Atlan 190: Licht des Vergessens - Harvey Patton - ebook

Atlan 190: Licht des Vergessens ebook

Harvey Patton

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Opis

Rückkehr aus dem Mikrokosmos - auf eine Welt im Würgegriff fremder Gewalten Im Großen Imperium der Arkoniden schreibt man eine Zeit, die auf Terra dem 9. Jahrtausend v. Chr. entspricht. Imperator des Reiches ist Orbanaschol III., ein brutaler und listiger Mann, der seinen Bruder Gonozal VII. töten ließ, um selbst die Herrschaft antreten zu können. Gegen den Usurpator kämpft Gonozals Sohn Atlan, Kristallprinz und rechtmäßiger Thronerbe des Reiches, mit einer stetig wachsenden Zahl von Getreuen, die Orbanaschols Helfershelfern schon manche Schlappe beibringen konnten. Doch mit dem Tag, da der Kristallprinz Ischtar begegnet, der schönen Varganin, die man die Goldene Göttin nennt, scheint das Kriegsglück Atlan im Stich gelassen und eine Serie von empfindlichen Rückschlägen begonnen zu haben. Jedenfalls wird Atlan - bislang der Jäger - zum Gejagten, der alle Mühe hat, den Fallen, die man ihm stellt, unbeschadet zu entkommen. Dies gilt ganz besonders für seine Erlebnisse in der Welt des winzig Kleinen, in die der Kristallprinz geriet, als er dem Effekt des maahkschen Molekularverdichters oder "Zwergenmachers" unterlag. Dennoch hat Atlan unter phantastischen Begleitumständen inzwischen auch diese Hürde genommen. Der Arkonide ist in sein angestammtes Raum-Zeitkontinuum zurückgekehrt. Er findet sich auf einem arkonidischen Siedlungsplaneten wieder - auf einer Welt unter dem LICHT DES VERGESSENS ...

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Nr. 190

– ATLAN exklusiv Band 51 –

Licht des Vergessens

Rückkehr aus dem Mikrokosmos – auf eine Welt im Würgegriff fremder Gewalten

von Harvey Patton

Im Großen Imperium der Arkoniden schreibt man eine Zeit, die auf Terra dem 9. Jahrtausend v. Chr. entspricht. Imperator des Reiches ist Orbanaschol III., ein brutaler und listiger Mann, der seinen Bruder Gonozal VII. töten ließ, um selbst die Herrschaft antreten zu können.

Gegen den Usurpator kämpft Gonozals Sohn Atlan, Kristallprinz und rechtmäßiger Thronerbe des Reiches, mit einer stetig wachsenden Zahl von Getreuen, die Orbanaschols Helfershelfern schon manche Schlappe beibringen konnten.

Doch mit dem Tag, da der Kristallprinz Ischtar begegnet, der schönen Varganin, die man die Goldene Göttin nennt, scheint das Kriegsglück Atlan im Stich gelassen und eine Serie von empfindlichen Rückschlägen begonnen zu haben.

Jedenfalls wird Atlan – bislang der Jäger – zum Gejagten, der alle Mühe hat, den Fallen, die man ihm stellt, unbeschadet zu entkommen.

Dies gilt ganz besonders für seine Erlebnisse in der Welt des winzig Kleinen, in die der Kristallprinz geriet, als er dem Effekt des maahkschen Molekularverdichters oder »Zwergenmachers« unterlag.

Die Hauptpersonen des Romans

Atlan – Der Kristallprinz steht vor einem Rätsel.

Letschyboa – Prophet von Cherkaton.

Magantilliken – Der Henker in der Falle.

Seracia – Ein mutiges Mädchen aus Cherkan.

Ischtar und Ra

1.

Obwohl die Sonne den Zenit längst überschritten hatte, war es in dem Cañon drückend heiß. Kein Luftzug drang bis auf den Grund der Schlucht, und die Felsen strahlten die aufgenommene Hitze wieder ab, die nicht genügend Platz zum Entweichen fand. Derischban Oblor blieb stehen und fuhr sich stöhnend über die schweißnasse Stirn.

»Lass uns umkehren, Letschyboa!«, keuchte er mit versagender Stimme. »Ich kann nicht mehr.«

Der Angesprochene blieb ebenfalls stehen und sah sich nach seinem Gefährten um. Um seine Lippen spielte ein halb spöttisches, halb verächtliches Lächeln.

»Diese kleine Schwitzkur wird dir ganz gut tun, Derischban«, erklärte er mitleidlos. »Sicher ist es bequemer, in der Stadt in einem gut temperierten Büro zu sitzen, aber dabei setzt man zu leicht Gewicht an, wie man an dir sieht. Was würde außerdem deine Frau sagen, wenn du ohne das versprochene Colbisfell zurückkehrst? Soll ich einmal raten?«

Der untersetzte Mann duckte sich unwillkürlich und stöhnte erneut auf, diesmal aber nicht wegen der Hitze.

Er war sehr stolz gewesen, als die schöne Scotara sein Werben erhört hatte und seine Frau geworden war, obwohl Oblor fast doppelt so alt wie sie war. Das war erst einige Monate her, doch sein Stolz war inzwischen restlos vergangen. Er hatte erkennen müssen, dass es Scotara nur um den Aufstieg in die Oberschicht von Cherkaton gegangen war, nicht um seine Person, als sie den Ehevertrag unterschrieb.

Derischban hatte sich immer einiges auf seine Menschenkenntnis eingebildet, aber diesmal war er böse hereingefallen. Er stand vollkommen unter dem Pantoffel und musste alle ihre Launen ertragen, um das Verhältnis zu ihr erträglich zu gestalten. Dabei konnte sie auch lieb und zärtlich sein – aber nur, wenn sie wollte, und wenn Oblor zu einer entsprechenden Gegenleistung bereit war ...

Colbisfelle waren selten und kostbar, und Scotara war ganz versessen darauf, eines zu besitzen. Nur deshalb hatte er den bequemen Sessel im Verwaltungsbüro der Kolonie verlassen und war mit Letschyboa auf die Jagd gegangen. Wenn er nun unverrichteter Dinge zurückkam – es war nicht auszudenken.

Derischban wischte sich noch einmal den Schweiß ab und rückte die Waffe auf seiner Schulter zurecht. Dann nickte er ergeben.

»Schon gut, Letschyboa – wir gehen weiter!«

»Na also«, knurrte der andere und setzte sich wieder in Bewegung. Er war schlank und durchtrainiert, ihm schien die mörderische Hitze überhaupt nichts auszumachen. Trotzdem ging er nun langsamer, denn Oblor tat ihm leid.

Der Boden des Cañons war vom Regenwasser ausgewaschen und gut begehbar, aber der Weg führte stetig bergauf. Er bildete den einzigen Zugang zu den Hochtälern, in denen die scheuen Colbis lebten, eine Steinbockrasse mit langem silberglänzendem Fell. Weit bequemer wäre es gewesen, mit einem Gleiter dorthin zu fliegen, aber dann hätten sie kein einziges der Tiere zu Gesicht bekommen, denn sie flohen beim geringsten verdächtigen Geräusch.

Eine weitere Viertelstunde lang stapften die beiden Männer schweigend dahin. Dann machte die Felsspalte eine Biegung, sie kamen in den Schatten, und Derischban atmete erleichtert auf. Als sich sein Gefährte wieder nach ihm umsah, brachte er sogar ein leichtes Grinsen zuwege.

»Scotara wird sich wundern!«, behauptete er im Brustton der Überzeugung. »Sie bekommt ihr Fell, aber anschließend wird sich zwischen uns einiges ändern. Ich werde ihr zeigen ...«

»Nicht so laut!«, zischte Letschyboa, der ihm ohnehin keinen Glauben schenkte, denn er kannte Scotara gut genug. »Bis zum nächsten Tal sind es nur noch wenige hundert Meter, und die Colbis hören verdammt gut. Von jetzt ab wird nicht mehr gesprochen, klar?«

Sie bewegten sich weiter und hatten bald darauf das Ende des Cañons erreicht. Über eine terrassenförmige Felsformation arbeiteten sie sich aus der Schlucht heraus und kamen dann auf ein Plateau, in dessen Spalten einige kümmerliche Büsche wuchsen. Letschyboa blieb stehen und winkte Oblor zu sich heran.

»Von hier sieht es so aus, als ginge das Plateau direkt in den Berg vor uns über«, erklärte er flüsternd. »Doch dieser Eindruck täuscht, denn etwa zweihundert Meter weiter gibt es einen steilen Abfall, und dort liegt unser Tal. Es ist nicht groß, aber mit Gebüsch und saftigem Gras bewachsen, wie es die Colbis lieben. Ich bin sicher, dass wir dort ein Rudel von ihnen finden werden – du hast dein Fell praktisch schon.«

Geschmeidig bewegte er sich weiter und vermied mit dem sicheren Gespür des erfahrenen Jägers jeden losen Stein. Hier war der Felsboden fast eben, und Derischban konnte ihm mühelos folgen. Er schwitzte nun wieder in der prallen Sonne, aber die Aussicht, bald stolzer Besitzer eines kostbaren Fells zu sein, half ihm darüber hinweg. Schließlich hielt Letschyboa wieder an und hob den Arm.

»Zehn Meter weiter beginnt der Absturz«, hauchte er fast unhörbar. »Von hier aus müssen wir kriechen und darauf achten, dass wir unsere Nasen nicht zu weit vorstrecken, denn die Colbis stellen regelrechte Wachtposten auf. Du bleibst dicht neben mir, der Busch da vorn dient uns als Deckung. Nimm die Waffe in die Hand – aber die Götter sollen dich strafen, wenn du damit nur einmal gegen den Stein schlägst! Dann sind die Biester nämlich aus dem Tal verschwunden, ehe du noch bis drei zählen kannst – klar?«

Derischban nickte, und beide nahmen die Paralysatoren von den Schultern und entsicherten sie. Sie waren die einzigen Waffen, die für die Jagd auf die scheuen Tiere geeignet waren. Nur ein vollkommen unbeschädigtes Fell war etwas wert, und die üblichen Handstrahler hatten die unangenehme Eigenschaft, es so sehr anzusengen, dass es hinterher höchstens noch als Bodenbelag zu verwenden war. Das gelähmte Tier wurde anschließend durch einen Messerstich getötet und zu einem Spezialisten gebracht, der es abhäutete und präparierte.

Behutsam krochen die beiden Männer auf das Gebüsch zu, dessen Zweige erst etwa einen halben Meter über dem Boden belaubt waren und es ihnen ermöglichten, sich darunter hindurchzuschieben. Letschyboa stoppte Oblor kurz davor mit einer Handbewegung und kroch allein bis an den Abhang vor. Er sah kurz hinunter, dann grinste er verheißungsvoll und winkte dem Gefährten.

Derischban folgte ihm und schob sich ebenfalls unter den Busch, und dann wurden seine Augen groß.

Auf dem Grunde des etwa zwanzig Meter tiefen und nur knapp hundert Meter durchmessenden Tal sah er die begehrte Beute! Er zählte mehr als zwanzig Colbis, aber vermutlich waren es noch mehr, denn einige Buschinseln vereitelten einen genauen Überblick. Die meisten davon waren Ricken und Kitze, aber es waren mindestens vier kapitale Böcke dabei, die leicht an dem besonders großen geschwungenen Gehörn zu erkennen waren. Nur sie kamen für die Jagd in Frage, denn das Fell der Kitze und weiblichen Tiere war nur kurz und praktisch wertlos.

Die meisten ästen friedlich, aber mindestens sechs standen bewegungslos da, die Köpfe hoch erhoben und auf die Umgebung gerichtet. Letschyboa hatte recht gehabt, als er von Wachtposten sprach, aber die Colbis hatten allen Grund für diese Vorsichtsmaßnahme. In den Bergen gab es mehrere Arten von Großkatzen, die im Anschleichen sehr geübt waren, und dann konnte ihnen nur eine schnelle Flucht helfen.

Derischban fuhr zusammen, als ihm Letschyboa mit dem Ellbogen in die Seite stieß. Jetzt durfte nicht mehr geredet werden, nicht einmal mehr geflüstert. Das Gehör der Colbis war noch besser als ihre Augen – nur ein ungewohnter Laut, und sie verschwanden im nächsten Moment!

Wie in Zeitlupe bewegte sich die Hand des Gefährten und deutete auf einen Bock, der sich langsam auf ihren Standort zubewegte. Oblor verstand und brachte den Paralysator in Anschlag, ebenfalls nur millimeterweise. Auch Letschyboa suchte sich ein Ziel, aber er zögerte noch. Natürlich wollte er auch einen Colbi erlegen, aber das Tier, das für ihn in Frage kam, war noch etwas weit entfernt. Die arkonidischen Lähmstrahler reichten nur etwa fünfzig Meter weit, wenn man nicht mit einem gebündelten Strahl schoss, und bei einem sich bewegenden Ziel musste sicherheitshalber mit Fächerstrahl gearbeitet werden.

Sie mussten gleichzeitig schießen, wenn beide Erfolg haben wollten, also musste Derischban noch warten, bis ihm der andere das verabredete Zeichen gab. Er war verständlicherweise erregt, und seine Augen begannen zu tränen. Das Visier verschwamm vor seinen Augen, und unwillkürlich hob er die linke Hand, um die Tränen wegzuwischen.

Er war vorsichtig, aber nicht vorsichtig genug!

Seine Hand berührte einen losen Stein direkt am Rande des Absturzes, und dieser löste sich. Er war nicht groß, aber das Geräusch, mit dem er hüpfend den Abhang hinunterfiel, klang in der absoluten Stille fast wie Donnergepolter ...

Im gleichen Moment war unten im Tal der Teufel los.

Gleichzeitig ertönten mehrere schrille Pfiffe, und schon rasten die Colbis los. Wie rasend trommelten ihre Hufe über den Talboden, selbst die Kitze entwickelten eine erstaunliche Geschwindigkeit. Innerhalb von fünf Sekunden waren alle Tiere aus dem Tal verschwunden und in einer Felsspalte untergetaucht, und Letschyboa stand langsam auf.

»Du hirnverbrannter Narr!«, knirschte er, und seine Züge verzerrten sich vor Wut. »Zwei Sekunden noch, dann hätten wir schießen können, und du musstest alles verderben ...«

Derischban Oblor ließ den Kopf auf den Fels fallen und begann hemmungslos zu schluchzen. Für Letschyboa war es nur um Geld gegangen, für ihn um viel mehr. Kein Colbisfell, keine Liebe und Zärtlichkeit von Scotara – so lautete die simple Rechnung!

*

Auf dem Rückweg wurde kein Wort gesprochen.

Letschyboa ging mit steinerner Miene voran, und diesmal nahm er keine Rücksicht auf Oblor mehr. Dieser stolperte hinter ihm her und erreichte nur wie durch ein Wunder das Ende des Cañons, denn er bewegte sich wie ein Schlafwandler.

Bis zu ihrem Gleiter hatten sie noch etwa dreihundert Meter zu gehen, aber sie hatten kaum die Hälfte dieser Strecke zurückgelegt, als sie ein ungewöhnliches Geräusch zusammenfahren ließ. Derischban starrte nur verständnislos um sich, aber Letschyboa legte sofort den Kopf in den Nacken und starrte nach oben in den hellblauen Himmel.

Von dort kam das Geräusch, ein dumpfes, heulendes Brausen, das sich innerhalb weniger Sekunden zu einem unheimlichen Grollen verstärkte. Letschyboa sah den heranrasenden Körper, der einen langen Feuerschweif glühender Luftmoleküle hinter sich herzog, und er reagierte sofort.

»In Deckung!«, brüllte er Derischban zu, spurtete los und warf sich hinter den nächsten Felsblock.

Lange schon war kein Raumschiff mehr auf Cherkaton gelandet. Die Kolonie war nicht auf Nachschub angewiesen, denn die Siedler fanden auf dem Planeten alles, was sie brauchten, im Überfluss. Zudem hatte man auf Arkon auch keine Zeit, an sie zu denken, denn der Große Methankrieg überschattete alles andere. Die Kämpfe mit den Maahks wurden immer verbissener, die Lage allmählich kritisch.

Nun kam ein Schiff, aber es setzte nicht zu einer regulären Landung an – es stürzte ab!

War der Krieg nun auch schon bis in diesen bisher verschonten Sektor getragen worden? War das ein arkonidisches Schiff, das von den Maahks abgeschossen worden war? Oder vielleicht einer der Walzenraumer des Gegners, der dem Beschuss durch die Arkonflotte zum Opfer gefallen war?

Diese Fragen zuckten in Sekundenschnelle durch Letschyboas Kopf, während er vorsichtig an dem deckenden Felsbrocken vorbei in den Himmel spähte.

Aufatmend erkannte er sodann, dass der Raumer nicht direkt in ihrer Nähe abstürzen würde, wie es zuerst geschienen hatte. Der flache Winkel, in dem er herunterkam, wies darauf hin, dass seine Triebwerke noch nicht vollkommen ausgefallen waren, und die Insassen die Flugbahn noch hatten beeinflussen können.

Viel konnte ihnen das aber nicht mehr nützen, denn kaum einer von ihnen konnte den mörderischen Aufprall überleben. Letschyboa schätzte, dass das Schiff etwa zwei oder drei Kilometer entfernt in den Vorbergen aufschlagen würde. Er kannte sich in diesen Dingen aus, denn als junger Mann hatte er in der arkonidischen Raumflotte gedient. Es bestand also keine unmittelbare Gefahr, er atmete auf und erhob sich wieder. Dabei sah er, dass Derischban Oblor noch immer auf ihren Gleiter zuging.

In diesem Moment erfolgte die Explosion!

Fast direkt über ihnen klang ein brüllendes, berstendes Krachen auf, und das stürzende Schiff wurde in einen grellen Feuerball gehüllt. Von seinem Körper, dessen Form infolge der ihn umgebenden Aura glühender Gase noch immer nicht zu erkennen gewesen war, lösten sich große Bruchstücke, wurden davongeschleudert und fielen dann steil auf den Boden zu.

Letschyboa hechtete zurück in die kleine Mulde hinter dem Felsblock und schmiegte sich eng an den schützenden Stein. Er konnte gerade noch sehen, dass der Raumer zwar stark taumelte, trotzdem aber weiter in derselben Richtung davongetragen wurde. Dann barg er den Kopf in den Armen und bereitete sich auf das Schlimmste vor.

Sekunden später brach in seiner Umgebung die Hölle los.

Ein Sturm fegte über die Gegend, als die großen Bruchstücke unter dem hohlen Heulen der verdrängten Luftmassen herunterkamen. Schmetternd krachten sie auf den Felsboden, wurden durch den Rest ihrer kinetischen Energie wieder hochgeschleudert und fielen dann mit dumpfem Poltern zurück. Sekundenlang bebte der Boden, während kleinere Teilstücke durch die Luft schwirrten und mit metallischem Klirren rings um Letschyboas Deckung herum aufschlugen.

Dann trat eine fast beängstigende Stille ein.

Die Gefahr war vorüber, und der Mann erhob sich wieder. Mit bleichem Gesicht starrte er auf seinen Paralysator, oder vielmehr auf das, was von ihm noch übriggeblieben war. Die Waffe hatte nur wenige Schritte hinter ihm gelegen und war von einem armlangen scharfen Metallsplitter völlig zerschmettert worden! Wenn er an ihrer Stelle gewesen wäre ...

Aus den Augenwinkeln sah Letschyboa, wie das todgeweihte Schiff mit seiner leuchtenden Aura hinter den nächsten Berggipfeln verschwand. Sekunden später verriet ein dumpfes Echo, dass es den Boden erreicht hatte, und der Mann schüttelte sich unwillkürlich.

Die armen Teufel darin!, dachte er mitfühlend, doch dann fiel ihm Derischban Oblor ein. Er hielt nach ihm Ausschau, doch die Umgebung hatte sich drastisch verändert. Rauch und Staub waren aufgestiegen und trübten die Sicht, und als sie sich wieder gelegt hatten, waren überall metallene Trümmer zu sehen, einer davon so groß wie ein kleines Haus. Alle waren durch den Aufprall so verformt worden, dass aus ihnen nichts mehr zu ersehen war, und so blieb nach wie vor ungeklärt, wer seine Insassen gewesen sein mochten.

Letschyboa zuckte mit den Schultern und rief dann nach Oblor. Er erhielt keine Antwort, setzte sich in Bewegung und wand sich zwischen den Trümmerstücken hindurch, die gespenstisch zu knistern begannen, als der Abkühlungsprozess des überhitzten Metalls einsetzte.

Hundert Meter weiter fand er Derischban Oblor.

Ein kopfgroßes Trümmerteil hatte ihn voll getroffen und seine Brustplatte zerschmettert, er musste auf der Stelle gestorben sein. Sein Gesicht dagegen war vollkommen heil und zeigte jetzt im Tode einen gelösten, friedlichen Ausdruck, den man seit seiner Heirat bei ihm nicht mehr gesehen hatte.

Letschyboa drückte ihm die Augen zu, nahm dann den schlaffen Körper auf und setzte sich wieder in Bewegung. Einige Minuten später hatte er den Gleiter erreicht und stellte verwundert fest, dass das Fahrzeug vollkommen unversehrt geblieben war. Mühsam hob er die Leiche des Freundes hinein.

Jetzt sind deine Probleme mit einem Schlage gelöst!, dachte er dabei. Scotara bekommt weder dich zurück noch das begehrte Colbisfell – sie wird überhaupt nichts mehr bekommen, denn ab sofort ist sie wieder das kleine unbedeutende Flittchen mit einer schönen Larve, das sie immer war ...

Er schob sich in den Sitz des Gleiters und griff nach dem Starterknopf, doch mitten in dieser Bewegung erstarrte er. Ein fremder Wille griff nach ihm, eine gähnende Leere machte sich in seinem Geiste breit.

2.

»Komm zu dir, Atlan!«, sagte Fartuloon eindringlich. »Du musst dich bewegen, denn dieser Schock war zuviel für deinen Kreislauf. Bewege dich, reiß dich zusammen, oder du wachst nie mehr auf!«

»Schon gut, alter Bauchaufschneider«, murmelte ich noch vollkommen unbewusst vor mich hin.

Mein Körper schmerzte in all seinen Fasern, an ihm schien praktisch nichts mehr heil zu sein. Ich musste gegen eine Ohnmacht ankämpfen, die mich in das Nichts zurückschleudern wollte, aus dem ich soeben erst wieder aufzutauchen begann. Jeder Atemzug stach schmerzend in meiner Brust, feurige Räder kreisten vor meinen geschlossenen Augen. Mühsam kämpfte ich gegen die Schwäche an, und mein Unterbewusstsein half mir dabei.

Ganz von selbst begann mein Körper mit dem autogenen Atemtraining, das mir Fartuloon schon in früher Jugend beigebracht hatte, und allmählich besserte sich mein Befinden. Die Schmerzen ebbten ab, das normale Gefühl kehrte wieder, und nun vernahm ich erneut die Stimme, die mich aus meinem Koma gerissen hatte.

So ist es schon besser!, sagte mein Extrasinn befriedigt. Und jetzt bewege dich endlich, damit die Starre aus deinen Gliedern weicht! Oder willst du einfach liegen bleiben und für den Rest deines Lebens gelähmt sein?