Pfarre und Schule. Eine Dorfgeschichte. Band I–II - Friedrich Gerstäcker - ebook

Pfarre und Schule. Eine Dorfgeschichte. Band I–II ebook

Friedrich Gerstäcker

0,0

Opis

Der Weltenbummler Gerstäcker, dessen ausgedehnte Reisen ihn durch Nord- und Südamerika führten, gehört zusammen mit Karl Mai zu den populärsten Autoren von Abenteuerromanen seiner Zeit. Gerstäcker veröffentlichte eine Vielzahl von Erzählungen, Romanen und vor allem Berichte über seine verschiedenen Reisen. „Pfarre und Schule” ist eine Dorfgeschichte, eine klassische deutsche literarische Arbeit. Aufregendes Detail machen das zu einem außergewöhnlichen Interesse.

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
czytnikach Kindle™
(dla wybranych pakietów)
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 719

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS



Friedrich Gerstäcker

Pfarre und Schule

Eine Dorfgeschichte. Band I–II

Warschau 2018

Inhalt

Erster Band.

Erstes Kapitel. Einleitung.

Zweites Kapitel. Flucht und Verfolgung.

Drittes Kapitel. Der Diaconus und der Hülfslehrer.

Viertes Kapitel. Parterre und erste Etage.

Fünftes Kapitel. Der alte Jäger.

Sechstes Kapitel. Die Hornecker Schenke.

Siebentes Kapitel. Die Pfarre.

Achtes Kapitel. Jägers Fritz und Schulmeisters Lieschen.

Neuntes Kapitel. Die Schule.

Zehntes Kapitel. Die Schulmeister.

Elftes Kapitel. Des Musikanten Tochter.

Zwölftes Kapitel. Die Gutsherrschaft.

Zweiter Band.

Erstes Kapitel. Die Kaffeegesellschaft.

Zweites Kapitel. Plan und Gegenplan.

Drittes Kapitel. Marie und Sophie.

Viertes Kapitel. Die Wilddiebe.

Fünftes Kapitel. Das Gefängniß.

Sechstes Kapitel. Ein Republikaner.

Siebentes Kapitel. Wie es in Horneck aussah.

Achtes Kapitel. Das Geständniß.

Neuntes Kapitel. Die Schulvisitation.

Zehntes Kapitel. Die Verabredung.

Elftes Kapitel. Wahlert und Kraft.

Zwölftes Kapitel. Die Begegnung.

Dritter Band.

Erstes Kapitel. Die Treibjagd.

Zweites Kapitel. Der Oberpostdirector.

Drittes Kapitel. Fritz Holke's Flucht.

Viertes Kapitel. Pastor und Schulmeister.

Fünftes Kapitel. Die Zeichnenstunde.

Sechstes Kapitel. Der heilige Abend.

Siebentes Kapitel. Die Sylvesternacht.

Achtes Kapitel. Pollers Rache.

Neuntes Kapitel. Der Brandstifter.

Zehntes Kapitel. Der Letzte der Strohwische.

Elftes Kapitel. Des alten Schulmeisters Lohn.

Zwölftes Kapitel. Schluß.

Erster Band.

Erstes Kapitel.

Einleitung.

Der Frühling des Jahres 1848 war gar außergewöhnlich früh und mild durch die starren, kalttrüben Winterwolken hereingebrochen, und hatte Felder und Fluren zu einer Zeit mit Grün bekleidet, wo diese sonst noch gewöhnlich unter bergender Schneedecke gleich sicher gegen bittere Nachtfröste wie eisige Nordweste geschützt lagen. Der Thau reinigte selbst die Gebirgsschluchten, in denen bei anhaltenderen Wintern manchmal wohl bis Anfang Mai frostige und schmutzig braune Schneeschichten gelegen, von jedem Nachzügler nordischen Herrscherthums, und Schneeglöckchen und Primeln küßten sich im Thal, und weinten perlende Freudenthränen, als die Lerche über ihren Häuptern emporstieg und dem sonnigen Himmelsblau ihre schmetternden Jubellieder entgegen wirbelte.

Aus dem Süden kam der ernste Storch und eilte mit raschem und immer rascherem Flügelschlag der Stelle zu, wo er im vorigen Jahre sein Nest gebaut und der jungen Brut das Fliegen gelehrt, und die Staare strichen von allen Seiten herbei, erzählten sich die bestandenen Abenteuer, die überstandenen Gefahren und Beschwerden, und schwatzten und zwitscherten und flatterten und schwirrten, daß die Sperlinge auf den Dächern ganz eifersüchtig wurden, und der ernste Rabe, der oben in der am Weiher stehenden Fichte saß, erst eine lange Weile mit dem Kopfe schüttelte, rechts und links hinunterschaute auf die lärmende Schaar, und dann mit langsam scharfem Flügelschlag dem stilleren Felde zustrebte, wo er mit den Brüdern gravitätisch hinter dem einsamen Pfluge herschritt, und sich aufmerksam die frischgewühlten Furchen betrachtete, was sie ihm neues und wohlschmeckendes zum Mahle böten.

Draußen im Raps lockte mit dem wehmüthigen Rufe das Rebhuhn; über die Raine und Feldflächen jagten sich spielend die Hasen; der Finke sang seine schmelzenden Melodieen im keimenden Wald; Huhn und Taube scharrten sich nicht mehr die kleinen Füße auf dem harten Erdboden wund und blutig, und über die Teichwiesen und den von Felsen umdämmten Fluß strich schwirrend und blitzschnell die Wildente hin, und suchte unter den dichten Zweigen und Dornen, die den kleinen Wald umhingen, Schutz und Verborgenheit.

Aber auch die Pflanzenwelt war nicht müßig; in gewaltiger Kraft brach sich das junge quellende Leben die freie fröhliche Bahn aus dem starren Holze; überall sproßten und schossen Halme und Gräser empor, die Blüthen schwollen in farbenduftiger Fülle und Tulpe und Hyacinthe, das stille Veilchen und die schüchterne Aurikel, und vor allen anderen das neugierig muthige Leberblümchen, das sich mit seinen herzig rothen Lippen oft schon Bahn selbst durch die Schneedecke bricht, erschlossen die würzigen Kelche und sandten Weihrauchopfer zu der freundlich über sie hingebeugten heiligen Pfirsichblüthe empor.

Und der Mensch?

Im Norden und Süden, im Osten und Westen der schönen deutschen Gauen, zwischen der erwachenden lächelnden Natur, unter den duftigen Blüthen und Knospen der Frucht- und Waldesbäume – strömte Blut; Barrikaden füllten die Straßen der sonst so friedlichen Städte, und hemmten den Verkehr – zerfleischte Leichen sahen stieren glanzlosen Blicks in die warme sonnige Luft hinauf, die für ihre Wange keinen fächelnden Hauch mehr hatte, und Verwundete mischten ihr Stöhnen und Schmerzenswinseln mit dem freudigen Jubelrufe der Frühlingsboten. Heeresmassen mit blitzenden Waffen füllten die Straßen, und Flammensäulen lodernder Gebäude leuchteten weit in die Nacht hinaus.

Auch in den Geistern der Menschen war es Frühling geworden, aber der Winter des kalten Zwangs und der starren Willkür hatte so lange, lange Jahre gedauert, daß es Gewalt brauchte, die übereisten Knospen zu brechen und die Banden zu lösen, mit denen die nach Freiheit Strebenden, Drängenden, so fest, ach so gar fest und streng umschlossen waren. Und die Glieder bluteten in der rasenden Kraftanstrengung, mit der sie sich dem, ihnen nur einmal dämmernden Lichte entgegen arbeiteten; aber »durch Nacht zum Sieg« tönte der Freiheitschrei, die Männer der Gewalt erbebten und die eiserne Bande, die Herzen und Arme des Volkes bis dahin gefesselt gehalten – borst.

In Deutschland war Frühling; aus Süden und Westen her wehte die frische belebende Luft herüber und vom nordischen und adriatischen Meer, vom Rhein und von der Donau zogen mit den fröhlichen Farben des Reichs, mit dem so lang verpönten und verschmähten Schwarz, Roth und Gold geschmückt, die Vertreter der Stämme zur Vorberathung des ersten deutschen Parlaments.

In Deutschland war Frühling, und in den Sitzen der bedeutenderen Intelligenz, in den größeren und bevölkerteren Städten, kochte und gährte es in Versammlungen und sich anschließenden Vereinen, in Ausbrüchen des Zorns und Ingrimms gegen verhaßte, des Jubels und Dankes gegen beliebte Bürger; wo die Waffen ruhten, nahm die befreite Presse den Kampf von Neuem auf, und jedes andere Interesse schwand in dem einzigen Worte Politik.

Anders und ruhiger zeigte sich dagegen noch die Wirkung in den kleineren, besonders den vom Hauptverkehr mit der geschäftigen wirkenden Welt mehr abgesonderten Städtchen und Flecken. Die Tagespresse hielt dort nicht den ruhigen Arbeiter in steter peinlicher Spannung des Kommenden, und imponirende Massen vermochten nicht von seinen Geschäften ihn loszureißen; wohl las er die Zeitung, aber meistens fand er hier nur wöchentliche Berichte, die das Geschehene ruhig erzählten, und deren enge Spalten keinen Raum ließen für weitere ausführliche Besprechungen und Pläne. Allerdings drang auch bis zu ihm der Ruf, einen Abgeordneten für das deutsche Parlament zu wählen, um auch ihre Stimme in Frankfurt, wo Deutschland stark und einig tagte, vertreten zu sehen, um auch ihren Wünschen, Forderungen und Beschwerden Worte zu geben, die nicht wirkungslos mehr im Papierkorb der Minister schlummern sollten. Aber sie begriffen größtentheils noch nicht die Wichtigkeit solcher Vertretung, sie wußten nicht, was man in Frankfurt, von woher ihnen bis dahin noch nie etwas Gutes gekommen, großes für sie ausrichten könne, und gleichgültig und schläfrig betrieben sie eine Sache, die ihrer ganzen ausschließlichen Energie bedurft hätte, um nicht als Fluch, statt als Segen auf sie zurückzuwirken.

Desto eifriger wurde aber dafür das, hier so plötzlich dem Ehrgeiz geöffnete Feld von allen denen benutzt, die nun, ob Beruf, oder nicht dafür im Herzen, Hoffnung zu haben glaubten, irgend einen Winkel Deutschlands für ihre Wahl bestimmen zu können. Besonders galt dies von einer Klasse Menschen, die sich gleich von vorn herein in den größeren Städten, oder da, wo man ihre bisherige Thätigkeit kannte, unmöglich wußten; diese stoben nach allen Seiten in kleine Städte und Ortschaften hinaus, stifteten Vereine, hielten Reden, haranguirten das Volk mit den Schlagwörtern des Tages und stürzten in Bierstuben und Tanzsälen Throne um und vernichteten Fürstenthümer.

Und war die Reaction so ganz müßig? That sie gar Nichts, dem Feuereifer der Republikaner entgegen zu wirken? Nein, wahrlich nicht; müßig keinen Augenblick, aber noch zu schüchtern, in der ersten Zeit wilder Begeisterung den Kampf auf offene unerschrockene Art zu beginnen. Der Begriff einer Reaction war auch noch zu wenig festgestellt worden, ja die meisten, dem zu raschen Fortschritt nicht geneigten, schienen sich kaum klar darüber zu sein, wie weit die Männer der Zeit eigentlich zu gehen beabsichtigten, und wie stark daher der Gegendruck sein müsse, sie zurück zu halten, ja ob nicht doch das Ganze am Ende nur ein einfacher Aufstand sei, der von dem Militair bald und rasch wieder unterdrückt werden könne, und dann – aber Berlin – Berlin – die dort umsonst abgefeuerten Kartätschen machten einen höchst unangenehmen Eindruck auf Jeden, der bis dahin an die Wiederherstellung des alten stillen Friedens geglaubt, und die höchst ungewisse Lage, in der man sich befand, ja wo sogar noch der Zweifel aufstieg, ob man die wirklich dagewesene Revolution auch eben so wirklich anerkennen solle oder nicht, vereiteltete jedes entschiedene und planmäßige Handeln. Nur die einzige Hoffnung blieb noch, im Geheimen und mit stillem unbeobachteten Wirken einen künftigen Sieg anzubahnen, und das schien um so nöthiger, da selbst ein großer Theil der Beamten, die große Majorität des Mittelstandes, ja sogar eine nicht unbedeutende Zahl der reicheren und intelligenten Bürger, zwar dem Wühlen der Hitzköpfe und unreifen Politiker nicht geneigt, aber doch zugleich auch fest entschlossen schien, sich die gegenwärtigen Errungenschaften zu wahren und gleich stark der Anarchie von unten wie von oben zu begegnen.

So lebendig nun also die Zeitverhältnisse in der Residenz des kleinen Landes, das ich mir zum Schauplatz dieser Erzählung ausersehen, besprochen wurden, wo Katzenmusiken und Fackelzüge anfingen zu den allergewöhnlichsten Begebenheiten zu gehören, so still und ruhig verhandelte man in dem, nur wenige Stunden davon entfernten Dorfe Horneck die Tagesfragen. Der ganze März war verflossen, und noch kein einziger Verein gegründet worden, die Nachrichten aus den benachbarten Reichen klangen den friedlichen Bewohnern wie Mährchen aus tausend und eine Nacht und sie hätten das Ganze am Ende nur ebenfalls wie eine Fabel und nicht einmal für möglich gehalten, wären nicht der Schulze und Gerichtsschreiber – Beides sonst ein paar sehr ernste und furchtbar strenge Gestalten, plötzlich so ganz unerklärbar freundlich geworden, ja selbst der Rittergutsbesitzer, ein unerhörter Fall, zweimal in eigener Person in die Schenke zu Biere gekommen.

Richtig war's nicht in der Welt, so viel stand fest, und umsonst steckten der Pastor und ihr Gerichtsherr auch nicht immer die Köpfe zusammen und lasen in Zeitungen, die sonst zu Horneck gar nicht gehalten wurden. Die Bauern fingen daher, durch dies Alles neugierig gemacht, selbst ein wenig mehr an, die sonst ziemlich vernachlässigten Berichte »von draußen her«, von Frankreich und Berlin und von Leipzig und der Türkei zu lesen, und in der Schenke gab dann ein Wort das andere. Die Köpfe wurden heiß, die Gemüther erregt, die Worte hitzig – Partheien bildeten sich und Leute traten auf, die mit donnernden Fäusten den erstaunten Zuhörern die Beweise auf den Tisch schlugen. Aber es blieb auch nur bei den hausbackenen einfachen Reden der Leute selber und die konnten weiter keine aufreizende oder bedenkliche Folgen haben, denn besonders der Landmann hält sich gern für eben so klug, als sein Nachbar, und glaubt das, was der ihm sagen kann, erst recht schon, und wer weiß wie lange, besser zu wissen.

Dem konnte auch der Pastor Scheidler, der sich überhaupt gleich von seinem ersten Amtsantritt her, viel um das Familienleben seiner Beichtkinder bekümmert hatte, leicht begegnen, und jedes Unheil und jede Störung durch Predigt und Wort abwenden, und nur erst, als die Zeitungen immer unaufhaltsamer kamen und die »Preßfreiheit« dem guten besorgten Mann doch etwas bedenklich wurde, da gründete er einen »Lesezirkel« und schickte seinen Diaconus hinein, um den Leuten die einzelnen Artikel auszulegen und ihnen, gleich an Ort und Stelle über verfängliche oder solche Sätze, die sie zu längerem Nachdenken zwingen könnten, Aufklärung zu geben.

Der einzige Mann vielleicht im ganzen Orte, der sich gar nicht um Politik bekümmerte und vollkommen damit zufrieden schien, wenn ihm der Hülfslehrer, der ihm im letzten Jahre beigegeben worden, nur manchmal Abends die »Neuigkeiten aus der Stadt« erzählte, das war der alte Schulmeister von Horneck, Sebastian Kleinholz, der seinen Jungen nach wie vor die zehn Gebote und das Ein mal Eins einprägte, und das Jahr 1848 mit einer wahrhaft gründlichen Verachtung behandelte. Mit der Revolution schien er aber nicht besonders einverstanden; der Pastor – sein Vorgesetzter, so lange er denken konnte – schüttelte stets, wenn er davon sprach, sehr bedenklich mit dem Kopfe, und der wußte was er that, denn der las alle Zeitungen von A bis Z und legte die Bibel aus, wie noch keiner vor ihm. Papa Kleinholz kümmerte sich übrigens nur wenig um die Außenwelt und mußte oft förmlich dazu gezwungen werden, wichtige neu eingelaufene Berichte mit anzuhören; ihm genügte es, daß in Horneck die Alten – noch die Alten blieben, und mit den Jungen – ei sapperment, da wollte er allein – heißt das mit dem Hülfslehrer – schon fertig werden.

Zweites Kapitel.

Flucht und Verfolgung.

Horneck lag in einer reizenden Gegend unseres schönen deutschen Gaues, an einem kleinen, aber malerisch gebetteten Strome, den wir die Rausche nennen wollen. Von hoher Bergeskuppe überschaute es weit und breit die benachbarten Thäler und die ausgedehnte Niederung, die sich gen Süden in flache fruchtbare Felder hinabzog, und dichte schützende Kieferkämme umdrängten den kleinen Ort gegen Norden, wo sie festen Schirm und Hort gegen die kalten Winterstürme bildeten. Tief unten aber rauschte und brauste der Strom über künstliches Wehr hinweg in das Bett hinein, das ihn der klappernden Mühle entgegenführte, und drüben am anderen Ufer, wo der Kahn so dicht und schaurig versteckt unter der frisch ausschlagenden Trauerweide lag, stand, von Buchen und jungem Eichenschlag fast verdeckt, die stille kleine Försterwohnung, mit dem blendendweißen Anwurf und dem schindelgrauen Dach, den mächtigen Hirschgeweihen über der Thür, zu denen der alte Forstmann bei jedem eine lange prächtige Geschichte erzählen konnte, und dem schmalen freundlichen Garten vor der Schwelle, in dem schon Tulpe und Aurikel blühte und die duftenden Veilchen das enge Rundtheil in der Mitte mit blauem reizenden Kranz umzogen.

Unten am Fuß des Berges, auf dem Horneck lag, standen von fruchtbaren Feldern und Wiesen gleich umschlossen und von dichten Obstgärten begrenzt, die Wirthschaftsgebäude des Rittergutes, das denselben Namen trug, oben aber, auf der höchsten Kuppe, ja selbst auf einem theilweis als Steinbruch benutzten Felskegel gebaut, der ihr auch großentheils aus seinem eigenen Selbst das Material zu den starken Mauern geliefert, ragte die kleine Kirche mit dem stumpfen abgerundeten Thurme hervor, und gewährte einen Fernblick selbst über die spitzen dunkelgrünen Wipfel des Nadelholzes hin nach den blauen zackigen Gebirgsrücken gen Norden, in denen die Rausche ihren Ursprung fand.

Die Pastorwohnung lag dicht unter der Kirche an der Nordseite, und eine enge in den Stein gehauene Treppe führte zu der kleinen Thür hinauf, durch die der Pastor das heilige Gebäude gewöhnlich betrat; an der Südseite dagegen schmiegte sich die Schulwohnung an und vor dieser vorbei führte auch der breite steile Fuhrweg selbst bis vor die Hauptthür der Kirche.

Der Diaconus wohnte mit in der Pfarre, der Hülfslehrer in einem kleinen Dachstübchen der Schule, das die Aussicht, über die unter ihr liegenden Dächer der Nachbarhäuser hinweg, gerade nach dem schattigen düsteren Schwarzholze hatte. Von der Schulwohnung aus führte ein kleiner schmaler Pfad dicht an einem niederen Kieferdickicht hin, wo sich die stachlichen Nadelzweige fest in einander schoben und ein Durchbrechen derselben fast zur Unmöglichkeit machten.

Auf dem Wege nun, der über die Felder bis weit an die oben gen Norden ziehende Straße lief, schritt, am Morgen des ersten April, wo die Sonne so recht warm und freundlich auf die Erde herniederschien, Vater Kleinholz, einen Spaten auf der Schulter, und für sein Alter noch rüstig genug, vorwärts, und rastete nicht eher, bis er an einen kleinen schmalen Streifen Feld kam in dessen einer Ecke, und dicht am Wege, ein mächtiger Steinblock wohl zwei Schuh hoch aus der Erde emporragte. An diesen lehnte er seinen Spaten, setzte sich selbst auf den Stein, und legte für einen Augenblick, wie ausruhend, die beiden zusammengefalteten Hände in den Schooß; sein Blick schweifte dabei prüfend über das kleine Stückchen Erde hinüber, das er sein nannte, und das noch starr und ungelockert, wie es der Winter gelassen, mitten zwischen den bestellten und wohl hergerichteten Feldern der Nachbarn lag.

»Ja ja,« sagte er da nach langer Pause, während er langsam und bedächtig dazu mit dem Kopfe nickte – »ja ja, ich kann es Meiers Frieden nicht verdenken, daß er mir den Zwickel hier nicht aufpflügen will – oder nicht kann, wie er meint; so mitten in Gräben drinn und hier noch den Stein, und da drüben den Wegweiser, da bleibt in der That kein Plätzchen, wo man Kuh oder Pferd umlenken könnte, und am Rande ist man auch immer gleich wieder. Nun mit Gott, dieß Jahr werden diese alten Knochen wohl noch im Stande sein, das bischen Arbeit zu thun, und im nächsten – na da laß ich vielleicht dem Hülfslehrer seinen Willen, der mich lange d'rum gequält hat – eigene Passion das – wer weiß – hm, ja – wer weiß, ob er's im nächsten Jahr nicht ohnedieß für sich selber bestellen muß.«

Der alte Mann zog seinen schwarzen, schon sehr abgetragenen Rock aus, faltete ihn sauber zusammen und wollte ihn eben neben sich auf den Stein legen, als sein Blick auf die deutlich hervortretenden hellblauen Näthe fiel, die dem sonst ganz schwarzen und ehrwürdigen Kleide ein eigenthümliches Ansehn gaben.

»Hm« sagte er, und betrachtete aufmerksam das abgenutzte Kleidungsstück – »der Färber hat mir die Montur doch nicht so recht ächt in der Kur gehabt, und der Müller guckt überall durch – das Blau muß eine sehr gute Farbe gewesen sein, daß es sich so durch das Schwarz hindurcharbeitet – ich wollte ich hätte den Rock gehabt, wie er neu war; mein Samuel soll mir doch einmal ein Bischen wieder mit Tinte nachhelfen – das hält eine lange Weile und sieht ordentlich gut aus; aber komm Sebastian, komm, der schöne Sonnabend vergeht und ich darf doch nicht wieder zu Hause gehen, ohne mich wenigstens ein Stückchen in die Ecke hier hineingestochen zu haben.«

Und vorsichtig, als ob er bange wäre von dem verwitterten Kleidungsstück vielleicht eine Ecke abzubrechen, legte er den Rock auf den Stein, griff nach dem Spaten, und war bald beschäftigt den, durch den letzten Regen ziemlich locker gewordenen und überdieß etwas sandigen Boden umzustechen.

Noch nicht lange hatte er so, dem Waldpfad den Rücken zukehrend, gearbeitet, als zwei Personen den kleinen Weg entlang kamen, und ruhig, von ihm unbemerkt, den eben erst verlassenen Platz auf dem Steine einnahmen. Es war ein Greis und ein junges Mädchen; beide bleich, und in anscheinend ärmlichen Verhältnissen, – das Mädchen aber auch noch von kränklichem Aussehn, mit blassen eingefallenen Wangen und glanzlosen Augen.

Sie mußte einmal recht schön gewesen sein, die arme Maid, weich und seidendicht schmiegten sich die langen nußbraunen Haare um die weiße, hohe und edelgeformte Stirn, dunkle und lange Wimpern überschatteten den Blick; auch ihre Gestalt war schlank und zart gebaut, und die Hand klein und zierlich wie der Fuß, aber die Elasticität der Jugend war aus der jugendlichen Form gewichen, und ernst und schwermüthig neigte sich das schöne bleiche Haupt.

Keines von beiden sprach ein Wort, der Alte aber, der eine in ein braunes Tuch gewickelte Violine unter dem Arme trug, stemmte diese jetzt vor sich auf den Stein, umklammerte sie mit beiden Händen, stützte dann sein Kinn oben darauf, schaute dem greisen Schulmeister eine ganze Weile schweigend zu und sagte mehr mit sich selbst redend, als zu dem Anderen gewandt:

»Auch ein sauer Stück Brod für weiße Haare – aber doch besser wie gar keins – ich kenne Leute, die recht gern grüben, wenn ihnen nur auch der Boden Kartoffeln trüge.«

Der Schulmeister richtete sich auf, schaute sich um, und blieb, die Rechte auf den Spaten stemmend, in eben der Stellung stehn.

»Guten Morgen, ihr Leute – woher des Weges?« sagte er tief Athem holend – »Ihr müßt früh aufgebrochen sein, wenn Ihr schon von Sockwitz kommt, und es liegt doch kein anderes Dorf mehr da hinüber zu.«

»Wir brauchten nicht zu warten bis der Kaffee fertig war« erwiederte ihm trocken und mürrisch der Alte, »da hält's nicht auf, wenn man morgens rasch fort will, das Frühstück hat uns auch nicht am Gehn gehindert.«

Es lag so viel Bitterkeit in dem Tone, mit dem der Fremde diese Worte sprach, daß der Schulmeister ihn lange mitleidig betrachtete; endlich ging er auf den Stein zu, auf dem sie saßen, nahm seinen Rock herunter, griff in die eine Rocktasche und frug, während er aus dieser irgend etwas in Papier gewickeltes herausnahm:

»Ihr seid wohl noch nüchtern liebe Leute? – ja, die Zeiten sind schlecht, und ein armer Mann muß sehn wie er sich durchschlägt; nun nehmt nur, ich finde was wenn ich wieder zu Hause komme.«

»Ihr seid der Schulmeister?« frug der Bettler, und schaute während er das Dargebotene zögernd annahm, etwas mißtrauisch nach dem schwarzen Rock hinüber, den Jener noch in der linken Hand hielt.

»Von Horneck,« bestätigte der Greis.

»Heißt Ihr Horneck?«

This is a free sample. Please purchase full version of the book to continue.

This is a free sample. Please purchase full version of the book to continue.

This is a free sample. Please purchase full version of the book to continue.

This is a free sample. Please purchase full version of the book to continue.

This is a free sample. Please purchase full version of the book to continue.

This is a free sample. Please purchase full version of the book to continue.

This is a free sample. Please purchase full version of the book to continue.

This is a free sample. Please purchase full version of the book to continue.

This is a free sample. Please purchase full version of the book to continue.

This is a free sample. Please purchase full version of the book to continue.

This is a free sample. Please purchase full version of the book to continue.

This is a free sample. Please purchase full version of the book to continue.

This is a free sample. Please purchase full version of the book to continue.

This is a free sample. Please purchase full version of the book to continue.

This is a free sample. Please purchase full version of the book to continue.

This is a free sample. Please purchase full version of the book to continue.

This is a free sample. Please purchase full version of the book to continue.

This is a free sample. Please purchase full version of the book to continue.

This is a free sample. Please purchase full version of the book to continue.

This is a free sample. Please purchase full version of the book to continue.

This is a free sample. Please purchase full version of the book to continue.

This is a free sample. Please purchase full version of the book to continue.

This is a free sample. Please purchase full version of the book to continue.

This is a free sample. Please purchase full version of the book to continue.

This is a free sample. Please purchase full version of the book to continue.

This is a free sample. Please purchase full version of the book to continue.

This is a free sample. Please purchase full version of the book to continue.

This is a free sample. Please purchase full version of the book to continue.

This is a free sample. Please purchase full version of the book to continue.

This is a free sample. Please purchase full version of the book to continue.

This is a free sample. Please purchase full version of the book to continue.

This is a free sample. Please purchase full version of the book to continue.

This is a free sample. Please purchase full version of the book to continue.

This is a free sample. Please purchase full version of the book to continue.

This is a free sample. Please purchase full version of the book to continue.

This is a free sample. Please purchase full version of the book to continue.