Walter Nowak bleibt liegen - Julia Wolf - ebook

Walter Nowak bleibt liegen ebook

Julia Wolf

0,0

Opis

Jeden Tag schwimmt Walter Nowak seine Bahnen im Freibad. Eines Morgens bringt eine Begegnung ihn aus der Fassung, mit fatalen Folgen: Der Länge nach ausgestreckt findet er sich wenig später auf dem Boden seines Badezimmers wieder, bewegungsunfähig und auf sich allein gestellt. "Von nun an geht es abwärts, immer abwärts", schießt es ihm durch den Kopf. Zunehmend verliert er die Kontrolle, Gedankenfetzen, Bilder aus der Vergangenheit stürzen auf ihn ein: das Weihnachtsfest mit seiner ersten Frau Gisela, ihr Schweinebraten, ihre Tränen; der Blick seines Sohnes Felix, als er von der Trennung erfährt; Erinnerungen an seine eigene Kindheit als unehelicher Sohn eines GIs; und, vor kurzem, eine Diagnose seiner Ärztin. Während nach und nach alles vor seinen Augen verschwimmt, ziehen seine Gedanken immer engere Kreise, nähern sich einem verborgenen Zentrum, dem Anfang, dem Ende ... Als das Hitzegewitter endlich losbricht, steht plötzlich sein Sohn Felix vor der Tür. Mit verblüffender erzählerischer Souveränität und großer Empathie zeichnet Julia Wolf in ihrem zweiten Roman ein eindrückliches Männerporträt: Walter Nowak, Kind der Nachkriegszeit, steht an einem Scheidepunkt. Seinem Gedankenstrom folgend macht der Leser eine faszinierende Reise in die menschliche Psyche.

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Jeden Tag schwimmt Walter Nowak seine Bahnen im Freibad. Eines Morgens bringt eine Begegnung ihn aus der Fassung, mit fatalen Folgen: Der Länge nach ausgestreckt findet er sich wenig später auf dem Boden seines Badezimmers wieder, bewegungsunfähig und auf sich allein gestellt. »Von nun an geht es abwärts, immer abwärts«, schießt es ihm durch den Kopf. Zunehmend verliert er die Kontrolle, Gedankenfetzen, Bilder aus der Vergangenheit stürzen auf ihn ein: das Weihnachtsfest mit seiner ersten Frau Gisela, ihr Schweinebraten, ihre Tränen; der Blick seines Sohnes Felix, als er von der Trennung erfährt; Erinnerungen an seine eigene Kindheit als unehelicher Sohn eines GIs; und, vor kurzem, eine Diagnose seiner Ärztin. Während nach und nach alles vor seinen Augen verschwimmt, ziehen seine Gedanken immer engere Kreise, nähern sich einem verborgenen Zentrum, dem Anfang, dem Ende … Als das Hitzegewitter endlich losbricht, steht plötzlich sein Sohn Felix vor der Tür.

Mit verblüffender erzählerischer Souveränität und großer Empathie zeichnet Julia Wolf in ihrem zweiten Roman ein eindrückliches Männerporträt: Walter Nowak, Kind der Nachkriegszeit, steht an einem Scheidepunkt. Seinem Gedankenstrom folgend macht der Leser eine faszinierende Reise in die menschliche Psyche.

»Ein ganz starker Text, der von seiner sprachlichen Finesse lebt und sich in seiner literarischen Qualität weit über das Mittelfeld heraushebt.« Sandra Kegel (FAZ), Bachmannpreis-Jury

»Großartig entwickelt: Teilnehmend, aber mit kühlem Blick registriert die Autorin das Sterben eines Alphatiers.« Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Mich hat dieser fein gearbeitete Text sehr beeindruckt … überraschend und zeitgenössisch.« Stefan Gmünder (Der Standard), Bachmannpreis-Jury

»Julia Wolf geht es um Wichtiges, sie verzettelt sich nicht, gräbt tief und noch tiefer, um an Stellen einer Biografie zu geraten, in denen das Schmerzfeuer lodert. Sie arbeitet intensiv, bisweilen gar wagemutig an der Sprache.« Salzburger Nachrichten

»Virtuos« Die Welt

Inhalt

Ach Walter, hat sie gesagt …

Wenn ich mich recht entsinne …

Der Riss in der Decke …

Wer schläft denn bis zwölf …

Rotwein im Spiel, Bier …

Beim Einatmen, los, beim Ausatmen, lassen …

Wenn die Maus nicht …

So langsam, mein Magen …

Für immer ich …

Ach Walter, hat sie gesagt und war schon zur Tür hinaus. In aller Frühe, wie angekündigt. Sie will den Berufsverkehr umgehen, will zügig durchkommen. Yvonne will sich noch ausruhen, bevor die Tagung beginnt. Ach Walter, statt Kuss, statt Tschüss, ich komme doch wieder. Ein lächerliches, ein kleines Gefühl, da beruhigt das Versprechen. Doch, das war ein Versprechen. Yvonne kommt wieder. Seitdem ich Yvonne kenne, war ich noch nie länger, wir waren noch nie länger als zwei Tage getrennt. Das ist nun wirklich. Kein Beinbruch, das ist kein Weltuntergang. Das lässt sich alles erklären, Yvonne wird es verstehen. Ich erzähle es ihr. Wo fange ich an?

Die Wachspfropfen. Ich rolle sie zu Kugeln, schiebe mir den Pfropfen ins Ohr, in den Kopf, mit dem Zeigefinger, bis zum Anschlag. Auf der anderen Seite auch, und dann die Kappe über die Ohren, doppelt hält besser. Die Vögel verstummen, ich höre sie nicht mehr, sehe nur noch, wie sie mit den Köpfen wackeln, die Spatzen. Tut mir leid, ich kann keine Schnäbel. Yvonne würde lachen, Yvonne hätte gelacht. Bei Gelegenheit. Bei nächster Gelegenheit, wenn das alles vorbei ist, wenn ich ihr alles erklärt habe, wackele ich mit dem Kopf: Tut mir leid, ich kann keine Schnäbel lesen. Und Yvonne Piep piep, ha ha, wie sie, hell und klar, gar nicht spöttisch. Warum auch.

Siebzehn Schritte zum Becken. Mein Handtuch lege ich immer auf die erste Liege rechts, von dort sind es dann siebzehn, höchstens achtzehn, jeder Schritt hallt in meinem Kopf. Ich marschiere, eine kleine Armee in meinem Inneren. Ich steige aus den Badelatschen, ich halte den Fuß ins Wasser, was soll das, ich tauche gleich das ganze Bein hinein. Ich gleite ins Wasser, kein Zögern, kein Zaudern, bei neunzehn Grad. Erfrischend ist das, oder nicht, neunzehn Grad, das ist doch. Klar ist das kalt. Na und. Wer wird denn gleich. Mit den Zähnen klappern. Die heiße Dusche danach, der Gedanke an die heiße Dusche danach, eine Tasse Kaffee. Da muss man sich eben überwinden, diesem Zaudern darf man nicht nachgeben. Erst die Pflicht, dann das. Hin und zurück sind es fünfzig, zehn mal fünfzig, das sind fünfhundert, mal zwei, das ist doch, ordentlich. Da soll noch mal einer. Hören Sie mal, Frau Doktor, Frau wie auch immer Sie heißen, ich schwimme jeden Morgen tausend Meter, das ist ein Kilometer, für Sie, zum Mitschreiben. Jeden Morgen. Dieser Ausdruck in Yvonnes Gesicht. Sie muss zugeben, das ist ordentlich, das ist nicht von schlechten. Da können sie sagen, was sie wollen, komme wer wolle und sagt, wer wolle, sagt was, wolle komme, sage, was? Bei Regen und bei Sonnenschein, sagt Yvonne, am Telefon, zu ihrer Freundin. Der Walter schwimmt, komme, was wolle, sagt sie und seufzt. Aber eigentlich gefällt ihr das, ihr Mann, ich halte mich fit. Das Seufzen war natürlich gespielt, ich sehe ja die Blicke. Ich habe ja gesehen, wie Olga geguckt hat. Einen Moment zu lang stand sie in der Tür, den Staubsauger in der Hand. Peinlich berührt, aber eben nicht so peinlich, dass sie sich gleich weggedreht hätte, die blieb in der Tür stehen und guckte. Mit diesem verunstalteten Gesicht, verunstaltet, aber doch irgendwie hübsch. Nur dass der Mund sich eben so zur Nase hochzieht. Ich habe mir natürlich sofort eine Hose angezogen und ein Hemd. Da bin ich völlig korrekt. So ein junges Ding, und dann noch aus Russland, also nein. Ich habe ja alles, was ein Mann, ich habe ja alles gehabt. Irgendwann ist auch mal gut.

Zehnmal hin und zurück, wenn man anfängt, erscheint einem das immer viel. Aber eigentlich geht es ganz schnell, man muss nur dabei an etwas anderes denken. Man muss es bloß tun. Eine heiße Dusche, eine Tasse heißer Kaffee. Also abstoßen, also los jetzt, keine Müdigkeit, schon gleite ich durchs Wasser, vorschützen. Ich schließe die Augen und stelle mir vor, wie ich durchs Wasser gleite, und alles ist blau und kühl, das Sonnenlicht glitzert nur so, herrlich. Ich schließe die Augen, und. Wie die mich angeguckt hat. Wenn Yvonne gesehen hätte, wie die Olga mich, die wäre weg vom Fenster, die hätte die längste Zeit, zwölf Euro die Stunde, cash auf die Kralle, bar auf die Hand. Yvonne hat ein Herz für die Armen, sie will niemanden ausbeuten. Zwölf Euro, ich habe ihr den Vogel gezeigt. Kannst ja selber putzen, hat Yvonne gesagt. Am besten erwähne ich Olgas Blick gar nicht, ich erzähle Yvonne nicht davon, denn egal, wie das Mädchen geguckt hat, kein Blick könnte rechtfertigen. Und so weiter. Ich weiß, wie das aussieht, wie ich aussehe. Ein alter Mann, nackt, auf dem Badezimmerboden. Ich darf Olgas Blick nicht erwähnen. Das würde wirken, als wollte ich. Als hätte ich mich ermuntert gefühlt. Damit fangen wir gar nicht erst an. Hör zu, es war eine Verwechslung, und weiter nichts. Der Pferdeschwanz, verstehst du? Aus keiner Mücke, Elefanten, das wollen wir nicht. Nein.

Wie lange liege ich schon hier? Yvonne hat gesagt, sie kommt wieder, aber sie hat nicht gesagt, wann. Klar könnte ich, ich könnte die Zähne zusammenbeißen, aufstehen, ich könnte mein Telefon suchen, das würde mir sagen, welcher Tag heute ist. Die Zähne, wahrscheinlich würde mir der Schmerz in den Kopf fahren, dieser Schmerz, der leise unter der Schädeldecke wimmert, würde explodieren, sobald ich mich aufrichte. Nichts, was nicht auszuhalten wäre. Mir würde etwas schwindelig werden, aber dann wüsste ich Datum und Uhrzeit. Was, wenn ich tagelang hier gelegen habe? Wenn Yvonne längst da sein müsste? Das würde ja heißen. Was würde das heißen?

Am Anfang sind die Arme immer etwas schwer, ein Ziepen in den Muskeln, das hält ein, zwei Bahnen an, ein Zerren ist das, wie Blei. Aber das legt sich. Man muss nur die Zähne zusammenkneifen, die Arschbacken, beißen. In den Schmerz hineinschwimmen. Die schwarze Linie am Boden des Beckens hilft, immer weiter, ich ziehe mich an der Linie entlang, Zug um Zug, nicht nachdenken. Links rechts links, atmen. Irgendwann kommt Schwung in die Sache, wenn die Muskeln erst einmal warm sind, komme ich in Fahrt, mein Körper eine kleine Maschine, das Herz trommelt den Rhythmus. Was sagen Sie dazu, Frau Doktor? Der ist doch noch ganz gut in Schuss? Stromlinien, ich ziehe den Kopf ein, Rolle vorwärts, mit beiden Füßen stoße ich mich ab. Ich spüre die Kraft, die in meinen Beinen steckt. Ich strecke mich, gleite, meine Hände durchstoßen die Wasseroberfläche.

Wie die Fahnen im Wind flattern. An solche Dinge denke ich dann. Wenn sich die Bewegung verselbständigt, ich das Wasser durchpflüge. Die Kette schlägt gegen den Fahnenmast, klack klack klack, den ganzen Nachmittag lang. Diese Wohligkeit, wenn das Licht durch die Fensterfront fällt, dieses Nachmittagslicht, und ich an meinem Schreibtisch, meinem großen Schreibtisch, klack klack klack, die Fritzsche kommt rein, es klopft, und schon steht sie in meinem Büro, die Fritzsche steht vor meinem Schreibtisch: Darf ich Ihnen einen Kaffee bringen? All die Jahre nicht zum Du gelangt, das Angebot hätte von mir kommen müssen, ich habe nie das Bedürfnis verspürt, sie zu duzen. Früher habe ich nie an die Fritzsche gedacht, jetzt denke ich mitunter an sie, an irgendetwas, das sie gesagt hat. Plötzlich habe ich ihren Singsang im Ohr, ich schwimme meine Bahnen, und vor meinem inneren Auge taucht ihr Gesicht auf. Die Brillengläser, in denen man sich spiegelt. Die rosa Lippen gespitzt, der Bleistift, treue Seele, die Fritzsche. Völlig entgeistert war die: Aber was machen Sie denn hier? Jetzt kommen Sie doch rein, ich koch uns ’nen Kaffee. Nie zum Du gelangt. Und dann verzähle ich mich immer, war das jetzt die dritte oder die vierte, die siebte oder die achte Bahn, ich komme durcheinander. Geschummelt wird nicht, lieber eine Bahn zu viel als eine zu wenig, ich nehme immer die niedrigere Zahl, veranschlage immer drei statt vier, sieben statt acht, wenn ich nicht sicher bin. An diesen Punkt, an dem sich die Bewegung verselbständigt, gelangt man nicht ohne Disziplin. Ich schwimme, bei Wind und Wetter, bei mir gibt’s keine Ausreden.

Was spricht eigentlich gegen eine Badekappenpflicht? Ist mir egal, wie das aussieht, meiner Meinung nach sollten die alle. Ich schwimme, Maschinchen, und plötzlich dieses Gefühl an meiner Hand. Ganz zart. Ich schwimme, und plötzlich reißt’s mich aus der Bewegung. Wie Algen fühlt sich das an, wie Tentakel. Ich bin in ein Haar geschwommen. Mein Kopf schreckt aus dem Wasser, ich strample und versuche nicht durchzudrehen. Ein langes schwarzes Haar hat sich zwischen meinen Fingern verfangen, klebt zwischen Zeige- und Mittelfinger. Ich versuche es abzuschütteln. Ich strample, ich schüttele, aber das Haar geht nicht ab. Ich versuche, Ruhe zu bewahren, ruhig, Walter, das ist eklig, aber nicht weiter schlimm. Atmen. Das ist nur ein Haar. Ich ziehe die Hand durchs Wasser, das Haar soll weg, soll über den Beckenrand, soll in den Abfluss gluckern. Ich bleibe ruhig, ich bleibe einigermaßen ruhig und werde belohnt. Das Haar löst sich von meinen Fingern. Es treibt davon, in eine Richtung, ich strample, schwimme in die andere, ich wechsle die Bahn. Yvonne hätte gelacht, Ach Walter, sie weiß, wie ich bin. Auf den Köpfen von Frauen finde ich lange Haare gut, ganz generell mag ich lange Haare auf Frauenköpfen, aber im Waschbecken, in der Dusche, auf Kissen, da drehe ich durch. Man kann es auch übertreiben, findet Yvonne, aber sie achtet trotzdem darauf, Yvonne hat immer darauf geachtet, als das noch nötig war. Hat doch jeder seine Macken.

Das Haar reißt mich raus, auf den Schreck muss ich erst mal. Ich hänge am Beckenrand und trete Wasser. Ich lasse mir die Sonne auf die Nase scheinen, den Pelz, ich trainiere die Beine. Von dem Schreck muss ich mich erst mal erholen. Der Bademeister tritt aus seinem Kabuff, ich grüße, ich grüße den ja immer. Guten Morgen!, rufe ich. Keine Antwort, auch wie immer, der an mir vorbei, auf den Schuppen zu. Ein Kauz ist das. Ich grüße jeden Morgen, und der hinter seiner verspiegelten Sonnenbrille, hinter seiner Skilehrersonnenbrille: nicht mal ein Nicken. Ich kann mich nicht daran erinnern, den jemals ohne Sonnenbrille gesehen zu haben. Wird wohl so in meinem Alter sein, vielleicht etwas jünger. Was bringt den dazu, diesen Job zu machen? Den ganzen Tag sitzt er in seinem Kabuff, dreht hin und wieder eine Runde ums Becken, ermahnt ein paar tobende Jungs. Bestimmt hat der auch schon mal einen rausgefischt, aber trotzdem. Gibt nur einen Grund, warum einer solch einen Job macht, der braucht das Geld. Vielleicht hat er sich übernommen bei der Finanzierung des Hauses, oder er hat eine teure Ex. Wie ich da so am Beckenrand hänge, tut er mir leid. Irgendwann muss auch mal Schluss sein, irgendwann ist genug geschuftet. Armer Teufel. Grüßen könnte er trotzdem. Ich trete Wasser, gleich geht es weiter. Ich fange noch mal bei vier an zu zählen, denn die letzte Bahn, die habe ich ja abgebrochen, die zählt nicht. Ich schaue zum Planschbecken rüber. Eine Gruppe Frauen steht dort im Kreis, knietief, sie ziehen ihre Kinder durchs Wasser. An einer von ihnen gucke ich mich fest. Rosa Badeanzug, Pferdeschwanz. Genau solch einen Pferdeschwanz hatte Yvonne, früher. Wie der immer von links nach rechts, hinter ihrem Kopf, wenn sie die Straße entlangkam, mir entgegen. Ich hänge am Beckenrand, und in mir zieht sich etwas zusammen, immer zieht sich in mir etwas zusammen, wenn ich dran denke. Der Pferdeschwanz ist schuld. Ich war so verrückt nach dem Mädchen. Sie schien wie eigens für mich geschnitzt. Das zieht, wenn ich daran denke, selbst jetzt, in diesem Zustand, zieht das noch, wenn ich an diesen kleinen, kompakten Körper denke. Es zieht, und dann zieht es gleich nicht mehr, dann liegt Yvonnes Hand auf meiner Brust, Yvonnes Hand auf meiner Wange, sie sagt: Ist doch nicht schlimm. Wo das doch das Schlimmste ist. Sie streicht mir über das Gesicht und sagt: Mach da jetzt bitte kein Drama draus. So etwas passiert. Aber doch nicht mir, ich habe da nie Probleme gehabt. Und dass es ein Drama ist, ein Drama sein könnte, steht ja nun fest.

Yvonne wie für mich geschnitzt, was hätte ich denn tun sollen? Das ist so lange her. Hätte ich sagen sollen: Mein eigenes Glück ist mir jetzt wichtiger als alle Versprechen, als diese Familie, das Haus, der Garten, als unsere Nachbarn und Freunde, als unsere Pläne für die Zukunft. Mein Glück ist mir wichtiger als ihr beide, denn ihr beide, ihr seid nicht mein Glück, auch wenn ich das lange gedacht habe. Mein Glück zerrt in mir und reißt, das gibt keine Ruhe, das verstummt nicht, egal, wie lange ich warte, stillhalte, weitermache. Aber wer stellt sich hin, wer sagt das? Und stattdessen ging das über Wochen. Monate. Stattdessen musste Yvonne auf mich warten, bis Gisela. Sie hat die Entscheidung getroffen. Plötzlich durfte ich gehen, nach all dem Geschrei plötzlich Ruhe. Was habe ich erwartet, das war doch genau, was ich wollte, und als er dann vor mir saß, denn Nein, das wirst du ihm schön, das sagst du ihm selbst!, auf dem grünen Sofa, das wir im Jahr zuvor gekauft hatten, ein Ungetüm von einer Sofalandschaft und der Junge winzig darauf, Bub fuhr es mir durch den Kopf, so hat Mutter ihn immer genannt, Bub, mit kurzem U, das klingt nach Spinatwerbung, nach Rahmspinat, der so grün ist wie das Sofa, auf dem mein Bub sitzt, das klingt nach einem Tropfen Sahne, nach einer Träne. Habe ich tatsächlich geglaubt, er würde weinen? Keine Miene verzog er, der Junge hörte sich an, was ich ihm zu sagen hatte, und sein Blick, immer ein Funken von etwas, Spott, ein leichtes Senken der Lider mitten im Satz. Diese plüschigen Wimpern, von wem er die hat, wie gepinselt. Von vorne bohrte sich sein Blick in mich und von hinten der seiner Mutter, die im Türrahmen stand. Ich strich ihm über den Kopf, Du bist schon so groß, wollte ich sagen, Das ist nicht das Ende der Welt, doch heraus kam nur ein Summen, ein Hm, wie eine Frage, Hm? Der Junge nickte, und ich weiß nicht, was ich erwartet hatte. Tränen, ein Kind weint doch. Wenn der Vater die Familie verlässt, gibt es Tränen, sollte man meinen. Aber nicht Felix, der nickte nur: Okay.

Und ich habe so oft, ich weiß nicht, wie oft ich, wenn sich all diese Funken verdichten. Ein Kloß im Hals. Als wäre das alles nur Show. Als hätten wir nur so getan, all die Jahre. Weil man immer denkt, das muss so sein, man hat Vorstellungen, da muss dann der Vater mit dem Sohn. Wir sind zelten gegangen, dabei hat ihn das nicht interessiert, er hat es nur mir zu Gefallen getan. Nur mir zu Gefallen fährt er mit in die Waschstraße. Du gehst? Er stand vom Sofa auf, trat zu seiner Mutter. Als wäre die Show vorbei.

Der Paartherapeut, dieser Idiot. Ich bitte Sie, ich bin ein erwachsener Mann, ich werde jetzt nicht anfangen, ich werde Ihnen jetzt nicht vorheulen, wie schlimm meine Kindheit war. Meine Mutter hat alles getan, das war eine andere Zeit. Sie hat getan, was in ihrer Macht stand. Das ist eine Tatsache, aber Gisela neben mir zischt: Du versuchst es nicht mal. Dabei war ich ja da, ich bin doch hier, das ist ein Versuch, oder nicht?

Nein. Ein Mädchen ist Yvonne nicht mehr, mit vierzig kam der Pferdeschwanz ab, ihr vierzigster Geburtstag, auf der Terrasse, Rhododendron, Kurzhaarfrisur. Hübsch, ich habe mich nicht durchringen können, ihr zu sagen, dass sie hübsch aussieht. Als hätte mir jemand was weggenommen, etwas, das mir gehört, weg. Ein Gefühl wie beleidigt sein war das. Vielleicht habe ich da das erste Mal diesen Gesichtsausdruck an ihr gesehen, müde Augen, Ach Walter. Eben war noch alles möglich, und im nächsten Moment sieht sie mich an, mit diesen Augen, im nächsten Moment ist Yvonne Mitte vierzig und seufzt. Eben war sie noch eine von denen, hätte Yvonne noch eine von den Mittzwanzigerinnen im Planschbecken sein können, Mittdreißigerinnen, die kriegen ja heute immer später Kinder. Sie hätte knietief im Planschbecken stehen können, im rosa Badeanzug, mit ihren Freundinnen, den anderen späten Müttern. Yvonne noch mit Pferdeschwanz, der Gedanke ist schön, ist unnütz, Yvonne macht sich nichts draus. Ich hätte ihr, wenn sie das gewollt hätte, diese Erfahrung hätte ich ihr nicht verwehrt. Aber es war wirklich kein Thema, kein größter Wunsch. Yvonne tickt nicht, tickte. Wir sind doch glücklich, so wie wir sind, sagt sie immer, uns geht es doch gut. Aus der Entfernung hat die Frau im rosa Badeanzug wirklich Ähnlichkeit mit ihr, das Lachen. Wann hat Yvonne das letzte Mal so gelacht?

Sie hat es eilig, aus dem Haus und auf die Autobahn zu kommen, Berufsverkehr, sie muss die anderen noch abholen. Ihre Lippen berühren meine Wangen kaum, so eilig hat es Yvonne. Den Rock habe ich noch nie an ihr gesehen, der muss neu sein, und die Haare raspelkurz, wie das Fell eines Hundes, das fühlt sich zwar schön an, aber. Sie winkt nicht, ich stehe am Küchenfenster, Trottel, stehe da und sehe ihr nach, wie sie davonfährt, kein Blick zurück.

Das passiert mir in letzter Zeit öfter, dass ich so vor mich hin. Wenn ich dann wieder zu mir komme, sind Minuten vergangen, und ich habe einfach nur vor mich hingestarrt, habe an nichts gedacht und an alles, als würden sich meine Gedanken auf eine andere Umlaufbahn schießen, und dort ziehen sie dann Kreise, dort oben, irgendwo, im All. Wenn ich wieder zu mir komme: Wie lange habe ich? Stand mein Mund offen? Hat mich jemand gesehen?

Ich starre sie an, und in dem Moment, in dem ich merke, ich starre, runzelt sie auch schon die Stirn, zieht ihr Kind zum anderen Ende des Beckens. Alter Kerl am Beckenrand, plötzlich bin ich der Lustmolch. Dabei ist das doch. Alles Verwechslung. Ein Missverständnis. Yvonne wird das verstehen. Der Pferdeschwanz, ich kann das erklären. Alles nur wegen einer Frisur. Ihr hübsches, helles Gesicht verdunkelt sich, und ich denke, Fräulein bildet sich ganz schön was ein. Glaubt die, ich hätte noch nie. Ich habe zuhauf hübsche Mütter gesehen in meinem Leben. Normalerweise hänge ich auch gar nicht am Beckenrand, ich schwimme tausend Meter und gehe gleich wieder. Ich will mich gerade abstoßen, da sehe ich, wie sie ihr Kind überreicht, sie gibt ihr Kind einer der anderen Mütter und steigt aus dem Planschbecken, ein großer Schritt. Vielleicht muss sie zum Klo, denke ich, aber nein, sie geht an den Toiletten vorbei, sie kommt auf mich zu, erst jetzt sehe ich die Muckis, ganz schöne Waden. Die geht wie ein Kampfhund. Und auch ihr Nacken wird immer breiter, je näher sie kommt. Sie lächelt mich an, vielleicht habe ich gar nicht gestarrt, vielleicht war das ein Missverständnis, ein Missverständnis im Missverständnis, das löst sich doch auf, zwei mal minus gibt plus? Sie hat meinen Blick also verstanden als das, was er war. Unverfänglich, ganz und gar unverfänglich. Und während ich noch, minus und plus, tritt sie an den Beckenrand. Bevor ich ihr Lächeln erwidern kann, Frieden, streckt sie die Arme zu Pfeilen und springt. Hoppla. Fräulein gleitet lautlos ins Wasser. Da kann aber eine, Fräulein zieht durch, da spritzt nichts, die kann richtig gut schwimmen. Auch die Wende sitzt, die hat das bestimmt leistungsmäßig betrieben. Und wie ich ihr nachsehe, packt mich etwas, irgendwas packt mich, na warte. Den Fisch fange ich mir. Schon schieße ich durchs Wasser, einen Moment lang ist da nur das Brennen in meinen Muskeln, in meinem Brustkorb, sind da nur Blasen und ihr rosa Badeanzug. Ich sehe ihre Füße, wedelnd, völlig mühelos, ihre weißen Fußsohlen, Flossen. Ich gebe alles, ich beiße die Zähne, ich ziehe an ihr vorbei, an ihren Waden, dem rosa Rumpf, an ihrem Kopf, mit letzter Kraft ziehe ich durch, schließe die Augen –

Ja. So war das. An dieser Stelle der Erzählung wird Yvonne große Augen machen, denn sie weiß nicht, was kommt. Geschickt setze ich eine Pause, erhöhe die Spannung, Und dann, sage ich: Tut’s einen Schlag! Yvonne legt die Hand vor den Mund, Oh nein. Oh doch. Mit voller Wucht pralle ich gegen die Beckenwand. Mein Kopf. Das Nächste, was ich weiß, Guten Morgen!, ist das Gesicht des Bademeisters über mir. Sonnenbrille, Bartstoppeln, plötzlich kann der Kerl grüßen. Neben dem Bademeistergesicht taucht das Gesicht einer Frau auf. Die kenne ich doch irgendwoher. Die Haut zwischen den Brauen der Frau wirft Falten. Dackel. Kampfhund, ich erinnere mich. Die rosa Blondine. Der blonde Hai. Die Frau ist tropfnass. Nasser als tropfnass ist die Frau, es ist, als würde aus irgendeiner Stelle an ihrem Kopf Wasser hervorquellen, als wäre sie eine Figur in einem Brunnen, das Wasser rinnt nur so an ihr hinab. Ihre Lippen bewegen sich, Sind Sie sicher, dass er in Ordnung ist? Der Bademeister reißt den Mund auf, sein Gebiss, auf seiner Zunge Belag, Na klar!, ruft der Bademeister, Unkraut vergeht nicht! Die Frau umfasst mein Kinn, zwingt mich, sie anzusehen. Überdeutlich die roten Ränder um ihre Augen, die feine Schicht Creme auf ihrer Haut, von der das Wasser abperlt. Sind Sie in Ordnung?, sagt die Frau, und plötzlich rieche ich sie auch, Fräulein steht in einer Wolke aus Knoblauch und Chlor. Die Frau streckt mir die Hand entgegen, die Hand ist kalt, die Hand bleibt in meiner Hand liegen, auch als ich schon sitze. Gut, denke ich mir, gut. Tut Ihnen was weh?, fragt die Frau. Sollen wir nicht lieber einen Arzt rufen? Ich sehe mich um, ich bin umgeben von Sonnenliegen, knallgelben Sonnenliegen. Wie in der Eiswerbung. Nein, nein, ich schüttele den Kopf: Alles in Ordnung. Fräulein nickt, weicht zwei Schritte zurück, ihr Gesicht verliert an Schärfe. Der mitleidige Ausdruck verwischt, als sie sich umdreht. Der nasse Pferdeschwanz hängt schnurgerade von ihrem Kopf, tropft eine Spur dunkler Flecken hinter ihr her, sie watschelt davon, diese Waden!, auf eine Gruppe Frauen zu. Eine der Frauen reicht ihr ein Kind. Die Frauen sehen zu mir herüber, die mit dem nassen Pferdeschwanz sagt etwas, ich sehe, wie sich ihre Lippen bewegen. Eine andere Frau schüttelt den Kopf. Dann lächeln sie, alle gleichzeitig, nicken in meine Richtung. Das Kind auf dem Arm der nassen Frau winkt. Die verarschen mich doch, die denken, der alte Molch, das hat er davon. Als ich mich abwende, dreht sich kurz alles, als würde ich mich in mich hineindrehen, wie eine Schnecke, Spirale. Ich gerate in einen Strudel aus Blicken und Lächeln und Blasen, ich wanke und fange mich gleich wieder.

Ich stehe felsenfest.