Atlan 306: Die Stahlquelle - Harvey Patton - ebook

Atlan 306: Die Stahlquelle ebook

Harvey Patton

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Opis

Sicherheitsvorkehrungen, die auf Atlans Anraten noch gerade rechtzeitig getroffen wurden, haben verhindert, dass die Erde des Jahres 2648 einem Überfall aus fremder Dimension zum Opfer gefallen ist. Doch die Gefahr ist durch die energetische Schutzschirmglocke nur eingedämmt und nicht bereinigt worden. Der Invasor hat sich auf der Erde etabliert - als ein plötzlich wieder aufgetauchtes Stück des vor Jahrtausenden versunkenen Kontinents Atlantis. Atlan, Lordadmiral der USO, und Razamon, der Berserker - er wurde beim letzten Auftauchen von Atlantis oder Pthor zur Strafe für sein "menschliches" Handeln auf die Erde verbannt und durch einen "Zeitklumpen" relativ unsterblich gemacht - sind die einzigen, die die Sperre unbeschadet durchdringen können, mit der sich die Herren von Pthor ihrerseits vor ungebetenen Gästen schützen. Allerdings verlieren die beiden Männer bei ihrem Durchbruch ihre gesamte Kleidung und technische Ausrüstung. Und so landen Atlan und Razamon - der eine kommt als Späher, der andere als Rächer - nackt und bloß an der Küste von Pthor, einer Welt der Wunder und Schrecken. Ihre ersten Abenteuer bestehen sie am "Berg der Magier". Ihr weiterer Weg führt sie über die "Straße der Mächtigen" nach Orxeya, zu den Seelenhändlern, und von da aus an DIE STAHLQUELLE ...

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Nr. 306

Die Stahlquelle

Zwei Männer in der Hölle des Blutdschungels

von Harvey Patton

Sicherheitsvorkehrungen, die auf Atlans Anraten noch gerade rechtzeitig getroffen wurden, haben verhindert, dass die Erde des Jahres 2648 einem Überfall aus fremder Dimension zum Opfer gefallen ist.

Doch die Gefahr ist durch die energetische Schutzschirmglocke nur eingedämmt und nicht bereinigt worden. Der Invasor hat sich auf der Erde etabliert – als ein plötzlich wieder aufgetauchtes Stück des vor Jahrtausenden versunkenen Kontinents Atlantis.

Atlan, Lordadmiral der USO, und Razamon, der Berserker – er wurde beim letzten Auftauchen von Atlantis oder Pthor zur Strafe für sein »menschliches« Handeln auf die Erde verbannt und durch einen »Zeitklumpen« relativ unsterblich gemacht – sind die einzigen, die die Sperre unbeschadet durchdringen können, mit der sich die Herren von Pthor ihrerseits vor ungebetenen Gästen schützen. Allerdings verlieren die beiden Männer bei ihrem Durchbruch ihre gesamte Kleidung und technische Ausrüstung.

Und so landen Atlan und Razamon – der eine kommt als Späher, der andere als Rächer – nackt und bloß an der Küste von Pthor, einer Welt der Wunder und Schrecken.

Die Hauptpersonen des Romans

Atlan und Razamon – Die beiden Unsterblichen in der Hölle des Blutdschungels.

Kälderspuur – Ein Verstoßener aus dem Stamm der Yaghts.

Porquetor – Ein Retter in höchster Not.

Landerkoor

1.

Orxeya lag hinter uns. Wir ritten einen von niedrigen Gewächsen überwucherten Weg entlang, der nach Südwesten führte. Drei Wochen hatten wir in dieser Stadt verbracht, und die Erinnerung daran war durchaus nicht immer angenehm.

»Man sollte diesen Stump aufhängen!«, knurrte Razamon, und seine schwarzen Augen funkelten in unterdrücktem Grimm. Ich zuckte mit den Schultern.

»Lass es gut sein, Freund. Im Grunde müssen wir froh sein, dass dieses Schicksal nicht uns ereilt hat. Schließlich haben wir es nur Coerfä zu verdanken, dass der Seelenerschaffer uns wieder laufenlassen musste. Unsere Lage ist eigentlich gar nicht so schlecht.«

Das stimmte auch. Wir waren in die Dienste des Händlers Gäham Lastor getreten und in seinem Auftrag nach Wolterhaven unterwegs. Er hatte uns für hiesige Begriffe gut ausgerüstet. Wir besaßen Waffen und Lebensmittel, und die pferdeähnlichen Yassels erwiesen sich als gute und willige Reittiere.

Trotz der warmen Bekleidung fröstelten wir. Es war früher Morgen, ein dichter Nebel lag über der Gegend und setzte sich in feinen Tröpfchen auf das weiße Fell der Yassels. Die Sicht wurde jedoch allmählich besser, ein heller Fleck über dem Horizont zeigte den Standort der aufgehenden Sonne an. Wenn ich mich umwandte, konnte ich im Hintergrund noch die letzten Gebäude der Stadt erkennen.

»Es ist noch zu früh«, murmelte ich vor mich hin.

»Was meinst du damit?«, erkundigte sich Razamon, aber ich winkte nur ab. Schweigend ritten wir weiter.

Bald kam ein leichter Wind auf und brachte die Nebelschwaden in Bewegung. Sie lichteten sich merklich, und schließlich brach die Sonne durch. Die Tiere warfen schnaubend die Köpfe hoch und verfielen von selbst in einen leichten Trab. Ich tätschelte Kynietz den Hals, er wandte mir kurz den Kopf zu und sah mich aus seinen großen braunen Augen zwischen dem rudimentären Hornansatz wie verstehend an.

Mit dem Wind wehte uns aber auch ein unbekannter, seltsamer Geruch entgegen. Er kam aus dem Blutdschungel, der sich zu unserer Rechten wie eine dunkle Wand aus dem Nebel hob. Ich sog ihn prüfend ein und versuchte die darin enthaltenen unterschiedlichen Komponenten zu unterscheiden.

Der Hauptbestandteil war zweifellos der Duft verschiedener Blüten. In ihn mischten sich aber auch andere, weit weniger angenehme Dinge. Es roch auch nach Verwesung und Moder, was darauf hinwies, dass es in dieser Zone den üblichen ständigen Kampf ums Überleben gab.

Dann war die Stadt hinter uns versunken. Wir waren allein und ritten zwischen niedrigen Büschen dahin. Nun schien es mir an der Zeit, mein Vorhaben durchzuführen. Ich zügelte mein Tier, brachte es zum Stehen, und Razamon folgte meinem Beispiel.

»Steig ab«, forderte ich ihn auf und sprang selbst von dem Yassel. »Hier wird uns niemand mehr stören. Wir können also jetzt in Ruhe nachsehen, was uns Lastor als Fracht für Wolterhaven anvertraut hat.«

Das Gesicht des Atlanters verzog sich.

»Dachte ich es mir doch!«, meinte er sarkastisch. »Du bist zwar nicht neugierig, aber du willst immer alles wissen.«

Wir führten die Reittiere zur Seite und nahmen ihnen die Trensen aus dem Maul, so dass sie grasen konnten. Sie blieben erstaunlich ruhig, obwohl zuweilen aus dem Blutdschungel die wilden Schreie irgendwelcher Tiere zu uns herüberdrangen.

Natürlich war es nicht legal, was ich vorhatte. Der Händler hatte es uns sogar streng untersagt, nach den Dingen zu sehen, die wir in den Satteltaschen mit uns führten. Ob er wirklich im Ernst annahm, dass wir uns daran halten würden?

Für so naiv dürfte er euch wohl kaum gehalten haben, sagte mein Extrasinn dazu. Vermutlich nimmt er an, dass ihr mit der Ware nicht viel anzufangen wisst. Anderenfalls hätte er sie euch als vollkommen Fremden wohl kaum anvertraut.

»Wir werden es sehen«, sagte ich leise und öffnete den Verschluss der linken Satteltasche.

Obenauf lagen, in Tücher eingeschlagen, die für unseren Verzehr unterwegs bestimmten Lebensmittel und Wasserblasen. Als ich sie ausgeräumt hatte, kam ein hölzerner Zwischendeckel zum Vorschein, der mit Riemen und Schnallen an den Seiten der Tasche befestigt war. Sie waren so raffiniert angebracht, dass ich einige Minuten brauchte, bis ich sie endlich gelöst hatte. Ich hob den Deckel heraus und schüttelte dann verwundert den Kopf.

»Enttäuscht, Lordadmiral?«, fragte Razamon, der mir über die Schulter sah. Zuweilen konnte er sich Anspielungen auf meine Stellung im Solaren Imperium nicht verkneifen. Einem Imperium, das galaxisweit von uns entfernt schien, obwohl wir uns doch nach wie vor auf der Erde befanden.

Wir sahen große ledrige Blätter, die man als Verpackungsmaterial für unterschiedlich große Gegenstände benutzt hatte. Vorsichtig hob ich eines davon heraus und wickelte es auf.

»Ein Stein!«, stellte mein Gefährte kopfschüttelnd fest.

Ich war nun wirklich enttäuscht. Was ich da in der Hand hielt, war tatsächlich nichts weiter als ein etwa pflaumengroßer tropfenförmiger Stein. Erst als das Licht der Sonne darauf fiel, änderte sich meine Ansicht.

Der simple Stein begann plötzlich auf seltsame Art und Weise zu glitzern. Die Sonnenstrahlen brachen sich auf seiner Oberfläche, bunte Farben huschten darüber hin und veränderten sich im raschen Wechsel.

»Was hältst du davon?«, erkundigte ich mich.

Er wiegte den Kopf.

»Bisher habe ich noch nichts Ähnliches gesehen, Freund. Hypnosteine können es nicht sein, sonst müssten wir bereits ihren Einfluss spüren. Wie fühlt sich der Stein an, gibt es irgendwelche Hinweise auf seine Besonderheit?«

»Keine, die ich feststellen könnte«, gab ich zurück. »Hier, begutachte ihn selbst. Vielleicht erinnert er dich an etwas, das dir früher schon einmal begegnet ist.«

Razamon nahm ihn, betrachtete ihn von allen Seiten und führte ihn bis dicht vor die Augen.

»Jetzt hab ich's!«, stieß er plötzlich triumphierend aus.

*

»Was hast du?«, fragte ich provozierend, als er in dieser Haltung unbeweglich stehen blieb. »Einen Sonnenstich vielleicht, obwohl die Sonne ja eigentlich noch viel zu schwach ist?«

Razamon aber gab keine Antwort, sondern verharrte weiter in seiner Stellung. Schließlich nahm ich ihm kurzerhand den Stein wieder ab, und er schien wie aus einem Traum zu erwachen. Für einige Sekunden wirkte er vollkommen desorientiert, und das weckte naturgemäß meine Neugier. Ich hob den Stein selbst vor die Augen und sah hindurch.

Tatsächlich, ich konnte hindurchsehen!

Ich sah die gesamte Umwelt wie in einem irrlichternden, leuchtenden Feuer. Die gewöhnlichen Büsche um uns herum waren plötzlich von einer strahlenden farbigen Aureole umgeben, die sie wie faszinierende Meisterwerke eines großen Künstlers erscheinen ließ. Eine bisher unbekannte Verzückung erfasste mich. Ich drehte mich zur Seite und sah nun Kynietz als ein ätherisches, elfenhaftes Wesen. Dieser Anblick war so zauberhaft, dass ich es einfach nicht vermochte, mich von ihm zu lösen.

Psychische Beeinflussung, Bewusstseinserweiterung nach Art der Halluzinogene!, stellte mein Logiksektor nüchtern analysierend fest. Was du da siehst, ist nur eine Illusion durch Spektralverschiebung in fremde Wellenbereiche, die deinen Augen normalerweise nicht zugänglich sind.

Diese Impulse muteten brutal an, aber sie erfüllten ihren Zweck und ernüchterten mich. Ich nahm den Stein von den Augen, und nun erschien mir die Umwelt fast trist und unerträglich öd. Dann begegnete ich Razamons Blick, und seine Bemerkung holte mich endgültig in die Realität zurück.

»Nun, wer hat hier den Sonnenstich?«, fragte er mit einem ironischen Lächeln. Ich zwang mich zu einer ruhigen und sachlichen Antwort.

»Okay, jetzt wissen wir also Bescheid. Natürlich musste auch Lastor wissen, was sich mit diesen Steinen alles erreichen lässt. Die Abnehmer in Wolterhaven dürften ihre Wirkung ebenfalls kennen und entsprechende Preise dafür zahlen. Das werden sie aber wohl auch noch tun, wenn wir mit einiger Verspätung dort eintreffen, denke ich.«

»Ein Umweg?«, meinte Razamon mit gerunzelter Stirn. »Wohin willst du gehen, wenn nicht nach Wolterhaven?«

»Nach dieser Stadt schon, nur nicht auf dem von Lastor angegebenen Weg. Warum sollen wir parallel zur Straße der Mächtigen durch unwegsames Gelände reiten, wenn wir sie selbst benutzen können? Dass sie von den Einheimischen gemieden wird, obwohl es keine Fallen zu geben scheint, sollte uns nicht abschrecken. Außerdem haben wir die Chance, unterwegs auf den Göttersohn Balduur zu stoßen! Dieser Abschnitt untersteht ihm schließlich, und irgendwo an der Straße soll sein mysteriöses Haus liegen. Von ihm könnten wir wichtige Informationen erhalten, die uns unserem Endziel näherbringen.«

Razamon fuhr sich mit der knochigen Hand durch das blauschwarze Haar.

»Das hat einiges für sich«, räumte er ein. »Vielleicht würde es uns den Weiterritt nach Wolterhaven sogar ganz ersparen. Gut, ich bin dabei.«

Ich hatte inzwischen weitere Illusionssteine aus der Tasche geholt und sah probeweise hindurch. Es gab verschiedene Größen, bis hinauf zum Gänseei. Je größer sie waren, um so stärker war auch ihre Wirkung auf meine Sinne. Ich erlebte eine Vielfalt verschiedener Wahrnehmungen, sah alle Gegenstände idealisiert, von leuchtenden Aureolen in nie gesehenen Farben umgeben.

Natürlich hütete ich mich davor, erneut in ihren Bann geschlagen zu werden. Ich verstaute sie wieder in der Satteltasche und brachte diese in den früheren Zustand. Dann nickte ich meinem Gefährten zu.

»Dann sind wir uns also einig. Machen wir uns also gleich auf den Weg. Die Yassels werden immer unruhiger, weil sie ständig von diesen Stechinsekten belästigt werden.«

Es waren nun schon ganze Schwärme, die sich auf die beiden Tiere stürzten. Neben kleineren mückenähnlichen Exemplaren gab es auch große Fliegen mit grünlich schimmernden Flügeln. Allen gemeinsam waren immens lange Rüssel, mit denen sie das Fell der Yassels durchdringen konnten, um ihnen Blut abzuzapfen. Wir blieben dagegen von ihnen verschont.

Mit dürren Ästen verscheuchten wir den Großteil der surrenden Quälgeister und saßen dann wieder auf. Kynietz und Belzo wieherten befriedigt auf und trabten los. Es war inzwischen erheblich wärmer geworden, der Nebel hatte sich restlos verzogen.

Einige hundert Meter weiter lichtete sich das Buschwerk zur Linken, während der Dschungel bis auf knapp hundert Meter an uns heranrückte. Wir zügelten die Yassels und hielten nach einem Geländestreifen Ausschau, der uns eine gefahrlose Annäherung an die Straße der Mächtigen erlaubte.

In diesem Moment geschah es.

Ein lautes, bösartiges Summen lag plötzlich in der Luft, das sich uns vom Blutdschungel her näherte. Wir wandten uns um und erblickten einen riesigen Insektenschwarm, der genau auf uns zukam. Die Tiere waren so groß wie irdische Hornissen, rot und gelb gestreift, und zweifellos nicht weniger gefährlich als diese.

»Los, weg von hier!«, rief ich Razamon zu und gab Kynietz die Sporen.

Unsere Reittiere hatten den Schwarm natürlich auch bemerkt. Sie schienen die Insekten bereits zu kennen, denn sie gerieten augenblicklich in wilde Panik. Weder Belzo noch Kynietz reagierten noch auf Sporen, Schenkeldruck oder Zügel. Schrill aufwiehernd rasten beide los, bockten dabei und keilten wie verrückt vor Angst aus.

Bisher hatten wir die beiden Yassels nur als ruhige und folgsame Tiere kennen gelernt. Ihr Durchgehen überraschte uns so sehr, dass wir uns nur wenige Sekunden in den Sätteln zu halten vermochten. Zuerst flog ich in hohem Bogen durch die Luft und landete mitten im Gestrüpp. Razamon folgte mir nur Sekundenbruchteile später.

Wir rappelten uns wieder auf und fluchten um die Wette, aber das nützte uns wenig. Mit verkniffenen Gesichtern sahen wir den Yassels nach, die nun auf den Dschungel zurasten, von der Wolke der blutgierig summenden Insekten gefolgt.

Gleich darauf waren sie zwischen den Bäumen verschwunden. Razamon lachte bitter auf.

2.

Ich stand da, massierte meinen schmerzenden linken Arm und überlegte. Viel kam dabei allerdings nicht heraus, Razamons Analyse unserer Lage hatte alles bereits vorweggenommen.

Außer den Messern, den armbrustähnlichen Skerzaals und den dazu gehörenden Bolzen besaßen wir nichts mehr! Das war auf jeden Fall zu wenig, um unseren Weg nach Wolterhaven fortzusetzen. Bis dorthin waren mehr als hundert Kilometer zurückzulegen, soviel ich wusste. Und das unter uns vollkommen unbekannten, vermutlich aber wenig günstigen Umständen.

»Wir müssen versuchen, die Yassels wieder einzufangen«, erklärte ich. »Vermutlich ist es ihnen gelungen, den Schwarm im Wald abzuhängen, und dann dürften sie sich wieder beruhigt haben. Die Aussichten, sie wieder einfangen zu können, sind also gar nicht so schlecht.«

Das Gesicht meines Gefährten blieb finster.

»Natürlich hast du Recht«, gab er missmutig zu. »Die einzige Alternative wäre die Rückkehr nach Orxeya, aber dort würde uns auch nichts Gutes erwarten.«

Ich rückte meine verrutschte Waffe wieder zurecht und zog das Messer.

»Dann also nichts wie los! Zweifellos ist der Boden drüben im Dschungel weich, die Yassels werden also Spuren hinterlassen haben. Mit etwas Glück können wir schon bald weiterreiten.«

»Das walte Balduur«, knurrte Razamon und setzte sich in Bewegung.

Je näher wir der düsteren Wand aus hoch aufragenden Bäumen kamen, um so wärmer wurde es. Der Blutdschungel strahlte eine feuchte Schwüle aus, die uns bald dazu zwang, die Jacken zu öffnen. Der aufdringliche Geruch wurde immer stärker und nahm uns fast den Atem.

Pthor war eine rätselhafte Welt voller Gegensätze. Das traf sogar auf die Klimazonen zu, die ich in einer derart scharf abgegrenzten Form noch auf keinem Planeten angetroffen hatte. Noch in Orxeya hatte nichts darauf hingewiesen, dass es schon wenige Kilometer weit derart drastische Veränderungen geben würde. Als uns Lastor unsere Kleidung übergab, hatte er sogar ausdrücklich auf die kalten Nächte hingewiesen, die uns unterwegs bevorstehen sollten.

Im Anfang war es leicht für uns, den richtigen Weg zu finden. Die davonstürmenden Yassels hatten alles niedergetrampelt, was ihnen im Weg gewesen war. Wir folgten der Spur ihrer Hufe und kamen an die Bresche, die sie in das Unterholz zwischen den Bäumen gerissen hatten.

Sie war noch deutlich erkennbar, aber der Urwald war schon wieder dabei, diese Lücke zu schließen. Üppig wuchernde, von den Bäumen herabhängende Lianengewächse zogen sich von allen Seiten zusammen und zwangen uns dazu, die Messer einzusetzen. Die betroffenen Gewächse schnellten hastig zur Seite, rollten sich ein, und aus den Schnittwunden ergoss sich eine grünliche warme Brühe über uns.

Andere reagierten in genau gegenteiliger Weise. Ihre Ranken peitschten wie Fangarme auf uns zu, in dem sichtlichen Bestreben, uns zu umschlingen. Sie waren mit zahlreichen Saugnäpfen besetzt, die uns nachdrücklich vor Augen führten, welches Schicksal uns bevorstand, wenn wir in ihrer tödlichen Umarmung hängenblieben. Nur der pausenlose Einsatz der Messer half uns weiter.

Ich ging voran, denn Razamon hatte zu humpeln begonnen. Bei dem Sturz hatte er sich das linke Bein aufgeschlagen, und außerdem machte ihm zusätzlich der ominöse »Zeitklumpen« zu schaffen, der an seinem Bein hing, wie er behauptete.

Eine neue Liane schnellte auf mich zu, und ich hob mein Messer. Dann duckte ich mich jedoch rasch, denn ich bemerkte eben noch rechtzeitig, was diese »Liane« in Wirklichkeit war. Es handelte sich um eine armdicke, von den Ästen herunterhängende Baumschlange mit perfekter Farbtarnung! Ihr eckiger Kopf mit der gespaltenen Zunge und den langen Giftzähnen pendelte nur um eine Handbreit an meinem Gesicht vorbei.

»Herzlichen Glückwunsch!«, knurrte Razamon, der sie mit einem raschen Messerhieb köpfte. »Wenn das so weitergeht, sehe ich schwarz für uns, verehrter Lordadmiral.«

Zu unserem Glück blieb es aber nicht so. Als wir ungefähr hundert Meter zurückgelegt hatten, lichtete sich das Unterholz, und es gab keine Lianen mehr. Das Blattwerk der Bäume über uns war so dicht, dass es kaum noch einen Lichtschimmer durchließ. Es war so dunkel, dass andere Pflanzen einfach keine Lebensgrundlage mehr fanden, soweit sie auf Kohlenstoffassimilation durch Photosynthese angewiesen waren.

Dafür stießen wir bald darauf auf seltsame bleiche Strünke, die sich wie ausgebleichte Knochen aus dem Boden reckten.

Ich trat mit dem Fuß dagegen, um sie zu beseitigen, zog ihn aber dann recht schnell wieder zurück. Ein hölzernes Rasseln erklang, und die Strünke schnappten nach meinem Bein, um es zu umschlingen. Es schien sich dabei um eine besondere Art von fleischfressender Pflanze zu handeln, die hier auf der Lauer lag.

Erneut traten unsere Messer in Aktion und beseitigten diese Falle. So lernten wir im Verlauf einer knappen halben Stunde noch verschiedene Widerwärtigkeiten des Blutdschungels kennen. Wir waren förmlich in Schweiß gebadet, als dann endlich ein Lichtschimmer verriet, dass es vor uns eine Lichtung gab.

Wir erreichten sie und atmeten dankbar auf. Zu früh, wie sich gleich darauf herausstellen sollte.

Als sich unsere Augen an die veränderten Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, stöhnten wir in maßloser Enttäuschung auf. Wir hatten unsere Yassel gefunden, aber sie waren tot!

Sie waren jedoch weder den Mordinsekten noch den anderen Gefahren des Dschungels zum Opfer gefallen. Schon die ersten Blicke zeigten uns, dass ihr Ende gänzlich anderen Feinden zuzuschreiben war. Sie waren hilflos verblutet, denn man hatte ihnen die Kehle durchgeschnitten ... Razamon fluchte hemmungslos.