Himmelwärts - Elisabeth Klar - ebook

Himmelwärts ebook

Elisabeth Klar

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Opis

"Himmelwärts" verbindet Poesie mit klaren politischen Ansagen zu einem ungewöhnlichen und hochaktuellen Roman. Wir alle spüren es: Der Raum für die, die anders denken, anders aussehen und anders lieben, wird wieder enger, die Bedrohung größer. Noch gibt es das "Himmelwärts", die glitzernde Bühne der Dragqueens, der Zufluchtsort der Außenseiter und Nachtgestalten. Die gut versteckte Bar ist der einzige Ort, an dem sogar Sylvia sich sicher fühlt. Denn seit Sylvia, das Füchslein, auf der Flucht eine Menschenhaut von der Wäscheleine gerissen hat, lebt sie als Frau unter den Menschen, zusammen mit Jonathan, dem Träumer, dem Weltenretter. Doch als Jonathan ein gefiederter Tumor aus dem Rücken wächst und seine Verwandlung beginnt, wird klar: Nicht alles, was Flügel hat, fliegt, doch für die Utopie des "Himmelwärts" lohnt es sich allemal zu kämpfen.

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Elisabeth Klar

Himmelwärts

Roman

Wir danken für die Unterstützung

© 2020 Residenz Verlag GmbH

Salzburg – Wien

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

www.residenzverlag.at

Alle Rechte, insbesondere das des auszugsweisen Abdrucks und das der fotomechanischen Wiedergabe, vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Kathrin Klöckl

Lektorat: Jessica Beer

ISBN eBook: 978 3 7017 4629 3

ISBN Print: 978 3 7017 1679 1

Für den Dachs, der mirtief in der Nacht auf einer Berghüttezugeflüstert hat,dass man das Hühnchen doch rupfen sollte,ausrupfen zumindest

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Danksagung

1

Für das Himmelwärts die weite Bluse, rostrot, die Hose dafür eng. Die schwarzen Armstulpen. Du schaust aus wie ein Strizzi, sagt Adin, du siehst aus wie das Füchslein, das du bist, sagt Ronaldo. Verschlagen, sagt Jonathan, das Verschlagene steht dir gut. Die Nägel immer so lang und scharf, für das Himmelwärts schwarz gefärbt, am Montag muss der Nagellack ab sein. Nicht zu sehr die Blicke auf die Krallen lenken.

Heute sitzen sie an der Bar, Adin, Jonathan und sie, Peter steht dahinter. Ronaldo auf der Bühne mit seiner Glitzerjacke, singt Playback zu einem Lied, das Sylvia nicht kennt. Er wiegt sich, streckt die Arme von sich, hebt den Kopf, den Scheinwerfern entgegen. Zwischen der Bar und Ronaldo die Tanzfläche, jetzt leer, weil die Drag-Show begonnen hat, nachher wird sie sich wieder füllen. An den seitlichen Tischen tratscht und trinkt das Publikum, während Ronaldo auf der Bühne die Hand weit öffnet.

»Bemüht sich nicht mehr genug«, sagt Adin, meint wohl Ronaldos Bartstoppeln, und dass er heute kein Mieder unter dem Abendkleid trägt. Man sieht seinen Bauch recht gut. Peter zapft noch ein Bier, nickt, Sylvia ist sich nicht sicher, ob er derselben Meinung ist oder ob er nur nickt, um zu nicken. Ob er überhaupt zuhört. Peter versinkt oft in eigene Gedanken, schüttelt dann Cocktails, als würde er dabei schlafen, manchmal die falschen. Sie weiß auch nicht, warum Ronaldo sich mehr bemühen soll. Hauptsache, es sind große Frauen überall um sie, mit Highheels sind sie noch größer.

Und Jonathan, mit seinen kleinen, wunderschönen Ohren. Er braucht am Anfang immer ein bisschen Zeit. Sitzt auf seinem Barhocker, beobachtet den Raum. Beobachtet Adin. Will etwas von Adin. Sie sieht das an seiner Hand, die auf halbem Weg zu Adin auf der Bar liegt, wie zu ihm ausgestreckt. Das Lied endet, die Drag-Show endet, Adin grinst, drückt sich dann weg durch die Männer und großen Frauen, die wieder auf die Tanzfläche drängen, oder an die Bar. Vielleicht geht er in die Garderobe, um sich die Flügel anzuschnallen? Er sieht gut aus mit ihnen.

»Tanzen, tanzen!«, ruft Sylvia und springt auf und ab.

Jonathan sieht sie an und lächelt.

»Man könnte meinen, du wärst unter der Woche nicht genug auf den Beinen.«

»Hey du«, sagt Ronaldo, der sich zu ihnen durchgekämpft hat, umarmt Jonathan. Er trägt heute diese Wimpern, die man aufkleben kann. Sylvia liebt die. So lang, so lang. Ronaldo will etwas von Jonathan. Sie sieht das daran, wie er Jonathan umarmt. Hört es an seiner Stimme. Wärmer. »Du solltest mehr essen, Kleiner.«

Ronaldo umarmt sie auch und sie drückt sich an seine Brust. Befühlt seine Hüften. Er wird weicher dort, fülliger, und wenn sie dürfte, würde sie seine Fleischfalten zwischen die Finger nehmen, sie fasst die so gerne an. Aber sie darf nicht, weil er sich dafür schämt.

»Kleiner, wenn du mich nur lassen würdest, dich würde ich auch gern mal schminken.«

Jonathan lacht: »Nicht jeder hat das Zeug zum Drag.«

»Aber kaum jemand wird nicht noch hübscher davon«, wirft Ronaldo zurück.

Sylvia findet, er hat recht. Am liebsten mag sie Antonio, der nie auftritt, aber trotzdem von allen zu den Queens gezählt wird. Er ist glatzig, trägt immer Jeans und T-Shirt und schminkt sich nur die Augen, dafür so richtig. Ein Streifen Farbe geht quer über sein Gesicht, wie Fellzeichnung oder Federkleid, bunt glitzernd und gefährlich.

Sylvia will mit Antonio raufen, es muss gar nicht mehr sein als das. Aber raufen. Sylvia will Jonathan ein Ohr abbeißen. Oder mehr.

Schon als sie ihn das erste Mal getroffen hat. Wie Beute hat er gerochen. Sie ist ihm gefolgt, ist um ihn herumgeschlichen, auf der Straße vor dem Himmelwärts, während er mit Ronaldo geraucht und über die Arbeit gesprochen hat. Jonathan hat sich zu ihr umgedreht.

Hat sie angesehen, schief. Unsicher, was sie von ihm will. Hat ihr dann eine Zigarette angeboten.

»Eine Zigarette? Was soll ich dafür tun?«

Ein Tabakgeschenk. Du willst mir einen Handel anbieten, dachte Sylvia damals.

»Wie meinst du, was sollst du dafür tun? Gar nichts sollst du dafür tun. Warum tappst du so um mich rum?«

»Dann behalte sie.«

Auch wenn Jonathan die alten Regeln offensichtlich nicht kannte – eine vage Verpflichtung einzugehen war nie gut.

»Und weil du so schön tanzen kannst.«

»Wann hast du mich überhaupt tanzen gesehen?«

Hatte sie auch gar nicht, aber er scheuchte sie nachher nicht mehr fort, und Ronaldo war von Anfang an gut auf sie zu sprechen. Er nannte sie seinen kleinen Mephistopheles, bis sie einmal in der Garderobe eines von Adins Kostümen anprobiert hat.

Als sie das enge, blau glitzernde Top über den Kopf zog, haben sich die Armstulpen eingerollt und sind hochgerutscht. Da hat er dann recht schnell verstanden, was sie in Wahrheit ist.

»Mach dir keine Sorgen«, hat Ronaldo gesagt, »hier fällst du so und so nicht auf«, ihr dann aber am Smartphone gezeigt, welche Armstulpen sie kaufen könnte, die enger sind, die offene Stelle besser verstecken. Was sie machen kann, damit die besser haften.

»Bei sowas kannst du mich immer fragen«, hat er gemeint. »Beim Drag habe ich oft das Problem, dass irgendwas verrutscht.«

Jetzt klopft Jonathan mit dem Fuß auf den Boden. Er braucht am Anfang immer ein bisschen Zeit. Genau die Dauer eines Cocktails, dann geht es.

So viele bunte Vögel hier, und sie mitten im Hühnerstall. Peter bemerkt ihren Blick und schiebt ihr Erdnüsse hin.

Sie sagt: »Gib mir gleich einen Schinken-Käse-Toast.«

Damit sie keinem ein Ohr abbeißt, kann ja passieren.

Später springt sie mit Jonathan. Ein bisschen spielen. Sich bewegen. An Tagen wie heute wird sie unruhig, wenn sie zu lange sitzen muss. Jonathan blickt dorthin, wo Adin tanzt, mit seinen blauen Flügeln, die Schlaufen, mit denen Adin sie auf den Schultern trägt, glänzen vor Strasssteinen.

2

Jonathan geht nicht ans Telefon, er öffnet auch nicht, als sie klingelt, aber sie will spazieren gehen, es juckt sie, es treibt sie, laufen, laufen, dieser Enge entkommen, einfach nur laufen, aber er macht nicht auf. Also schließt sie auf, mit dem Ersatzschlüssel der WG, den sie ihm einmal gestohlen hat, vermutlich weiß er es, er hat nie etwas dazu gesagt. Er sagt selten etwas, wenn sie ihm etwas stiehlt, manchmal holt er es sich dann zurück. Den Ersatzschlüssel der WG hat er ihr gelassen. Vielleicht, weil er nicht einmal ihm gehört, sondern allen, oder keinem. Sie läuft das Stiegenhaus rauf, schließt auch die Wohnung auf. Die anderen sind noch nicht da oder nicht mehr.

»Jonathan, ich will gehen!«

Er liegt auf dem Sofa im Wohnzimmer und schläft, noch vollständig angezogen, auf dem Bauch und einen Arm unter dem Kopf, der andere liegt schlaff neben ihm.

»Jonathan!«

Sie legt sich auf ihn, er zuckt kurz zusammen, entspannt sich dann. »Mhm«, sagt er.

Sein Rücken so warm. Dieser neue Geruch. Sie beugt sich zu ihm herab, legt ihr Kinn in seinen Nacken, zieht die Luft durch die Nase ein. Ja, sie ist sich sicher – in letzter Zeit riecht Jonathan anders, und zwar immer mal wieder ein wenig nach Huhn.

Als wäre sie nicht so schon hungrig genug nach ihm.

Und als sie ihn streichelt, ist der Rücken heiß dort bei den Schulterblättern, uneben. Sie fährt darüber, es ist, als würde etwas brodeln unter der Haut, sich bewegen, und er zuckt, als sie drückt.

»Komm schon, wach auf!«

Sie zieht sein T-Shirt hinunter, leckt über seinen Hals, er zuckt wieder, versucht, seinen Arm zu befreien, dreht sich dann auf den Rücken. Sie verlagert ihr Gewicht, stützt sich auf dem Sofa ab, um nicht herunterzurutschen, während er sich unter ihr dreht, lässt sich dann wieder auf ihn fallen. »Uff«, macht er. »Was machst du hier?«

Seine Augen sind klein und verschwollen, er sieht sie kaum an.

»Dich abholen – wir gehen spazieren.«

»Du gehst spazieren. Ich bin müde.«

»Unsinn«, sagt sie. »Es ist noch nicht einmal dunkel. Menschen sind tagaktiv.«

Mit einer Hand stützt sie sich auf seiner Schulter ab, mit der anderen kratzt sie über seine Arme. Sie merkt sich gut, welche Berührungen er mag, welche erlaubt sind. Um dann dazwischen wieder etwas Unerlaubtes zu machen – sich hinunterbeugen, seine Nase zwischen ihre Zähne nehmen.

»Lass das«, sagt er nasal.

Sie lässt es nicht. Er versucht, sie wegzuschieben, dabei richtet er sich auf, sie weicht zurück. Er sitzt dann. Der Kopf noch schwer.

»Bleib so.«

Sie holt seine Schuhe, kniet sich vor ihn hin, nimmt seine Füße, stopft sie in die Schuhe, schnürt die zu, steht wieder auf, nimmt seine Hand. Er lässt sich dann doch ziehen.

Sie zieht ihn zur Tür und aus der Tür hinaus, zieht ihn die Treppen hinunter. Unten blinzelt er in die Abendsonne und geht ohne Ziehen neben ihr, wenn auch langsamer als sonst.

»Wieso bist du so müde?«, fragt sie.

Er zuckt mit den Schultern.

»Die Arbeit. Warum willst du so dringend spazieren gehen?«

Sylvia denkt an das, was die Kollegen sagen, an die Gerüchte. Was die Kürzungen, die jetzt kommen, für sie bedeuten könnten. Sie mag ihren Job. Passanten beobachten, leichte Beute finden, abfangen, überreden. Irgendein Trick geht immer. Oder von Tür zu Tür. Manche Menschen sind verwundbar, wenn du sie in ihrem Bau antriffst, noch im Bademantel oder die Hose nicht ganz zugeknöpft. Sie hängen ihre Stacheln an der Garderobe auf, und es ist ihnen unangenehm, sie sich direkt vor dir wieder anzulegen. Manche wehren sich gerade dann am heftigsten. Am besten an jenen Türen läuten, an denen bereits die drei Könige ihr Zeichen mit Kreide gemacht haben, hat Sylvia schnell gelernt.

Den Prater, den vermisst sie manchmal. Das Anlocken mit lauten Rufen, das Abkassieren, das Abreißen der Karten. Ob man sie noch nehmen würde? Sie sollte mal wieder fragen. Sie ist bei den Kollegen beliebt gewesen, gerade wenn sie die Zähne gezeigt hat beim Grinsen. Bei den Geisterbahnen haben sie sie gern eingesetzt. Die hätten vermutlich sogar gemocht, was sich unter ihren Armstulpen versteckt, so wie Jonathan und Ronaldo es mögen.

Sie zuckt mit den Schultern.

»Die Arbeit«, sagt sie.

Laufen, laufen. Es treibt sie an solchen Tagen.

Sie gehen die Berggasse hinunter, über die Kreuzung in die Allee, dann an der Fakultät für Mathematik vorbei. Beim Donaukanal die Steintreppe hinab. Dort wohnen sie alle, die Mäuse, Eichhörnchen, Biber, Marder. Dem Jagdtrieb nicht folgen.

»Es wird einfach immer anstrengender im Heim«, sagt er. »Jedes Mal, wenn mein Dienst zu Ende ist, will ich nur noch schlafen. Jetzt haben sie wieder welche weggeholt, in das größere Zentrum. Wir, also ich mein, die anderen, kämpfen grad noch für ein paar von ihnen, du weißt schon, für die, die große medizinische Probleme haben, aber selbst bei denen … den einen Typ mit der Psychose haben sie, glaub ich, schon abgeschoben … Ich weiß nicht, wo der gelandet ist. Ich hab keine Ahnung. Ist halt auch nicht mein Bereich. Arbeite ich überhaupt noch im Heim, so richtig? Ich tu doch im Grunde seit Monaten nichts anderes, als Kleidungsspenden abholen und aussortieren. Nein, stimmt auch nicht ganz. So kommt es mir halt manchmal vor.«

Er reibt sich die Augen.

»Wahrscheinlich sperren sie das Haus eh bald zu. Dann bring ich die Kleidungsspenden halt woanders hin. Wie auch immer.«

Sie gehen weiter, über den Beton, die Dämmerung im Rücken. Horchen. Riechen kann sie den Donaukanal in dieser Haut kaum mehr. Aber das hier ist ohnehin kein Revier, das abzugehen Sicherheit bietet. Nur eine alte Gewohnheit. Jonathan wird stiller, bei der Urania steigen sie die Steintreppe wieder hinauf, folgen dem Ring und den verwinkelten Gassen Richtung Karlsplatz.

»Das ist nicht der Heimweg.«

»Wir können doch gleich ins Himmelwärts weiter.«

»Ist doch viel zu früh.«

Aber man kann um das Himmelwärts kreisen, bis es dunkel ist. Und so kreisen sie, durch die Gassen rund um die Wienzeile, bis die Türen öffnen und sie hinein können.

Leer wirkt das Himmelwärts groß und nackt.

Aber Peter ist schon da, räumt hinter der Bar herum, öffnet die Registrierkasse und zählt das Geld, seine Lippen bewegen sich dabei. Er erinnert sich erst spät, sie zu fragen, ob sie schon etwas trinken wollen.

»Heute gar keine rote Bluse, Sylvia?«, meint er, weil er sie erst jetzt richtig ansieht, sie zuckt mit den Schultern. Ist ja keine Regel. Ist nur eine alte, vertraute Hülle, in die sie hier gern schlüpft, die sie sich sonst selten traut, zu verwenden.

Die Teilnehmer der Drag-Show kommen als Nächste, steigen noch in Straßenkleidung auf die Bühne, prüfen den Sound, die Scheinwerfer, diskutieren. Ronaldo ist auch bald unter ihnen, winkt Jonathan und Sylvia nur kurz zu und schaut dann wie die anderen zu dem einen Scheinwerfer hinauf, der einfach nicht anspringen will. Seine Haare sind kurz ohne die Perücke, er hat die Hände in den Hosentaschen.

»Test 1, 2, 3, Test 1, 2, 3«, sie sind mit dem Sound nicht zufrieden, »es hallt zu sehr«, ruft Peter von der Bar aus hinüber.

Als die Queens in der Garderobe verschwinden, um sich umzuziehen, folgt Sylvia ihnen – wenn die Garderobe voll ist und geschäftig, ist es ihr dort fast am liebsten.

Später: tanzen, tanzen. Jonathan dreht sich mittendrin einfach um und geht weg, zurück zur Bar, die Schultern fallen nach vorne. Schwer. Sieht aus, als würde er gerne weinen. Aber da hat Antonio sie schon gepackt, sie wird von ihm und Adin auf die Schultern gehoben. Sylvia ist so leicht, man trägt sie hier gerne.

Sylvia hält ihn zuerst für eine Frau, wegen seines Gesichts und seiner schmalen Hände, Ronaldo stellt Feo dann aber als einen Freund vor, und Verwechslungen gibt es hier sowieso immer wieder. Er sitzt auf einem der Barhocker, nach hinten gelehnt, die Arme auf der Bar, Jonathan hat vorher schon mit ihm gesprochen. Baggy-Pants und ärmelloses Shirt, also keine von den Queens? Vielleicht nur gerade in Zivil. Sylvia hat die beiden beobachtet, Jonathans vorgebeugte Haltung und wie er Feos Gesten mit dem Blick verfolgt.

»Und das ist Sylvia«, sagt Ronaldo jetzt, »die es geschafft hat, sich den unmoralischsten Job bei einer NGO zu schnappen, den es gibt.«

Feo legt den Kopf schief, das Haar hängt ihm dabei ein bisschen ins Gesicht, streift seinen Mund. Seine Augen sind nur halb offen, aber gleichzeitig schaut er sie fast ein bisschen zu genau an, findet sie.

»Wieso, bist du Spendensammlerin?«

»Äh … ja«, sagt Sylvia.

»Wirklich?«, fragt Feo. »Ich hab das mehr als Scherz gemeint.«

»Wirklich«, sagt Sylvia.

Er nickt: »Dann Entschuldigung. Du wirst während der Arbeit bestimmt schon oft genug beleidigt.«

Zu Ronaldo sagt er: »Ist ja nicht so, als würde sie Schutzgeld kassieren.«

»Mhm, wobei die möglicherweise gar nicht so schlecht darin wäre«, antwortet Ronaldo. »Sollten wir im Hinterkopf behalten – so wie sich die Dinge entwickeln, werden wir ohnehin bald als terroristische Organisation eingestuft.«

»Mhm? Wie?«, fragt Feo.

»Nicht ernsthaft. Uns beunruhigt nur gerade diese Klage, die wir wegen der Sea Guard am Hals haben. Kriegst du das nicht mit, da drüben?«

Feo antwortet nicht sofort, runzelt dann die Stirn.

»Europa ist dort weit weg«, sagt er.

Und dann wechseln sie das Thema, schon wieder geht es um Brasilien, weil Ronaldo dort geboren wurde, Feo dort arbeitet und Feos Mutter von dort kommt, und Jonathan hört zu, nickt, fragt nach, nickt. Immer noch leicht vorgebeugt, als wolle er in Feo hineinfallen. Und Feo spricht, langsam, ruhig, gestikuliert mit den Unterarmen, die Ellenbogen auf der Bar hinter ihm abgestützt. Die anderen sind still, wenn er erzählt, von den Morden an Transpersonen in Belém, von einem Staudamm im Urwald, und davon, welchen Schaden der anrichtet. »Die hätten den niemals bauen dürfen, wenn es mit rechten Dingen zuginge, aber du weißt ja, wie das läuft.«

Sogar Peter richtet sich nach Feo aus, hört zu, wenn er nicht grad ausschenkt oder Gläser in den Geschirrspüler räumt. Berührt Feo dann fast vorsichtig am Arm, fragt ihn, ob er noch etwas trinken will. Feo dreht sich halb zu ihm, lacht Peter an, breit, offen, all seine Zähne zeigend, bestellt ein Bier, und Peter lächelt, richtet sich wieder auf. Als hätte er auf dieses Lachen gewartet. Als würde es ihm etwas bedeuten.

Jonathan bleibt bei Feo stehen, bis Sylvia wieder auf die Tanzfläche geht, bis sie Antonio findet, weil man mit Antonio gut tanzen kann. Am nächsten Morgen sieht sie sich auf der Weltkarte an, wo Brasilien liegt. Sie versteht nicht, was Jonathan dort will.

Ein paar Monate später ist Jonathan weggefahren. Zuerst hatte es nur ein Praktikum bei GlobalCare in Rio sein sollen, aber dann schreibt er, dass er bleibt.

3

Tanzen, tanzen. Es ist in Ordnung, es ist Freitag, ein Himmelwärts-Tag. Sie ist unruhig, weil alles zu ihr sagt, flüchten, flüchten. Also tanzen, springen, hin und her laufen. Keine Drag-Show heute, da kann sie sich umso mehr bewegen. Antonio mit der Fellzeichnung finden, Antonio mit diesem Streifen greller Farbe, die quer über sein Gesicht geht. Ein bisschen mit ihm rangeln. Antonio ist stark, gibt aber nach, wenn sie es braucht, drückt dann wieder. Umarmt sie so fest, bis sie nach Luft japst, lässt sie gleich wieder los. Kichert. Riecht scharf und frisch, alles an ihm rau, der Streifen Farbe quer über seinen Augen heute rot, orange, glitzernd. Sie mag ihn.

Sie weiß nicht, warum dieser eine Kerl heute Nachmittag sich ausgerechnet sie ausgesucht hat. Warum nicht ihre Kolleginnen, warum nicht einen anderen Passanten. Es ist ihm auch gar nicht um sie gegangen, das hat sie schon verstanden. Er hat herumgeschrien, etwas mit seiner Invalidenpension hatte es zu tun und mit Sozialschmarotzern und mit Heuchelei. Er hat sie sich nur ausgesucht als Zuhörerin. Aber zurückschlagen oder beißen, das hätte sie gerne gewollt.

Schlagen ging nicht, beißen schon gar nicht. War nicht drin, außerdem war der Kerl schwerer als sie, größer. Hätte nicht nachgegeben. Stattdessen ist sie von ihm weggegangen, aber er ist ihr gefolgt. Die anderen? Die schauen zu. Am Anfang hat man ihr erzählen wollen, Menschen seien Herdentiere, würden sich in der Gruppe gegenseitig beschützen, aber sie hat schnell gelernt, so einfach ist das nicht. Zumindest nicht auf der Mariahilferstraße, wenn ein Kerl ihr folgt und sie wegen seiner Invalidenpension anschreit, und die anderen Spendensammlerinnen etwas sagen könnten.

Man muss sich sicher sein, zu gewinnen, wenn man jemanden beschützt. Es muss sich auszahlen.

Nicht, dass sie das nicht verstünde. Nur dass man ihr etwas anderes einreden wollte, findet sie im Nachhinein seltsam.

Im Prater ist es wie immer. Sie ist auch gleich wieder genommen worden, als sie gefragt hat, ein paar Wochen, nachdem Jonathan abgereist ist, und seitdem hat sie eben zwei Jobs statt einem. Branko hat sie umarmt und hochgehoben: »Dass du wieder da bist, Sylvia, das feiern wir mit einem Schnaps!« Sie hat gekichert und Brankos Schnapsgläschen gestohlen.

Tagsüber hat sie dort meistens ihre Ruhe, erst nach Einbruch der Dunkelheit wird es schwierig, ganz wie früher, vor allem, wenn zwischen ihr und den Besoffenen nicht die Kassa steht. Letztens hat sie einer gegen die Wand der Geisterbahn gedrückt.

Sie war immer auch Beute, nie nur Jägerin. Sie ist es gewohnt. Sie hat gedacht, das würde sich ändern, als Mensch.

Aber dass der sich ausgerechnet sie ausgesucht hat, heute auf der Mariahilferstraße.

Eigentlich ist sie zu GlobalCare gegangen, um etwas geschützter zu sein. Unsichtbarer. Das haben ihr alle gesagt, dass man beim Spendensammeln fast verschwindet als Person, weil einem ohnehin niemand in die Augen sehen will, weil sich alle wegdrehen von dir, von dem, was du willst. Wieso hat der sich nicht auch einfach weggedreht?

Egal. Tanzen, tanzen. Wenn es sie wieder packt und sie weglaufen will, dann ins Himmelwärts. Dort wird sie auf Schultern gehoben, von großen, starken Frauen, von Antonio. Dort drückt sie niemand gegen Wände. Dort fragt sie niemand, was mit ihren scharfen, krallenhaften Nägeln ist.

Als sie auf Adins Schultern reitet, sieht sie Jonathan in der Ecke sitzen, bei den Tischen. Nach vorne gebeugt und die Ellbogen auf den Knien abgestützt. Es ist so lange her, dass sie ihn das letzte Mal gesehen hat, ein ganzes Jahr. Er hat ihr nicht gesagt, dass er wiederkommt. Sie zieht Adin an den Flügelhalterungen: »Lass mich runter!«

»Du bist zurück?«, fragt sie, als sie sich neben Jonathan setzt.

Jonathan nickt.

»War’s nicht gut?«, fragt Sylvia.

Er sieht sie an. »Was meinst du damit?«

»Ich weiß nicht«, sagt Sylvia, weil sie es wirklich nicht weiß. Sie hat nie verstanden, was er in Rio wollte. Sie versteht, warum man wandert, wenn man muss. Das hat sie immer wieder getan, zuletzt hat sie die Menschenhaut gestohlen und sich übergestreift, weil es notwendig war.

Aber darum ging es bei ihm doch nicht.