Arturos Insel - Elsa Morante - ebook

Arturos Insel ebook

Elsa Morante

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Opis

Elsa Morante hat nicht nur, wie die »Neue Zürcher Zeitung« schrieb, »durch Arturo die Weltliteratur um eine der schönsten Knabengestalten bereichert«, sondern es gelang ihr auch, ein fast vergessenes Italien in farbenprächtigen Bildern festzuhalten. Arturo, der rückblickend seine Kindheitserinnerungen erzählt, wird nicht müde, die Schönheiten seiner Insel Procida zu schildern: ein Paradies, wo der Knabe mutterlos und unbewacht aufwächst, barfuß, mit wirrem Haar, beinahe wie ein wildes Tier über die Insel streifend, im Wasser genauso zu Hause wie auf dem Land. Eines Tages bringt die Fähre eine junge Stiefmutter ins Haus. In der Furcht, den ohnehin kaum gegenwärtigen Vater zu verlieren, überzieht Arturo das ängstliche, unselbständige Mädchen mit Spott – bis er plötzlich begreift, dass das Unmögliche geschehen ist: Er hat sich in Nunziata verliebt ...

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Aus dem Italienischen von Susanne Hurni-Maehler

Alle Rechte vorbehalten. Jede Vervielfältigung und Verwertung der Texte, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für das Herstellen und Verbreiten von Kopien auf Papier, Datenträgern oder im Internet sowie Übersetzungen.

E-Book-Ausgabe 2016

© 1957 Giulio Einaudi Editore, Torino

© 1997, 1999, 2002, 2005, 2016 für die deutsche Ausgabe:

Verlag Klaus Wagenbach, Emser Str. 40/​41, 10719 Berlin

Covergestaltung Groothuis + Malsy unter Verwendung des Fotos Am Wasser von Erwin von Dessauer

Das Karnickel zeichnete Horst Rudolph

Datenkonvertierung bei Zeilenwert, Rudolstadt

ISBN: 978 3 8031 4209 2

Auch in gedruckter Form erhältlich: ISBN 978 3 8031 2514 9

www.wagenbach.de

Erstes Kapitel

König und Stern des Himmels

…il Paradiso

altissimo e confuso…

Eines der ersten Dinge, deren ich mich rühmte, war mein Name. Früh hatte ich erfahren (›er‹ war, scheint mir, der erste, der es mir mitteilte), daß Arkturus ein Stern ist: das schnellste und strahlendste Licht im Sternbild des Bootes am nördlichen Himmel; und daß außerdem ein König des Altertums diesen Namen trug, Anführer einer Schar von Getreuen, welche alle Helden waren gleich ihrem König und von ihrem König ebenbürtig behandelt wurden wie Brüder.

Leider brachte ich dann in Erfahrung, daß dieser berühmte Arthur, König von Britannien, nur eine Legende, nicht verbürgte Geschichte war, und so kümmerte ich mich nicht mehr um ihn, anderer Könige wegen, die historischer waren (meiner Meinung nach waren Legenden etwas Kindisches). Aber ein anderer Grund genügte mir, dem Namen Arturo dennoch einen heraldischen Wert zu verleihen: daß nämlich die, welche mir diesen Namen bestimmt hatte (obgleich sie, glaube ich, die damit verbundenen Symbole nicht kannte), meine Mutter gewesen war. An sich war sie nichts weiter als eine kleine, einfache Frau, die nicht lesen und schreiben konnte, für mich aber mehr als eine Fürstin.

Von ihr habe ich in Wirklichkeit immer nur wenig, beinahe gar nichts gewußt: da sie nämlich im Alter von kaum achtzehn Jahren starb, in demselben Augenblick, als ich, ihr erstes Kind, geboren wurde. Und das einzige Bild von ihr, welches ich jemals gekannt habe, war eine Abbildung auf einer Postkarte: eine verblichene, mittelgroße und fast schemenhafte, zarte Gestalt. Doch galt ihr die phantastische Verehrung meiner ganzen Kindheit.

Der arme Wanderphotograph, dem dieses einzige Bild von ihr zu verdanken ist, hat in den ersten Monaten ihrer Schwangerschaft diese Aufnahme gemacht. Ihr Körper läßt selbst unter den Falten ihres weiten Kleides schon erkennen, daß sie schwanger ist, und sie hält ihre beiden kleinen Hände vor sich gefaltet, als wollte sie sich verbergen, in einer Gebärde voll Schüchternheit und Scham. Sie ist sehr ernst und in ihren Augen liest man nicht allein jene Unterwürfigkeit, die fast allen unseren Mädchen und jungen Frauen vom Lande eigentümlich ist, sondern ein erstauntes und leicht verängstigtes Fragen; als ahne sie unter den üblichen Täuschungen der Mutterschaft schon ihre Bestimmung zum Tode und zum ewigen Nicht-Wissen.

Die Insel

Die Inseln unseres Archipels dort unten im Meer von Neapel sind alle schön.

Ihr Boden ist zum großen Teil vulkanischen Ursprungs, und besonders in der Nähe der einstigen Krater sprießen Tausende von Blumen wild empor, wie ich sie ähnlich niemals auf dem Festland wiedersah. Im Frühling bedecken sich die Hügel mit Ginster: du erkennst seinen scheuen und schmeichelnden Duft, sobald du dich unseren Häfen näherst, wenn du im Monat Juni vom Meere herüberkommst.

Die Hügel hinan zu den Feldern führen auf meiner Insel einsame Wege, eingebettet zwischen altertümlichem Gemäuer; dahinter erstrecken sich Obstgärten und Weinberge, die kaiserlichen Gärten gleichen. Auf meiner Insel gibt es verschiedenartigen Strand mit hellem und weißem Sand und andere kleinere Ufer mit Kieseln und Muscheln bedeckt und zwischen großen Felsenklippen verborgen. Auf diesen Klippen, welche wie Türme aus dem Wasser ragen, bauen die Möwen und die Wildtauben ihr Nest, und besonders am frühen Morgen sind ihre Stimmen zu vernehmen, bald klagend, bald wieder heiter. Dort ist an ruhigen Tagen das Meer sanft und frisch und benetzt das Gestade wie Tau. Ach, ich begehre ja nicht, eine Möwe zu sein, auch nicht ein Delphin; ich wäre es zufrieden, eine Stachelkrake zu sein, welche der häßlichste Fisch des Meeres ist, wäre ich nur wieder dort unten, mich zu tollen in jenen Gewässern.

Um den Hafen herum sind alle Wege nur enge, sonnenlose Gäßchen zwischen den bäuerlichen, jahrhundertealten Häusern, welche streng und traurig aussehen, wenngleich sie in den schönen Farben der Muscheln rosa und aschgrau getönt sind. Auf der Brüstung der kleinen, fast wie Schießscharten schmalen Fenster sieht man hin und wieder eine Nelkenpflanze, die aus einer Blechbüchse wächst; oder auch einen winzigen Käfig, der, man könnte meinen, für eine Grille geeignet wäre, aber eine gefangene Turteltaube einschließt. Die Kaufläden sind tief und finster wie Räuberhöhlen. In der Kaffeestube am Hafen gibt es einen Kohlenherd, auf dem die Inhaberin den Kaffee nach türkischer Art kocht, in einer türkisblauen, emaillierten Kaffeekanne. Die Wirtin ist seit etlichen Jahren Witwe und trägt noch immer das schwarze Trauerkleid, das schwarze Umschlagtuch und schwarze Ohrringe. Die Photographie des Verstorbenen hängt an der Wand neben der Kasse, mit einer Girlande staubiger Blätter umkränzt.

In seiner Schenke, dem Standbild Christi als Fischer gegenüber, zieht der Gastwirt einen Uhu auf– mit einer kleinen Kette ist er an eine Stange gebunden, die oben aus der Wand hervorspringt. Der Uhu hat schwarze und graue weiche Federn, ein elegantes Häubchen auf dem Kopf, azurblaue Lider und große, schwarzumrandete Augen von goldroter Farbe. Einer seiner Flügel blutet beständig, weil er selber ihn fortwährend mit dem Schnabel zerfleischt. Wenn du die Hand ausstreckst und ihn leicht an der Brust kitzelst, neigt er das Köpfchen mit einem verwunderten Ausdruck zu dir herab.

Sobald es Abend wird, beginnt er wild mit den Flügeln zu schlagen, versucht sich loszureißen und aufzuschwingen und fällt wieder zurück. Manches Mal hängt er dann flatternd mit dem Kopf nach unten an seinem Kettchen.

In der Kirche am Hafen, der ältesten auf der Insel, sind Heilige aus Wachs aufgestellt, knapp drei Spannen groß, in Glaskästchen eingeschlossen. Sie tragen Gewänder aus vergilbter echter Spitze, verblichene Mantillen aus leichtem Brokat, echte Haare, und von ihren Handgelenken hängen winzige Rosenkränze aus echten Perlen herab. Auf ihren leichenblassen kleinen Fingern sind die Nägel durch fadendünne Zeichen rot angedeutet.

In unserem Hafen legen fast niemals jene eleganten Sport- oder Segelboote an, welche die anderen Häfen des Archipels so zahlreich bevölkern; du wirst hier außer den Fischerbooten der Inselbewohner nur kleine Nachen und schwere Lastkähne finden. Der weite Hafenplatz erscheint zu vielen Stunden des Tages nahezu verlassen; zur Linken, bei der Statue Christi als Fischer, wartet eine einzige kleine Mietdroschke auf die Ankunft des Kursdampfers, der wenige Minuten bei uns anhält und höchstens drei oder vier Passagiere an Land bringt, meistens Leute von der Insel. Niemals, auch nicht in der schönen Jahreszeit, sind unsere einsamen Strandufer von dem Lärm der Badenden erfüllt, die aus Neapel und aus allen Städten, aus allen Teilen der Welt an den anderen Strandplätzen der Umgebung zusammenströmen. Und wenn zufällig ein Fremder in Procida aussteigt, so wundert er sich, hier nicht jenes buntgemischte, heitere Leben zu finden, Feste und Lustbarkeiten auf den Straßen, Gesang, Mandolinen- und Gitarrenklänge, derentwegen die Gegend von Neapel auf der ganzen Erde berühmt ist. Die Procidaner sind unzugänglich, schweigsam. Die Türen sind stets verschlossen; niemand zeigt sich an den Fenstern; eine jede Familie lebt innerhalb ihrer vier Wände, ohne sich um die anderen Familien zu kümmern. An Freundschaften findet man wenig Gefallen bei uns. Und die Ankunft eines Fremden erweckt nicht Neugier, sondern eher Mißtrauen. Wenn er Fragen stellt, antwortet man ihm nur ungern; denn die Leute auf meiner Insel lieben es nicht, ausgehorcht zu werden in ihrer eigenen Verschwiegenheit. Sie sind von kleiner Rasse, dunkel, mit schwarzen, länglichen Augen wie die Orientalen. Und man könnte meinen, sie seien alle untereinander verwandt, so ähnlich sind sie einander. Die Frauen leben nach altem Brauch in einer Klausur wie die Nonnen. Viele von ihnen tragen das lange Haar noch aufgesteckt, ein Tuch um den Kopf geschlungen, lange Kleider und, im Winter, Holzpantoffeln über den groben schwarzen Baumwollstrümpfen, während im Sommer manche barfuß gehen. Wenn sie auf bloßen Füßen eilig und geräuschlos vorüberlaufen und den Begegnungen ausweichen, dann sind sie wie wilde Katzen oder wie Marder. Sie gehen niemals zum Strand hinunter; für die Frauen ist es Sünde, im Meer zu baden, und selbst andere baden zu sehen, ist Sünde.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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