Sternschnuppen - Gudmund Vindland - ebook

Sternschnuppen ebook

Gudmund Vindland

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Opis

Ein regenbogenfarbenes Kultbuch! Endlich glitzern die "Sternschnuppen", die lange vergriffen waren, wieder am Buchhimmel. Der Folgeroman von Vindlands Bestseller "Der Irrläufer" verspricht, dank neu bearbeiteter Übersetzung, eine ganz frische, umwerfend komische und senhsuchtsvolle Lektüre. "Sternschnuppen" beschreibt die schillernden 70er und 80er Jahre in Norwegens Schwulenszene, in der sich der junge Yngve Vilde selbsbewußt und erlebnishungrig bewegt. Zwischen Marx und Kokainpartys, Familienidylle und Sexorgien, Aids und Liebe sucht Vindlands sympatischer Held seinen Platz im Leben. Hin- und hergerissen zwischen seiner Sehnsucht nach inniger Zweisamkeit und seiner unwiderstehlichen Lust an allem, was die Sinne erfreut, sucht er seinen Weg. Seine große Liebe heißt Øystein. Mit dem Sproß einer Industriellenfamilie lebt Yngve in einer bunten Land-WG, in der sowohl marxistisch-leninistischen Ideen als auch Alkohol, Nacktbaden und klassischer Musik gefrönt werden. Yngve und Øystein geben sich zwar ein Eheversprechen, doch als Øystein nach einem Besuch bei seinem strengen Großvater zu Yngve zurückkehrt, ist nichts mehr wie früher. Obendrein veröffentlicht die Kommunistische Partei ihren skandalösen Kommentar zur Homosexualität, so daß sich der überzeugte Marxist Øystein gänzlich von Yngve lossagt. Die Kommune zerbricht, und Yngve zieht nach Oslo, wo er in die Schwulenszene und ein Leben im Alkohol- und Drogenrausch eintaucht. Dann verliebt er sich aufs neue und verbringt himmlische Tage mit dem jungen Truls, bis er von dessen Mutter das wahre Alter des Jungen erfährt. Yngve flieht abermals und sammelt Frust und Kilos an. - Bis eines Tages Øystein wieder vor seiner Tür steht. Nach all den Enttäuschungen scheint Yngve nun doch noch sein Happy-End zu bekommen. Doch in dem Moment zeichnet sich eine neue, ungeheure Bedrohung ab. REZENSIONEN "Frisch, larmoyant und bissig: gespickt mit umwerfend komischen Episoden." - First "Ein sehr trauriger, irre lustiger, aufrichtiger Roman." - Neue Zeit

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Gudmund Vindland

Sternschnuppen

Roman

Aus dem Norwegischenvon Gabriele Haefs

 

Lindhardt & Ringhof

Gudmund Vindland, Jahrgang 1949, ist in Oslo aufgewachsen und lebt dort als freier Journalist und Autor. Als 1979 sein erster Roman »Der Irrläufer« (AtV 1819) in Norwegen erschien, sorgte er für großes Aufsehen und wurde zum Bestseller. 1989 kam der Roman »Stjerneskudd« (dt.: »Sternschnuppen«) heraus.

Voller Witz und Selbstironie, voller Leidenschaft und Furor erzählt der junge Yngve Vilde vom schwulen Leben im Norwegen der 70er und 80er Jahre. Hin- und hergerissen zwischen seiner Sehnsucht nach inniger Zweisamkeit und seiner unwiderstehlichen Lust an allem, was die Sinne erfreut, sucht er seinen Weg. Seine große Liebe heißt Øystein. Mit dem Sproß einer Industriellenfamilie lebt Yngve in einer bunten Land-WG, in der sowohl marxistisch-leninistischen Ideen als auch Alkohol, Nacktbaden und klassischer Musik gefrönt werden. Yngve und Øystein geben sich zwar ein Eheversprechen, doch als Øystein nach einem Besuch bei seinem dominanten Großvater zu Yngve zurückkehrt, ist nichts mehr wie früher. Obendrein veröffentlicht die Maoistische Partei ihren skandalösen Kommentar zur Homosexualität, so daß sich der überzeugte Marxist Øystein gänzlich von Yngve lossagt. Die Kommune zerbricht, und Yngve zieht nach Oslo, wo er in die Schwulenszene und ein Leben im Alkohol- und Drogenrausch eintaucht. Dann verliebt er sich aufs neue und verbringt himmlische Tage mit dem jungen Truls, bis er von dessen Mutter das wahre Alter des Jungen erfährt. Yngve flieht abermals und sammelt Frust und Kilos an. – Bis eines Tages Øystein wieder vor seiner Tür steht. Nach all den Enttäuschungen scheint Yngve nun doch noch sein Happy-End zu bekommen. Doch in dem Moment zeichnet sich eine neue, ungeheure Bedrohung ab ...

Mit Dank an Eli Håvard, Ivar, Øyvindund alle anderen in der Stiftung Stjärnsund

Für meinen geliebten Arneund alle anderen Positiven

Die Feuertaufe

Es war bereits hell. Das merkte ich, ohne die Augen zu öffnen. Dann fiel mir ein, wo ich war und warum, und ich kniff sie hart wieder zusammen, um die unbarmherzige Wirklichkeit so lange wie möglich auszuschließen. Aber die Angst kam von innen. Sie war immer da, wie ein Dorn in meiner Seele, um mich daran zu erinnern, wer ich war; ich konnte niemals ein anderer werden als Yngve Vilde, vierundzwanzig Jahre, Korrekturleser bei der Prawda, erst vor vier Monaten aus Norwegens meistgepriesenem Irrenhaus entlassen – eine Tatsache, die mich dazu brachte, mich hinter meinen zusammengekniffenen Augenlidern nur noch mehr zusammenzukrümmen. Seit Wochen fürchtete ich mich schon vor dem Licht und vor dem Tag da draußen. Es war der Morgen des ersten Mai, und ich würde zum ersten Mal an dem Platz, an den ich gehörte, an einer kommunistischen Demonstration teilnehmen – im Rosa Block. Ich streckte den Arm aus und tastete nach dem einzigen festen Haltepunkt, den es in meinem Dasein gab – nach meinem Liebsten –, und doch, er war da. Øystein Einhorn lag neben mir und schlief den Schlaf der Unschuldigen; er, der mich mit Lockungen und Drohungen dazu gebracht hatte, mich an diesem übermenschlichen Projekt zu beteiligen.

Ich hatte tierische Angst. Ich hatte Menschenmengen und Massenveranstaltungen noch nie ertragen können. Das einzige, womit ich mich zur Not abfinden konnte, waren die Schlangen im staatlichen Alkoholladen. Meine größte Leistung in dieser Hinsicht war eine Demo gegen EG und Inflation im Jahre 1972 – und dabei hatte ich einen Mann mit einem großen Löwenherzen kennengelernt –, aber das war anders gewesen. Erstens war mehr als die Hälfte der Bevölkerung derselben Ansicht wie ich. Zum anderen war es vor meinem totalen Zusammenbruch und der darauf folgenden Genesung. Diesmal aber sollte ich an der kommunistischen Maidemo teilnehmen, die höchstens zehn Prozent des Volkes mit Wohlwollen betrachtet. Außerdem sollte ich öffentlich als Schwuler auftreten – und ich war immer noch äußerst skeptisch denen gegenüber, die behaupteten, daß sich die allgemeinen Ansichten radikal zum Besseren änderten. Ich war davon überzeugt, daß sich die wachsende Toleranz auf die Theorie beschränkte. Ich war sicher, daß es gefährlich war, die Leute dadurch zu provozieren, daß wir ganz offen durch die Straßen der Hauptstadt trampelten. Deshalb hatte ich eine Scheißangst davor, unter wehenden und stolzen homopolitischen Fahnen zu marschieren. Aber es half kein Zappeln und kein Schrei’n. Øystein wollte, daß ich dabei war, und da hatte ich im Grunde keine Wahl.

Ich hatte an einigen Treffen des »Verbands von 1948«, der norwegischen Lesben- und Schwulenorganisiation, teilgenommen, der sich langsam zu einer starken Kampforganisation für homosexuelle Emanzipation entwickelt hatte, mit immer radikalerer Ausprägung. Natürlich gab es innerhalb des Verbandes starke Gegensätze. Zu ihm gehörten schließlich Mitglieder aller politischen Schattierungen – von Rechten bis zu Marxisten-Leninisten –, unsere sexuelle Orientierung war unsere einzige Gemeinsamkeit. Aber bisher hatten wir uns auf eine gemeinsame Linie einigen köönnen, die einzige Ausnahme bildeten die Anarchos. Die waren im allerhöchsten Grad mit dem Ausbrechen beschäftigt.

Durch Øystein war ich mit der ML-Fraktion des Verbandes bekannt geworden, die aus etwa zwanzig engagierten Knaben und wenigen Mädels bestand. Sie waren eine sympathische und anregende Gesellschaft, mit der ich mich immer stärker verbunden fühlte, aber ich war doch noch nicht bereit, in die Partei einzutreten und ein vollwertiger Teil der Bruderschaft zu werden. Daß Øystein Mitglied war, war für mich nicht automatisch ein Grund. Ich hatte mich bisher zu einem Dasein als Zaungast entschlossen – aber heute fühlte ich mich gezwungen, vom Zaun herunterzuspringen und an der Demo teilzunehmen. Ich biß die Zähne zusammen, öffnete die Augen und ging unter die Dusche.

Wir trafen uns zum Frühstück im Schwulencafé, und ich war so nervös, daß ich am ganzen Körper zitterte – und natürlich war ich stocknüchtern. Die Alkoholpolitik in unserer WG war äußerst gemäßigt, und ich hatte seit über einem halben Jahr schon keine beruhigenden Pillen mehr geknabbert. Deshalb fühlte ich mich vollkommen ausgeglichen und hatte Stacheldrahtnerven entwickelt.

Zu meiner großen Überraschung wurde zum Frühstück Bier serviert, und einen Moment lang spielte ich mit dem Gedanken an eine leichte Notlösung, nämlich, ein bis drei Halbe zu kippen. Aber da griff Über-Yngve ein und bestellte Kaffee. Mein frischrestauriertes Über-Ich ließ sich nicht zu einer Mäßigung seiner strengen Forderungen manipulieren: Wenn ich schon zu einer Demo ging, dann wollte ich das auch mit klarem Kopf erleben und nicht in tranigem Bierrausch herumwuseln. Basta! Leider machte mich der viele Kaffee durchaus nicht weniger nervös, aber zum Ausgleich törnte mich die starke Stimmung beim Frühstück total an. Wir waren mehr als sechzig Schwule und Lesben, die in die Welt ziehen und den Leuten klarmachen wollten, daß wir stolz darauf waren! Wir sangen Kampflieder und hielten Appelle und fühlten uns phantastisch, ehe wir uns zum Grønland-Platz begaben, wo die Demo anfangen sollte. Was danach passierte, registrierte ich mit glasklaren Sinnen, auch wenn ich mich nicht gerade bodennah fühlte.

Überall waren überwältigend viele Leute. In Brugata und Grønlandsleiret wimmelte es von Menschen, und der riesige Grønland-Platz war fast voll. Was mir als erstes auffiel, waren die vielen Trachten. Jede dritte Frau schien in Tracht zu gehen, und das ergab für mich keinen Sinn. Ich war zu einer radikalen Arbeiterdemonstration gekommen – nicht zu einem Spielmannstreffen. Ich konnte nicht fassen, daß es so viele radikale Bauerntöchter geben sollte. Erst vor einem Jahr hatte ich persönlich in der Prawda einige Artikel Korrektur gelesen, die sich mit der bizarren Tatsache befaßten, daß sich der Norwegische Bäuerinnenverband mit großer Mehrheit dagegen ausgesprochen hatte, unser königliches Reichserbhofgesetz auch auf Frauen auszudehnen. Jetzt kapierte ich den Zusammenhang überhaupt nicht mehr. Bis wir unsere munteren Mitbewohnerinnen trafen, Ragnhild und Inga, die ebenfalls in Tracht waren. Alle beide. Ragnhild war per Definition nach dem neuen Gesetz Anerbin, ihre Hedmarkstracht war also in Ordnung. Aber was war mit Inga? Sie war doch trotz allem auf Holmenkollåsen aufgewachsen. Unterstützt von ihrer energischen Körpersprache, die ihren Silberschmuck lustig klingeln ließ, klärte sie dieses Mysterium auf:

»Du brauchst doch keine Bäuerin zu sein, um eine Tracht zu haben, oder? Alle in meiner Familie haben eine. Ich glaube, auch alle Frauen in meiner Klasse. Das ist einfach so«, sagte Inga Lunde.

Ich traute mich nicht, sie zu fragen, was genau sie mit »Klasse« gemeint hatte, aber mir ging auf, daß die meisten Frauen aus dem guten Bürgertum ihre fleckenlosen Nationaltrachten trugen. Und warum nicht? Sie brachten jedenfalls Farbe in die Menschenmenge, aber ansonsten wirkten sie ein wenig eingeschnürt und schienen in der brennenden Sonne zu schwitzen, die Armen. Und sie waren nicht die einzigen. Bei näherem Hinsehen zeigte es sich, daß ein großer Prozentsatz der demonstrierenden jungen Männer in Anzug und Schlips angetreten war. Das begriff ich einfach nicht, nahm es aber ohne weiteres Nachdenken hin, auf dieser Welt ist eben kein Ding unmöglich.

An jenem Vormittag des ersten Mai war die Folklore auf Grønland mächtig vertreten. Mit Blaskapellen und Rockbands auf Lastwagen und starken Appellen aus unzähligen Megaphonen. Und jeder Zehnte der sechstausend Anwesenden verkaufte irgendein radikales Pamphlet; man brauchte einen Rucksack, um eine kleine Auswahl davon mit nach Hause nehmen zu können. Ich beschränkte mich darauf, einen Anstecker mit wehenden roten Fahnen zu kaufen, der auf meinem bescheidenen Jackenrevers, Marke Levi’s Cord, wunderhübsch aufleuchtete. Weiter mochte ich einfach nicht gehen. Ich weigerte mich kategorisch, mir irgendein Schwulenabzeichen anzupappen. Zum Ausgleich klammerte ich mich an Øystein, der Plaketten genug für uns beide hatte. Es war einfach notwendig für mich, körperlichen Kontakt zu ihm zu haben. Ich wußte, daß ich zerreißen würde, wenn ich in dieser lärmenden Menschenmenge auch nur eine einzige Sekunde auf eigenen Füßen stehen müßte.

Der Rosa Block war ungefähr in der Mitte der Demo angesiedelt, und bald wickelten die Enthusiasten Transparente mit stolzen Losungen auseinander:

Keine Unterdrückung von Homosexuellen mehr!Homosexuelle Frauen und Männer – gemeinsam sind wir stark!Schluss mit der gesetzlichen Diskriminierung von Homosexuellen!

Inzwischen sammelten sich an die hundert kampfesbereite Menschen unter diesen Fahnen. Wir standen in Sechserreihen, bewegt und entschlossen, und warteten auf den Abmarsch, als eine heulende Stimme allen anderen Lärm übertönte und mit gewaltiger Kraft mein inneres Ohr erreichte: »Tutta, Tuttaaa! Maaaine Güte, demonstrierste auch? So was habe ich ja noch nie gesehen! Vom Irrenhaus zur Demo! Halten deine Nerven das denn aus?«

Das war Terje, das hörte ich an seiner Stimme, aber ich konnte diese Stimme nicht mit dem Wesen in Verbindung bringen, das sie von sich gab. Vor mir stand nämlich eine Art Sennerin mit zwei langen blonden Zöpfen und rotweißblauen Schleifen. Sie war ganz schön üppig – oder, genauer gesagt, ausgestopft – und trug die fescheste Tracht, die ich an diesem Vormittag entdeckt hatte. Aber anstelle von Silber und Gold hatte die Dame sich haufenweise Plaketten und Anstecker mit den allerfrappierendsten Botschaften an den Busen geheftet, von »Kein Ausverkauf Norwegens!« bis zu »Legalize Erdbeereis!«. Ihr ganzer üppiger Busen sah aus wie eine Generalissimo-Uniform, was von zwei roten Wangen und einem schwarzgefärbten Vorderzahn noch betont wurde.

Diese freudige Überraschung mußte mir eine Art Schock verpaßt haben, ich brachte kein Wort heraus. Einerseits wäre ich ihm gerne um den Hals gefallen und hätte ihn herzhaft betatscht, andererseits war mir mit aller wünschenswerten Deutlichkeit klar, daß das hier nicht zum Programm gehörte. Er war einfach knatschverrückt. Wir sollten im Kampf für unsere sonnenklaren demokratischen Rechte durch die Straßen marschieren, und da tauchte Terje, mein bester Freund unter allen Menschen, von nirgendwoher auf – und auf so irrwitzige Weise. Er würde alles ruinieren.

»Das hier ist Ernst«, sagte Øystein und legte mir energisch den Arm um die Schultern. »Das hier ist kein Karneval!«

»O doch, Schwesterchen, das hier ist der internationale Festtag der Arbeiterklasse, damit du’s weißt, und ich hab mich in meinen feinsten Zwirn gezwängt – genau wie alle anderen Mädels in dieser Gaunerbande! Außerdem steht im Programm, daß alle unter ihren eigenen Prämissen oder so teilnehmen können, und da war’s doch höchste Zeit, daß ich die Mottenkugeln aus diesem Prachtwams herausschüttele; das hab ich übrigens von meiner Großmutter aus Homotal geerbt.«

Terje lief mit Speed – daran konnte kein Zweifel mehr bestehen –, deshalb war er vööllig unaufhaltsam, wenn auch nicht total unwiderstehlich. Ich hatte ihn zuletzt im Januar gesehen, als er seinen Job bei der Straßenbahn hingeschmissen hatte, weil er mit einem Porschefahrer nach München gurken konnte, aber jetzt war er also vom Kontinent heimgekehrt, um den großen Tag im Land seiner Mütter zu begehen. Ich versuchte, mich zu konzentrieren, um etwas Nettes und Lehrreiches zu sagen, aber daraus wurde nichts. Terje Falkenauge war natürlich nicht allein.

Eine kreischende Volksmenge von mindestens zwölf Personen wälzte sich hinter ihm her – und sie wirkten eher wie zwölf Dutzend. Sie trugen die unmöglichsten Damenkostüme dieses Jahrtausends – Seide und Straußenfedern, Krinolinen und Häubchen –, und sie trugen ein riesengroßes Transparent mit einer goldenen Inschrift auf schockrosa Grund:

Schwule sehen aus wie alle anderen!

Ich kann fast mit Sicherheit sagen, daß mich diese Behauptung vor einem totalitären Angstanfall rettete. Schließlich war es komisch! Es war eine so grenzenlose Übertreibung, daß sie dem großen Ernst, der mich fast bis zum Asphalt hinuntergedrückt hatte, den Stachel brach. Ich trippte turmhoch bei der Erkenntnis, daß Humor unsere wichtigste Waffe im Kampf gegen die Große Mehrzahl und ihre festgewachsenen Vorurteile ist. Mir ging auf, daß die Angst der Gesellschaft wie Reif in der Sonne verdampfen wird, wenn wir sie dazu bringen können, mit uns zu lachen. Ich begriff, daß wir unsere Existenz mit Humor sichern müssen.

Im Jahre 1974 hatten das vor mir zwölf Menschen verstanden und gewagt, es zu zeigen. Ich wurde der dreizehnte, Scheiß drauf, in der Hinsicht bin ich wirklich nie abergläubisch gewesen. Leider kapierte das von den restlichen hundert damals niemand. Sie waren wütend. Sie hielten das für eine verdammte Scheißprovokation – und das war es natürlich auch. Ein Wirrwarr von streitenden, gestikulierenden Menschen sammelte sich um diesen durchgetunteten Zuwachs zu unserem Block –, und ich beschloß, mich und Øystein aus dem Wortwechsel weit herauszuhalten, mit der Androhung augenblicklicher Desertion, falls er mich losließe. Aber gleichzeitig mußte ich einfach losprusten, und deshalb wußte er nicht so recht, was er machen sollte. Zum Glück beschloß er, daß ich mich wohl am Rande der Hysterie befand – was ja schließlich zutraf – und daß es deshalb seine erste Pflicht war, in diesem ganzen Chaos auf mich aufzupassen. Der Konflikt ließ sich weder durch Vergleich noch durch Richterspruch lösen. Den suffragettischen Mili-Tanten wurde ein Platz in der Demo oder zumindest in unserem Block brüsk verweigert, und sie wurden mit Lärm und Geschrei vertrieben. Terje verschwand zusammen mit ihnen im Gewimmel, und das machte mich ziemlich unglücklich.

»Wir müssen doch Platz für alle haben, Øystein! Und ich fand sie witzig.«

»Ja schon, aber vergiß nicht, daß wir schließlich der Welt zeigen wollen, daß wir – ja, daß wir wie alle anderen sind. Diese idiotischen Anarchos untergraben ja den ganzen Sinn unserer Demo – und jetzt geht’s endlich los.«

Ich achtete auf alles, als wir uns in Bewegung setzten und ein Teil der meilenlangen Demo wurden, die in die Innenstadt marschierte. Øystein und ich gingen mitten im Block, und ich ließ seine Hand nicht los. Daß wir uns an den Händen hielten, war an sich schon eine Provokation, aber ich hatte noch mehr Angst davor, mit meiner eigenen Angst isoliert zu sein. Denn unter den Pflastersteinen rummelte die ganze Zeit eine gewaltige brüllende Finsternis, und ich hatte immer noch eine Sterbensangst davor, den Gullideckel in meinem eigenen Kopf hochzuheben.

Wir fingen an, Schlagworte zu rufen, laut und rhythmisch.

Homos – Heteros – Solidarität!Homos – Heteros – Solidarität!

Das half, fand ich. Zu hören und zu spüren, daß wir mehr als hundert starke Stimmen waren, die zum Chor wurden. Ich war nicht allein!

Als wir in die Storgata einbogen, erlebte ich etwas, was ich niemals vergessen werde, wovon ich nicht einmal in meinen positivsten Phantasien geträumt hatte. Denn dort drängten sich auf beiden Straßenseiten die Menschen, und ich dachte: Jetzt kommen die Hohnworte, jetzt kommt die Feuertaufe! – Aber sie fingen an zu klatschen! Applaus brach über uns herein. Eine riesige Menge lächelnder, froher Menschen stimmte mit uns ein, daß es durch die Stadt hallte:

Homos – Heteros – Solidarität!

Ich mußte glauben, daß das wirklich passierte, denn ich war ja dabei und erlebte alles mit jeder Faser meines Körpers und meiner Sinne – und das brachte mich total hoch! Mitreißende Schwingungen erfaßten uns. Ich spürte, daß die Zuschauer – Hunderte von Menschen – unseretwegen stolz waren. Und da war auch ich stolz. Sie gaben ihrer Bewunderung Ausdruck, weil sie uns mutig fanden. Und da ging mir mit einem Freudenschauer auf, daß wir das wirklich waren. Auch ich! Ich war nicht länger Yngve-Jammerlappen, der am liebsten unter einer warmen Decke hinter einer verschlossenen Tür in Embryostellung liegen wollte. Ich war dabei! Ich tat etwas. Auch wenn ich nicht auf den Barrikaden stand und mehr als mutig war, so sah ich doch endlich ein, daß es Sinn hatte, wenn ich meine irdische Hülle in einer demonstrierenden Menschenmenge unterbrachte. Denn zusammen manifestierten wir Willen. Und die Leute am Straßenrand, die uns so warmen Beifall spendeten, waren solidarisch mit uns. Es war ein überwältigendes Erlebnis. Es brachte mir eine große, warme Freude, die mir ihrerseits Stärke und Tatkraft gab. Wir wurden allesamt hochgezogen davon. Ich merkte, daß unser ganzer Block an Kraft und Mut wuchs – und auch an Anzahl, nicht zu vergessen. Die verbannten Suffragetten zeigten plötzlich, daß sie wirkliche Mili-Tanten waren; sie sprengten sich genau hinter unserem Block ihren Weg in die Demo, und nun versuchte niemand mehr, sie zu verjagen. Und so bekamen wir doch noch einen humoristischen Schwanz, der nur positiv wirkte, denn wir bestätigten ihre Behauptung: Schwule sehen aus wie alle anderen – und sind auch wie alle anderen.

Unser weiterer Weg durch Oslos Straßen erscheint in meiner Erinnerung als eine mit Schrecken vermischte Freude, denn wir ernteten nicht nur Applaus von den Zuschauern. Unten am Dom hatte sich eine ansehnliche Bande halb- und ganzvoller Individuen versammelt, die ich mit angeborenem Spürsinn als typische Arbeiterklasse kategorisierte, und von denen war nichts anderes zu hören als Schimpfworte und Drohungen. Aber wir waren viele und stark und übertönten sie rhythmisch:

Homos – Heteros – Solidarität!

Keiner von ihnen wagte einen physischen Angriff, und das war sicher nur zu ihrem Besten. Wir hätten sie garantiert zu Brei geschlagen.

Auch Karl Johan, die Osloer Prachtstraße, wimmelte nur so von Menschen, und wir ernteten positive und negative Reaktionen. Aber inzwischen waren wir so gut zusammengeschweißt, daß wir über jegliche idiotische Kleinlichkeit erhaben waren und nur das Gute aufnahmen. Und als wir vor das Haus der Konservativen Partei kamen, wo der verzärtelte Seidenpöbel stand und in Nazigrüßen und Schmährufen schwelgte, brüllten wir sie einfach in Grund und Boden:

Homos – Heteros – Solidarität!

Und plötzlich fand ich mich auf dem Friedhof-Nonsens-Plass beim Rathaus wieder und begriff, daß ich es geschafft hatte. Ich hatte am Langen Marsch durch Oslos Straßen teilgenommen. Zum ersten Mal in der Geschichte hatten wir uns öffentlich als norwegische Lesben und Schwule gezeigt, und es war gutgegangen! Wir waren weder angegriffen noch mißhandelt worden. Sie hatten uns zugejubelt! Und dadurch waren wir allesamt gewachsen. Wir lachten und umarmten uns in einem herrlichen Durcheinander – und dann wurde getanzt. Bis zum hellen Morgen!

Erster Teil

Der Rosengarten

Die Jungen, Lebenden

Wir lagen am Rand des Sprungbrettes und wippten gemütlich auf und ab, mein Øystein und ich. Wir lagen dicht beieinander – nackt – und umarmten uns träge. Øystein lag auf dem Rücken und ich auf seinem rechten Arm. Er war unter der brennenden Sonne eingenickt. Ich lag neben ihm auf dem Bauch und drückte meinen Mund an seinen Oberarm, während ich meine Hand in dem schönen Haarstreifen auf seiner Brust spielen und dann bis nach unten weiterwandern ließ. Ihn anzusehen war ebenso schön wie ihn anzufassen, so, wie er im scharfen Sonnenlicht reflektiert wurde. Kleine Schweißperlen glitzerten in seinen kräftigen Bartstoppeln, und seine glatten, halblangen Haare hatten einen deutlichen blauen Schimmer. Hinter seinen Augenlidern waren auch die Augen tiefblau – wie der Himmel in der Dämmerung. Ich beugte mich vor und küßte ihn leicht auf die Nase, wobei mich seine kräftige Augenbraue an der Wange kitzelte. Ach, das Leben war herrlich.

Ich ließ meinen Blick über den glitzernden Oslofjord wandern, wo ein großes Kreuzfahrtschiff gerade den Leuchtturm zwischen Nesodden und Snarøya passierte. Viele kleine Boote waren schon unterwegs, und drüben vor Asker schien eine Regatta zu laufen, so viele Segel waren dort versammelt.

Ich war fröhlich und fühlte mich ziemlich sicher – aber doch nicht ganz. Meine ewige Angst lauerte immer noch im Hintergrund – und konnte mich in der alleralltäglichsten Situation plötzlich überwältigen. Aber inzwischen konnte ich mit meinen selbstzentrierten, selbstherrlichen Neurosen besser umgehen, weil ich endlich natürliche Hilfe dabei gefunden hatte, beängstigende Situationen zu analysieren und darüber zu sprechen. So lernte ich langsam, Kritik zu üben oder einzustecken, ohne Angst zu haben oder wütend zu werden. Die drei anderen in unserer WG neben Øystein hatten es fast als selbstverständlich hingenommen, daß ich Nervenprobleme hatte – wer hat die schließlich nicht? Kyrre und Inga und Ragnhild hatten ein handfestes und praktisches Verhältnis zu solchen Phänomenen, aber schließlich hatten sie ja auch die Universallösung zur Hand, Lenins – oder vielleicht Maos? – unsterbliche Worte: Es gibt keine Probleme, es gibt nur Aufgaben. Basta.

Dieses geflügelte Wort hatte mich wirklich weit in die richtige Richtung geführt. Jetzt wohnte ich schon fast ein halbes Jahr auf Nesodden, und ich mußte lächeln, wenn ich an den zitternden Geleeklumpen dachte, der zu Heiligabend hier angetrottet gekommen war. Schon bald danach hatte ich etwas Wesentliches über mein Leiden begriffen: Es ist gesund, sich vor Gewalt zu fürchten. Erst wenn diese Furcht zur chronischen Angst wird, entwickelt sich ein natürlicher Überlebensinstinkt zur Krankheit. Aber diese Erkenntnis in die Praxis umzusetzen, war nicht leicht. Vom Rat bis zur Tat ist es ein weiter Schritt. Deshalb hatte Øystein mich vor einem Monat vor die schwierigste Aufgabe meines Lebens gestellt, als er mich zur siegreichen Maidemo mitgeschleift hatte.

Nach dieser Feuertaufe konnte ich mich als gleichwertiges Mitglied der WG betrachten, und ich hatte jetzt das Gefühl, ebensoviel Einfluß zu haben wie die anderen – mit Ausnahme von Kyrre natürlich. Er war der eigentliche Anführer in unserer Gemeinschaft, auch wenn das niemand offen zugegeben hätte. Es hatte sich einfach in dem Jahr, in dem sie nun schon zusammenwohnten, so ergeben, ehe Øystein mich mit ins Bild gemalt hatte. Kyrre war nämlich Kader in der Arbeiterkommunistenpartei (marxistisch-leninistisch). Das war natürlich streng geheim, aber wir anderen wußten es ja und akzeptierten seine Führungsrolle ohne größere Einwände. Vielleicht kam es daher, daß er ein so tüchtiger Anführer war. Es war natürlich für ihn, ohne daß er dominierend gewirkt hätte. Er erteilte niemals Befehle. Statt dessen argumentierte er sich auf Grundlage des Dialektischen Materialismus an eine Lösung heran. Worin diese politische Philosophie eigentlich bestand, war mir immer noch ziemlich unklar, aber mein Unwissen machte mir keine großen Probleme. Für mich war Kommunismus synonym mit Progressivität – und da ich sehr progressiv war, mußte ich einfach Kommunist sein. So leicht war das – vor allem, wenn Kyrre eine logische Argumentationskette brachte, die interessant und leicht faßlich zugleich war. Ich hatte schon längst beschlossen, mich politisch zu bilden, war nur noch nicht recht in Gang gekommen.

Kyrre Eliassen kam aus Westnorwegen, wo er in einem typisch kleinbürgerlichen Milieu aufgewachsen war, wie er selber mit einem Schnauben erklärte. Nach dem Abitur hatte er aus politischen Gründen mit seinem Vaterhaus gebrochen, und jetzt studierte er in Oslo Soziologie – wozu sein aufreibendes Engagement in der Rot-Front-Leitung im nicht mehr so ehrwürdigen Studentenausschuß dazukam. Er war also ein vielbeschäftigter junger Mann. Er war drei Jahre jünger als ich, und das verwunderte mich oft, denn er hatte eine Selbstsicherheit und eine Autorität, die ich nur bewundern konnte. Hübsch war er auch – und ungewöhnlich charmant. Wir anderen waren insgeheim alle höchst angetan von Kyrre. Nicht nur die Frauen, sondern auch Øystein und ich – obwohl wir eine sehr schöne Beziehung hatten. Ich versuchte, Kyrre als eine Art großen Bruder zu betrachten, aber gleich unter der Oberfläche waren meine Gefühle entschieden inzestuös. Nicht nur, weil er so liebevoll war. Er sah andere mit einem warmen, offenen Lächeln an. Er faßte andere genauso natürlich an, wie das in südlichen Ländern der Fall ist, und das brachte alle in seiner Umgebung dazu, sich zu entspannen und eingefrorene Muskeln und norwegische Hemmungen freizuschütteln. Auf diese Weise waren wir eine äußerst handgreifliche WG. Alle verteilten großzügig Umarmungen und Wangenküsse, aber wenn Kyrre mich fest und lange mit dem jungenhaften Funkeln in den Augen umarmte, konnte ich oft kaum noch Atem holen. Das war ihm durchaus klar – und dann lachte er sein munteres Lachen. Er wollte nicht flirten – ein Wort, das übrigens vor allem in seinem politischen Vokabular auftrat, wenn von Koalitionsversuchen der anderen Parteien die Rede war. Er war einfach so offen, impulsiv und körperlich. Und wenn ich erwähne, daß er noch dazu ziemlich viel mit Christopher Reeve gemeinsam hatte – wenn der nicht gerade im Film Superman spielt –, dann verstehen sicher alle, daß er der natürliche Mittelpunkt unserer WG war. Er war wirklich ein seltenes Prachtexemplar, und das sage ich ohne Sarkasmus. Kyrre hatte eine warme, starke Ausstrahlung, die ich bei keinem anderen führenden Marxisten-Leninisten je erlebt habe. Wenn diese Darstellung zu einseitig erscheint, dann kann ich beruhigend hinzufügen, daß es durchaus viele Schattierungen in Kyrre Eliassens Strahlenglanz gab. Eine davon gab ein Riesenplakat mit dem Porträt Josef Stalins an der Wand seines Arbeitszimmers wieder. Als ich es zum ersten Mal sah, blieb ich stehen und wunderte mich ein Weilchen. Ich hatte nämlich »1984« gelesen, und deshalb wußte ich, daß dieses Porträt George Orwell zufolge in zehn Jahren jede Fassade in Oceania zieren würde – mit der fesselnden Unterschrift: »Big Brother is watching you!« Aber nachdem Kyrre uns zu der Erkenntnis argumentiert hatte, daß Orwell ein »Renegat übelster Sorte« war, der zum »gehorsamen Lakai der Teile-und-Herrsche-Ideologie des Monopolkapitals« geworden war und »dessen Bücher auf den Schuttplatz der Geschichte gehörten« – ja, danach machte ich mir keine Sorgen mehr wegen dieses Plakates. Denn Stalin hatte schließlich die junge, heroische Sowjetunion zum vollständigen Sieg über Hitler und den Nationalsozialismus geführt. Doch, Stalin war mir durchaus recht – vorerst jedenfalls. Auch das gehörte zu Kyrre, auch wenn er ein beinharter Politiker war.

Ich lag auf dem Sprungbrett und lächelte vor mich hin. Es war ein so gutes Gefühl, endlich ein Teil des großen Ganzen zu sein, mit der Sicherheit und den Herausforderungen, die das mit sich brachte. Vorläufig konnte ich mit den Herausforderungen gut fertig werden, auch wenn ich mich weigerte, auf der Straße zu stehen und die Parteizeitung zu verkaufen. Dazu hatte ich einfach keine Nerven, und die anderen akzeptierten das ohne saure Gesichter oder irgendwelche Ermahnungen. Sie gingen wohl davon aus, daß ich mich in Zukunft stärker engagieren würde. Aber heute hatten sich alle freigenommen, abgesehen von Kyrre, der wie immer in Oslo bei einer Besprechung war. Es war ein Samstagvormittag Anfang Juni, und es war der erste wolkenlose Sommertag, den wir unten an unserem Strand genießen konnten.

Ich blickte zu Ragnhild und Inga hinüber, die sich weiter hinten auf dem Steg sonnten, ebenso nackt wie Øystein und ich, aber natürlich nicht so eng umschlungen. Inga lebte mit Kyrre in einer Beziehung, die ausgesprochen in Ordnung wirkte. Sie teilten Bett und politisches Engagement, und letzteres war das erklärt Wichtigere. Nicht zuletzt von Inga aus, auch wenn es ihr schwerfiel, ein politisch aktives Dasein praktisch durchzuführen. Sie war auf dem richtigen Hügel geboren und aufgewachsen, und deshalb hatte sie Komplexe. Von unserem Haus aus konnten wir das Haus ihrer Eltern direkt unter Holmenkollen sehen – was manchmal zu heftigen Ausbrüchen führte.

»Der Teufel soll sie holen!« konnte sie dann rufen. »Verdammte Blutsauger!«

Inga Lunde litt unter dem harten Schicksal, aus dem allerbesten Bürgertum zu stammen, die Arme – vor allem, nachdem sie beschlossen hatte, im Kampf für die Diktatur des Proletariats fast ganz unten zu leben. Auch sie hatte nach dem Abi mit ihren Eltern gebrochen, wenn auch erst, nachdem sie ein Jahr in Amerika verbracht hatte. Die USA Nixons und des Vietnamkrieges hatten sie zur glühenden Antiimperialistin gemacht, und deshalb hatte ihr Weg sie nach ihrer Heimkehr zur AKP geführt, wo sie nun mit aller Kraft – und sie hatte viel – versuchte, sich zurechtzufinden. Sie war sehr blond und norwegisch und hatte eine hübsche Stupsnase in einem runden, munteren Gesicht. Ingas offenkundige Schwäche war, daß sie versuchte, die ihr innewohnenden Widersprüche in einem Sturzsee von Aktivitäten zu ertränken, die sie möglichst alle im selben Augenblick unternahm, vom Anlegen eines Küchengartens bis zum Häkeln doppelseitiger Wandbehänge. Und es ist kein Wunder, daß ein Mensch durcheinander gerät, wenn er gleichzeitig spült, Brotteig ansetzt, Gemüsesuppe kocht, das Rauchen aufgibt, Erdbeeren saubermacht, die Weltprobleme erörtert und außerdem noch in den unglaublichsten Schattierungen Stoff färbt.

Bei Inga kam es dann oft so weit, daß sich ihre gesunde Gesichtsfarbe unheilverkündend verdunkelte, bis sie aussah, als ob sie explodieren würde – und das geschah auch in der Sekunde, in der sie feststellte, daß sie die Übersicht verloren hatte. Dann schlug sie in wütenden Weinanfällen mit blinder Aggression sich selbst und nach allen Seiten. Der einzige, der dann mit ihr fertig wurde, war Kyrre, der mit verbalen Strafmaßnahmen wahre Wunder bewirken konnte.

»Na, hast du’s mal wieder geschafft? Was hast du diesmal alles auf einmal versucht? Was ist das für eine Schweinerei, die da qualmt? Das brennt! Und wieso ist unsere Bank grün und lila? Kannst du nicht endlich mal lernen, eins nach dem anderen zu tun?«

Und so weiter.

Nach einigen Minuten beruhigte sich Inga dann so weit, daß sie alles wieder in Ordnung bringen konnte.

Seltsamerweise stellten sich diese Anfälle nur ein, wenn Kyrre im Haus war. Es war natürlich praktisch, daß er zur Hand war, um die anfallenden Aufgaben zu lösen, aber mir ging bald auf, daß hier eine typische Wechselwirkung vorlag. Ich hielt es allerdings nicht für meine Aufgabe, eine Analyse zu erstellen, daß Inga durchdrehte, weil sie vor Kyrres abschätzendem Blick Angst hatte. Sollten sie das doch mit ihrem dialektischen Materialismus selber herausfinden! Außerdem hatte ich mich bereits einmal zuviel in ihre Privatangelegenheiten eingemischt.

Das begab sich an einem strahlenden Vormittag im Januar, nur zwei Wochen nach meinem Einzug. Ich hatte Nachtschicht bei der Prawda, und Inga und Kyrre mußten auch erst am Nachmittag nach Oslo. Ich saß allein im Eßzimmer und las die Parteizeitung, als ich plötzlich aus meinem mühsam erkämpften ausgeglichenen Gemütszustand herausgerissen wurde, weil in ihrem Schlafzimmer ein entsetzlicher Schrei ertönte. Ich erstarrte zu Eis und glaubte, in tausend Stücke zerrissen zu werden, als dem Schrei ein noch lauteres Brüllen folgte – und dann kam kurzes gutturales Stöhnen und Heulen. Da oben schien jemand in höchster Not um Hilfe zu schreien, und plötzlich ging mir auf, daß das Inga sein mußte. Aber was um Himmels willen war da oben los? Ob er sie schlug? Konnte Kyrre denn wirklich ein brutaler Chauvi sein, der seine Freundinnen verprügelte? Wieder ertönte da oben ein langgedehntes Brüllen – ganz bestimmt ein Todesröcheln, dachte ich –, und ich sprang auf und stüürzte die Treppe hinauf, wobei ich rief: »Inga? Ingaaa! Was macht er denn bloß mit dir?«

Drinnen wurde es einen Moment lang ganz still, dann brachen beide in ein gackerndes, verschwörerisches Lachen aus, das langsam zu immer lauterem Jauchzen wurde. Dann schien jemand an der Innenseite der Tür zu kratzen, die mit einem Krachen aufgerissen wurde und Inga sehen ließ, die unterwegs zum Bad auf den Treppenabsatz gekrabbelt kam. Und als sie mich erblickte, brachen ihr die Arme weg und sie blieb wie ein großer, hellroter Seehund da liegen und heulte vor Lachen, während Kyrre im Zimmer im Bett lag und stolz und munter herumbrüllte.

Und erst jetzt begriff ich, daß es Inga Lunde gekommen war. Sie hatte einen Orgasmus gehabt, so, wie es sich angehört hatte, bestimmt zum ersten Mal. Oder ob sie immer so ein Spektakel machte?

Ach, war mir das peinlich! Ich versuchte, eine Art Entschuldigung herauszustottern, aber nicht einmal das schaffte ich. Ich rannte einfach die Treppe hinunter und mußte erst einmal einen kleinen Spaziergang machen, ehe ich mich zurücktrauen und erklären konnte, daß ich noch nie einen so lauten Liebhaber gehabt hatte. Sie wollten jedoch nichts von Entschuldigungen hören, schließlich hatten sie selten etwas so Komisches erlebt wie meinen Gesichtsausdruck, als mir aufging, was da passiert war.

Und so hatte ich mit meiner Angst ein wenig Licht und Freude in den Alltag bringen können.

In diesem Moment sah ich jedoch, daß Inga hinten auf dem Steg zum Leben erwachte. Sie setzte sich mit einem Ruck auf und rief mit ihrem kräftigen Alt: »Oooooo, mir ist vielleicht heiß! Ich muß wohl eingenickt sein. He, Yngve, sind wir hier die einzigen Wachen? Kommst du mit ins Wasser?«

»Nein, das ist mir zu kalt.«

»Quatsch! Heute morgen hatten wir fünfzehn Grad – und jetzt sind es sicher siebzehn.«

»Ha! Wenn du noch drei Tage wartest, hast du vielleicht recht.«

»Du bist feige. Verpiß dich! Ich will springen.«

»Moment, Moment, wir müssen doch erst an Land – he!«

»Weg!«

Sie kam wie ein angreifendes Kamikazeflugzeug über den Steg gedonnert. Ich konnte gerade noch Øystein packen und uns platt auf den Boden drücken, ehe sie mitten auf dem Sprungbrett Anlauf nahm und über uns hinweg voll in den Fjord flog. Das Brett wackelte so sehr, daß wir um ein Haar denselben Weg genommen hätten. Aber ich konnte uns festhalten, und ich prustete los, als ich Øysteins Gesicht sah, der auf dem schwankenden Brett erwachte.

»Willkommen im Sommer. Das war die Eröffnung der Badesaison.«

»Himmel, hab ich mich erschrocken. Das war Inga, ja? Jetzt muß sie sich aber wirklich zusammenreißen. Stell dir vor, wir wären reingefallen – ich hätte jedenfalls einen Schock erlitten.«

»Du bist aber nicht reingefallen, mein Murmeltier. Ich wache, wenn du schläfst, und schütze dich vor jeder Gefahr.«

»Danke, aber ich glaube, ich ziehe festen Boden unter den Füßen vor. Von jetzt ab gibt’s für mich nur noch Beton.«

Er krabbelte rückwärts auf den Steg, und in diesem Moment rief Inga weit draußen in der Bucht: »Jetzt kommt schon, wir haben mindestens achtzehn Grad!«

»Genau wie in der Tiefkühltruhe!« rief Øystein zurück und setzte sich neben Ragnhild.

Sie lag lächelnd da und stützte den Kopf in die rechte Hand, sie hinterließ einen selten ästhetischen Sinneseindruck. Sie war brünett, und jedes Männermagazin hätte sicher tief ins Portemonnaie gegriffen, um sie als Titeldame zu bekommen. Aber nicht mit Ragnhild, nein! Statt dessen vergeudete sie ihre ganze vollendete Nacktheit an uns in der WG und an alle anderen Badegäste.

Ragnhild Farmandsen hatte das Aussehen ihrer Mutter und das Temperament ihres Vaters geerbt, und das machte ihr ernsthaft Sorgen. Ihre Mutter war vor vielen Jahren in die Nervenklinik gebracht worden und war nun als unheilbare Patientin abgeschrieben. Ihr Vater war Großbauer in Hedmarken, und er war es, der die Mutter zum Wahnsinn getrieben hatte. Er hatte schon eine Frau in einer kinderlosen Ehe verbraucht, und als er auf die Fünfzig zuging, hatte er sich noch einmal mit einer jungen Schönheit verheiratet, um es ein bißchen nett zu haben und um einen Erben zu bekommen. Einen Sohn natürlich. Als dann Ragnhild zur Welt gekommen war, war Hermann Farmandsen nicht gerade gnädig gewesen. Er machte sich energisch daran, diesen Fehler zu korrigieren, und bereits elf Monate später wurde der Anerbe geboren. Danach dauerte es zwei Jahre, bis der nächste Sohn erschien – es war immer gut, eine Reserve zu haben, wie Hermann sagte.

Er liebte und züchtigte Weib und Kind nach Art des Alten Testamentes, er war felsenfest von der Unfehlbarkeit des Strafenden Gottes überzeugt. Ragnhild brannte zu Hause durch, als ihre Mutter weggebracht wurde. Ragnhild war damals sechzehn und wohnte bei einer Tante in Oslo, während sie aufs Gymnasium ging. Jetzt war sie zweiundzwanzig und besuchte die Universität. Sie gehörte zu der Minderheit, die für ihre Fächer lernte und ihre Examen mit guten Noten bestand. Ansonsten war sie ebenso auf der Suche nach eigenem Wert und eigener Identität – politisch, sexuell und fachlich – wie ich. Wir standen beide auf der Schwelle zur ML-Bewegung. Ich war im Grunde von Øystein, meinem rettenden Engel, dort hingestellt worden, während Ragnhild in der turbulenten Uniszene selber ihren Weg gefunden hatte. Die Ideologie sprach sie in vieler, aber nicht in jeder Hinsicht an. Die Ideologie erklärte nämlich klar und deutlich, daß sie sich einen Mann zulegen müßte. Einen richtigen Kommunisten. Das Problem war nur, daß Ragnhild bereits diverse Kommunistenmänner kannte, ohne daß sie mehr waren als eben Genossen. Sie wollte nicht automatisch hinnehmen, daß Verliebtheit und Schwärmerei nur bürgerlicher, individualistischer Kitsch waren, und deshalb weigerte sie sich, mit dem Erstbesten in die Federn zu hüpfen, sie wollte etwas davon haben. Sie hatte es mehrmals versucht, und sie hatte sogar einen Orgasmus gehabt – schließlich war sie nicht frigide, ganz im Gegenteil, aber sie fand es einfach so schrecklich anstrengend. Ich verstand sie gut. Ich war in meiner verlorenen Jugend ja schließlich auch Bettgesell einiger äußerst aktiver Herren gewesen, ohne etwas davon zu haben, aber darüber redete ich nicht sehr oft mit meinen Mitbewohnern. Ich wollte kein mißverstandenes Mitleid auf mich lenken.

Im Gegensatz zu Ragnhild. Sie hatte ganz klare hypochondrische Züge, obwohl sie gesund und munter war – oder vielleicht gerade deshalb. Sie fürchtete sich vor allen möglichen Krankheiten, und sie äußerte immer wieder ihren Respekt vor den Japanern, die bei Erkältungen Mundbinden anlegen. Ansonsten machte ihr ihr Unterleib die allergrößten Sorgen, vor allem ihre Tage waren ekelhaft. Sie dauerten jeden Monat eine ganze Woche und nahmen ihr Kraft und Humor. Dann konnte sie für ihre nächste Umgebung eine Prüfung sein, aber niemand von uns machte ihr deshalb besondere Vorwürfe. Wir sahen ja, wie sehr sie leiden mußte, und ich sah einen ganz klaren Zusammenhang zwischen dieser Angst vor Krankheiten und dem Fehlen einer eigenen Identität. Sie war unsicher und auf der Suche, und damit wurde sie ängstlich. Sie hatte ihren Krankheitshaken gefunden, um sich daran aufzuhängen – genauso wie ich an meinem Haken mit dem Merkzettel »neurotische Angst vor Gewalt« hing. Millionen von Menschen zappeln an ihren selbstgewählten Haken und bleiben daran hängen, während sie in Wirklichkeit keinen Grund zur Angst haben. Und das ist eher tragisch als komisch.

Aber jetzt waren Sorgen und Kümmernisse ins Meer gejagt, wir genossen unseren ersten sonnigen Sommertag am Strand. Inga zog sich prustend auf den Steg und schüttelte sich ausgiebigst, damit wir alle begriffen, wie schön das Wasser war. Und es war wirklich schön. Plötzlich hatte auch ich Lust auf eine Runde Schwimmen und ließ mich, ohne nachzudenken, ins Wasser fallen. Øystein hatte recht, es waren wirklich achtzehn Grad minus. Aber als ich keuchend die Wasseroberfläche durchbrach, schwebte mir Ragnhild, gefolgt von Øystein, bereits entgegen. Es war herrlich!

Als wir wieder an Land gekommen waren, hatte Inga inzwischen ihr neues avanciertes Tonbandgerät aus dem Haus geholt. Sie legte »Satisfaction« den Stones ein, daß es nur so über den Fjord schallte – und dann tanzten wir uns trocken. Ich hätte mich niemals getraut, allein unter freiem Himmel so etwas zu machen, aber jetzt war es für uns vier eine Art gemeinsamer Herausforderung, unsere Hemmungen fallenzulassen und die Grenzen von Anstand und Ziemlichkeit zu durchbrechen. Ha! Sollen die Ziemlichen sich doch in ihre langen Winterunterhosen einnähen und darin verschimmeln! Hier kommt die junge, lebendige und emanzipierte Generation, die es wagt, munter mit Ärschen und Titten und Schwänzen herumzuwedeln – hoi!

Ich spürte eine große Freude, die in jedem einzelnen tanzenden Körperteil pulsierte: Ich würde doch nicht jung sterben! Es war fast nicht zu glauben, daß ich wirklich hier war, zusammen mit Inga der Üppigen und Ragnhild der Schönen und Øystein dem Wunderbaren – in einem spontanen Freudenausbruch zum Lob des Sommers und des Lebens. Wer hätte das vor nur einem halben Jahr geglaubt, als ich eingemauert auf der Station für die sehr, sehr Nervösen saß und mich von einem antiseptischen Team von Psychiatern schinden ließ? Aber dann kam Øystein zu Besuch und sagte, er hätte Lust, mich gern zu haben. Schlicht und ehrlich. Und genau das brauchte ich, um zu begreifen, daß ich einen eigenen Wert hatte. Und ich packte meinen Rucksack und kam hierher – und jetzt gehöre ich dazu.

Wir ließen uns, atemlos und lachlustig, wieder auf der Decke nieder, und Øystein legte mit einem langen, zufriedenen Seufzer seinen Kopf auf meinen Bauch. Ich legte mich bequemer hin und beschloß, das Gewicht dieses Kopfes zu genießen, der so viele schöne Gedanken und Eigenschaften enthielt.

Øystein Einhorn hatte einen bunten Hintergrund. Sein Vater war Musiker und Komponist – ein Mann, dessen einziges Prinzip war, daß er keine hatte. Prinzipien, meine ich. Er hatte es zur Lebenskunst erhoben, seinen Einfällen zu folgen, und die kamen oft und gern. Wenn er beschwipst war, trug er am liebsten mit großem Pathos Bellman und Taube oder norwegische Volkslieder vor, zur Begleitung irgendeines Instrumentes, das sich zufällig in Reichweite befand – und zum kopfschüttelnden Beifall seiner lieben Frau. Er hieß Magne, und sie hieß Rita, und sie waren ein ziemlich ungleiches Paar. Er war groß und dünn und schlaksig und hatte blonde Haare, während sie dunkel und fast ebenso groß und kräftig war. Sie war im Laufe der Zeit eine sehr energische Frau geworden – zweifellos, um Magnes viele Einfälle im Griff zu behalten –, aber sie war trotzdem auch munter und positiv. Sie war auf eine Weise überzeugte Christin, die selbst ich respektieren mußte, munter und offen und ohne den großen Missionswahn – und ohne ein Auge auf das sündhafte Tun und Lassen anderer. Gleich bei unserer ersten Begegnung schien sie mich ohne weiteres als Familienmitglied anzuerkennen, während Magne auf einem gründlichen, klärenden Gespräch mit Øystein und mir bestand. Dieses Gespräch gipfelte darin, daß er um drei Uhr morgens mit der Faust auf den Tisch schlug und uns folgenden väterlichen Segen gab: »Jaja. Wenn ihr das unbedingt so wollt, dann muß ich mich wohl damit abfinden. Aber wenn ich ganz ehrlich sein soll, dann muß ich zugeben, daß sich das ganz schön ... spannend anhört! Ich hatte einmal einen Klassenkameraden, mit dem ich ... einige Male übernachtet habe, aber ich konnte mir irgendwie nicht vorstellen, damit weiterzumachen, auch wenn ... Aber dann habe ich ja Rita kennengelernt, und damit war mein grausames Schicksal besiegelt. Also, Prost, auf euch beide! Willkommen bei uns, Yngve. – Ach, Rita? Du hast doch sicher noch zwei Flaschen Rotwein versteckt, was? Das müssen wir feiern.«

Øystein war der einzige in unserer WG, der engen und offenen Kontakt zu seinen Eltern halten konnte. Ich versuchte das auch mit meinen, aber wir entfernten uns immer weiter voneinander. Meinem Vater paßte es absolut nicht, daß ich mit »Kindern aus besserem Haus« zusammengezogen war, wie er das nannte, und daß ich in einer ML-WG wohnte, fand er noch viel schlimmer. Der solide Arbeiter verabscheute beides. Magne war anderer Ansicht: »Alles, was sich bewegt, ist gut – solange es links geschieht«, war eine Aussage, die seine Toleranzgrenzen so ungefähr umriß. Er haßte alles, was rechts von der Mitte angesiedelt war – und die Mitte lag für ihn mitten in der Sozialdemokratie. Ich mußte Magne und Rita einfach mögen.

Øystein war von dieser Szene geprägt und hatte von beiden Eltern etwas. Er hatte Aussehen und Gemüt seiner Mutter, aber auch viel von der künstlerischen Ader seines Vaters. Er hatte sich für Zeichnen und Malen entschieden und steckte voller bedächtiger und wohlüberlegter Einfälle, so seltsam sich das vielleicht anhört. Er hatte eine langsam expandierende Phantasie, die unaufhörlich unter seiner glänzend schwarzen Mähne arbeitete. Außerdem war er von seinem Talent überzeugt; darin hatte er Ritas gesunde Sicherheit geerbt. Während des ganzen Frühlings hatte er Ragnhild und mich in ziemlich vielen Varianten gezeichnet, und jetzt war er gerade an der Staatlichen Handwerks- und Kunstschule angenommen worden. Das hieß, daß er im Herbst seinen proletarischen Gesellschaftseinsatz bei der Straßenbahn aufgeben konnte – worüber er erleichterter war, als er zugeben mochte. Seine Selbstproletarisierung während des letzten Jahres hatte ihm außer Geld auf dem Konto nur wenig gebracht. In dieser Hinsicht war er eher theoretisch als praktisch veranlagt.

Außerdem hatte ihm Rita eine christliche Grundhaltung vererbt – was mich überraschte, als er es mir erzählte. Früher hatte ich die Begriffe »christlicher Sozialist« und »christlicher Homosexueller« als zwei äußerst lächerliche Etiketten betrachtet, die sich höchstens schizophrene Individuen in der mißverstandenen Zwangsvorstellung, daß man einfach alles mitnehmen muß, ankleben konnten. Aber Øystein war alles andere als verwirrt. Er schien körperlich und geistig kerngesund zu sein. Es war ein Mysterium, mit dem ich mich bis auf weiteres abfinden konnte. Ich war ausreichend damit beschäftigt, mit meiner materialistischen Neuorientierung auf der Welt fertig zu werden – und es machte mir auch nichts aus, daß er an Gott glaubte. Außerdem war er kein herkömmlicher Betbruder. Er meditierte jeden Tag eine halbe Stunde, und der WG war es recht. In dieser Hinsicht genossen wir große persönliche Freiheit – solange sie nicht mit unseren gemeinsamen Interessen kollidierte – und waren alles andere als ein marxistisch-leninistischer Musterbetrieb.

Øysteins väterliches Erbe dagegen war komplizierter, als es zunächst den Anschein hatte. Er hatte nämlich einen Großvater namens Kristoffer Gyldenhorn, und der lebte unbescheiden zurückgezogen im avanciertesten elektrischen Rollstuhl, der für Geld zu haben war, und von dort aus lenkte er sein Finanzimperium mit harter und sicherer Hand. Innerhalb der Familie hieß er nur »der Alte« und dominierte durch seine bloße Existenz. Er schien sie alle zusammen mit unsichtbaren Ketten an sich gefesselt zu haben, und ich ahnte ja nicht, welche Bedeutung dieser alternde Magnat für meine eigene Zukunft haben würde.

Der alte Gyldenhorn war, wie auch Hermann Farmandsen, von der alttestamentarischen Schule. Er hatte seinen Erstgeborenen nach dem großen Kaiser Carl Magne getauft und sein solides und weitverzweigtes Finanzkonsortium mit dem Ziel aufgebaut, daß sein Sohn es übernehmen und zu einem multinationalen Imperium erweitern würde. Und dann wollte der Sohn nicht! Dieser undankbare Waschlappen hatte Aufstand und Salto mortale gemacht und sein Leben der Musik gewidmet. Der Musik! Der Alte hatte gefleht und gedroht, aber das half alles nichts – und zum Schluß blieb ihm nichts anderes übrig, als seine Drohungen wahrzumachen. Der verworfene junge Mann war ohne fünf Öre für Studien oder Lebensunterhalt in die Finsternis des Vergessens gestoßen worden. Aber dank der vielen demoralisierenden Stipendien, die diese widerwärtigen Sozialisten nach dem Krieg eingeführt hatten, um mittellose Studenten zu bestechen, hatte er es trotzdem geschafft. Und dann hatte er auch noch eine Frau gefunden, die viel zu gut für ihn war und die arbeitete und sie beide unterhielt. Eine Schande war das! Worauf dieser undankbare Verräter mit einem einzigen Federstrich das Gyldene in seinem stolzen Familiennamen getilgt und ihn noch vor seiner Hochzeit in »Einhorn« abgeändert hatte – wodurch er seiner Frau und seiner künftigen Nachkommenschaft die offenbare Verwandtschaft mit ihm, Kristoffer Gyldenhorn, raubte – ja! Nein, es war unverzeihlich! Und als Rita diesen ersten Sohn geboren und der Alte für sie ein Haus gekauft hatte, war sie so schamlos gewesen, dieses Geschenk anzunehmen. Glücklicherweise. Und sie hatte auch Carl Magne überreden können, dort zu wohnen. Gott sei Lob und Dank! So hatten sie ein Dach über dem Kopf – und auf dem Dach lag seine Hand. Gut.

Die Tatsache, daß Magne Einhorn sich langsam einen Namen als Komponist machte, ignorierte der Alte einfach. Es kam nie zu einer Versöhnung zwischen Vater und Sohn. Wenn es in Norwegen möglich wäre, seine Kinder ganz und gar zu enterben, dann hätte Magne nicht einmal einen Manschettenknopf bekommen.

Von den vier Enkelkindern war Øystein Kristoffer Gyldenhorns persönlicher Augenstern. Zur Konfirmation hatte er zehn Aktien der Norwegischen Creditbank bekommen, und seitdem noch viel mehr – zum Geburtstag und zu Weihnachten – so daß er jetzt Aktien zum Verkaufswert von einigen hunderttausend Kronen besaß. Die einzige Klausel, die der Alte bei diesen Geschenken festgesetzt hatte, war, daß sie in der Familie bleiben sollten. Wenn Øystein sie verkaufen wollte, dann mußte er sie an ihn verkaufen. Auf diese Weise gab der alte Gyldenhorn sich alle Mühe, seinen Enkelkindern die wunderbare Welt des Kapitalismus zu erschließen. Leider fiel seine Saat jedoch auf steinigen Boden – zumindest bei Øystein. Der nahm die Aktien an, weil er den Alten nicht kränken wollte, hatte jedoch durchaus nicht vor, dieses Geld jemals zu benutzen. Er hatte überhaupt ein rührendes Verhältnis zu dem ergrauenden Despoten. An jedem Donnerstag machte er einen Besuch auf Vettakollen, wo er aß und sich alle Mühe gab, ein wenig Licht und Freude ins Leben des Alten zu bringen. Ich war im Grunde ziemlich neugierig auf diese Graue Eminenz, und es sollte auch nicht mehr lange dauern, bis ich ihn aus nächster Nähe erleben konnte.

Das Allerbeste an Øystein Einhorn war, daß er mich liebte. Seit ich meine Füße in dieses Haus gesetzt hatte, hatte er sich um mich gekümmert und sich auf seine bedächtige, liebevolle Weise meiner angenommen. Ich hatte keinen Zweifel an seinen ernsten Absichten. Er hatte sich für mich entschieden, und deshalb engagierte er sich voll und ganz in unserer Beziehung. Inzwischen machte ich das auch, auch wenn es manchmal schwierig war. Seine andauernde Aufmerksamkeit konnte durchaus zur Plage werden, vor allem, wenn ich sie nicht entsprechend erwidern konnte. Dann schienen unsichtbare Zügel angezogen zu werden – die ich konsequent wieder ausdehnte. Unfreiwillige Verkettungen waren das letzte, was ich brauchte, und Øystein schien meinen Unabhängigkeitsdrang zu verstehen – fürs erste jedenfalls. Ich glaube, ihm war klar, daß ich keine traditionelle Ehe wollte, auch wenn ich mich auf eine feste Zweierbeziehung einlassen und soviel wie möglich von mir selber mit ihm teilen wollte – aber nicht alles. Ebenso, wie ich nicht mehr von ihm verlangen wollte, als er geben konnte. Aber Øystein hatte Probleme mit solchen Grenzziehungen. Er hatte übrigens kürzlich erst ein großes Porträt von mir beendet, das diese Problematik sehr gut zum Ausdruck brachte. Auf dem Bild setze ich mein rechtes Bein in ein schönes Messingbett und strecke den rechten Arm aus, als ob ich »Komm« sagen wollte. Statt dessen sage ich ganz deutlich ohne Sprechblase: »Wenn du jetzt nicht kommst, dann gehe ich eben schlafen.«

Die Veränderungen in meinem Ausdruck hatten sich während der Wochen, in denen er das Bild gemalt hatte, schrittweise ergeben. Ich stand jeden Abend vor dem Schlafengehen eine halbe Stunde Modell, und während dieser Zeit entpuppte Øystein sich als unverbesserliche Nachteule. Nach der halben Stunde war er so vertieft in seine Kunstausübung, daß er nicht einmal antwortete, wenn ich fragte, ob er nicht ins Bett kommen wollte. Und ich wurde sauer und befahl ihm, sein stinkendes Bild aus meinem Schlafzimmer zu entfernen, woraufhin er die ganze Staffelei packte und in seinem Atelier oben im Haus verschwand. Und ich war dazu verdammt, in beleidigter Einsamkeit zu schlafen, und wenn er endlich kam und ich nicht wach wurde, wurde er so verschmust und liebevoll, daß ich trotzdem aufwachen mußte, um ihm zu sagen, daß er jetzt mit Warten an der Reihe wäre. Dann endeten wir in der Regel in schöner Vereinigung – aber der Schlaf litt darunter. Es war der erste kleine Schönheitsfehler, den ich in seinem scheinbar grundsoliden Charakter entdeckte, aber ich schrieb alles der Kunst zu. Er war unverbesserlich, aber er war ein guter Maler.

In einer solchen Nacht versuchte ich, unsere Beziehung nüchtern auf den Punkt zu bringen. Ich sagte: »Du bist wichtig für mich, aber ich bin immer noch der wichtigste Mensch in meinem Leben. So wie du in deinem.«

»Zement mal! Meinst du, daß das unverrückbar feststeht? Findest du nicht, daß wir uns wenigstens das Ziel setzen sollten, füreinander gleich wichtig zu werden? Daß wir es anstreben sollten, eine Einheit zu werden?«

»Einheit? Wir sind trotz allem zwei Menschen, und jeder hat seinen Körper und seinen Geist. Wir können eine starke Allianz eingehen, ja – aber wir können nicht zu einer Einheit verschmelzen.«

»Du hast das Wichtigste vergessen, Yngve. Du hast die Seele vergessen.«

»Ach, ja. Gut, wir haben auch jeder unsere Seele.«

»Nein, da irrst du dich glücklicherweise.«

»Da siehst du’s! Wir werden nie zu einer Einheit!«

»Vielleicht nicht, aber trotzdem haben wir die Seele gemeinsam.«

»Wie bitte?«

»Alle Menschen haben dieselbe Seele, und die ist Gott, wenn du so willst.«

»Meinst du allen Ernstes, ich teilte meine Seele mit Nixon und Breschnew? Und mit Kåre Willoch? Da gibt’s jedenfalls nicht viel Einheit. Pfui Spinne!«

»Nein – so etwas läßt sich nicht mit Worten erklären. Ich wünschte, du würdest einmal mit mir meditieren. Dabei versteht man so vieles besser. Hättest du vielleicht Lust dazu?«

»Ehrlich gesagt, nein. Mir reicht’s auch so schon.«

»Na gut, ich will nicht nerven. Aber wenn du mal Lust hast, dann sag einfach Bescheid.«

»Ja. Mach ich. Gute Nacht. Du bist jedenfalls mein Liebster, weißt du.« Sagte ich und lag viel zu lange wach, ehe ich Schlaf fand.

Aber nun lag ich in der Sonne und hatte seinen Kopf auf meinem Bauch und merkte, daß mir dessen Gewicht überhaupt nichts ausmachte, auch wenn er schwer war. So gehörte es sich schließlich in einer guten Beziehung. Wir müssen einander ertragen können und lernen, im Guten wie im Bösen miteinander zu leben – ob wir nun eine gemeinsame Seele haben oder nicht. Alle haben ihre schlechten Seiten. Ich auch – und nicht zu knapp. Ich ließ die Finger durch seine widerborstige Mähne gleiten und lachte los – heimlich, hatte ich gedacht, aber trotzdem wurde Øystein so heftig durchgeschüttelt wie vorhin auf dem Sprungbrett.

»He, was ist denn jetzt los? Gehirnmassage?«

»Ja, die könntest du sicher brauchen. Ich hab mir nur gerade vorgestellt, ich wäre ein entführter Prinz und wäre hier in den Roten Berg verschleppt worden und müßte den Kopf des Trolls in meinem Schoß liegen haben und ihm die Filzläuse ablesen.«

»Filzläuse? Da bist du aber am falschen Ende. Obwohl, so klingt es viel plausibler – daß diese armen Prinzessinnen den Troll untenrum begrabbeln mußten. Wahrscheinlich haben die Märchensammler das einfach verschönert. ›Rapunzel, laß mich in deinen Schoß‹, das ruft der Prinz nämlich ursprünglich.«

»Vielleicht hatte die auch Filzläuse?«

»Ja, kann ja schließlich jedem passieren«, meinte Øystein, drehte sich auf den Bauch und vergrub sein Gesicht in meinem Schoß.

»Nein, ich will nicht. Nicht hier!«

»Prinzessin Willnicht?«

»Wenn du darauf bestehst. Frag Prinzessin Ragnhild dahinten.«

Ragnhild hob den Kopf und betrachtete uns aus zusammengekniffenen Augen: »Ach, bist du jetzt geil, du Superstier? Dann geh doch rauf und fick den Kühlschrank, und dann kannst gleich ein paar Liter von deinem erregenden Eistee mitbringen. Mich dürstet nach einem kühlen Trunk, nicht nach einem Mannsbild.«

»Alles klar. Will sonst noch jemand irgendwas?«

»Ja, bring mir doch ein Schmalzbrot mit – und mein Strickzeug. Ich glaub, das liegt irgendwo im Wohnzimmer.«

»Jawohl. Inga Lunde im sandgeblasenen Isländer mit Schmalzmuster?«

»Das ist kein Pullover, das ist eine Mütze.«

»Eine Mütze? Mittsommernachtsgeschenk für den Schmalzheini?«

»Jetzt hau schon ab. Ich hab Hunger!«

»Ja, beeil dich ein bißchen. Du hast doch so einen schönen Gang.«

Ich zündete mir eine Zigarette an und blickte hinter Øystein her. Ragnhild hatte recht. Er hatte einen schönen Gang – und war gelenkig und schlank und nackt. Aber Nacktheit ist ja eigentlich immer schön – wenn man sich erst daran gewöhnt hat. Jedenfalls in der richtigen Umgebung – und die hatten wir jetzt.

Villa Wolkenwild

Der Weg führte vom Strand in weitem Bogen über zwei Steintreppen zum Plateau, auf dem unser Haus lag. Und es war durchaus kein normales Haus. Es war groß und phantasievoll aus weißgestrichenem Holz gebaut und hatte witzige Giebel und haufenweise Balkons. Es war ein richtiges Krähenschloß, und die anderen hatten es Villa Wolkenwild getauft, lange, ehe ich es zum ersten Mal gesehen hatte. Es stand mitten an einem steilen Hang, der aus einem fünf Hektar großen Grundstück zwischen einer Bergkuppe im Norden und Flaskebekken im Süden bestand. Und ganz unten lag unser kleiner Sandstrand mit Steg und Sprungbrett. Das ganze Grundstück war eine Perle. Und nun soll niemand einen falschen Schluß ziehen und das für die Privilegien der Kinder besserer Leute halten, denn wir hatten das Haus ganz normal gemietet. Inga hatte auf viele Hausangebote in Aftenposten geantwortet, und dieses Mal hatte ihre Geschäftigkeit vollen Erfolg bei einem Zahnarztehepaar gehabt, das seine Pflicht in Nordnorwegen abdiente und das nichts gegen kollektive Ideen hatte, solange die für sie Zins und Zinseszins brachten.

Das Haus war in T-Form gebaut und hatte zwei Etagen. Der Haupteingang lag im Süden, aber wir benutzten nur die Küchentür, weil ich die große Diele besetzt hatte. Die Küche war sehr eng, und deshalb aßen wir im Wohnzimmer, das nun wiederum groß wie ein Saal war und wo Fenstertüren auf den größten der Balkons hinausführten. Von diesem Balkon schaute man nach Westen über den Fjord auf Asker und Baerum. Im Südflügel lag ein noch größeres Wohnzimmer mit Kamin und Doppeltüren, die in meine Diele führten. Im Norden befand sich ein Erker, in dem wir die Glotze untergebracht hatten, und daneben lagen Ragnhilds Gemächer mit Klo und Dusche. Im ersten Stock lag das große Badezimmer neben Ingas und Kyrres Schlafzimmer, Arbeitszimmer und Balkon. Und dann gab es noch einen riesigen Dachboden über dem ganzen Südflügel, den Øystein sich als Atelier eingerichtet hatte. Es sah eher wie ein Hippienest aus und nicht wie der Arbeitsplatz eines malochenden kommunistischen Künstlers – was übrigens für das ganze Haus galt. Kaum etwas an Villa Wolkenwild verriet, daß sich hier die Speerspitze des Proletariats verbarg – abgesehen natürlich von den Plakaten und dem riesigen gemeinsamen Bücherregal, das von Hunderten von Taschenbüchern über Kommunismus und Sozialismus und Frauenbewegung und so weiter dominiert wurde. Ansonsten war das Haus mit sicherem Geschmack modern und praktisch eingerichtet – hoch über Ikea-Standard. Es gab sogar eine Spülmaschine in der Küche, und sie machte einen Lärm wie ein Traktor. Nicht einmal Kyrre war so prinzipientreu, daß er etwas dagegen hatte, geräumig und angenehm zu wohnen – was übrigens nur ich genug zu schätzen wußte. Niemand von den anderen ahnte, was es heißt, in einem Zimmer von zwölf Quadratmetern aufzuwachsen, das zur Hälfte einem unordentlichen älteren Bruder gehört. Also fühlte ich mich sauwohl in den riesigen Zimmern mit ihren hohen Decken, in denen ich dreizehn Meter in eine Richtung gehen konnte, ohne aus dem dritten Stock zu fallen.

Øystein hatte sich ein großes Himmelbett mit goldenen Veloursportieren gebastelt, das oben auf seinem Boden stand. Ich hatte mich zuerst, als ich zu Weihnachten hier hereingeschneit war, dort oben einquartiert, aber dann bekam ich ein Problem, das jeden Tag schlimmer wurde. Ich konnte den Terpentingeruch nicht vertragen, und deshalb war ich nach einer Woche im ansonsten so himmlischen Bett des Barons zum kleinen Rotauge geworden, und überall juckte es mich. Also mußte ich gleich meine erste Aufgabe in diesem Haus lösen. Ich übernahm die Diele, die ansonsten nur zur Zier gedient hatte, und begann, sie nach meinem eigenen Geschmack einzurichten. Es war nämlich so, daß Chlorwegens Gesundheitswesen mir während der Monate, als ich mich bei den sehr, sehr Nervösen in sicherem Verwahr befunden hatte, volles Krankengeld bezahlt hatte. Und da es selten etwas bringt, das Tun und Lassen dieses Wesens zu hinterfragen, nahm ich das Geld an, ohne mit der Wimper zu zucken – und ich möchte mich, besser spät als nie, herzlich dafür bedanken. Auf meinem Konto hatten sich also einige tausend Kronen angesammelt, die in jeder Minute an Wert verloren. Man kann über die siebziger Jahre sagen, was man will, aber Sparen lohnte sich jedenfalls nicht. Wir konnten uns zwar aus der EG heraushalten, aber die Inflation kam trotzdem. Nicht zuletzt bei Oslos Gebrauchtwarenhändlern und Antiquitätenläden. Die Preise waren so französisch, daß es billiger gewesen wäre, gleich in Paris einzukaufen – inklusive Flugschein. Aber ich brauchte nicht so weit zu fahren, ich kannte nämlich zwei Trödelläden, einen in Toten und einen in Hedmarken, und deshalb lieh ich mir Kyrres VW-Bus und ging mit Ragnhild auf Requisitionstour.

In Toten konnten wir, ohne zu feilschen, ein prachtvolles englisches Messingbett für vierhundertfünfzig Kronen kaufen. In Oslo hätte das mindestens zweitausend gekostet. Außerdem erstanden wir zwei blankgesessene Ohrensessel aus rotem Leder, einen Teewagen, einen hübschen Couchtisch mit vier Stühlen, zwei Alabasterlampen, einen soliden Garderobenständer mit Messingbeschlägen – und einen total hinreißenden Kerzenlüster aus gegossener Bronze, der jeweils sechzig Kerzen verbrauchte. Der landete über dem Eßzimmertisch und löste Alarm beim Nordkommando der NATO aus, als sie ihn mit ihrem feinfühligen Radar anpeilten.