beide. So wie ganz am Anfang. Wie konnte das plötzlich alles vorbei sein?

Erst jetzt bemerkte Carla, dass sie sich in der Auffahrt geirrt hatte. Es war die falsche Richtung: Norden. Verdammt. Heute ging wirklich alles schief. Wie passend, wenn sie jetzt auch noch irgendwo am Ende der Welt stranden würde, um ihre Einsamkeit komplett zu machen.

Sie atmete einmal tief durch. Vielleicht sollte es so sein. Was hätte es ihr genutzt, nach Hause zu fahren? In die gemeinsame Wohnung, in der alles an Nadia erinnerte? Wenn man es einmal nüchtern betrachtete, wäre Abstand jetzt genau das Richtige. Carla lächelte ironisch. Noch nie in ihrem Leben war sie spontan gewesen. Aber ein paar Tage Auszeit, weit weg von dem Scherbenhaufen ihrer Beziehung, könnte sie gut gebrauchen. Immerhin hatte sie sich ein paar Tage Urlaub genommen, und irgendwo würde es schon ein Plätzchen für sie geben.

Als sie die ersten Schilder mit der Aufschrift »Norddeich Mole« sah, wusste sie, wohin sie wollte: auf eine kleine ostfriesische Insel. Vielleicht war Ende Oktober nicht die beste Reisezeit, aber dann hatte sie wenigstens ihre Ruhe.

Sie parkte ihren Wagen auf dem großen Hafenparkplatz und nahm ihre Reisetasche aus dem Kofferraum. Viel hatte sie nicht dabei – eigentlich war es ja nur für ein paar Tage in Bremen gedacht. Aber es würde vorerst reichen.

Die Luft schmeckte nach Salz. Carla wickelte sich ihren Schal fester um den Hals und vergrub die Hände tief in ihren Jackentaschen. An der Küste war es deutlich frischer als in der Stadt.

Sie sah sich um. Da drüben war der Fähranleger. Sie würde einfach die nächste Fähre nehmen, egal wohin. Hauptsache weg.

Am Ticketschalter erklärte ihr ein junger Mann, dass die nächste Fähre nach Juist in zwanzig Minuten ablegen würde. Carla nickte und kaufte sich eine Fahrkarte. Ihr Auto würde sie hier stehen lassen. Juist war autofrei, wie der Mann hinter dem Schalter ihr erklärte, und das Parken würde sie nicht die Welt kosten.

Die Fähre war bereits eingelaufen. Schnell verstaute Carla ihre Reisetasche in einem der dafür vorgesehenen Container, bevor sie an Bord ging. Sie suchte sich einen Platz an Deck und stellte sich an die Reling. Der kräftige Nordseewind zerzauste ihre kurzen Haare, aber die Kälte störte sie nicht. Ihr Blick glitt in die Ferne.

Es dämmerte bereits. Das Meer erschien matt und bleigrau, nur die Gischt auf den Wellenspitzen brach diesen dunklen Teppich ein wenig auf. Das Kreischen von Möwen übertönte das tiefe Dröhnen des Schiffsmotors und das Rauschen von Wind und Brandung. Sonst waren nicht viele Geräusche zu hören. Außer Carla befanden sich nur wenige andere Passagiere an Bord.

Wenn sie erst einmal auf Juist war, dachte Carla, würde sie sich einfach eine kleine Pension suchen. Um diese Jahreszeit sollte es kein Problem sein, ohne Buchung irgendwo unterzukommen.

Das Schiff legte ab.

Ihr Blick glitt nach unten auf ihre Hände und fiel auf den goldenen Ring, den sie an ihrem linken Ringfinger trug. Von Nadia. Einen Moment lang starrte Carla darauf und drehte ihn mehrmals herum. Er solle Carla immer an sie erinnern, hatte Nadia damals gesagt. An die Gefühle, die sie für sie hatte.

Hastig streifte Carla den Ring ab. Was waren diese Gefühle jetzt noch wert, wenn Nadia sie so mies hinterging? Hatte es sie überhaupt je gegeben?

Sie holte aus, und der Ring landete im Meer. Es dauerte nur einen Wimpernschlag, bis er untergegangen war.

Es war vorbei. Es war der Start in ein neues Leben, ging es Carla durch den Kopf. Ein Neuanfang.

Doch ihre Gedanken verweilten in der Vergangenheit. Wie lange trieb Nadia dieses Spielchen schon? Hatte sie sich gedacht, es dauerhaft so weiterzuführen? Carla war viel zu lange ahnungslos gewesen. Hatte immer brav zu Hause gewartet, wenn Nadia sich mal wieder lieber auf irgendeiner Party vergnügte, statt ein paar Aktenstapel durchzugehen. Carla machte die Arbeit, Nadia hatte den Spaß.

Warum tat Nadia ihnen das an? Warum warf sie alles, wofür sie die letzten Jahre gemeinsam gekämpft hatten, so leichtfertig weg?

So sehr Carla auch versuchte, ihre Grübeleien zu stoppen, es wollte ihr während der gesamten Überfahrt nicht gelingen. Dann endlich legte das Schiff an.

Carla ließ sich zwischen den wenigen anderen Passagieren über die Brücke in das kleine Hafengebäude treiben. Darin gab es nicht viel mehr zu sehen als ein Café, das geschlossen war, und einen Schalter, den ein Schild als »Touristeninformation« auswies.

Vielleicht war es besser, direkt hier nach einem Zimmer zu fragen, als auf gut Glück im Dunkeln durch die Gegend zu irren. Carla trat an den Schalter. Sie musste zuerst eine kleine Glocke betätigen, bevor von irgendwo weiter hinten eine ältere Dame erschien, eine Kaffeetasse in der Hand, und sie freundlich und mit breitem ostfriesischen Akzent nach ihren Wünschen fragte.

Es stellte sich heraus, dass sie eine große Auswahl hatte. Um diese Jahreszeit, außerhalb der Saison, gab es fast überall freie Zimmer. Carla ließ sich eine Adresse geben, die in der Nähe lag: Pension Inseloase. Das klang ganz nett.

»Vor der Tür warten Pferdetaxis. Die können Sie nehmen«, erklärte die Dame. »Oder Sie laufen. Es ist nicht weit.«

Carla nickte. »In Ordnung.« Sie bedankte sich und trat aus dem Reedereigebäude nach draußen. Inzwischen war es bereits völlig dunkel. Von ihrer Umgebung konnte sie nicht viel erkennen. Eine schmale Straße führte vom Hafen zum Ort, einer Ansammlung von Lichtern und Häusern, kaum hundert Meter entfernt. Und direkt vor dem Gebäude wartete tatsächlich eine Reihe von Pferdewagen auf Fahrgäste, wie anderswo Taxis. Alles war ruhig: kein Motorenlärm, keine lauten Stimmen, nur das gleichmäßige Rauschen der Wellen und ab und zu das Schnauben eines Pferdes. Carlas Nase erschnupperte Salz, Pferdeäpfel und eine unglaubliche Frische, die daheim in Essen undenkbar war. Entspannte Gelassenheit schien in der Luft zu liegen. Unaufgeregtheit. Sie ließ die Atmosphäre für einen Moment auf sich wirken. Ja, es war die richtige Entscheidung gewesen, hierherzukommen.

Dann schritt sie die Reihe der Kutschen entlang, reichte dem vordersten Kutscher die Adresse der Pension und stieg auf. Sie kam sich vor wie in einem Film oder einem Märchen. Noch nie war sie mit einem Pferdewagen gefahren. Alles war ganz anders hier auf der Insel, regelrecht exotisch.

Das Klappern der Pferdehufe auf dem Pflaster durchschnitt die Ruhe, als das Fuhrwerk sich in Bewegung setzte. Carla sah sich um, während sie gemächlich durch den Ort fuhren. Die Häuser waren alle viel kleiner als in der Stadt. Keine großen Straßen, kein Verkehr, keine Hektik. Alles wirkte so friedlich und gemütlich.

Schon nach wenigen Minuten hielt die Kutsche vor einem roten Backsteingebäude an. Das Haus schmiegte sich dicht an den Dünenrand und sah bezaubernd aus. Ein Teil des tiefen Daches war reetgedeckt. Postkartenidylle.

Carla zahlte und stieg aus. Dann atmete sie tief durch und öffnete die Tür der Inseloase.

Die einzigen Gäste, die im Moment in der Pension wohnten, hatten ihr Abendessen beendet. Lena räumte den Tisch ab. Gleich würde sie noch die Küche saubermachen, und dann hatte sie Feierabend – ungewohnt früh. Aber so war es manchmal in der Nebensaison.

Sie nahm die Tischdecke ab und wischte mit einem feuchten Lappen über den Tisch. Manchmal wünschte sie sich, dass die Arbeit etwas gleichmäßiger über das Jahr verteilt wäre. Die Wintermonate waren besonders hart, auch wirtschaftlich. Sie blies die Kerze aus und ging in die Küche.

Plötzlich öffnete sich die Eingangstür mit dem vertrauten Bimmeln der Glocke. Wer konnte das sein? Leute aus dem Ort, die hier um diese Zeit noch essen wollten? Normalerweise aßen die Einheimischen früh.

»Hallo?«, hörte Lena eine eindeutig fremde, weibliche Stimme. Dabei hatte niemand reserviert. Oder hatte sie das etwa übersehen? Für einen kurzen Moment zweifelte Lena an sich selbst. Dann schüttelte sie den Kopf. Nein, sie hatte die Buchungen erst heute Nachmittag noch kontrolliert.

»Ich komme sofort«, rief sie, warf den Lappen zurück in den Eimer und stieß die Küchentür auf.

Als sie an den Tresen im Vorraum trat, schaute sie geradewegs in die blauesten Augen, die sie je gesehen hatte. Ein Blick wie das Meer an einem strahlenden Sommertag, der sie völlig unvorbereitet traf und tief in ihr Herz zu dringen schien. Ihr Atem stockte. Sie brauchte einige Sekunden, um sich unter Kontrolle zu bekommen und ihre Stimme wiederzufinden: »Guten Abend. Was kann ich für Sie tun?«

»Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht erschrecken«, sagte die Fremde, offenbar in Anspielung auf Lenas Reaktion, und versuchte zu lächeln. Aber es gelang ihr nicht ganz. Ihr Blick war traurig.

Lena wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab. »Ich muss mich entschuldigen. Ich habe einfach heute Abend nicht mehr mit einem Gast gerechnet.« Sie streckte der Fremden die Hand entgegen. »Helena Peters. Aber nennen Sie mich einfach Lena, das machen alle hier. Wie kann ich Ihnen weiterhelfen?«

»Carla Tornow«, stellte sich die blonde Frau ihrerseits vor und erwiderte den Händedruck. Ihre Hand war angenehm warm und weich. »Ich bin auf der Suche nach einem Zimmer und habe am Hafen gehört, dass es hier eins geben soll.«

»Ganz genau. Wobei das noch untertrieben ist.« Lena lachte. »Ich habe mehrere zur Auswahl. Wie lange möchten Sie denn bleiben?«

»Ein paar Nächte«, antwortete Carla unbestimmt.

Nanu? Das war merkwürdig. Normalerweise plante man seinen Urlaub doch zumindest so weit, dass man dessen Länge konkret benennen konnte. Doch Lena ließ sich nichts anmerken. »Kein Problem. Sie können so lange bleiben, wie Sie möchten. Ich erwarte erst einmal keine Gästeflut.« Sie zog das Buch mit den Reservierungen aus seinem Fach und legte es auf die Theke. »Ich nehme an, ein Einzelzimmer?«

Carla nickte.

Lena schrieb Carlas Namen und eine Zimmernummer auf. Dann reichte sie ihrem Gast den Schlüssel. »Die Zimmer sind in der ersten Etage«, erklärte sie dabei. »Die Treppe ist direkt am Eingang. Aber ich kann Sie gern auf Ihr Zimmer begleiten und Ihnen alles zeigen.«

»Das ist nicht nötig.«

»Ach, ich mache das gern.« Lena deutete mit dem Kopf in Richtung Treppe und lief los, ehe Carla protestieren konnte. »Kommen Sie.«

Carla folgte ihr ohne weiteren Widerstand. Irgendetwas bedrückte sie, da war Lena sich sicher. Die hochgewachsene, blonde Frau machte ein wenig den Anschein, als sei sie auf der Flucht. Doch Lena war zuversichtlich, dass sie herausfinden würde, was ihr auf dem Herzen lag. Sie war eine gute Zuhörerin. Vielleicht könnte sie Carla sogar etwas aufheitern.

Sie schloss die Zimmertür auf. Das Zimmer war nicht sehr groß und eher zweckmäßig eingerichtet, aber Carla wirkte nicht so, als hätte sie große Ansprüche. Lena streckte einladend den Arm aus und sagte: »Richten Sie sich doch ein, und dann kommen Sie noch einmal runter, damit ich Ihnen Abendessen kochen kann.«

Carla schüttelte leicht den Kopf. »Ich bin nicht hungrig.«

»Eine warme Mahlzeit wird Ihnen guttun.« Instinktiv legte Lena die Hand auf Carlas Oberarm. Sie wusste selbst nicht, warum sie das tat. Normalerweise wahrte sie den angemessenen Abstand zu ihren Gästen. Doch sie zog die Hand nicht weg, sondern sagte nur mit fester Stimme: »Ich warte unten auf Sie. Und lassen Sie mich wissen, wenn Sie sonst noch etwas brauchen.«

Carla zog ihre Jacke aus, wodurch Lenas Hand von ihrem Arm rutschte, und legte sie auf einem Stuhl ab. »Ich überlege es mir«, sagte sie leise. »Vielen Dank.«

Die schöne Fremde trug einen grauen Blazer, darunter eine enganliegende hellblaue Bluse und eine dunkle Stoffhose. Das passte ebenso wenig zu einem Urlaub auf einer ostfriesischen Insel wie ihre schwarzen Pumps. Aber Lena konnte nicht leugnen, dass Carla eine äußerst attraktive Frau war. Eine Frau, wie sie schon lange keine mehr gesehen hatte.

Rasch riss sie sich aus diesen Überlegungen und meinte: »Dann bis gleich.« Leise schloss sie die Tür hinter sich. Auf der Treppe schüttelte sie energisch den Kopf: Solche Gedanken sollte sie gar nicht erst haben. Aber wahrscheinlich war es einfach nur eine Art Beschützerinstinkt, weil diese Carla trotz ihrer eleganten Erscheinung so zerbrechlich wirkte.

Carla spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht, um die roten Flecken und die geschwollenen Augen ein wenig abzumildern.

Was für ein Tag. Als sie vor elf Stunden aufgestanden war, hätte sie sich nicht im Entferntesten vorstellen können, dass sie am Abend Single sein würde. Sie hatte immer gedacht, dass Nadia glücklich mit ihr war, so wie sie es auch mit Nadia war. Natürlich, die Aufregung und das Kribbeln der Anfangszeit waren gewichen, aber das war doch normal nach ein paar Jahren. Sie hatten ein beständiges, zufriedenes Leben geführt, und Carla war überzeugt gewesen, dass sie sich auf Nadia verlassen konnte. Dass sie ihr blind vertrauen konnte.

Darin hatte sie sich offensichtlich getäuscht.

Sie trocknete sich das Gesicht ab. Nachdenklich sah sie sich selbst im Spiegel in die Augen. Ihre Erfahrung hätte sie warnen müssen: Jacqueline, ihre erste große Liebe, hatte sie damals ebenfalls Knall auf Fall verlassen. Sie habe Carlas emotionale Zurückhaltung nicht mehr ausgehalten. So ähnlich hatte sie es ausgedrückt.

Carla seufzte tief und musterte ihr Spiegelbild stirnrunzelnd. Sie lernte schnell, war belesen und klug – das wurde ihr zumindest nachgesagt. Nur in Gefühlsangelegenheiten ließ ihre Intelligenz sie offenbar komplett im Stich. In dieser Hinsicht kam sie sich manchmal wie eine Erstklässlerin vor.

Sie seufzte noch einmal, wandte sich vom Spiegel ab und machte sich daran, ihre Sachen in den Kleiderschrank zu räumen. Das Zimmer war ziemlich klein, aber mit Liebe zum Detail eingerichtet: Kleine Bilder von bunten Blumen dekorierten die Wände, die warmen Brauntöne der Vorhänge und des Teppichbodens waren perfekt aufeinander abgestimmt, sogar die Bettwäsche passte dazu. Und die Besitzerin schien sehr nett zu sein.

Genau in diesem Moment erinnerte das Knurren ihres Magens Carla daran, dass Lena unten mit dem Essen auf sie wartete. Appetit hatte sie zwar nicht, aber es wäre unhöflich gewesen, das Angebot nicht anzunehmen. Auf dem Zimmer würde sie ohnehin nur grübeln. Etwas Ablenkung würde ihr guttun.

Sie gab sich einen Ruck und ging hinunter in die Wirtschaft. Dort war niemand außer Lena, die Besteck in die Schublade eines massiven, dunklen Holzschranks einsortierte. Sie hob den Kopf, als Carla den Raum betrat.

»Da sind Sie ja!« Lena lächelte freundlich. Dabei tanzten die winzigen Sommersprossen, die ihre Nase zierten, durch ihr Gesicht. »Suchen Sie sich ein schönes Plätzchen aus. Was möchten Sie trinken?«

Mit so viel guter Laune konnte Carla heute nur schwer umgehen. Sie würde sicherlich kein besonders liebenswürdiger Gast sein. Suchend sah sie sich um. Fast bereute sie nun doch, nicht einfach im Zimmer geblieben zu sein.

Lena hatte ihre Unentschlossenheit offenbar bemerkt. »Ich sitze am liebsten hier, am Fenster«, meinte sie und deutete auf einen Tisch in einer Ecke.

Carla ging langsam dorthin und nahm Platz. Was spielte es schon für eine Rolle, wo sie saß? Lena folgte ihr und reichte ihr einen Zettel, der sich als improvisierte Speisekarte herausstellte.

»Es tut mir leid«, entschuldigte sie sich, »aber da wir im Moment nur wenige Gäste haben, ist das Angebot sehr reduziert. Wenn Sie spezielle Wünsche für die nächsten Tage haben, kann ich das sicherlich einrichten. Sagen Sie einfach Bescheid.«

Carla studierte die Speisen. Schnitzel in verschiedenen Variationen, Bohnensuppe, Bratkartoffeln. Das passte genau in das Bild, das die Wirtschaft selbst bot, mit den dunklen Holzvertäfelungen und schweren, dunklen Vorhängen vor den Fenstern: gutbürgerlich, konservativ, bodenständig, vielleicht etwas altmodisch.

Lena stellte ungefragt ein Glas Rotwein vor Carla ab und zwinkerte ihr zu. »Sie sehen so aus, als könnten Sie das gebrauchen.«

Diese Frau schien nichts aus der Ruhe bringen zu können, ihre Freundlichkeit wirkte unerschütterlich. Vorhin hatte Carla das noch gestört. Doch jetzt hatte sie das Gefühl, die Heiterkeit der anderen übertrage sich auf sie selbst und überdecke die Wunde in ihrem Herzen wie eine wohltuende Salbe.

»Vielen Dank«, antwortete sie. »Sehr aufmerksam. Ich würde dann das Schnitzel mit Bratkartoffeln und Spiegelei nehmen.« Es war das erste Mal an diesem Abend, dass ihr Lächeln nicht nur Schau war.

»Kommt sofort.«

Während Lena in der Küche verschwand, sah Carla sich etwas genauer um. Offensichtlich hatte Lena versucht, mit hellen Tischdecken, vielen Kerzen und frischen Blumen Akzente zu setzen und dem Raum mit seinen eher düsteren Farben etwas Wärme zu verleihen. Und zumindest ein bisschen Modernität. Ähnlich wie in ihrem Zimmer schien die Dekoration mit viel Bedacht ausgewählt worden zu sein.

Carla nippte an ihrem Wein. Er schmeckte wunderbar. Und schon nach wenigen Schlucken bereute sie es, an diesem Tag nicht mehr gegessen zu haben. Der Alkohol stieg ihr sofort zu Kopf. Aber wenigstens fühlten sich ihre Gedanken ein wenig leichter an.

Sie wandte den Kopf zur Seite und sah aus dem Fenster. Doch draußen war es zu dunkel, um viel zu erkennen. Morgen würde sie die Gegend ein wenig erkunden, vielleicht einen Strandspaziergang machen. Mit wenigen Schritten war man in den Dünen, und dahinter musste der Strand liegen. Genau genommen konnte man ihn auf einer Insel, die teilweise gerade fünfhundert Meter schmal war, von überall aus in kürzester Zeit erreichen.

Ein herrlicher Duft zog aus der Küche zu ihr herüber. Diese Lena schien eine gute Köchin zu sein. Erneut ließ Carlas Magen ein lautes Knurren hören. Wenn es nur halb so gut schmeckte, wie es roch, konnte sie sich auf ein ausgezeichnetes Essen freuen – und das tat sie sogar, stellte sie überrascht fest. Es musste die Seeluft sein, die ihren Appetit anregte.

Nadia hatte nie gern in der Küche gestanden, ging es ihr durch den Sinn, und den Kochlöffel hatte sie gar nicht erst angefasst . . .

Sie seufzte. Das konnte ja heiter werden, wenn sie bei jeder Kleinigkeit an Nadia denken musste. Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und verschränkte die Hände im Nacken.

Jetzt war sie also wieder Single. Eine einunddreißigjährige, intelligente Frau, erfolgreiche Eventmanagerin, die alles schaffte, was sie sich vornahm – nur in ihrem Privatleben nicht. Dort versagte sie regelmäßig.

»Voilà!« Lena stellte einen Teller und eine kleine Schüssel Salat vor ihr ab.

Carla schrak aus ihren Grübeleien auf. Sie hatte Lena gar nicht kommen hören. Überrascht starrte sie auf die enorme Portion auf ihrem Teller. »Das sieht sehr gut aus. Aber wer soll das alles essen?«

»Das schaffen Sie schon. Seeluft macht hungrig.« Lena lachte und nahm das leere Weinglas in die Hand. »Noch eins?«

Carla schüttelte den Kopf. Sie hatte schon genug getrunken. »Besser nicht.«

Doch Lena schien sich nicht so schnell geschlagen zu geben. Sie sah Carla direkt in die Augen: »Und wenn ich eins mit Ihnen trinke?«

Erst in diesem Moment fiel Carla auf, wie schön Lena war. Ihre Gesichtszüge waren zart, ganz anders als die wilde Lockenmähne, die sie zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte. Und ihre grünen Augen funkelten Carla herausfordernd an. Plötzlich war Carla schwindelig. Was waren das bloß für Gedanken? Daran konnte nur der Wein schuld sein.

Als Carla nichts erwiderte, räusperte sich Lena und schlug die Augen nieder. »Entschuldigen Sie, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.« Eine leichte Röte überzog ihre Wangen. Sie wandte sich zum Gehen.

»Warten Sie«, hörte Carla sich selbst sagen. »Ich würde mich freuen.« Sie war sich nicht sicher, was plötzlich in sie gefahren war und was sie hier eigentlich tat. Aber ein wenig Gesellschaft konnte vermutlich nicht schaden. Sie fuhr fort: »Allerdings nur unter der Bedingung, dass wir uns duzen. Sonst ist das irgendwie merkwürdig für mich.«

Lenas Miene hellte sich schlagartig auf. »Ich bin sofort wieder bei dir.« Nur Sekunden später trat sie mit einer Flasche Wein und zwei sauberen Gläsern wieder an den Tisch, schenkte ihnen beiden ein und setzte sich dann Carla gegenüber. Mit einer nachdrücklichen Geste in Richtung des gut gefüllten Tellers sagte sie: »Du solltest langsam anfangen zu essen, sonst wird es kalt.«

Carla hob entschuldigend die Schultern. »Ist heute einfach nicht mein Tag.« Sie nahm Messer und Gabel und begann zu essen.

Erst beim Essen merkte sie, wie hungrig sie war. Und es war köstlich. Sie musste sich regelrecht bemühen, nicht zu schlingen. Dabei wanderte ihr Blick immer wieder verstohlen zu Lena – die sie immer genau in diesem Moment auch zu beobachten schien. Sobald sich ihre Augen trafen, schaute Lena rasch weg.

Als Carlas Teller fast leer war, hob Lena ihr Glas. »Und nun stoßen wir darauf an, dass du in der Nebensaison ausgerechnet den Weg zu uns gefunden hast.« Sie prostete Carla zu.

»Bin ich etwa die Einzige, die hier wohnt?«, fragte Carla kauend.

»Nicht ganz. Ein älteres Ehepaar macht hier auch gerade Urlaub, sie werden aber morgen früh abreisen. Die nächsten Gäste sind erst in einigen Tagen angekündigt. Aber manchmal verirren sich ja auch Touristen zufällig zu uns.« Sie grinste Carla an. »Darüber freue ich mich besonders.«

Carla erwiderte das Grinsen nicht, sondern verzog die Mundwinkel. »Obwohl ich im Moment alles andere als eine angenehme Gesellschaft bin.« Sie spießte das letzte Stückchen Schnitzel auf ihre Gabel.

»Na ja«, lenkte Lena ein. »Du siehst bedrückt aus, das stimmt. Aber du bist höflich und freundlich, das ist nicht für jeden selbstverständlich.« Sie nahm einen großen Schluck Wein, als wolle sie weitere Worte, die ihr auf der Zunge lagen, damit hinunterspülen.

Carla legte das Besteck ab und achtete ganz automatisch darauf, dass Messer und Gabel genau im richtigen Winkel auf dem Teller ausgerichtet waren und den Tellerrand exakt gleich weit überragten. Merkwürdige und verrückte Angewohnheiten, so nannte Nadia diese kleinen Eigenheiten. Ach, verflixt. Immer wieder Nadia . . . alle Gedanken führten zu ihrer Partnerin.

Expartnerin. Schmerzerfüllt stöhnte sie auf.

»Einen Cent für deine Gedanken«, holte Lena sie wieder in die Realität zurück. »Ich würde wirklich gern wissen, was in deinem Kopf vor sich geht.« Ihre Stimme war sanft.

Carla machte eine wegwerfende Handbewegung. »Nicht so wichtig.«

»Aber wichtig genug, dass du die ganze Zeit damit beschäftigt bist.« Lena nahm ihr Glas in die Hand und beobachtete, wie der Wein kleine Wellen schlug. »Weißt du«, sagte sie, den Blick unverwandt auf den Wein gerichtet, »manchmal hilft es einfach, darüber zu reden. Und manchmal ganz besonderes mit einer Fremden . . . jemand Außenstehendem.«

Lenas Finger, die den Stiel des Glases umfasst hielten, waren feingliedrig und zart. Sie passten genau zu dieser sehr femininen Frau mit den filigranen Gesichtszügen und der zierlichen Figur. Ein Ring war nicht zu sehen, fiel Carla auf.

Als ihr bewusst wurde, dass sie schon seit einer ganzen Weile Lenas Hand anstarrte, statt auf ihre Bemerkung zu reagieren, senkte sie hastig den Blick und sah stattdessen ihren Teller an. Etwas Unverfänglicheres.

Unvermittelt sprang Lena auf. »Oh mein Gott, ich bin eine schlechte Wirtin«, rief sie und nahm den benutzten Teller vom Tisch. »Das war wirklich unaufmerksam von mir. Entschuldige.«

»So ein Quatsch. Ist doch überhaupt kein Problem.« Es war richtig süß, dachte Carla, wie Lena um sie herumwuselte, als sei die Gaststätte bis auf den letzten Platz gefüllt.

Lena entschwand mit dem schmutzigen Geschirr in die Küche, um kurz darauf hinter der Tür hervorzulugen: »Möchtest du noch einen Nachtisch?«

Carla hielt sich den Bauch. »Das ist wirklich nett. Aber wenn ich nur noch ein klitzekleines bisschen esse, platze ich.«

Lächelnd kam Lena wieder auf den Tisch zu. »Das wäre zu schade.« Sie strich sich eine Haarsträhne hinter das Ohr, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatte.

Fast hätte Carla glauben können, dass Lena mit ihr flirtete.

»Aber ein bisschen Wein geht noch, oder?« Ohne Carlas Antwort abzuwarten, füllte Lena ihre Gläser nach und setzte sich wieder. Dann fragte sie leise: »Und hast du dir überlegt, ob Reden nicht vielleicht helfen würde?«

Carlas Finger trommelten auf die Tischplatte. »Das ist eine komplizierte Geschichte«, murmelte sie, ohne Lena anzusehen.

»Ich habe Zeit.«

Carla war nicht gut darin, über ihre Gefühle zu sprechen. Mit Fremden schon gar nicht. Und das war Lena – trotz dieser eigentümlichen Vertrautheit, die von ihr ausging und Carla den Eindruck vermittelte, sie schon länger zu kennen. Das musste an Lenas fürsorglicher Art liegen. So etwas war Carla einfach nicht gewohnt, dass jemand ihr alle Wünsche von den Augen ablas. Von Nadia schon gar nicht. Meist war es Carla, die herauszufinden versucht hatte, wie sie Nadia eine Freude machen konnte. Doch eigentlich waren sie beide vor allem um sich selbst gekreist, musste Carla jetzt zugeben.

Verdammt, musste sie denn ständig wieder bei Nadia landen? Nadia war im Augenblick die Böse. Jede würde im Moment besser dastehen als Nadia, nicht bloß Lena. Immerhin hatte Nadia sie hintergangen, betrogen. Und wer weiß, wie lange das schon ging . . . Unwillkürlich betrachtete Carla ihren Finger, an dem sie vor kurzem noch Nadias Ring getragen hatte. Jetzt war nur noch ein weißer Streifen vom letzten Sommerurlaub zu sehen.

»Liebeskummer?«, riet Lena, die Carlas Blick und den hellen Streifen bemerkt haben musste.

Carla seufzte. »Ja, so in etwa.« Sie stockte, plötzlich erschrocken von ihrer eigenen Courage. Konnte sie Lena die Wahrheit sagen? Würde sie es verstehen? Aber aus irgendeinem Grund wollte sie auf einmal darüber sprechen. Es war, als dränge die ganze traurige Geschichte mit aller Macht nach draußen. »Ich bin . . .«, begann sie und merkte, wie ihr erneut Tränen in die Augen schossen.

Lena langte über den Tisch herüber und ergriff ihre Hände. Eine angenehme Wärme ging von dieser Berührung aus. »Du musst es mir nicht erzählen, wenn du nicht möchtest. Das war nur ein Angebot.«

Carla schloss die Augen, schluckte die Tränen hinunter und sammelte sich. »Doch«, murmelte sie. »Ich habe nur das Gefühl, erst wenn ich es ausspreche, ist es wirklich wahr.« Sie hielt den Kopf ein wenig schief und sah Lena traurig an. »Albern, oder?«

Lena schüttelte den Kopf. »Nein, ich kann das verstehen.«

Carla holte noch einmal tief Luft, und dann kamen die Worte wie von selbst: »Ich bin betrogen worden. Wahrscheinlich schon länger. Dabei wollte ich Nadia einfach zu ihrem dreißigsten Geburtstag überraschen . . . Und sie vergnügt sich mit einer anderen im Hotelzimmer.« Sie starrte in die Ferne. Ihre Hände lösten sich aus Lenas und ballten sich zu Fäusten. »Sie hat behauptet, es sei eine Dienstreise. Und ich habe es ihr auch noch geglaubt. Immerhin hatten wir viele Kunden in Bremen. Wir sind immer mal wieder beruflich dort gewesen. Aber meistens zusammen.« Eine Träne kullerte ihre Wange hinunter. Sie griff nach einer Serviette, um sie abzuwischen.

Lena stand auf, kam um den Tisch herum und setzte sich neben Carla. Ganz selbstverständlich legte sie den Arm um sie und sagte mitfühlend: »Das tut mir leid.«

Carla ließ es einfach geschehen. Die Tränen flossen jetzt ungehemmt. Aber eigenartigerweise spürte sie fast so etwas wie Erleichterung. Lenas Wärme tat gut. Sie war nicht allein.

»Wie konnte sie mir das nur antun?«, schluchzte sie. »Ich war fest davon überzeugt, dass uns so etwas nicht passieren kann.« Sie schmiegte ihren Kopf an Lenas Schulter. Es tat so gut. Lena roch nach einem Hauch von Apfel.

Sanft streichelte sie durch Carlas Haare. »Sie muss sehr dumm sein, dich einfach gehen zu lassen.«

Carlas Herz schlug schneller. Was war nur los mit ihr? Ihre Hormone mussten heute verrückt spielen. Sie durfte sich nicht so gehen lassen. »Schluss jetzt«, ermahnte sie sich laut. »Ich sollte dich nicht mit meinen Gefühlsduseleien belästigen. Morgen sieht die Welt schon wieder anders aus.« Sie stand auf. »Deswegen versuch ich jetzt ein wenig zu schlafen.« Mit einem Mal hatte sie nur noch den Wunsch, sich möglichst schnell aus dieser peinlichen Situation zu befreien.

Lena war von dieser plötzlichen Wandlung sichtlich irritiert. »In Ordnung«, sagte sie langsam und erhob sich ebenfalls. »Komm einfach morgen zum Frühstück runter, wenn du wach bist. Ich bin sowieso hier. Du kannst ruhig ausschlafen, wenn dir danach sein sollte.«

Carla stand bereits vor dem Treppenabsatz, als sie sich noch einmal umdrehte. Leise sagte sie: »Danke fürs Zuhören. Du hattest recht, manchmal tut Reden wirklich gut.« Sie schenkte Lena ein Lächeln. »Schlaf gut.«

Lena nahm die leeren Weingläser und brachte sie in die Küche. Es war Teil ihrer abendlichen Routine, die Wirtschaft aufzuräumen und die Küche zu säubern. Am Morgen alles dreckig vorzufinden war ihr zuwider. Sie stellte die Gläser in die Spülmaschine und startete das Spülprogramm.

Carla hatte sich also frisch getrennt. Kein Wunder, dass sie so durch den Wind war. Lena nahm einen Lappen und die Flasche mit dem Putzmittel und begann die Arbeitsfläche sauberzuwischen. Und offensichtlich war Carla lesbisch, zumindest war sie mit einer Frau zusammen gewesen.

Dass das Schicksal so grausame Scherze mit Lena treiben musste . . . Wann verirrte sich schon einmal eine äußerst ansehnliche, lesbische Frau zu ihr? Niemals – nur jetzt.

Ausgerechnet jetzt! Ausgerechnet hier! Hätte es nicht wenigstens eine hässliche Frau sein können? Eine langweilige? Eine, die ihren Puls nicht bei jeder Berührung zum Rasen brachte?

Mit einem Schwamm scheuerte Lena die Armaturen. Sie durfte sich gar nicht erst in irgendetwas hineinsteigern. Das würde ohnehin zu nichts führen. Und was sollte das auch? Ihr Leben war glücklich, so wie es war. Sie musste endlich lernen, sich mit dem zufriedenzugeben, was sie hatte. Alles andere war nur eine unsinnige Spinnerei.

Lena polierte die Flächen mit einem trockenen Tuch, bis alles glänzte. Eigentlich war es nicht die richtige Zeit für einen so gründlichen Putz. Aber sie konnte nicht anders. An Schlaf würde ohnehin nicht zu denken sein.

In der blitzblanken Spüle schien sich Carlas Gesicht zu spiegeln. Diese wunderschönen blauen Augen, die sie so traurig angesehen hatten. Das makellose Gesicht, umrahmt von den kurzen, blonden Haaren. Nur wenige Frauen schafften es, mit einem solchen Haarschnitt so elegant auszusehen.

Lena wischte schneller, um das Bild zu vertreiben.

Sie würde nur noch rasch das Frühstück für morgen vorbereiten und dann ins Bett gehen. Morgen früh sah die Welt sicher ganz anders aus, das hatte auch Carla gerade noch gesagt.

Schon wieder Carla . . .

Sie nahm Geschirr aus dem Schrank. Auch wenn sie nur für wenige Gäste eindecken musste, so wollte sie es lieber noch am Abend erledigen. Mit geübten Bewegungen verteilte sie die Teller und Tassen. An dem Platz, an dem Carla vorhin gesessen hatte, gab sie sich besonders viel Mühe. Immer wieder hatte Carla das Besteck, ihr Glas und die Serviette entlang der Tischdecke oder der Tischkante ausgerichtet. Es war beinahe ein wenig zwanghaft gewesen. Aber nur beinahe. Und auf der anderen Seite auch unglaublich süß, wenn sich dabei diese kritische Falte auf Carlas Stirn gebildet hatte.

Lena seufzte. Was hatte das nur zu bedeuten?

Carla erwachte mit Kopfschmerzen. Die Nacht war viel zu kurz gewesen. Nachdem sie auf ihr Zimmer gekommen war, war die rauschartige Wirkung des Weins verflogen und auch die angenehme Wärme und Zuversicht, die sie in Lenas Nähe gespürt hatte. Ihr Handy hatte mehrere Anrufe und SMS von Nadia angezeigt, aber Carla hatte sie nicht lesen wollen. Sie hatte das Handy einfach ausgeschaltet und in die hinterste Ecke ihrer Nachttischschublade geschoben. Hier brauchte sie es nicht. Nadia konnte ihr gestohlen bleiben.

Dann hatte sie sich lange im Bett hin und her gewälzt. Die Gedanken wollten einfach nicht aufhören zu kreisen. Ausgerechnet so ein junges Flittchen hatte sich Nadia ausgesucht . . . diese Frau konnte ihr doch niemals ebenbürtig sein. Immer wieder hatte Carla darüber nachgedacht, was bei ihnen beiden schiefgelaufen war, an welchem Punkt sie die entscheidende Veränderung nicht mitbekommen hatte. Aber sie hatte keine Klarheit gewonnen.

Jetzt richtete sie sich in ihrem Bett auf. Es war gerade acht Uhr, aber wozu sollte sie länger liegen bleiben?

Schnell sprang sie unter die Dusche und machte sich ein wenig zurecht. Viel Kosmetik hatte sie nicht dabei. Üblicherweise teilte sie sich das meiste mit Nadia, das hatte sie auch dieses Mal vorgehabt. In Nadias Hotelzimmer. Nicht in einer kleinen Pension auf Juist.

Ihr Spiegelbild machte einen ziemlich mitgenommenen Eindruck. Auch die getönte Tagescreme konnte keine Abhilfe schaffen.

Die Wahl eines passenden Outfits für den Tag war schwierig. Die wenigen Kleidungsstücke, die Carla mitgenommen hatte, waren weniger für einen Inselausflug geeignet als für einen Theaterbesuch. Also entschied sie sich für die einzige Jeanshose, die sie dabeihatte, und den einzigen Pullover. Vielleicht konnte sie Lena fragen, wo sie hier etwas Geeigneteres kaufen konnte.

Der Gedanke an Lena erhellte augenblicklich ihr Gemüt. Sofort erschien Lenas bezauberndes Lächeln vor ihrem inneren Auge. Die wunderschön geschwungenen Lippen, die ebenmäßigen Zähne. Lena hatte etwas an sich, das sie faszinierte, das konnte Carla nicht leugnen. War das nur ihr attraktives Äußeres – oder noch etwas anderes?

Nein, sagte sich Carla. Sie interpretierte in Lena sicher nur etwas hinein, was sie bei Nadia vermisst hatte.

Rasch wickelte sie sich noch ein farblich abgestimmtes Halstuch um und verließ das Zimmer. Im Flur duftete es bereits herrlich nach frischem Kaffee. Ein bisschen Koffein würde sicherlich ihre Lebensgeister wecken und die dunklen Schatten unter ihren Augen vertreiben.

Als sie die Treppe hinunterging, hörte sie ein gemurmeltes »Guten Morgen«. Ein älteres Paar kam ihr entgegen. Das mussten die anderen Gäste sein, von denen Lena gestern gesprochen hatte. Carla grüßte freundlich zurück. Dann stieß sie die Tür zum Gastraum auf.

Lena stand hinter der Theke und ging irgendwelche Papiere durch. Doch Carla blieb keine Zeit, sie aus der Entfernung zu studieren, denn das Zuschlagen der Tür hatte ihr Kommen verraten. Lena sah auf.

»Du bist ja schon wach.« Sie strahlte Carla entgegen. »Du hättest doch ausschlafen können.«

Carla zuckte mit den Schultern. »Danach stand mir der Sinn nicht so wirklich.«

»Ja, das kann ich verstehen. Konntest du denn trotzdem ein wenig schlafen?« Lena kam hinter dem Tresen hervor.

»Ich habe mehrere tausend Schäfchen gezählt«, behauptete Carla und versuchte ein Lächeln. »Aber das Bett war sehr bequem.«

»Wenigstens etwas.« Lena deutete auf einen gedeckten Tisch – denselben, an dem sie am Abend zuvor gesessen hatten. »Dieser Tisch ist für dich. Kaffee oder Tee?«

»Kaffee, wenn es geht.«

Lena zwinkerte ihr zu. »Ich habe dir doch versprochen, dir alle Wünsche zu erfüllen, wenn es möglich ist. Kaffee ist jedenfalls kein Problem. Darf ich dir ein Rührei machen?«

Carla setzte sich. Auch wenn sie nicht allzu viel Appetit hatte – Lenas Angebot, oder vielleicht auch dem bezaubernden Augenaufschlag, der es begleitete, konnte sie nicht widerstehen. »Gern.«

»Prima.« Lena strahlte wieder. »Ansonsten kann ich dir außer Brötchen, Aufschnitt, Käse und Marmelade nicht viel bieten. Ich würde aber heute einkaufen. Möchtest du Müsli? Frischen Saft? Lachs?«

Jetzt musste Carla wirklich lachen. »Bist du zu allen Gästen so fürsorglich?«, fragte sie. »Oder willst du mich einfach mästen?«

Zu ihrer Überraschung entgleiste Lenas Lächeln. Mit einem Mal sah sie regelrecht hilflos aus. »Ja . . . nein . . . also . . .«, stammelte sie, als sei sie bei etwas Schlimmem ertappt worden.

»Mach dir bitte keine Umstände wegen mir«, warf Carla schnell ein. »Du musst dich nicht immer für das Essen entschuldigen.« Sie deutete auf den Korb mit den frischen Brötchen: »Brötchen reichen mir völlig. Und alles, was ich bisher hier probieren durfte, war großartig.«

Das schien Lena zu beruhigen. Sie lächelte Carla noch einmal zu und zog sich dann wieder hinter die Theke zurück.

Carla beschloss, nicht weiter über Lenas merkwürdige Reaktion nachzudenken, und genoss stattdessen lieber ihren Kaffee. In den letzten Monaten hatte sie sich nur selten die Zeit für ein ausgiebiges und entspanntes Frühstück genommen. In der Woche war sie meist vor Nadia aufgestanden und gleich in die Agentur gefahren, wo sie dann zwischendurch einen von zu Hause mitgebrachten oder unterwegs schnell gekauften Imbiss zu sich genommen hatte. Und auch am Wochenende war sie meist vor Nadia wach gewesen und hatte rasch allein gefrühstückt. Hätte sie auf ihre Freundin gewartet, wäre sie verhungert.

Sie sah auf, als ein älterer Mann den Gastraum betrat. Es war nicht der Gast, dem sie vorhin auf der Treppe begegnet war, stellte sie fest. In der rechten Hand hielt er eine Krücke, auf die er sich beim Laufen abstützte, und das linke Bein zog er etwas nach. Er nickte Carla zu und nuschelte ein »Moin«, aber sein Gesichtsausdruck blieb dabei grimmig.

Carla, die gerade auf einem Stück Brötchen kaute, konnte den Gruß nicht sofort erwidern und nickte nur zurück, aber das schien dem Mann egal zu sein. Zielstrebig steuerte er auf Lena zu und fragte in scharfem Ton: »Und, gibt es etwas Neues?« Er sprach so laut, dass Carla nicht weghören konnte.

Sie konnte deutlich sehen, wie Lena leicht die Augen verdrehte, als sie zurückgab: »Wie wär es mit ‚Guten Morgen, schön, dich zu sehen?‘« Fast als täte ihr die impulsive Antwort im nächsten Moment leid, fügte sie noch hinzu: »Willst du dich nicht setzen?«

Der Mann nickte, und Lena half ihm auf einen der Barhocker am Tresen. Mit gerunzelter Stirn sah er sich im Raum um und brummte: »Ist ja nicht gerade voll hier.«

»Du weißt doch selbst, wie es Ende Oktober und im November ist.« Lena versuchte ruhig zu sprechen, das war ihr deutlich anzumerken. Wie zufällig schaute sie zu Carla hinüber. Als ihre Blicke sich begegneten, sagte sie mit gedämpfter Stimme: »Wir sollten nicht hier vor den Gästen diskutieren.«

Der Mann schien sich daran keineswegs zu stören. Er fuhr in der gleichen Lautstärke fort: »Du musst mir heute ein paar Medikamente aus der Apotheke besorgen. Und dann musst du unbedingt gucken, dass die Vorräte aufgestockt werden. Sind die Zimmer alle sauber? Hast du die Küche aufgeräumt?«

Lena atmete hörbar durch. »Papa, ich mache das nicht erst seit ein paar Tagen. Du weißt doch, dass du dich auf mich verlassen kannst.«

Der alte Griesgram war also Lenas Vater. Carla musterte ihn unauffällig etwas genauer. Sie konnte nicht viele Ähnlichkeiten zwischen den beiden entdecken.

»Ja, ich weiß«, erwiderte Lenas Vater nicht etwa anerkennend, sondern eher mürrisch. »Denk nur an die Medikamente.«

Lena nickte. »Ich muss weiterarbeiten.«

Ihr Vater verstand das Signal offensichtlich und rutschte von seinem Hocker. Mit mühevollen Schritten machte er sich auf den Weg zur Küche. Auch sein linker Arm schien nicht so zu funktionieren, wie er sollte, fiel Carla auf. Sie sah ihm nach, bis sich die Küchentür hinter ihm schloss.

»Er hatte vor zwei Jahren einen Schlaganfall«, hörte sie Lenas Stimme dicht neben sich. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass Lena näher gekommen war. »Seitdem ist er linksseitig gelähmt.«

Carla sah zu ihr auf und meinte mitfühlend: »Das muss schwer sein.«

»Ja, das ist es.« Lena begann das benutzte Geschirr zu stapeln. »Vor allem für jemanden wie ihn, der immer über alles die Kontrolle braucht.«

»Dabei machst du doch einen fantastischen Job«, sagte Carla und meinte das durchaus nicht nur als leeres Kompliment. Von Lenas fürsorglicher Art und ihrer Liebe zum Detail hätte sich so mancher Caterer oder Ausstatter, mit dem sie in ihrem Beruf zusammenarbeitete, eine Scheibe abschneiden können.

Lena errötete. »Das versuche ich zumindest.«

»Hast du Zeit, mir noch ein wenig Gesellschaft zu leisten?« Die Frage war Carla einfach herausgerutscht. Eigentlich mochte sie am Morgen keine große Konversation und begnügte sich gern mit der Gesellschaft ihrer Kaffeetasse. Doch sie sagte sich rasch, dass es in diesem Fall tatsächlich etwas zu besprechen gab: »Ich brauche deinen Rat.«

Ein Lächeln huschte durch Lenas Gesicht. »Natürlich. Ich bringe das eben in die Küche, dann bin ich sofort bei dir.« In Windeseile verschwand Lena mit dem Geschirrstapel, um sich kurz darauf neben Carla zu setzen. »Wie kann ich dir helfen?«

»Sagen wir mal so«, begann Carla, »mein Reisegepäck war nicht auf einen Besuch an der Küste ausgelegt. Dem müsste ich Abhilfe schaffen. Gibt es hier irgendwo einen Laden, wo ich etwas Brauchbares finde?«

Lena legte sich den Zeigefinger ans Kinn. »Die Auswahl ist nicht sehr groß, aber ein paar gibt es schon.« Sie erklärte Lena den Weg zu mehreren kleinen Boutiquen im Ort und schloss mit den Worten: »Und wenn du sonst noch etwas brauchst, lass es mich einfach wissen.«

Da war sie wieder, diese geradezu rührende Hilfsbereitschaft – von der sich Carla allmählich wirklich fragte, ob Lena sie allen anderen Gästen im selben Ausmaß zuteilwerden ließ. Lächelnd antwortete sie: »Vielen Dank. Ich werde einfach versuchen, mich heute ein wenig abzulenken.«

Lena nickte. »Aber zieh dich warm an, es ist ziemlich stürmisch im Moment.«

»Ja, ich habe gelesen, dass es um diese Jahreszeit hier viele Stürme gibt. Wenn ich mich recht erinnere, gab es 2006 an Allerheiligen eine schwere Sturmflut.« Plötzlich sprudelten die Worte aus Carla hervor, als habe Lena mit ihrer freundlichen Mahnung einen Schalter umgelegt: »Das war das Orkantief Britta, oder? Dabei gab es schwere Schäden an den Dünen.«

Lena grinste sie an. »Du scheinst eine wandelnde Enzyklopädie zu sein. Das hätten vermutlich die meisten Einheimischen nicht so gut zusammengebracht.«

Verlegen murmelte Carla: »Ich merke mir einfach viel von dem, was ich lese.«

»Beeindruckend. Ich wünschte, das könnte ich auch«, meinte Lena, dann stand sie auf. »Ich muss leider noch arbeiten, sonst hätte ich dich gern begleitet. Wir sehen uns später. Und viel Spaß.«

Nachdem Carla den Raum verlassen hatte, folgte Lena ihrem Vater in die Küche. Sie musste noch einmal mit ihm sprechen. Dass er sie vor Carla wie ein störrisches kleines Kind behandelt hatte, ging einfach nicht an.

Etwas zu kräftig stieß sie die Küchentür auf.

»Ich sehe, du denkst doch noch daran zu arbeiten«, bemerkte Friedrich Peters. Er war gerade dabei, die Küchenschränke zu inspizieren. »Das sah auch schon einmal ordentlicher aus.«