Welten in Not - Harvey Patton - ebook

Welten in Not ebook

Harvey Patton

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Opis

Science Fiction von Harvey Patton Der Umfang dieses Buchs entspricht 139 Taschenbuchseiten. Als die KOSMOS III von einer Erkundungsreise nach rund 22 Jahren ins Sonnensystem zurückkehrt, müssen die Raumfahrer entsetzt feststellen, dass bis auf eine kleine Marskolonie alle Menschen der Erde durch einen verheerenden Virus getötet wurden. Da auch das Sol-System vom Untergang bedroht ist, entschließen sich die wenigen Überlebenden einen neuen Planeten zu suchen. Auf dem Weg dorthin finden sie jedoch einen Planeten, in dessen Untergrund ein ganzes Volk in Not ist. Bleibt genug Zeit, um die Energieversorgung des sterbenden Volkes zu aktivieren, oder steht die Rettung der letzten siebenhundert Menschen im Vordergrund?

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Harvey Patton

Welten in Not

Cassiopeiapress SF

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Welten in Not

Science Fiction von Harvey Patton

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 139 Taschenbuchseiten.

 

Als die KOSMOS III von einer Erkundungsreise nach rund 22 Jahren ins Sonnensystem zurückkehrt, müssen die Raumfahrer entsetzt feststellen, dass bis auf eine kleine Marskolonie alle Menschen der Erde durch einen verheerenden Virus getötet wurden. Da auch das Sol-System vom Untergang bedroht ist, entschließen sich die wenigen Überlebenden einen neuen Planeten zu suchen. Auf dem Weg dorthin finden sie jedoch einen Planeten, in dessen Untergrund ein ganzes Volk in Not ist. Bleibt genug Zeit, um die Energieversorgung des sterbenden Volkes zu aktivieren, oder steht die Rettung der letzten siebenhundert Menschen im Vordergrund?

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK EBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

[email protected]

1

„In dreißig Minuten Beginn der Bremsperiode“, klang eine Automatenstimme durch die Zentrale der KOSMOS III.

Captain Ralf Neumann nahm den Plastikstreifen, den der Steuerautomat gleichzeitig auswarf, aus dem Auffangkorb. Er überflog die darauf eingestanzten Symbolgruppen und nickte dann Dick Walker zu, der neben ihm im Pilotensessel saß.

„Es ist endlich soweit. Dick. Wir müssen die anderen wecken und alle Stationen besetzen lassen. Wenn die Triebwerke anlaufen, müssen alle Checks durchgeführt sein.“

Er drückte einige Sekunden lang auf den Knopf der Alarmklingeln, nahm dann das Mikrofon der Bordsprechanlage zur Hand und unterrichtete die Besatzung. Ein freudiges Lächeln spielte um seine Lippen, als er die Anlage wieder abschaltete.

„Mensch, wie froh bin ich! Nur noch knapp sieben Tage, dann liegt die Erde vor uns, wir können landen und endlich wieder einmal etwas anderes sehen als unser Schiff. Frische, natürliche Luft atmen, Sonne und Wind spüren, Vögel singen und wieder einmal Mädchen lachen hören …“

Dick Walker nickte.

„Ich fühle genauso. Es ist schon ein hartes Los, vier Jahre unterwegs zu sein.“

„Vier Relativjahre“, korrigierte der Captain. „Auf der Erde sind inzwischen alle Menschen um mehr als zweiundzwanzig Jahre älter geworden.“

Das Hauptschott glitt auf, und die übrigen Mitglieder der Zentralebesatzung fanden sich ein. Die routinemäßigen Checks wurden vorgenommen, und nach zwanzig Minuten war alles bereit.

Die Schiffsreaktoren liefen an, Plasma für die Triebwerke wurde aus den Tanks gepumpt und die Düsenkammern wurden vorgewärmt. Als der Steuerautomat die letzten zwei Minuten abzuzählen begann, kam auch Dr. Jenkins in die Zentrale. Er war der Chef des kleinen Teams von Wissenschaftlern, die diesen Flug zum System 61 Cygni mitgemacht hatten, ein schlanker, ruhiger Mann von vierzig Jahren. Sein Fachgebiet war die Astrophysik.

Bereits vor rund vierzig Jahren hatte man bei verschiedenen, der Erde relativ nahe stehenden Sonnen dunkle Begleiter festgestellt, die vermutlich riesige Planeten waren. Der Gedanke lag nahe, dass diese Sterne weitere Trabanten aufzuweisen hatten, und so hatte man kurz vor der Jahrtausendwende die derzeit modernsten Fernraumschiffe der Erde dorthin auf den Weg geschickt.

Sie trugen die Bezeichnungen KOSMOS I bis III und flogen in dieser Reihenfolge Alpha Centauri, Barnards Stern und 61 Cygni an. Die KOSMOS III hatte den weitesten Weg zurückzulegen, denn ihr Zielstern war mehr als elf Lichtjahre vom solaren System entfernt. Die übrigen Schiffe waren vermutlich bereits vor Jahren wieder auf Terra eingetroffen.

Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus war diese Expedition ein voller Erfolg gewesen. Außer dem bereits bekannten Riesenplaneten besaß 61 Cygni noch fünf weitere Begleiter, darunter einen, der weitgehend der Erde glich. In einer gut atembaren Sauerstoffatmosphäre hatte sich pflanzliches und tierisches Leben entwickelt.

Exemplare aller festgestellten Tierarten, die großen Meeresbewohner ausgenommen, ruhten ebenso in den dafür vorgesehenen Tiefkühltruhen wie Proben der dortigen Flora. Die Wissenschaftler auf Terra würden auf Jahre hinaus mit ihrer Erforschung zu tun haben. Unbekannte Krankheitserreger waren nicht festgestellt worden, und da auch das Klima angenehm war, hätten auf 61 Cygni II unbedenklich Menschen leben können.

Ob die Behörden auf der Erde diese Möglichkeit ausnutzen würden, blieb offen. An sich gab es keinen Grund dafür, Kolonisten zu fremden Welten zu senden. Zwar lebten auf Terra siebeneinhalb Milliarden Menschen, womit die oberste Grenze bereits erreicht war, doch diese Zahl würde infolge umfassender Geburtenregelung konstant bleiben. Aber auch im gegenteiligen Fall hätten die wenigen tausend Menschen, die man per Schiff zu fernen Systemen schicken konnte, nicht die Spur einer Besserung bringen können.

So würde es vielleicht allein die Wissbegierde sein, die ein solches Unternehmen vorantrieb.

Bei diesem Gedanken war Dr. Jenkins angekommen, als der Automat die letzten Sekunden abzählte. Dann ging eine leichte Erschütterung durch das Schiff, als die Triebwerke anliefen, die seit rund zwei Jahren geschwiegen hatten.

Die KOSMOS III wurde mit fünfzig Gravos pro Sekunde abgebremst, verlor also pro Minute rund dreißig Kilometer von ihrer Fahrt. Noch fast sieben Tage, dann würde das heimatliche Sonnensystem vor dem Schiff liegen und mit ihm die Erde, auf die sich alle zwanzig Männer an Bord freuten.

2

Der Radarspezialist Dick Walker war es, der die bestürzende Entdeckung machte.

Das Schiff war mit Hyperradar ausgerüstet, das mit hundertfach lichtschnellen Impulsen arbeitete. Bisher war es nur sporadisch benutzt worden, um etwaige Hindernisse in der Flugbahn feststellen zu können. Nun, da sich die KOSMOS III dem Sonnensystem näherte, musste das Gerät ständig in Betrieb bleiben, weil es in den Außenbereichen eine ganze Anzahl sogenannter vagabundierender Asteroiden gab, denen das Schiff gegebenenfalls ausweichen musste.

Zuerst glaubte Walker, einen dieser Asteroiden entdeckt zu haben. Als er dann aber die Laufzeit der Radarimpulse ausgerechnet hatte, begann er sich zu wundern. Der ausgemachte dunkle Körper stand nicht vor, sondern hinter dem solaren System!

Er gab die Daten in den Hauptcomputer des Schiffes, der die entsprechenden Berechnungen innerhalb weniger Sekunden vornahm. Die Auswertung besagte, dass der betreffende Körper, etwas seitlich zum System versetzt, etwa einen Lichtmonat von diesem entfernt war. Sein Durchmesser betrug etwa siebenhunderttausend Kilometer, und er bewegte sich langsam auf die Sonne zu.

Wenn er diese Richtung und Geschwindigkeit beibehielt, musste er in etwa fünfzig Jahren mit dem solaren System kollidieren …

Dick Walker unterrichtete sofort den Kommandanten, der seinerseits Dr. Jenkins hinzuzog. Nachdem alle Daten nochmals nachgerechnet und verglichen worden waren, stand es fest: Der gesichtete Körper war ein dunkler Stern, dessen Masse und Gravitation in etwa der der Sonne gleichkamen. Sobald er sich dieser so weit genähert hatte, dass sich beide Gravitationsfelder berührten, musste es zu katastrophalen Störungen im solaren Planetensystem kommen. Alle Planeten würden aus ihren Bahnen gerissen werden, und wenn beide Sterne kollidierten, würde eine Nova entstehen, die sie alle verschlang!

Die Männer in der Zentrale der KOSMOS III waren bleich geworden.

„Dann erlebt die Erde also in spätestens fünfzig Jahren ihren Untergang“, kommentierte Rex Farrell, der hünenhafte schwarze Pilot des Schiffes. „Wir kehren demnach mit der traurigen Gewissheit heim, dass wir diese Heimat in absehbarer Zeit wieder verlieren werden.“

„Ob man es dort schon weiß?“, fragte Neumann den Astrophysiker. Dr. Jenkins hob die Schultern.

„Möglich, aber wenig wahrscheinlich“, gab er zur Antwort. „Der Dunkelstern liegt in einem Gebiet, das wenig Anreiz für astronomische Beobachtungen bietet. Zudem ist er mit den normalen Teleskopen überhaupt nicht zu entdecken, weil er kein Licht aussendet.“

„Vielleicht hat man ihn von einem Raumschiff aus entdeckt“, warf der Bordfunker Tino Baruzzi ein. „Zwar ist die irdische Raumflotte nicht sehr groß, aber immerhin sind alle Schiffe mit dem Hyperradar ausgestattet wie wir auch.“

„Wir müssen jedoch von der Voraussetzung ausgehen, dass die Existenz dieses Körpers noch nicht bekannt ist“, sagte Neumann. „Somit haben wir die Pflicht, möglichst bald Funkverbindung mit der Erde aufzunehmen und diese Unheilsnachricht weiterzugeben.“

„Dann waren unsere Forschungen auf 61 Cygni II also praktisch umsonst“, seufzte der bärtige Biologe Dr. Grimsby, mit fünfundfünfzig Jahren der älteste Teilnehmer der Expedition. Ralf Neumann schüttelte den Kopf und lächelte leicht.

„Im Gegenteil, lieber Doktor! Was die beiden anderen Schiffe erreicht haben, wissen wir nicht; wir aber haben der Erde auf jeden Fall etwas Erfreuliches zu bieten: Einen Planeten, auf den wenigstens ein Teil der Menschheit auswandern kann, ehe es zur Katastrophe kommt!“

3

Endlos schienen sich die Tage zu dehnen, bis die KOSMOS III nahe genug an das solare System herangekommen war, um eine Funknachricht absetzen zu können. Zwar arbeitete auch das Raumfunkgerät im Bereich der Hyperwellen, aber seine Reichweite war auf sechs Milliarden Kilometer begrenzt. Und so hatte das Schiff fast die Plutobahn erreicht, als Baruzzi seinen ersten Ruf in Richtung Erde schickte.

Für diese Strecke hätten normale Funkwellen mit einfacher Lichtgeschwindigkeit rund sechseinhalb Stunden gebraucht, und eine Antwort hätte noch einmal dieselbe Zeit benötigt. Mit den hundertfach schnelleren Hyperfunkwellen verkürzte sich diese Zeit auf etwas über dreieinhalb Minuten. Doch diese Frist verstrich. Und weitere Minuten vergingen, ohne dass eine Antwort kam.

„Auf Kap Kennedy ist doch jetzt heller Vormittag“, sagte der Funker ärgerlich. „Außer ungewöhnlich starken statischen Störungen bekomme ich aber kein Wort herein.“ Er presste die

Kopfhörer gegen die Ohren und wiederholte seinen Ruf.

Keine Antwort. Captain Neumann gab die Anweisung, auf der allgemeinen Notfrequenz für Raumfahrzeuge zu senden, die nie geändert wurde. Als auch darauf keine Verbindung zustande kam, weder mit der Erde, noch mit anderen Raumschiffen, waren die Männer ratlos.

Die KOSMOS III stieß in das System hinein. Pausenlos versuchten die Raumfahrer, Funkverbindung mit irgendeiner Station zu erreichen – vergebens. Nur die energetischen Störgeräusche nahmen immer mehr zu und erreichten bald eine Heftigkeit, die die menschlichen Trommelfelle überforderte.

„Vielleicht ist dies der Grund dafür, dass nichts hereinkommt“, meinte Tino Baruzzi erschöpft. „Doch woher kommen diese Störungen? Haben wir vielleicht gerade ein Sonnenflecken Maximum, Dr. Jenkins?“

Der Wissenschaftler schüttelte den Kopf.

„Ist erst in drei Jahren wieder an der Reihe; dieser Zyklus dürfte sich kaum geändert haben. Außerdem beeinflussen diese Emissionen normalerweise die Hyperwellen kaum, denn die von der Sonne ausgehende fünfdimensionale Strahlung ist relativ gering. Ich kann Ihnen auch keine Erklärung für dieses Phänomen geben.“

Schließlich näherte sich das Schiff der Marsbahn.

Auf dem Mars hatte es bereits vor dem Abflug der KOSMOS III eine kleine menschliche Ansiedlung gegeben. Dort lebten vor allem Wissenschaftler, die sich mit der Erforschung des roten Planeten beschäftigten. Außerdem hatte man einen kleinen Raumhafen ausgebaut, der für Nachschubzwecke und als Nothafen für eventuell havarierte Schiffe diente.

Der Planet stand günstig zur Flugbahn, und deshalb beschloss der Kommandant, ihn zuerst anzufliegen. Die entsprechenden Kursberechnungen wurden durchgeführt, dann ließ der Pilot die KOSMOS III mit Hilfe der seitlichen Steuerdüsen herumschwenken und ging auf neuen Kurs.

Das Schiff besaß nur noch eine Geschwindigkeit von zehntausend Stundenkilometern, als es bis auf fünf Millionen Kilometer an den Mars herangekommen war.

„Geschwindigkeit bestehen lassen, Rex“, befahl Ralf Neumann. „Wir gehen zuerst auf eine Kreisbahn, dann sehen wir weiter.“

Als die KOSMOS III schließlich in den Planetenschatten eintrat, hörten die Störgeräusche im Empfänger plötzlich auf.

„Also scheint dieser Krach doch von der Sonne auszugehen“, stellte Baruzzi fest. Er hatte inzwischen auf Normalfunk umgeschaltet und versuchte nun, Verbindung mit der Ansiedlung auf dem roten Planeten zu bekommen.

Das gelang überraschend schnell, allerdings musste der Sender unten auf dem Planeten nur sehr schwach sein.

„Mars City ruft KOSMOS III“, klang es kaum verständlich aus dem Lautsprecher. „Woher kommen Sie? Wir benötigen dringend Hilfe.“

Der Kommandant zog die Brauen hoch. Dass man dort unten nach der Herkunft des Schiffes fragte, war verständlich. Schließlich war die KOSMOS III über zweiundzwanzig Jahre unterwegs gewesen, und man konnte von den Menschen nicht verlangen, dass sie sich nach dieser Zeit noch an den Abflug des Schiffes erinnerten. Doch was konnte dieses Hilfeersuchen zu bedeuten haben?

Er griff selbst nach dem Mikrofon.

„Hier spricht Captain Neumann“, sagte er betont akzentuiert. „Unser Schiff kehrt soeben von einer Expedition nach Cygni zurück. Wir versuchen die ganze Zeit vergeblich, Verbindung mit der Erde zu bekommen. Deshalb haben wir den Mars zuerst angeflogen in der Hoffnung, Sie könnten uns über die seltsamen Störungen aufklaren, die den Funk beeinträchtigen. Wenn wir Ihnen irgendwie helfen können, soll das selbstverständlich gern geschehen.“ Zur Antwort meldete sich ein anderer Sprecher. Die Verständigung war inzwischen besser geworden.

„Hier spricht Dr. Ishiga. Ich bin der Leiter der Marsstadt. Captain, in unserem System sind schreckliche Dinge geschehen! Sie dürfen auf gar keinen Fall versuchen, die Erde anzufliegen. Erstens liegt zwischen dem Mars und der Sonne ein Störfeld, das alle atomare Energie aufsaugt; wären Sie nur ein paar Millionen Kilometer weitergeflogen, wären Sie verloren gewesen, weil Ihre Reaktoren versagt hätten. Das ist aber noch nicht das Schlimmste. Machen Sie sich auf einen grausamen Schock gefasst: Auf der Erde gibt es keine Menschen mehr! Eine weltumfassende Seuche ist dort vor etwa zwei Jahren ausgebrochen – innerhalb weniger Tage hat sie die Menschheit ausgerottet ...“

Seine Stimme versagte.

Eine eisige Hand schien nach dem Herzen des Kommandanten zu greifen. Er sah in erstarrte, schreckensbleiche Gesichter. Er musste einige Male ansetzen, ehe er wieder sprechen konnte.

„Captain Neumann an Dr. Ishiga. Eine größere Ironie des Schicksals kann man sich wohl kaum vorstellen. Da kommen wir, um die Erde vor einer Katastrophe zu warnen, und inzwischen hat sich eine weit schlimmere ereignet ... Doch darüber können wir später noch reden. Ich vermute, dass Sie seit Langem von jedem Nachschub abgeschnitten sind und es Ihnen an vielem fehlt. Da wir noch über ausreichende Vorräte verfügen, werden wir auf Ihrem Raumhafen landen. Können Sie veranlassen, dass man uns einen Peilstrahl sendet, da wir die genaue Lage Ihrer Stadt nicht kennen?“

Dr. Ishiga schien sich wieder gefasst zu haben. Er erklärte sachlich: „Ich bedaure sehr, Captain, die Anlagen auf dem Hafen sind längst außer Betrieb. Wir mussten alle Energieerzeuger in die Stadt holen, um zu überleben. Ich werde aber veranlassen, dass die Warnlichter auf der Stadtkuppel eingeschaltet werden, damit sie Ihnen als Orientierungshilfe dienen. Der Hafen liegt einen Kilometer weiter nördlich, Sie können ihn dann kaum verfehlen.“

„Danke, das genügt“, sagte Captain Neumann. „Wir kommen. Ende.“

4

Die KOSMOS III war sicher gelandet.

Die Morgendämmerung brach gerade an, als sich der Captain mit einigen Begleitern anschickte, zu der Ansiedlung aufzubrechen. Mars City lag, durch die für Menschen viel zu dünne Atmosphäre bedingt, unter einer großen Kuppel aus Fiberglas, die nur durch Luftschleusen betreten und verlassen werden konnte.

Die Besatzung hatte eines der Kettenfahrzeuge ausgeschleust, die bereits zur Erforschung von 61 Cygni II benutzt worden waren. Es wurde von starken Elektromotoren getrieben und besaß eine drucksichere Personenkabine. Das Steuer hatte Dick Walker übernommen, die anderen Mitfahrer waren Dr. Jenkins und der Biologe Grimsby.

Die Männer sprachen nur das Notwendigste, denn sie hatten den Schock der doppelten Hiobsbotschaft noch nicht überwunden.

Obwohl sie über die Art der verheerenden Seuche nichts wussten, war ihnen klar, dass die Erde nun als verbotener Planet galt.

Leise surrend rollte das Fahrzeug über den roten Marsboden, den jahrmillionenlange Erosion eingeebnet hatte. Es dauerte nur wenige Minuten, bis sie die Kuppel erreicht hatten. Diese besaß einen Durchmesser von fünfhundert Metern. Die mit rötlichem Glanz aufsteigende Sonne spiegelte sich in den wabenförmigen Segmenten, aus denen sie zusammengesetzt war.

Sie kamen vor der großen Luftschleuse an, deren Außentür im gleichen Moment geöffnet wurde. Walker lenkte das Fahrzeug hinein und hielt es an. Das Außenschott schloss sich, das Zischen einströmender Luft wurde hörbar, und als der Druckausgleich hergestellt war, glitt das innere Tor auf.

Die vier Männer stiegen aus und sahen sich einer größeren Gruppe von Menschen gegenüber, die sie mit erwartungsvollen Gesichtern anblickten.

Hunger und Entbehrung standen in ihnen geschrieben. Kein Wunder, dachte Ralf Neumann automatisch. Die kleine Marsstadt war nie autark gewesen, sondern immer auf regelmäßigen Nachschub angewiesen. Wenn dieser nun seit mindestens zwei Jahren ausgeblieben war, so war es fast ein Wunder, dass sich die Menschen überhaupt noch am Leben gehalten hatten.

„Willkommen in Mars City“, sagte ein zierlicher älterer Japaner, „ich bin Dr. Ishiga. Sie können sich kaum vorstellen, wie wir uns über Ihr Kommen freuen, denn wir sind tatsächlich fast am Ende. Wir haben alles versucht, um unsere siebenhundert Leute zu ernähren, aber wir leben seit einem halben Jahr praktisch nur noch von Kartoffeln. Getreidesaat hatten wir nicht zur Verfügung, weil uns von der Erde stets fertige Nahrungsmittel geliefert wurden, und auch kein Vieh, das wir hatten züchten können. Fragen Sie mich nicht, wo unsere Hunde und Katzen geblieben sind, Captain ...“

Ralf Neumann nahm die dargebotene Hand.

„Mit Ihrer Energieversorgung scheint es auch nicht mehr weit her zu sein“, bemerkte er. Es war kalt unter der Kuppel, die Temperatur mochte höchstens zehn Grad über dem Gefrierpunkt liegen.

Dr. Ishiga hob die Schultern.

„Unser Reaktor liegt in den letzten Zügen, seine Füllung müsste längst erneuert werden. Wir nehmen ihn nur noch in Betrieb, wenn es gar zu kalt wird, die übrige Zeit muss die Sonne ausreichen, die Kuppel zu erwärmen. Und Hunger lässt einen die Kälte doppelt spüren.“

„Das wird sich bald ändern“, versprach der Captain. „Wir können Ihnen einen Reaktor aus dem Schiff zur Verfügung stellen, und auch zu essen haben wir noch für eine ganze Weile, wenn wir sparsam damit umgehen.“

Der Japaner lachte bitter auf.

„Wissen Sie, was uns am dringendsten gefehlt hat? Nichts weiter als ein kleines Raumboot, mit dem wir den Mond Deimos hätten anfliegen können – denn dort gibt es alles in Fülle, was uns hier fehlt! Dort hat man vor zehn Jahren eine Werft eingerichtet, in der drei Schiffe eines neu entwickelten Typs gebaut wurden, und dort leben jetzt noch sechzig Männer wie die Maden im Speck. Sie hätten uns auch gern geholfen, aber wie sollten sie hierherkommen?“

Ralf Neumann horchte auf.

„Drei neue Raumschiffe, sagten Sie. Warum um alles in der Welt sind die Männer dann nicht zu Ihnen gekommen?“

Der Japaner schüttelte den Kopf.

„Das war leider nicht möglich, Captain. Diese Raumer sind noch nicht flugfähig, obwohl man an ihnen ständig weitergearbeitet hat. Schließlich wollten die Techniker da oben auch nicht ihr Leben lang auf dem Marsmond bleiben. Sie besaßen ein kleines Schiff, aber das war gerade zur Erde unterwegs, um neue Leute zu holen, als sich das Saugfeld zwischen uns und die Sonne legte. Von da an war jede Verbindung zwischen uns und Terra unterbrochen.“

„Wie haben Sie dann überhaupt vom Ausbruch der Seuche erfahren?“, fragte Dr. Grimsby.

„Durch die Insassen eines Schiffes, das von der Erde floh“, berichtete Dr. Ishiga. „Es war ein uralter Typ mit Raketenmotoren, die durch das Feld in ihrer Funktionsweise nicht beeinträchtigt werden konnten. Die Insassen wollten zu uns, haben es aber nicht geschafft – zu unserem Glück, muss ich sagen, denn auch sie waren bereits infiziert. Die letzten noch lebenden Männer brachten den Raumer wieder auf Gegenkurs, vermutlich wird das Schiff längst in die Sonne gestürzt sein. Immerhin kamen sie uns nahe genug, um uns über das traurige Schicksal der Menschheit berichten zu können.“

Ralf Neumann überlegte eine Weile.

„Sind die Werftanlagen auf Deimos geräumig genug, um alle Marsbewohner darin unterzubringen?“, erkundigte er sich dann.

Dr. Ishiga nickte.