Reisen, Band 3 - Südsee - Friedrich Gerstäcker - ebook

Reisen, Band 3 - Südsee ebook

Friedrich Gerstäcker

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Opis

Dies ist Band drei von fünf in denen der große Reise- und Abenteuerschriftsteller von seinen Erlebnissen berichtet. Friedrich Gerstäcker war ein deutscher Schriftsteller. Er ist vor allem durch seine Bücher über Nordamerika bekannt

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Reisen, Dritter Band - Die Südsee-Inseln

Friedrich Gerstäcker

Inhalt:

Friedrich Gerstäcker – Biografie und Bibliografie

Reisen, Dritter Band - Die Südsee-Inseln

1. Von San Francisco nach Honolulu.

2. Honolulu und die Sandwichsinseln.

3. Kreuzen auf Spermacetifische.

4. Maiao.

5. Fahrt von Maiao nach Imeo.

6. Imeo.

7. Tahiti.

8. Tahiti. (Fortsetzung).

9. Fahrt von Tahiti nach Sidney.

Reisen, Band 3, F. Gerstäcker

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849615604

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Friedrich Gerstäcker – Biografie und Bibliografie

Roman- und Reiseschriftsteller, geb. 10. Mai 1816 in Hamburg, gest. 31. Mai 1872 in Braunschweig, Sohn eines seinerzeit beliebten Opernsängers, kam nach dessen frühzeitigem Tode (1825) zu Verwandten nach Braunschweig, besuchte später die Nikolaischule in Leipzig, widmete sich dann auf Döben bei Grimma der Landwirtschaft und wanderte 1837 nach Nordamerika aus, wo er mit Büchse und Jagdtasche das ganze Gebiet der Union durchstreifte. 1843 nach Deutschland zurückgekehrt, widmete er sich mit Erfolg literarischen Arbeiten. Er gab zunächst sein Tagebuch: »Streif- und Jagdzüge durch die Vereinigten Staaten von Nordamerika« (Dresd. 1844, 2 Bde.; 5. Aufl., Jena 1891) heraus, schrieb kleine Sagen und Abenteuer aus Amerika nieder und wagte sich endlich an ein größeres Werk: »Die Regulatoren in Arkansas« (Leipz. 1845, 3 Bde.; 10. Aufl., Jena 1897), worauf in rascher Reihenfolge »Der deutschen Auswanderer Fahrten und Schicksale« (Leipz. 1847; 3. Aufl., Jena 1899), »Mississippibilder« (Leipz. 1847–48, 3 Bde.), »Reisen um die Welt« (das. 1847–48, 6 Bde.; 3. Aufl. 1870), »Die Flußpiraten des Mississippi« (das. 1848, 3 Bde.; 10. Aufl. 1890) und »Amerikanische Wald- und Strombilder« (das. 1849, 2 Bde.) neben verschiedenen Übersetzungen aus dem Englischen erschienen. 1849–52 führte G. eine Reise um die Welt, 1860–61 eine neue große Reise nach Südamerika aus; 1862 begleitete er den Herzog Ernst von Koburg-Gotha nach Ägypten und Abessinien. 1867 trat er eine neue Reise nach Nordamerika, Mexiko und Venezuela an, von der er im Juni 1868 zurückkehrte. Seine letzten Jahre verlebte er in Braunschweig. Seine spätern Reisen beschrieb er in den Werken: »Reisen« (Stuttg. 1853–1854, 5 Bde.); »Achtzehn Monate in Südamerika« (Jena 1862, 3. Aufl. 1895) und »Neue Reisen« (Leipz. 1868, 3 Bde.; 4. Aufl.). Gerstäckers Reisen galten nicht wissenschaftlichen oder sonstigen allgemeinen Zwecken, sondern der Befriedigung eines persönlichen Dranges ins Weite; seine Schilderungen sind daher vorwiegend um ihrer frischen Beobachtung willen schätzbar. Ebenso verfolgte der fruchtbare Autor bei seinen zahlreichen Romanen und Erzählungen schlechthin Unterhaltungszwecke. Wir nennen davon: »Der Wahnsinnige« (Berl. 1853); »Wie ist es denn nun eigentlich in Amerika?« (2. Aufl., Leipz. 1853); »Tahiti«, Roman aus der Südsee (5. Aufl., das. 1877); »Nach Amerika« (das. 1855, 6 Bde.); »Kalifornische Skizzen« (das. 1856); »Unter dem Äquator«, javanisches Sittenbild (7. Aufl., Jena 1902); »Gold« (4 Aufl., Leipz. 1878); »Inselwelt« (3. Aufl., das. 1878); »Die beiden Sträflinge« (5. Aufl., das. 1881); »Unter den Penchuenchen« (das. 1867, 3 Bde.; 4. Aufl. 1890); »Die Blauen und Gelben«, venezuelisches Charakterbild (das. 1870, 3 Bde.); »Der Floatbootsmann« (2. Aufl., Schwerin 1870); »In Mexiko« (Jena 1871, 4 Bde.) etc. Seine kleinern Erzählungen und Skizzen wurden unter den verschiedensten Titeln gesammelt: »Aus zwei Weltteilen« (Leipz. 1851, 2 Bde.; 6. Aufl. 1890); »Hell und Dunkel« (das. 1859, 2 Bde.; 6. Aufl. 1890); »Heimliche und unheimliche Geschichten« (das. 1862, 3. Aufl. 1884); »Unter Palmen und Buchen« (das. 1865–67, 3 Bde.; 3. Aufl. 1896); »Wilde Welt« (das. 1865–67, 3 Bde.); »Kreuz und Quer« (das. 1869, 3 Bde.); »Kleine Erzählungen und nachgelassene Schriften« (Jena 1879, 3 Bde.); »Humoristische Erzählungen« (Berl. 1898) u. a. Unter seinen Jugendschriften verdienen »Die Welt im Kleinen für die kleine Welt« (Leipz. 1857–61, 7 Bde.; 4. Aufl. 1893), unter seinen Humoresken besonders »Herrn Mahlhubers Reiseabenteuer« (das. 1857, 11. Aufl. 1896) Auszeichnung. Gerstäckers »Gesammelte Schriften« erschienen in 44 Bänden (Jena 1872–79), eine Auswahl in 24 Bänden, hrsg. von Dietrich Theden (das. 1889–90); »Ausgewählte Erzählungen und Humoresken«, hrsg. von Holm in 8 Bänden (Leipz. 1903).

Reisen, Dritter Band - Die Südsee-Inseln

1. Von San Francisco nach Honolulu.

Ade Kalifornien – angenehmes Gefühl das, wieder einmal auf dem alten Steckenpferde zu sitzen – hui wie das schaukelt. Der Grundschwell, der hier in dem niederen Wasser, von der gewaltigen Strömung bald hinaus bald hineingeärgert steht, gehört zu den schlimmsten in der Art, und kaltes stürmisches Wetter dienen dann gerade nicht dazu, den Aufenthalt auf einem, eben in See gehenden Schiff, noch dazu bei vollkommener Dunkelheit, zu einem angenehmen zu machen.

Während dem ewigen Wenden lagen auch natürlich alle Brassen von den Nägeln herunter und an Deck, man konnte keinen vernünftigen Schritt mehr thun und die Befehle des »Alten« klangen so heiser und ängstlich – hol's der Henker ich geh hinunter, dacht' ich bei mir selber, sagte dem Capitän gute Nacht, von dem ich keine Antwort kriegte, stürzte die Treppe halb hinunter, denn der Platz war mir noch fremd, und die Sohlen oben naß geworden, trank unten ein richtiges Glas Brandy und Wasser, und legte mich in meine Coje, dem tollen Gewirr an Deck zu entgehen. Zu sehn war nichts mehr, und wenn man nicht gleich von vornherein mit zugreifen will – eine Sache von der man dann nicht einmal sagen kann ob sie's Einem groß Dank wissen – geht man lieber aus dem Weg. Zum Zusehn brauchen sie in solcher Zeit Niemand an Deck.

Ich weiß nicht wie lange ich geschlafen hatte – aber eingenickt war ich, als ich plötzlich durch einen furchtbaren Stoß, den das Schiff bekam, geweckt wurde und zugleich mit beiden Füßen aus der Coje fuhr. Wer einmal in seinem ganzen Leben gefühlt hat, wie sein Fahrzeug mit dem Kiel den Sand berührt, vergißt das nun und nimmer wieder. Man fühlt das auch nicht mit den Füßen etwa, auf denen man doch steht, oder hört es, nein, es ist eine ganz unbeschreibliche Empfindung, an der jeder Nerv des ganzen Körpers, jede Ader, jede Muskel gleich theilnehmend zu seyn scheint. Das Gefühl zuckt durch das Rückenmark bis in die entferntesten Fingerspitzen, und das Herz steht still in dem Augenblick, der Athem stockt. Es ist fast als ob man dabei mit zu derselben Masse des Schiffes gehöre, und gehört auch in der That dazu, denn die Erschütterung, die von dem Sande dem Kiel mitgetheilt, von diesem durch die Poren des Holzes aufwärts schießt, findet in den Nerven unseres Körpers eben gleiche Ableiter, und rückwirkend kann ich auch, glaub' ich, mit Fug und Recht behaupten, daß ebenso das Schiff selber wie ein fühlendes Wesen fast – in seine innersten Tiefen erzittert, vor der drohenden Gefahr. – Oder glaubst du etwa nicht, lieber Leser, daß das wackere Schiff selber empfindet, was ihm droht, oder wie es sich bewegt? – frag dann die Seeleute selber, Leute, die ihre ganze Lebenszeit an Bord zubringen und zugebracht haben, was sie darüber denken, darüber sagen, und du wirst bald erfahren, daß diese magnetische Kraft dem Schiffe nicht blos in dem Augenblick wird, wo es mit einem dritten festen Gegenstand in Berührung tritt – obgleich ich nicht leugnen will, daß es sich dadurch verstärken mag, sondern ihm immer eigen ist, und den Matrosen sein Fahrzeug auch deßhalb als ein vollkommen selbstständiges Wesen erscheinen läßt, mit dem er sich oft unterhält und zu dem er eine förmliche, fast rührende Zuneigung gewinnt, wie sie unter anderen Umständen kaum denkbar wäre.

Die englischen Matrosen geben dem Schiff sogar das weibliche Geschlecht – aus einem Grund freilich, wie Manche boshaft behaupten wollen, der gerade nicht schmeichelhaft für dasselbe wäre – daß die Takelage nämlich oder der äußere Aufputz, Segel und was dazu gehört, mehr koste, wie das Schiff selber – doch das ist maliciös.

Der Leser mag sich übrigens denken, daß ich in dem Augenblick, wo er mich eben verlassen hat, keineswegs daran dachte, solchen Betrachtungen nachzuhängen, sondern so rasch als möglich in meine Kleider fuhr und an Deck zu kommen suchte. Es war kalt, und wenn wir hier draußen »auseinander gingen,« und die ganze Nacht vielleicht an einem Mast oder Stück Holz im Wasser zu hängen hatten, war es immer besser etwas Wollenes dabei auf dem Leib zu haben. Viel Zeit ließ ich mir übrigens nicht, denn deutlich konnte ich oben die angstvolle Stimme meines Mitpassagiers, des alten Herrn Landerer hören, der ausrief – »Sind wir denn ganz verloren?« – während ein anderer tiefer Baß dicht daneben sagte »A ground, by God!« – Ich hörte sogar schon das Waschen des Seewassers an Deck und sprang mit wenigen Sätzen die enge Treppe hinan.

An Deck stürmte indessen Alles wild und toll durcheinander, der Capitän und der Steuermann gaben keine Befehle mehr, sie schrieen sie und als ich den Kopf ins Freie steckte, waren die Leute eben im Begriff zu wenden, während dicht neben uns Brandung oder Grundschwell, was es nun seyn mochte, sich in weißfunkelnden Schaumwellen überschlug. Wir hatten das Schiff übrigens kaum herum, und die Vorsegel waren kaum angebraßt, als ein zweiter, und dießmal heftigerer Stoß durch Schiff und Nerven bebte – wir hatten jedenfalls hinten aufgesetzt, und die Brandung oder eine Welle wusch in demselben Augenblick über Deck. –

Der Capitän, ein ruhiger, besonnener Mann, der neben mir stand, hatte in demselben Moment auch schon das Handloth, das zu seinen Füßen lag, aufgefaßt, und über Bord geworfen, und die Leine jetzt fühlend, rief er rasch – »Wir sind noch flott!«' – Das war ein Trost, und nur die Frage, ob wir's im nächsten Augenblick noch bleiben würden. Die Lothlinie zeigte zugleich wieder fünf Faden Wasser, wir waren in eine etwas tiefere Stelle gekommen und nur der weiße Schaum der Brandungswellen jetzt fast vor uns, verrieth uns wieder eine gefährlichere Untiefe.

»Klar zu wenden!« klang wieder über Deck, und der Capitän, die eine Hand an den Wanten, sich fest auf den Füßen zu halten, rief, kein Auge von dem Bug des Schiffs verwendend: »Up with your helm!«

Der Mann am Ruder drehte und drehte aus Leibeskräften – aber das Schiff kam nicht. »Upwith your helm!« schrie der Capitän und stampfte, dem Mann einen wüthenden Blick zuwerfend mit dem Fuße. »Up with it, I say!«

»Es will nicht gehorchen, Capitän!« rief dieser aber zurück, sich jetzt gegen die Speichen seines Rades pressend – »es ist ganz auf und hat noch keinen Viertel Strich geändert.«

Er sprach fast noch, als der Capitän schon neben ihm stand und selber das Ruder versuchte – aber es war wie der Mann gesagt – das Schiff wollte nicht mehr gehorchen und der Matrose, ein alter englischer Seemann, hatte sich indessen auch schon auf Deck niedergeworfen, den vermutheten Schaden am Ruder selber zu untersuchen.

»The tiller is broken – by God!« rief aber der Mann auch schon im ersten Augenblick, als er nun seinen Arm danach ausgestreckt, und der Ruf ging wie ein Blitz durch das ganze Schiff.

Im nächsten Moment war das Loth wieder ausgeworfen, ergab noch einmal fünf Faden Wasser und »Anker klar und nieder!« schrie der Capitän mit Stentorstimme, die um so bereitwilliger Gehör fand, da jeder einzelne Matrose in dem Augenblick auch einsah, von der raschen Ausführung dieses Befehls hänge sein Leben ebenfalls ab – und Leute arbeiten nie so gern und willig, als wenn sie selber mit einem solchen Capitale dabei interessirt sind. – In fast unglaublich kurzer Zeit war der Anker, der überhaupt noch vorn, und nur eben aufgezogen hing, wieder klar, und ohne einen weitern Befehl abzuwarten, rasselte und sprang die schwere Kette durch die Klüsen, von der etwa dreißig oder zwei und dreißig Faden ausgelassen wurden, und zwei Minuten später wendete der Bug des Fahrzeugs scharf ab von der Brandung, auf die wir bis dahin ganz richtig zugehalten hatten, und das Schiff ritt vor seinem Anker.

Das niedergeworfene Loth zeigte noch fünf Faden, also vollkommen genug wenigstens der augenblicklichen Gefahren entgangen zu seyn; der Wind hatte dabei fast ganz nachgelassen, und die Dünnung, wenn auch ziemlich stark, war doch nicht im Stande uns zu gefährden.

Vor allen Dingen ging jetzt der Zimmermann mit der ganzen Mannschaft zur Hülfe – denn Alle wollten sehen, welcher Schaden angerichtet sey, – daran, die Ruderpinne wieder in Stand zu setzen – es war dieß ein solides eichenes Stück Holz von wenigstens sechs bis sieben Zoll im Durchmesser, mit dick eisernen Banden, und wir konnten uns gratuliren, daß der Stoß, der dieses Holz im Stande war abzuknicken, dem Ruder selber nicht größeren Schaden zugefügt. In einer Stunde war übrigens Alles wieder hergestellt, die Segel belegt und die See schon fast wieder beruhigt, denn nicht ein Lüftchen wehte mehr, und als ich mit dem Capitän endlich, nachdem der Steuermann seine Wache angetreten, wieder hinunter stieg, auf's Neue zu Bett zu gehn, sagte er kopfschüttelnd:

»Ein Glück, daß wir ruhiges Wetter die Nacht haben, denn wenn es jetzt hier an zu wehen finge, könnten wir uns gratuliren – nachher hinge unser Leben an der Kette.«

Kaum in der Coje, war ich auch eingeschlafen, nach dem erhöhten Grad der Aufregung kam die Erschlaffung, und ich träumte zuletzt, die Anker würden wieder gelichtet, und wir gingen mit frischer herrlicher Brise hinaus in die freie offene See.

Ein Theil meines Traumes war wahr, oder ich hatte vielmehr im tiefen Schlaf das Rasseln der schweren Ketten gehört, das mich zuletzt auch ganz erweckte; endlich ermuntert, richtete ich mich in meiner Coje auf und hörte nun, – ein trauriger guter Morgen – wie der Wind durch die nackten Taue und Wanten und Blöcke unseres armen Fahrzeugs heulte, während dieses den jetzt schärfer und schärfer dagegen anschlagenden Wellen nur zitternd, und

gewaltsam gezwungen, zu begegnen schien. Ich stand auf, zog mich an und ging wieder an Deck; die Sache war mir viel zu interessant mich nicht selber darum zu bekümmern, aber der Anblick, der sich dort mir bot, wahrlich nichts weniger als ermuthigend.

Der bis dahin sternenhelle Himmel hatte sich mit düsterem Gewölk umzogen, ein feiner Regen peitschte, durch den Wind getrieben, scharf an Deck, das nahe Land war nur durch einen düsteren Nebelstreifen und das donnernde Brausen seiner Brandung zu erkennen, oder vielmehr zu errathen, und gegen den Bug des Schiffes schlugen und bäumten die Wogen an, wie unwillig, hier auf ihrem Spielplatz einen Widerstand gefunden zu haben, der sich ihren Sprüngen hemmend in den Weg legen wollte. Der Wind heulte dabei zürnend durch Blöcke und Taue, die See höher und höher jagend, und bei jedem Anprall derselben, schüttelte der Schlag durch das ganze Schiff, während die Kämme der Wogen schon jetzt über Bord schlugen, und die matten Funken des Seewassers, während sich die Fluth zu beiden Seiten durch die Speygaten ihren Weg wieder ins Freie suchte, mit dem Stampfen der armen Jane bald nach vorn und bald wieder zurück schoßen. Der Himmel sah dabei so bös aus wie nur möglich, und das rasche Jagen der Wolken war selbst hier, ohne den geringsten Anhalt eines festen Gegenstandes, denn die Masten tanzten mit ihren Spitzen gar toll und wild an dem grauen Firmament herum, deutlich erkennbar.

Zwei Matrosen hatten Wache an Deck, und der eine hielt die Leine des über Bord gelassenen Senkbleis in der Hand, daran zu fühlen ob das Schiff noch, wie eine kleine Weile vorher, treibe, weßhalb noch etwa fünfzehn Faden mehr Kette ausgelassen waren. Wir durften, wie mir die Leute sagten, nicht mehr nachgeben, da sich der Boden hier schon hob, wir hatten etwa einen halben Fuß verloren, und mit der jetzt unruhig werdenden See konnte uns ein einziger Stoß, richtig auf den harten Sand geführt, in Stücken und auseinander schlagen.

Ich frug den Matrosen, was er von unserer Lage denke, er wollte aber nicht recht mit der Sprache heraus, und meinte nur: Wenn der Anker hielte und die Kette nicht bräche, und der Wind nicht gar zu stark an zu wehen finge, und der Tag nicht zu lange ausbliebe, möchte es noch Alles gut gehn; viel zu viel »Wenn's,« jedoch für nur einigermaßen gute Aussichten, und ich starrte schweigend mit einer Art trotzigen Unmuths hinaus über die schwarze kochende See und die weißen jagenden Brandungswellen, die, wie es schien, dicht hinter unserem Fahrzeug begannen, und in die ich hätte meine Mütze hineinwerfen können. – Ich that's aber nicht.

Noch während ich neben dem Manne stand und meine Hand selber mit an die Leine legte, zu fühlen, ob sie noch fest zwischen den Fingern liege, that es plötzlich an der Kette einen scharfen Schlag, und wie Jemand, der ein böses Gewissen hat, wo er zwei leise mit sammen sprechen sieht, fürchtet, daß er der Gegenstand der Unterhaltung sey, so schien es auch, daß wir sämmtlich an Deck ebenfalls glaubten, das eben gehörte Geräusch ginge uns selbander augenblicklich ans Leben. Wir vermutheten nämlich in dem Moment nichts anderes, als die Kette sey gesprungen, obgleich bei einem solchen Zufall gewöhnlich nicht allein ein solcher Schlag, sondern gewöhnlich auch noch das Zurückschnellen des abgebrochenen Endes erfolgen soll. – In solchem Augenblick ist man aber selten aufgelegt zu langem Nachdenken – mit drei Sätzen, waren wir vorn, fanden aber hier, sehr zu unserer Genugthuung, daß die Kette keineswegs gesprungen, sondern wahrscheinlich nur ein Glied in andere Lage gerückt sey, und dadurch den klingenden verdächtigen Laut verursacht hatte. Der Anker hielt noch fest und gut, und überhaupt waren, hier sehr zu unserem Glück, Anker wie Kette von fast unverhältnißmäßiger Schwere für die Größe des Schiffes. »Dasmal geht's noch,« sagte der Matrose, und kehrte wieder zu dem Senkblei zurück; »wenn der Wind aber nicht sehr bedeutend nachläßt, so weiß ich, daß wir den Anker morgen nicht wieder heraufkriegen.« »Das lass' dir aber gesagt seyn,« wandte er sich, dann an den jüngsten Matrosen der mit ihm die Wache hatte, »wenn du je vor Anker liegst bei faulem Wetter, und hörst je den Laut, dann spring' jedesmal nach vorn – ich hab's einmal erlebt, und möcht's nicht wieder durchmachen.«

Für dießmal ging es auch wirklich, aber immer toller tobte und heulte der Wind, immer höher und höher schwoll die See, und recht tüchtige Wellen warf sie uns schon vorn über Deck, als ob sie es gar nicht erwarten könne, an Bord zu kommen, und dann so recht nach Herzenslust in dem armen Fahrzeug und mit ihm herumzuarbeiten. Die See ist darin wie ein kleines ungezogenes Kind, was sie einmal wirklich zum Spielen bekommt, das muß sie auch gleich inwendig besehn; erbarmungslos reißt sie dem armen Spielzeug das Bischen Außenstaat, so bunt und prächtig es auch angemalt und gekleidet seyn mag, vom Leibe, und hat sie ihren Willen gehabt, – dann wirft sie den nutzlosen Plunder in die Ecke und verlangt mehr.

Der Leser kann sich ungefähr denken, wie gestimmt ich mich in der Nacht wieder auf mein Lager warf – noch volle sechs Stunden bis Tageslicht, und draußen rissen die Wellen mit jeder Bewegung des Schiffes an den Eisengliedern, deren Stärke allein uns noch von der Brandung und dem sichern Verderben abhielt. In dieser Nacht war ich auch fest überzeugt, daß wir auf den Strand laufen würden, und steckte nur das Wenige was ich an Gold hatte, zu mir, für den günstigsten Fall, daß wir mit dem Leben davon kamen, gesichert zu seyn, und ein paar Dollars in Händen zu haben.

An Schlaf war natürlich nicht zu denken, und erst gegen Morgen fiel ich, durch übermäßige Ermüdung, in eine Art Halbschlummer, aus dem ich aber bald darauf wieder durch Geräusch an Deck geweckt wurde.

Es war endlich Tag geworden und das Wetter hatte sich wenigstens in etwas gemäßigt, wenn die Wellen auch noch keineswegs beruhigt waren. Der Capitän sagte mir, bis zwei Uhr hätte ein förmlicher fliegender Sturm geweht, und nur zwei Stunden länger, und selbst beide Ketten würden dann der Gewalt der einmal aufgerüttelten Wasser nicht mehr haben widerstehen können, um zwei Uhr schien aber das Wetter plötzlich nachzulassen, und während beinah Windstille eintrat, legte sich die See. Erst gegen Morgen erhob sich der Wind etwas wieder, und wenn wir ihn auch gerade in die Zähne hatten – denn er blies genau aus der Richtung her, wohin wir wollten, mußten wir doch machen, daß wir unsern Anker herauf kriegten und hier fort kamen. Die nächste Nacht hätte uns am Ende nicht so günstig seyn können. Ueberdem konnten wir jetzt am hellen Tage jede Gefahr leicht übersehen, und im aller ungünstigsten Fall, wenn es wirklich wieder angefangen hätte zu wehen, waren wir, erst einmal unter Segel, leicht im Stande in die Bai zurückzulaufen, und dort günstigeres Wetter abzuwarten.

Volle drei Stunden hatten wir aber zu arbeiten, und arbeiten im strengsten Sinn des Worts, bis wir den schweren Anker endlich aus der Tiefe herausbrachten; die See ging dabei noch immer hohl, besonders hier so nahe an der Küste, unter der wir förmlich dicht lagen, und im Anfang glaubten wir auch gar nicht, daß wir ihn heraufbringen würden, wo dann weiter gar nichts übrig geblieben wäre, als den nächsten Schäkel der Kette auszuschlagen und den Anker mit einer Buoye darin zurückzulassen. Aber es ging, und nur mit der Vorsicht, die Segel schon zu setzen ehe wir förmlich flott waren, denn wir hatten mit der Küste gar nichts mehr zu vergeben, zeigte das Loth bald an daß wir vorwärts gingen. Die Raaen wurden jetzt angebraßt, die leichteren Segel ebenfalls gelöst, und unter dem fröhlichen Singen der Matrosen ausgezogen, und der Anker war kaum geborgen, als wir auch schon, mit allen Segeln geschwellt, dicht an der Küste, nördlich von der Einfahrt, hinaufliefen, bis wir ihr so nahe kamen, daß wir wieder wenden mußten.

So kreuzten wir nach und nach von den Gefahr drohenden Felsen ab, und als sich gegen Abend der Wind auch noch etwas besserte, konnten wir das Land weit genug zurücklassen, selbst von einer wieder einsetzenden mehrstündigen Windstille nichts weiter befürchten zu dürfen.

In der Nacht passirten wir, mit wieder erwachender Brise, die Farallonen, eine inselartige Felsengruppe, der Bai von San Francisco gegenüber liegend.

Den 24. November Morgens Windstille, um 2 Uhr Nachmittags aber eine frische günstige Brise. Wir steuerten mit gutem Südwest-Curs von der Küste ab, und hinter uns in nebliger Ferne, und kaum noch erkennbar, lagen die steilen Küstengebirge Californiens.

Mit den vorbeschriebenen Fatalitäten der einen Nacht schienen wir aber auch alle Unannehmlichkeiten für die ganze Reise, bis nach den Inseln, überstanden zu haben.

Sonntag den 24. bis 2 Uhr Nachmittags fast Windstille, und wunderschönes Wetter. Nachmittags begann eine schwache uns günstige Brise zu wehen, die gegen Abend zu einem vortrefflich günstigen Wind anwuchs. Zu windwärts eine Brig in Sicht, mit gleichem Cours. Die Nacht noch liefen wir 10 und 11 Knoten.

Montag den 25. weite offene See, kein Land, kein Schiff mehr in Sicht – vortrefflicher Wind, und unser gutes Fahrzeug hält sich ausgezeichnet – ade California ....

Der gute Wind hielt nun freilich noch nicht an; in der Nähe der californischen Küste wechselt er viel zu schnell, dafür mußten wir sogar nach einer Windstille am 28., den 29. gegen den Wind kreuzen; am 30. aber, etwa unter 134° westlicher Länge von Greenwich, und 30° nördlicher Breite trafen wir die Nord-Nord-West Passate, die uns nun mit ununterbrochenem Wehen unserem Ziel entgegentrieben.

Doch es wird Zeit, daß ich mich auch ein wenig mit dem Schiff und der Mannschaft beschäftige, die allerdings beide interessant genug waren, eine kurze Beschreibung zu verdienen.

Die Jane Remorino war in Malta gebaut, und ein so treffliches, wackeres Fahrzeug, glaub' ich, wie nur je unter englischer Flagge gesegelt – und das will sicherlich viel sagen. Es war Alles neu und stark und elegant, einzelne alte lederne Taue ausgenommen, von denen der Capitän, ein Spanier, aus einer gewissen heimathlichen Anhänglichkeit sich nicht trennen wollte, obgleich sie bei jeder nur möglichen Gelegenheit, und wo sich ihnen nur die geringste Entschuldigung bot, von selber rissen. Das waren die Taue an dem sein Herz hing.

Mitpassagiere hatte ich keinen, außer den Supercargo des Schiffes, einen alten Schweizer, einen Gentleman im wahren Sinne des Wortes, der mit der Jane Remorino nach Manila ging, dort eine Ladung Zucker einzunehmen und wieder zurück nach San Francisco zu kehren. Leider starb er später in Californien an einem Schlaganfall. – Der Capitän selber war in Gibraltar geboren, sprach nur sehr gebrochen Englisch und am liebsten spanisch oder portugiesisch. – Herr Landerer sprach sehr gut spanisch aber kein Englisch und so arbeitete ich auch die Zeit unserer Unterhaltung gewöhnlich im Spanischen herum.

Unser Tisch war übrigens – besonders auf von Californien abgehenden Schiffen etwas ungemein Seltenes – wahrhaft ausgezeichnet. Der Capitän hatte eine förmliche Unmasse eingesetzter und gelegter Sachen, Gemüse, Früchte ec, von Italien und Spanien und Frankreich mit an Bord, vortreffliche Weine dabei, Medoc, Port und Rheinwein, kurz es wäre wirklich Jammerschade gewesen, hätte das so vortrefflich eingerichtete und verproviantirte Schiff dicht vor dem Hafen von San Francisco in jener Nacht zu Grunde gehen müssen.

Der Capitän, ein kleiner lockenköpfiger, etwas hagerer und im Ganzen sehr ruhiger, gelegentlich aber auch wieder einmal sehr lebendiger Mann, von circa vierzig Jahren, hieß ebenfalls Remorino wie das Schiff, das nach einer Schwester von ihm, von seinem eigenen Vater so benannt worden, und hatte noch seinen jüngeren Bruder an Bord, der eigentlich Steuermann seyn sollte, aber erst seine zweite Reise machte, und noch wenig von der See oder Seefahrt überhaupt verstand. Zwischen den beiden Brüdern herrschte übrigens ein ewiger Krieg, der sogar einigemale in Tätlichkeiten ausartete.

Die wunderlichste Figur, außer diesen beiden, war aber jedenfalls der andere »Officier« an Bord, von dem ich, so lange ich auf der Jane Remorino war, nie habe ausfinden können, ob er erster oder zweiter Steuermann, oder nur Bootsmann gewesen sey. Der Capitän nannte ihn Steuermann, sein Bruder Bootsmann und der Steward vom Schiff – d. h. nur hinter seinem Rücken, bribon und caracho und Gott weiß was sonst noch für Namen. Er war ein Italiener, ich glaube von Genua, und seine halbe Zeit betrunken, obgleich ihm aller »Grog« entzogen worden, und wenn er seine Wuth nicht an den Brüdern auslassen durfte, prügelte er den Steward, von dem er eine unbestimmte Ahnung hatte, was dieser von ihm hielt, und ärgerte die Matrosen, denen er dabei zu gleicher Zeit die entsetzlichsten halb italienischen halb englischen Flüche an den Hals schleuderte, bis seine Herrschaft körperlich wie geistig eines schönen Tages zu Grunde ging.

Er war nämlich, da ihm in Wirklichkeit jeder gesetzmäßige Schnaps entzogen worden, heimlicher Weise in den Raum hinabgestiegen und hatte sich dort, vermittelst eines Bohrers und Federkiels einen solchen kapitalen Rausch angetrunken, daß er nachher kaum damit wieder an Deck kommen konnte, sich dann oben in den Backbordgangweg mit dem Kopf auf dem Schanddeckel hinzulegen. Natürlich gab das später zu einer furchtbaren Scene Veranlassung und Geogio wäre jedenfalls bös weggekommen, hätte ihn seine eigene Natur nicht noch schlimmer gestraft. Die vielen scharfen Spirituosen, die er förmlich in sich hineingegossen, griffen ihm in die Eingeweide, und er wurde so krank und stöhnte und ächzte die Zeit so entsetzlich, daß wir ein paar Tage wirklich glaubten, er würde gar nicht mit dem Leben davon kommen. Seine gesunde Natur erholte sich aber doch endlich wieder, und der Capitän beschloß, ihn in den Sandwichsinseln angekommen, fortzuschicken und einen Anderen zu miethen, da er aber dort später keinen Anderen bekommen konnte; mußte er ihn richtig mit weiter nach Manila nehmen.

Merkwürdig war aber die Weise in der der junge Steuermann diesen Vorfall, mit einem Streit den Geogio ebenfalls mit dem Steward gehabt, in seinem »Log,« das, als auf einem englischen Schiffe unter englischer Flagge auch englisch geführt werden mußte, eintrug – ich schrieb es mir damals ab, und gebe es hier dem Leser nur des merkwürdigen Eindrucks wegen, den dieß gebrochene Englisch jedesmal auf mich machte – ich wurde und werde es bis auf den heutigen Tag noch, förmlich schwindlich, wenn ich die Zeilen nur einfach überlas. Doch sie mögen am besten für sich selber sprechen.

The B'mann Geogio makes question with the Steward when this was busy in taking out plates of the Deck sterm table whay he called the stward for to carry watter from buckets to a barrel and the saylors said for many times that he want do for to carry the crew out; the steward said that saw him in the sterich robing Brandy from a cask and proof that it was so, when he sleep in the windlass as a drokker.

Der Steward war ein junger Bursche von Mauritius glaub' ich, ein gewandter Gesell, der französisch und spanisch gleich gut und fließend sprach.

Der Capitän selber war ein guter Katholik – seine Lieblingsheiligen hingen in der Cajüte sowohl als in seiner Coje, aber außerdem hatte er noch eine besondere Zuneigung zu der Figur, welche auf seiner Gallion, ganz vorn am Schiff, gewissermaßen als Sinnbild des ganzen Fahrzeugs stand, und übrigens ausgezeichnet gearbeitet war. Sie stellte ein junges Weib oder Mädchen vor, genau in Lebensgröße, das Gewand in goldenen Falten bis auf die Füße herunterfallend, Gesicht und Hände in natürlicher Farbe und große Glasaugen klug und lebendig vorausschauend. Vorn am Bug, wenn man darunter hinruderte, machte die Figur einen ganz eigenthümlichen Eindruck, und ich bin noch bis auf den heutigen Tag fest davon überzeugt der Capitän schrieb dem Bilde mehr als selbst natürliche Kräfte zu, wie er denn auch steif und fest dem Schiff ein eignes selbstbewußtes Denken zutheilte, das sich besonders darin äußerte die Leute zu kennen, die am Steuer standen, und bald sein Gefallen durch ruhiges stetes Gehen, bald sein Mißfallen durch Anspringen gegen die See und andere kleine Unarten auszudrücken.

Er war aber in jeder andern Ansicht ein vortrefflicher Capitän, und diese kleine Schwäche, die zugleich eine bedeutende Liebe für sein Fahrzeug selber anzeigte, hab' ich ihm gern vergeben.

Die Matrosen waren meist Engländer und Irländer, aufgelesen in San Francisco wie sie zu bekommen gewesen waren, für 40 Dollars den Monat, und das in Betracht gezogen eine so gute Mannschaft, wie sich unter dergleichen Umständen erwarten ließ. Unser wackeres Fahrzeug segelte dabei vortrefflich, und wir passirten mehrmale andere Fahrzeuge bei vollkommen günstigem Wind, ohne ein einziges Leesegel auf zu haben, während die anderen Schiffe jeden nur möglichen Lappen von Leinwand gesetzt hatten, erreichten auch Honolulu, trotz dem daß wir die Nacht draußen vor der Bai vor Anker gelegen, zwei Tage eher als vier andere mit uns zu gleicher Zeit ausgelaufene Fahrzeuge.

Doch ich will mein Tagebuch wieder aufnehmen, denn wir nähern uns den Inseln, und der Leser hat ja jetzt ungefähr eine Idee von der Schiffsmannschaft der Jane Remorino, die übrigens dennoch zu wenig interessant ist, die Südseeinseln deßhalb zu vernachlässigen.

Die Nord-West und Nord-Nord-West-Passate herrschen nicht die ganze Strecke bis zu den Inseln vor. Je weiter wir deßhalb südwestlich steuerten, desto mehr ging der Wind über Norden herum nach Osten, und vom 4. December an hatten wir Ost zu Süd und Ost-Süd-Ost-Wind.

Sonntag den 8. December. Wind vortrefflich – ging heute wieder nach Ost zu Nord herum, und wir halten jetzt Süd-West, gerade auf die größte der Sandwichsinseln zu; die wir heute hoffentlich nach einer Fahrt von 16 Tagen in Sicht bekommen werden.

Das Wetter ist herrlich, der Thermometer steht Morgens halb 11 Uhr in der ziemlich kühlen Cajüte auf 22° Réaumur oder 79° Fahrenheit etwa. Die Reise selbst ist in dieser Jahreszeit etwas monoton, da man in und auf der See fast gar nichts von Fischen oder andern Seethieren zu sehen bekommt. Fliegende Fische haben sich einige seit dem 25° nördlicher Breite gezeigt, aber auch nicht viele. Die Wallfische haben sich in dieser Jahreszeit ebenfalls hier fortgezogen, also auch mit ihnen die Wallfischfänger, und selten ist's daß einmal ein Segel am fernen Horizont sichtbar wird. Selbst der Capitän hatte Langeweile, der doch gewiß daran gewöhnt ist sich mit nichts zu beschäftigen, und chikanirte seinen Hund; aber das Land konnte nicht weit seyn, und dann kam wieder Leben in die schon fast erschlaffte Existenz.

Unter den Südseeinseln hatte ich mir bis in letzter Zeit übrigens einen Ort gedacht, der alles in sich vereinigte was die tropische Vegetation nur Herrliches hervorbringen könne. Die Ufer mußten unter jeder Bedingung mit Palmen, Pisang und Bananen, Brodfrucht und Orangen dicht bedeckt seyn, und das innere Land mit seinen vollbewaldeten Gebirgen üppig daraus hervorsteigen. Mit diesen Erwartungen sah ich am 9. December Morgens das erste Land in blauer Ferne, und konnte den Augenblick nicht erwarten wo wir dort Anker werfen würden. An jenem Tage kamen wir indessen noch nicht dazu; das erste Land das wir erblickten war die Insel Maui, und nördlich an dieser und der nächsten, Molokai hin, liefen wir gegen Oahu zu, um die Südostspitze dieser Insel herum, kreuzten als es Nacht wurde südlich daran, und liefen am nächsten Morgen mit Tagesanbruch nördlich gegen den Hafen von Honolulu hinauf, auf dessen äußerer Rhede, oder eigentlich vor der Insel und dem Hafen draußen, wir etwa um 10 Uhr Morgens Anker warfen.

Aber, lieber Gott, wie wenig fand ich meine schönen Hoffnungen von Palmenwäldern bestätigt, als wir der Insel nahe genug kamen sie mit dem Fernrohr erkennen zu können! Kahle, vulcanische Berge streckten sich, von nebligen Wolken umlagert, schroff und trostlos aus dem Meer empor, und lange, lange Zeit war auch nicht ein Zeichen von Vegetation zu erkennen. Wir lagen freilich noch zu weit ab um das niedere Uferland überschauen zu können. Endlich wurden die weißen Gebäude von Honolulu sichtbar, mit ihnen die Masten der dort vor Anker liegenden Schiffe, und nach langem, langem Suchen konnte ich auch einzelne dicht am Strand stehende Cocospalmen erkennen. Aber wie einzeln standen sie! »Und das sind die Südseeinseln?« rief ich fast unwillkürlich.

»Das sind die am wenigsten schönen,« sagte zu meinem Trost ein neben mir stehender Matrose, »die Inseln südlich vom Aequator haben viel mehr Früchte und sehen viel schöner aus.« Und von dem Augenblick an beschloß ich die südlich gelegenen Inseln, wenn sich mir irgend Gelegenheit dazu böte, ebenfalls zu besuchen.

Je näher wir übrigens Oahu kamen, desto freundlicher gestaltete sich das ganze Aeußere der kleinen Stadt und Umgegend, die Berge fingen an sich da und dort mit einem Anflug von Grün zu decken, das die beginnende Regenzeit hervorgerufen, der untere Theil derselben ließ dichtere Gebüsche kenntlich werden, und zwischen den Häusern der Stadt gaben die allerdings nur einzeln aufsteigenden herrlichen Cocospalmen dem Ganzen den südlichen tropischen Charakter. Ja überhalb der Stadt ließ sich sogar ein förmliches kleines Cocoswäldchen erkennen, das aber freilich abgetheilt war, und mehr das Ansehen einer Pflanzung als eines natürlichen Waldes hatte.

Einen eigenthümlichen Anblick bot die Küste selber, an der die Brandung, über die hochaufdrängenden Korallenriffe hin, in langen schneeigen Schaumwellen tanzte und brauste und dem Ufer zustrebte, während in und zwischen ihr die, mit ihr vertrauten Eingebornen, theils in und zwischen den Wellen spielten und badeten, theils mit ihren wunderlichen kleinen Canoes, ungestört durch das Gelärm der Wogen hindurchglitten und fischten, oder auch, eine sehr häufige Beschäftigung dieser Stämme, eben nur in der Sonne lagen und ihren Gedanken nachhingen, während das schwanke kleine Fahrzeug zwischen den Korallenriffen, ebenso faul wie die Bemannung, herumtrieb.

Diese Korallenriffe sah ich hier zum erstenmal, und sie gaben der ganzen Insel etwas ungemein charakteristisches, wie damit zugleich auch für mich etwas sehr ansprechendes. Sonderbarer Weise sollen sie sich auch in fast all diesen Inselgruppen, nördlich und südlich von der Linie, gleich bleiben. Eine ungeheure Wand von Korallbäumen, so ineinander verwachsen und ausgefüllt daß sie eine eigentliche Mauer bilden, die schroff, fast senkrecht aus der Tiefe des Meeres aufsteigt, und zwar so daß sie hier bis an die Oberfläche selber ragen, und die anstürmenden Wellen in weißem Wogenkamm über sie fortstürzen, während kaum hundert Schritt davon Schiffe schon keinen Ankergrund mehr finden, und mit günstiger Brise in dem dunkelblauen und crystallhellen Wasser, das die kleinste Untiefe deutlich verräth, dicht daran hinsegeln können.

Doch ich komme auf diese Korallenriffe weiterhin schon noch ausführlicher zu sprechen – für jetzt will ich dem Leser ja doch nur den ersten Eindruck des Ganzen schildern, und der beschäftigte sich wahrhaftig nicht mit den einzelnen Bestandtheilen, wo ihn die wildschöne bunte Welt in so heiterer, sonniger Pracht umgab. Ich brauchte nicht unter die Oberfläche des Wassers zu gehen, die Oberwelt bot Stoff genug, und vorn auf der Back unseres guten Schiffes stehend sog ich mit wirklichen trunkenen Blicken – nur in anderer Art wie B'mann Geogio – das ganze Wunderliche, Pittoreske und Fremde der Landschaft ein, die sich mit doppelter Schnelle voraus entrollte, als das Schiff sich erstlich rasch dem Lande näherte, und die Morgennebel ebenfalls, die bis dahin noch wie ein dünner, halbdurchsichtiger Schleier auf der Küste gelegen, theils in die Höhe stiegen von der Kraft der aufgehenden Sonne, theils in Duft und Athem, wie sie waren, zerstoben.

Wirklich außerordentlich ist die Einfahrt des Hafens, der jetzt noch, außer den durch die Regierung gelegten Buoyen (schwimmende, vor Anker liegende Fässer oder Balken), welche die Fahrstraße andeuten, durch die Wracks zweier an beiden Seiten gestrandeten Schiffe bezeichnet wird. Hohe Korallenriffe schließen nämlich die ganze Küste ein, und nur an der einen Stelle, wo dieser Einfahrt wegen Honolulu hingebaut wurde, senken sie sich zu einer förmlichen schmalen Straße hinunter, welche, bei einiger Vorsicht, die größten Fahrzeuge in den sichern Hafen einläßt. Die beiden Wracks sollen Wallfischfänger seyn, die heimlicher Weise von den eigenen Matrosen in Brand gesteckt wurden, damit die Leute nicht wieder mit ihnen in See zu gehen brauchten.

Schon bei unserer Anfahrt zeigte sich übrigens Leben und Bewegung genug. Vor dem Hafen glitt eine Masse von Canoes mit ihrer eigenthümlichen Form und den den Augen eines Europäers allerdings sonderbar erscheinenden »Seitenkufen« herüber und hinüber, und im Hafen selber lagen mehr Schiffe als ich hier vermuthet hatte, obgleich mir später versichert wurde, daß jetzt gerade die Zeit wäre, wo sich die wenigsten Wallfischfänger hier aufhielten, da sie fast alle schon nach den südlichen Inseln, Sperm-Fische zu fangen, ausgefahren seyen.

Mir blieb aber nicht lange Zeit die Schiffe zu beobachten, denn unser Anker rollte noch draußen, etwa anderthalb englische Meilen von der Küste entfernt, in die Tiefe, und bald darauf erschien auch der Hafenmeister, ein dicker behäbiger früherer Capitän eines amerikanischen Schiffes, an Bord, und erkundigte sich nach unserm Befinden.

Der Leser muß übrigens nicht glauben, daß das eine bloße Höflichkeitsformel gewesen wäre, Gott bewahre, der Mann meinte es ernstlich, denn als er uns frug: »Wie geht es euch allen an Bord?« und ich ihm lachend antwortete: Dank, vortrefflich, und euch? – schüttelte er sehr bedeutend mit dem Kopf, und meinte, nein, so sey die Sache nicht verstanden, und er müsse in der That wissen, wie es mit unserer Gesundheit stehe.

Nun hatten wir allerdings befürchtet, daß Honolulu für die von San Francisco kommenden Schiffe eine Quarantäne haben möchte, da gerade auch in dieser Zeit die San Francisco-Zeitungen einen Weheruf über die in ihrer Stadt zunehmende Krankheit ausstießen, und mehrere Schiffe dicht vor uns abgegangen, also wahrscheinlich auch schon hier eingetroffen waren. In San Francisco hatten sie aber trotzdem unserer Jane Remorino einen ganz vortrefflichen Gesundheitspaß mitgegeben, und in Honolulu selber waren sie zu vernünftig, große Vorkehrungen gegen eine Seuche zu treffen, gegen die sie ihr vortreffliches Klima schon allein und viel vollständiger schützte. Nur Schiffe, die wirklich Cholerakranke an Bord hatten, wurden, wie ich glaube, einer kurzen Quarantäne unterworfen, da sich aber an Bord unseres Fahrzeuges alles glücklicherweise wohl befand (mit Ausnahme des Steuermanns, der noch etwas von den Folgen seines »stillen Soffs« litt), machte man auch nicht die mindeste Schwierigkeit, uns an Bord zu lassen.

In Ermanglung einer als Zeichen gelten sollenden weißen Flagge hißten wir ein allerdings schon etwas gebrauchtes Handtuch am Fockmast auf, und fuhren dann gleich nach dem Hafenmeister (der zugleich auch hier Lootse ist, und jetzt erst noch einige andere mit uns gekommene Schiffe besuchen mußte) an Land.

2. Honolulu und die Sandwichsinseln.

Zwischen den Korallenriffen, über denen sich die schäumende Fluth brach, und den schon im Hafen liegenden Wallfischfängern, schoß unser gutes Boot, von vier Matrosen gerudert, hin, und bald lagen wir an dem aus weißen rauhen Korallenblöcken behauenen Werft, wo eine bunte Schaar in die lebendigsten Farben gekleideter Eingeborner gleich über uns herfiel, und meine im Boot liegenden Habseligkeiten vor allen Dingen als gute Beute nach Gott weiß wie viel verschiedenen Hotels und Restaurants abschleppen wollte. Natürlich jagte ich sie gleich wieder an Land, und beschloß mich erst selber einmal nach einem Orte umzusehen, wo ich »mein Haupt hinlegen könnte« (lieber Gott, in der Nähe der vielen Missionäre fange ich schon selber an, Bibelstellen zu citiren), ehe ich mich den ungewissen Händen und der noch viel ungewisseren Ehrlichkeit dieser »christlichen Naturmenschen« überließ. Ich war übrigens erstaunt, hier schon so viel »Kultur« zu finden, denn in New-York oder Berlin hätten es die vereidigten und unvereidigten Kofferträger nicht um ein Haar breit schlimmer machen können. Die Kultur sollte ich aber noch viel weiter vorgerückt finden, denn wie mich zuerst das dem Anscheine nach unfruchtbare Aussehen der Insel bei der Annäherung überrascht hatte, so setzte mich jetzt wieder die, wirklich nicht geahnte Civilisation in Erstaunen, die ich überall fand. Ich war in dem Glauben nach Honolulu gekommen, eine noch ziemlich wilde Insel der Südsee zu finden, und ungestört in den Cocoswäldern mit den wilden Eingebornen umherstreifen zu können, und fand an dessen Statt, an der Stelle, wo ich eben diese üppige tropische Vegetation vermuthet hatte, nichts weniger als tropische Kegelbahnen, Billard- und Schenkzimmer, und so nüchterne Gesichter, wie ich sie mir nur in irgend einer großen Stadt Europa's oder Amerika's hätte wünschen können.

Doch nein, alles Eigenthümliche hatte der christliche Einfluß der Missionäre den Eingebornen doch nicht geraubt; die gelbbraune Haut, das schwarze lockige Haar, das funkelnde lebendige Auge, die raschen kräftigen Bewegungen und Gestikulationen hatten sie noch, und die wunderlichsten Gruppen begegneten meinem froh umherschweifenden Blick schon am Strand, wo eine ziemliche Anzahl theils an den Häusern herumkauerte, theils müßig stand, theils Früchte und Gemüse feilhielt, Kisten und Pakete schleppte, Handkarren zog, Ochsen trieb, Straßen reinigte und sich jedem weiteren Segen der Civilisation, allem Anscheine nach willig, unterzog.

Aber mir blieb nicht lange Zeit solche Betrachtungen anzustellen, denn vor allen Dingen mußte ich mich nach einem Aufenthalt für mich selber umsehen, zu welchem Zweck mir von einem deutschen Handelshaus dort das Hôtel de France, ein französisches Gasthaus, empfohlen wurde, und wenige Stunden später war ich auch dort schon vollkommen häuslich eingerichtet. Meine Sachen hinauf zu transportiren, erlaubte mir Herr Hackfeldt, ein früherer Schiffscapitän und jetziger sehr angesehener Kaufmann in Honolulu, seinen Güterkarren, und einige Kanakas, wie die dortigen Eingeborenen sich selber nennen, zu nehmen, und mich vorher nach dem Preis erkundigend, den ich ihnen etwa zu zahlen hatte, machte ich mich mit ihnen auf den Weg – hätte aber auf dem Marsch dorthin beinahe noch ganz unschuldigerweise einen Volksauflauf verursacht.

Ich trug nämlich eine Flasche mit in Spiritus aufbewahrten californischen Schlangen, Eidechsen, Käfern, Raupen, Spinnen u.s.w., damit sie auf dem Wagen nicht zu sehr geschüttelt werden sollten, in der Hand, und einer der »Kanakas« bekam die Witterung davon. Neugierig, wie sie alle sind, trat er rasch näher, die wunderlichen Dinge zu beschauen, andere, an denen wir vorbeikamen, mußten ebenfalls wissen um was es sich handle, und ehe zwei Minuten vergingen, hatte ich einen Schwarm von wenigstens fünfzig Menschen um mich herum, der jetzt wie eine Lawine anwuchs. Ich mußte die Flasche auf den Karren und zwischen das übrige Gepäck thun, und nur froh seyn, daß sich die Polizeidiener (deren es in Honolulu fast so viel gibt wie in irgend einer deutschen Stadt) der Sache schon thätig angenommen hatten.

Aber auch noch ein junger Weißer schien sich für die Gegenstände, wenigstens für einen Theil derselben, lebhaft zu interessiren. Es war dieß ein junger Bursche von etwa vierzehn oder fünfzehn Jahren, der, wie es schien, unter jeder Bedingung einen von meinen californischen Bogen und Köchern mit Pfeilen kaufen wollte, und sich nun unbeschreiblich erstaunt bezeigte, daß es Jemanden auf der Welt geben konnte, dem eine solche Sache nicht feil sey, noch dazu da ich zwei davon hatte. Endlich rückte er mit der Ursache heraus, weßhalb er die Gegenstände nicht allein zu haben wünschte, sondern haben müßte, er gehöre nämlich zu der Gesellschaft Kunstreiter – war ich denn auf den Sandwichsinseln? – die eben von San Francisco herüber gekommen wäre, und hier ihre Vorstellungen gäbe, und da er selber gerade beabsichtige, am nächsten Abend einen nordamerikanischen Wilden vorzustellen, so würde ich wohl einsehen, daß er das nicht gut ohne Bogen und Pfeile thun könne, und ihm einen der meinigen, sey es zu welchem Preis es auch wolle, überlassen möge. Da ich übrigens, selbst nicht einmal im Interesse der Kunst darauf eingehen mochte, mußte er seinen nordamerikanischen Indianer wirklich ohne Pfeil und Bogen reiten.

Ich logirte also im Hôtel de France (der Leser darf freilich nach dem Titel keinen europäischen Maßstab anlegen), und allerdings sehr gut, aber auch ganz nach californischen Preisen, nach denen sich überhaupt diese Insel, ihrer bedeutenden Verbindung mit San Francisco wegen, stark zu richten beginnt. Kost und Logis war 12 Dollars die Woche, der Platz aber sonst freundlich und luftig, und der Wirth, ein Franzose, artig und zuvorkommend.

Honolulu selbst ist ein kleines freundliches Städtchen, dem in den meisten Straßen Alleen von einem lindenartigen Tulpenbaum (hibiscus tiliaceus), der im Innern wild wächst, etwas ländliches oder sogar gemüthliches geben. Die Häuser sind meistens niedrig, aber großentheils mit Gärten versehen, hie und da ragen einzelne stattliche Cocospalmen empor, und die häufig vorkommenden palmenartigen Farren und sehr hübschen Oelnußbäume (aleurites tribola, dort Kui Kui oder Kukui genannt) geben dem ganzen Orte jenen tropischen Anstrich, der ihn für den Nordländer natürlich nur noch so viel interessanter macht. Manche glauben dabei, daß die Stadt noch an vielen Stellen durch die strohgedeckten Hütten der Eingebornen entstellt werde, gerade die aber waren es, die ich ungern in dem Ganzen entbehrt hätte, denn eben diese ganz aus Stroh oder Schilfgras aufgeführten Gebäude mit ihren geflochtenen Thürsimsen und glatt und fest bis auf den Boden hinunterreichenden Dächern, über denen die federartigen Farren und Bananen ihre breiten Blätter ausstreckten, und vor denen die sauber geflochtenen Matten lagen, bildeten den alten Urstamm der Gebäude von Honolulu, und all die andern aus China und den Vereinigten Staaten eingeführten hölzernen Häuser standen nur wie geduldete Fremdlinge zwischen den, sich dort, heimisch fühlenden Eingebornen.

Hie und da trifft man auch Steinhäuser, wie z.B. das Regierungsgebäude, mit seiner goldenen Krone über dem gewölbten Thor, und viele andere Privatwohnungen und Kirchen; durchschnittlich bestehen aber doch die meisten, besonders im Geschäftstheile der Stadt, aus Holz, und die Strohhütten bilden mehr die Vorstädte Honolulu's.

Die beiden festesten Gebäude – das Fort selbst nicht ausgenommen– sind jedenfalls das Zollhaus und einige Kirchen, sämmtlich aus Korallblöcken aufgeführt.

Hier muß ich mich vor allen Dingen mit dem Leser über den Ausdruck Korallen verständigen, der mir da nur zu leicht einen viel zu romantischen Begriff von dem, sonst roh genug aussehenden Baumaterial bekommen könnte; ich weiß wenigstens, wie es mir selber früher mit solchen Beschreibungen gegangen. Die Korallenart, die sich hier findet, ist die weiße, und steht allerdings, wenn in jungen Schößlingen angesetzt, zart und fein genug aus, mit ihren alabasterartigen Armen und Auszweigungen; mit der Zeit füllen sich aber diese Räume zwischen den Zweigen vollkommen aus, und bilden dann eine schmutzig weiße, sehr poröse und leichte, aber doch feste Steinmasse, die besonders viel Kalk enthält, und aus welcher auch Kalk gebrannt wird, während man die, so gut es gehen will, behauenen Steine oder Blöcke zu Werften, Mauern und Häusern verwendet. Dem Aussehen nach hat diese Korallenmasse Aehnlichkeit mit dem Tropfstein, nur daß sie nicht so fest und hart ist.

Dicht am Werft und nur eine kurze Strecke vom Fort entfernt, steht ein geräumiges luftiges Markthaus, ebenfalls von Stein aufgeführt; die Eingebornen sind aber so an ihre alten strohgedeckten Plätze, theils diesem gegenüber, theils in andern Theilen der Stadt gewöhnt, daß es wahrscheinlich erst eines ganz bestimmten Gesetzes bedarf sie dort, wo sie, wenn auch keinen bequemeren, doch gewiß reinlicheren Platz haben, hineinzubringen. Die bisherigen Marktplätze zeichnen sich durch nichts vor andern derartigen Orten südlicher Städte aus, ja selbst der Fischmarkt ist nicht besonders reichhaltig, und an Früchten sind diese Inseln so arm, daß gute Apfelsinen sogar von Tahiti hierher verschifft und mit Nutzen verkauft werden. Selbst die Apfelsinen aber, die hier wachsen, eine saure, sehr geringe Qualität, sind sehr theuer, jedes einzelne Stück kostete nach deutschem Gelde 2 ½ Ngr., Cocosnüsse 10 Ngr., und selbst für Bananen zahlte man das vierfache dessen, was man in Rio de Janeiro dafür zu zahlen hatte.

In demselben Verhältnis stand es mit den Kartoffeln, die der kalifornische Markt und der stets sich mehrende Bedarf dorthin auf eine wahrhaft unnatürliche Weise in die Höhe getrieben; überhaupt waren sämmtliche Lebensprodukte, besonders im letzten Jahre, auf eine für die dort anlaufenden Wallfischfänger besonders sehr unangenehme Weise gestiegen, und es bedurfte später fast noch eines vollen Jahres, ehe sie, durch die immer vergrößerte Einfuhr sowohl nach San Francisco, hauptsächlich aber durch den dort rasch steigenden Acker- und Gartenbau, wieder eben so rasch fielen, immer aber noch die auf die Kultur des Landes verwandte Arbeit reich vergüteten.

Wenn der Markt auch nicht selber, so haben doch die einzelnen, in der Stadt herumgehenden Verkäufer manches Eigenthümliche, die nach Art der Chinesen Alles, was sie zum Verkauf bei sich führen, an einem, etwa vier Fuß langen Stock und bis fast zum Boden niederhängenden Calebassen tragen, von denen die wieder, die den aus den Tarowurzeln bereiteten Brei oder Poë enthalten, mit eben solchen Calebassenstürzen bedeckt sind. Sie schlendern damit höchst gemüthlich durch die Straßen, oder kauern auch geduldig an den Ecken, bis sich ein Käufer findet.

Diese Händler, welche Früchte, Fische, Hühner, Truthühner, Schweinchen, Eier ec in der Stadt herumtragen, sind nur Männer, bei den Märkten halten jedoch auch Frauen feil. Der Hawaier oder Kanaka, wie er allgemein genannt wird, kann aber mit sehr wenig Arbeit auskommen; oft sieht man einzelne von ihnen, die mit einem Dutzend Eiern oder zwei Hühnern stunden-, ja tagelang in der Stadt herumlaufen, und mit einer fabelhaften Geduld immer wieder zu demselben Preis ihre Waare feilbieten – sie haben sich einmal den Preis gesetzt, und gehen nicht davon ab, und sollten sie auch genug Zeit versäumen, indessen noch dreimal so viel zu verdienen, bis sie ihn erhalten haben. Von dem Werth der Zeit scheint der Kanaka überhaupt nur einen sehr unvollkommenen Begriff zu haben, denn Leute die dort schon lange ansäßig sind, haben mich versichert, man könne bei ihm, und wenn er an dem entferntesten Theil der Insel wohne, die Produkte die er erzieht, um nichts billiger am eigenen Platze bekommen, als er im Stande ist, sie auf dem Markt von Honolulu zu verwerthen – die Tage, die er dazu braucht, sie dorthin zu schaffen, zu verkaufen und wieder zurückzukehren, rechnet er gar nicht.

Was nun den Volksstamm selber betrifft, so läßt sich da allerdings nach Honolulu kein vollkommener Maßstab mehr anlegen. Die Leute sind hier in moralischer wie physischer Hinsicht entartet, und Christenthum wie Wallfischfänger haben sich in die Hände gearbeitet (so verschieden diese beiden Begriffe auch sonst immer von einander seyn mögen) das arme Volk von der Erde so viel wie möglich zu vertilgen, oder was zurück blieb an Geist wie Körper zu Grunde zu richten. Es klingt das scharf und übertrieben, und die amerikanischen Geistlichen würden darüber die Hände über dem Kopf zusammen und die Augen zum Himmel aufschlagen, wenn sie es läsen – aber es ist leider eine Thatsache, die man nicht allein fühlt und empfindet, wenn man unter den Leuten selber wohnt, sondern die sich auch sogar durch statistische Tabellen auf die kleinste unbedeutendste Seele hinunter berechnen ließe.

Was nun die Eingebornen der Insel, vorzüglich die Oahus betrifft, so sind sie was man so »civilisirt« nennt. Die Männer tragen statt des sonst einzigen schmalen Schamgürtels, Hemden, und auch manchmal Hosen, und die Frauen gehen in bunten Cattun oder Seide gekleidet. Viele von ihnen können auch, Dank den wirklich thätigen – oft zu thätigen – Bemühungen der Missionäre schreiben und lesen, und zu thätig nenne ich sie deßhalb, weil sie an mehreren Stellen sogar anfingen Gesetze zu geben (natürlich Alles durch die Häuptlinge, später bis aufs Blut läugnend, daß sie selber auch nur das mindeste damit zu thun hätten), daß junge Leute, die einander heirathen wollten, nicht mit einander getraut werden durften, wenn sie nicht schreiben und lesen konnten. Welchen moralischen Einfluß ein solches Gesetz ausübte, läßt sich etwa denken, noch dazu wenn man die jetzige weibliche Bevölkerung der Inseln dabei sieht.

Die Bücher, die sie haben, sind ihnen von den Missionären übersetzt und geschenkt und bestehen, außer einigen Lehrbüchern, nur in religiösen – streng orthodoxen Schriften, die Bibel – ein circa 12–13 Zoll dickes Buch,– nimmt den ersten Rang darunter ein, denn ich zweifle nicht im geringsten, daß die Kanakas ebenso die meiste Achtung vor den dicksten Frauen, wie vor den dicksten Büchern haben werden, und wie es eine Riesenarbeit für die Missionäre gewesen seyn muß, dieses Buch in die Kanakasprache zu übersetzen (wobei nicht allein die einfache Uebersetzung nöthig war, sondern eine wahre Unmasse von Worten, ja selbst Wort laute erst förmlich für ihre Sprache erfunden und ihnen verständlich gemacht werden mußte), ebenso ist es jetzt sicherlich eine noch viel größere Arbeit für die Kanakas, das Geschriebene, das für sie von einer ganz fremden Welt handelt, zu begreifen und – zu glauben. Wir können ja das Beispiel nur an uns Christen selber nehmen, von denen kaum die Hälfte wirklich glaubt, und von dieser Hälfte kein Viertel wieder begreift, was es glaubt, während sich die Geistlichen der verschiedenen Sekten selber über Wortbedeutungen in den Haaren liegen. Was müßten die Folgen seyn, gäbe sich der Kanaka mit all seinen geistigen Kräften dem Studium dieser Lehren hin? Glücklicherweise ist er weit davon entfernt, sich die Bücher oder die Lehren sehr zu Herzen zu nehmen oder gar viel darüber nachzudenken, Einzelne natürlich ausgenommen. Er betet, wenigstens öffentlich, keine Götzen mehr an, zahlt und thut für seine Priester und Lehrer was sie von ihm verlangen, ist getauft worden und betrachtet sich nun als einen vollkommenen guten und »fertigen« Christen, der, wenn er stirbt, ohne weitere Vorrede in den Himmel und zur ewigen Seligkeit eingeht.

Erst in seiner letzten Stunde, wo er sonst seiner Auflösung mit froher Zuversicht, oder wenigstens mit Gleichgültigkeit entgegen ging, packt ihn das, was er von den ewigen Strafen der Christen gehört – er sieht meist nur den zürnenden Gott der neuen Lehre, für den er, wie er recht gut weiß, gerade nichts besonderes gethan hat, ihn sich zum Freunde zu machen, und Angst und Entsetzen vor dem nimmer endenden Strafgericht faßt ihn, bis ihn der mitleidige Tod endlich von sich selbst befreit, und ihm die Zweifel löst, die seine bange Seele in Nacht und Grauen gefangen hielten.

Die Herzen der Eingebornen mag übrigens der Eifer der Missionäre auf diesen Inseln vollkommen gebessert haben, das ist möglich; ich kann wenigstens das Gegentheil nicht behaupten, äußerlich hat er auf den Eingebornen aber wenig Einfluß gehabt, und ihn weder gebessert noch, veredelt. Die Indianer stehlen nicht, weil ihnen das unter den strengsten und unnachsichtlich ausgeführten Strafen verboten ist, sie betrügen aber wo sie können, und die Frauen? – mit Sonnenuntergang wimmelten in Honolulu die Straßen von bunt gekleideten Frauen und Mädchen, und Leute die dort ansäßig waren und das Leben kannten, versicherten mich daß unter allen diesen auch nicht Eine sey die nicht feil wäre. So viel was die Moralität dieser neuen Christen betrifft.

Der Leser wird aber auch etwas Näheres über Tracht und Aussehen der Eingebornen hören wollen, denn trotz Hawaiischen Ministern und Consuln sind das doch unbedingt die interessantesten Persönlichkeiten auf den ganzen Inseln, und jedenfalls verdient hier wieder das schöne Geschlecht die erste Erwähnung. Die Beschreibung der weiblichen Tracht dieser Inseln macht mir dabei keine Schwierigkeiten, denn sie ist einfach genug, und besteht nur aus einem Hemd und Oberkleid, das nach Art unserer deutschen Staubhemden gemacht, einzig und allein ziemlich dicht am Hals anschließt und bis auf die Knöchel in, weiten Falten niederfällt. Der Stoff und die Farbe dieses Oberkleides ist aber sehr verschieden: es besteht theils aus dem einfachsten, bescheidensten Kattun, theils aus kostbar schwerer Seide, immer jedoch in dem ganz gleichen einförmigen Schnitt. Manche tragen über diese noch seidene Shawls oder Tücher, das aber nur sehr wenige, und bloß die reicheren vielleicht, während jedoch irgend ein Haarschmuck keinem eingebornen Mädchen fehlt. Es ist dieß noch ein Ueberrest der alten Heidenzeit, und ein Glück daß die Missionäre nie erfuhren sie trügen diese Guirlanden und Kränze ihrer Lieblingsgöttin »Natur«, zu Ehren, sie wären sonst mit dem ganzen übrigen Bilder- und Götzendienst ebenfalls ausgerottet worden.

Dieser Haarschmuck ist allgemein, und die vorherrschenden Farben dabei sind gelb und roth und grün. Viele tragen Blumen und Kränze. Der eigentliche Originalschmuck der Insulaner besteht aber aus einem schmalen Band von geflochtenen gelb und rothen Federn, die sehr hoch unter ihnen geschätzt werden, da sie ihrer Seltenheit wegen schwer zu erlangen sind. Da es vielleicht zu kostspielig für alle war sich diesen Federschmuck zu verschaffen, alle aber einen Schmuck haben mußten, so ersetzte man die Federn häufig durch runde Binden von geschorener Wolle in diesen Farben, und diese kann sich jetzt jeder verschaffen.

Trotz den schönsten Kleidern und Haarputz gehen übrigens die meisten, ja fast alle barfuß, was allerdings für europäische Augen nicht recht zusammenpaßt.

Ihre Gestalten sind im allgemeinen – einige Ursandwicherinnen ausgenommen, die das gehörige aristokratische Gewicht haben – schlank, und ihr Gang ist leicht; auch haben die Gesichter etwas freundlich-gutmüthiges, und der bunte Schmuck in den schwarzen Haaren und die dunkeln Augen unter der gelbbraunen Stirn stehen ihnen gar nicht übel.