Olivensommer - Isabelle Broom - ebook

Olivensommer ebook

Isabelle Broom

0,0
45,24 zł

Opis

Seit dem Tod ihrer Mutter ist Holly Expertin darin, Menschen auf Abstand zu halten. Doch als sie einen unerwarteten Brief ihrer Tante aus Zakynthos erhält, beginnen die Mauern zu bröckeln. Holly reist auf die griechische Insel und versucht, den Spuren ihrer Familie zu folgen – einer Familie, von deren Existenz sie zuvor nichts wusste. Warum hat ihre Mutter nie von ihrer Schwester erzählt? Und was hat es mit der handgezeichneten Karte auf sich, die Holly und ihr Nachbar Aidan in einem alten Haus finden?

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi lub dowolnej aplikacji obsługującej format:

EPUB
MOBI

Liczba stron: 611




Das Buch

In den Augen ihrer Mitmenschen lebt Holly ein ganz normales Leben: Sie hat eine glückliche Beziehung, tolle Freunde und einen festen Job. Niemand ahnt, dass ihre Kindheit alles andere als idyllisch war und Holly sich die meiste Zeit ihres Lebens einsam fühlte. Doch das Schicksal scheint sich zu wenden, als sie einen Brief von einem Anwalt bekommt: Ihre verstorbene Tante vermacht Holly ihr Haus auf der griechischen Insel Zakynthos. Holly ist schockiert. Allerdings nicht wegen der Erbschaft, sondern weil sie nicht wusste, dass sie eine Tante hatte. Sie fliegt nach Griechenland und beginnt, dem Leben ihrer Tante, der Schwester ihrer verstorbenen Mutter, nachzuspüren. Warum hatten die Schwestern keinen Kontakt miteinander? Und warum vererbt sie Holly ihr Haus? Zusammen mit ihrem Nachbarn Aidan macht Holly sich auf die Suche nach Antworten – und findet weit mehr, als sie je zu hoffen gewagt hätte …

Über die Autorin

Isabelle Broom, geboren 1979 in Cambridge, hat Medienwissenschaft an der Universität von West London studiert und arbeitet als Redakteurin und Autorin. Eine Europareise nach ihrem Studium führte sie auf die griechische Insel Zakynthos, wo sie unvergessliche Monate verbrachte. Olivensommer ist ihr Debütroman.

ISABELLE BROOM

ROMAN

Aus dem Englischen

von Uta Rupprecht

Das Zitat von Émile Zola [siehe hier] stammt aus der Rede J’accuse, Zitatübersetzung entnommen aus Karl Heinrich Peter (Hg.): Reden, die die Welt bewegten.

Stuttgart 1986, S. 180–190.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Deutsche Erstausgabe 04/2017

Copyright © 2016 by Isabelle Broom

Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel My Map of You bei Penguin Books, Penguin Random House UK, London

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2017 by Diana Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Dr. Katja Bendels

Umschlaggestaltung: FAVORITBUERO, München

Umschlagmotive: © Slavia Stajic, KucherAV, Netfalls Remy Musser, Iryna Denysova, O. Bellini, Madredus, Iulias/Shutterstock

Satz: Leingärtner, Nabburg

Alle Rechte vorbehalten

e-ISBN 978-3-641-19117-7V002

www.diana-verlag.de

Besuchen Sie uns auch auf www.herzenszeilen.de

Wenn man die Wahrheit begräbt, ballt sie sich zusammen

und gewinnt eine solche Sprenggewalt, dass sie an dem Tage,

an welchem sie sich durchsetzt, alles mit sich in die Luft reißt.

ÉMILE ZOLA

PROLOG

Das kleine Mädchen zog die Knie bis ans Kinn und grub die Zehen in den feuchten Sand. Eine sanfte Welle schwappte an den Strand, fast bis an das Sandspielzeug heran, das Mum und Dad ihr am Morgen gekauft hatten. Eimer und Schaufel waren rot und passten zu ihrem neuen Badeanzug mit den weißen Punkten. Ihre Schwester hatte auch so einen, aber in blau. Dabei wusste doch jeder, dass Blau eine Farbe für Jungs war, und Jungs rochen schlecht. Rot war die Farbe der Königinnen, eine Farbe, die nicht zu übersehen war. Jenny kannte das Rot von den Briefkästen in Kent und von der Telefonzelle am Ende der Straße, in der sie wohnten. Es war ihre absolute Lieblingsfarbe.

Sie streckte die Beine aus und musste kichern, als der Schaumrand einer besonders vorwitzigen Welle sie an den Fußsohlen kitzelte. Ein Stück weiter konnte sie ihre Schwester sehen, die mit ihrem gelben Eimer Muscheln sammelte. Ziemlich sinnlos, dachte Jenny, Mummy würde nie erlauben, dass sie die stinkenden Dinger nach England mitnahm.

Der Gedanke an zu Hause machte Jenny ein bisschen traurig. Sie wollte nicht heim, denn dort regnete es immer, und die Kühe auf dem Feld hinter dem Haus brachen immer wieder aus und hinterließen große flache Fladen auf der Straße. Viel lieber würde sie hierbleiben, auf dieser Insel, wo das Sonnenlicht wie Feenstaub auf dem Wasser glitzerte und es so warm war, dass sie schon zum Frühstück Eis essen durfte. Jenny schaute hinaus aufs Meer, und da fiel ihr auf, dass eine der Inseln dort draußen aussah wie eine Schildkröte. Eine Schildkröteninsel!

»Sandy!«, rief sie und sprang aufgeregt auf die Füße. »Schau mal, da drüben!« Noch ehe Jenny bei ihr war, hatte Sandra die Insel ebenfalls erspäht und schmiedete bereits Pläne, wie sie Mummy und Daddy überreden könnten, ein Boot zu mieten und hinüberzufahren.

»Ich glaube, das hier ist vielleicht der schönste Ort auf der ganzen Welt«, sagte sie.

Jenny strengte sich an, ein finsteres Gesicht zu machen. Mit bemühter Ernsthaftigkeit tadelte sie Sandy: »Sei doch nicht so albern!«

Eine leichte Brise wehte Sandy die Haarsträhnen ins Gesicht, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatten. Jenny musste lachen. Ihre Schwester sah aus wie eine Irre!

»Ganz sicher ist das der schönste Ort der ganzen Welt!«, erklärte sie und versuchte dabei so entschieden zu klingen wie ihre Mutter, wenn sie wütend war. »Wenn ich groß bin, komme ich zurück, und dann werde ich für immer hier leben.«

»Ich auch«, sagte Sandy und nahm Jennys Hand. »Wir können ja zusammen hier leben.«

1

Der Brief kam an einem Mittwoch.

Es war Mai, und London kämpfte noch gegen die hartnäckigen Hinterlassenschaften eines besonders nassen Aprils an. Wie dicke Knäuel frisch geschorener Schafswolle hingen die grauen Wolken am Himmel, und die Touristen mussten bei den Souvenirhändlern am Ufer der Themse überteuerte Regenumhänge aus Plastik erstehen. Der Tag hatte sich völlig belanglos angelassen, einer von denen, die man einfach so überblätterte wie eine leere Seite in einem ansonsten vollgeschriebenen Notizbuch.

Doch dann katapultierte der Brief diesen Mittwoch ganz nach oben auf den Stapel der bemerkenswerten Tage.

Holly wartete, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Es musste mitten in der Nacht sein, weil der Verkehrslärm unten auf der Straße nachgelassen hatte. Nur ab und zu fuhr noch ein Bus oder ein Lastwagen vorbei und ließ die Kleiderbügel in ihrem Schrank klirren. Man nannte diese Uhrzeit die Stunde der Hexen – zwischen drei und fünf Uhr morgens, wenn tiefschwarze Dunkelheit durch die Städte und Dörfer schwappte und durch Fensterritzen und unter den Türen hindurch ins Innere der Häuser drang.

Doch in London war es niemals so dunkel. Während Holly schweigend in den Kissen lag, sah sie, wie sich das trübe Licht der Straßenlampen mit bleichen Fingern durch den Spalt zwischen den Vorhängen schob und über die Bettdecke hinweg nach ihr griff. Neben ihr drehte sich Rupert im Bett um, und das gelbe Muster verzerrte und verschob sich. Er hatte ihr das Gesicht zugewandt; sie sah die Wölbung seiner vollen Lippen und den dunklen Umriss seiner Haare, die ihm wirr an der Stirn klebten.

Es war schon nach Mitternacht gewesen, als er bei ihr Sturm geklingelt und alberne Liedchen in die Sprechanlage gesungen hatte. Er war mal wieder mit seinen Kollegen aus dem Büro durch die Pubs gezogen, aber Holly störte das nicht. Sie hatte sich sogar über die Ablenkung gefreut, als er die Treppe heraufgewankt war und ihr einen schlecht gezielten, nassen Kuss auf den Mund gegeben hatte. Schon als sie aus dem Büro nach Hause gekommen war, hatte sie gewusst, dass sie in dieser Nacht nicht viel schlafen würde.

Seit vielen Jahren litt Holly immer wieder an Schlaflosigkeit. In solchen Nächten war ihr, als kauerte ein Kobold auf ihrer Brust, der mit eisigen Fingern ihr Herz umfasste. Es war Angst, die diese Schlaflosigkeit hervorrief, und diese Angst wiederum wurde durch die Schlaflosigkeit noch verstärkt – ein scheinbar endloser, elender Kreislauf. Schon beim ersten Mal war es schwer genug gewesen, den Kobold abzuschütteln, und jetzt war er wieder da. Die Frustration ließ Holly ganz steif werden, und die Bettdecke lag auf einmal schwer und erstickend auf ihr.

Rupert sabberte ein wenig, in einem Winkel seines offenen Mundes hatte sich eine Blase gebildet, die sich mit dem Atem aufblies und wieder zusammensank. Holly roch den metallischen Geruch von Alkohol, den er verströmte, und sie drehte sich auf die andere Seite, wo ihre Handtasche am Boden stand. Die Handtasche, in der sich der Brief befand.

Das symbolische Gewicht dieses Briefes und seines Inhalts war so enorm, dass Holly sich vorstellte, wie die Dielenbretter unter dem Teppich zerbarsten und sich mitten in Hackney ein Schlund auftat, der sie und Rupert in die Abwasserkanäle hinunterzog. Eine Ecke des Briefumschlags lugte aus der Tasche hervor, fades Grau in der Düsternis des Schlafzimmers, und sie dachte daran, wie harmlos er auf den ersten Blick ausgesehen hatte, zwischen der Gasrechnung und einem Werbezettel für preiswerte Pizza. Es war einer dieser Umschläge mit durchsichtigem Adressfenster, wie sie von Banken und Krankenhäusern versandt wurden, und auf dem Brief darin standen klar und deutlich ihr Name und ihre Adresse. Die ausländische Briefmarke hatte sie erst bemerkt, als sie den Umschlag schon aufgerissen hatte.

Nachdem Holly beide Briefe gelesen und das beigefügte Foto eingehend betrachtet hatte, war sie noch sehr lange sitzen geblieben und hatte auf eine Stelle gestarrt, wo der Überwurf des alten Sofas aufzureißen begann. Sie hatte die Decke vor einigen Jahren selbst gestrickt, aber nun hatte sie ihre Stricknadeln oder die Nähsachen schon lange nicht mehr hervorgeholt. In diesem Moment allerdings hatte sie den heftigen Drang verspürt, danach zu suchen. Sie hatte den Brief samt Umschlag auf den Tisch gepfeffert und in den Schachteln unter ihrem Bett gewühlt, bis sie fand, was sie brauchte, um das Loch zu reparieren.

»Konzentriere dich ganz auf das Nähen«, hatte sie sich eindringlich gesagt. »Um den Brief kümmerst du dich später.«

Und eine Weile lang hatte das auch gut funktioniert. Holly waren jede Menge Arbeiten eingefallen, um sich davon abzuhalten, sich über den Brief Gedanken zu machen; den ganzen Abend über hatte sie sich auf diese Weise beschäftigt, und ihr waren gerade die Ideen ausgegangen, als Rupert vor der Tür gestanden hatte. Erfreut über die Aussicht, das Nachdenken auf angenehme Weise noch ein paar Stunden aufschieben zu können, hatte ihn Holly sehr viel lebhafter willkommen geheißen als sonst. Rupert war davon höchst angetan gewesen und hatte sich voller Freude von ihr verführen lassen – wenn auch mit weniger Finesse als üblich. Aber leider schlief ihr betrunkener und erschöpfter Freund hinterher immer schnell ein, und so lag Holly nun neben ihm im Bett, schlaflos und von einer geradezu juckenden Unruhe geplagt.

Sie atmete tief durch, schloss die Augen und gab sich alle Mühe, ihre Gedanken auf etwas anderes, irgendetwas anderes zu richten, aber sofort stand ihr wieder der Brief vor Augen.

Liebe Holly,

du kannst dich sicherlich nicht mehr an mich erinnern, aber ich denke jeden Tag an dich. Ich war dabei, als du auf die Welt kamst …

»Nein«, sagte sie laut und zuckte beim Klang ihrer Stimme in dem stillen Zimmer zusammen. Rupert murmelte etwas Unverständliches, und seine Spuckeblase platzte, als er sich auf dem Kissen bewegte. Holly hörte auf zu atmen und flehte ihn an, nicht aufzuwachen. Bestimmt würde er fragen, warum sie nicht schlief und warum sie Tränen auf den Wangen hatte. Und sie war noch nicht in der Lage, ihm diese Fragen zu beantworten.

Sie wartete, bis er wieder regelmäßig atmete, dann streckte sie vorsichtig einen Arm unter der Bettdecke hervor und nahm ihr Handy vom Nachttisch. Es war viertel vor fünf. Sie würde noch bis halb sechs Uhr warten und dann aufstehen und laufen gehen. Ja, das Laufen würde den Kobold der Schlaflosigkeit vertreiben und sie ablenken. Dieser Plan tröstete sie ein wenig, und sie entspannte sich so sehr, dass ihr die Augen zufielen. Und wundersamerweise überkam sie der Schlaf und trug sie davon.

Der Traum begann immer gleich: Sie fürchtete sich.

Sie wusste, dass sie die Tür öffnen und über die Schwelle treten musste, aber sie wusste auch, dass ihr altes, vertrautes Leben dann vorbei sein würde. Was sie hinter dieser Tür erwartete, würde sie niemals vergessen können, und dennoch konnte sie ihr Traum-Ich nicht daran hindern, weiterzugehen. Noch während sie die Hand auf die Klinke legte, sammelte sich das Gefühl der Bedrohung in ihrer Kehle wie Kippen in einem Aschenbecher. Dann schwankte die Szenerie, löste sich auf. Ganz plötzlich stand sie am Meer, und vor ihr am Horizont war ein ferner Umriss zu erkennen …

Ein paar Stunden später stand Holly am Fenster ihres kleinen Wohnzimmers und starrte hinaus auf die Straße. Eine unheilverkündende schwarze Wolke schob sich auf die Stadtmitte zu. Die Maisonne kapitulierte bereits unter dem Angriff der Schlechtwetterfront, und ein grauer Schleier senkte sich über die Stadt. Mit klammen Fingern zupfte Holly an dem sich bereits auflösenden Umschlag in ihrer Hand. Hinter sich in der Wohnung hörte sie, wie Rupert unter der Dusche einen Song von Bruce Springsteen malträtierte. Sonst brachten seine Gesangsübungen sie zum Lächeln, aber heute Morgen nicht.

Leider muss ich dir sagen, dass ich, wenn du diesen Brief in Händen hältst, nicht mehr unter den Lebenden weile …

Holly schüttelte den Kopf. Sie hatte den Brief nur einmal gelesen, doch offenbar hatten die Worte in ihrem Unterbewussten bereits tiefe Wurzeln geschlagen. Selbst wenn sie die Augen schloss, leuchteten sie nach, wie von einem Kind mit einer Wunderkerze in die Dunkelheit einer Novembernacht geschrieben.

Das Wasserrauschen im Badezimmer endete, und Holly hörte, wie Rupert sich die Nase putzte. Wie aufs Stichwort begann es draußen zu regnen; Tropfen prasselten gegen die Fensterscheibe. Holly drückte die Nase dagegen und sah zu, wie ihr Atem in einem halbrunden Bogen kondensierte.

»Liebes?« Rupert stand im Flur vor dem Schlafzimmer. »Du solltest besser einen Zahn zulegen – es ist kurz vor acht.«

Warum hatte sie den Brief erst jetzt bekommen, nachdem es schon zu spät war?

»Ich komm schon, Schatz!«, flötete sie und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Sie versteckte den Umschlag wieder in der Handtasche, ging auf nackten Füßen schnell zurück ins Schlafzimmer und warf ihrem Freund ein möglichst überzeugendes Lächeln zu.

»Es regnet schon wieder«, stellte sie fest, während sie den Bademantel auszog und nach einem engen Rock griff.

»Wir sollten wegfahren, irgendwohin, wo die Sonne scheint«, sagte Rupert. Im Vorbeigehen hielt er inne, um ihre Taille liebevoll zu umfassen. »Die Jungs haben gestern Abend von Ibiza erzählt, die Clubs dort sollen echt der Wahnsinn sein.«

»Mmh-hm«, murmelte Holly und schob sich die Bluse in den Rockbund. Etwas Schrecklicheres als eine Woche Cluburlaub auf den Balearen konnte sie sich nicht vorstellen – schließlich war sie neunundzwanzig und nicht mehr neunzehn.

»In dem Rock siehst du richtig sexy aus«, erklärte Rupert jetzt. Er betrachtete sie im Spiegel, vor dem er gerade Haarwachs in seinen glatten dunkelblonden Haaren verteilte. Holly genoss die Wirkung, die sie auf ihn hatte. Selbst nach einem Jahr musste sie ihm nur einen Seitenblick zuwerfen, und schon war er bereit, ihr die Kleider vom Leib zu reißen. Ihre Blicke trafen sich im Spiegel, und sie lächelte ihm zu. Wenn er sie so ansah, mit halb gesenkten Lidern und lüstern geöffnetem Mund, wurde Holly dennoch nervös. Es war aufregend, so viel Macht über ihn zu haben, aber die Vorstellung, die Gefühle, die er ganz offensichtlich empfand, selbst zuzulassen … nein, das machte ihr zu viel Angst.

Rupert warf seine Krawatte aufs Bett und trat mit großen Schritten neben sie.

»Ach, ich pfeife auf diesen Neun-Uhr-Termin«, flüsterte er und drückte ihr das Gesicht an den Hals. Während er mit einer Hand ihre dunklen Locken umfasste, öffnete er mit der anderen geschickt ihren Reißverschluss. Holly erstarrte einen Moment, dann wandte sie den Kopf und küsste ihn. Als er sie über das Fußende des Bettes beugte, stieß sie einen gehorsamen Lustschrei aus. Es dauerte nur wenige Minuten.

»Ach du meine Güte, jetzt muss ich aber wirklich los«, stellte er fröhlich fest und knöpfte sich die Hose zu. Sein Gesicht war gerötet, und Holly richtete ihm die Haare, während er sich das Jackett anzog.

»Wir sehen uns heute Abend, meine Schöne«, sagte er, und dann war er weg.

Ein paar Minuten lang hallte die Stille in der Wohnung wider, und Holly versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Ruperts energische Zurschaustellung seiner Leidenschaft hatte sie kurz abgelenkt, aber nun tauchte am Rande ihres Bewusstseins schon wieder der Brief auf und forderte wie ein unruhiges Kleinkind ihre Aufmerksamkeit.

Langsam, zögernd, ging Holly zu ihrer Handtasche und tastete darin nach dem Umschlag. Zwischen den beiden Briefen fand sie das Foto, zog es heraus und wartete, bis ihr Herz sich erneut zusammenkrampfte.

Das Foto zeigte ein kleines, viereckiges Haus, das aus cremefarbenen Natursteinen erbaut war. Das Dach bestand aus geschwungenen Terrakottaziegeln, und der Balkon war von einem massiven Rankgitter aus Holz umgeben. Doch was sie erschreckte, war nicht das Haus selbst, sondern die Tatsache, dass es genauso aussah wie ein Modell, das einst ihrer Mutter gehört hatte. Jenny Wright hatte Dinge nur behalten, wenn es unbedingt nötig war, aber dieses kleine Modellhäuschen hatte sie bis zu ihrem Tod besessen. Beim Anblick des Fotos fühlte Holly sich, als wäre sie einem Geist begegnet.

Erst als ihr Handy wenige Minuten später das Eintreffen einer SMS anzeigte, konnte sie die Augen von dem Bild lösen. Es war Aliana, die ihr fröhlich mitteilte, dass sie, wie so oft, zu spät zur Arbeit kommen würde, und Holly bat, sie vor ihrer Chefin zu decken.

Während Holly »okay« tippte, wurde ihr klar, dass sie selbst zu spät kommen würde, wenn sie sich nicht beeilte. Mit dem Brief würde sie sich in der Mittagspause befassen, schwor sie sich, und hastete durch die Wohnung, um ihre Sachen zusammenzusammeln. Dann rannte sie hinaus und warf die Tür hinter sich zu.

2

Wie so viele Menschen, die versuchten, sich in der britischen Hauptstadt durchzuschlagen, war Holly eher zufällig in London gelandet. Es war der letzte Ort, an den ihre Mutter mit ihr gezogen war, und inzwischen hatte Holly so viele Jahre hier verbracht, dass sie London als ihre Heimatstadt betrachtete. Dennoch war sie hier nie ganz heimisch geworden, zumindest nicht so, wie sie sich das vorstellte. Manchmal blieb sie inmitten der vorbeieilenden Passanten unvermittelt stehen und fragte sich, was sie eigentlich in dieser Stadt hielt. Im Grunde waren ihr die Menschenmengen, die Hektik, der ganze Dreck und die groben Umgangsformen zuwider, und trotzdem lebte sie hier.

Holly arbeitete in Camden in der Hauptniederlassung eines großen Online-Modeversandhauses namens Flash. Mit fünfzehn anderen Kollegen und Kolleginnen teilte sie sich die Aufgabe, verführerische Produktbeschreibungen zu verfassen und auf die Webseite hochzuladen. Auch wenn die Tätigkeit längst nicht so kreativ war, wie Holly sich das gewünscht hätte, war sie zumindest nicht sonderlich anstrengend und machte gelegentlich sogar Spaß. Die Bezahlung war durchschnittlich und die Zusatzleistungen eher mies, aber angesichts ihrer Lebensumstände war Holly trotzdem froh, die Stelle zu haben.

Das Schlimmste an ihrem Job bei Flash war unzweifelhaft Fiona, ihre direkte Vorgesetzte, die so humorlos und muffig war wie eine Packung alter Cornflakes. Holly wusste sehr wohl, dass es ein absolutes Klischee war, eine ekelhafte Chefin zu haben, aber was sollte sie tun?

Kaum ließ Holly sich um Punkt halb zehn auf ihren Schreibtischstuhl sinken, blinkte mit einem Piep bereits eine E-Mail von Fiona auf. Holly musste sämtliche Texte für die neuen Schlaghosen noch einmal umschreiben. Na großartig.

Als zehn Minuten später Aliana neben ihr zischte: »Was machst du denn für ein Gesicht?«, wäre Holly vor Schreck beinahe vom Stuhl gefallen.

»Verdammt noch mal, wo kommst du denn jetzt her?«, fuhr sie ihre Kollegin an und wischte den Tee auf, der über den ganzen Schreibtisch gelaufen war.

»Vom Fußboden«, erwiderte Aliana kichernd. »Der alte Drache sollte doch nicht sehen, dass ich zu spät komme.«

Aber im nächsten Moment ging es ihr genauso wie Holly zuvor.

»Wer kommt zu spät?«

Wie aus dem Nichts stand Fiona neben ihnen.

»Niemand.« Aliana schenkte ihr ein liebreizendes Lächeln.

»Und warum ist dein Computer noch nicht eingeschaltet?«, bohrte Fiona nach, die Nasenflügel wie Nüstern gebläht. Sie trug ihr Haar heute in einem strengen Dutt, und am Rand ihres Gesichts war dort, wo sie das Make-up nicht sorgfältig genug verstrichen hatte, ein Schatten zu sehen.

»Ist abgestürzt.« Aliana lächelte so unerschütterlich wie eine aus Knete geformte Animationsfigur.

Fiona zog eine ärgerliche Grimasse. »Die fehlende Viertelstunde arbeitest du in der Mittagspause nach!«, stieß sie noch hervor, ehe sie davonstolzierte und in ihrem Büro verschwand.

»Wenn sie doch endlich einen Freund finden würde!«, stöhnte Aliana und streckte der davonmarschierenden Fiona die Zunge raus. »Ich kenne niemanden, der so dermaßen unentspannt ist.«

Holly nickte. »Sie ist ein bisschen … steif. Vielleicht müsste sie mal richtig feiern gehen.«

»Nicht mit mir!«, rief Aliana. Dabei vertippte sie sich bei der Eingabe des Passwortes zum dritten Mal und fluchte, als das System sie prompt aussperrte.

Holly betrachtete die Hose vor sich auf dem Bildschirm: dunkelblaues Paisley-Muster mit betonter Taille und figurfreundlich weiten Beinen. Der Schnitt gefiel ihr, und zum tausendsten Mal, seit sie bei Flash arbeitete, fragte sie sich, warum sie sich ihre Kleider nicht mehr selbst nähte. Das Schneidern war das Einzige gewesen, was sie in diesen schrecklichen dunklen Jahren bei Verstand gehalten hatte. Nichts, was seitdem geschehen war, machte sie auch nur annähernd so glücklich. Nicht einmal Ru…

»Und, was macht dein attraktiver Mann so?« Alianas Stimme riss Holly aus ihren Gedanken. Ihre Kollegin, die die Geduld einer Wespe hatte, wartete am Telefon auf einen Administrator.

»Ach, er ist toll.« Holly wurde ein wenig lebhafter. »Aus Japan hat er mir einen Morgenmantel mitgebracht, aus Seide und mit ganz vielen Orchideen bestickt und …«

»War der Mantel teuer?«, fiel ihr Aliana ins Wort. »Ganz bestimmt war er das.«

Holly wusste natürlich, dass Rupert eine gute Stelle hatte – er war Finanzmanager – und viel Geld verdiente. Dennoch gefiel es ihr nicht, wenn alle positiven Seiten, die Aliana an ihm hervorhob, mit Geld zu tun hatten. In Hollys Kindheit und Jugend war das Geld immer knapp und jeglicher Luxus undenkbar gewesen, daher fiel es ihr immer noch nicht leicht, sich etwas zu leisten. Über den kleinsten Einkauf dachte sie oft lange nach. Aliana überzog ihre Kreditkarte bedenkenlos, wenn sie schnell mal in der Mittagspause durch die Klamottenläden auf der Camden High Street zog, wohingegen Holly drei Wochen brauchte, um zu entscheiden, ob ein bestimmtes Paar Winterstiefel ihr wirklich 40 Pfund wert war. Es hatte eine Weile gedauert, bis sie sich an Ruperts Wohlstand gewöhnt hatte. Aber obwohl sie so tat, als fände sie es großartig, wenn er sie in teure Restaurants einlud oder ihr riesige Blumensträuße schenkte, wand sie sich doch innerlich vor Unbehagen.

»Danach habe ich ihn nicht gefragt«, erwiderte sie. »Ich dachte, es ist ein vorgezogenes Geburtstagsgeschenk.«

»Ach ja, natürlich!« Aliana warf ihr einen Seitenblick zu. »Der Dreißigste! Wie geht es dir damit? Ich bin verdammt froh, dass ich bis dahin noch fünf Jahre Zeit habe. Ich meine, sei mir nicht böse, aber mit dreißig will ich definitiv verheiratet sein!«

»Ist schon okay«, log Holly. »Ehrlich gesagt, ich mache mir darüber nicht so viele Gedanken. Eigentlich ist das doch ein Geburtstag wie jeder andere auch. Ich will auch nicht, dass darum ein so großer Wirbel gemacht wird.«

»Oh, Rupert wird bestimmt einen großen Wirbel machen!«, sagte Aliana und konnte den Neid in ihrer Stimme nicht verbergen. »Vielleicht lädt er dich zum Skifahren nach Verbier ein – oder er kauft dir einen Diamantring.«

Darüber musste Holly tatsächlich lachen.

»Wieso nicht? Ich wette, das macht er, und dann tut es dir leid, dass du darüber gelacht hast.« Aliana unterbrach ihr Gespräch einen Moment lang, um den Administrator am anderen Ende des Telefons zu bezirzen. Sobald sie eingeloggt war, öffnete sie Facebook, ohne auf ihren übervollen Posteingang zu achten.

»Wow. Tut mir leid, Holly, aber dein Freund ist echt sexy.«

Holly sah hinüber zu den Fotos auf Alianas Bildschirm. Sie zeigten Rupert auf seiner noch nicht lange zurückliegenden Japanreise. Mit den aufgerollten hellblauen Hemdsärmeln und diesem verschmitzten, vielleicht ein wenig angeheiterten Lächeln im Gesicht, sah er wirklich sehr attraktiv aus.

»Ja, ich weiß«, sagte sie und lächelte.

»Falls du ihn mal … du weißt schon … loswerden möchtest, oder ihn … Aua!« Der Locher, von Holly über den Tisch geschubst, hatte Aliana am Arm getroffen und war auf den Teppich gefallen.

Letztendlich musste Holly ihr Vorhaben, sich in der Mittagspause mit dem Brief zu beschäftigen, aufgeben, weil Aliana sie zum Markt schleppte, um dort einen Falafel-Wrap zu essen (»Die sind so lecker, echt, das ist wie ein Orgasmus im Mund!«), und danach ins Nagelstudio. Die Falafel-Wraps sahen zwar köstlich aus und rochen verführerisch, aber Holly widerstand der Versuchung und aß ihr mitgebrachtes Mittagessen. Warum sollte sie 4 Pfund 50 für einen Wrap bezahlen, wenn sie sich für einen Bruchteil des Geldes ein Thunfisch-Mayonnaise-Sandwich machen konnte?

Der strömende Regen vom Morgen hatte glücklicherweise nachgelassen, aber am Himmel hingen immer noch dicke Wolken, so grau wie Straßenpflaster. Der Camden Market gab sich alle Mühe, mit seinen bunten Ständen und Gruppen von Punks mit neonbunten Mohikanern etwas Farbe in die Sache zu bringen. Wie in Trance wanderte Holly an all dem vorbei und überließ es ihrer Freundin, die Stille mit ihrem unablässigen begeisterten Geplapper zu füllen.

Da Aliana praktischerweise vergessen hatte, dass sie in der Mittagspause ihre Verspätung vom Morgen nacharbeiten sollte, wurde sie, als sie zurückkamen, augenblicklich in Fionas Büro beordert und zu der todlangweiligen Aufgabe verdonnert, alle alten Artikel von der Webseite zu löschen.

Holly tat ihre Freundin zwar leid, aber sie war auch froh, endlich einmal Ruhe zu haben. Wenn sie sich konzentrieren konnte, ohne ständig unterbrochen zu werden, arbeitete sie sehr viel besser. Doch anstatt sich mit Stoffen, Nähten und Verschlüssen zu beschäftigen, wanderten ihre Gedanken unwillkürlich zurück zu ihrer Mutter.

In Hollys früher Kindheit, vor der Zeit, in der Jenny Wright ihre Tage nur noch mithilfe der Flasche durchstehen konnte, hatte sie sich immer Gutenachtgeschichten für ihre Tochter ausgedacht – Holly hatte schon als sehr junges Mädchen Schwierigkeiten mit dem Einschlafen gehabt. Eine dieser Geschichten handelte von einer Fee namens Hope, die nach der Beschreibung ihrer Mutter blonde Zöpfchen hatte und ein blaues Kleid mit einem roten Petticoat darunter trug. Wenn Hope tanzte, dann flogen ihre Röcke ineinander, und manchmal wirbelte sie so wild herum, dass ihr Kleid lila aussah. Das hatte Holly immer sehr gefallen, weil Lila ihre Lieblingsfarbe war – auch heute hatte sie etwas Lilafarbenes an.

An besonders anstrengenden Tagen, oder wenn sie in eine Situation geriet, die ihr Angst machte, rief sich Holly immer noch die Fee Hope vor Augen. Sie ließ sie am Rande ihres Blickfelds tanzen, sah ihr zu, wie sie herumwirbelte, immer schneller und schneller. Und während Holly jetzt am Schreibtisch saß und auf den Bildschirm blickte, aber nur ihre Vergangenheit sah, war ihr Hope so nah wie damals vor vielen Jahren, als sie noch keine Ahnung hatte, wie furchterregend das Leben sein konnte.

»Dein Telefon klingelt!« Aliana war mit dem Schreibtischstuhl herübergerollt und hatte ihr tatsächlich einen Stoß versetzt. Verwirrt griff Holly nach ihrem Handy und sah gerade noch, wie Hope sich in einem Farbfleck auflöste.

»Hi, Liebste!« Es war Rupert. Er rief immer um diese Zeit an, wenn der Alkohol, den er zum Mittagessen getrunken hatte, ihn schläfrig machte. Irgendwie tat er ihr ein wenig leid, weil er so viele Besprechungen mit Kunden hatte, die erwarteten, von ihm ausgeführt und unterhalten zu werden. Aber ihm schien das Spaß zu machen.

»Du klingst ziemlich erledigt«, bemerkte Holly so mitfühlend wie immer.

»Ich hatte heute Mittag ein paar Bier«, gab er zu. »Übrigens haben die Jungs und ich gerade überlegt, ob wir nachher noch auf ein paar mehr in den Pub gehen sollen. Bist du dabei?«

Mit den »Jungs« in den Pub zu gehen hieß, dass Rupert viel trinken und sie erst spät nach Hause kommen würden. Das wiederum würde Holly möglicherweise die Entschuldigung bieten, die sie brauchte, um sich einen ganzen weiteren Tag lang nicht mit dem Brief auseinandersetzen zu müssen.

»Ja«, erwiderte sie mit plötzlicher Begeisterung. »Da, wo ihr immer hingeht?«

»Ja, vermutlich …« Jemand in seinem Büro schien Rupert abzulenken. »Ich schick dir eine SMS, falls wir woanders sind. Bis später, Süße.«

»Dann gehst du nach der Arbeit noch aus?« Aliana versuchte gar nicht erst zu verbergen, dass sie das Telefongespräch belauscht hatte.

Holly nickte.

»Ich habe auch noch nichts vor …«

»Ach du meine Güte, mach doch kein solches Gesicht!«, stöhnte Holly. »Du kannst gern mitkommen.«

Wenn Aliana dabei war, sanken die Chancen, dass sie vor Mitternacht nach Hause kam, von gering auf unwahrscheinlich. Erleichterung überschwemmte Holly und spülte die melancholischen Gedanken fort, die sie den ganzen Tag geplagt hatten. Mit neuer Frische und voller Entschlossenheit wandte sie sich ihrem Bildschirm zu und stellte beglückt fest, dass ihre Inspiration zurück war.

3

Holly hatte viele Jahre und eine ganze Reihe von Fehlversuchen gebraucht, ehe sie begriffen hatte, dass das, was man »Beziehung« nannte, eigentlich ein großes Spiel war. Man musste lediglich herausfinden, was der andere sich wünschte, und es ihm dann geben. So einfach war das.

Holly hatte Rupert gerade einmal fünf Minuten gekannt, als sie beschloss, ihm alles zu geben, was er sich wünschte. Er war in einer Bar auf sie gestoßen – im wahrsten Sinn des Wortes – und hatte ihr Rotwein über das Kleid geschüttet. Es folgten eine verlegene Entschuldigung und das Versprechen, ihr zur Wiedergutmachung gleich am nächsten Tag ein neues Kleid zu kaufen. Sie trafen sich an der U-Bahnstation Bond Street, und Rupert zog mit Holly von einer Designer-Boutique zur anderen und drängte sie, Kleider zu probieren, die Hunderte von Pfund kosteten.

Holly, die sich, seit sie ein Teenager war, ihre Kleider aus Stoffresten und Secondhand-Schnäppchen selbst nähte, fühlte sich an diesem Nachmittag wie die Hauptdarstellerin in einer kitschigen Filmromanze. Besitz hatte ihr nie viel bedeutet, aber sich von diesem selbstbewussten Mann, der all ihre Proteste, das sei doch zu teuer, einfach überging, von einem Kleiderständer zum anderen führen zu lassen, kam ihr unendlich dekadent vor. So etwas hatte sie noch nie erlebt. Stunden später saßen sie in der Paramount-Bar des Centre Point Towers vor dem großartigen Ausblick über London und stießen mit ihren Champagnerflöten an. Holly trug ihr brandneues Kleid, in dem ein Burberry-Aufnäher prangte, und hatte zum ersten Mal seit sehr langer Zeit das Gefühl, dass ihr Weg in die richtige Richtung führte.

Irgendwann nahm Rupert ihr zärtlich das Glas aus der Hand, stellte es auf den Tisch und fuhr mit den Fingern seitlich an ihrer Wange entlang, ehe er sich vorbeugte, um sie zu küssen. Holly schwor sich, ab sofort alles zu unterlassen, was diesen Mann in die Flucht jagen könnte. In diesem Moment erblühte eine vollkommen neue Holly, getauft mit Champagner und dem Geschmack von Ruperts Kuss.

Ihn glücklich zu machen war anfangs nicht besonders schwierig: Sie hörte ihm einfach zu. Er genoss es, von sich zu erzählen, und sie genoss es, alles über sein Leben zu erfahren. Im Lauf der Zeit gab er ihr Einblick in seine Kindheit und Jugend (in einem riesigen Landhaus in Kent mit ziemlich konservativen Eltern und einem älteren Bruder), seinen Beruf (Finanzmanager bei einer großen Firma in der Londoner City) und sogar seine früheren Beziehungen (Franny, seine Freundin aus der Studienzeit und seine erste große Liebe, die ihm das Herz brach, als sie auf Reisen ging und sich in einen australischen Surfer verliebte, gefolgt von einer Reihe junger Frauen, die er durch seine Kollegen kennengelernt hatte). Ruperts abfällige Beschreibungen dieser jüngsten Eroberungen reichten von »vollkommen dämlich« über »unglaublich langweilig« bis zu »eine grauenvolle Stalkerin«.

Schon bald hatte Holly herausgefunden, dass Rupert nicht auf übereifrige Verehrerinnen stand. Daher gab sie sich alle Mühe, keinesfalls in diese Kategorie zu fallen. Einmal wartete sie sogar entsetzliche drei Tage lang, bis sie auf eine SMS von ihm antwortete, und bei der Hälfte seiner Einladungen behauptete sie, leider keine Zeit zu haben. Seltsamerweise wurde sie durch ihre Unerreichbarkeit und die Weigerung, ihm nachzulaufen, für Rupert unwiderstehlich. Zwar war ihr durchaus bewusst, dass diese Art von Spiel möglicherweise nicht der beste Einstieg in eine glückliche Beziehung war, aber nach dem zu urteilen, was sie in Magazinen und im Internet las, machten es alle so. Und Holly hatte es in der Kunst, sich als jemand auszugeben, der sie überhaupt nicht war, schon vor vielen Jahren zur Meisterschaft gebracht.

Natürlich erkundigte sich Rupert irgendwann auch nach ihrer Kindheit (sie erzählte ihm, ihre Eltern seien bei einem Autounfall ums Leben gekommen), ihrem Beruf (in dieser Hinsicht war sie ehrlich) und ihren früheren Beziehungen (sie habe einige Freunde gehabt, sei aber in keinen von ihnen richtig verliebt gewesen). Holly war schlau genug zu erkennen, dass ein derart selbstbezogener Mann wie Rupert begeistert wäre, ihre erste große Liebe zu sein. Und das war auch nicht ganz gelogen, denn sie hatte tatsächlich noch niemanden wirklich geliebt, ehe sie Rupert kennenlernte. Als er ihr etwa sechs Monate nach ihrer ersten Begegnung gestand, dass er sie liebte, hatte sie kein Problem, die drei kleinen Worte ebenfalls auszusprechen. Na gut, die Erkenntnis, dass sie verliebt war, entzündete kein Feuerwerk und löste auch kein lautes Hurra in ihr aus, aber zu diesem Zeitpunkt war sie davon überzeugt, dass es stimmte. Rupert war der beste Kandidat für eine erste große Liebe, den sie vorzuweisen hatte.

Zu der Verabredung am Abend kamen sie schließlich zwanzig Minuten zu spät, weil Aliana darauf bestanden hatte, ihr Tages-Make-up abzuwischen und sich noch einmal vollständig neu zu schminken – eine ziemlich diffizile Aufgabe angesichts der großen Acrylnägel, die sie sich in der Mittagspause hatte machen lassen.

»Liebste, da bist du ja!« Rupert sprang vom Barhocker, als Holly und Aliana sich durch die belebte Bar zu dem Tisch vorkämpften, den er mit seinen vier Kollegen erobert hatte. Als er Holly an sich zog, strich er ihr verstohlen über den Po und drückte ihn leicht. »Ich musste den ganzen Tag an heute Morgen denken«, flüsterte er. »Ich kann es gar nicht erwarten, später mit dir nach Hause zu fahren …«

Holly antwortete ihm mit einem schnellen Kuss auf die Wange. »Du erinnerst dich doch an Aliana«, sagte sie, wandte sich um und legte den Arm um ihre Freundin. Rupert lächelte breit und beugte sich vor, um Aliana mit einem Küsschen zu begrüßen.

»Aliana, wie schön, dich zu sehen! Es ist schon ewig her, nicht wahr? Aber Holly zieht es meistens vor, mich für sich allein zu haben.«

»Das kann ich gut verstehen.« Freudig gab ihm Aliana ebenfalls ein Küsschen, und ihren pinkfarben geschminkten Lippen entkam ein kokettes Kichern. Holly musste sich zurückhalten, um nicht die Augen zu verdrehen. Sie ging um die beiden herum und begrüßte Ruperts Freunde.

Als Erster stand Toby auf, der sie mit seiner riesenhaften Statur weit überragte. Er zog sie an seine mächtige Brust und drückte ihr dabei das Gesicht in eine seiner schweißgetränkten Achseln. »Holly! Gut siehst du aus. Das Lila gefällt mir – steht dir ausgezeichnet!«

Holly strich sich verlegen über den Rock und lächelte zu ihm hinauf. Auch wenn Toby etwas streng roch, hatte sie doch eine Schwäche für ihn, denn er war liebenswürdig, freundlich und ungeniert. Seine Freundin dagegen war ein härterer Knochen.

»Penelope, wie geht es dir?«

Tobys Freundin warf Holly über ihr Weinglas hinweg einen strengen Blick zu. Als Holly Penelope zum ersten Mal vorgestellt worden war, war sie sicher gewesen, sie in irgendeiner Weise beleidigt zu haben, aber Rupert hatte ihr eilig versichert, dass alles in bester Ordnung sei. Die Freundin seines besten Kumpels sei nur ein bisschen seltsam.

»So gut, wie es einem eben geht in einer Bar, die eher einem Zoo gleicht«, erwiderte Penelope. Sie machte sich nicht die Mühe aufzustehen, wies Toby aber an, ein leeres Glas von der Bar zu holen, damit Holly sich an ihrer Flasche Pinot Grigio beteiligen konnte.

Auch Clemmie und Boris, das andere Paar am Tisch, standen nicht auf, begrüßten Holly aber mit einem warmen Lächeln. Jahrelang hatte Holly sich um die Akzeptanz anderer Menschen bemüht, und wenn sie mit dieser Clique zusammen war, spürte sie förmlich, wie sie in eine andere Version ihrer selbst schlüpfte – selbstbewusster und ausgelassener als die echte Holly.

»Eine Runde Kurze?«, fragte Rupert, der sich endlich aus Alianas Fängen befreit hatte, und erntete begeisterte Zustimmung – auch von Holly, die ausnahmsweise die Betäubung, die reichlich Alkohol ihr schenken würde, zu schätzen wusste.

»Na, Holly, weißt du schon, was du zu deinem Geburtstag veranstaltest?«, fragte Clemmie. »Ich meine, es ist doch immerhin der Dreißigste, oder?«

»Ach du meine Güte, erinnere mich bloß nicht daran!«, stöhnte Holly.

»Ich finde, wir sollten uns alle so richtig edel anziehen, weißt du, uns wirklich aufbretzeln und ganz toll ausgehen«, fuhr Clemmie fort und stieß Penelope mit dem Ellbogen an, bis sie zustimmend nickte.

Clemmie, die einen hochmodischen schwarz-weißen Jumpsuit und dazu hellorangefarbene Stilettos trug, war immer edel angezogen, fand Holly. Aber es war nett von den beiden, dass sie Holly offenbar als zugehörig betrachteten.

»Ihr Mädels kennt doch immer die besten Clubs«, erwiderte sie und hoffte, dass die Schmeichelei gut ankam. »Ich hab doch überhaupt keine Ahnung.«

»Da gibt es eine neue Bar in der Nähe vom Spitalfields Market«, schlug Boris vor. »Man braucht ein geheimes Passwort oder so was, um reinzukommen, aber ich gehe dauernd mit Kunden hin, da kann ich bestimmt was drehen.«

»Wann hast du noch mal genau Geburtstag?«, fragte Penelope. Sie wirkte nicht so begeistert wie die anderen, aber eigentlich konnte sie nichts so richtig in Begeisterung versetzen.

»Am 30. Juni«, sagte Rupert, der mit einem Tablett voll Tequilas zurückkam. Holly zählte nach und stellte fest, dass er für jeden gleich zwei besorgt hatte. Sie konnte beinahe hören, wie ihre Leber lauten Protest anmeldete.

»Wow, du bist gut!«, stellte Penelope fest. »Toby weiß meinen auch nach fünf Jahren noch nicht.«

»Unsinn!« Toby war knallrot geworden, was ihm überhaupt nicht stand.

»Hollys Geburtstag kann ich mir leicht merken, weil wir uns an diesem Tag kennengelernt haben«, erklärte Rupert und reichte das Salz herum.

Holly errötete vor Freude und lächelte ihn an. Sie konnte kaum glauben, dass sie schon fast ein Jahr zusammen waren – elf volle Monate, und sie hatte bisher alles vermieden, was die Sache zum Platzen bringen konnte.

Clemmie schnüffelte an ihrem ersten Tequila und verzog das Gesicht. Mit ihren blonden Locken sah sie aus wie ein ärgerlicher Cupido.

Boris legte seiner Freundin einen Arm um die Schultern und rieb die Nase an ihrer Wange. Holly fand, dass Clemmie zu Boris nie besonders liebevoll war, aber ihn schien das nicht im Geringsten zu stören. Auch sie und Rupert waren nicht gerade für Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit bekannt, doch nach ein paar Drinks konnte er die Hände nicht mehr von ihr lassen.

Aliana hatte nicht auf die anderen gewartet; sie kaute bereits so eifrig an einem Zitronenschnitz, dass ihr die Tränen in die Augen schossen. Als Holly sah, wie ihr Rupert von der anderen Seite des Tisches zuzwinkerte, hob sie ihr Glas. »Cheers!«

Nach weiteren drei Tequilas, zwei großen Gläsern Weißwein und gerade mal einer Handvoll Oliven zum Abendessen fand Holly sich etwas konsterniert in einer verschlossenen Kabine der Damentoilette wieder, die beiden Briefe vor sich auf dem Schoß. Das war eigentlich nicht vorgesehen gewesen. Sie hatte erwartet, dass der Alkohol sie ablenken und ihre Gedanken von den unwillkommenen Enthüllungen abbringen würde. Stattdessen hatte er ihr die noch verbliebene Selbstkontrolle geraubt und sie – an einigen Tischkanten entlang – hierher getrieben, fort von den neugierigen Blicken ihrer Freunde.

Sie war noch nicht bereit, sich diesen Briefen zu stellen, und schon gar nicht, Rupert davon zu erzählen. Und so ließ sie den persönlichen Brief sicher gefaltet und schlug lediglich das getippte Blatt Papier auf. Dann gab sie dem Drang nach, der schon den ganzen Tag in ihrem Inneren brannte.

Sehr verehrte Miss Wright,

ich schreibe Ihnen im Namen der Rechtsanwaltskanzlei Olympus in Zakynthos. Meine Klientin, Miss Sandra Wright, hat mich angewiesen, im Falle ihres Todes das beigefügte Schreiben an Sie weiterzuleiten. Ich bedauere, Ihnen nun mitteilen zu müssen, dass sie von uns gegangen ist.

Holly suchte in ihrem Inneren nach einem tieferen Gefühl, aber da war nichts außer einer gewissen Taubheit. Diese Sandra hatte denselben Nachnamen wie sie, offenbar war sie eine Verwandte gewesen, aber Holly hatte sie nie kennenlernt.

Sie las weiter.

Miss Wright hat uns versichert, dass alles, was Sie wissen müssen, in dem beiliegenden Brief an Sie steht, aber wir dürfen Sie darüber informieren, dass ihr Haus hier auf Zakynthos sowie alles, was sich darin befindet, nun Ihnen gehört. Sollten Sie noch weitere Fragen haben, so zögern Sie bitte nicht, mit uns Kontakt aufzunehmen.

Wir möchten noch einmal unser Bedauern über Ihren Verlust ausdrücken.

Mit freundlichen Grüßen

Takis Boulos

Ein Haus? Sie besaß jetzt ein Haus? Vermutlich war es das auf dem Foto – genau das Haus, das im Kleinformat in der Wohnung ihrer Mutter gestanden und das Holly in ihrer Kindheit so oft betrachtet hatte. Gerade hatte sie den anderen Brief entfaltet, der von Sandra selbst stammte, als jemand laut an die Kabinentür klopfte.

»Holly, bist du da drin?«

Sie konnte die Spitzen von Alianas Lacklederpumps unter der Tür sehen.

»Bin gleich fertig«, erwiderte sie und murmelte ärgerlich vor sich hin, während sie die Briefe wieder in die Tasche schob und unnötigerweise die Spülung zog.

»Du warst Ewigkeiten weg!«, sagte Aliana vorwurfsvoll und sah Holly an, die zu der Reihe von Waschbecken hinüberging.

»Mir war ein bisschen komisch«, log Holly. »Vielleicht der Tequila.«

Aliana trat neben sie und holte ihren Lippenstift heraus.

»Clemmie ist echt nett«, sagte sie und suchte Hollys Blick im Spiegel. »Sie hat gesagt, ich soll doch nächsten Monat mitkommen, du weißt schon, an deinem Geburtstag.«

Holly hatte diesen Geburtstag jetzt schon satt, dabei war es noch über einen Monat hin. Was sie sich für diesen Tag wirklich wünschte, war ein ruhiger Abend mit Rupert oder vielleicht ein Abendessen im Pub um die Ecke. Etwas ganz Einfaches. Aber sie wusste, dass Rupert den Geburtstag als Gelegenheit zu einer großen Party betrachtete, und wenn er sich so etwas in den Kopf gesetzt hatte, hatte es nicht viel Sinn, ihn davon abbringen zu wollen.

»Das solltest du auch«, sagte sie deshalb bloß und übertönte Alianas Antwort, indem sie die Hände unter den Trockner streckte. Plötzlich überfiel sie eine tiefe Erschöpfung. Als sie gestern Nacht endlich hatte einschlafen können, waren ihr nur noch wenige Stunden geblieben, bis der Wecker klingelte. Inzwischen hatte sie dunkle Ringe unter den Augen, und ihre Wimperntusche war längst verschwunden.

»Du siehst schrecklich aus«, sagte Aliana, als könnte sie Hollys Gedanken lesen.

Holly gelang ein halbherziges Lächeln. »Herzlichen Dank. Mit Freundinnen wie dir braucht man keine Feinde.«

Die beiden kicherten, und die Spannung löste sich. Aliana war eindeutig betrunken. Ihre Augen blickten glasig, und auf den Wangenknochen saßen rote Flecken. Wie Holly hatte sie olivfarbene Haut und dunkles Haar. Aber anders als Holly hatte Aliana keine Locken, sondern Haar, das so glatt herabhing, als würde sie es jeden Morgen bügeln. Es reichte ihr weit über den Rücken, und sie hatte sich schon mehrmals damit gebrüstet, dass sie als Kind darauf hatte sitzen können. Da sie klein war und die Kurven an den richtigen Stellen hatte, drehten sich sowohl Männer als auch Frauen nach ihr um, aber liebenswerterweise war sie sich ihrer Wirkung überhaupt nicht bewusst. In den drei Jahren, seit Holly sie kannte, war sie immer nur mit ausgesprochen unangenehmen Männern ausgegangen – eine Tatsache, die jeden, der sie kannte, verblüffte. Nach außen hin zeigte Aliana eine fröhliche Zuversicht, wie sie Holly nur vortäuschen konnte, aber vermutlich war ihre Freundin längst nicht so selbstsicher, wie sie alle glauben machte. Entweder das, oder sie hatte einfach den schlechtesten Männergeschmack aller Zeiten.

Mitten in der Damentoilette erfasste Holly plötzlich eine unerwartete Zuneigung zu Aliana. Sie hakte sich, was untypisch für sie war, bei ihr ein, während sie zum Tisch zurückgingen. Die Uhr an der Wand zeigte kurz vor elf, aber das konnte Rupert nicht abhalten.

»Noch eine Flasche, die Damen?«, fragte er und hob die leere Weinflasche aus dem Eiskübel.

Holly seufzte. »Na, meinetwegen.«

4

»Liebes, wach auf!«

Holly stöhnte. Die zweite Flasche Wein war überhaupt keine gute Idee gewesen.

»Komm schon, Holly, wir müssen etwas besprechen.«

Sie schlug die Augen auf und sah verschwommen Ruperts Gestalt vor sich. Er beugte sich über sie, in der Hand etwas, was dem Geruch nach eine Tasse Kaffee sein musste. Ihr Magen protestierte, und ihr wurde ein bisschen übel.

»Ich bin schon wach.« Mit einem gezwungenen Lächeln setzte sie sich auf. Erst dann bemerkte sie seinen Gesichtsausdruck. »Was ist denn los?«

Mit schuldbewusster Miene schob Rupert die Hand in die Tasche seines Bademantels und zog den Umschlag heraus, den sie zuletzt zusammengefaltet ganz unten in ihrer Handtasche gesehen hatte.

Eine schreckliche Stille trat ein.

»Ich wollte dir davon erzählen«, sagte sie, ohne ihn anzusehen. »Es sollte nur nicht gleich jeder davon erfahren, weißt du.«

Rupert zog ein Gesicht wie ein beleidigtes Robbenbaby. Holly, die prickelnden Ärger in sich aufsteigen spürte, holte tief Luft. »Ich hatte wirklich vor, dir davon zu erzählen«, wiederholte sie.

»Dann erzähl es mir jetzt.« Rupert setzte sich auf den Bettrand, sodass sein Gewicht sie unter der Bettdecke gefangen hielt. Während er abwartend seinen Kaffee trank, wurde Holly immer nervöser. Sie wusste, dass es lächerlich war. Schließlich war das ihr lieber, süßer Rupert, und er wollte doch nur, dass sie ehrlich zu ihm war. Allerdings hatte sie, was die Geschichte ihrer Familie anging, einen fantastischen Lügenteppich gewoben, der sich möglicherweise auflösen würde, wenn sie auch nur an einem einzigen Faden zog. Und dann wäre das perfekte Bild von ihr, das sie so mühsam aufgebaut hatte, unwiederbringlich zerstört.

»Es hat sich herausgestellt, dass ich eine Tante hatte«, brachte sie heraus. »Ich habe sie allerdings nie kennengelernt.« Sie erwartete, dass Rupert nachfragte, aber das tat er nicht. Sie redete weiter: »Diese Tante lebte an einem Ort namens Zakynthos, was offenbar eine griechische Insel ist. Und ja, sie hat mir ihr Haus dort hinterlassen.«

Rupert sah Holly erstaunt an.

»Tja, ich vermute, nun besitze ich ein Eigenheim.« Sie wollte lachen, aber es klang eher wie ein heiseres Husten. Rupert zuckte zusammen und setzte die Kaffeetasse ab.

»Und das ist alles? Das große Geheimnis, das du der Truppe gestern nicht erzählen wolltest?«

Holly verzog den Mund zu einem Lächeln, um ihren Ärger über das Wort »Truppe« zu verbergen. Sie wäre jetzt gerne aufgestanden, aber angesichts der Beklommenheit zwischen ihnen fühlte sie sich nicht wohl bei dem Gedanken, dass er sie dann nackt sehen würde. In ihrem Rausch hatten sie gestern Nacht noch irgendwie miteinander geschlafen, Holly konnte ihre Unterhose zerknüllt auf dem Boden neben der Tür liegen sehen.

»Es war ein kleiner Schock, weißt du«, erklärte sie ihm. »Ich war einfach noch nicht bereit, jemandem außer dir davon zu erzählen.«

Sie hatte gehofft, dass Rupert die Worte als Kompliment verstand, und es schien zu funktionieren. Seine Miene wurde etwas freundlicher, er rückte näher und nahm eine ihrer Hände zwischen die seinen.

»Das verstehe ich doch, Holly. Es ist auch keine große Sache, dass du es mir nicht erzählt hast. Aber dass du ein Haus geerbt hast, ist doch toll. Bloß schade, dass die griechische Wirtschaft in letzter Zeit so unsicher ist. Es könnte eine Ewigkeit dauern, bis du es zu einem guten Preis verkaufen kannst.«

Holly hatte gerade einen Schluck von ihrem schon abgekühlten Kaffee genommen und hätte sich beinahe verschluckt. Bisher war sie überhaupt nicht auf den Gedanken gekommen, sie könnte das Haus verkaufen – das Einzige, was ihr von ihrer Familie noch geblieben war. Auch wenn diese Familie es vorgezogen hatte, erst dann Kontakt zu ihr aufzunehmen, als es bereits zu spät gewesen war.

»Ich dachte, ich fliege mal hin«, sagte sie jetzt. Bis sie das laut aussprach, hatte sie von dem Plan selbst noch nichts gewusst, aber es stimmte. »Ich muss nach Zakynthos und mir das Haus anschauen. Ich würde es gern sehen.«

Rupert runzelte die Stirn. »Im Moment kann ich mir unmöglich freinehmen. Ich stehe vor Verhandlungen, die mit äußerstem Feingefühl geführt werden müssen.«

»Ich könnte doch auch allein reisen?« Holly flüsterte es beinahe. Die Vorstellung, mit Rupert im Schlepptau dort anzurücken, um im Haus ihrer verstorbenen Tante herumzuwühlen, war viel schrecklicher als eine Reise allein. Was, wenn sich dort etwas Verräterisches über ihre Mutter fand? Oder wenn ihre Tante einer dieser verrückten Messies gewesen war und inmitten von riesigen Zeitungsstapeln und Müllbergen gelebt hatte? Sie zog sich die Bettdecke bis unters Kinn.

»Aber nur, wenn du dir absolut sicher bist …« Rupert drückte ihr noch einmal die Hand. »Ich würde dich gerne in dieser Sache unterstützen. Kannst du denn nicht noch einen Monat oder so warten?«

Holly schüttelte den Kopf.

»Na gut, dann ist es eben so.« Endlich stand Rupert auf. »Ich spring noch schnell unter die Dusche. Und du solltest dich auch besser beeilen. Ich hab dir die Paracetamol auf die Frühstückstheke gelegt.«

Holly wartete, bis sich die Badezimmertür hinter ihm geschlossen hatte, ehe sie zur Tür hinübertappte, die Unterhose vom Boden aufhob und in ihre Handtasche schob. Im Flur fand sich ein Stapel frischer Handtücher, und Holly wickelte sich eines davon um den Körper, ehe sie in die Küche ging.

In mancher Hinsicht war Rupert einfach perfekt, dachte sie und nahm sich ein paar von den Kopfschmerztabletten, die er ihr so rücksichtsvoll hingelegt hatte. Aber er konnte auch ein ziemlicher Idiot sein. Verstand er denn nicht, dass die große Neuigkeit nicht die Tatsache war, dass die Tante ihr ein Haus vererbt hatte, sondern dass sie überhaupt eine Tante gehabt hatte?

Sie setzte den Wasserkessel auf, warf einen kurzen Blick in den Kühlschrank, ohne etwas herauszunehmen, und setzte sich auf einen von Ruperts unbequemen Barstühlen aus Chrom. Es dauerte einige Minuten, bis sie merkte, wie wütend sie war. Die Tatsache, dass Rupert sie mit dem Brief konfrontiert hatte, hatte sie so erschreckt, dass sie über sein Wühlen in ihrer Handtasche gar nicht nachgedacht hatte. Privatsphäre war Holly in jeder Beziehung heilig, und sie fand es unglaublich, wie sehr Rupert ihr Vertrauen missbraucht hatte. Am liebsten wäre sie sofort ins Badezimmer marschiert und hätte ihn lautstark zur Rede gestellt. Aber das hätte die frühere Holly getan, jene Holly, von der sie sich schon vor langer Zeit gelöst hatte. Wenn Rupert die Frau, die sie wirklich war, zu Gesicht bekäme, dann müsste sie sich über sein Schnüffeln in ihrer Handtasche keine Gedanken mehr machen, denn dann würde er mit großer Wahrscheinlichkeit umgehend aus ihrem Leben verschwinden. Möglicherweise war sie selbst schuld daran, dass er gar nichts dabei fand, in ihren Sachen zu stöbern. Schließlich ließ sie ihm auch in allen anderen Bereichen ihrer Beziehung freie Hand. Warum sollte er also annehmen, dass es in dieser Hinsicht anders war?

Sie füllte ein Glas mit Leitungswasser, zwang sich, es vollständig auszutrinken und dann in langen, tiefen Zügen zu atmen. Der rote Nebel der Wut verzog sich, und die Vernunft kehrte zurück. Vielleicht hatte er nur nach Schmerztabletten gesucht und war dabei zufällig auf den Umschlag gestoßen? Sie war betrunken gewesen, als sie gestern Abend nach Hause gekommen waren – konnte es sein, dass sie die Tasche umgeworfen hatte und der Brief herausgefallen war? Und er war so nett gewesen, ihn wieder hineinzustecken, als ihn die Neugier überkam.

Als Rupert hinter sie trat, die Brust noch nass vom Duschen, und sie zärtlich auf die Wange küsste, merkte sie, wie sie mit den Zähnen knirschte.

Anstatt das Gespräch über ihre Tante und das Haus in Griechenland fortzusetzen, sagte er: »Ich muss heute Abend zu meinen Eltern. Mein Bruder ist aus Dubai da, und sie wollen mit uns essen gehen.«

»Das ist doch nett.« Holly war erstaunt, dass der Satz nicht wie ein Knurren herauskam. Sie trug immer noch lediglich ein Handtuch.

»Ich würde dich ja einladen, aber ich fürchte, das ist eher so eine Familiensache«, fügte er hinzu, während er sich erst die Beine abtrocknete und dann die Haare.

In dem ganzen Jahr mit Rupert war Holly Mr. und Mrs. Farlington-Clark nur einmal begegnet, und das war kein Erfolg gewesen. Sie hatten sich in einem französischen Restaurant am Strand zum Mittagessen getroffen, und Holly hatte es irgendwie geschafft, eine Schnecke aus ihrer Vorspeise einmal quer über den Tisch zu katapultieren, mitten auf die Seidenbluse von Ruperts Mutter. Es hatte sie nicht überrascht, dass keine weitere Einladung gefolgt war.

»Das macht doch nichts.« Sie ging an ihm vorbei zum Badezimmer. »Ich sollte ohnehin meine Flüge buchen.«

»Du willst nach Griechenland? Und das schon nächste Woche?«

Angesichts von Fionas finsterem Gesichtsausdruck hatte Holly alle Mühe, ihre Knie vom Zittern abzuhalten. Auch Fiona hatte gestern Abend offenbar zu viel getrunken, denn sie war noch schlechter gelaunt als sonst.

»Es geht um eine Familienangelegenheit«, erklärte Holly. Das sagte man doch in solchen Situationen, oder?

Gefühlte zehn Minuten lang hielt Fiona ihren Blick auf Holly gerichtet, ehe sie schließlich verärgert nickte. »Na gut«, erwiderte sie kurz angebunden. »Gib deinen Urlaubsantrag ins System ein, dann bestätige ich ihn. Aber in Zukunft kommst du mit so etwas bitte früher zu mir.«

Holly nickte und entfernte sich rückwärts über den grässlichen beigefarbenen Teppich mit dem Versprechen, ihrer Aushilfe eine detaillierte Liste mit Anweisungen zu hinterlassen. Auch wenn es ihr gerade gelungen war, die Atmosphäre zwischen ihr und ihrer Chefin auf frostige Minusgrade abzukühlen, war sie doch freudig erregt. Es fühlte sich gut an, etwas selbst zu entscheiden, auch wenn es nur um eine so kleine Sache ging.

Aliana war am Morgen so fröhlich wie ein zwitschernder kleiner Vogel ins Büro geflattert gekommen. Mit Mitte zwanzig steckte man einen Kater noch beneidenswert problemlos mit einem großen Glas Wasser und drei Stunden Schlaf weg. Wie vorauszusehen, war sie hellauf begeistert, als Holly ihr von den Gründen für ihren Termin bei Fiona berichtete.

»Ein Haus in Griechenland? Das ist ja sagenhaft!«

Holly lächelte. »Ja, das stimmt wohl.«

»Und was hast du gesagt, auf welcher Insel ist es noch mal?« Aliana hielt die Hände schon tippbereit über die Tastatur.

»Zakynthos«, sagte Holly. »Ich glaube, das ist eine ionische …«

»Du meinst Zante?« Das letzte Wort kreischte Aliana geradezu. Dave mit den haarigen Ohren aus der Werbeabteilung, der in diesem Moment vorbeiging, hätte vor Schreck beinahe seinen Tee verschüttet. »Mann, Zante ist eine der coolsten Party-Inseln von ganz Griechenland!«, erklärte sie und plapperte weiter: »Ich war im Jahr meines Uniabschlusses dort – es war absolut wahnsinnig!«

»Bist du dir sicher?« Holly verzog das Gesicht. Das hörte sich nicht nach einem Ort an, wo eine alte Dame sich niederlassen würde. Vielleicht war ihre Tante ein durchgeknalltes Feierbiest gewesen? Bei der Vorstellung, wie eine klapprige alte Schachtel im geblümten Hauskleid über den Dancefloor einer Disco wirbelte, musste Holly grinsen. Aber woher wusste sie eigentlich, dass ihre Tante alt gewesen war? Hollys Lächeln sank in sich zusammen wie ein welkes Gänseblümchen, als ihr einfiel, dass auch ihre Mutter bei ihrem Tod erst achtunddreißig gewesen war. Und wenn ihre Tante die jüngere Schwester gewesen war?

Während sie wartete, bis Aliana im Netz die Fotos von dem Resort gefunden hatte, wo sie damals gewesen war, fragte sich Holly zum ersten Mal, woran ihre Tante eigentlich gestorben war. In keinem der Briefe wurde das erwähnt. Allerdings hatte Sandra offenbar gewusst, dass es bald geschehen würde.

»Das ist es!« Aliana schwang auf ihrem Stuhl herum. »Laganas ist echt die beste Anlage. Da gibt es eine Straße, wo bloß Bars, Clubs und Restaurants sind, und da unten ist dann der Strand.«

Holly stand auf und betrachtete die Fotos auf Alianas Bildschirm. Der Strand wirkte schmal und schmutzig, und sie rümpfte die Nase. »Ich glaube, dort ist das Haus nicht«, sagte sie. »Warte mal, ich habe die Adresse in meiner Handtasche.«

»Ach, ich würde dich echt gern begleiten«, sagte Aliana und blätterte träumerisch durch eine Reihe von Fotos mit makellos blauem Himmel und üppig grünen Bergen. »Aber Fiona würde uns niemals beide zur gleichen Zeit fortlassen.«

Holly achtete nicht auf sie. »Hier ist es … such mal Lithakia.«

Gehorsam und mit etwas Mühe bei der richtigen Schreibung tippte Aliana den Namen ein, und beide Frauen stöhnten verzückt, als die Bilder einen goldenen Strand, klares blaues Wasser und einen wolkenlosen Himmel zeigten. Das kann ich mir schon eher vorstellen, dachte Holly beim Anblick weiterer Fotos von weißen Steinhäusern mit terracottafarbenen Ziegeldächern, Töpfen mit leuchtend bunt blühenden Pflanzen und weiten Olivenhainen. Aliana kicherte, als sie das Foto einer ältlichen Dame mit dünnen weißen Haaren aufrief. Sie trug ein langes schwarzes Kleid und hielt die Zügel eines Esels, der Ohren hatte wie ein Hund.

»So könntest du in ein paar Jahren aussehen«, sagte sie zu Holly und duckte sich, um dem zu erwartenden ärgerlichen Klapps auszuweichen.

»He!«, schimpfte Holly. »Ich bleibe dort vierzehn Tage, nicht fünfundvierzig Jahre!«

»Wirst du eigentlich schnell braun?«, erkundigte sich Aliana. »Ich wette, das wirst du.«

»Das weiß ich eigentlich gar nicht«, erwiderte Holly ehrlich. »Ich kann mich nicht erinnern, dass wir in meiner Kindheit jemals in den Süden gefahren sind, und mit Rupert war ich entweder Skifahren oder auf einer Städtereise. Und hier scheint doch nie die Sonne, oder?«

»Das kannst du laut sagen.« Aliana streckte ihre schlanken Arme vor sich aus und stöhnte. »Ich bin bleicher als der Mond in einem alten Westernfilm.«

Holly grinste. »Wie poetisch.«

»Was macht denn Rupert, solange du weg bist?«, fragte Aliana jetzt, ohne den Blick vom Bildschirm zu lösen. »Der arme Junge ist so verliebt in dich, der wird gar nichts mit sich anfangen können.«

»Er sagt, er muss sehr viel arbeiten.«

Sie blickten beide auf, als Hollys Handy auf dem anderen Schreibtisch klingelte. Auf dem Display erschien ein Foto von Rupert, grinsend mit in die Stirn geschobener Skibrille.

»Hallo, Schatz«, flüsterte Holly und beugte sich auf ihrem Stuhl zur Seite, weil Fionas Bürotür aufging. »Ich kann jetzt eigentlich nicht reden …«

»Ich halte dich nicht lange auf.« Rupert klang etwas verärgert. »Ich wollte nur wissen, ob alles okay ist zwischen uns, du weißt schon, wegen heute Morgen.«

»Alles in Ordnung.« Holly zwang sich zu einem Lächeln in der Hoffnung, dass es auf ihre Stimme ausstrahlte. »Ich habe gerade eine Auszeit gebucht.«

»Du weißt, dass ich dich begleiten würde, wenn ich könn…«

Holly wartete, weil sie hörte, wie er eine Hand über die Sprechmuschel legte und zu jemandem sprach. »Tut mir leid, Liebling, aber ich habe hier gerade Land unter. Kann ich dich später noch mal anrufen?«

Er legte auf, ehe Holly antworten konnte.

»Was ist los?« Natürlich hatte Aliana gelauscht.

»Ach, gar nichts – Rupert hat bloß gesagt, dass er mich später noch mal anruft. Er geht heute Abend mit seinen Eltern essen.« Es war Holly unangenehm, dass es ihr nicht gelang, ihre Verstimmung darüber zu verbergen.

»Aber das ist doch echt nett!«

Holly sah ihre Kollegin verständnislos an.

»Ich bin mal mit einem Typen ausgegangen, Mike hieß er. Hat im Vertrieb oder so was gearbeitet, ganz genau hab ich das nie rausgekriegt. Jedenfalls, wir waren über ein Jahr zusammen, und er hat seinen Eltern noch nicht mal von mir erzählt! Ich wette, Rupert redet endlos über dich.«

»Glaubst du wirklich?« Hollys Schuldgefühle wuchsen in die Höhe wie ein Soufflé mit zu vielen Eiern.

»Natürlich! Glaub mir, Holly, was diese Elternsache angeht, da können Männer richtig komisch sein. Schon die Tatsache, dass er seine Eltern besucht, ist ein sehr gutes Zeichen.«

»Das stimmt wohl«, gab Holly zu.

Aliana öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch just in diesem Augenblick schoss Fiona heran und reichte jeder von ihnen eine Mappe mit den gesamten Produktinformationen für die neue Sommerkollektion. Darin befand sich genug Material, um sie beide bis zum Jahresende beschäftigt zu halten.

Donnerstag, 12. April 1984

Sandymaus!

Ich kann gar nicht glauben, dass du ohne mich nach Zakynthos gezogen bist! Das ist doch UNSERE Insel. Aber vermutlich ist es nur gerecht. Mir kommt es vor, als wäre ich schon seit Ewigkeiten unterwegs. Jetzt würde ich gern etwas Tiefsinniges über Indien sagen, wie es mir bei der Selbstfindung hilft und so, aber es hilft mir eigentlich nur zu begreifen, dass man fließendes Wasser und anständiges Essen nicht unterschätzen sollte. Wenn ich noch länger Reis essen muss, sterbe ich vor Langeweile, das schwöre ich dir. Hast du vor, länger auf der Insel zu bleiben? Arbeitest du dort? Was passiert denn jetzt mit dem Haus in Kent? Entschuldige, zu viele Fragen. Bitte schreib mir zurück und erzähl mir ALLES. Sofort!

Ich hab dich wahnsinnig lieb, Jennybär xxx

5

Mit dem Kaffeebecher in der Hand starrte Holly auf das Rollfeld hinaus. Aus dem Hauptgebäude des Flughafens Gatwick konnte sie sieben Flugzeuge sehen, die in regelmäßigen Abständen an den Abfluggates aufgere