Die Pension - Piotr Paziński - ebook

Die Pension ebook

Piotr Paziński

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Opis

Ein junger Mann besucht den Ort, an dem er als Kind mit seiner Großmutter und anderen jüdischen Familien seine Sommerferien verbracht hat. Der Ausflug gerät zu einer Reise in die Vergangenheit. "Die Pension" ist ein unaufdringliches Plädoyer für das Bewahren der Erinnerung an die Lebenswelt der polnischen Juden. Paziński verdeutlicht aber auch die Zwiespältigkeit der zweiten Nachkriegsgeneration gegenüber dieser Aufgabe. Ein kleiner Roman von stilistischer Finesse und kompositorischer Vielfalt.

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Piotr PazińskiDie Pension

Piotr Paziński

DIE PENSION

Aus dem Polnischenvon Benjamin Voelkel

edition.fotoTAPETABerlin

IM ANFANG WAREN DIE GLEISE. Im Grün, zwischen Himmel und Erde. Wie auf eine Schnur gefädelte Perlen lagen die Bahnhöfe so dicht beieinander, dass der Zug, bevor er richtig Fahrt aufgenommen hatte, schon wieder vor der nächsten Station abbremsen musste. Bahnsteige aus Beton, schmal und brüchig, mit kleinen Leitern und steilen Treppen, wuchsen direkt aus dem Sand empor, als wären sie auf Dünen errichtet worden. Die Wartehäuschen auf den Bahnsteigen hatten etwas von altmodischen Kiosken: ein in die Länge gezogenes, gewölbtes Dach und an den Enden durchbrochene Buchstaben, die in der Luft zu schweben schienen.

Ich habe sie immer gern betrachtet, von den ersten Vororten an, wo sich die dichte Bebauung rasch verliert, die Welt sich ausdehnt und ungeahnte Ausmaße annimmt.

Zum Glück lagen die Gleise noch so da wie beim letzten Mal. Sie verliefen schnurgerade, mit entschiedener Bewegung, um sich am Horizont zu verlieren, der von hier aus hinter dem Grün kaum zu erkennen war. Oder umgekehrt: um in einem unsichtbaren, in den Himmel gegrabenen Tunnel zu verschwinden und auf der anderen Seite weiter voranzupreschen, in einer ganz anderen und unbekannten Welt.

Entlang der Gleise verlief ein Sandweg, der sich zwischen Büscheln von Heidekraut dahin schlängelte, dann eine einfache Vorortstraße. Vor dem Fenster zog die Welt der Autowerkstätten, Schnellrestaurants und bunten Blechschilder vorüber. Miserabel verputzte quaderförmige Ziegelbauten und an der Straße gelegene Festungen hatten sich gegen die Holzarchitektur durchgesetzt. Sie hatten es sich bequem gemacht, hatten sich breit gemacht, groß und siegessicher, unberührt von der Last des Alten. Ein paar Bruchbuden gab es hier noch. Sie kauerten direkt an den Gleisen, schuldbewusst, weil sie noch am Leben waren, sie klammerten sich am Gras fest, aber das konnte sie nicht vor ihrer unabwendbaren Vernichtung bewahren. Hier und da ragte ein Taubenschlag empor. Die grauen Vögel drängten sich auf den steilen Dächlein, schlugen mit den Flügeln gegeneinander und jagten sich fort, obwohl es ringsum jede Menge Platz gab, den sie ebenso gut mit ihren Exkrementen beklecksen konnten. Erschrocken vom Rumpeln der Waggons flogen sie auf, um nach ein paar nervösen Runden über den vielen Oberleitungen zu ihrer Beschäftigung zurückzukehren, wenn der Zug in der Ferne verschwand.

Im Gewirr der Weichen wurde der Zug noch langsamer, passierte eine von Gestrüpp überwucherte Verladerampe und rollte dann würdevoll bis zur Endstation. Es musste gegen Mittag sein, vielleicht ein wenig später, so viel ließ sich aus dem Fahrplan schließen. Die Zeiger der Bahnhofsuhr standen still, und ich hatte nicht die Absicht zu warten, bis sie sich wieder zu drehen beginnen würden, um die verlorene Zeit aufzuholen. Die Menschen, beladen mit ihrem Gepäck, eilten an mir vorüber und nervten mich nicht länger mit ihrer Gegenwart.

Weiter ging es zu Fuß, es war nah, vermutlich würde ich den Weg finden. Die Veränderung war hier weniger schmerzlich, es sah danach aus, als hätte der Zersetzungsprozess sein Tempo verlangsamt, als hätte er ein wenig Barmherzigkeit walten lassen. Eigentlich war hier alles wie früher, gegen jede Regel, ein bisschen wie in der Klappsmühle.

Die Sonne stand noch hoch über einzelnen Quellwolken. Ein Netz aus Herbstfarben ließ die Konturen der Häuser verschwimmen und verwandelte sie in malerische Visionen. Und es schien, als schwebten sie in der vom Licht vibrierenden Luft.

Die Bahn verkehrte nur noch auf einem Gleis, das zweite war schon vor hundert Jahren abgebaut worden. Die Weichselland-Linie. So ist sie zu Hause immer genannt worden. Nicht die Otwocker, sondern die Weichselland-Linie. Oder ganz einfach „die Linie“. Ich weiß nicht, warum. Das war schon immer ihr Name. Genau wie die Warschauer „Nalewkistraße“, der „Krasińskiplatz“, „Gęsiastraße 18“ und „Świętojerskastraße 13“, wo bei der Nowiniarskastraße, gleich an der Ecke, unser Haus stand. Das heißt, unser Vorkriegshaus, aber von der Świętojerskastraße wurde im Präsens gesprochen, als hätte sie nie aufgehört zu existieren. Genau wie von unserem Urlaubsort.

Die Häuser hier vor der Stadt sind schnell errichtet worden: eine Balkenkonstruktion, verschalt mit Brettern, dazwischen Kiefernnadeln, damit es warm blieb. Trotzdem hatten sie ein langes Leben, sie waren ein halbes Jahrhundert älter als die ältesten ihrer Bewohner. Sie taten so, als seien sie nicht zu Waisen gemacht worden. Immer haben sie die Fasson bewahrt. Tradition und Modernität bildeten eine eklektische Einheit. Geschnitzte Veranden, verborgen hinter Jasminsträuchern, und Fensterläden mit ausgesägtem Sternchen, umgeben von wildem Wein, der entlang der Fenster gleichmäßig zurück geschnitten wurde, um das Licht herein zu lassen. Galerien, Türmchen, Turmspitzen auf schuppigem Dach, mit Wetterhahn oder ohne. Und wenn nicht mit Hahn, dann mit Fähnchen. Und verglaste Veranden, Liegehallen, damals war das der letzte Schrei. Hohe, trockene Räume mit großen Fenstern, sonnig, für brustkranke Christen und Israeliten. Sommer- und Winterbetrieb, im Erdgeschoss und im ersten Stock, zu günstigen Preisen. Im ersten Stock war es billiger, weil man die Treppe hinaufgehen musste, dafür war es gemütlicher. Alles ganz nach Wunsch, für die Kur- und Sommergäste gab es jeden Komfort, Elektrizität, Wannen, Duschen, heißes und kaltes Wasser. Das Essen war vorzüglich, auf Verlangen diätetisch, in Butter. Ärztliche Versorgung rund um die Uhr, vor jeder Vermietung eine gründliche Desinfektion des Zimmers. Und zwei Morgen Wald. Todschick, vielleicht noch nicht Karlsbad, aber besser als Ciechocinek. Die Straßen waren mit Basalt gepflastert, Gaslaternen und Palmen in hölzernen Blumenkübeln, gute Laune und Eleganz. Und es gab Konditoreien und Eisdielen (mit Preisnachlass für Reisegesellschaften), Kolonialwarenläden (Tee, Kaffee, Kakao verschiedener Firmen, Tabakerzeugnisse), Lesesäle und Spielhallen, Konzerthallen und Bethäuser, Kioske mit Tagespresse und Periodika (die Zeitungen trafen mit den ersten Zügen ein und wurden den Abonnenten zweimal täglich zugestellt), aber es gab auch Briefmarken und Ansichtskarten, eine medizinische Waage, Billard und Radio!

An Sommerabenden drängten sich die Spaziergänger auf der Promenade, das Warschauer Bürgertum flanierte auf und ab, die Lampions flackerten. Paare wirbelten bis zum Umfallen auf den Tanzflächen, und das Orchester lud jeden Abend zum Tango: „Entweder alles … oder nichts …“ Ohne Sorgen, als marschierte die Welt nicht ins Verderben. Die Menschen hatten ihre Affären und zeugten Kinder. Die Inhaber der Pensionen zählten die Einnahmen, und die Gäste reservierten Zimmer für das kommende Jahr. Nur in den Waldkrankenhäusern lagen die Schwindsüchtigen in ihren besten Jahren im Sterben. Der zweirädrige Karren des Beerdigungsinstituts brachte später ihre ausgemergelten, in Totenhemden gewickelten Körper fort – durch die breite Schneise, nach Westen, ins Haus des Lebens.

Hinter den Bäumen war schließlich der Holzbau des Sanatoriums von Górewicz zu erkennen. Mit stumpfen Fenstern blickte er zur Straße, die Arabesken spiegelten sich in den schmutzigen Scheiben und gaben sich ihrer unvergänglichen Schönheit hin. Es war nicht mehr weit. Der Weg machte hier eine scharfe Kurve und ließ den Kurort hinter sich. Neben der Einfahrt empfing mich die bucklige Bude des Pförtners mit ihren morschen Brettern. Aus dem Schornstein stieg fröhlich ein Rauchfaden zum Himmel.

Danach kam die Stille des Waldes. Sie duftete nach Kiefernzapfen.

AUS DEM GRÜN TAUCHTE EIN PAVILLON AUF, drei Geschosse, gemauert, mit einem leicht abschüssigen Blechdach. Eine verblichene Tafel informierte darüber, dass er weiterhin seinem Zweck diente: Erholungsheim.

Ich war lange nicht mehr hier gewesen.

Hinter dem Lattenzaun lag, in sich gekehrt, noch immer der Garten. Es war ein ganz normaler Garten, so schien es, davon gab es viele an „der Linie“. Ein paar Bäume, Büsche, ein paar Betonwege mit Laternen, ein kleines Beet mit Begonien und Silberblatt, Bänke. Immer schon hatte er eine Enklave in der Enklave sein, weder der Natur noch der Geschichte angehören wollen, er hatte im Verborgenen, nach seinen eigenen Regeln gelebt. Scheinbar einer ganzen Epoche zum Trotz, dieser ganzen Zeit, die darum bemüht war, ihn auszulöschen und zusammen mit dem Haus in die Vergangenheit abzuschieben. Es war wohl feuchter hier als im Rest des Waldes, auch wenn die gleichen rostroten, knorrigen Kiefern darin wuchsen wie direkt hinter dem Zaun. Im Sommer hatte man hier auf Liegestühlen, Feldbetten oder direkt auf dem weichen, von piksenden Kiefernzapfen übersäten Gras gesessen. Es war voll und laut gewesen. Das Leben pulsierte damals.

Die Pforte stand zum Glück offen. Es genügte, durch den Garten zu gehen, und schon war man auf der Veranda. Nur wenige Schritte, aber wie weit es mir als Kind vorgekommen war.

Auf diesem Weg habe ich Laufen gelernt. Von der Pforte zur Veranda und von der Veranda zur Pforte. So eine große Reise. Hier habe ich in einem der Müllkörbe den Kadaver einer Taube entdeckt. Sie blickte mich aus offenen Augen an. Ich lief schreiend davon und mied den Pfad viele Tage lang. Lieber lief ich Slalom zwischen den Bäumen. Oder sammelte in einem Plastikeimer Kiefernzapfen. Tante Stefa hatte mir beigebracht, wie man auf der Erde aus den Zapfen und aus Moos ein Porträt legt. Zum Beispiel das Porträt von Onkel Abram. Die roten Kugeln der Vogelbeere eigneten sich hervorragend für die Augen. Abram schaute freundlich, er hatte Ohren aus Blättern und grüne Wangen. Dann regnete es, und am nächsten Tag war nicht mehr viel von ihm übrig. Onkel Leon schnitzte gerne Schiffchen aus der weichen Kiefernrinde. Eine Beschäftigung wie gemacht für einen Mann. Ruck-Zuck. Das Schweizer Taschenmesser blitzte in seinen Händen auf, nur Leon durfte das Schiffchen schnitzen. Der Kleine verletzt sich doch bloß. Er muss einen Beruf erlernen! Wenn du mal groß bist, wirst du Schiffsbauingenieur. Den Mast machen wir aus einem Stock, hier haben wir ihn. Und die Segel. Aus was machen wir die Segel? Vielleicht aus Zeitung, aber Onkel Leon war es immer schade um die Zeitung, weil er noch etwas lesen wollte, also bekamen meine Schiffchen nie ein Segel und endeten schließlich im Beutel mit der Sammlung von Stöcken und Feldsteinen.

Ich lief den Weg entlang und wandte den Kopf von dem Ort ab, wo im Müllkorb die tote Taube gelegen hatte. Die Eingangstür war verschlossen. Die Klingel funktionierte wohl nicht, jedenfalls öffnete niemand. Das ganze Gebäude schien in tiefen Schlaf gefallen zu sein. Die Fenster waren geschlossen, niemand zeigte sich auf der Terrasse, auf den Balkonen gähnende Leere. Das Wetter war wechselhaft, also hing nicht einmal etwas auf der Leine, die Liegestühle waren zusammengeklappt worden, damit sie nicht nass wurden.

Es blieb mir der Dienstboteneingang. Schon komisch, so durch die Küche zu gehen wie ein Eindringling. Aber sollte ich ewig hier warten?

„Wohin wollen Sie?“ Ich war überrascht. Sie stand da wie aus dem Boden gewachsen, obwohl sie doch den Weg entlang gekommen sein musste. Vielleicht war die Tür zum Speisesaal angelehnt? In ihrem Kostüm aus grauem Tweed war sie kaum zu sehen. Sie glich einer Wachsfigur: krumm und zerbrechlich, nach hinten geneigt, mit vorgeschobenen Hüften. Sie hatte rotes, onduliertes Haar, und ihr Kopf zuckte unruhig wie das Köpfchen eines Eichhörnchens. Sie blickte mich von der Seite her an, zuerst mit einem, dann mit dem anderen Auge. Ihren blassen Teint hatte sie hinter Rouge verborgen. Die schmalen Lippen leuchteten in breitem Karminrot. Immer wieder feuchtete sie sie mit der Zungenspitze an, als wollte sie sich versichern, dass sie weiterhin an ihrem Platz waren.

„Ich?“ murmelte ich, „nach Hause.“

„Nach Hause?“ Sie war sichtlich empört. „Das hier ist eine Pension!“

Sie versuchte sich so hinzustellen, dass sie mit ihrer schmalen Figur die Stufen zur Veranda verdeckte. Ich tat so, als würde ich die Treppe nicht sehen.

„Ich weiß, und ich würde gerne hinein.“

„Warum wollen Sie hinein?“ Sie war argwöhnisch.

„Ich bin von hier“, ich konnte es nicht anders erklären. „Ich habe früher hier gewohnt.“

„Sie haben hier gewohnt? Was heißt, Sie haben hier gewohnt? Wer sind Sie denn? Ich habe Sie noch nie gesehen.“

„Vor langer Zeit“, das klang nicht geschickt, „es ist lange her, dass ich hier war.“

„Was heißt lange? Wie lang?“

„Na früher“, ich kam mir blöd vor. Sie betrachtete mich noch aufmerksamer. Sie glaubte mir nicht.

„Ich verstehe das nicht“, sie schüttelte ihren Eichhörnchenkopf. „Ich erinnere mich an nichts mehr. Wer hat gesagt, dass Sie hier gewohnt haben?“

Ich ließ die Hände sinken. Auch die Alte war unzufrieden.

„Das verstehe ich nicht“, wiederholte sie verwirrt.

„Was machen wir jetzt? Ist geöffnet? Ist der Chef im Büro?“

„Der Chef? Welcher Chef?“

Ich war mir nicht sicher, ob sie sich nicht einen Scherz erlaubte.

„Na, der Chef …“, ratlos breitete ich die Hände aus. „Bestimmt hat er zu tun?“

„Wer?“ Sie hatte immer noch nicht verstanden. „Ach! Der Herr Direktor!“ Langsam schien sie Vernunft anzunehmen. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Der sitzt im Büro. Wollen Sie denn zu ihm?“ Schon wieder schöpfte sie Verdacht.

„Ja“, erklärte ich entschieden.

„Einen Moment, ich sehe nach. Ich sage ihm Bescheid“, sie drehte sich auf der Stelle um und ging davon, als wäre nichts gewesen.

Am Ende des Weges erschien eine zweite Gestalt. Sie stützte sich auf einen Stock und war noch kleiner als die erste. Sie trug einen hellen Mantel und einen weit über die Ohren gezogenen Leinenhut. Darunter ragte nur ihre knorrige Nase hervor, krumm wie eine Wurzel. Ganz wie Tante Tecia. Sie musste ja kommen. Die gute Seele des Gartens. Sie gehörte einfach hierher. Hätte es sie nicht gegeben, hätten sich Haus und Garten verflüchtigt wie Nebel. Schon immer war sie hier gewesen. Sie war die Älteste. Sie war so alt, dass ihr die Zeit nichts anhaben konnte.

Die erste Alte bewegte sich in ihre Richtung. Ich folgte ihr. Wenn die andere wirklich Tecia war, würde ich endlich ins Haus kommen. Tecia würde sich für mich einsetzen, die Sache klären, für mich bürgen, und ich könnte ein Zimmer nehmen. Jeder hier kannte sie.

Die Frauen beachteten mich nicht.

„Mala?“ ließ sich Tecia vernehmen. So erfuhr ich den Vornamen jener ersten. „Wo bist du nur gewesen? Ich habe dich im Wald gesucht, wejßtu?“

„Hier bin ich gewesen, die ganze Zeit bin ich hier gewesen. Kein bisschen habe ich mich fortbewegt“, verteidigte sich Mala. Es war zu sehen, dass sie sich vor Tecia fürchtete.

„Wie willst du hier gewesen sein, wenn ich dich hier nicht gefunden habe?“ Tecia blickte drohend.

Der ondulierte Kopf neigte sich noch weiter nach hinten.

„Und woher willst du das wissen, wenn du im Wald gewesen bist?“

„Na sag ich dir doch. Ich bin in den Wald gegangen, um dich zu suchen.“

„Was soll das, spielen wir Verstecken? Warum hast du mich gesucht, wenn ich doch hier gesessen hab, auf dem Liegestuhl.“

Tecia tat, als wäre sie beleidigt:

„Ich habe mir Sorgen gemacht um dich! Wie ein normaler Mensch. Fortgegangen bist du und hast niemandem nichts gesagt.“

„Aber ich bin doch die ganze Zeit hier gewesen“, Mala hatte nicht die Absicht klein beizugeben.

„Aj, lass du mich doch in Frieden!“ Diesmal war Tecia wirklich beleidigt. „Sieh mal die an, diese Königin!“

Sie lief den Weg entlang. Mala folgte ihr zwei Schritte dahinter, mit Trippelschritten.

„Ich verstehe das nicht, wejßtu? Was möchtest du? Was quälst du mich?“

Tecia wollte nichts hören. Mala blieb auf halbem Weg stehen, als hätte sie keine Kraft mehr, der Freundin nachzueilen. Verzweifelt schüttelte sie den Kopf und wandte sich unversehens ab. Jetzt schien sie sich zu freuen, mich zu sehen. Sollte ich ihr zur Hilfe eilen? Die andere überzeugen, dass Mala hier im Garten gewesen war? Und falls Tecia mir nicht glaubte? Auch Mala hatte mich ja für einen Eindringling gehalten. Oder wenn sie zu dem Schluss käme, dass ich jemand anders sei? Schließlich war ich selbst nicht sicher, ob sie wirklich Tante Tecia war. So oder so, es war riskant, sich in ihren Streit einzumischen.

Diese streitenden Alten. Leon, der Chaim als Zionisten beschimpfte, damals, während sie auf der Terrasse rauchten. Leon tanzte um den Aschenbecher auf dem eisernen Dreifuß herum und gestikulierte wild. Chaim machte es sich in aller Ruhe auf der Bank bequem, während er Leon zuhörte oder auch nicht, und steckte eine Zigarette in seine gläserne Zigarettenspitze. Sie redeten derart durcheinander, dass sie schwer zu verstehen waren. Stimmen aus dem Zuschauerraum: Könnt ihr nicht mal für einen Moment aufhören? – Die streiten pausenlos, als ob es so viel zu streiten gäbe. – Und müsst ihr unbedingt hier rauchen? Die Leute kommen extra wegen der frischen Luft, ihr solltet besser zu Hause bleiben, wenn ihr so rumstänkern wollt. – Und dann noch vor dem Kind! – Wer sagt denn, dass Sie hier sitzen müssen, meine Dame? – Das letzte Vergnügen wollen sie einem nehmen … Irgendwo dort war auch Tecia, inmitten dieses Trubels, mit einem Stapel der neuesten Zeitungen, mit einer Tasche voller Bücher für Abrams Bibliothek. In demselben Mantel und Hut aus hellem Leinen.

Die Stimmen waren verstummt. Sie benötigten mich offenbar nicht. Der ondulierte Kopf hatte gleich das davonlaufende Hütchen eingeholt. Meine Anwesenheit störte sie nicht.

„Hast du das gesehen?“ Mala griff nach Tecias Ellbogen.

„Was hab ich gesehen?“ Sie befreite ihren Ellbogen.

„Ein Junge ist gekommen.“

„Was für ein Junge?“

„Er ist noch jung.“

„Was ist das für ein Junge?“

„Na, er ist gekommen.“

„Weiß ich, dass er gekommen ist. Meinst du, ich höre nicht, was du mir sagst?“

„Was jetzt?“

„Wer ist das denn?“

„Er ist von hier, behauptet er.“

„Was heißt von hier? Von uns?“

„Weiß ich nicht, ich sag doch, dass er gekommen ist.“

Gemeinsam kamen sie näher.

„Ich kenne ihn“, Tecia senkte die Stimme.

„Den? Und woher willst du den kennen?“

„Ich erinnere mich an ihn“, sie flüsterte fast. „Kennst du ihn denn nicht?“ Sie blickte mich vorwurfsvoll an, als wäre ich schuld daran, dass Mala mich das erste Mal im Leben sah.

„Nein“, antwortete sie.

Es war an der Zeit, sie zu begrüßen. Tecia könnte gekränkt sein, weil ich das bisher noch nicht getan hatte.

„Vielleicht kann ich …“ Ich hatte mich nun doch entschieden, das Wort zu ergreifen. „Guten Tag, Tante Tecia!“

„Und du kennst ihn nicht?“ Tecia ignorierte die Begrüßung.

Sie tat, als wäre ich überhaupt nicht da.

„Nein“, beharrte Mala.

„Das ist doch der Enkel von Bronka. Erkennst du ihn denn nicht?“

„Von Bronka? Welcher Bronka?“

„Na von Bronka.“

„Von wem? Was ist das für eine?“

„Die, die nicht lebt.“ Tecia versuchte, präzise zu sein.

„Sie lebt nicht?“ Mala war erschrocken. „Wie ist es möglich, dass sie nicht lebt?“

„Wie immer, sie ist gestorben.“

„Sie ist gestorben!“ Mala wollte wohl schreien, aber sie konnte es nicht.

Ich stand zwischen ihnen und wäre gern zu Wort gekommen. Doch daraus wurde nichts. Es war, als bemerkten sie mich immer noch nicht.

„Ist sie wirklich gestorben?“ Sie wollte es nun ganz genau wissen. „Und gestorben ist sie wie? Was ist mit ihr gewesen?“

„Nun ja“, Tecia zuckte mit den Schultern. „Vor mehr als zehn Jahren. Was kann man da machen?“

„Und sie war seine Mutter?“

„Wer hat denn von der Mutter gesprochen?“ brauste Tecia auf. „Ich sage dir doch, es war die Oma.“

„Keine Ahnung, ich kenne sie nicht.“ Mala schüttelte den Kopf, als wollte sie nichts mit mir zu tun haben. „Vielleicht?“ überlegte sie. „Aber nein. Wie ist es möglich, dass sie nicht lebt?“

„Wozu erkläre ich dir das denn!“ Tecia war nun sichtlich ungehalten. Plötzlich wandte sie sich an mich:

„Siehst du das? Sprich du mal mit ihr. Ganz meschugge ist die! Das kann niemand nicht verstehen!“ Sie hakte sich bei mir ein. „Sie kannte deine Oma, wejßtu?“ fuhr sie fort, klammerte sich an meinen Arm und befahl mir umzukehren, als wollte sie nach Hause zurückgehen. „Sie hat sich hervorragend an alles erinnert, aber jetzt, jetzt ist sie doch ein bisschen komisch. Da ist was durcheinander geraten in ihrem Kopf.“

Sie blieb stehen, um mich zu mustern.

„Warum bist du gekommen? Um Gesellschaft zu haben? Es ist fast niemand mehr da, jede Woche nehmen sie jemanden mit. Ich weiß auch nicht, wie lange ich noch durchhalte. Und die Jugend mag es hier nicht, die will nicht herkommen. Was wirst du hier tun? Mit den Alten ist es langweilig. Komm, du bringst mich jetzt nach oben.“

Wir trippelten den Weg entlang. Die Tür war offen.

DAS ZIMMER IN DER ERSTEN ETAGE war recht groß, wenn auch kleiner als es im ersten Moment schien. Kaum vier, fünf Schritte von der Tür zum Fenster, drei, vier vom Schrank zum Hocker mit der Schüssel und dem Toilettenzeug. Ein Zimmer eben, was kann man in solch einem Erholungsheim denn schon erwarten? Ein Zimmer wie das andere, mit Aussicht auf den Garten oder mit Aussicht auf den Hof. Die zum Hof sind besser. Der Blick ist schöner, es ist angenehmer, weil es nicht nach Küche riecht, und nachts hört man nicht, wie der Hund auf dem Grundstück nebenan bellt. Dieses Zimmer hatte jedoch etwas Beunruhigendes. Wenn man es durch das Schlüsselloch betrachtete, verjüngte es sich wie ein Kaleidoskop zum Fenster hin, das eigentlich eine Balkontür war und breit genug, um das Zimmer trotz dichter Gardinen in helles Nachmittagslicht zu tauchen. Es war ein gewöhnlicher, wenn auch etwas schiefer Quader, anscheinend hatte der Maurer mit Senklot und Maurerschnur nicht umzugehen gewusst. Die Seitenwände waren mit hellgelber Leimfarbe gestrichen, die es nicht schaffte, die auf den älteren Schichten wachsenden Flechten zu verdecken. Die Wände neigten sich ein wenig nach innen, als sei es insgeheim ihr Wunsch, einmal auf den hier lebenden Menschen herabzustürzen. Doch eine größere, weil zeitlich näher liegende Gefahr drohte von dem aus Holzstücken zusammengezimmerten Lüster mit seinen zwei schwachen Glühbirnen. Nicht erst seit gestern an der Decke befestigt, schaukelte er bedenklich, von einem Luftzug in Bewegung versetzt, der durch das angelehnte Oberlicht ins Zimmer gelangte. Sollte er doch runterkommen, er nutzte eh niemandem etwas, bei dem Licht verdirbt man sich nur die ohnehin schon schwachen Augen. Man hat Schwierigkeiten zu lesen, kaum ist das Buch aufgeschlagen, überkommt einen der Schlaf. Aber wenn man dann eingeschlafen ist, wacht man sofort wieder auf, weil es stickig ist oder, ganz im Gegenteil, hundekalt. Und so ging es in einem fort.

Auf dem Metallbett lag eine rot-grau karierte Wolldecke, sie war schon etwas mitgenommen vom jahrelangen Zusammenlegen, an einer Ecke zierte sie der violette Aufdruck „Erholungsh…“. Eine zweite, ganz ähnliche, in blaugrau und braun lugte unter einem kleinen Kopfkissen mit weißem Bezug und dem gleichen Aufdruck in Grün hervor. In Ferienheimen sind die Kopfkissen immer ein wenig zu klein, als ob die Bedienung den Gästen die paar Federn oder Wattebäusche nicht gönnen würde. Sicherlich war es Watte, denn Daunen sind teuer. Einst hat man der Braut ein Federbett zur Hochzeit geschenkt. Die ganze Familie legte dafür zusammen. Damit die Jungen es weich hätten, wenn sie dann zusammen lägen. Und heute? Die Ärzte behaupten, dass ein pralles Kopfkissen schlecht für die Wirbelsäule sei und man in der Waagerechten besser schlafe. Aber in der Waagerechten kann der Mensch noch lange genug schlafen. Für immer und ewig wird er so schlafen!

Tecia stand in der Mitte ihres Königreiches. Zierlich, fast unsichtbar, nur wenig größer als der Tisch, auf dem Arzneifläschchen herumstanden und sich Berge von Zeitungen türmten. Die Ränder der Zeitungen waren beschrieben. Wie bei uns zu Hause. Tausende Päckchen, jedes mit einer Schnur zusammengebunden, dazu eine Notiz auf Karopapier: Januar, Februar, März, April …, das letzte Jahr … und ein Packen von vor drei Jahren. Die Besitzerin verlor sich in diesem Durcheinander, sie schrumpfte immer mehr, mit ihrer schwarzen Lupe versuchte sie, die Notizen von damals zu entziffern. Ein Privatarchiv, staubige Haufen vergilbten Papiers, hingestopft, wo immer es nur ging. Wichtige Artikel, ein ganzes Leben lang gesammelt! Porzellanservices. Unberührte Schätze. Zum Benutzen zu schade und zu schade zum Wegwerfen, könnte ja noch zu etwas gut sein, wenn nicht jetzt, dann später einmal. Weiß man denn, was die Zukunft bringt? Wir sind doch nicht Krösus, dass wir so verschwenderisch sein können. Ein Staubsauger, der vor vierzig Jahren seinen Geist aufgegeben hat, mit Messingbeschlägen und Gummirohr. Ein verrosteter Wasserkessel, eine löchrige Matratze, zusammengerollt und auf den Hängeboden geschoben, ein von Motten zerfressener Schafspelz, eingenäht in ein Stück Bettlaken. Und ganz unten Großmutters grüne Uniform von der polnischen Armee und die Feldmütze mit dem Adler, die sie auf dem Foto trägt. Bündelweise Lumpen, sortiert nach Leinen und Baumwolle, Plaste und Elaste. Zum Nähen, die schlechteren zum Kardieren. Winter- und Sommerkleidung in verschiedenen, nie wieder geöffneten Taschen, wozu denn auch? Und Strickwolle für Pullover, eine Brutstätte der Motten, die lautlos von den verschiedenfarbigen Knäueln aufflogen, ein paar nervöse Runden in der Kammer zogen und, vertrieben vom abstoßenden Gestank des Naphtalins und Sumpfporsts, gleich wieder in ihren wollenen Hort zurückkehrten. Gegenstände leben länger als Menschen. Nun sind sie allein zurückgeblieben. Wer bewahrt sie auf, damit sie nicht auf dem Müll landen? Heilige Bücher werden begraben, warum nicht ein Paar getragene Schuhe beerdigen? Angeblich hat Mendel aus Kotzk das getan.

Tecia breitete ratlos die Hände aus und schnappte gierig nach Luft, als ob jeder Atemzug ihr letzter sein könnte.