Der Zeitungsjunge - Hans Dominik - ebook

Der Zeitungsjunge ebook

Hans Dominik

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Opis

Ein eisiger Abendwind fegte durch die Straßen New Yorks und trieb die Menschen zu größerer Eile als gewöhnlich an. Während sonst zu jeder Tages- und Abendstunde vor den mächtigen Spiegelscheiben des Maschinenhauses der größten Zeitung Amerikas, des »New York Herald«, Hunderte von Personen durch die großen Scheiben einen bewundernden Blick auf die ungeheuren Druckpressen warfen, standen heute nur einige Zeitungsjungen in der Säulenhalle vor dem Maschinenhause und warteten auf die Ausgabe der letzten Abendnummer. Man sah es diesen Jungen nicht an, daß sie in ihrer abgetragenen dünnen Kleidung unter dem Einfluß der Kälte litten. Ihre Augen strahlten, ihre Gesichter waren frostgerötet, und sie schienen durch das tägliche von morgens bis abends auf der Straße Verweilen gegen die Unbill der Witterung gefeit zu sein. Abseits von der spielenden Gruppe stand ein schmächtiger, blondlockiger Knabe von etwa 12 Jahren, preßte sein Gesicht dicht an eine der mächtigen Spiegelscheiben und schaute mit weitgeöffneten Augen auf die große Dreifarbenpresse, welche ununterbrochen wie ein märchenhaftes Ungeheuer große, farbige Zeitungsblätter mit mathematischer Genauigkeit aus ihrem Innern herausbeförderte. ...

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Hans Dominik

Der Zeitungsjunge

idb

ISBN 9783962242237

(John Workmann) 

Zuerst erschienen: 1921

1. Kapitel

Ein eisiger Abendwind fegte durch die Straßen New Yorks und trieb die Menschen zu größerer Eile als gewöhnlich an.

Während sonst zu jeder Tages- und Abendstunde vor den mächtigen Spiegelscheiben des Maschinenhauses der größten Zeitung Amerikas, des »New York Herald«, Hunderte von Personen durch die großen Scheiben einen bewundernden Blick auf die ungeheuren Druckpressen warfen, standen heute nur einige Zeitungsjungen in der Säulenhalle vor dem Maschinenhause und warteten auf die Ausgabe der letzten Abendnummer.

Man sah es diesen Jungen nicht an, daß sie in ihrer abgetragenen dünnen Kleidung unter dem Einfluß der Kälte litten. Ihre Augen strahlten, ihre Gesichter waren frostgerötet, und sie schienen durch das tägliche von morgens bis abends auf der Straße Verweilen gegen die Unbill der Witterung gefeit zu sein.

Abseits von der spielenden Gruppe stand ein schmächtiger, blondlockiger Knabe von etwa 12 Jahren, preßte sein Gesicht dicht an eine der mächtigen Spiegelscheiben und schaute mit weitgeöffneten Augen auf die große Dreifarbenpresse, welche ununterbrochen wie ein märchenhaftes Ungeheuer große, farbige Zeitungsblätter mit mathematischer Genauigkeit aus ihrem Innern herausbeförderte.

Im Gehirn des Knaben nahm diese bunte Farbenpresse das größte Interesse ein.

Mit aller Kraft seiner kindlichen Intelligenz versuchte er sich den Vorgang klarzumachen und das Wunderwerk der modernen Technik zu verstehen.

Sein sehnlichster Wunsch war es, auch einmal eine solche Maschine zu bedienen, ja, in seinem kühnen Traume sah er sich sogar als Besitzer solcher Maschinen, und wenn er auf dem Broadway seine Zeitungen verkaufte, hatte er das Gefühl, als stände er im Dienste eines den Menschen unbekannten, ungeheuren mechanischen Riesen. – Ein Gefühl von Stolz und Selbstbewußtsein erfüllte dann den einfachen Zeitungsjungen, das ihn weit über seine Käufer hinaushob.

Die Uhr auf dem Zeitungsgebäude schlug mit hellen, durchdringenden Tönen sieben Schläge. Der Junge wandte den Kopf von den Maschinen und lauschte. – –

Er kannte die Uhr.

Ein Wunderwerk, wie alles in dem Gebäude des Zeitungsriesen. Zwei in Erz gegossene doppelt lebensgroße Arbeitsmänner traten nach jeder vollendeten Stunde über das Haupttor des Zeitungsriesen und schlugen mit großen erzenen Hämmern auf eine metallene Platte so oft, wie es die Zeit ansagte. Der erzene Hammerschlag durchdrang den tollen Lärm der Straße und ließ die Menschen ihre Köpfe zu dem Gebäude des Zeitungsriesen hinwenden.

Kaum war der letzte Klang verhallt, als der Zwölfjährige seinen spielenden Kameraden zurief:

»Kommt, Jungens, es ist Zeit.«

Dann schritt er, von seinen Kameraden gefolgt, zu einem Seitentor, aus dem in fast endloser Reihe kleine hochbepackte Lieferwagen im Eiltempo mit der letzten Abendausgabe in die Stadt fuhren.

An ihnen vorbei drängten sich die Zeitungsjungen und gelangten in einen kleinen Hof vor ein Schalterfenster, hinter dem der weißbärtige Kopf eines Mannes sichtbar war.

Einer der Jungen nach dem anderen trat an das kleine Fenster, sagte kurz eine Nummer, mit welcher er die gewünschte Anzahl von Zeitungsexemplaren bezeichnete, warf das Geld auf das Schalterbrett und erhielt eiligst die geforderten Exemplare hinausgereicht.

Sobald ein Junge seine Zeitungen erhalten, eilte er in derselben Hast wie die Autos davon, und knapp 10 Minuten nach sieben Uhr erfüllten die gellenden Rufe der Zeitungsjungen den Broadway und schreckten die Menschen durch den Ausruf der neuesten Verbrechen oder sonstiger sensationeller Nachrichten aus ihren Gedanken.

Bereits um acht Uhr hatten die meisten Jungen ihre Zeitungen verkauft und begaben sich nach Hause, so sie ein Zuhause besaßen.

Aber nur wenige unter den zehn- bis zwölfjährigen Jungen hatten ein Heim.

Wie nestlose Vögel, wie die Spatzen, krochen sie in irgendeinen versteckten Winkel, der sie etwas gegen Kälte und Regen schützte.

Dort schliefen sie – ein Paket alter Zeitungen unter dem Kopf – mit einer alten Decke, wie sie von den großen Auswandererdampfern im Hafen verschenkt wurden, zugedeckt, oder wer eine solche nicht besaß, in die großen Zeitungsblätter gewickelt.

Wieder andere, die nicht so sparsam, bezahlten in einem der verrufenen 10-Cent-Hotels ein schmutziges, hartes Lager.

Hart und unerbittlich ist der Weg der meisten unter den Zeitungsjungen, und doch – mit Stolz betrachtet der Amerikaner die wetterharten, zielbewußten, flinken Burschen und nennt sie: die Finanzgarde.

Denn aus diesen Reihen, aus dieser harten Schule kamen viele der leitenden großen Männer Amerikas.

*

Es war ein kleines, ärmliches Heim von Stube und Küche in einem Hinterhause der 32. Straße auf der Ostseite in New York, welches der blondlockige zwölfjährige Zeitungsjunge aufsuchte.

In scharfem Trab machte er den Weg nach Hause. Gewandt wie eine Eidechse schlängelte er sich durch den Wagenverkehr, mit lustigem Hoppla vor Pferden und Autos oftmals so scharf vorbeispringend, daß man an ein Wunder glauben konnte, wenn er mit heiler Haut auf dem Bürgersteig ankam.

Aber er war an das sinnverwirrende Treiben und Jagen der Wagen auf dem Broadway gewöhnt.

Mit sicherem Blick prüfte er die ihm zur Verfügung stehende Öffnung zwischen Straßenbahnwagen und Auto – mochten Wagenführer und Chauffeure über seine turnerische Kühnheit schelten – er war bereits davon und hörte nichts.

Als er vor dem schmucklosen, nüchternen Mietsbaus ankam, in dem seine Mutter wohnte, ließ er einen gellenden Pfiff ertönen – einen Kunstpfiff auf zwei Fingern, den er erlernt.

Das war jedesmal ein Freudensignal für die wartende Mutter.

In lebensfroher, knabenkräftiger Laune sprang er, fidel pfeifend, durch den Flur, war mit zwei Sätzen über den Hof und jagte – zwei Stufen mit einmal nehmend – die Treppe hinauf.

Im vierten Stock klingelte er. Nur wenige Sekunden brauchte er zu warten, als sich die Tür öffnete und eine schlanke, blondhaarige Frau mit dunklen Augen ihn umarmte und in die Wohnung zog.

»Bist du endlich da, John«, sagte sie mit mütterlicher Zärtlichkeit und streichelte ihm das kalte Gesicht. »Ich war schon recht in Sorge um dich, es ist heute bitterlich kalt!«

»Das stimmt, Mutter«, antwortete John Workmann. »Dafür haben wir Winter und ich habe mich schon ordentlich gefreut, bei dir zu Hause zu sein. Hier ist es fein warm.«

»Bist ein tapferer Junge. Komm, ich habe bereits Tee, Rührei und Speck, deine Lieblingsgerichte, auf dem Tisch stehen und hoffe, daß du einen guten Appetit mitbringst.«

»Ei ja, Mutter, ich bringe einen Wolfshunger mit. Wenn es so recht kalt ist, kann man für zwei essen. Und da –«

Er griff in die Taschen und holte mehrere Hände voll Cent- und Nickelstücke heraus. – »Ich habe heute ein so gutes Geschäft gemacht, wie seit langem nicht! Weißt du, bei der Kälte geben die Menschen gerne ein Trinkgeld. Viele lassen sich auf ein Fünf-Centstück nichts herausgeben. Ich glaube, ich habe heute so viel zusammen, daß ich dir ein schönes neues Winterjackett kaufen kann.«

»Nein, nein«, wehrte die Mutter, »dir tut ein Winterüberzieher viel nötiger. Mein altes Jackett, das mir noch Vater kaufte, wird diesen Winter noch gut genug sein.«

John Workmann war zu einer Waschschüssel gegangen, welche seine Mutter für ihn hingestellt hatte.

Er hätte niemals mit den von Straßenschmutz verunreinigten Händen sein Essen angerührt.

Als er sich gesäubert, trat er zu dem mitten in der Küche stehenden sauber gedeckten Tisch und sagte mit unmutigem Ton:

»Immer verdirbst du mir meine Freude. Für mich suchst du stets etwas Gutes, aber für dich darf ich das nicht. Da habe ich mich schon seit vierzehn Tagen darauf gefreut, dir ein warmes Jackett kaufen zu können, und nun willst du nicht? Weshalb arbeite ich denn?«

»Aber John!« beruhigte ihn die Mutter. »Du arbeitest, damit wir unsere Wohnung haben, und dein Mütterchen ein warmes Zimmer und Essen und Trinken. Ist das nicht etwa genug?«

Das Gesicht des kleinen John glättete sich bei den liebevollen Worten der Mutter. Er setzte sich und begann zu essen.

Mit leuchtenden Augen blickte ihn seine Mutter an und freute sich, wie tapfer er dem Abendbrot zusprach.

Nachdem er seinen Hunger gestillt und, wie es seine Gewohnheit war, aufstand, um seiner Mutter für das Abendbrot zu danken, sagte sie:

»Warte einmal, John, ich habe noch etwas sehr Schönes für dich!«

Sie öffnete einen Korb und holte ein halbes Dutzend rotwangiger Äpfel heraus.

Kaum aber hatte der kleine Blondlockige die Äpfel erblickt, als sich seine Augenbrauen von neuem zusammenzogen und er sagte:

»Eine Pelzjacke willst du dir nicht kaufen, aber solche unnötige Dinge wie Äpfel stellst du mir auf den Tisch!«

»Aber John, ich meine es doch gut mit dir!«

»Das weiß ich! Aber du meinst es nicht so gut mit mir, wenn du mir Äpfel kaufst.«

Da sah er, daß sich die dunklen Augen seiner Mutter, in welchen stets ein eigener, trauriger Glanz lag, mit Tränen füllten. Im nächsten Moment war aller Unmut aus dem Gesicht des Kleinen verschwunden. Hastig sprang er auf seine Mutter zu, umarmte sie und rief:

»Nicht traurig sein, Mütterchen! Aber sieh mal – ich brauche wirklich keinen Überzieher – ich habe noch nie einen getragen. Das Geld wäre wirklich fortgeworfen.«

»Aber du mußt doch frieren!«

»Unsinn!« lachte John Workmann. »Wir Zeitungsjungen frieren nicht! Sieh mal, Mütterchen, wir haben nicht eine Sekunde Zeit, stille zu stehen. Das geht immer vorwärts im Galopp! Jetzt auf einen Straßenbahnwagen hinauf, dann wieder hinunter, auf einen nächsten, dann durch die Menschen, und das geht so vorwärts, bis man seine letzte Zeitung verkauft hat; ich sage dir, da kann die Kälte noch mal so stark sein, uns ist so warm, als wäre es mitten im Sommer.«

»Willst du wirklich keinen Apfel essen, John?«

Energisch schüttelte er den Kopf, dann aber kam in sein Gesicht ein freudiger Ausdruck. Er nahm einen Apfel und sagte:

»Die Äpfel sollen einen guten Zweck haben. Ich bitte dich, pack sie mir in einen Korb und gib mir eine Flasche Spiritus mit. Ich will noch fort.«

»Wo willst du hin?« fragte die Mutter besorgt.

John Workmann, welcher bereits nach seiner Mütze griff, antwortete:

»Der kleine Charly Beckers ist heute nicht zum Broadway gekommen. Ich hörte von einem Jungen, der in seiner Nachbarschaft wohnt, daß er krank sei. Er klagte schon gestern abend über Kopfschmerzen und hustete stark. Da will ich nun nachsehen, was ihm fehlt. – Pack mir auch Tee und Zucker ein. Du weißt, er hat keine Eltern. Und ich glaube, da ist niemand, der sich um ihn kümmert.«

»Schrecklich«, flüsterte die Mutter. »Was für arme Jungens unter deinen Kameraden sind!«

»Pack nur alle sechs Äpfel ein«, sagte jetzt John Workmann, welcher bemerkte, daß die Mutter drei beiseite legen wollte. »Ich weiß, der kleine Charly ißt Äpfel sehr gern.«

Die Mutter errötete, als sie die fehlenden Äpfel in den Korb hineinlegte. Dann küßte sie ihren Jungen auf die Stirn und sagte:

»Bleibe nicht zu lange, John, du weißt, ich sorge mich um dich!«

»Sei unbesorgt, Mutter!« rief John Workmann. Dann nahm er den Korb, gab seiner Mutter einen Kuß und verließ eiligst die Wohnung.

»Puh!« rief er, als er jetzt auf die kalte Straße trat. »Jetzt spürt man erst die Kälte! – Hallo, dagegen ist Laufschritt gut!«

Lustig pfeifend setzte er sich in Bewegung und durchquerte im Laufschritt die immer dunkler werdenden Straßen, die nach dem Hafen von New York führten.

Es war eins der ärmlichsten und schmutzigsten Viertel von New York, in das er sich begab. Pferdeställe und Garagen, Wagenspeicher, Lagerplätze und vereinzelte hohe Häuser, alles nur notdürftig erleuchtet.

Vor einem Stallgebäude, aus dessen offenem Tor feuchte, warme Luft und das Schnauben und Scharren von Pferden auf die Straße drang, blieb John Workmann stehen.

Vorsichtig tastete er sich auf einem dunklen Seitengang neben dem Stallgebäude zum Hofe und kletterte dann eine an der äußeren Wand befestigte schmale Holzstiege empor.

Eine Art Lattentür stieß er oben am Ende der Treppe auf, und, indem er sich bückte, trat er in einen niedrigen, kammerartigen Verschlag – die Wohnung des kleinen Charly Beckers.

Kein Licht erhellte den Raum, und da auf dem Hofe keine Laterne brannte, so blieb John Workmann in der Öffnung des Verschlages stehen und rief.

Aus dem Dunklen antwortete die dünne, heisere, vom Husten unterbrochene Stimme eines Knaben:

»Ja, John, ich liege hier.«

»Hast du kein Licht?«

»Ja – gleich neben der Tür steht eine Laterne. Ich war zu schwach, mich aufzurichten und sie anzuzünden.«

John Workmann kramte aus seiner Tasche eine Schachtel mit Streichhölzern und zündete die neben der Tür stehende Stallaterne an, welche statt Glas mit Ölpapier beklebt war.

Jetzt konnte er den Raum notdürftig übersehen.

Im hinteren Winkel, gleich unter dem Dach, lag auf einem Haufen von Papier, Stroh und Lumpen der kleine sechsjährige Charly Beckers. Eine alte Pferdedecke und ausrangierte Futtersäcke deckten ihn bis an den Hals zu.

Mit fieberglänzenden Augen schaute der kleine Knirps auf seinen Kameraden, welcher neben dem Lager niederkniete und ihm die Hand auf die glühende Stirn legte.

»Sag mal, Junge, wie fühlst du dich?« fragte John Workmann.

»Ich weiß nicht«, erwiderte mit matter Stimme der kleine Charly Beckers, »ich habe so furchtbaren Durst und nichts zu trinken. Es ist nur gut, daß du gekommen bist. – Ich glaubte schon, ich müßte sterben.«

»Rede doch nicht solchen Unsinn, Charly. Wir Zeitungsjungen haben doch ein Leben wie die Katzen, sagte neulich der Maschinenmeister unserer Zeitung. Du wirst schon wieder durchkommen! Hast du Schmerzen?«

»Ja, hier –.« Der kleine Charly Beckers zeigte auf seine Brust.

»Ich habe dir Äpfel mitgebracht, willst du einen essen?«

Ein müdes Lächeln huschte über das schmale Gesicht Charly Beckers:

»Ich mag nicht, ich habe gar keinen Appetit! Aber bitte, gib mir etwas zu trinken.«

John Workmann nickte und begann für den kranken, kleinen Kameraden auf einem Spirituskocher Wasser heiß zu machen, damit er Tee bereiten konnte.

»Weißt du, John«, begann der Kleine nach einigen Minuten Stillschweigens, »ich möchte ja ganz gerne noch leben, denn ich habe mir doch vorgenommen, als Millionär zu sterben. Weißt du, wie der Harriman, dem alle Eisenbahnen gehören.«

»Ja, ja«, stimmte John Workmann bei, »Millionär muß eine feine Sache sein. Da liegt man, wenn man krank ist, in einem seidenen Bett, hat Ärzte um sich und kann reisen und wohnt in der Fünften Avenue. Aber – du – ich glaube, wenn ein Millionär krank ist, dann nutzen ihm die Millionen auch nichts.

Sieh mal, der Rockefeller darf bloß Milchsuppen essen und der Harriman konnte überhaupt nichts mehr essen. – Da hilft für alles Geld kein Doktor mehr.«

»Du hast recht, aber er hätte sich eben früher heilen lassen sollen und nicht warten, bis es zu spät ist. – Weißt du, der Eisenbahnkönig Harriman war auch ein Zeitungsjunge. Ich habe sein Bild an die Wand genagelt. – Wenn ich sterben sollte, dann sollst du das Bild haben. Es ist fast neu. Ich habe es für fünf Cent gekauft.«

»Rede doch nicht in einem fort vom Sterben, Charly, du bist doch noch jung und kein alter Mann wie der Harriman.«

»Es sterben auch Jungens«, meinte Charly Beckers. »Und ich weiß nicht, seitdem ich hier liege, habe ich eine mächtige Angst vor dem Sterben. – Hör mal zu, wenn ich tief atme, dann pfeift es hier drin geradeso wie draußen der Wind vom River. Da muß was kaputt sein! – Und furchtbare Schmerzen habe ich auch. Ich kann mich gar nicht bewegen.«

John Workmann blickte mit ernsten Augen auf den Kleinen, dann horchte er auf die pfeifende Brust und sagte:

»Du bist wirklich krank, Charly. – Soll ich dich in ein Krankenhaus bringen lassen?«

Mit angstvoll aufgerissenen Augen blickte Charly Beckers ihn an.

»Nein – nein, John. – Bitte, tu das nicht. – Laß mich zu Hause. – Hier ist es viel schöner als in einem Krankenhaus. – Da darf ich meine Sachen doch nicht mitnehmen.«

»Das darfst du allerdings nicht. Aber sag mal, hast du gar keine Verwandten in der Stadt?«

Der Kleine schüttelte den Kopf.

»Niemand, John. – Seit meine Mutter tot ist – vor einem Jahre – habe ich niemand mehr. – Damals wollten sie mich durch die Polizei ins Waisenhaus bringen lassen und– du weißt ja – ich rückte aus und fand diese Wohnung.«

»Hast du denn keinen Vater?«

»Nein, John – meine Mutter sprach nie von meinem Vater.«

»Niemals?«

»Nein – niemals, John.«

Und John Workmann saß wie erschrocken da, starrte in das flackernde Stallicht und wußte nicht, was er sagen sollte.

Ein Frösteln überlief ihn, als ob ein ihm unbekanntes Gespenst, das ihm Furcht einflöße, durch den Raum schliche. –

Er versuchte, sich das Nichtvorhandensein eines Vaters zu erklären. – Seine Mutter erzählte ihm stundenlang aus dem Leben seines Vaters. – Nach langen Sekunden fragte er:

»Du hast kein Bild von deinem Vater?«

»Keins.«

»Ist er schon gestorben?«

»Ich weiß nicht.«

»Du hast nie etwas von ihm gehört?«

»Niemals, John.«

Da packte John Workmann die fieberheiße Hand seines todkranken, kleinen Kameraden und sagte:

»Du – Charly – das ist sehr traurig.«

Charly Beckers wußte nicht, wie John Workmann das meinte.

Währenddem war der heiße Tee abgekühlt, und er reichte Charly Beckers den Blechtopf, in welchem er den Tee aufgebrüht hatte. Eine Tasse war nicht vorhanden.

Dann stützte er ihn im Rücken, und mit hastigen Zügen trank der Fiebernde den Tee.

»Ach, das tut gut«, sagte der Kleine und legte sich wohlig auf sein ärmliches Lager zurück. »Jetzt möchte ich schlafen.«

»Fühlst du dich etwas besser?« fragte John Workmann.

Aber vergebens wartete er auf eine Antwort. Der Kleine hatte die Augen geschlossen und lag ermattet im Schlaf. –

Noch mehrere Sekunden lauschte John Workmann auf den hastig arbeitenden Atem seines Kameraden, dann löschte er die qualmende Laterne, öffnete leise die Lattentür, an deren inneren Seite als notdürftiger Schutz gegen den Wind von Charly Beckers altes Sackleinen genagelt war, und glitt die Leiter zum Hof hinunter.

Im Lauftempo kam er zu Hause an. Auf sein schrilles Klingeln öffnete die Mutter ängstlich die Tür.

Aber ohne sie zu beachten, stürmte John Workmann zu seiner Kommode, riß den obersten Kasten auf und nahm ein Leinwandbeutelchen, das alle seine Ersparnisse enthielt, heraus.

Die Mutter hatte kaum noch Zeit zu rufen:

»Was gibt es, John, wo willst du noch hin?«

Da war er schon wieder aus der Wohnung verschwunden.

Mehrere Straßen durcheilte er, bis er das fand, was er suchte, ein Messingschild, auf dem zu lesen stand: Dr. Harper, Arzt für innere und äußere Krankheiten.

»Was willst du?« fragte ein Negerboy, mit geringschätzigem Blick John Workmanns einfache Kleidung musternd.

»Ich will den Doktor sprechen!«

»Jetzt sind keine Sprechstunden!« erwiderte der Neger.

»Ach was!« rief John Workmann, »danach frage ich dich nicht. Melde deinem Herrn, daß ich ihn sprechen will.«

Der Negerboy, welcher einen Kopf größer war als John Workmann, ärgerte sich über den herrischen Ton und wollte, ohne etwas zu erwidern, die Türe zuschlagen.

Aber John Workmann sah das voraus und stellte seinen Fuß zwischen die Tür, so daß der Negerboy sie nicht schließen konnte.

Als er ihn jetzt mit Gewalt aus der Tür drängen wollte, flammte es in den dunklen Augen John Workmanns auf, seine kleine harte Faust ballte sich zusammen, und bevor der Negerboy sich verteidigen konnte, gab ihm John Workmann einen Hieb vor den Magen.

Da öffnete sich auf der rechten Seite des Flures eine Tür, und Dr. Harper, vom Lärm angelockt, erschien.

»Was gibt es hier?« fragte er mißmutig.

Freimütig trat John Workmann zu ihm und sagte:

»Ich habe Ihrem schwarzen Boy Anstand beigebracht, er scheint sich nicht für Ihr Geschäft zu eignen, Doktor.«

Dr. Harper wußte nicht, was er erwidern sollte. Endlich fragte er:

»Ja, was willst du denn eigentlich von mir?«

John Workmann blickte ihn starr an; dann rief er:

»Sie scheinen wohl nicht zu wissen, daß Sie als Doktor immer und für jeden da sein sollen!«

Bevor sich der Arzt von seinem Erstaunen erholt hatte, war John Workmann wie ein Wiesel verschwunden und lief die Straße hinunter, um einen anderen Doktor zu finden.

»Ist das ein Narr«, sprach er zu sich selbst. »Fragt die Menschen, was sie bei ihm wollen. Er scheint nicht zu wissen, daß er Doktor ist. Ich möchte nicht von dem behandelt werden!«

Jetzt blieb er vor einem Schild stehen, auf dem ein Arzt namens Walter verzeichnet war.

Als er ihm gegenüberstand und ihn bat, mit ihm zu kommen, sagte der Doktor kurz:

»Der Gang kostet fünf Dollar. Hast du das Geld bei dir?«

»Das ist selbstverständlich.«

Er knüpfte den Leinwandbeutel auf und begann dem Doktor in kleiner Münze den Betrag von fünf Dollar auf den Tisch zu zählen. Es war eine stattliche Reihe von Centstücken, bis die fünf Dollar auf dem Tische aufgezählt lagen, und über die Hälfte vom Inhalt des Leinwandbeutelchens war verschwunden.

Behutsam, als fürchte er sich schmutzig zu machen, zählte der Arzt die Münzen durch.

John Workmann ärgerte sich darüber und sagte:

»Ich bin Zeitungsjunge, Doktor, und das Geld ist ehrlich erworben! Sie brauchen sich nicht zu genieren, es zu nehmen!«

Ohne weitere Worte zu verlieren, folgte ihm der Doktor zu der Wohnung des kleinen Charly Beckers.

Es kostete John Workmann alle Überredungskünste, um ihn zu bewegen, die steil emporgehende einfache Leiter zu besteigen.

Fluchend und brummend vollführte endlich der Doktor das turnerische Kunststück und mußte tief gebückt, da er sich sonst den Kopf gestoßen hätte, zu dem Lager des kleinen Charly Beckers hinkriechen.

Charly Beckers phantasierte, als ihn der Arzt untersuchte.

»Ist das dein Bruder?« fragte er, nachdem die Untersuchung beendet war.

»Nein, Doktor. Es ist mein Kamerad. Es ist der jüngste unter uns Zeitungsjungen vom Broadway.«

»So, so –« erwiderte der Doktor. »Dann kann ich dir ja die Wahrheit sagen.

»Mit dem Jungen wird nichts mehr anzufangen sein. Er ist schwindsüchtig und hat eine Lungenentzündung dazubekommen. Es hätte nicht einmal Zweck, ihn noch in ein Krankenhaus bringen zu lassen. Wer weiß, ob er noch bis morgen abend lebt.«

»Armer Charly«, flüsterte John Workmann und Tränen füllten seine Augen. »Nun ist es nichts mit dem Millionärwerden.«

»Nein«, sagte der Doktor und mußte lächeln, »damit ist es für den vorbei.«

Dann verschrieb er einige Tropfen, um die Schmerzen des Kranken zu lindern, und begab sich wieder nach Hause.

Vergebens wartete voll Unruhe und Sorge die Mutter in dieser Nacht auf John, daß er nach Hause käme.

Erst am frühen Morgen, um die Zeit, als sie ihm wie sonst vor seinem Weggang den Kaffee machte, kam er an, setzte sich mit verstörtem blassem Gesicht an den Tisch und sagte:

»Ich war bis jetzt bei Charly Beckers. Der Doktor sagte, bis zum Abend stirbt er. Ich werde heute mittag nicht nach Hause kommen, sondern zu ihm gehen.«

»Hol dir nur keine ansteckende Krankheit!« sagte die Mutter.

»Ich weiß«, nickte Workmann. »Eine ansteckende Krankheit kann ich auch sonst überall bekommen; sorge dich nicht um mich.«

Damit ging er durch die dunklen Straßen zu seinem Arbeitsplatz – zum Broadway. –

2. Kapitel

An dem dunkelgrauen Wintermorgen versammelten sich die Zeitungsjungen vor dem Gebäude des Zeitungsriesen und, wie alle Morgen, standen die meisten von ihnen bei dem Küchenwagen des Zeitungsriesen, welcher jedem Armen New Yorks, der es wünschte, des Morgens an dieser Stelle eine Blechtasse mit heißem Kaffee und ein Stück Brot umsonst verabreichte.

Entsetzliche Reihen des Elends kamen frostbebend aus dem Dunkel zu dem Wagen.

Fadendünn umschlossen schmierige Lumpen die Entgleisten, oftmals durch große Löcher die kältegerötete Haut zeigend.

Mit gierigen Augen spähten sie auf den Moment, wo sie den ersehnten heißen Trank, das ersehnte Stück Brot erhielten.

In ihre müden, ausgehungerten Gesichter trat ein Schimmer von neuer Lebenshoffnung, so sie mit zitternden Händen den Blechnapf voll heißem Kaffee zum Munde führten und in das Brot hineinbissen. –

Kein Laut wurde unter ihnen hörbar.

Schweigsam tauchten sie, wie Schatten einer Welt des Grauens, aus dem halbdunklen, nebelbrütenden Broadway, schweigsam verschwanden sie in demselben Nebelgrau.

Und doch – falls sie sprechen wollten – sie konnten das Grauen verkünden.

Als John Workmann zu dem Platz seiner Kameraden kam, beantwortete er ihren lauten Gutenmorgengruß mit einem stillen Nicken des Kopfes. Dann winkte er ihnen mit der Hand zum Zeichen, daß sie ihm folgen sollten.

Die Jungen waren gewohnt, John Workmann zu folgen.

Er war unter ihnen unzweifelhaft der Intelligenteste, und manch einer der Jungen hatte sich von ihm schon Rat und Auskunft geholt.

Die Jungen folgten ihm unter die Halle, welche von dem strahlenden Licht aus dem Maschinenraum erleuchtet war. Indem sich John Workmann gegen eine der mächtigen Spiegelscheiben lehnte, sagte er mit lauter Stimme, damit sie jedes Wort trotz der polternden und stampfenden Maschine hören konnten:

»Wenn einer von euch Charly Beckers noch einmal sehen will, dann kann er heute mittag nach der Schule mit mir kommen.«

»Charly Beckers wird heute sterben.«

Es war, als ob plötzlich die Winterkälte sich auf diese Schar lebensfrischer und lebensmutiger Jungens mit ihrem eisigen Hauch gelegt hätte.

Das frohe, blitzende Lächeln aus den frischen Gesichtern war verschwunden. Die Augen blickten ernst, und keiner von ihnen vermochte John Workmann etwas zu antworten.

Sie wußten alle, daß Charly Beckers krank war, aber daß er so jung sterben sollte, war für sie etwas Unfaßbares.

»Kommt ihr mit?« fragte John Workmann.

Da nickten alle Jungens mit dem Kopf, als Zeichen, daß keiner von ihnen zurückbleiben würde.

An diesem Morgen mochten sich die New Yorker darüber wundern, daß keiner der Zeitungsjungen mit dem gewöhnlichen gellenden Indianergeheul die Zeitungen ausrief, sondern daß sie mit merkwürdigem Ernst ihr Geschäft ausübten.

John Workmann hatte nur die Morgenausgabe besorgt, dann war er, so schnell ihn seine Füße trugen, zu dem kleinen Beckers geeilt.

Als er in dessen Schlafraum kroch, lag der Kleine mit Fieberwangen und weitgeöffneten Augen auf seinem Lager. Er war so schwach, daß er kaum den Kopf emporheben konnte.

»Ich bin's, Charly«, sagte John Workmann und hockte sich ganz dicht an das Lager des Kranken. – »Erkennst du mich?«

»Ja«, hauchte Charly Beckers, »ich habe schon gewartet. Kurz bevor du kamst, träumte ich von einem goldenen Engel, der durch die Tür hereinkam und mich mit sich nehmen wollte. Und dann bekam ich wieder furchtbare Angst und wachte auf. – – Gut, daß du da bist.«

John Workmann nahm die neben dem Bett stehende Medizinflasche und flößte Charly Beckers einige Tropfen zwischen die Lippen.

»Hast du noch Schmerzen?«

»Nein«, flüsterte Charly Beckers, »mir tut gar nichts weh. Ich glaube, ich werde jetzt wieder gesund.«

John Workmann versuchte zu lächeln.

»Natürlich wirst du wieder gesund, und jetzt probier mal, ob du einen von den Äpfeln essen kannst, die ich dir mitgebracht habe.«

Er gab Charly Beckers in jede Hand einen Apfel, was dieser aber nicht beachtete.

»Ich habe mir schon Sorge gemacht«, flüsterte er, »was aus meinen Sachen werden sollte. – – Weißt du, hier unter meinem Kopfkissen habe ich sieben Dollar liegen, die ich mir erspart habe. – Und dann in der kleinen Kiste dort in der Ecke habe ich allerlei Dinge, die ich gesammelt. – Da ist eine Tabakspfeife, die ich am Broadway fand. – Auch ein Notizbuch und ein Taschenmesser und sonstige Kleinigkeiten. Ich will das später alles einmal, wenn ich reich werde, gebrauchen. Sieh mal, John, dann ist es doch ganz gut, wenn man ein Taschenmesser und ein Notizbuch schon besitzt. Da braucht man es sich nicht erst zu kaufen. Und reiche Leute haben solche Sachen! – Ich denke mir, wenn man das hat, kann man auch Millionär werden. Nicht wahr?«

»Ganz gewiß, Charly. – Du wirst ein Millionär.«

»Weißt du, John«, flüsterte Charly weiter, »am meisten hätte ich mich gefürchtet, wenn man mich wie arme Leute in ein Massengrab geworfen hätte.

»Ich habe es mir immer am schönsten vorgestellt, wie der reiche Harriman in einem eigenen Grabe zu liegen, und ein großer Stein muß auf dem Hügel stehen, daß alle Leute sagen: Hier liegt Charly Beckers, der Millionär.«

John Workmann streichelte ihm die Stirn und sagte:

»Das wirst du alles haben, mein lieber Charly! Sprich nur nicht soviel, der Doktor hat es verboten.«

»War denn ein Doktor hier?«

»Ja, Charly!«

»Ein wirklicher Doktor?«

»Ein wirklicher Doktor!«

»Aber wer hat ihn bezahlt?«

»Ich habe ihn bezahlt.«

»Wieviel hat das gekostet?«

»Fünf Dollar, Charly.«

»Hm –« nachdenklich sah der kleine Knirps auf die Decke aus Sacktüchern. Dann hob er den Kopf ein wenig, blickte John Workmann dankbar an und sagte:

»Du bist ein guter Junge, John, ich schulde dir demnach fünf Dollar. Schade, den Doktor hättest du sparen können, da ich nun wieder gesund werde!«

Dann legte er sich mit dem Kopf zur Wand und schloß vor Erschöpfung die Augen.

John Workmann aber saß still neben dem Lager seines Kameraden, lauschte auf die unregelmäßigen Atemzüge und bekam Herzklopfen, wenn der Atem einmal längere Zeit ausblieb.

So kam der Mittag heran und die Zeit, wo die anderen Jungens vom Broadway noch einmal Charly Beckers sehen wollten.

Wohl an hundert Jungens waren es, die sich auf dem Hofe hinter dem Stalle versammelten und lautlos einer nach dem anderen zu dem engen Verschlag emporkletterten.

Und der kleine Sterbende wachte auf und freute sich, daß alle seine Freunde gekommen waren, ihn zu besuchen.

Jeder der Jungen schüttelte ihm die Hand und hatte ein Trostwort für ihn. –

Und Charly Beckers fühlte sich, als sei er der Präsident, und mit lächelndem Munde flüsterte er:

»Sorgt euch nicht. – Morgen bin ich wieder gesund.« –

Immer matter wurde sein Lächeln, ein müder Schatten legte sich vor seine Augen, er erkannte nichts mehr und mit einem letzten Aufflackern seiner Lebenskraft flüsterte er sterbend:

»Morgen – gesund –«

Dann versank das graue Licht des Wintertages in ewige Nacht vor seinen Augen. –

Charly Beckers war lange tot, als seine Kameraden immer noch nicht wußten, daß er nicht mehr unter ihnen weilte.

Erst als John Workmann merkte, daß die Hand des kleinen Charly, welche er hielt, kälter und kälter wurde und die Augen sich nicht mehr öffneten, beugte er sich über ihn und rief:

»Charly, willst du etwas trinken?« und nachdem er es mehrmals gerufen, ohne Antwort zu bekommen, bemächtigte sich John Workmanns eine unerklärliche Furcht.

Mit zitternden Händen nahm er die Medizinflasche und versuchte, in Charly Beckers festgeschlossenen Mund einige Tropfen zu gießen.

Umsonst.

Charly Beckers kleiner Mund, der so fröhlich plaudern konnte, war für immer verschlossen. –

»Er ist sehr kalt«, flüsterte John Workmann seinen Kameraden zu, »ich werde ihn in den Arm nehmen und ihn wärmen.«

»Es wird nichts nutzen«, sagte Harry Thomson, »als meine kleine Schwester starb – wir schliefen immer in demselben Bett – war sie auch ganz kalt. – Ich glaube, Charly Beckers ist nun im Himmel.«

Da wurde es ganz still unter den Jungen wie in einer Kirche.

Als einer von ihnen mit dem Fuß das Strohlager Charly Beckers berührte, daß es raschelte, fuhren sie erschreckt zusammen und schlichen zu ihren auf dem Hof weilenden Kameraden.

Dort standen sie eng zusammengedrängt, als brüte ein schweres Unheil über ihren Köpfen.

»Jungens!« sagte John Workmann mit tränenfeuchten Augen, »der kleine Charly ist tot. Sein letzter Wunsch war, so begraben zu werden, wie unsere Millionäre.

Ich denke, wenn wir alle mal drei Tage lang hungern und unseren Verdienst zusammenschmeißen, dann wird es dafür ausreichen, daß wir dem kleinen Charly auf einem Kirchhof in Long Island einen festen Platz kaufen und ihn in einem schönen Sarg zu Grabe tragen.

»Seid ihr alle damit einverstanden?«

In die ernsten Mienen der Jungen brachten die Worte John Workmanns wieder Sonnenschein. Jetzt hatten sie eine Pflicht an dem kleinen Charly Beckers, ihrem Kameraden, zu erfüllen!

Fast zufrieden verließen sie den Hof und begaben sich wieder zu ihrem Arbeitsplatz, zum Broadway.

John Workmann aber ging in den Raum des Toten zurück.

Nachdem er nochmals einige bange Minuten vergeblich auf ein Lebenszeichen von ihm gelauscht, begann er die Habseligkeiten – das Erbe des kleinen Charly Beckers – zusammenzupacken.

Mit fast frommer Scheu faßte er die wertlosen und doch für Charly Beckers einstmals so kostbaren Dinge an.

Wie hatte der kleine Knirps an den Sachen gehangen!

John Workmann erinnerte sich, mit welch stolzen Augen ihm Charly Beckers die Tabakspfeife und das Taschenmesser gezeigt. – Vor allem aber das Notizbuch! – Das sollte Charly Beckers' Wegweiser zum Reichtum werden.

Mit Tränen in den Augen schlug John Workmann das kleine Buch auf.

Da stand auf der ersten Seite mit ungelenken Knabenbuchstaben: »Charly Beckers« und darunter mit roter Tinte »Millionär«, auch seine Wohnung war genau angegeben.

Dieser ärmliche Stallverschlag unter dem Dache war in Charly Beckers' Phantasie sein Millionärspalast. –

Dann stand auf den nächsten Seiten genau angegeben, was Charly Beckers verausgabt und wieviel er verdient.

Mit roter Tinte hatte er auf jeder Seite seine Ersparnisse unten aufgeschrieben. – Sieben Dollar waren es auf der letzten Seite – und nun?

John Workmann schaute auf den stillen Schläfer. In seiner Kehle würgte es, am liebsten hätte er laut aufgebrüllt, daß der kleine tapfere Kerl nun tot war.

Dann erinnerte er sich, daß niemand bis jetzt bei dem Toten ein Gebet gesprochen. Es zwang ihn förmlich, das zu tun; und so kniete er bei Charly Beckers nieder und betete mit halberstickter Stimme:

»Lieber Gott – der kleine Charly war ein guter Junge. Du weißt das besser als ich, und auch, daß er keinen Vater besessen. – Nun ist er bei dir, lieber Gott. Amen!«

Dann nahm er die Hände des Kleinen und, als ob er noch hören könne, sagte er:

»Charly, du brauchst dich nicht zu sorgen, du sollst ein schönes Grab haben.«

Leise verließ er den Raum und schloß ihn ab. –

Bereits am Abend hatte er das nötigste Geld zur Hand, und als zwei Tage vergangen waren, fehlten eines Nachmittags auf dem Broadway die gesamten Zeitungsjungen, um Charly Beckers die letzte Ehre zu erweisen. –

Ein prachtvoller Leichenwagen, wie ihn die dunkle Ostseite von New York, in welcher das größte Elend und die bitterste Armut herrscht, nie gesehen, führte den Sarg des kleinen Charly Beckers durch die Straßen zum Broadway.

Eine Kapelle, welche einen feierlichen Trauermarsch spielte, schritt dem Sarg voran. Dicht hinter ihm ging John Workmann, dem in langem Zuge die Zeitungsjungen vom Broadway folgten.

Starr hingen die Augen von John Workmann an den mächtigen weißen Schleifen eines Lorbeerkranzes, die wie ein Banner von dem Sarg fast bis zum Boden hinabreichten und auf denen in großen Goldlettern gedruckt stand:

»Ihrem toten Kameraden Charly Beckers Seine Kameraden vom Broadway!«

Und die New Yorker stauten sich zu beiden Seiten der Straßen, welche der Zug passierte und blickten mit scheuer Bewunderung auf die ärmlich gekleideten Zeitungsjungen, welche ihrem Kameraden ein so glänzendes Begräbnis zuteil werden ließen.

Als der Zug vor dem Gebäude der Zeitung langsam vorüberkam, machte der Zeitungsriese in seinen kostbaren Arbeitsminuten eine Pause. –

Die Arbeiter verließen die Maschinen, die unermüdlichen riesigen Werke standen still.

Dreimal neigte sich die Flagge am Fahnenmast des Zeitungsriesen vor dem Sarge seines Zeitungsjungen, als wäre er ein Fürst.

Von dem Broadway bis zum Fährboot, das den Sarg des kleinen Charly Beckers nach Long Island hinübersetzen mußte, standen die Menschenmassen dicht gedrängt, und zum ersten Male flüsterten sie den Namen eines späteren Gewaltigen unter ihnen von Mund zu Mund:

»John Workmann.«

Wie ein Lauffeuer ging es durch die Menschenmassen, daß John Workmann es war, der das Begräbnis zustande gebracht. Tausende von Augen sahen neugierig auf das blasse Gesicht des blondlockigen zwölfjährigen Knaben, der hinter dem Sarge schritt.

Und die wirklich Sehenden konnten auf dem Antlitz John Workmanns den Adel seiner Intelligenz wie ein prophetisches Leuchten für eine große Zukunft liegen sehen.

Als der Prediger das Gebet über der Grube gesprochen, trat John Workmann an das Grab und warf als letzte Liebestat drei Hände voll Erde auf Charly Beckers' letzte Ruhestätte. –

Dann sagte er:

»Jungens! – Stünde Charly Beckers bei uns, dann könntet ihr sehen, wie sehr er sich über das schöne Begräbnis freute, das wir ihm gegeben haben. – Für Charly Beckers danke ich euch und wünsche, daß ihr einmal ein ebenso schönes Grab bekommt wie unser Charly Beckers.«

Als John Workmann am Abend still und schweigsam seine Wohnung aufsuchte, empfing ihn seine Mutter zum ersten Male mit einer scheuen Ehrfurcht, als sei es nicht ihr Junge, sondern ein Fremder.

Eine Stunde, bevor er gekommen, hatten ihr Nachbarinnen die Abendzeitungen gebracht, und an erster Stelle konnte sie den Namen ihres Jungen lesen mit großen Buchstaben, wie sie die Zeitungen nur bei Königen, Fürsten oder großen Ereignissen gebrauchen. Und darunter die Beschreibung vom Begräbnis des kleinen Charly Beckers nebst Bildern.

Wie eine Heldentat priesen die Zeitungen John Workmanns Werk.

Die Augen voll Tränen umarmte ihn seine Mutter und rief immer wieder:

»John, mein lieber guter John!«

John Workmann aber wehrte seine Mutter sanft ab und sagte:

»Weißt du, Mutter, seit drei Tagen habe ich kaum gegessen und geschlafen. Schaffe mir jetzt Abendbrot und dann will ich mich zu Bett legen.«

Als John Workmann im Bett lag, atmete er erleichtert auf.

Er dachte an den kleinen Charly Beckers, der nun doch nach seinem Tode wie ein Millionär in einem vornehmen Grabe in Long Island lag. – Nicht unter den Sanddünen draußen am Ozean, wo man die Grabstätte statt eines Namens nur mit einem Holzpfahl bezeichnet, auf dem eine Nummer geschrieben stand. Charly Beckers konnte zufrieden sein!

Auf sein Grab kam ein Stein, auf dem ein jeder lesen konnte, daß hier Charly Becker's letzte Ruhestätte war.

Als John Workmann am nächsten Tage erwachte, begab er sich, wie stets zur gewohnten Zeit, zu seinem Arbeitsplatz.

Als er an den Schalter trat, um seine Zeitungen in Empfang zu nehmen, schob ihm der alte Beamte einen Brief zu und sagte:

»Lies den, John. Ich glaube, man kann dir gratulieren!«

Erstaunt nahm John Workmann den Brief, welcher seinen Namen trug und in einem Kuvert steckte, wie es der Zeitungsriese gebrauchte.

Aber erst, nachdem er seine Morgenausgabe in den Hoch- und Untergrundbahnen verkauft, nahm er sich Zeit, den Brief zu öffnen. Mit erstaunten Augen las er:

Werter Herr!

Im Auftrage des Mister Bennett habe ich Ihnen mitzuteilen, daß Sie heute zwischen 2 und 3 Uhr sich in seinem Büro einfinden möchten.

Hochachtungsvoll George Tyler, Sekretär.

Zweimal las John Workmann den Brief. Dann wurde er glühend rot.

Scheu steckte er das Schreiben in seine Brusttasche und benutzte zum erstenmal in seinem Leben die Straßenbahn, um schneller nach Hause zu kommen. Er wollte seinen Anzug wechseln.

Zum ersten Male auch geschah es, daß er als »Herr« angeredet wurde. –

Und derjenige, der ihn als Herr anredete, war einer der Mächtigsten der Welt, einer der ersten Millionäre: der Besitzer der ungeheuren Maschinen, der Arbeitgeber von Tausenden von Menschen, ein König in seinem Reiche.

3. Kapitel

Als John Workmann die breite Marmortreppe im Gebäude des Zeitungsriesen zu dem im ersten Stockwerk befindlichen Empfangsraum emporstieg, erschien es ihm gar nicht so außergewöhnlich, obwohl er noch nie in seinem Leben über mit roten Samtläufern belegte Marmorstufen geschritten war.

Auch der dunkel getäfelte Empfangssaal mit den mächtigen mit grünem Tuche bespannten Tischen, auf denen Zeitungen und Bücher aus aller Herren Länder zur Ansicht lagen, imponierte ihm nicht.

Als sei es etwas Selbstverständliches, nahm er in einem der bequemen, rotledernen Sessel Platz und wartete der Dinge, die nun kommen mußten.

Es dauerte nicht lange, so näherte sich ihm ein Diener, welcher die Besucher nach ihren Wünschen zu fragen hatte.

Von dem Empfangsraum gingen wohl ein Dutzend Türen nach den verschiedenen Richtungen des Zeitungspalastes und brachten die Besucher zu den verschiedenen Redaktionen.

Da war ein ewiges Kommen und Gehen.

Hunderte von Menschen kamen tagtäglich in den Saal, um mit ihren Anliegen die Redaktionen des Zeitungsriesen aufzusuchen.

Es gab kaum eine Nation in der Welt, die nicht täglich hier vertreten war: Inder mit Turban, Türken mit dem Fez, Perser mit Lammfellmützen, Chinesen mit blauseidenen Kaftanen und ebenholzschwarze Neger; Kaukasier, Franzosen, Italiener, Deutsche und Engländer. Ja, selbst die Eskimos der letzten Nordpolexpedition hatten den Raum schon betreten.

Alle Sprachen der Welt durchschwirrten den mächtigen Saal. Kein zweiter Platz der Welt konnte eine derartig interessante Gesellschaft aufweisen wie der Empfangsraum des Zeitungsriesen.

Aber nicht nur Ausländer waren hier zu treffen, sondern auch viele Mitbürger John Workmanns, um sich Rat und Auskunft oder auch Hilfe zu holen.

Und für alle wußte der gigantische Apparat des Zeitungsriesen Rat zu schaffen!

Da kamen arme Leute, welche keine Feuerung besaßen, und erhielten von ihm für den ganzen Winter das Brennmaterial. Da waren im heißen Sommer Leute, welche bei der tropischen Glut, die in New York herrschte, kein Eis hatten, und sie erhielten welches.

Da waren andere, welche um ein Freibett in einem Krankenhaus baten, um einen Rechtsanwalt in schwierigen Fällen, um ein bares Darlehen, um Schutz gegen Feinde, um einen Arbeitsplatz.

Und wie Harun al Raschid, der mächtige Herrscher aus dem Märchen von Tausendundeiner Nacht, erschien allen den Hilfesuchenden der ihnen selbst nicht zu Gesicht kommende Zeitungsriese, und die wenigsten wußten sich selbst ein Bild von ihm zu machen. Unsichtbar und mächtig war er für Tausende von Menschen.

Es gehörte auch zu den größten Seltenheiten, daß ihn irgendein Mensch zu Gesicht bekam. Selbst seine Untergebenen sahen ihn jahrelang nicht.

Nur sein Vertrauter, seine rechte Hand, sein Sekretär, George Tyler, war der Mittelsmann, dessen er sich bediente, um seine kurzen und bündigen Befehle zu erteilen.

Als der Saaldiener zu John Workmann trat, um ihn zu fragen, wen er zu sprechen wünsche, antwortete John Workmann:

»Mister Bennett.«

Der Saaldiener, welcher diese Antwort wohl hundertmal am Tage hörte, antwortete jedesmal dasselbe:

»Mister Bennett ist nicht zu sprechen. – Falls Sie mir sagen, was Sie wünschen, werde ich Sie zu seinem Vertreter senden.«