Wela - Insel der Verbannten - Harvey Patton - ebook

Wela - Insel der Verbannten ebook

Harvey Patton

0,0

Opis

Science Fiction-Roman von Harvey Patton Der Umfang dieses Buchs entspricht 131 Taschenbuchseiten. Der Planet Wela wurde von einer Dunkelwolke eingehüllt, die zu einer Eiszeit führt. Die Bevölkerung kann nur überleben, wenn es gelingt, die "Verbannten" - ausgewiesene Wissenschaftler- zur Mitarbeit zu überreden. Zur gleichen Zeit unternimmt das Forschungsschiff ARCHIMEDES von der Erde aus einen Raumflug ins System Alpha Centauri. Durch eine fünfdimensionale Überladung kommt es zu einem Unfall, der das Schiff weit in den Weltraum hinaus schleudert. Die Raumfahrer müssen einen Planeten finden, auf dem sie überleben können.

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
czytnikach Kindle™
(dla wybranych pakietów)
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 131

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS



Harvey Patton

Wela - Insel der Verbannten

Cassiopeiapress SF

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Wela – Insel der Verbannten

Science Fiction-Roman von Harvey Patton

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 131 Taschenbuchseiten.

 

Der Planet Wela wurde von einer Dunkelwolke eingehüllt, die zu einer Eiszeit führt. Die Bevölkerung kann nur überleben, wenn es gelingt, die „Verbannten“ - ausgewiesene Wissenschaftler- zur Mitarbeit zu überreden.

Zur gleichen Zeit unternimmt das Forschungsschiff ARCHIMEDES von der Erde aus einen Raumflug ins System Alpha Centauri. Durch eine fünfdimensionale Überladung kommt es zu einem Unfall, der das Schiff weit in den Weltraum hinaus schleudert. Die Raumfahrer müssen einen Planeten finden, auf dem sie überleben können.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

(früherer Originaltitel: Die Insel der Verbannten)

© Cover: Nach einem Motiv von Sandro Botticelli, Pixabay mit Steve Mayer, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

Die Hauptpersonen des Romans:

Olas Kelum – Ein Priesterschüler wird zum Zweifler.

Arol und Pook Kelum – Vater und Onkel des Olas Kelum.

Isak Altas – Oberster Priester des Planeten Wela.

Walt Cornell – Kommandant der ARCHIMEDES.

Chris Sharp – Kommandant des Raumschiffs der Ahnen.

Arch Netah – Oberhaupt der Verbannten von Bolar.

1

Das Auge Gottes sah auf ihn herab.

Unwillkürlich beugte Olas Kelum das Knie und sprach die rituellen Worte, die man ihm in der Tempelschule beigebracht hatte. „Sieh mild auf uns herab, o Horam, segne und erleuchte und lass uns ...“

Er unterbrach sich, runzelte verlegen die Stirn und lachte ärgerlich auf. Nein, für das, was er soeben zu tun im Begriff war, würde ihn der Sonnengott ganz gewiss nicht segnen! War er doch dabei, gegen ihn zu freveln und in den privaten Andachtsraum seines Vaters, des Großpriesters Arol Kelum, einzudringen...

Er warf einen zweiten Blick zu dem Gottesauge über der Tür hinauf und betrachtete es nun als das, was es wirklich war: ein überdimensionales stilisiertes Gebilde aus farbigem Glas, in dessen Mittelpunkt die Pupille leuchtete.

Das tat sie wenigstens in normalen Zeiten. Jetzt aber glimmte das Licht darin nur schwach und rötlich. Symptomatisch für unsere Verhältnisse, dachte Olas bitter. Selbst diese technischen Spielereien funktionieren nicht mehr, seit es Horam vorgezogen hat, sein Auge zu verhüllen und uns dem Chaos zu überlassen.

Entschlossen griff er in die Tasche und holte den bereitgehaltenen Sperrhaken hervor.

Das Schloss war unkompliziert und setzte ihm nur wenig Widerstand entgegen. Schon nach einigen Versuchen drehte sich der Haken unter leisem Knirschen, das Schloss schnappte auf, der Weg war frei.

Trotzdem zögerte Olas noch für einen Augenblick. Sein Vorhaben verstieß gegen alle Sitten, war eine schwere Sünde gegen den Gott selbst. Der private Andachtsraum eines Priesters war tabu für alle, die nicht selbst die Priesterweihe erhalten hatten, auch für den eigenen Sohn. Doch seine Wissbegierde erwies sich als stärker. Rasch öffnete er die Tür, trat ein und zog sie wieder hinter sich zu.

Das sollte eine Andachtsstätte sein? Er hatte als Haupteinrichtungsgegenstand einen Altar erwartet, von Kerzen umgeben und mit den Symbolen Horams, des Sonnengottes, Luras, der Nachtgöttin, und denen der beiden Gotteskinder Bold und Romi geschmückt. Doch nichts von alldem war der Fall.

Der Andachtsraum des Großpriesters glich vielmehr in seiner nüchternen Einrichtung einem ganz gewöhnlichen Büro. Der große Schreibtisch dominierte, flaniert von einem Aktenregal und einem Bücherschrank. Dann gab es noch zwei Sessel und eine einfache kleine Liege, das war alles.

Olas Kelum schüttelte verständnislos den Kopf.

Dieses Bild vertrug sich in keiner Weise mit den Vorstellungen, die ihm von Klein auf beigebracht worden waren. Für einen Moment war Olas ratlos, aber er sagte sich, dass er schon noch Klarheit erlangen würde.

Zuerst untersuchte er den Schreibtisch, doch dieser war aufgeräumt, und die Schubladen waren verschlossen. Das Regal enthielt lediglich Ordner mit Familienstandsdokumenten, Geldabrechnungen für den Tempel und ähnlichen Schriftsachen.

Genau wie bei einem Krämer, dachte Olas bitter. Nur, dass mein Vater dem Volke Religion verkauft, mit einem schönen, bunten Mäntelchen verbrämt, hinter das die Unwissenden nicht blicken können …

Nun blieb nur noch der Bücherschrank. Ganz oben standen die Heiligen Schriften in kostbaren Einbänden, aber man sah den Büchern an, dass sie wohl nie gelesen worden waren; selbst Geruds „Buch der Weisheit“, das Fundamentalwerk der welanischen Religion, schien nur als Dekorationsstück zu dienen.

Die Bände weiter unten dagegen, ebenfalls mit dem Zeichen der Tempeldruckerei versehen, wiesen deutliche Benutzungsspuren auf. Olas griff sich einige davon heraus, setzte sich an den Schreibtisch und begann zu lesen.

2

Es war nicht zu übersehen: Pook Kelum fror.

Seufzend zog der Gelehrte die Decke fester zusammen, die seine Beine unter dem Schreibtisch einhüllte, während der Oberkörper durch eine pelzgefütterte Jacke geschützt wurde. Er warf dem elektrischen Heizkörper in der Zimmerecke einen unfreundlichen Blick zu, lächelte aber gleich darauf über sich selbst. Es war sinnlos, sich über Dinge aufzuregen, die doch nicht zu ändern waren. Der automatische Regler des Gerätes war so eingestellt, dass er die Temperatur im Raum auf eine Höhe von zehn Grad Wärme hielt.

Allerdings war es möglich und auch erlaubt, den Regler auf höhere Werte einzustellen.

Oft schon hatte der Astronom mit dem Verlangen gekämpft, dies zu tun; doch stets hatte er resigniert, hatte darauf verzichtet, wieder einmal das Gefühl wohliger Wärme zu genießen. Er

wusste zu genau, was die Folgen waren.

Sie bedeuteten unweigerlich einen vorzeitigen Verbrauch seines Stromkontingents, das ohnehin knapp genug war. Ein unbestechliches Zählgerät wachte darüber, und hatte dieses die Monatsmarkierung erreicht, stellte es erbarmungslos die Energiezufuhr ab. Dann aber würde die eisige Kälte von draußen in das Haus kriechen.

Bis vor Kurzem hatte es für leichtsinnige Stromverbraucher wenigstens noch den Ausweg gegeben, die öffentlichen Wärmestellen aufzusuchen. Zwar war der Aufenthalt dort auf jeweils drei Stunden beschränkt gewesen, aber man hatte von einer Halle zur anderen wandern und sich so behelfen können. Doch diese Räume waren bereits vor zehn Tagen geschlossen worden, denn elektrische Energie war Mangelware auf dem zweiten Planeten der Sonne Hora.

Pook Kelums Blick glitt hinaus in den Garten, wo noch die Köpfe erfrorener Blumen aus dem Schnee ragten. Sie hatten versucht, noch einmal zu blühen, sich trotz der stetig absinkenden Temperaturen zu behaupten, und waren dann doch ebenso in Eis und Schnee erstarrt wie der gesamte Planet.

Mit Wehmut wünschte sich Pook jetzt die Zeiten zurück, die man auf Wela einst Winter genannt hatte. Das waren die kühlen Monate des in zwanzig Abschnitte eingeteilten welanischen Jahres gewesen, die letzten vier. Jetzt, im zehnten Monat, hätte draußen der Sommer herrschen sollen Kälte, Eis und Schnee hatte man auf Wela nie gekannt!

Der Gelehrte begann zu träumen. Er träumte von jener Zeit, in der das Leben für die Bewohner einer paradiesischen Welt noch lebenswert gewesen war. Wo war sie nur geblieben?

Der Planet Hora II, von seinen Bewohnern Wela genannt, umkreiste sein Muttergestirn in einer mittleren Entfernung von dreihundert Millionen Kilometern. Das genügte aber, um ihm eine Durchschnittstemperatur von fünfundzwanzig Grad Celsius zu sichern. Zudem war seine Achsneigung zur Ekliptik minimal, er wurde also in allen Zonen gleich stark erwärmt und kannte praktisch keine klimatischen Unterschiede.

Lediglich seine stark elliptische Umlaufbahn brachte in den Wintermonaten eine gewisse Abkühlung, die aber nur etwa sechs Grad gegenüber dem Normalwert ausmachte. Begriffe wie Kälte, Eis und Schnee waren somit vollkommen unbekannt, und die Kontinente und Inseln besaßen eine üppige halb-tropische Flora. Die Meere waren warm und fischreich, die Landfauna dagegen bestand nur aus Insekten, Kriechtieren und prächtig gefiederten Vögeln. Säugetiere gab es kaum.

Der Mensch besaß hier also überhaupt keine natürlichen Feinde und konnte unbekümmert in den Tag hinein leben.

Dieser Tag zählte zweiunddreißig Stunden, die sich gleichmäßig auf Tag und Nacht verteilten. Geringe Abweichungen gab es nur in den Polgebieten, doch sie waren von Ozeanen bedeckt, und nie kamen Menschen dorthin. Die Welaner kannten nur eine Küstenschifffahrt, die im Wesentlichen der Fischerei diente, die das ganze Jahr über betrieben werden konnte. Zu mehr waren die kleinen Dampfschiffe auch gar nicht geeignet, denn zu ihrer Beheizung war man auf das weiche Holz der Bäume angewiesen. Kohlevorkommen oder Erdöl gab es auf diesem jungen Planeten noch nicht.

Nur einer der drei Kontinente war von Menschen bewohnt, deren Zahl sich nun, nach 651 Jahren der gültigen Zeitrechnung, auf rund zwanzig Millionen belief. Das Jahr war in zwanzig Monate zu je dreißig Tagen eingeteilt, dazu kamen noch fünf eingestreute Feiertage, die den vier Gottheiten geweiht waren, sowie dem Gedenken des Tages der Gesetzgebung, der zugleich der Neujahrstag war. An diesem Tage hatte der Stammvater Gerud einst vom Sonnengott persönlich die Großen Gesetze verkündet bekommen, die er später im Buch der Weisheit niederlegte.

Sechshundertneunundvierzig Jahre lang hatte sich das Volk der Welaner ungestört und zufrieden entwickeln können. Dann aber, vor zwei Planetenjahren, hatte das Unheil seinen Anfang genommen.

Auf ihrer Bahn um den Mittelpunkt der Galaxis hatte die Sonne Hora die Randgebiete einer interstellaren Dunkelwolke erreicht und war langsam in sie eingedrungen. Schon lange vorher hatten die Astronomen, nach den Großpriestern die bedeutendsten Männer des Staates, dieses Ereignis prophezeit, ohne jedoch mit schlimmen Folgen zu rechnen. Sie hatten nur eine vorübergehende, flüchtige Berührung mit den feinen, im Raum verteilten kosmischen Staubmassen erwartet. Dann war die Dunkelwolke jedoch unter der Gravitation der Sonne in Bewegung geraten, hatte sich über ihre bisherigen Grenzen hin ausgedehnt und nun befand sich das gesamte Hora-System bereits weit in ihrem Innern …

Die Folgen für das Leben auf Wela hatten sich als verheerend erwiesen.

Die Sonne Hora, ein weißgelber Glutball der Spektralklasse A, von den Menschen als Gottheit verehrt, wandelte ihren Glanz, wurde zuerst gelblich, dann orange und schließlich rot. So schien es wenigstens, obwohl sie nach wie vor mit voller Kraft strahlte.

Im entsprechenden Verhältnis sanken die Temperaturen auf Wela, zuerst kaum merklich, später aber rapide. Die Menschen waren auf diese Entwicklung nicht vorbereitet, besaßen aber Hilfsmittel, um sich gegen die Kälte zu schützen. Die Pflanzenwelt dagegen war auf hohe Temperaturen angewiesen und verkümmerte nach und nach. Am widerstandsfähigsten schienen noch die Kulturpflanzen zu sein, die Mensch und Vieh zur Nahrung dienten. Doch auch ihr Ende kam, als schließlich der Frost einsetzte und nicht mehr wich.

Eine Vorratswirtschaft gab es nicht, und so musste das Vieh fast gänzlich abgeschlachtet werden. Noch blieben die Meere als Nahrungslieferanten, denn sie kühlten sehr langsam ab, und ihr Fischreichtum war unerschöpflich. Dafür vereisten die Binnengewässer sehr rasch. Schnell fließende Gewässer gab es kaum, da der Planet arm an Gebirgen war. Damit kam aber auch die menschliche Energiewirtschaft rasch zum Erliegen, denn sie basierte ausschließlich auf der Stromgewinnung durch Wasserkraftwerke. Und die in allen Häusern aufgestellten Heizkörper konnten nur solange funktionieren, wie es Strom für sie gab.

So war die Lage der Menschen auf Wela am 17. Tage des 10. Monats im Jahre 651, und eine Besserung war nicht zu erwarten, solange sich das System innerhalb der Dunkelwolke befand. Hora II, einst ein Planet des ewigen Sommers, war zum Tode verurteilt – ein sterbender Planet!

3

Pook Kelum seufzte, und seine Gedanken kehrten wieder in die unerfreuliche Gegenwart zurück. Es war unsinnig, an eine Wiederkehr der guten Zeiten zu denken, das wusste keiner besser als er, der Astronom. Darum löste er seine Augen von dem in rötlichem Dämmerlicht liegenden Garten und wendete sich wieder seiner Arbeit zu.

Diese bestand in der Auswertung der letzten Messergebnisse über die Sichte der kosmischen Staubmassen.

Pook Kelum war noch mit dem Ordnen seiner Papiere beschäftigt, als es an die Tür seines Arbeitszimmers klopfte und ein hochgewachsener junger Mann den Raum betrat. Er verneigte sich, wie es vor einem Gelehrten der ersten Klasse Sitte war.

„Sei gegrüßt, Onkel Pook. Ich sehe, du bist mit deiner Arbeit gerade fertig. Hast du vielleicht etwas Zeit für mich?“

Der Astronom nickte freundlich und warf einen Blick auf die große Wanduhr.

„Sei gegrüßt, Neffe Olas. Ich bin eben fertig geworden und müsste jetzt eigentlich dem Priesterrat meinen Bericht erstatten. Heute ist aber für zwanzig Uhr ein Bittgottesdienst angesetzt, die Priester sind also alle im Großen Tempel versammelt. Warum bist du nicht dort? Es wäre doch deine Pflicht als Priesterschüler?“

Die Miene des jungen Mannes verfinsterte sich.

„Das war einmal, Onkel Pook! Kannst du mir vielleicht erklären, welcher Sinn darin liegen sollte, einen Stern anzubeten und seine Huld zu erflehen? Horam ist kein Gott, sondern nur die Sonne unseres Systems, das von Wela, Bold und Romi als Planeten gebildet wird. Lura schließlich, die sogenannte Silberne Nachtgöttin, ist nur ein bedeutungsloser, kleiner Mond unserer Welt. Das sind die nackten Tatsachen willst du sie bestreiten?“

Pook Kelum war schockiert.

„Woher weißt du das, Neffe?“, flüsterte er fassungslos. „Du stehst doch Monate vor deiner Priesterweihe und bist also nicht eingeweiht. Ein Priester oder Astronom kann es dir nicht verraten haben, denn wir alle haben einen heiligen Eid geschworen ...“

„... bei Horam, dem Sonnengott?“, fragte Olas spöttisch. „Nein, bei ihm bestimmt nicht – schließlich wisst ihr ja am Besten, dass dieser sogenannte Gott nichts weiter ist als eine Ballung von Wasserstoffatomen, die sich nach und nach in Helium verwandeln! Versuche bitte nicht, mir noch irgend etwas einreden zu wollen, Onkel. Ja, ihr müsst schweigen, aber bestimmt nicht wegen der Ehrfurcht vor einer nicht existierenden Gottheit, sondern aus purem Eigennutz! Wenn auch nur einer von euch die Wahrheit ausplauderte, wäre es vorbei mit den Vorrechten, die ihr als Vertraute des Gottes besitzt.“

Der Astronom hatte sich inzwischen wieder gefasst.

„Woher hast du dein angebliches Wissen, Olas? Das musst du mir sagen, wenn du eine Antwort auf deine Fragen verlangst“, erklärte er.

„Mein Wissen hat einen sehr handfesten Hintergrund“, sagte der Jüngere und lächelte. „Wie du weißt, sind mein Vater und dein Bruder, der Großpriester Arol Kelum, vor drei Tagen nach Burat gereist, um dort Vorsteher im großen Gottestempel zu spielen, weil der dortige Vorsteher verstorben ist. Es war eine günstige Gelegenheit für mich, einmal den Andachtsraum zu inspizieren.“

„Du hast dort eingebrochen?“, fragte Pook Kelum erschrocken. Olas winkte.

„Du solltest diese Kleinigkeit nicht dramatisieren, wenn es um weit höhere Dinge geht. Ehrlich gesagt, ich traute den Lehren unserer Gottesdiener schon seit einiger Zeit nicht mehr ganz. Mein Vater führt, wenn er sich unbeobachtet glaubt, zuweilen Selbstgespräche, von denen ich einige Male etwas auffangen konnte. Ich erfuhr nicht viel, aber ich begriff, dass er den Untergang unseres Volkes befürchtete. Das stand aber in krassem Gegensatz zu den Ansprachen, die er im Tempel hielt, wo er dem Volk immer wieder versicherte, ständiges Gebet würde helfen den Zorn Horams abzuwenden!

Kurz und gut, ich wagte es, den verbotenen Raum aufzusuchen und was fand ich dort? Keine Spur von einem Altar, nicht das kleinste Symbol der Gottheiten, von den unberührten Heiligen Schriften einmal abgesehen. Dafür aber eine Menge aufschlussreicher Bücher aus der Tempeldruckerei – geheime Bücher. Ich hatte drei Tage Zeit, sie zu lesen. Die Lektüre war sehr aufschlussreich. Ich weiß jetzt, dass Horam kein Gott ist, und Lura, Bold und Romi sind keine Gottheiten – all das ist Lüge!“

Für eine Weile herrschte Schweigen im Raum. Pook Kelum hatte sein Gesicht in den Händen vergraben und dachte nach.

Es dauerte mehrere Minuten, bis der Astronom einen Entschluss gefasst hatte. Seine Hände sanken herab, und sein ernster Blick richtete sich auf den Neffen, aus dessen Gesicht jeder Anflug von Spott verschwunden war. Olas Kelum mochte leichtfertig gehandelt haben, indem er den verbotenen Raum seines Vaters betrat, keinesfalls aber geschah dies aus niedrigen Beweggründen. Er wollte lediglich Klarheit über seine Zweifel erlangen, die durch die Äußerungen seines Vaters genährt worden waren.

„Du hast dein Wissen aus authentischen Quellen“, sagte Pook Kelum leise, „es wäre also sinnlos, wenn ich jetzt versuchen würde, etwas abzustreiten. Alles ist so, wie du es sagst, und du hättest diese Dinge auch am Tage deiner Priesterweihe erfahren. Dass es nun auf andere Weise geschehen ist, lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Versprich mir aber, dass du zu niemand darüber reden wirst, bis ich den Rat der Großpriester informiert habe.“

„Muss das sein?“, entfuhr es dem jungen Mann. „Dass du den Priesterrat verständigst, meine ich. Man wird nicht nur mich zur Rechenschaft ziehen, sondern auch meinem Vater Schwierigkeiten machen, und das möchte ich nicht.“

Der Astronom nickte anerkennend.

„Deine Denkweise ehrt dich, Neffe. Ich glaube aber nicht, dass dein Vater deswegen Ärger bekommen kann, außerdem gibt es jetzt viel ernstere Probleme für uns. Wenn nicht ein Wunder geschieht, sind die Menschen auf Wela tatsächlich zum Untergang verurteilt. Hast du auch die diesbezüglichen Rundschreiben des Priesterkonzils gelesen?“

Olas bejahte.

„Anweisungen zum Einsatz aller verfügbaren Kräfte zum Holzfällen mit dem Ziel, möglichst viel Glas zu schmelzen, um Kuppeln über unseren großen Städten errichten zu können. Ich bezweifle aber, dass man damit Erfolg haben wird, Onkel Pook. Mit Holzfeuern allein dürften sich derartige Mengen Glas kaum herstellen lassen, und Strom können wir erst recht nicht erübrigen. Die Flüsse frieren zu, die Kraftwerke arbeiten nur noch mit einem Bruchteil ihrer Kapazität. Doch selbst wenn es gelingen sollte, diese Kuppeln fertigzustellen – auch sie müssten beheizt werden! Eines Tages werden die Kraftwerke ganz stillstehen, und dann müssten wir trotz der Kuppeln erfrieren.“