Wintersterne - Isabelle Broom - ebook

Wintersterne ebook

Isabelle Broom

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Opis

Eine Reise ins magische, verschneite Prag: Für Megan, Hope und Sophie ist das die perfekte Gelegenheit, um vor ihren Problemen wegzulaufen. Sie lernen sich in einer Hotelbar kennen, und obwohl die drei Frauen völlig unterschiedlich sind, verstehen sie sich auf Anhieb. Gemeinschaftliche Streifzüge durch die winterlich verzauberte Stadt konfrontieren sie mit ihrer Vergangenheit und führen sie zu besonderen Begegnungen. Und vor allem zu sich selbst.

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EPUB
MOBI

Liczba stron: 580




Das Buch

»Diese Stadt hat etwas Magisches«, sagte Hope. »Das spürt man. Hier liegt etwas in der Luft, wie ein geflüstertes Geheimnis, das der Wind heranweht. Ich weiß, das hört sich verrückt an.«

»Nein, keineswegs.« Megan nickte bestätigend. »Ich verstehe genau, was du meinst.« Hope lächelte, aber sie war froh, dass sie nicht die Einzige war, die Prag als etwas Besonderes empfand. Als sie an diesem Morgen auf der Karlsbrücke an ihren geheimen Wunsch gedacht hatte, war sie wirklich davon überzeugt gewesen, dass er in Erfüllung gehen könnte. In diesem Moment, während der eisige Wind ihr in die Wangen biss und in der Ferne die Kirchenglocken läuteten, hatte sie sich erlaubt, an Magie zu glauben. Ein Jahr und ein Tag war allerdings eine lange Wartezeit, wenn ihr spezieller Wunsch Wirklichkeit werden sollte. Vielleicht sollte sie sich daran machen, selbst ein bisschen zu zaubern.

»Ein Roman. der das Herz berührt. Perfekt für lange Winterabende.«     Sunday Mirror

Über die Autorin

Isabelle Broom, geboren 1979 in Cambridge, hat Medienwissenschaft an der University of West London studiert und arbeitet als Redakteurin und Autorin. »Wintersterne« ist ihr zweiter Roman im Diana Verlag.

ISABELLE BROOM

ROMAN

Aus dem Englischen

von Uta Rupprecht

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Von Isabelle Broom sind im Diana Verlag erschienen:

Olivensommer

Wintersterne

Deutsche Erstausgabe 11/2017

Copyright © 2016 by Isabelle Broom

Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel A Year and a Day bei Penguin Random House UK

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2017 by Diana Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Dr. Katja Bendels

Umschlaggestaltung: FAVORITBUERO, München

Covermotiv: © GooDween123/shutterstock.com, smirart/shutterstock.com

Satz: Leingärtner, Nabburg

Alle Rechte vorbehalten

e-ISBN 978-3-641-18895-5V001

www.diana-verlag.de

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Für Sadie

PROLOG

Als die Nacht hereinbrach, begann es zu schneien, und mit dem Schnee kam die Stille. Diese magische, beinahe ätherische Ruhe, wenn die Schneeflocken sanft fallen und es scheint, als würde die Welt mit all ihren Bewohnern innehalten, um diese Schönheit zu bewundern.

Nur einer Frau waren die Schneeflocken gleichgültig, sie nahm sie nicht einmal wahr. Angezogen von den dunklen Wassermassen, die unter ihr dahinflossen, stand sie neben der Steinmauer am Rand der Brücke auf dem nassen Kopfsteinpflaster und atmete helle Wölkchen in die kalte, unbewegte Luft.

Was wäre es wohl für ein Gefühl, dort hineinzuspringen?, fragte sie sich. Würde der Fluss sie mit seinen eisigen Fingern durchbohren, würde sie husten und spucken und panisch die Arme nach oben reißen? Oder würde sie nichts weiter spüren als unendliche Erleichterung? Dieser zweite Gedanke war auf köstliche Weise verlockend. Die letzten Tage waren so anstrengend gewesen, und sie war so müde. Erschöpft von der Verwirrung, der Unsicherheit, dem Schmerz.

Als sie die ersten Uhren schlagen hörte, schloss sie die Augen. Jeder einzelne Ton, der unabsichtlich einen Schlusspunkt markierte, erschütterte sie bis ins Mark: ein Countdown der verlorenen Hoffnung, eine Sinfonie der Verzweiflung. Der Schnee fiel jetzt noch dichter, und durch ihre Tränen hindurch konnte sie kaum noch etwas sehen.

Nur ein Schritt hinauf aufs Geländer, ein Bein hinübergeschwungen, ein letztes Luftholen und dann der Sprung. In einer Minute könnte alles vorbei sein.

Hoch über der Brücke hing zwischen dicken Schneewolken der stolze Mond. Von dort oben war die Welt nur ein buntes Pennystück in einem schwarzen Ozean, ein leuchtender Kieselstein voller Leben und Liebe, Traurigkeit und Freude. Das Mondlicht beleuchtete die Statuen auf der Brücke und ließ das Blattgold auf ihnen in der nächtlichen Dunkelheit blau erstrahlen. Es schneite immer noch.

Der letzte Uhrenschlag war verklungen, und nun war es so weit. Sie atmete tief ein und drückte die Hände fest auf die Steinmauer, um sich beim Hinaufklettern abzustützen. Aber als sie den Fuß hob, hörte sie jemanden rufen.

Er war es. Er war gekommen.

1

Megan knüllte ihre Jeans zusammen und schleuderte sie durchs Zimmer, so fest sie konnte. Mit einem enttäuschend leisen Aufprall traf die Hose die Wand und rutschte hinunter auf den Haufen aus drei T-Shirts und fünf Unterhosen, die sie bereits in dieselbe Richtung geworfen hatte.

Im Packen war sie immer gut gewesen, worauf sie ziemlich stolz war. Die Kleidungsstücke ordentlich zusammengerollt, die Socken in die Schuhe gestopft, Duschlotion, Shampoo und Ähnliches in kleine Fläschchen abgefüllt, und immer noch genug Platz im Koffer für Mitbringsel und Einkäufe unterwegs.

Dieses Mal war das Packen eine einzige Katastrophe.

Was sollte man denn mitnehmen auf eine Reise mit einem Mann, der ein guter Freund war, aber mehr ganz sicher nicht? Einem Mann, den man vor Ewigkeiten mal in betrunkenem Zustand geküsst hatte, aber nie wieder küssten wollte. Einem Mann, der die Einladung zu dieser Reise nach Prag ausgesprochen hatte, alles ganz platonisch natürlich, der aber mit Sicherheit keine Freundin hatte. Einem Mann, mit dem man in den nächsten fünf Tagen jede Menge Zeit allein verbringen würde. Einem Mann, mit dem man sogar das Bett teilen musste.

Es war ziemlich absurd.

Megan hatte nicht auf ihre Freundinnen hören wollen, die prophezeiten, dass diese Reise in Tränen enden würde. Verdammt, sogar ihre Mutter hatte ein paar warnende Worte verloren.

»Ich fände es schlimm, wenn dem armen Jungen wehgetan wird«, hatte sie gesagt. Typisch Mum.

Megan hatte alle Bedenken beiseitegewischt und erklärt, das gehe schon in Ordnung. Ollie wisse doch, dass dieser dumme Kuss damals eine einmalige Sache gewesen sei. Sie seien einfach gute Freunde.

Trotzdem – alles ganz schön absurd.

Sollte sie das schwarze Kleid mit dem tollen Ausschnitt einpacken? Es stand ihr gut, und sie zog es gerne an, aber musste Ollie dann nicht annehmen, sie wollte seine Aufmerksamkeit erregen? Würde sie ihn damit ungewollt anmachen? Und was war mit dem Schlafanzug? Wenn sie den neuen aus Satin mit Spitzenverzierung mitnahm, würde er es dann als Einladung für ein wenig freundschaftliches Gefummel unter der Bettdecke verstehen? Aber die einzige Alternative war die ausgeleierte Kombi aus T-Shirt und Shorts, die seit der Uni in ihrer Kommodenschublade herumgammelte. Und sie wollte ja nicht wie eine totale Schlampe wirken. Ein echtes Problem.

Gerade noch völlig unschuldig wirkende Trägerhemdchen rochen auf einmal nach Verführung, Jeans, die am Hintern perfekt saßen, kamen ihr geradezu nuttig vor, und was die Unterwäsche anging … da wusste sie überhaupt nicht, wo sie anfangen sollte. Ein einziger Haufen roter Fähnchen für einen sexverrückten Stier. So hatte das alles keinen Sinn. Sie würde doch noch in den allerlangweiligsten Londoner Kleiderladen gehen und sich dort eine Grundausstattung aus den fadesten und am wenigsten verführerischen Teilen zusammenstellen müssen. Na super.

Megans Telefon vibrierte in ihrer Hosentasche. Eine Nachricht von Ollie:

Hast du schon alles gepackt?

Ich freu mich auf morgen.

Bier um 6 Uhr früh am

Flughafen, okay? Du zahlst x

O Gott, er hatte einen Kuss angehängt. Es fing schon an.

Megan kaute auf ihrer Unterlippe, während sie überlegte, was sie antworten sollte. Schließlich entschied sie sich für:

Seit Stunden fertig mit Packen, du Niete.

Und DU zahlst.

Kein Kuss für ihn, auf keinen Fall.

Seufzend wandte sie sich von der vollkommen hoffnungslosen Packerei ab und griff stattdessen nach ihrer Kamera. Sie liebte das Gefühl, sie in den Händen zu halten, das Gewicht und die Oberfläche des Gehäuses unter ihren geübten Fingern zu spüren, das leise Klicken, wenn das Objektiv einrastete, und die Freude, wenn sie schließlich den Auslöser drückte, um ihr Bild zu machen. Ein Schnappschuss, der einen einzelnen Moment für immer bewahrte, den Blick auf die Welt durch ihre Augen.

Nichts machte Megan glücklicher als das Fotografieren, es würde für sie immer an erster Stelle stehen. Kein Mann, keine Freundin, nicht einmal – kurz runzelte sie innerlich die Stirn – ihre Familie konnte da mithalten. Diese Kamera war genauso ein Teil von Megan wie Arme und Beine, Haut, Haare und Seele, und allein schon sie anzufassen, war mitten in diesem Haufen aussortierter Kleider ein Trost für sie.

Ollie hatte Megan erzählt, dass sein Unterricht in einer Klasse Achtjähriger sich in den nächsten Monaten ganz um die Stadt Prag drehen werde, und sie gefragt, ob sie ihn während seiner Studienwoche auf eine Exkursion dorthin begleiten würde, quasi als seine inoffizielle Fotografin. Megan hatte gründlich über Prag recherchiert, ehe sie ihre Entscheidung traf – und die Stadt sah einfach zauberhaft aus. Die kopfsteingepflasterten Straßen, die vielen Statuen, ganz zu schweigen von der wunderschönen Moldau, die mitten durch die Innenstadt floss. Prag war voll mit architektonischen Leckerbissen, teilweise aus einer Zeit noch vor dem 13. Jahrhundert, und Megan war so gespannt, dass sie eine Gänsehaut bekam, wenn sie daran dachte.

Diese Reise würde sie inspirieren, da war sie sich ganz sicher. So sicher, dass sie all ihren Mut zusammengenommen und hier in London für Mai einen Ausstellungsraum an der South Bank gemietet hatte. Das würde ihre erste große Präsentation in der Hauptstadt werden. Da in ein paar Wochen schon Weihnachten vor der Tür stand, war das zeitlich ziemlich knapp, aber so arbeitete sie am liebsten. Sich Termine setzen, Aufgabenlisten schreiben, sich antreiben, um endlich den Hintern hochzubekommen und die Zeit sinnvoll zu nutzen, etwas zu erreichen, irgendetwas – da war Megan in ihrem Element.

Ihr Telefon vibrierte erneut.

Dachte gerade – sollen wir

zusammen zum Flughafen fahren?

Taxi bei mir? x

Megan legte die Kamera weg und stöhnte. Sie war ja selbst schuld, dass sie zugestimmt hatte, einen Flug zu dieser unchristlich frühen Zeit zu buchen. Aber sie hatte keine Lust, nach einer viel zu kurzen Nacht auch noch um fünf Uhr früh den weiten Weg bis zu Ollie zu fahren. Und er hatte schon wieder einen Kuss angehängt.

Komm zu mir – ist einfacher.

Megan drückte auf »Senden« und sah, wie die Nachricht nach wenigen Augenblicken als empfangen gemeldet wurde. Wie sie vermutet hatte, antwortete Ollie umgehend.

O. k. Boss xx

ZWEI KÜSSE?

Den Rest des Nachmittags verbrachte Megan mit Aufschieben. Nachdem sie entschieden hatte, dass es lächerlich war, langweilige Kleidung zu kaufen, die sie nie wieder anziehen würde, packte sie ihre Sachen schließlich in den Koffer. Dann packte sie ihn noch einmal um und überlegte volle zwanzig Minuten lang, ob sie sich die Mühe machen sollte, ihre Beine zu rasieren. Als sie sich endlich sauber, enthaart und mit gepacktem Koffer vor dem Fernseher niederließ, ein Glas Rotwein in der Hand, war es fast zehn Uhr abends. Wenn Ollie um fünf Uhr am nächsten Morgen hier aufschlug, sollte sie jetzt besser ins Bett gehen. Aber es war noch fast eine halbe Flasche Wein übrig, und wenn sie für fünf Tage wegfuhr, wollte sie keine Reste hinterlassen – das wäre Verschwendung.

Als es an der Tür klingelte, hätte sie beinahe den Rest aus ihrem Glas verschüttet.

»Mist«, murmelte sie, griff nach dem Baseballschläger, der oben an der Treppe stand, und wickelte sich ihre Oversize-Jacke fester um den Körper. Inzwischen wohnte Megan seit mehr als zehn Jahren in Nord-London und war in all dieser Zeit noch nie überfallen, angegriffen oder auch nur bestohlen worden, aber eine allein lebende junge Frau konnte nie vorsichtig genug sein.

»Wer ist da?«, rief sie durch die geschlossene Tür.

Jemand kicherte leise, dann vernahm sie Ollies vertraute Stimme: »Der Mann aus deinen wildesten Träumen.«

Megan ließ den Schläger sinken, zog die Tür einen Spaltbreit auf und spähte hinaus auf ihren bebrillten Freund.

»Bist du nicht ein bisschen früh dran?«

»Wie meinst du das?« Ollie hatte wenigstens den Anstand, einen Moment lang irritiert dreinzuschauen. Dann bemerkte Megan den Koffer zu seinen Füßen.

»Ich dachte, du kommst morgen früh.«

»Was, um fünf Uhr morgens den ganzen Weg von Putney hierher? Das hätte ich nie gemacht. Ich dachte, du meinst, ich soll heute Abend noch kommen.«

Er sah nicht aus, als würde er lügen, und Megan zog die Tür noch ein Stückchen weiter auf.

»Du musst auf dem Sofa schlafen«, sagte sie und bemühte sich, nicht daran zu denken, dass sie Wuschelhundpantoffeln und keine Spur von Make-up trug.

Ollie hievte seinen Koffer über die Schwelle, und Megan ließ ihn vor sich die Treppe hinaufsteigen unter dem Vorwand, erst noch die Tür ordentlich verschließen zu müssen. In Wirklichkeit wollte sie nur verhindern, dass er ihr beim Hinaufgehen auf den Hintern starrte. Sie hatte ihn schon einmal dabei erwischt, als sie bedauerlicherweise eine sehr enge Jeans getragen hatte, aber ihr war schleierhaft, was er an ihrem Hinterteil so anziehend fand. Wenn sie es mit einem Wort beschreiben sollte, fiele ihr nur »monströs« ein.

»Nimm dir was von dem Wein«, forderte sie ihn auf, als sie oben im Wohnzimmer waren, obwohl sie wenig begeistert war, dass sie den Rest der Flasche nun teilen musste. Andererseits konnten sie beide in den nächsten Tagen so viel trinken können, wie sie wollten – Prag war berühmt für seine Bierlokale.

Als könnte er Gedanken lesen, sprach Ollie beim Anstoßen einen Toast auf »das erste von vielen weiteren Gläsern« aus, und sie gestattete sich zum ersten Mal ein Lächeln. Es gab vieles, was sie an Ollie mochte: Er war groß und hatte dichtes kastanienbraunes Haar, das er sogar regelmäßig wusch. Er hatte einen guten Job, der ihn beinahe täglich mit amüsanten Anekdoten versorgte, und einen engen Kontakt zu seinen Eltern, nicht nur wenn es unbedingt sein musste. Und er war witzig. Und außerdem – einen besseren und treueren Freund hatte sie noch nie gehabt.

»Meinst du nicht, dass es seltsam werden wird?«

Eigentlich hatte sie das gar nicht aussprechen wollen, aber sie war froh, als Ollie sie lediglich angrinste und ihr beruhigend die Hand auf den Arm legte.

»Nein.« Er schüttelte den Kopf. »Es wird bestimmt lustig.«

Er hatte seine Brille abgenommen, die in der tropischen Hitze von Megans Wohnzimmer wie immer angelaufen war. Das Thermostat der Heizung war schon seit Jahren kaputt und stand dauerhaft auf der höchsten Stufe, aber Megan hatte sich, im Gegensatz zu ihren armen Gästen, längst daran gewöhnt.

Ollies leuchtend haselnussbraune Augen waren vielleicht das Schönste an ihm, dachte sie. Und sie wurden meistens von seiner Brille noch vergrößert. Sie selbst hingegen hatte winzige Augen, in einem ziemlich langweiligen Grauton.

Die unerklärliche Stille zwischen ihnen wurde allmählich unangenehm, daher begann Megan, von ihrer geplanten Ausstellung zu erzählen. Das Thema habe sie noch nicht genau festgelegt, sagte sie, aber sie hoffe, in Prag die nötige Inspiration finden. Was sie allerdings nicht dazu sagte, war, warum ihr diese Ausstellung so viel bedeutete. Das würde sie ihm zu einem anderen Zeitpunkt verraten.

»Das klingt toll«, sagte Ollie, trank seinen Wein aus und teilte den mageren Rest aus der Flasche auf ihre beiden Gläser auf. Er war immer sehr an ihrer Arbeit interessiert und bestärkte sie darin – ein weiterer Grund, weshalb sie ihn so mochte.

»Meinen Geburtstag feiern wir aber schon noch nach, oder?« Ollie sah sie fragend an.

»Äh …«

»Vor einem Monat bin ich fünfunddreißig geworden, und ich habe von dir nicht einmal eine Geburtstagskarte bekommen. Dabei ist fünfunddreißig ein Meilenstein! Ich bestehe darauf, dass du mich in die beste Gulaschkneipe von ganz Prag zum Abendessen ausführst.«

»Du bist ein Idiot«, erwiderte sie, überlegte aber insgeheim, ob sie vor dem Abflug noch Zeit finden würde, heimlich im Internet ein Restaurant in Prag herauszusuchen und einen Tisch für sie beide zu reservieren. Vermutlich nicht.

»War nur ein Witz.« Er stupste ihr Bein mit dem Fuß an, und sie bestaunte seine leuchtend pinkfarbenen Socken. »Wie wär’s stattdessen mit einem Quickie?«

Megan konnte sich nicht zurückhalten, sie verzog das Gesicht zu einer Grimasse.

»Ollie …«, setze sie an, aber er hob die Hand.

»Ich weiß, ich weiß – wir sind Freunde, und da verstehst du überhaupt keinen Spaß. Ich schwöre, ich hab es nicht so gemeint.«

Sein Gesicht bekam einen träumerischen Ausdruck, und sie warf ihm einen scharfen Blick zu.

»Dich kann man wirklich leicht verarschen«, erklärte Ollie und hob sein Glas an den Mund.

Megan musste plötzlich daran denken, wie sie das erste Mal nebeneinander auf diesem Sofa gesessen hatten. Damals hatten sie sich erst seit ein paar Stunden gekannt und waren ebenfalls leicht angeschickert gewesen, aber das Ergebnis war ein völlig anderes gewesen als jetzt.

»Ist es hier so heiß, oder bilde ich mir das nur ein?«, murmelte sie. Als sie den Kopf hob, bemerkte sie Ollies amüsierten Gesichtsausdruck.

»Du bist ja ganz rot im Gesicht, meine Liebe«, sagte er, nahm ihr das Glas aus der Hand und trank es aus. »Komm, es wird Zeit fürs Bett. Wir haben morgen einen langen Tag vor uns.«

Megan zwang sich, das zweite Bettzeug aus dem Schrank zu holen, und warf es neben ihm aufs Sofa. Dann wartete sie draußen im Flur, bis sie hörte, dass er sich auszog.

Diese Reise würde mit Sicherheit seltsam werden. Aber Megan Spencer liebte Herausforderungen.

2

Noch lange nachdem ihre Tochter aufgelegt hatte, saß Hope nur da und starrte vor sich hin. Vermutlich hätte sie dankbar sein sollen, dass Annette nicht gleich den Hörer auf die Gabel geworfen hatte, aber eigentlich konnte man das ja ohnehin nicht mehr, oder? Schließlich hatte inzwischen jeder ein Handy. Wenn man mit dem Finger auf einen Bildschirm tippte, wirkte das einfach längst nicht so dramatisch, als wenn Plastik auf Plastik knallte und man befriedigt der wütenden Stille lauschen konnte. Das Ergebnis war allerdings das Gleiche: herzzerreißend.

Auf dem Tisch vor Hope stand eine Schale mit Obst, und sie nahm sich eine Mandarine. Es war eine von der Sorte, die man vor Weihnachten in jedem Supermarkt bekam, und ließ sich leicht schälen, aber diese hier war längst überfällig. Die Schale wurde schon hart, und als Hope sie drückte, spürte sie, dass das überreife Fruchtfleisch bereits unangenehm musig war.

Genau wie ich, dachte sie, äußerlich stark und entschlossen, aber innerlich weich wie Brei. Ihre Tochter allerdings teilte diese Meinung nicht, wie sie Hope vor wenigen Minuten am Telefon klargemacht hatte. Annette hatte ihrer Mutter Herzlosigkeit und Selbstsucht vorgeworfen und sie beschuldigt, ihr das Leben zu ruinieren.

Hope stand auf und brachte die Mandarine in die Küche, wo sie sie in den Mülleimer warf. Dann streckte sie in dem engen Raum den Arm aus, schaltete den Wasserkocher an und stellte eine Tasse mit Tee bereit, eher aus Gewohnheit als mit dem Wunsch, tatsächlich etwas zu trinken.

In dieser Wohnung kam sie sich immer noch ein wenig fehl am Platz vor. Zu Hause – also in dem anderen Haus – hatte sie immer etwas zu tun gehabt. Betten mussten gemacht, das Abendessen vorbereitet, die Wäsche gewaschen werden. Aber hier? Hier waren sie nur zu zweit auf sehr beschränktem Raum.

Du hast es dir so ausgesucht, rief sie sich in Erinnerung und drückte den Teebeutel an der Innenseite der Tasse aus. So, wie es vorher gewesen war, hatte es einfach nicht mehr weitergehen können.

Hope nahm ihren Tee mit zum Fenster und sah hinaus. Eine Frau, etwa so alt wie sie, hatte gerade vor dem Postamt auf der anderen Straßenseite eingeparkt und kämpfte jetzt mit einem Stapel Pakete, die in braunes Papier eingewickelt waren. Hope fielen ihre ordentliche Lockenfrisur und ihr hübscher Mantel auf, der in der kalten Dezemberluft bis oben hin zugeknöpft war.

Sie überlegte, ob sich die Frau wohl für diese eine Erledigung so sorgfältig angezogen hatte, genau wie sie selbst damals. Eine Weile lang hatte sie all ihre Energie darauf verwendet, für zwei Stunden in der Woche so gut wie möglich auszusehen. Dann wurden es allmählich fünf Stunden, später sechs. Inzwischen stand sie jeden Morgen auf, bürstete sich die Haare und legte Make-up auf. Heute trug sie ein wunderschönes grünes Kleid mit einem tiefen Ausschnitt. Früher hätte sie so etwas nur zu besonderen Gelegenheiten angezogen, aber jetzt konnte sie es tragen, wann immer sie wollte.

Heute sollte sie wirklich das Haus verlassen, zum Arndale Centre fahren und ein paar Weihnachtsgeschenke besorgen. Vielleicht würde sie sich auch noch die Nägel machen lassen und sich auf dem Weihnachtsmarkt einen Glühwein gönnen. Mit einer Freundin hätte das viel mehr Spaß gemacht, aber sie war sich nicht sicher, ob überhaupt noch eine ihrer Freundinnen etwas mit ihr zu tun haben wollte. Es war einfach zu peinlich, wenn so etwas geschah, und Hope machte ihnen keine Vorwürfe. Aber bei dem Gefühl der Einsamkeit, das sie plötzlich erfasste, wurde ihr innerlich ganz kalt.

Hope goss den mittlerweile nur noch lauwarmen Tee ins Spülbecken, wusch und trocknete die Tasse ab und stellte sie wieder ins Regal. Die Uhr über dem Abtropfbrett sprang auf elf Uhr, und Hope hörte, wie unten die Haustür geöffnet und wieder geschlossen wurde. Schritte ertönten auf der Treppe.

Wenn er kam, hatte sie noch immer Schmetterlinge im Bauch.

»Hallo, meine Schöne.«

Charlie ging durchs Wohnzimmer und zog Hope an sich. Dann küsste er sie auf die Nase und sah ihr ins Gesicht.

»Ich kann immer noch nicht ganz glauben, dass du wirklich da bist«, sagte er, ohne den Blick von ihr zu wenden.

Hope spürte die herrliche Wärme, die sie wie eine Droge durchströmte. Es war, als wären Charlies Finger Wasserhähne, die ihren gesamten Körper mit Liebe und Zuneigung füllten. Wenn er sie so im Arm hielt, dann verflogen auf wundersame Weise all die Verletzungen und Verwirrungen, die sie ständig quälten – kein Wunder, dass sie nicht genug von ihm bekam.

»Tja, das bin ich.« Sie lächelte ihn von unten herauf an.

Charlie küsste sie erneut, diesmal auf die Lippen. Die Farbe seiner hellroten Wollmütze passte nicht zu seinen rosafarbenen Wangen.

Hope senkte den Kopf und lehnte sich scheu an seine Brust. Es war wirklich lächerlich, wenn eine Frau ihres Alters rot wurde wie ein Teenager.

Jetzt sah Charlie sie an wie ein kleiner Junge, der gerade ein Jahresabo für den Playboy zusammen mit einem Saisonticket für Manchester United geschenkt bekommen hat. Immer, wenn er diesen Gesichtsausdruck zeigte, verflogen Hopes Zweifel vollständig. Wenn Charlie sagte, alles würde gut werden, dann glaubte sie ihm, das war vom ersten Tag an so gewesen. Ihre Begegnung hatte sich angefühlt, als würde jemand in einem stickigen Zimmer plötzlich ein Fenster öffnen. Als hätte ihr das Wasser bis zum Hals gestanden, und nun trugen die Wellen sie mühelos.

»Ich dachte, du hast den ganzen Tag Unterricht?«, fragte sie jetzt und zog die Vorderseite ihres Kleides glatt, das sich in seinen Mantelknöpfen verhakt hatte. Charlie war Fahrlehrer – und ein sehr gefragter dazu.

»Mr. Ahmed hat in letzter Minute abgesagt. Aber ich wollte ohnehin vorbeikommen«, sagte er. »Ich habe eine Überraschung für dich.«

Sie verzog unwillig das Gesicht.

»Schau nicht so misstrauisch.« Er folgte ihr in die Küche, wo sie erneut den Wasserkocher einschaltete. »Wir haben deinen Geburtstag überhaupt nicht richtig gefeiert, und ich dachte, eine nette Abwechslung könnte dir guttun.«

Hope dachte zurück an ihre Geburtstagsfeier vor zwei Monaten, als sie noch in dem anderen Haus gelebt hatte. Ein grauenvoll steifes Abendessen, das weitgehend schweigend und ohne jede Fröhlichkeit verlaufen war. Selbst der Torte schien das Ganze unangenehm zu sein.

»Von was für einer Abwechslung reden wir denn?«, fragte sie.

»Rühr dich nicht von der Stelle!«

Die Wohnung war so klein, dass Charlie nur wenige Sekunden brauchte, um durch den Flur ins Schlafzimmer zu springen und mit einem Umschlag in der Hand wieder zurückzukommen. Seine Mütze, die er immer noch nicht abgenommen hatte, war verrutscht und saß nun schräg auf seinem Kopf.

»Mach ihn auf.«

Hope legte den Teelöffel weg, mit dem sie Zucker in Charlies Kaffee geschaufelt hatte – drei gehäufte Löffel pro Tasse, ein Wunder, dass der Mann noch Zähne im Mund hatte –, und schob zögernd einen Finger unter die Klappe des Umschlags. Darin befanden sich zwei gefaltete Blätter, eines mit Flugdaten und ein anderes mit einer Hotelbuchung.

»Prag?«, sagte sie atemlos und schaute von den Papieren in ihrer Hand zu ihm und wieder zurück.

»Bitte sag mir, dass du noch nicht dort warst!« Er legte die Hände in einer ironischen Gebetsgeste aneinander.

Sie schüttelte den Kopf. Der einzige Ort außerhalb Großbritanniens, den Hope schon einmal gesehen hatte, war Mallorca. Jedes Jahr waren sie dorthin geflogen – immer in die gleiche Ferienanlage und das gleiche Hotel mit dem gleichen unappetitlichen Büfett.

»Ich war vor ein paar Jahren mal dort, zum Junggesellenabschied von Alans Sohn«, erzählte Charlie. »Wir waren natürlich die meiste Zeit besoffen, aber es sah wirklich toll aus. Ich wollte immer mal wieder hinfahren und es zusammen mit einem ganz besonderen Menschen entdecken.«

»Du bist so lieb.« Holly lächelte überwältigt.

Charlie trat vor und nahm ihre Hände. Das Papier knitterte leicht unter seinen Fingern.

»Ich weiß, die vergangenen Wochen waren schwer für dich«, sagte er und schüttelte den Kopf, als wollte sie ihm widersprechen. »Es ist völlig normal, wenn du traurig bist, weißt du. Ich kann nachvollziehen, was für ein enormer Umbruch das für dich ist. Und diese ganze Aufregung mit Annette …« Seine Stimme verklang, denn bei der Erwähnung dieses Namens sank Hope in sich zusammen.

»Ich dachte einfach, es würde dir guttun, ein paar Tage aus Manchester herauszukommen. Uns beiden.«

Hope nickte stumm, denn sie war nicht in der Lage, das Durcheinander von Gefühlen in ihrem Inneren zu fassen.

»Das ist einfach sagenhaft«, brachte sie schließlich heraus und ließ zu, dass er sie an seine Brust zog. »Danke.«

Über ihre Schulter hinweg streckte Charlie die Hand aus, nahm seinen Kaffee und trank einen Schluck. Dabei grinste er sie über den Rand der Tasse hinweg an.

»Ich liebe es, wenn du lächelst«, sagte er. »Das ist jetzt mein Job – ich will dafür sorgen, dass du lächelst, jeden einzelnen Tag.«

So viele Jahre lang hatte Hope kaum gelächelt, so kam es ihr zumindest vor. Lediglich wenn Annette aus der Schule und später von der Arbeit gekommen war, hatte sie ein wenig den Mund verzogen. Ihre Freundinnen hatten ihr zugeredet, sich mehr Mühe zu geben und positiv zu denken. Es sei besser, jeden Tag wieder neu anzufangen und die Kränkungen, mit denen sie am Abend ins Bett gegangen war, hinter sich zu lassen. Und Hope bemühte sich wirklich, glücklich zu sein – sie stand vor dem winzigen Spiegel im Badezimmer und lächelte, bis ihr der Mund wehtat –, aber es ging nicht. Am Ende war es leichter, die Dinge einfach zu akzeptieren. Sich zu verstellen erschöpfte sie nur, und sie hatte nicht genug Energie, immer so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Sie hatte sich damit abgefunden, dass sie nie wieder so etwas wie Glück empfinden würde. Und dann lernte sie Charlie kennen.

»Ich bin glücklich«, sagte sie jetzt zu ihm und zwang sich zu einem warmen Tonfall.

Sie lächelten einander zu, während Charlie den Rest des Kaffees in sich hineinschüttete und nach seinem Schlüsselbund griff.

»Was hast du heute vor?«, erkundigte er sich, als er in seine Jacke schlüpfte.

Hope erzählte ihm von ihrem Plan, einzukaufen, ins Nagelstudio zu gehen und einen Glühwein zu trinken, und er hob bestätigend die Daumen.

»Kauf dir auch etwas Schönes zum Anziehen für Prag«, sagte er. »Etwas Warmes – ich habe gehört, es soll dort eiskalt sein.«

Hope wartete, bis er gegangen war, ehe sie sich gestattete, die aufregenden Papiere auf der Küchentheke noch einmal genau anzusehen. Prag – das war eine Stadt, an die sie eigentlich noch nie gedacht hatte. Aber jetzt würde sie sie plötzlich kennenlernen, mit dem Mann, den sie liebte – dem Mann, der sie liebte.

Sie würde dafür sorgen, dass sie beide diese Reise niemals vergessen würden.

3

»Hallo, hier ist Robin – entweder kann ich gerade nicht ans Telefon gehen, oder ich habe Ihre Nummer gesehen und befürchte, Sie wollen mir eine Versicherung andrehen. Falls Letzteres der Fall ist, dann gewöhnen Sie sich besser an diese Mitteilung, denn näher kommen Sie nicht an mich ran!«

Sophie beendete den Anruf und lächelte. Beim Klang der Stimme ihres Verlobten waren ihre Ohren warm geworden. Typisch Robin, immer ein Witzchen parat. Fast explosionsartig war ihr Inneres randvoll mit Liebe und einem herrlichen Gefühl von Zuneigung. Sogar nach zehn Jahren hatte sie noch Schmetterlinge im Bauch, wenn sie an ihn dachte.

Aber damit durfte sie sich jetzt nicht aufhalten. Ihr Zug nach London fuhr in ein paar Stunden, und sie hatte noch nicht einmal angefangen zu packen. Morgen um diese Zeit würde sie in Prag sein. Der Gedanke zauberte erneut ein Lächeln auf ihr Gesicht. Das war ihre Stadt, ihre und Robins – der Ort, an dem alles begonnen hatte und an den sie immer wieder zurückkehrten. Und es gab keine bessere Zeit für einen Besuch als jetzt, in den Wochen vor Weihnachten, wenn der frisch gefallene Schnee die Stadt in ein Wintermärchen verwandelte. Alle Dächer und Kuppeln waren weiß gepudert, das Kopfsteinpflaster glitzerte und es war knackig kalt. Da konnte man von einer warmen Kneipe zur nächsten wandern, an heißem Honigmet nippen und jede Menge Gulasch und Knödel in sich hineinstopfen. Das war genau das, was sie jetzt brauchten, und Sophie konnte es kaum erwarten, wieder dort zu sein.

Als sie den Schrank öffnete, um ihr Lieblingskleid herauszuholen, fiel ihr Blick auf ihren abgewetzten alten Rucksack, der in einer hinteren Ecke lag. Er war schon seit vielen Jahren in Auflösung begriffen – kein Wunder angesichts der Strecken, die sie mit ihm zurückgelegt hatte –, aber Sophie hatte es nie über sich gebracht, ihn wegzuwerfen. Auf der Vorderseite befanden sich kleine Stoffflaggen der vielen Länder, die sie besucht hatte, von Sophie selbst angenäht während langer Bus- oder Zugfahrten. Da waren Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Russland, Chile, Australien, Kanada, Indonesien, Thailand und viele andere, und jede dieser Flaggen stand für viele herrliche Erinnerungen. Sie und Robin waren fast drei Jahre lang durch die Welt gereist und hatten nur so viel gearbeitet, wie nötig war, um sich immer etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf leisten zu können. Manche Nacht hatten sie nicht gewusst, wo sie schlafen sollten, aber das waren oft die besten gewesen, denn damit hatte unausweichlich ein neues Abenteuer begonnen.

In Marokko waren sie einmal gezwungen gewesen, drei Tage lang auf dem Hausdach eines freundlichen Unbekannten zu nächtigen. Ein anderes Mal, auf der griechischen Insel Kos, hatten sie ein geliehenes Zelt an einer Stelle aufgebaut, die sie für ausgetrocknetes Brachland gehalten hatten, nur um mitten in der Nacht von einem wütenden Olivenbauer mit der Mistgabel vertrieben zu werden. Ja, sie und Robin hatten ein paar ereignisreiche Jahre miteinander erlebt.

Da war es schon etwas Besonderes, dass die osteuropäische Stadt Prag der einzige Ort war, an den sie immer wieder zurückkehrten, zuverlässig Jahr für Jahr, und auch dann noch, nachdem sie beide ihre abgewetzten Rucksäcke längst an den Nagel gehängt und sich in Devon niedergelassen hatten. Robins Familie lebte in Cornwall, aber nach ein paar Monaten Pendelei die Küste entlang, um einander sehen zu können, hatte Robin den Sprung gewagt. Nachdem er seinen Traumjob als Lehrer an der örtlichen Surfschule bekommen hatte, war er zu Sophie auf den großen Bauernhof ihrer Eltern gezogen. Sophie wusste, dass es nicht gerade prickelnd war, wenn man mit achtundzwanzig noch bei Mama und Papa zu Hause lebte, aber das Haus war so riesig, dass es niemals zu eng wurde. Wenn sie und Robin einen Abend allein verbringen wollten, blieben sie einfach auf ihrer Seite des Gebäudes. Außerdem mochten ihre Eltern Robin sehr und hatten ihn von Anfang an als Schwiegersohn akzeptiert. Daher standen sie einander niemals auf den Zehen.

Langsam zog Sophie den Reißverschluss ihres Koffers zu und lauschte befriedigt, wie sich die Metallzähne säuberlich ineinanderschoben. Eine Reise bedeutete immer ein Abenteuer, was für Sophie gleichbedeutend war mit Glück. Sie war in ihrem Leben schon so viel unterwegs gewesen und bekam doch nie genug davon, genoss selbst das öde Anstehen am Flughafen und das Warten an der Gepäckausgabe.

Es musste schrecklich sein, wenn Reisen zum Job gehörten, dachte sie. Dann wurde man diesen ganzen Abläufen gegenüber so gleichgültig – und war oft sogar genervt und lustlos. Eine schreckliche Vorstellung, in ein Flugzeug zu steigen und beim Festklicken des Sicherheitsgurts nicht dieses Kribbeln in den Fingerspitzen zu spüren. Oder in einer so aufregenden Stadt wie New York oder Schanghai oder Moskau zu landen und an nichts anderes zu denken als an das Meeting, das man vor sich hatte, und die Verkaufszahlen, die es zu erfüllen galt. Wie deprimierend.

Nein, im Hofladen der Eltern zu arbeiten, war zwar bestimmt nicht der tollste Job, aber wenigstens hockte sie ständig in den Startlöchern für ein neues Abenteuer, war bereit, jede Minute aufzubrechen.

Robin konnte im Flugzeug ausgezeichnet schlafen, eine Fähigkeit, die er in den Jahren, die sie unterwegs gewesen waren, perfektioniert hatte. In den herrlichen ersten Monaten, nachdem sie sich kennengelernt und begonnen hatten, miteinander zu reisen, hatte Sophie es genossen, ihn beim Schlafen zu betrachten. Sie liebte es, wenn seine vollen Lippen sich entspannt öffneten und auf eine Gesichtsseite sanken und seine langen blonden Wimpern fast die Wangen berührten. Manchmal zuckte er ein bisschen oder ließ ein leises Schnauben hören, dann warf sie ihm einen liebevollen Blick zu und fragte sich, was er wohl träumte und ob sie darin vorkam. Sie wollte nicht nur alle seine wachen Gedanken kennen, sondern auch das, was er träumte, während er schlief. Dabei war sie weder ein Kontrollfreak noch von ihm besessen, sie liebte ihn nur so sehr, dass ihr die wache Version nicht genügte, um ihre Lust auf ihn zu befriedigen. Sie wollte immer noch mehr von ihm, und das hatte sich nie geändert.

Sophie griff nach ihrem Handy und rief die Wetter-App auf. Wie sie gehofft hatte, war für Prag in der nächsten Woche eisige Kälte angesagt, in ein paar Tagen sollte es sogar schneien. Es war ein bisschen ärgerlich, dass Robin nicht mit ihr zusammen fliegen konnte, aber er würde in einigen Tagen nachkommen, und dann würden sie ihr Jubiläum stilvoll feiern.

Es wurde schon fast Zeit, zum Bahnhof aufzubrechen. Sophie betrachtete sich im Spiegel, während sie in den Mantel schlüpfte. Ihr Haar war so kurz, dass sie aus der Ferne wie ein Junge wirkte – wie der junge Prinz Harry, behauptete ihre Mutter. Unter den rötlichen Stachelhaaren wirkten Sophies ungewöhnlich große und weit auseinanderliegende Augen noch auffälliger als sonst. Sie waren das, was Robin an ihr am meisten mochte, und er sagte ihr gern, wie sehr sie ihn an ein Insekt erinnere. Schon kurz nach ihrem Kennenlernen hatte er ihr den Spitznamen »Käferchen« gegeben, und seitdem weigerte er sich, damit aufzuhören. Eigentlich machte es Sophie gar nicht viel aus, aber sie freute sich darauf, wenn sie ihre Augen wieder hinter einem Pony verstecken konnte. Dabei hatte sie die Idee, sich die Haare kurz zu schneiden, anfangs so toll gefunden.

Sophie verzog das Gesicht und wandte sich vom Spiegel ab. Dann griff sie nach der weichen Pudelmütze, die sie vor Jahren für Robin gestrickt hatte, und zog sie sich über die kurzen Haare. Für ihren kleinen Kopf war die Mütze viel zu groß, sie sah eher aus wie ein Teewärmer als wie ein schickes winterliches Accessoire, aber das war Sophie egal. Sie reiste heute in ein eiskaltes Land, daher brauchte sie die Mütze doch wohl eher als Robin. Ihm würde das ohnehin nichts ausmachen – er sagte immer, alles, was ihm gehöre, gehöre auch ihr.

Die Fahrt nach London verlief reibungslos. Auch wenn es Sophie seltsam vorkam, zum ersten Mal seit unendlich langer Zeit ohne ihren Verlobten unterwegs zu sein, war sie doch stolz darauf, dass sie sich in dem Londoner U-Bahn-System zurechtfand, ohne einen Wutausbruch zu bekommen. Dabei war es gar nicht so verwirrend – eigentlich ganz im Gegenteil. Was sie störte, war die schiere Masse der Leute, die sich um sie herum drängten, als gehörte ihnen das alles. Sophie hatte London nie gemocht – in dieser Stadt wollte sie einfach keine Zeit verbringen, und sie war froh, dass Robin das genauso sah. Wie sie selbst war er leidenschaftlich gern draußen und – als Surfer – möglichst immer am Meer. Würde man Robin das Meer wegnehmen, entfiele für ihn der wesentliche Grund, jeden Morgen aufzustehen. Na ja, das Meer und natürlich Sophie.

Als sie in dem billigen Hotel in der Nähe des Flughafens Heathrow eingecheckt hatte und auf dem harten, schmalen Bett saß, von dem aus sie auf den von endlos vielen Lichtern durchsetzten Horizont blicken konnte, rief Sophie erneut bei Robin an und musste wieder über seine Mailboxnachricht lachen.

Ihr Flug ging sehr früh am Morgen, aber an diesem Abend wollte der Schlaf einfach nicht kommen. Während sie in den ausgewaschenen Laken lag und das dünne Kopfkissen unter dem Kopf unangenehm knisterte, ließ Sophie die Gedanken wandern. Und wie derzeit immer, wenn sie nicht einschlafen konnte, wanderten sie zu ihrer bevorstehenden Hochzeit.

Sie feierten auf dem Hof, so viel stand fest. Es wäre ja dumm, für viel Geld einen Saal zu mieten, wenn man selbst ausreichend Platz hatte. Ihr Vater baute mit seinen Dart-Freunden aus dem Pub das Partyzelt auf, dann trommelten Sophie und ihre Mutter alle Freundinnen und weiblichen Verwandten zusammen, um das Innere mit Lichterketten, Blumen und bunten Fähnchen zu schmücken. Sie könnten auch Fotos von Sophie und Robin aufhängen, und die Leute sollten etwas in ein Gästebuch schreiben. Das wirkte einladend, hübsch und freundlich.

Am Abend würden sie dann rund um die Tanzfläche Kerzen anzünden, und dann würden sie und Robin einen Walzer tanzen, zum ersten Mal als Mann und Frau. Die Gäste würden nasse Augen bekommen und ihr Vater vor Stolz fast platzen. Dann würde ihre Mutter mit Robins Vater tanzen, und alle würden fröhlich und ausgelassen feiern, bis die Sonne über den fernen Hügeln aufgehen würde.

Irgendwann würden sie und Robin sich dann davonschleichen und an den Strand hinuntergehen, wo er sie in ihrem Hochzeitskleid hochheben und herumwirbeln würde. Und er würde sie wieder und wieder küssen und sie mit »Mrs. Palmer«, ihrem neuen Namen, ansprechen. Dann würden sie im nassen Sand sitzen, ohne auf ihr Kleid und seinen Anzug zu achten, und mit einem Stöckchen ihre Namen in den Sand schreiben. Sophie würde noch Herzen dazu malen, und Robin würde sie scherzhaft eine sentimentale Idiotin nennen, und dann würden sie sich küssen, wieder, wieder und immer wieder, bis sie vor Liebe ganz atemlos waren.

Als Sophie endlich einschlummerte, hatte sie ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen. Neben ihr auf dem Nachtisch leuchtete ihr Telefon auf. Ein von blonden Haaren umrahmtes Gesicht erschien auf dem Bildschirm, während das Handy leise vibrierte, aber sie war versunken in ihre Zukunftsträume und rührte sich nicht. Als schließlich draußen der Regen gegen das Fenster prasselte, erlosch das Leuchten des Telefons.

4

»Ganz schön groß, das Bett.«

Megan warf Ollie einen Seitenblick zu.

»Vermutlich kriegt Sherlock Holmes jetzt Angst um seinen Titel als Meister aller Detektive«, bemerkte sie. Aber er hatte recht, es war ein riesiges Bett. Und noch dazu ein Himmelbett, mit extravaganten rot-golden gestreiften Vorhängen und einer ebensolchen Tagesdecke. Es pompös zu nennen, wäre noch untertrieben gewesen. Megan fluchte innerlich, weil sie zugelassen hatte, dass Ollie das Hotel aussuchte. Sie hatte es sich noch nicht einmal im Internet angesehen, obwohl Ollie ihr den Link geschickt hatte. In den vergangenen sechs Monaten, seit sie sich kannten, hatten sie zwar schon ein paarmal zusammen übernachtet, etwa nach einer Party oder wenn es abends zu spät geworden war, aber ein gemeinsames Bett in einem gemeinsamen Hotelzimmer war doch anders. Irgendwie intimer.

Am Fußende des Bettes, unmittelbar dort, wo Megan und Ollie etwas verlegen herumstanden, befand sich eine gepolsterte, mit cremefarbenem und goldenem Satin überzogene Bank. Sie passte zu den beiden Stühlen, die ordentlich unter das kleine Holztischchen in der Nische am Fenster geschoben waren. Ihr Zimmer lag im obersten Stockwerk des Hotels und reichte bis hinauf in den Dachstuhl des alten Gebäudes, wo in der weiß gestrichenen Zimmerdecke die Dachbalken sichtbar waren. Es sah beeindruckend, aber auch ein bisschen kitschig aus. Megan hätte am liebsten gleich ihre Kamera gezückt.

Ollie war ins Badezimmer weitergeschlendert, und sie hörte, wie er laut auflachte.

»Hier gibt es eine Doppelbadewanne!«, rief er. »Mit goldenen Wasserhähnen.«

Megan verdrehte die Augen. Wenigstens fand er es lustig. Ihre Fahrt zum Flughafen am Morgen war völlig unspektakulär verlaufen, der einzig peinliche Moment war die erste Begegnung im Flur gewesen, als er ihr in Boxershorts und mit einem verschlafenen Grinsen entgegengekommen war. Ihm schien es nichts auszumachen, dass er beinahe nackt war, aber sein bloßer Anblick hatte Megan wie ein aufgescheuchtes Kaninchen in ihr Schlafzimmer zurückgetrieben.

Sobald sie die Sicherheitskontrollen hinter sich gelassen hatten, bestand Ollie darauf, mit ihr zum Frühstück ein Bier trinken zu gehen. Die Tatsache, dass es gerade mal sieben Uhr morgens war, schien für ihn keine Rolle zu spielen – jetzt seien sie offiziell im Urlaub, erklärte er, und die Alltagsregeln hätten keinerlei Gültigkeit mehr.

Mit einem »Also, Spencer!« hatte er sie aus dem Studium der laminierten Speisekarte gerissen. Er holte ein Kartenspiel aus seiner Tasche und begann, die Karten zu mischen. »Wir haben noch eine Stunde bis zum Abflug, und bis dahin will ich dich mindestens zwölfmal beim Rummy geschlagen haben.«

Und das gelang ihm dann auch. Ollie war gut im Kartenspielen, so gut wie in fast allem, was er tat.

Auch darin, die Verlegenheit zwischen ihnen zu vertreiben, die sich in ihr aufbäumte wie ein schlecht gelauntes Pferd, seit sie vor dieses alberne Bett getreten waren. Jetzt ließ er sich fröhlich ein Bad einlaufen und rief zu ihr heraus, sie solle doch mal nachschauen, was so in der Minibar sei.

Es ist doch bloß ein Bett, ermahnte sie sich streng, während sie ein Wodka-Fläschchen aus dem Kühlschrank holte und auf zwei Plastikbecher verteilte. Mit einer Freundin wäre es jetzt auch nicht anders, fügte sie entschlossen hinzu und goss mit Orangensaft auf.

Grinsend holte sich Ollie seinen Drink an der Badezimmertür ab, wieder bloß in seinen Boxershorts.

»Ich geh mal runter an die Bar«, kiekste Megan, kippte ihren Wodka-Orange hinunter und stürzte auf die andere Seite des Zimmers, wo ihre Handtasche lag.

Ollie lachte. »Ich komm gleich nach. Wenn ich eine Hotelbadewanne sehe, muss ich rein, das ist einfach so. Wir treffen uns unten, und dann schauen wir uns mal ein bisschen um, ja?«

»Okay!«

Sie warf die Tür hinter sich zu und lehnte sich ein paar Sekunden lang dagegen. Das war ja noch schlimmer, als sie befürchtet hatte. Was dachte sich Ollie eigentlich dabei, ständig in Unterhosen vor ihr herumzuspazieren? Sie war doch nicht einer seiner blöden Kumpel!

Erst als sie bereits im Lift nach unten fuhr, fiel Megan auf, dass sie ihre Kamera vergessen hatte. Sie stieß einen hörbaren Seufzer aus. Solange ihr vermutlich inzwischen nackter Freund wie ein beschwipster Pfau durchs Zimmer stolzierte, konnte sie schlecht zurückgehen, um sie zu holen. Eigentlich hatte sie vorgehabt, sich schon mal in der Umgebung des Hotels umzusehen, während er in der Wanne lag, aber das hatte wohl nicht viel Sinn, wenn sie keine Fotos machen konnte. Die kurzen Blicke auf Prag, die sie auf der Taxifahrt vom Flughafen hierher erhaschen konnte, hatten bereits eine fast unerträgliche Lust auf mehr in ihr hervorgerufen. Hoffentlich beeilte sich Ollie ein bisschen mit seiner Baderei!

Als Megan ein paar Minuten später mit festen Schritten in die Hotelbar marschierte, fiel ihr sofort ein knutschendes Pärchen an einem Tisch in der Ecke auf.

O Mann, die sollten sich wirklich ein Zimmer nehmen.

Sie bestellte sich einen Kaffee, den sie nach einem Bier in aller Frühe und dem Wodka, den sie gerade gekippt hatte, auch dringend brauchte, und verzog sich in die entgegengesetzte Ecke des Raumes, wo sie sich einen Platz am Fenster suchte. Das Dekor der Bar war nicht ganz so protzig wie oben im Zimmer, aber es gab genügend polierte Goldarmaturen, einen überdimensionalen Kronleuchter und jede Menge Kissen mit goldenen Troddeln am Reißverschluss. Ein Summen in ihrer Hosentasche machte sie auf das kostenlose WLAN aufmerksam, aber sie hatte jetzt keine Lust, ihre Zeit im Internet zu verschwenden – schon gar nicht mit so einem Ausblick vor dem Fenster. Der Innenhof des Hotels war mit einer dicken Schicht Frost überzogen, aber das machte ihn nur noch zauberhafter. Der Boden glitzerte wie mit Goldflitter bestäubt, und Megan bemerkte die hübschen Beete mit eingesunkenen Winterblumen entlang der schmalen Wege. Das Ganze war mit roten und grauen Steinen gepflastert, und in der Mitte der Anlage stand ein altertümlicher Brunnen, aus dem stoßweise ein kraftloser Wasserstrahl rann.

Wenn sie doch bloß ihre Kamera griffbereit hätte! Dann könnte sie das blasse Sonnenlicht einfangen, das durch die Bäume fiel, die gezackte Rinne, die das schwach fließende Wasser des Brunnens ins Eis gegraben hatte, und den betörenden Anblick von Prags berühmten roten Dächern, die über der Mauer zur Straße hin zu sehen waren. Es war jetzt schon alles wunderschön, und sie hatten das Hotel noch nicht einmal verlassen.

»Entschuldigen Sie, sind Sie allein hier?«

Erschrocken schaute Megan auf. Die Frau von dem anderen Tisch stand vor ihr, mit leicht verschmiertem Lippenstift von den Küssen ihres glatzköpfigen Begleiters. Aber ihre Augen leuchteten freundlich.

»Nein, ich, äh …« Megan zögerte einen Moment, weil sie auf einmal nicht wusste, wie sie Ollie bezeichnen sollte. »Ich bin mit einem Freund hier. Er badet gerade, der Spinner.«

Die Frau kicherte. »Charlie, das ist mein Freund, ist gerade hochgegangen, um zu duschen. Männer! Dabei möchte ich bloß raus und mir die Stadt ansehen. Geht es Ihnen nicht auch so?«

»Ja, absolut! Da haben Sie vollkommen recht. Haben Sie da schon hinausgeschaut? Das ist sagenhaft!« Megan schob ihren Stuhl zur Seite, sodass die ältere Frau neben sie treten konnte. Es dauerte eine ganze Minute, bis sie wieder etwas sagte.

»Das sieht aus wie eine richtige Feengrotte«, sagte die Frau. Ihr warmer Atem hinterließ einen feuchten Fleck auf der kalten Fensterscheibe.

Aus der Nähe sah Megan, dass sie sehr sorgfältig zurechtgemacht war, mit gut frisierten aschblonden Locken, einem ausgezeichnet geschnittenen schwarzen Kleid und perfekt gepflegten Nägeln. Die Frau war vermutlich in etwa so alt wie ihre Mutter, aber von Weitem wirkte sie viel jünger. Nur ein zartes Netz aus feinen Fältchen um Augen und Mund verrieten sie, und das war so gut es ging mit Grundierung abgedeckt.

»Waren Sie schon einmal in Prag?«, fragte die Frau jetzt und wandte sich wieder Megan zu.

»Noch nie.« Mit einer Geste lud Megan sie ein, sich zu ihr zu setzen. »Mein Freund ist Lehrer, und er plant für das nächste Jahr mit seinen Schülern ein Projekt über Prag, das er hier vorbereiten möchte. Ich bin nur dabei, um Fotos zu machen. Und Sie?«

»Ich war noch nie hier, nein – und ich habe es mir nicht ausgesucht. Es war eine Überraschung von Charlie. Er hat im Internet ein gutes Angebot entdeckt, aber fragen Sie nicht, wann wir heute Morgen in Manchester losmussten.«

»So sind Männer eben«, bemerkte Megan. »Grandios, wenn es um romantische Gesten geht, aber nicht ganz so grandios bei den durchaus nicht unwichtigen Details. Sind Sie schon lange zusammen?«

Die Frage war ganz unschuldig gemeint, aber die Frau wirkte einen Moment lang angespannt und spielte verlegen mit dem Stiel ihres Weinglases, ehe sie antwortete.

»Noch nicht so lange, nein.« Sie warf Megan einen Seitenblick zu. »Man könnte wohl sagen, wir sind noch recht frisch verliebt.«

»Das habe ich bemerkt«, erwiderte Megan grinsend. »Ich habe Sie beide drüben an dem Ecktisch gesehen.«

»Ach du meine Güte!« Die Frau wurde rot, aber sie lachte ebenfalls. »Ich bin Hope«, sagte sie dann und reichte Megan ihre manikürte Hand.

»Megan.«

Sie plauderten eine Weile über das Hotel – auch Hope fand die Ausstattung ihres Zimmers rettungslos überladen – und über Megans Fotografie. Hope gestand, dass sie derzeit keine Arbeit hatte, sich aber unbedingt eine Teilzeitstelle suchen wollte, sobald sie wieder in Manchester war.

»Ich langweile mich, wenn ich nur den ganzen Tag in Charlies Wohnung herumpussele«, erklärte sie. Megan staunte zwar, dass sie bereits bei ihm wohnte, obwohl sie sich erst kurze Zeit kannten, war aber schlau genug, nicht nachzufragen. Ollie ließ sich ganz schön viel Zeit, aber als sie gerade überlegte hinaufzugehen, um nachzusehen, ob er vielleicht ertrunken war, lud Hope sie auf ein weiteres Glas ein.

»Wir dürfen das. Schließlich sind wir im Urlaub«, versicherte ihr die Ältere, als sie von der Theke zurückkehrte. Megan nickte zustimmend. Eigentlich war es gar nicht ihre Art, sich so umstandslos mit Fremden in einer Hotelbar anzufreunden, aber Hope hatte etwas unwiderstehlich Fröhliches und zugleich Mütterliches an sich. Sie wirkte warmherzig und erinnerte Megan an ihre eigene Mutter, wenn auch in einer sehr viel eleganteren Version. Megans Mutter war das Stereotyp einer Künstlerin – sie steckte ihre drahtigen Haare in der Regel mit einem Pinsel fest und kleidete sich oft wie ein viktorianisches Waisenkind –, aber dennoch strahlte auch sie etwas Mütterliches aus. Sie sollte sich wirklich bemühen, ihre Mutter öfter zu besuchen – und auch ihren Vater, dachte Megan. Beide waren eigentlich großartig, auch wenn sie sich in den Kopf gesetzt hatten, Megan zu einer Heirat mit Ollie zu überreden.

»Er würde so gut zu dir passen. Ein richtig netter Kerl, und so groß!«, hatte ihre Mutter gesagt und war sich dabei verzweifelt mit der Hand durch die Haare gefahren – und prompt darin hängen geblieben. »Du willst doch nicht am Ende mit einem mürrischen Hobbit dasitzen, so wie ich.«

»Das habe ich gehört!«, hatte sich Megans Vater zu Wort gemeldet und mit gerunzelter Stirn über die aufgeschlagene Sonntagszeitung gespäht. So recht widersprechen konnte er nicht, denn barfuß maß er gerade mal einen Meter siebzig. Megan, die sowohl seine geringe Größe als auch seine Fähigkeit, auf überzeugende Weise finster dreinzublicken, geerbt hatte, hatte ihrem Vater anerkennend den hochgereckten Daumen gezeigt, sobald ihre Mutter sich wieder der neuesten hingeklecksten Landschaft zugewandt hatte.

Hope erzählte gerade von ihrer Tochter. Offensichtlich war sie vor Kurzem von zu Hause aus- und mit ihrem Freund zusammengezogen. Und sie war fünfundzwanzig. Megan hatte noch nie mit einem Mann zusammengelebt und hatte auch nicht vor, das in nächster Zeit zu tun, sehr zum Kummer ihrer diversen Freunde und Verwandten. Aber schließlich war sie erst dreißig, das hatte wirklich keine Eile.

Während sie noch plauderten, öffnete sich die Tür, und ein Mädchen kam herein. Sowohl Megan als auch Hope blickten auf, weil jede von ihnen ihren männlichen Begleiter erwartete. Daher sahen sie der kleinen Person zu, wie sie mit leisen Schritten zur Bar ging und sich einen Tee bestellte. Der freundliche Barmann begann ein Gespräch mit ihr. Er stellte harmlose Fragen, wie lange sie bleibe und ob sie schon einmal in Prag gewesen sei. Megan spitzte die Ohren, um die Antworten zu verstehen, aber die Stimme war offenbar so zart wie die ganze Erscheinung, sie verstand kaum ein Wort.

Sobald das Mädchen die Tasse in der Hand hielt, drehte es sich um und schenkte Hope und Megan ein kurzes Lächeln. Dann suchte es sich einen Platz an einem anderen Tisch und zog sein Handy hervor.

»Was meinen Sie, sollen wir sie fragen, ob sie sich zu uns setzen möchte?«, sagte Hope. Das zweite Glas Wein hatte ihr eine attraktive Röte auf die Wangen gezaubert.

»Ich weiß nicht recht«, murmelte Megan. »Sie sieht aus, als würde sie auf einen Anruf warten.«

Das stimmte – das Mädchen hatte das Handy auf den Tisch gelegt, behielt es aber ständig im Blick. Nach einer Weile nahm sie ihre große, weiche Beanie-Mütze ab und warf sie neben das Telefon.

»Was für ein mutiger Haarschnitt«, sagte Hope leise. »Heutzutage haben das viele junge Mädchen. Als ich so alt war, hatte ich die Haare bis zur Taille.«

»Das ist wirklich raspelkurz«, flüsterte Megan zurück und schämte sich ein bisschen über diesen Klatsch. »Mir würde das überhaupt nicht stehen, aber bei ihr sieht es toll aus, weil sie so hübsch ist.«

Während sie beide das Mädchen beobachteten, das auf sein Telefon starrte, summte Megans eigenes Handy auf dem Tisch. Es war eine Nachricht von Ollie:

Ich wollte dir deine

Kamera mitbringen, aber

das sind ungefähr eine Million

Einzelteile. Komm rauf und

hilf mir! x

Megan lachte laut auf. »Ich muss gehen«, sagte sie zu Hope, trank das Bier aus und griff nach ihrer Tasche.

Schwungvoll lief sie zurück in den vierten Stock. In ihrem Inneren brodelte die Begeisterung wie kochendes Wasser, und sie nahm immer gleich zwei der mit dickem Teppich bezogenen Stufen auf einmal. Auch wenn das eine seltsame Situation war, sie befand sich in einer der schönsten Städte der Welt, hatte ihre Kamera und einen ihrer Lieblingsmenschen dabei. Manchmal war das Leben einfach wunderbar.

5

Sophie tippte mit einem Finger auf ihr Handy und schob es in die Manteltasche. Ihre Stiefel knirschten auf dem frostigen Kopfsteinpflaster, jedoch nicht laut genug, um sie von den Tränen in ihren Augen abzulenken. Sie blieb stehen, holte tief Luft und ging mit gesenktem Blick weiter.

Es war nicht Robins Schuld, dass er nicht kommen konnte. Aber das tröstete sie nicht. Sie hatte geglaubt, sich auch ohne ihn hier wohlzufühlen. Hatte geglaubt, die Stadt gut genug zu kennen, dass die vertrauten Prachtbauten mit ihren vielfarbigen Fassaden so beschützend wirkten wie eine Gruppe freundlicher Tanten.

Es sind doch nur ein paar Tage, versuchte sie sich zu beruhigen. Ehe sie sichs versah, würde er bei ihr sein.

Als sie den Blick hob, bemerkte sie, dass sich im Osten schwere, dunkle Wolken zusammenballten. Verstohlen kreuzte sie die Finger und flehte den Himmel um Schnee an. Prag war immer wunderschön, das wusste sie, denn sie und Robin waren schon zu jeder Jahreszeit hier gewesen, aber nie sah die Stadt so zauberhaft aus wie unter einer dicken weißen Decke. Schnee war ja an sich schon ein Wunder, jede Flocke auf einzigartige Weise hochkompliziert zusammengesetzt. Wenn es Engel wirklich gab, dann waren sie es, so stellte Sophie es sich gern vor, die im Himmel zusammensaßen und diese zarten, frostigen Gebilde häkelten, um sie auf die Erde schneien zu lassen. Als Kind hatte sie oft einzelne Flocken auf ihrer Handfläche gefangen und versucht, sich ihr Muster einzuprägen, ehe sie dahinschmolzen.

Sophies warme Wolke der Erinnerung platzte, als jemand plötzlich laut und hell auflachte. Suchend sah sie sich unter den Leuten um, die in Gruppen zum Prager Weihnachtsmarkt gingen, und erkannte die Frau, die ihr am Morgen in der Bar des Hotels so freundlich zugelächelt hatte. Sie war in Begleitung eines groß gewachsenen Mannes, der eine rote Wollmütze trug, und lachte über etwas, das er ihr ins Ohr flüsterte. Wie viele andere hatten sie sich durch den Duft von Zimt, Brandy und Rosinen zu einem improvisierten Stand locken lassen, und aus den großen Tassen mit Glühwein in ihren behandschuhten Händen schlängelten sich feine Dampffahnen in die eisige Luft.

Einen Moment lang war Sophie versucht, zu ihnen hinüberzugehen. Sie sahen so unwiderstehlich glücklich aus, dass sie nur zu gerne ein Stück davon abbekommen hätte. Doch als sie gerade den ersten zögernden Schritt tat, beugte sich der Mann vor und küsste die Frau auf den Mund, und Sophie, die sich schon bei diesem Anblick wie ein Eindringling vorkam, ging mit schnellen Schritten weiter.

Die Mittagszeit war schon vorüber, aber sie hatte keinen Hunger. Nicht einmal die Stände mit riesigen, brodelnden Töpfen voll Kartoffeln, Sauerkraut, Käse und gebratenem Schweinefleisch oder die dicken Klobásy-Würste machten ihr Appetit. Eines ihrer Lieblingsfotos von Robin zeigte ihn, wie er sich eine dieser riesigen Köstlichkeiten so vor den Mund hielt, dass die beiden Enden wie ein breites Grinsen nach oben gebogen zeigten, wobei fette Tropfen der würzigen Soße auf seinem Schal landeten. Manchmal war er ein richtiger Trampel, aber er war ihr Trampel.

Von fern ertönte Musik, und Sophie blieb stehen und versuchte herauszufinden, woher sie kam. In Prag hörte man immer irgendwo Musik, ob aus einer der vielen Bars oder von einer der lokalen Musikgruppen, die sich auf dem Kopfsteinpflaster aufgestellt und eine Mütze vor sich auf den Boden gelegt hatten, um großzügige Passanten zu einem kleinen Trinkgeld zu ermutigen. Sophie fragte sich, ob diese Musiker wussten, wie viel sie zur Schönheit dieser Stadt beitrugen und dass sie, indem sie jeden Tag eine andere Ecke von Prag verwandelten, in den Erinnerungen vieler Menschen einen wichtigen Platz einnahmen.

Die feste, wärmende Umarmung ihrer Umgebung vertrieb Sophies Melancholie, und mit neuer Entschlossenheit machte sie sich wieder auf den Weg zu ihrem Ziel. Sie hatte gewusst, dass Prag sie nicht im Stich lassen würde. Wie albern von ihr, überhaupt den Schatten dieses dunklen, buckligen Zweifels in ihr Bewusstsein eindringen zu lassen. Alles würde sich aufs Beste fügen – und jetzt war sie genau dort, wo sie und Robin einander zum ersten Mal erblickt hatten: an der Karlsbrücke.

Damals hatte es heftig geschneit, und Sophie hatte mit dem Rücken zu den vorbeilaufenden Passanten am Geländer gestanden und über die Moldau nach Malá Strana hinübergesehen, zur Kleinseite, dem südwestlichen Teil der Altstadt. Die Wasseroberfläche war grau gewesen wie Granit, und die fallenden Flocken hatten den Anblick des gegenüberliegenden Ufers verschwimmen lassen. Sophie war so fasziniert gewesen, dass sie den Mann neben sich eine ganze Weile lang nicht bemerkte.

»Ich finde es toll, den Schneeflocken zuzusehen. Geht es Ihnen auch so?«

Sie hatte sich umgedreht und ein Paar blauer Augen erblickt, eine große, von der Kälte gerötete Nase und einen breiten, lächelnden Mund. Das alles wurde umrahmt von wirren blonden Haaren, die aus einer gestreiften Bommelmütze hervorschauten.

»Das geht doch allen so«, hatte sie erwidert, und bei diesen Worten festgestellt, wie ansteckend die gute Laune des jungen Mannes war.

»Meine Eltern hassen Schnee«, erklärte er und hielt den Blick aufs Wasser gerichtet. »Am liebsten würde meine Mutter nach Australien ziehen – sie ist geradezu süchtig nach Sonne.«

Er war Engländer, so viel war Sophie bereits klar, und sie spürte ein leises Flattern in der Brust. Der Typ gefiel ihr.

»Australien steht auch auf meiner Wunschliste«, sagte sie und wagte einen erneuten Blick zu ihm hinüber. »Erst kommt Europa, dann hoffentlich der Rest der Welt.«

»Ein Mädchen ganz nach meinem Herzen«, erwiderte er mit einem Grinsen, bei dem ihr Magen einen Hüpfer wie in der Achterbahn machte.

»Reisen Sie auch so gern?«, fragte sie mutig, und ihr Gesicht wurde heiß, als er sie ansah und nickte.

»Klar. Immer im Alleingang. Wie ist das bei Ihnen?«

Sollte sie einem Mann, den sie gerade erst kennengelernt hatte, wirklich gestehen, dass sie immer allein unterwegs war?

»Ohne jede Begleitung.«

Ein kurzes Schweigen entstand, während sie einander ansahen und sich beide fragten, ob das, was sie da fühlten, wirklich wahr sein konnte. Robin hatte ihr später erzählt, in diesem Moment habe er bereits gewusst, dass sie für den Rest seines Lebens bei ihm sein würde. Er konnte nicht erklären, woher er das wusste – es war eben so. Sophie hingegen konnte an nichts anderes denken als an den überwältigenden Wunsch, diesen Mann zu küssen. Ob sie genau das Gleiche empfand wie er, konnte sie nicht sagen, aber die Anziehung zwischen ihnen war unbestreitbar. Sie war so deutlich wie die Umrisse der Statuen auf der Karlsbrücke, die sich vor dem weißen Himmel abzeichneten, und sie wussten es beide.

»Ich bin Robin.« Er reichte ihr eine Hand, die in einem gestreiften Handschuh steckte, passend zu seiner Mütze.

»Sophie.« Sie ergriff die Hand, drückte sie und spürte seine warme Haut durch die gestrickte Wolle hindurch.

Dann standen sie eine gefühlte Ewigkeit da und plauderten darüber, wo sie bereits gewesen waren und wohin sie gerne noch reisen würden. Voller Begeisterung stellte sie fest, dass seine geplante Reiseroute durch Europa fast genau ihrem vorgesehenen Reiseweg entsprach, und dass sie beide dieselben Städte sehen wollten.

»Ich will Venedig sehen, aber nicht unbedingt Florenz«, sagte er. »Was mich anzieht, sind die magischen Orte, und ich glaube, Venedig hat jede Menge Magie.«

Er hatte natürlich recht, wie sie beide ein paar Wochen später feststellen sollten.

»Ich glaube, jede Stadt hat zauberhafte Ecken«, sagte sie zu ihm. »Du musst nur bereit sein, nach ihnen zu suchen.«

»Da hast du vermutlich recht«, meinte er schulterzuckend, ohne den Blick von ihr zu wenden. »Es ist sehr gut, dass ich dich so früh auf meiner Reise gefunden habe. Nun kannst du mir überall die Augen öffnen.«