Hibiskusblütenmeer - Isabelle Broom - ebook

Hibiskusblütenmeer ebook

Isabelle Broom

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Opis

Die 28-jährige Hannah ist bereit fürs große Abenteuer: Ein Traum wird wahr, als sie mit ihren Kollegen einen Dokumentarfilm in einem entzückenden spanischen Ort am Meer drehen darf. Das heißt auch, dass sie lange Sommertage mit Theo verbringen wird – ihrem Boss und heimlichen Schwarm. Hannah könnte wetten, unter der spanischen Sonne wird sie ihn endlich für sich gewinnen. Wenn nicht ihr bester Freund und Kameramann Tom sowie die Moderatorin Claudette ständig in die Quere kämen. Die Sache wird noch komplizierter, als Nancy, Hannahs nervige Halbschwester, anreist. Was um alles in der Welt will Nancy hier? Kann Hannah nicht ein Mal in ihrem Leben einen perfekten Sommer haben?

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Zum Buch

Die 28-jährige Hannah ist bereit fürs große Abenteuer: Ein Traum wird wahr, als sie mit ihren Kollegen einen Dokumentarfilm in dem entzückenden spanischen Ort Mojácar drehen darf. Das heißt auch, dass sie lange Sommertage mit Theo verbringen wird – ihrem Boss und heimlichen Schwarm. Hannah könnte wetten, unter der spanischen Sonne wird sie ihn endlich für sich gewinnen. Wenn ihr nur nicht ihr bester Freund und Kameramann Tom sowie die Moderatorin Claudette ständig in die Quere kämen. Die Sache wird noch komplizierter, als Nancy, Hannahs nervige Halbschwester, anreist. Was um alles in der Welt will Nancy hier? Kann Hannah nicht ein Mal in ihrem Leben einen perfekten Sommer haben?

»So atmosphärisch … man kann die Paella und Sangria buchstäblich riechen.« Closer

Zur Autorin

Isabelle Broom, geboren 1979 in Cambridge, hat Medienwissenschaften an der University of West London studiert und arbeitet als Redakteurin und Autorin. Nach Olivensommer und Wintersterne ist Hibiskusblütenmeer ihr dritter Roman im Diana Verlag.

ISABELLE BROOM

ROMAN

Aus dem Englischen

von Uta Rupprecht

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Deutsche Erstausgabe 05/2019

Copyright © 2017 by Isabelle Broom

Die Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel

Then. Now. Always bei Penguin Random House UK

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2019

by Diana Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Heiko Arntz

Umschlaggestaltung: Favoritbüro, München

Covermotiv: © Andreas Naumann, EyeEm, BSIP, UIG,

Elles Rijsdijk, EyeEm/gettyImages

Satz: Leingärtner, Nabburg

Alle Rechte vorbehalten

e-ISBN 978-3-641-23385-3V003

www.diana-verlag.de

DAMALS

Der Wind ist das Erste.

Wie ein warmer Atem heißt er sie willkommen, als sie vorsichtig aus dem Bus steigt, und sie bleibt einen Moment stehen, um das Gefühl zu genießen. Nach der schrecklich langen Reise fühlt sie sich schmutzig, klebrig und erschöpft. Hinter ihr schließt sich die Bustür mit einem leise protestierenden Quietschen der rostigen Scharniere.

Hier bist du sicher, sagt eine beruhigende Stimme in ihrem Inneren, hier wird er dich nicht finden, und sie auch nicht.

Sie wendet den Kopf und erblickt weit unter sich das Meer, ein tiefblaues Tuch mit weißen Flecken dort, wo sich die Wellen brechen. Fast glaubt sie zu hören, wie sie ans Ufer schlagen – ein leises Rauschen, ein sanftes Knirschen.

Die Sonne ist schon fast untergegangen, sie hängt müde am Himmel. Dennoch muss sie die Augen zusammenkneifen, wenn sie zu ihr hinschaut, obwohl sie mit einer Hand die Augen beschattet. Ihre Tränen sind auf den Wangen getrocknet, die Haut darunter spannt und brennt. Sie fragt sich, ob sie irgendwann aufhören kann zu weinen. Wird sie das alles jemals vergessen können?

Der Bus ist inzwischen weitergefahren, mit laut tuckerndem Motor, knirschenden Gängen und einer Staubwolke, die noch lange über der Straße schwebt. Wo er stand, wird nun ein weitläufiger Abhang sichtbar. Beim ersten Anblick des Hügels mit den verstreut stehenden weißen Häusern, die in der Dämmerung sanft violett leuchten, spürt sie tief in der Brust einen Stich. So viele Möglichkeiten, um sich zu verbergen. Ein Labyrinth, in dem sie ihr altes Ich abstreifen kann.

Während sie von dem steinigen Pfad aus hinaufschaut, nimmt sie plötzlich einen intensiven Geruch wahr, eine Mischung aus Kiefern, Zitronen und Salz. Aus dem Unterholz neben der Straße dringt ein Rascheln, das Murmeln winziger geschäftiger Insekten. Das Leben geht weiter, die Erde hört nicht auf, sich zu drehen. Vögel fliegen und Wellen brechen sich, die Sonne geht unter und der Wind frischt auf. Und sie ist hier. Sie ist am Leben.

Zwar hat sie noch keine Menschenseele gesichtet, aber ihre Angst verfliegt allmählich. In die Dunkelheit, die sie umhüllt hat, dringen Lichtstrahlen: Es gibt Hoffnung für die Zukunft. Irgendwie wird es weitergehen. Sie muss sich nicht mehr fürchten.

Der Hügel winkt sie mit unsichtbaren Fingern zu sich, die fernen Lichter blinken wie Sterne.

»Lebwohl«, flüstert sie und macht sich an den Aufstieg.

1

Jetzt

Ich weiß, es ist ein total peinliches Klischee, in seinen Chef verliebt zu sein, aber ich kann einfach nichts dagegen tun. Seit ich ihn während meines Praktikums vor fünf Jahren mit meinen jungen, leicht zu beglückenden Augen das erste Mal erblickte, bin ich ihm verfallen, und daran hat sich in der Zwischenzeit nicht ein Jota geändert. Allerdings muss ich sagen, dass er selbst schuld ist – was muss er auch so unglaublich schnuckelig, so atemberaubend genial und, tja, so ganz und gar perfekt sein?

»Alles in Ordnung mit dir?«, erkundigt sich Tom und mustert besorgt mein gerötetes Gesicht, während das Objekt meiner Sehnsüchte an uns vorbei in den Besprechungsraum marschiert. Heute trägt er ein hellblaues Hemd und sieht einfach sagenhaft sexy aus.

»Mir geht’s prima«, versichere ich ihm und fächele mir wie zur Bestätigung kühlende Luft ins Gesicht. »Es ist nur echt heiß hier. Zu viele Computer, die gleichzeitig laufen.«

»Na, wenn du meinst.« Achselzuckend wendet sich Tom wieder seinem Bildschirm zu.

»So schlimm sehe ich doch gar nicht aus, oder?«, murmele ich, und er betrachtet mich.

»Rot wie ein Radieschen«, stellt er fest. »Bloß mit mehr Haaren.«

Gelegentlich zieht Tom mich auf, um sich zwischen dem Kaffee um drei Uhr nachmittags und dem Sechs-Uhr-Bier nach der Arbeit die Zeit zu vertreiben. Ich sollte also nicht überrascht sein, denn ich zahle es ihm ja stets mit gleicher Münze heim. Allerdings mag ich mir gar nicht vorstellen, wie er mich piesacken würde, wenn er von der peinlichen Verliebtheit wüsste. Und sie ist tatsächlich ein bisschen peinlich, außer meinem Spiegelbild würde ich nie jemandem davon erzählen. Ja, auch das noch, ich rede vor dem Spiegel mit mir selbst. Hannah Hodges: eine wandelnde Katastrophe.

»Haben wir auf Twitter eigentlich schon irgendwelche Reaktionen zu Mojácar?« Entschlossen bringe ich das Gespräch wieder auf die Arbeit.

Tom macht ein paar Mausklicks und schnaubt verächtlich. »Bloß von Leuten, die glauben, ich würde eigentlich von ›Mallorca‹ reden.«

»O Mann, solche Banausen!«, knurre ich und verdrehe die Augen, als ich die höhnischen Tweets auf seinem Bildschirm lese. Insgeheim bin ich allerdings ziemlich begeistert, denn ich habe Theo meine Idee zu dem Dokumentarfilm teilweise damit verkauft, dass über die kleine spanische Stadt Mojácar nur wenig bekannt ist. Diese Tweets beweisen, wie recht ich habe.

Theo hatte gestrahlt wie ein Kaufhausweihnachtsbaum, als ich von meinen Aufenthalten dort in meiner Teenagerzeit erzählte, und nachdem ich meinen Laptop zu ihm umgedreht hatte, weiteten sich seine schönen braunen Augen beim Anblick der Bilder von kleinen weißen Häusern, die wie Bauklötze einen Hügel bedeckten, von wuchernden Bougainvilleen und einem breiten Sandstrand. Bei meiner Erklärung, warum die Stadt sich so gut für den Auftrag, an dem wir gerade arbeiteten, eignen würde, klatschte er sogar vor Freude in die Hände. Das war auf jeden Fall einer der besten Tage meines bisherigen Berufslebens (na gut, auch meines Privatlebens), seitdem lasse ich diese Momente mindestens zwölfmal täglich genüsslich vor meinem inneren Auge ablaufen. Offenbar bin ich doch nicht so schlecht bei Präsentationen, obwohl ich im Vorfeld vor Panik fast gestorben bin.

»Glaubst du wirklich, dass wir das alles noch rechtzeitig vor Drehbeginn hinkriegen?«, fragt mich Tom jetzt. Mein bester Freund macht sich Sorgen über alles und jedes. Manchmal wünschte ich mir, er wäre kämpferischer, draufgängerischer, doch er hat immer nur Bedenken.

Mit künstlich empörter Miene drehe ich mich zu ihm um. »Natürlich schaffen wir das. Theo hat mir den Auftrag erteilt, alles über den Drehort und die Geschichte von Mojácar herauszufinden. Vertrau mir, ich werde ihn … ich meine, die Firma nicht enttäuschen. Dieser Film wird alles haben: Schönheit, Magie und einen ungewöhnlichen Schauplatz.«

»Magie?« Tom runzelt die Stirn. »Schon wieder dieses Höhlengemälde?«

»Oh, das ist nicht alles«, erwidere ich und schaue instinktiv hinab auf das kleine eintätowierte Symbol auf der Innenseite meines linken Handgelenks. Im Lauf der Jahre ist die schwarze Tinte zu einem schmutzigen Blau verblasst, aber es entlockt mir immer noch ein nostalgisches Lächeln. Mein Indalo-Mann mit seinem einfach gezeichneten Strichmännchen-Körper und den ausgebreiteten Armen. Sobald Theo uns im Konferenzraum zusammengerufen und berichtet hatte, wir hätten den Auftrag für eine Dokumentarreihe über moderne Traditionen und Mythen bekommen, wusste ich, welcher Ort perfekt dazu passen würde – und ich hatte recht behalten. Kurz danach war die Finanzierung genehmigt worden, und jetzt mussten wir ernsthaft loslegen, um den Termin halten zu können.

Vorsorglich fahre ich mit dem Daumen über meinen Indalo-Mann. »Ich glaube an ihn«, gestehe ich.

Tom wirft einen Blick auf das Tattoo und sieht mich wieder an. Einen Moment lang entdecke ich etwas wie Zuneigung in seinen Augen, aber er blinzelt schnell.

»Du bist wirklich verrückt.« Er lächelt.

»Aber du magst mich doch trotzdem, oder?«

Tom verdreht die Augen und konzentriert sich auf seinen Bildschirm.

Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft man uns schon für ein Paar gehalten hat. Allerdings ist diese Vermutung wohl durchaus naheliegend. Tom und ich haben uns in der ersten Woche an der Uni im Café der Studentenvertretung kennengelernt, seitdem sind wir quasi wie siamesische Zwillinge. Ich kenne alle seine Schwächen und Fehler, er kennt die meinen, und trotzdem mögen wir uns immer noch so gern, als wären wir miteinander verwandt. Tatsächlich betrachte ich Tom in gewisser Weise als meinen Bruder, vielleicht deshalb, weil ich ihn so unendlich viel lieber mag als meine richtige Schwester. Na ja, Halbschwester.

Er sieht mir sogar ähnlicher als sie. Während mein geliebter Theo dunkle Haut, dunkle Haare und breite Schultern hat, ist Tom schlaksig wie ich und hat ebenso lange, blasse Glieder und einen strohfarbenen Schopf wuscheliger Haare auf dem Kopf. Als Vogelscheuchen, die in einem Feld die Krähen verjagen sollen, wären wir beide bestens geeignet – an diese Tatsache erinnere ich ihn bei den seltenen Gelegenheiten, wenn er etwas tut, was mich ärgert.

»Hannah, hast du mal einen Moment Zeit?«

O Gott, Theo ruft nach mir. Hastig springe ich auf und verspüre einen Kloß im Hals.

»Klar, bin schon unterwegs!«

Diese Antwort quieke ich, als wäre ich eine Art Mischwesen aus Maus und Mensch, was Tom mit Sicherheit bemerkt hat. Na toll.

Theo sitzt in einem der sechs Ledersessel im vollverglasten Besprechungsraum, einen Fuß lässig auf das Knie des anderen Beins gelegt. An seinem Oberschenkel lehnt ein iPad. Was hat dieses Gerät für ein Glück!

Ich hole tief Luft und lasse beim Ausatmen meine lächerliche Unsicherheit ausströmen. »Wie kann ich dir helfen?«

Theo lächelt mich an und deutet auf den Stuhl neben sich. »Setz dich, Hannah.«

Ich setze mich und gebe mir alle Mühe, nicht rot zu werden, als mein bloßes Knie sein Hosenbein streift.

»Wie kommst du mit der Recherche voran?«

»Gut«, zwitschere ich und erzähle ihm von den sarkastischen Twitter-Reaktionen. »Ich glaube, wir dürfen sicher sein, dass Mojácar ein Teil von Spanien ist, den nicht viele Leute kennen.«

»Das ist Musik in meinen Ohren.« Theo grinst. Er ist in Griechenland aufgewachsen und spricht immer noch mit leichtem Akzent. Jedes Mal, wenn ich ihn reden höre, verwandelt sich mein Inneres in eine Art Kartoffelbrei – und ich kann absolut nichts dagegen tun.

»Ich bin mir sicher, es wird dir dort sehr gut gefallen.« Nervös lege ich die Fußknöchel übereinander und löse sie wieder. »Wann willst du denn fahren?«

»Genau darüber wollte ich mit dir reden.« Theo lächelt erneut, und ich umklammere die Armlehnen meines Sessels. »Darum habe ich dich hergebeten. Hättest du Lust, mitzukommen?«

»Ich?« Jetzt hat das Maus-Mensch-Wesen erneut meinen Körper übernommen.

»Ja. Du und ich, und natürlich Claudette und Tom.«

»Wir alle?« Allmählich höre ich mich wie eine Idiotin an.

Theo sieht mich prüfend an, aber er lacht gutmütig. »Du hast die Idee präsentiert und warst auch schon in Mojácar, also musst du mitkommen«, erläutert er und klatscht in die Hände, wie um sein Argument zu unterstreichen.

Ich bin drauf und dran, mich zu zwicken, ob ich vielleicht träume. Ich arbeite seit gut fünf Jahren als Rechercheurin für Vivid Productions in London, und in der ganzen Zeit war ich nicht ein einziges Mal bei einem Auslandsdreh dabei. Ich bin weder ein geschickter Kameramann wie Tom noch eine angesagte Moderatorin mit französischem Akzent wie Claudette, sondern lediglich eine Rechercheurin, die in der Regel vom Büro aus arbeitet. Meine Stärke ist es, Hinweisen nachzugehen, Interviews zu organisieren und aus den tiefsten und dunkelsten Kellern von Fernsehsendern in aller Welt vergessenes Archivmaterial aufzustöbern. Aber das? Das ist etwas völlig Neues für mich – und ich habe darauf gehofft, solange ich zurückdenken kann.

»Aufbruch ist in zwei Wochen«, fährt Theo fort und wischt mit einem langen gebräunten Finger über sein iPad. »Passt das für dich?«

»Ja, natürlich.« Nur mit äußerstem Kraftaufwand kann ich mich daran hindern, ihn zu umarmen.

»Du wirst dort meine rechte Hand sein, also wird nicht viel Zeit bleiben zum Sonnenbaden und Sangriatrinken«, warnt er noch. »Dieses Projekt hat einen sehr engen Zeitrahmen, daher schneide ich das Material selbst, noch während wir dort sind. Ich brauche dich, damit du auf die Anschlüsse achtest und die nötigen Interviews auf die Beine stellst.«

Ich bewege den Kopf auf und ab wie ein Wackeldackel, der beim Schleudergang auf einer Waschmaschine sitzt.

»Bis dahin sollten wir ein paar Leute auftreiben, die damals in der Künstlerkolonie gelebt haben, von der du erzählt hast. Bist du da schon weitergekommen?«

Ich schüttele bedauernd den Kopf, niedergeschlagen, weil ich schlechte Nachrichten habe.

»Wie gesagt, die Kolonie wurde im Jahr 2013 aufgelöst«, rufe ich ihm ins Gedächtnis. »Leider scheint es so, als hätten sämtliche Künstler die Gegend verlassen. Aber ich bleibe dran.«

Theo nickt. »Gute Arbeit, Hannah. Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann.«

Tatsächlich? Ich werde dunkelrot vor Stolz.

Als ich ein paar Minuten später zu meinem Schreibtisch zurückschwebe, ist Tom von Twitter zu Facebook gewechselt und macht gerade Teepause.

»Sissy Martin hat geheiratet«, verkündet er.

»Was? Schon wieder?«

Sissy kennen wir beide von der Universität, sie war, um es vorsichtig auszudrücken, das menschliche Äquivalent zu einer Rutschbahn im Park. Jeder, der wollte, durfte mal.

»Diesmal einen Armeeoffizier, so wie es aussieht.« Tom deutet mit seiner großen Hand auf den Bildschirm. »Und wo machen sie Flitterwochen? Ausgerechnet in Sri Lanka. Das steht ganz oben auf meiner Liste.«

Seit ich ihn kenne, redet Tom von einer Weltreise, aber abgesehen von ein paar größeren Drehaufenthalten für Vivid ist er nicht sonderlich weit gekommen. Selbstsüchtig, wie ich bin, freut mich das, denn jedes Mal, wenn er länger weg ist, vermisse ich ihn schrecklich. Andererseits wünsche ich ihm natürlich, dass er seinen Traum verwirklichen kann.

Über seinen Kopf hinweg spähe ich auf die Fotos und schnaube. »Wie kann es sein, dass diese dämliche Sissy Martin schon die zweite Ehe führt, und bei mir steht nicht mal die erste in Aussicht?«

»Du bist einfach zu wählerisch«, stellt Tom fest, was nur teilweise zutrifft. Der Grund, dass mein Bett leer und kalt bleibt, sind nicht meine hohen Maßstäbe, sondern die Tatsache, dass ich unfähig bin, jemand anderen als meinen attraktiven Chef zur Kenntnis zu nehmen.

»Na, vielleicht lerne ich ja in Mojácar die Liebe meines Lebens kennen«, sage ich und zwinkere ihm übertrieben zu, damit er es auch wirklich mitbekommt. »Ich wurde nämlich soeben eingeladen, auf den Dreh mitzufahren.«

»Echt jetzt?« Tom strahlt und wedelt mit den dünnen Armen.

»Echt. Offenbar soll ich dort Theos rechte Hand sein.« Unglücklicherweise entkommt mir der letzte Teil des Satzes mit einer so unüberhörbar verträumten Stimme, dass mich Tom misstrauisch mustert.

»Er braucht wohl noch jemanden außer euch beiden«, füge ich schnell hinzu. »Du weißt schon, jemanden mit unglaublichem Wissen, sagenhaften Fähigkeiten im Umgang mit Menschen und … Au!«

Tom hat sich mit einem spielerischen, aber doch ziemlich festen Schlag auf meinen Oberschenkel gerächt.

»Zwing mich nicht, dich niederzuschlagen, Robertson«, warne ich ihn. »Ich habe es schon mal getan und ich kann es wieder tun.«

Es stimmt. Das habe ich.

»Ich ergebe mich!« Lachend hebt er die Hände. Eine davon ist mit blauer Tinte beschmiert, weil sein Füller ausgelaufen ist.

»Um das wieder gutzumachen, kannst du mir einen Tee bringen«, sage ich, drehe mich um und öffne Facebook auf meinem Computer, auch wenn ich genau weiß, dass ich mich innerhalb von Minuten darüber ärgern werde. Und tatsächlich …

»Ach du meine Güte. Das ist ja zum Kotzen!«, schnauze ich den Bildschirm an.

»Was denn?« Mit beängstigender Geschwindigkeit bewegt Tom mit seinen langen Spargelbeinen seinen Stuhl zu mir herüber.

»Das da.« Ich deute auf das Foto. »Meine Halbschwester, so ekelhaft arrogant wie immer.«

Tom betrachtet das Bild und zuckt die Achseln. »Sie sieht glücklich aus.«

Wäre ich nicht so voller Abscheu gegenüber meiner jüngeren, hübscheren, dunkelhaarigeren und weitaus selbstsichereren Schwester, dann würde ich ihm vielleicht zustimmen, aber so finde ich das Foto von Nancy mit ihrem blonden und blauäugigen Freund, die wie zwei verliebte Trottel in die Kamera lächeln, unendlich abstoßend.

»Kannst du mir noch mal erklären, warum du sie so hasst?«, fragt Tom mit etwas verwirrter Miene und rollt wieder zurück zu seinem Schreibtisch.

»Sie ist verwöhnt, langweilig, selbstbezogen und öde«, zähle ich an den Fingern auf.

»Ich würde sagen, langweilig und öde ist in etwa dasselbe«, stellt Tom fest.

Ich starre ihn an.

»Aber ganz im Ernst«, sagt er mit einem schiefen Grinsen, »deine Schwester ist eigentlich sehr nett. Damals auf unserer Abschlussfeier habe ich mich richtig gut mit ihr unterhalten. Und, wenn ich dich daran erinnern darf, sie kann schließlich nichts dafür, dass sie auf die Welt gekommen ist.«

Ich öffne schon den Mund zu einer scharfen Retourkutsche, da kommt Theo aus dem Besprechungsraum. Ich rieche sein zitroniges Aftershave, und ein Kribbeln durchrieselt meinen ganzen Körper.

»Alles okay?«, fragt er im Vorbeigehen.

»Ja, Chef«, erwidern Tom und ich im Chor und schließen unsere jeweiligen Facebook-Seiten gleichzeitig mit einem schnellen Klick.

Während er durchs Büro geht, dreht sich jeder männliche und weibliche Kopf unseres fünfzehnköpfigen Teams zu ihm um. Ich stoße einen zufriedenen Seufzer aus. Ich werde mit ihm nach Spanien reisen, und dort wird er sich in mich verlieben. Endlich wird es geschehen. Es muss einfach geschehen.

Und als in diesem Augenblick die Maisonne den Wolkenschleier durchbricht und zum Fenster hereinstrahlt, bin ich tatsächlich davon überzeugt, dass mein größter Wunsch wahr werden wird.

2

Die folgenden zwei Wochen vergehen wie im Flug. Ich arbeite bis spätabends und habe anschließend noch diverse Haarentfernungstermine. Auf keinen Fall will ich das Risiko eingehen, dass Theo unter dem neuen Bikini, den ich mir gerade geleistet habe, irgendwo ein Haar hervorlugen sieht. Auch wenn er uns vorgewarnt hat, diese Reise werde lediglich aus Arbeit, Arbeit, Arbeit bestehen, gönne ich mir doch gelegentlich eine kleine Tagträumerei, in der lediglich wir beide, ein heißer Whirlpool und Champagner auf Eis vorkommen. Wo der Whirlpool herkommen soll, ist mir egal – der Tagtraum gefällt mir einfach zu gut, und ich weigere mich zu glauben, dass er nicht wenigstens zu zwei Dritteln Wirklichkeit werden könnte.

An dem Abend vor unserer Abreise nach Mojácar treffen Tom und ich unsere Freunde Rachel und Paul in unserem Lieblingspub in Islington, um darauf anzustoßen. Na ja, auch wenn ich »Freunde« sage, sind wir doch eigentlich nur mit Rachel befreundet. Was mich betrifft, darf Paul nur dabei sein, weil er Rachels Freund ist. Und das ist wirklich der einzige Grund.

Als wir wie immer zu spät in den Pub kommen, warten sie bereits auf uns. Rachel steht auf, um uns beide zur Begrüßung zu umarmen. Als treue Freundin äußert sie sich begeistert über meine neue Frisur (ich befürchte, ich sehe aus wie eine blonde Fernsehmoderatorin aus den neunziger Jahren; sie versichert mir, das sei nicht wahr) und sagt zu Tom, der Bart stehe ihm ausgezeichnet (auch das ist nicht wahr).

»Ihr kommt gerade rechtzeitig, um die nächste Runde zu übernehmen«, bemerkt Paul, ohne aufzustehen, was ihm ein Kichern von seiner Freundin und eine Missfallensäußerung von mir einträgt.

»Halt die Klappe und hol was zu trinken, Pauly«, befiehlt sie ihm freundlich und zwinkert mir zu, während wir unsere Hinterteile auf die Bank schieben, auf der sie sitzen.

Rachel legt die schlanken Finger um ihr halb leeres Weinglas und sagt: »Na, seid ihr für euren Trip bereit?«

»Hannah zumindest ist komplett enthaart, wenn es das ist, was du meinst«, erklärt Tom und schiebt seinen Fuß gerade rechtzeitig weg, um zu verhindern, dass ich ihn trete.

»Ich werde dir nie wieder etwas anvertrauen«, murmele ich, und beide lachen mich aus. Paul kommt mit drei Pints zurück, die sehr nach Ale aussehen. Ich hatte um ein Lager gebeten.

Tom hebt sein Glas an die Nase und schnüffelt vorsichtig. »Was ist das?«

»Gibt’s heute billiger«, antwortet Paul und grinst uns an, als er sich wieder setzt. Ich kann mich gerade noch zurückhalten, ihm nicht den Inhalt meines Bierglases über den Kopf zu schütten, obwohl es sicher witzig wäre, zu sehen, wie ihm sein sorgfältig gestyltes Haar ums Gesicht hängt. Paul sieht sehr gut aus, und er ist sich dessen auch bewusst. Vermutlich war dies die Ausrede dafür, dass er keinen Charakter entwickeln musste, abgesehen von seinen oft sexistischen und immer richtig schlechten Witzen. Rachel ist viel zu verknallt in ihn, um diese Tatsache zu erkennen, und dass weder Tom noch ich sie im Lauf des Jahres, das sie jetzt mit Paul zusammen ist, darauf hingewiesen haben, zeigt, wie sehr wir sie mögen. Mit ihren üppigen roten Locken, den hellgrünen Augen und der makellosen Haut ist sie natürlich viel schöner als Paul, aber aus irgendeinem unerklärlichen Grund fühlt sie sich ihm unterlegen – und ich bin sicher, er tut nichts, um daran etwas zu ändern.

»Und, nehmt ihr euch dort ein gemeinsames Zimmer?«, fragt Paul jetzt und wirft mir und Tom einen Blick zu, als wollte er sagen: »Ich weiß doch, dass ihr es miteinander treibt.«

Ich mache mir nicht die Mühe, darauf etwas zu erwidern, sondern hebe das Glas mit dem ekligen Ale, um meinen verächtlichen Gesichtsausdruck zu verbergen. Tom hingegen murmelt etwas in dem Sinne, dass er die Entscheidung mir überlasse. Wenn er Paul gegenüber nur nicht immer so nervös und leicht einzuschüchtern wäre! Dabei ist er siebzehn Millionen Mal mehr wert als dieser selbstzufriedene Knallkopf!

»Wie haben deine Mitbewohner auf die Neuigkeit reagiert?«, will Rachel von mir wissen. Ich wohne in einer riesigen viktorianischen Steinruine zusammen mit neun anderen Leuten, von denen ich die meisten nie zu Gesicht bekomme. Ein paar von ihnen habe ich mit Sicherheit nicht mal kennengelernt, ehe sie bei uns eingezogen sind.

Ich zucke die Achseln. »Ich habe eine Nachricht auf der Pinnwand in der Küche hinterlassen und ein Schloss für meine Zimmertür gekauft. Um ehrlich zu sein, ich glaube nicht, dass irgendjemand merkt, dass ich überhaupt weg bin.«

»Ich weiß wirklich nicht, warum du noch dort wohnst«, sagt Tom wie jedes Mal, wenn das Gespräch auf meine Wohnverhältnisse kommt. »Du lebst immer noch wie eine Studentin.«

»Ach, tut mir leid, aber ich habe dummerweise nicht von meinen stinkreichen Eltern die Anzahlung für eine Wohnung bekommen wie gewisse andere Menschen«, gebe ich zurück. »Solchen Luxus wie du kann sich eben nicht jeder leisten.«

Rachel lacht, denn sie weiß so gut wie ich, dass Toms schäbiges Apartment über einem Grill-Imbiss in South Ealing alles andere als luxuriös ist. Dennoch ärgert es mich, dass er Wohnungseigentümer ist. Ich kenne niemanden, der es ohne finanzielle Hilfe von Verwandten geschafft hätte, sich eine Wohnung oder ein Haus zu kaufen. Meine Bleibe in Acton ist vielleicht heruntergekommen und überbelegt, aber ich zahle auch nur 450 Pfund warm im Monat. Als ich zufällig (absichtlich) mal einen Blick auf Toms Kontoauszug geworfen habe, den er auf dem Schreibtisch vergessen hatte, hätte ich mich beinahe an meinem Schinken-Tomaten-Sandwich verschluckt. Kein Wunder, dass er so mager ist, wenn ihm nach Abzug der Kreditrate praktisch nichts mehr übrig bleibt.

»Wo wir gerade von Wohnungen reden«, wirft Rachel ein, ehe Tom etwas sagen kann, »wir haben eine kleine Neuigkeit, stimmt’s, Pauly?«

Wenn sie ihn nur nicht immer so nennen würde.

Zum ersten Mal, seit ich ihn kenne, sieht Paul ein bisschen unbehaglich drein. Es ist nur eine vorübergehende Verlegenheit, aber ich habe es bemerkt. Und er hat gesehen, dass ich es bemerkt habe.

»Ich ziehe zu Rachel«, erklärt er und hüstelt leicht, als sie über dem Tisch nach seiner Hand greift.

Auch Rachel hat von einer spendablen Verwandten profitiert, einer Großmutter, die so selbstlos war, sich jeden Penny vom Munde abzusparen und das Geld nach ihrem Tod den Kindern ihrer Tochter zu vermachen. Rachel lebt in einem richtigen Haus mit vier Zimmern in Willesden, das ungefähr fünftausend Meilen weit von allem entfernt ist, weshalb wir sie auch praktisch nicht besuchen. Wenn jetzt Paul mit den sagenhaften Haaren dort einzieht, werde ich vermutlich nie wieder dort hinfahren.

»Das ist ja großartig«, stoße ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Wie schön für euch beide.«

Ist das wirklich schön? Ich kann mir nicht vorstellen, so eng mit einem Mann zusammenzuleben, geschweige denn mit so einem Trampel wie Paul. Rachel ist viel mutiger als ich. Aber was soll eigentlich diese Eile? Sie ist gerade achtundzwanzig geworden, genau wie Tom und ich. Das kommt mir alles viel zu ernsthaft und erwachsen vor.

Großherzig wie immer schüttelt Tom nun Paul die Hand. Ich finde nicht, dass man ihm gratulieren sollte, Rachel ist eine Göttin und viel zu gut, um ihm die Stiefel zu polieren, womit sie, da bin ich mir sicher, sofort anfangen wird, und ihm die Unterhosen zu bügeln und ihm Schokoherzen aufs Kopfkissen zu legen. Ich weiß nicht, ob es das billige Ale oder die düstere Vorahnung bezüglich einer meiner besten Freundinnen ist, was da in meinem Inneren brodelt, aber mir ist auf einmal richtig schlecht.

Als würde Rachel das spüren, wechselt sie eilig das Thema. »Ich finde es einfach unglaublich, dass du wieder nach Mojácar fährst!« Sie strahlt mich an. »Wie gerne würde ich mitfahren. Es wäre so toll, die Stadt wiederzusehen.«

Während sie das sagt, schaut sie auf ihr eigenes kleines Tattoo auf der Innenseite des linken Handgelenks. Wir haben uns das Symbol gemeinsam stechen lassen, wobei eine für die andere bezahlt hat, um sicherzustellen, dass es ein Geschenk ist. Die Legende behauptet, wenn der Indalo-Mann vom Empfänger selbst erstanden wird, funktioniert er nicht als Talisman. Damals als Teenager glaubten Rachel und ich von ganzem Herzen an so etwas, daher das umständliche Bezahlen. Bei mir hat es gewirkt, allerdings ist meines auch viermal so groß wie ihres und hat daher viermal so viel gekostet. Die arme Rachel.

Mit dem kleinen Finger streiche ich jetzt über mein Tattoo, fahre die Körperlinien meines Tintenfreundes nach und auch den Halbkreisbogen, den die beiden Arme über seinem Kopf bilden. Wenn man den Geschichtsbüchern glauben darf, repräsentiert dieser Halbkreis einen Regenbogen, aber ich habe mich damals dennoch für eine Ausführung in einfachem Schwarz entschieden. Im vergangenen Monat habe ich über dieses Symbol und die Legende, die sich darum webt, so viel gelesen und recherchiert, dass es mir wichtiger und bedeutsamer denn je erscheint. Ich hoffe nur, dass alles, was ich über den Indalo-Mann gelesen habe, wahr ist – selbst das, was sich wie ausgemachter Blödsinn anhört.

Ich war fünfzehn, als ich zum ersten Mal nach Mojácar kam, und ich weiß noch genau, wie begeistert ich war. Ich war noch niemals mehr als nur ein paar Tage von meiner Mutter weg gewesen, und als sie mir nachwinkte, während ich im Auto von Rachels Vater davonfuhr, flossen jede Menge Tränen. Es war sehr großzügig von ihren Eltern, mich in den Familienurlaub mitzunehmen – vor allem, wenn man bedenkt, dass Rachel und ich uns zu dieser Zeit am liebsten in einer merkwürdigen, selbst erfundenen Sprache unterhielten, die aus Grunzlauten und ausladenden Handbewegungen bestand. Wir hielten uns für unglaublich raffiniert, in Wirklichkeit sahen wir wohl aus wie zwei durchgeknallte Gibbons.

Im ersten Jahr durften wir abends noch nicht allein ausgehen, aber im zweiten Sommer, als wir beide sechzehn geworden waren, wurde uns erlaubt, unbegleitet zum Abendessen zu gehen und tagsüber die Strandbars zu besuchen. Rachels Eltern liebten Ausflüge, ihre Mutter malte und stellte die tragbare Staffelei gerne an abgeschiedenen Orten auf. Wir beide hingegen waren nur daran interessiert, kichernd über die spanischen Kellner zu lästern, beim Sonnenbaden Teenagermagazine zu lesen und sämtliche tollen Jungs der Schule durchzuhecheln.

Erst im dritten Jahr fingen wir an, heimlich in Bars zu gehen und mit jungen Einheimischen zu knutschen. Es war alles ganz unschuldig, aber damals kamen wir uns unglaublich erwachsen vor. In Mojácar waren die Leute so viel lässiger und entspannter als zu Hause im langweiligen alten England. In Mojácar gelang es mir, mein Schneckenhaus abzuwerfen, mir nicht mehr so viele Gedanken zu machen und es zu genießen, wie weit das Leben hier von meinen Problemen zu Hause entfernt war. Ich fand es großartig, einen Ort zu haben, der mir ganz allein gehörte, wo Mum und Dad noch nie gewesen waren. Und noch toller war, ein anderes Ich zu haben, das sie ebenfalls nie zu Gesicht bekommen würden. Nur Rachel hat meine beiden Seiten kennengelernt, aber selbst sie ist der Mojácar-Hannah zum letzten Mal vor vielen Jahren begegnet. In dem Jahr, als wir achtzehn wurden, hatten wir fest vor, wieder hinzufahren – wir sprachen monatelang fast über nichts anderes –, aber dann wurde bei Rachels Vater ein Tumor festgestellt, und über Nacht löste sich die heile Welt meiner armen Freundin auf. Seitdem ist es wohl das Leben selbst gewesen, das uns, jede für sich, an der Rückkehr nach Mojácar gehindert hat, aber jetzt, während ich neben Rachel sitze und darüber rede, kann ich gar nicht glauben, dass wir es nie wieder geschafft haben.

»Ich wünschte, du könntest mitfahren«, sage ich zu ihr. »Es wird ziemlich seltsam sein, wenn du nicht dabei bist.«

»Nein, das glaube ich nicht!«, versichert sie mir und sieht mir in die Augen. »Ich bin mir sicher, du wirst dir dort sehr gut die Zeit vertreiben können.«

Rachel ist der einzige Mensch, der von meiner Schwärmerei für Theo weiß, daher ist mir klar, was sie meint, auch wenn die beiden Männer keine Ahnung haben.

»Das könnte schon sein«, sage ich und erwidere ihren bedeutsamen Blick.

»Wenn ich Single wäre, hätte ich große Lust auf eine Urlaubsromanze«, bemerkt Paul viel zu sehnsüchtig. Verlegen schweigend warten wir, bis Rachels versteinerter Blick von ihrem Freund richtig gedeutet wird. Es dauert eine ganze Weile.

Endlich sagt er: »Natürlich bin ich froh, dass ich nicht mehr Single bin«, und lächelt über ihre wütende Miene. »Du weißt doch, Rachy, dass ich niemanden will außer dir.«

Inzwischen besteht ernsthaft die Gefahr, dass das Ale-Glas sich in ein Wurfgeschoss verwandelt.

»Wenn ich mich recht erinnere, hattest du in Mojácar nie Probleme damit, nette Männer kennenzulernen«, sagt Rachel jetzt und mustert mich belustigt.

Tom, der gerade das Bierglas angesetzt hat, stößt ein gemeines Lachen aus, aber Rachel fährt fort, ohne auf ihn zu achten: »Ich wüsste nicht, warum das jetzt anders sein soll. Du musst bloß diese knackige, zuversichtliche Siebzehnjährige von damals auf dein heutiges Selbst übertragen, dann kann dir keiner widerstehen.«

»Ich war ganz bestimmt nicht knackig«, antworte ich und verziehe das Gesicht beim Gedanken an den flachbrüstigen, sommersprossigen Teenager von damals. »Und zuversichtlich war ich auch bloß, weil wir jeden Abend vor dem Ausgehen die Wodkavorräte deiner Eltern dezimiert haben.«

»Inzwischen kannst du dir selbst Wodka kaufen – noch besser!«

Apropos Alkohol – mir fällt auf, dass alle Gläser fast leer sind. Ich mache mich auf den Weg zur Theke, um die nächste Runde zu besorgen.

Als ich beim Aufstehen an Paul vorbeikomme, drückt er kurz meine Hand und sagt: »Bring mir doch ein Peroni mit, ja?«

Echt jetzt, ein Peroni-Bier? Er kriegt das billige, eklige Ale aus dem Hahn, das reicht.

Trotz bester Vorsätze ist es schon nach elf, als wir auf den Bürgersteig hinausstolpern und uns mit ungeschickten Umarmungen voneinander verabschieden. Rachel zieht Tom beiseite und flüstert ihm etwas ins Ohr, doch ehe ich hinübertorkeln kann, um herauszufinden, was sie gesagt hat, verstellt Paul mir den Weg und zieht mich in eine ziemlich steife Umarmung.

»Viel Spaß in Mallorca, wirklich«, lallt er.

»Es ist Mojácar«, sage ich zähneknirschend und klopfe ihm leicht auf die Schulter.

Was für ein Blödmann!

In diesem Moment läutet glücklicherweise eine Glocke. Genauer gesagt mein Handy, dessen Klingelton eine Art Glockenläuten ist. Wer ruft mich um diese Zeit an? Einen kurzen, flüchtigen, ekstatischen Moment lang erlaube ich mir den Gedanken, es könnte Theo sein, um mir zu gestehen, er halte es nicht länger aus, müsse mir augenblicklich seine Liebe gestehen und sich der unterdrückten Leidenschaft hingeben, die ihn seit Monaten umtreibt.

Es ist meine Mutter.

»Hi, Mum«, grüße ich vorsichtig, während ich mich aus Pauls trunkener Umklammerung löse. »Warum rufst du so spät noch an?«

»Ist es schon so spät?«, kommt die Antwort, und ich ahne, dass ich an diesem Abend nicht die Einzige bin, die zu tief ins Glas geschaut hat.

»Für jemanden deines Alters schon«, witzele ich und freue mich über das empörte Kreischen am anderen Ende.

»Na, du fliegst doch morgen, und weil ich doch ganz früh diesen Zoga-Kurs im Freizeitzentrum habe …«

»Zoga?«, frage ich, während ich Rachel zuwinke und ihr noch einen Luftkuss schicke. Hand in Hand mit Paul wandert sie in Richtung U-Bahn-Station davon. Tom steht am Bordstein und wartet auf mich. Dabei hält er den Blick auf seine Schuhe gerichtet und tut so, als würde er mein Telefongespräch gar nicht hören.

»Das ist etwas Neues«, erklärt sie fröhlich. »Eine Mischung aus Yoga und Zumba.«

»Ach so.« Ich kann mir nicht mal ansatzweise vorstellen, wie so etwas funktionieren soll. Tanzt man erst und macht dann Yoga? Oder meditiert man über den Hüftschwung? Das ist doch kompletter Blödsinn.

»Hast du schon mit deinem Vater geredet?«, fragt sie jetzt, und ihre Stimme wird ein wenig schrill wie immer, wenn das Gespräch auf mein zweites Elternteil kommt.

»Nein.«

»Ach. Aber er weiß doch, dass du wegfährst, oder?«

»Wenn du es ihm nicht gesagt hast, dann nicht.« Ich seufze und kicke einen Kieselstein so heftig über die Straße, dass Tom mich erschrocken ansieht.

»Das habe ich natürlich nicht. Ich habe seit Monaten nicht mit ihm gesprochen.«

»Ich schicke ihm eine SMS«, lüge ich verärgert. Verdammt, ich bin achtundzwanzig, da muss ich doch meinem Vater nicht mehr alles erzählen. Außerdem interessiert es ihn sowieso nicht.

»Ich bin sehr stolz auf dich«, sagt Mum, und ich merke, wie mein Groll schlagartig verraucht. »Das wollte ich dir nur sagen. Ich weiß, wie lange du auf so eine Reise gewartet hast, also genieß bitte jeden einzelnen Moment, ja?«

Ich stelle mir Mojácar vor, die engen Kopfsteinpflastergassen, die Kaskaden von Bougainvillea-Blüten, den weiten, hellen Strand und das kühle, rauschende Mittelmeer, und muss unwillkürlich lächeln.

»Das werde ich, versprochen«, antworte ich. »Da kannst du dir vollkommen sicher sein.«

Wir plaudern weiter, während Tom und ich zur Bushaltestelle gehen. Er wartet mit mir, bis mein 64er kommt, obwohl sein Bus früher da ist. Manchmal kann er wirklich sehr süß sein. Das vergesse ich leicht, weil wir einen Großteil unserer gemeinsamen Zeit damit verbringen, uns gegenseitig aufzuziehen.

»Wie geht’s deiner Mutter?«, fragt er, als ich das Gespräch endlich beendet habe.

»Sie hat einen Zoga-Kurs angefangen«, sage ich mit gerunzelter Stirn, und er lacht liebevoll, als ich ihm erkläre, was das ist. Manchmal glaube ich, Tom liebt meine Mutter mehr als ich.

»Was hältst du davon, dass Paul bei Rachel einzieht?«, fragt er dann, obwohl er genau weiß, was ich davon halte.

»Ich glaube, sie ist verrückt«, antworte ich trocken. »Und dass sie sich unter Wert verkauft.«

»Aber sie scheint glücklich …«, setzt Tom an, doch als er meinen Gesichtsausdruck bemerkt, hält er mitten im Satz inne.

»Er ist so ein flegelhafter Typ«, führe ich an. »Er ist selbstsüchtig, hat keinerlei Gespür für andere, er respektiert sie nicht, und ich wette, dass er sie betrügt.«

»Jetzt hör aber auf, Hannah!« Tom hebt die Hand. »Das ist unfair.«

Ich hasse es, wenn Tom mir einen Rüffel erteilt – vor allem, wenn ich weiß, dass ich recht habe und er nicht.

»Okay«, lenke ich ein. »Vielleicht betrügt er sie jetzt noch nicht, aber das ist nur eine Frage der Zeit.«

Dazu schüttelt Tom nur den Kopf. »Da liegst du falsch«, sagt er ruhig. »So schlimm ist er wirklich nicht. Wie war das, als er Freikarten für den Shard hatte und uns mitgenommen hat? Oder damals, als er und Rachel sich gerade mal ein paar Wochen kannten und für ein Wochenende mit ihr nach Rom geflogen ist? Auch wenn du ihn nicht sonderlich magst – und ich gebe dir ja recht, dass er manchmal ziemlich nervt –, aber Rachel ist deine älteste Freundin, und sie liebt ihn. Zählt das denn gar nichts für dich?«

Noch mehr hasse ich es, wenn Tom mir einen Rüffel erteilt – und ich weiß, dass er recht hat und ich nicht.

Trotzig sage ich daher: »Tut mir leid, Dad«, und halte gerade noch rechtzeitig den Arm hoch, um den Busfahrer auf mich aufmerksam zu machen. Tom sieht ein bisschen traurig aus, als ich ihm durch das Busfenster zum Abschied zuwinke, und als der Bus um die Ecke biegt und Tom aus meinem Blickfeld entschwindet, trifft mich tatsächlich ein kleiner, aber sehr harter Kieselstein der Schuld.

Ich habe London so satt. Je früher wir das sonnige Spanien erreichen und die trübe Alltagswirklichkeit hier hinter uns lassen, desto besser.

3

»Warum glauben diese Fluglinien eigentlich alle, dass in ihren Flugzeugen nur Zwerge mitfliegen?«

Tom ist ungewöhnlich schlecht gelaunt. Wie ich findet er es sagenhaft ungerecht, dass er ein Stückchen größer ist als der Durchschnitt der Menschheit, und nimmt jede Gelegenheit wahr, sich darüber zu beklagen.

»Ist doch wahr«, murmelt er und versucht zum vielleicht achtundvierzigsten Mal, seit wir in Gatwick abgehoben haben, seine lächerlich langen Beine in eine bequeme Position zu bringen. Es klappt nicht.

»Da musst du durch, Junge«, erkläre ich, frage mich aber selbst, ob ich meine eingeschlafenen Füße jemals wiederbeleben kann. »Ich fürchte, der Mann im Sitz vor dir bringt dich um, wenn du noch einmal deine Knie gegen die Rückenlehne rammst.«

Ein Grunzlaut des fraglichen Glatzkopfs bestätigt diese Vermutung, und Tom läuft rot an.

Claudette, die inklusive High Heels kaum mehr als eins sechzig misst, hat sich den Gangplatz gekrallt und ist nach dem Start prompt eingeschlafen. Für eine kleine, hübsche Französin schnarcht sie ganz schön laut. Über dem Ärmelkanal ist sie von ihrem eigenen Schnarchen sogar kurz einmal aufgewacht. Tom und ich mussten ziemlich lachen.

Theo fliegt nicht mit uns; er ist schon vor ein paar Tagen abgereist, um aufzupassen, dass unsere umfangreiche Ausrüstung sicher ankommt. Es ist absolut lächerlich, aber ich vermisse ihn. Ich bin fast ebenso aufgeregt, ihn wiederzusehen, wie darüber, dass ich nach so vielen Jahren zum ersten Mal wieder Mojácar betreten werde. Ich muss mich wirklich zusammenreißen.

»Schau mal.« Mit einem Schubser reißt mich Tom aus meiner Träumerei und deutet aus dem Fenster. Wir nähern uns Almería. Tom hat die verrosteten Dächer der landwirtschaftlichen Betriebe rund um den Flughafen erspäht. Von der Straße aus erscheinen sie nicht bemerkenswert, aber von hier oben sehen sie aus wie die Scherben eines kaputten Mosaiks. Es ist tatsächlich richtig schön.

»Daran kann ich mich erinnern«, sage ich. »Jetzt sind wir fast da.«

In mir steigt leise prickelnde Nervosität auf. Mein erster Auslandsdreh, und das an einem Ort, der mir so viel bedeutet – und am Flughafen erwartet uns Theo. Während das Flugzeug auf die spanische Landebahn zuschwebt, ist mir, als würde mein breites Lächeln genügen, uns in der Luft zu halten.

»Habe ich die ganze Zeit geschlafen?«, fragt Claudette, als die Räder auf dem Asphalt aufsetzen. Sie gähnt und reckt ihre zarten Glieder.

»Ja«, bestätigt Tom. »Und du hast die ganze Zeit geschnarcht.«

Claudette lächelt ihn bloß verschlafen an und wendet sich dann an mich. »Dieser junge Mann ist wirklich lustig. Er macht immer so komische Witze.«

»Hm«, mache ich nur und gebe mir alle Mühe, nicht laut loszulachen, als sie sich mit den zarten Händchen durch ihren perfekt geschnittenen dunklen Bob fährt. Es wäre grausam, ihr die Wahrheit zu sagen: Dass sie nämlich schnarcht wie ein Warzenschwein mit schwerem Asthma. Und so schweige ich wie ein Grab, während wir uns zum Aussteigen fertig machen. Tom reibt sich die Beine, um seinen Kreislauf wieder in Gang zu bringen, und murmelt dabei Unverständliches. Claudette wippt hinter unserem Freund, dem Glatzkopf, der gerade mit seinem Koffer im Gepäckfach kämpft, ungeduldig mit dem Fuß.

»Dieser Mann ist aber auch zu dämlich«, bemerkt sie, ohne die Stimme zu dämpfen.

»Was?« Tom schießt aus seinen ausgiebigen Dehnübungen hoch und stößt sich prompt an einer der Lüftungsöffnungen über dem Sitz den Kopf an.

»Du bist auch dämlich«, fügt sie verächtlich hinzu, während Tom sich den wuschelblonden Hinterkopf reibt und ausgiebig flucht. Wie diese beiden es auf ihren häufigen Auslandsdrehs miteinander aushalten, wird mir ewig ein Rätsel bleiben. Allein im letzten Jahr waren sie in Kanada, Australien und Frankreich – und jedes Mal musste ich so tun, als würde ich nicht vor Eifersucht platzen.

Nachdem wir die Schlange an der Passkontrolle hinter uns gebracht und eine halbe Stunde auf die drei Koffer von Claudette gewartet haben zuzüglich einer weiteren Viertelstunde, bis sie vor dem Spiegel in der Toilette ihr Make-up ausgebessert hat, bin ich dermaßen aufgeregt und nervös, dass ich die Wand der Ankunftshalle hinaufklettern, über die Decke krabbeln und auf der anderen Seite wieder hinabsteigen könnte.

»Was ist denn los mit dir?«, erkundigt sich Tom und runzelt die Stirn, weil ich ständig von einem Fuß auf den anderen hopse. »Du siehst aus, als würdest du dir gleich in die Hose machen.«

Mit einem sehnsüchtigen Blick zum Ausgang schreie ich fast: »Das tue ich auch!« Da draußen vor diesen Milchglasscheiben wartet Mojácar auf uns – und Theo.

»Geh doch noch schnell aufs Klo«, schlägt Tom mit verwirrter Miene vor. Männer kapieren wirklich gar nichts.

Als es so weit ist und wir endlich durch die Türen treten, wo Theo tatsächlich auf uns wartet, eine Zeitung aufgeschlagen auf dem Schoß und eine Sonnenbrille in die dunklen Locken geschoben, werden wir nur mit einem gewöhnlichen »Hallo« begrüßt. Ich hatte mindestens einen Kuss auf jede Wange erwartet – wir sind in Spanien, verflucht! –, aber nichts da. Er lächelt mich lediglich an und führt uns zum Parkplatz, wo das Auto steht.

Meine Sinne überschlagen sich, als ich mich umschaue und alles in mich aufnehme. Ich bin wirklich wieder da, zurück in Almería und weniger als eine Stunde entfernt von dem schönen, magischen Mojácar, das ich nie vergessen habe. Es fühlt sich sehr fremd und gleichzeitig ganz vertraut an.

»Ganz schön heiß, was?«, bemerkt Tom. Er zieht seine Kapuzenjacke aus und blinzelt hinauf zum wolkenlosen, strahlend blauen Himmel. Theo zuckt die Achseln. Er trägt ein makellos gebügeltes weißes Hemd und eine schwarze Hose, auf seiner Haut ist kein einziger Schweißtropfen zu sehen.

»Es ist Sommer.« Das ist als eine Art Erklärung gemeint. Ich verbeiße mir die Feststellung, dass sich meine abgeschnittenen Jeans und das ärmellose Oberteil in der Stunde seit der Landung in eine dicke Daunendecke verwandelt haben, stattdessen ziehe ich ein Taschentuch aus meiner Handtasche und wische mir den Schweiß vom Gesicht. Es ist bereits kurz nach vier Uhr nachmittags und die Sonne wird bald nicht mehr ganz so heiß brennen, aber im Moment ist es unerträglich. Sehr erleichtert steige ich in das klimatisierte Innere von Theos Mietwagen, auch wenn Tom, dieser Verräter, sich den Beifahrersitz geschnappt hat.

Das überwältigende Déjà-vu-Gefühl wird immer stärker, als Theo das Auto anlässt und vom Parkplatz auf die Schnellstraße fährt. Ich spüre, wie sich meine Augen beim Anblick der nahen Berge weiten. Wir befinden uns an der Südostküste des Landes, die Erde ist von der Sonne, die das ganze Jahr über scheint, ausgetrocknet, das Gras verbrannt. Rechts unter mir liegt das Meer ausgebreitet wie eine dunkelblaue Decke, die nur ganz gelegentlich durch das aufblitzende Weiß eines Wellenkamms gestört wird. Es herrscht fast kein Wind, starr stehen klumpige Kakteen am Straßenrand. Kein Wunder, dass in dieser Gegend von Spanien oft Western gedreht werden – auch dieses interessante Faktum habe ich bei meiner Recherche herausgefunden.

Tom auf dem Beifahrersitz ist ganz still geworden. Er scheint ebenso wie ich fasziniert zu sein von der fremdartigen Landschaft. Claudette hingegen redet unentwegt auf Theo ein. Es geht um den Zeitplan für die Dreharbeiten. Sie gibt sich alle Mühe, ihn davon zu überzeugen, dass ein paar freie Tage, an denen sie mit Sonnenbädern ihren Teint auffrischen kann, dem Dokumentarfilm zugutekämen.

»Ich denke einfach, den Leuten gefällt es, wenn ich gesund aussehe«, erklärt sie ihm. »Wer will sich schon von einem Gespenst etwas über diesen schönen Ort erzählen lassen. Bei meiner bleichen Haut bekommt das Publikum doch Angst!«

Theo, dem anzusehen ist, dass er sich die letzten Tage in der Sonne aufgehalten hat, zeigt sich verständnisvoll, aber ich weiß, was den Zeitplan angeht, wird er keinen Millimeter nachgeben. Dass er gelegentlich den strengen Chef herauskehren kann, schätze ich besonders an ihm. Wenn er dieses ernste Gesicht aufsetzt und sich auf seiner Stirn ärgerliche Falten bilden, dann … seufz.

»Hannah, hast du gehört, was ich gesagt habe?«

Ach verdammt, er redet mit mir!

»Ja! Nein. Äh, sorry. Was hast du gesagt?«

Dusslige Kuh.

Theo lächelt mich im Rückspiegel an. »Ich habe gesagt, dass Mojácar einfach wunderbar ist. Vor meiner Abreise habe ich mir so viele Fotos angesehen, trotzdem hatte ich keine Ahnung, wie schön es in Wirklichkeit ist. Du hast einen wirklich großartigen Ort für uns entdeckt.«

Ist es möglich, vor Stolz zu explodieren? Falls ja, dann wird es in diesem Mietwagen bald ziemlich unappetitlich aussehen.

»Danke.« Ich grinse sein Spiegelbild an. »Ich kann es selbst kaum erwarten, die Stadt wiederzusehen. Ich vermute, sie hat sich in all den Jahren ziemlich verändert.«

»Ich dachte, wir gehen heute Abend in der Altstadt essen«, fährt Theo fort. »Dann kannst du uns hinterher zeigen, wo du als Teenager Party gemacht hast.«

Jetzt macht er sich definitiv über mich lustig, aber ich genieße es.

»Glaubst du, die spanischen Barkeeper können sich noch an dich erinnern?«, fragt Claudette, und sofort bereue ich, ihr vor ein paar Tagen Geschichten aus meiner Teenagerzeit in Mojácar erzählt zu haben. Ich hatte geahnt, dass die zweite Flasche Wein keine gute Idee war, aber ich fand es so toll, dass sie mit mir etwas trinken gehen wollte. Immerhin war sie schon bei mehreren Projekten von Vivid dabei, doch als freiberufliche Moderatorin und Gelegenheitsschauspielerin arbeitet sie nicht bei uns im Büro, und daher hatte ich mich bisher nie länger mit ihr unterhalten. Claudette sieht immer cool aus und verbreitet diese Art von selbstsicherem Charme, den ich wohl niemals hinkriegen werde. Trotz ihrer siebenunddreißig Jahre hat sie eine makellose Haut, und ihr Make-up ist so perfekt, dass sie mindestens zehn Jahre jünger wirkt. Eine Frau wie sie hat nicht einmal in der hintersten Ecke ihres Kleiderschranks eine ausgewaschene alte Trainingshose liegen, geschweige denn, dass sie, wie ich, damit öfter mal am Sonntagnachmittag in den Pub geht.

»Warum sollten sie?«, frage ich zähneknirschend zurück. Ich habe keine Lust, mit ihr über spanische Barkeeper zu reden, wenn Theo zuhört. Er soll mich nie anders als kompetent und weltgewandt erleben.

»Das stimmt«, sagt sie, und ihr Ton verrät, wie sehr sie es genießt, mich zu provozieren. »Die treiben es bestimmt mit so vielen Engländerinnen, dass sie die eine nicht von der anderen unterscheiden können.«

»Ich habe mich nie mit irgendwelchen spanischen Barkeepern eingelassen!«, gebe ich zurück, und meine Stimme klingt schrill. Das ist natürlich eine komplette Lüge, und ich weiß, dass mich Claudette nur aufzieht, aber ich wünschte, sie würde sich wenigstens in Anwesenheit unseres Chefs zurückhalten.

»Griechische Barkeeper sind genauso«, mischt sich Theo ein und überholt einen Lastwagen, ohne die rechte Hand ans Lenkrad zu nehmen. »Ich habe mal einen Sommer in der Bar meines Onkels gearbeitet, da kann ich mich auch nicht an jede einzelne Engländerin erinnern.«

Um Himmels willen, auch Theo hat sich in seiner Teenagerzeit herumgetrieben. Jetzt muss ich nur noch eine Zeitmaschine erfinden, dann mache ich vor etwa zwanzig Jahren Urlaub auf der griechischen Insel, wo er gearbeitet hat, und verführe ihn dort. Alles ganz einfach.

»Männer sind einfach schrecklich«, verkündet Claudette daraufhin und erntet von Tom auf dem Beifahrersitz ein lautes »Buhh!«. Theo lacht und wirft mir wieder einen Rückspiegel-Blick zu. Bilde ich mir das nur ein, oder schaut er mich diesmal ein bisschen länger an? Mutig sehe ich noch einmal hin, aber der Moment ist schon vorbei. Vermutlich habe ich mich geirrt.

Theo sagt: »Jetzt kommen wir gleich zu der Kurve. Als ich zum ersten Mal hier langgefahren bin und Mojácar erblickt habe, hat es mir regelrecht den Atem verschlagen.«

Er hat recht. Auch wenn ich schon mehrmals hier vorbeigekommen bin und von fern die kleine Stadt gesehen habe, mit ihren wabenartig angeordneten weißen Steinhäusern, die vor dem Hintergrund des dunkelbraunen Berges erstrahlen, habe ich doch eine ganze Horde Schmetterlinge im Bauch.

Im Auto tritt ehrfürchtiges Schweigen ein. Selbst Claudette fehlen die Worte, als sie den magischen Ort sieht, der sich in der Ferne an den Berg schmiegt. Als der Wagen beschleunigt und wir uns der Ausfahrt nähern, murmelt sie etwas auf Französisch, was irgendwie romantisch klingt, legt mir ihre schmale Hand auf den Arm und drückt ihn. Genau das hatte ich gehofft. Ich wusste, dass Mojácar sie alle in Bann schlagen wird, genau wie es das vor so vielen Jahren bei mir getan hat. Dieser Ort hat etwas ganz Besonderes, etwas, was ihn einzigartig und unvergleichlich macht und ihn von allen Reisezielen, die ich kenne, unterscheidet.

»Ich habe Gänsehaut«, gesteht Claudette und spricht damit aus, was wir alle fühlen. In der Annahme, ihr wäre kalt, schaltet Theo die Klimaanlage aus, und ein paar Minuten lang fahren wir in völliger Stille dahin. Der Bann wird erst gebrochen, als wir erneut um die Kurve biegen und Mojácar kurz verschwindet, weil sich einer der vielen Hügel der Umgebung davorschiebt.

»Wo wohnen wir noch mal, Hannah?«, fragt Tom und dreht sich zu mir um. Ich will gerade antworten, aber Theo kommt mir zuvor.

»In der Altstadt«, sagt er mit leisem Hüsteln. »Hannah und Claudette teilen sich eine Wohnung, und du hast ein Apartment.«

»Dann wohne ich diesmal nicht bei dir, Chef?« Es gelingt Tom nicht, die Freude in seiner Stimme zu unterdrücken.

»Nein, diesmal hast du Pech.« Theo grinst. »Ich wohne unten am Strand. Mir ist es direkt am Meer lieber, außerdem brauche ich Platz für die Schneidegeräte, aber für euch ist es oben in der Stadt besser. Nahe an den Bars und den Läden.«

Weil ich sämtliche Buchungen vorgenommen habe, weiß ich, wie winzig Toms Studiowohnung ist im Vergleich mit der großzügigen Villa, die Theo gemietet hat, aber ich weiß auch, dass ihm das egal sein wird. Die lässige Lebensart hier ist wie auf meinen besten Freund zugeschnitten, und ich verspüre einen neuen Schub der Begeisterung, wenn ich mir vorstelle, wie ich ihn herumführen werde. Ich freue mich auch darauf, mit Claudette eine Wohnung zu teilen, denn ich hoffe, dass etwas von ihrem französischen Charme auf mich abfärbt.

Jedenfalls ist es mal etwas anderes, als mit Tom zusammenzuwohnen, was ich oft genug getan habe, bei gemeinsamen Besuchen von Festivals und dergleichen. Nach einem Tag in Gummistiefeln riechen seine Füße wie jahrhundertealter Briekäse, und wenn er betrunken ist, redet er im Schlaf. In Glastonbury letztes Jahr habe ich mit ihm ein langes, komplett unsinniges Gespräch geführt, an das er sich kein bisschen erinnern kann.

Neben mir japst Claudette. Ich blicke auf und sehe direkt über uns den Ortskern von Mojácar – oder Mojácar Pueblo, wie die Einheimischen sagen. Unglaublicherweise sieht es dort genauso aus wie in meiner Erinnerung: Schmale Kopfsteinpflasterstraßen schlängeln sich um den Hügel herum nach oben, weiße Steinhäuser ragen in seltsamen Winkeln empor, und während Theo immer weiter hinauffährt, eröffnen sich sagenhafte Panoramablicke auf die Berge und hinunter zum Strand. Tief in mir rührt sich etwas, und ich kann nicht verhindern, dass sich meine Lippen zu einem breiten Lächeln verziehen. Die Müdigkeit nach dem dreistündigen Flug ist augenblicklich vergessen, als ich das Fenster herunterlasse und die warme Luft einatme. Ich rieche Zitronen und auch den Geruch nach Erde – selbst der Staub scheint einen angenehmen Duft zu verströmen. Ich strecke den Kopf aus dem Fenster und atme wie ein Kind in gierigen Zügen die Luft ein.

Tom witzelt: »Wie der alte Labrador meiner Eltern.« Er lacht mir durch den Außenspiegel zu, und ich zeige ihm den Stinkefinger.

»Das Parken hier ist ein Albtraum«, beklagt sich Theo. Wir sind vor dem Gebäude angekommen, wo Claudette und ich die nächsten vier Wochen wohnen sollen – ziemlich fantasielos »Vista Apartments« genannt –, aber sämtliche hauseigenen Parkplätze und auch die entlang der Straße sind belegt.

»Lass uns einfach aussteigen«, schlage ich vor und ignoriere Claudettes entsetzte Miene. »Wir treffen dich dann oben am Hauptplatz um … sagen wir halb sieben?«

Theo nickt und wartet, während ich Claudettes umfangreiche Koffer- und Taschenkollektion sowie meinen eigenen Hartschalenkoffer aus dem Kofferraum hieve. Dann winkt er uns beiden zu und fährt den Hügel hinab zu dem Haus, wo Tom untergebracht ist.

»Ich bin völlig verschwitzt«, murrt Claudette und riecht lustlos an der Bougainvillea, die vom Dach unseres Wohnhauses herunterhängt. Wie viele Häuser hier ist es steil am Abhang errichtet, das Dach befindet sich auf einer Ebene mit der Straße. Die einzelnen Wohnungen erreicht man, indem man eine beängstigend schmale und steile Steintreppe hinabsteigt. Mit Claudettes Laune steht es nicht zum Besten, und auch angesichts der Menge an Gepäckstücken, die sie dabeihat, ist es ein Glück, dass wir nur bis zur zweiten von fünf Ebenen hinabklettern müssen. Der Schlüssel liegt, wie von den Besitzern angekündigt, unter dem Fußabstreifer, und neben der Tür ist ein großer Indalo-Mann an die Wand gemalt.

Den anderen habe ich nicht erzählt, dass ich mit Rachel und ihren Eltern in genau diesem Apartmentgebäude gewohnt habe. Diesmal sind wir weiter oben, aber der Grundriss ist genau der gleiche wie in meiner Erinnerung, mit einem Flur, einem großen Wohnraum mit Küche, einem Badezimmer und zwei kleinen Schlafzimmern.

Während Claudette in ihrem Schlafzimmer herumlärmt und auf Französisch flucht, weil es viel zu wenig Platz für ihre umfangreiche Garderobe gibt, öffne ich sofort die Glastür und trete hinaus auf den breiten, gefliesten Balkon. Hier steht ein schöner schmiedeeiserner Tisch mit zwei Stühlen, und jemand hat von der hinteren Ecke bis zu einer Wasserleitung, die vom Dach des Gebäudes bis ganz nach unten verläuft, eine Wäscheleine gespannt. An der schrägen Mauer zu meiner Linken prangt eine große Tonfigur, und ich lächele, als ich einen Blick auf ihren Doppelgänger an meinem linken Handgelenk werfe.

Wenn ich über die andere Mauer spähe, kann ich den Rand des Balkons sehen, der zu der Wohnung unter unserer gehört. Die einzelnen Apartments sind an den Hügel geschichtet wie die Sitzreihen eines Stadions.

Noch immer stehe ich dort und genieße die nach Zitronen duftende Luft und die Wärme der Kacheln unter meinen Fußsohlen, als Claudette herausgestürmt kommt. Sie redet drauflos, offensichtlich geht es um ein Reisebügeleisen, das sie vergessen hat, aber sobald sie aufblickt und den Ausblick wahrnimmt, verschlägt es ihr die Sprache.

»Mon Dieu«, flüstert sie, und ich sehe, dass sich die Haare an ihren Armen aufrichten.

Seite an Seite stehen wir da und lassen das Panorama auf uns wirken. In mir wird ein seltsames Gefühl immer stärker, dasselbe Gefühl, das sich zu rühren begann, als ich mit der Recherche über diese Stadt anfing. Auf Mojácar liegt tatsächlich ein Zauber, stelle ich fest. Und ich bin fest entschlossen, herauszufinden, woher er rührt.

4

Das Erste, was ich etwas später verblüfft feststelle, während Claudette und ich langsam den Hügel hinauf in die Altstadt spazieren, ist, dass sich Mojácar kaum verändert hat. Es ist zehn Jahre her, seit ich zum letzten Mal hier war, aber mir ist, als wäre es letzte Woche gewesen. Alles ist auf so angenehme Weise vertraut, von den strahlend weiß gestrichenen Häusern bis zu den hübschen Blumentöpfen, die an den Mauern befestigt sind und auf Fensterbrettern stehen. Die kleinen Souvenirläden, wo man Postkarten, Stadtpläne und Indalo-Mann-Andenken in allen Variationen kaufen kann, all das kommt mir so unverändert vor, als wäre die Zeit stehen geblieben. Mit jedem Schritt wächst meine Verzückung, und ich muss das alberne Bedürfnis unterdrücken, wie ein kleines Mädchen auf dem Weg nach oben zu hüpfen.

Es dauert nicht lang, bis Claudette keine Lust mehr hat, alle paar Meter stehen zu bleiben und zu warten, bis ich Fotos gemacht und an Rachel geschickt habe. Aber trotz ihres unüberhörbaren Missfallens kann ich mich nicht bremsen – das alles ist einfach zu schön.

»Mir tun die Beine weh«, stöhnt Claudette und bückt sich, um ihre nicht vorhandenen Waden zu massieren. Sie klagt nicht ganz ohne Grund. Die kurvige Straße, die sich von der Strandpromenade den Hügel hinaufzieht, vorbei an unserem Apartmenthaus und hinein in die Altstadt, ist wirklich sehr steil – vor allem im letzten Teil unterhalb der Plaza Nueva, dem Hauptplatz.

Wenn Leute an Spanien denken, dann sehen sie oft die leuchtenden Gold- und Rottöne der Stierkämpferkostüme vor sich oder das Orange, mit dem die Sonne über einem der vielen Strände des Landes untergeht, aber in Mojácar sind die vorherrschenden Farben Weiß, Blau und Pink. Die Häuser der Stadt sind fast durchgehend in einem reinen Weiß gestrichen, das durch das Blau des Himmels und die vielen hellblauen Fensterläden und Türen noch strahlender wirkt. Pinkfarben sind die üppigen Bougainvilleen, die sich vom Balkon eines jeden Hauses, an dem wir vorüberkommen, ergießen. Ihr Duft mischt sich mit dem seltsamen Geruch des Staubs, der in der Luft hängt. Am liebsten würde ich mich auf eine Mauer an der Straße setzen und mit allen Sinnen diesen Anblick in mich aufnehmen, aber Claudette hat andere Pläne. Sie hat Hunger und Durst, ist erschöpft und muss dringend aufs Klo – das alles hat sie mir in den letzten drei Minuten mindestens zehnmal erklärt. Ich hätte nie gedacht, dass sie derart heikel ist.

Wir kommen an dem kleinen Postamt unmittelbar vor der Plaza Nueva vorbei, und als Claudette mehrere offene Bars sichtet, eilt sie über das Kopfsteinpflaster davon, um nach einer Toilette Ausschau zu halten. Theo oder Tom sind noch nirgendwo zu sehen, daher beschließe ich, zu meiner Rechten die Treppe zum Mirador de la Plaza Nueva hinaufzusteigen, um von der breiten, mit Kacheln gefliesten Plattform den Ausblick zu genießen.

Ich muss mich an ein paar Tischen und Stühlen eines Cafés vorbeischlängeln, das sich hier am Rand der Plattform befindet, um die Stelle mit dem schwarzen Gitter am anderen Ende zu erreichen, aber es lohnt sich, denn der Blick ist schlicht umwerfend. Unter mir erstreckt sich, so weit das Auge reicht, die braune, wüstenähnliche Landschaft, und die Straße, die wir hergefahren sind, windet sich zwischen den weißen Häuserquadern hindurch. Rechts erkenne ich in der Ferne die blau glitzernde Küstenlinie, und direkt vor mir befindet sich der deutlich abgeflachte Hügel, den ich aus meinen Recherchen als Mojácar la Vieja oder Alt-Mojácar kenne. Dort haben die im Mittelalter herrschenden Mauren eine Festung gebaut, um das Land zu überwachen – was für einen sagenhaften Ausblick sie hatten!

Überall ist hier die Geschichte zu spüren, nicht nur in den Gebäuden und der Landschaft, die mich umgeben, sondern auch in der Luft. Der Wind wirbelt unablässig Bruchstücke halb vergessener Erinnerungen auf und jagt sie in einem nie endenden Tanz zwischen damals und heute durch diese schöne alte Stadt. Vielleicht ist dies ein Element, das zu dem unfehlbaren Zauber von Mojácar beiträgt.

Plötzlich nehme ich einen angenehmen Zitrusduft wahr, und als ich mich umdrehe, kommt Theo auf mich zu. Zum Glück betrachtet er das Panorama und nicht mich, denn ich reiße vor Überraschung den Mund auf wie ein Karpfen auf dem Trockenen.

Es ist ein warmer Abend, aber es weht eine angenehme Brise, sie streicht mir über die nackten Arme und Beine und durch mein noch feuchtes Haar. Auch Theo hat offenbar geduscht, denn seine dunklen Locken sind nicht mehr gegelt wie zuvor, und er hat sein weißes Hemd gegen ein einfaches graues T-Shirt ausgetauscht. Die schläfrige Atmosphäre des Platzes scheint auch auf ihn umgehend entspannend zu wirken, und ich beobachte voller Freude, wie zufrieden er den abgeflachten Scheitel des Hügels von Alt-Mojácar betrachtet.

»Ist es noch so, wie du es in Erinnerung hast?«, fragt er und sieht mich zum ersten Mal an, seit er neben mich getreten ist.

»Ganz genau so.« Ich lächele ihm zu. »Ich hatte schon befürchtet, dass sich am Hauptplatz inzwischen ein Pizza-Hut befindet, aber zum Glück ist das nicht der Fall.«

»Ich bin hier oben in der Altstadt spazieren gegangen«, erzählt er, und noch immer hat er dieses unglaublich attraktive Schmunzeln im Gesicht.

Ich bemühe mich mit aller Kraft, ihm nicht auf den Mund zu sehen, aber leicht fällt es mir nicht. Noch nie im Leben hatte ich mehr Lust, jemanden zu küssen.