Keine Zeit für Beifall - Gabriele Herzog - ebook

Keine Zeit für Beifall ebook

Gabriele Herzog

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Opis

Es ist das Jahr 1968. Aufbruchstimmung in Europa. Der Prager Frühling, Studentenproteste in Paris und Polen, Demonstrationen in Westberlin…Walter Ulbricht und seine SED-Führungsriege versuchen alles, den auch in der DDR beginnenden Widerstand gegen das verknöcherte poststalinistische System im Keim zu ersticken. Lissy Berger, die Heldin des Romans, ist zu der Zeit gerade 19 Jahre und beginnt in Leipzig mit dem Studium der Theaterwissenschaften. Lissy glaubt an den Sozialismus als die bessere Gesellschaftsordnung und ist in ihrer jugendlichen Naivität felsenfest davon überzeugt, ihn mit demokratischen Mitteln reformieren zu können. Dann aber sickert in Leipzig durch, dass die historische Universitätskirche zu St. Pauli, deren Wurzeln bis ins 13. Jahrhundert reichen, abgerissen werden soll. Die Obrigkeit versucht Macht zu demonstrieren, in dem sie die „Überreste“ der Vergangenheit zugunsten einer sozialistischen Neugestaltung des Stadtzentrums beseitigen will. Wie viele Bewohner Leipzigs, sind auch Lissy und ihre Kommilitonen fassungslos. Es hagelt Proteste gegen die sinnlose Schändung der Kirche, die selbst die Bomben des 2. Weltkrieges überstanden hat. Die SED-Mächtigen geraten in Zugzwang. Sie manipulieren und bedrohen die gewählten Stadtverordneten und schaffen so die „demokratische Legitimation“ zur Sprengung der Kirche. Lissys Weltsicht gerät ins Wanken. Trotz aller Konsequenzen, die es für sie haben könnte, entscheidet sie sich dafür, diese Praktiken anzuprangern und gegen die Exmatrikulation ihrer Kommilitonen zu kämpfen, die durch einen Sitzstreik die Sprengung der Kirche verhindern wollten. Auch Lissys private Situation drängt auf eine Entscheidung. Bleibt sie bei ihrem zuverlässigen Schulfreund Mark oder stürzt sie sich in ein ungewisses, aber alle Sinne raubendes Abenteuer mit ihrem Kommilitonen Peter? Das Manuskript entstand im Jahr 1986. Die Brisanz des Themas jedoch verzögerte die Veröffentlichung. Erst im Herbst 1990 konnte der Roman erscheinen. Den DDR-Leser, dem das Buch Mut machen sollte, gab es zu dieser Zeit schon nicht mehr.

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Impressum

Gabriele Herzog

Keine Zeit für Beifall

Roman

ISBN 978-3-86394-277-9 (E-Book)

Die Druckausgabe erschien 1990 bei Verlag Neues Leben, Berlin.

Auf Wunsch der Autorin wurde die alte Rechtschreibung beibehalten.

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

© 2012 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Alte Dorfstraße 2 b 19065 Godern Tel.: 03860-505 788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.edition-digital.com

Fast die gesamte Handlung und ausnahmslos alle Figuren sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit realen Personen beruhten auf milieubedingtem Zufall.

1. Kapitel

Ich hatte es geschafft. Endlich! Der Zug war losgefahren, und das wirkliche Leben konnte beginnen. Eine Wonne für mich, in diesem dreckigen Abteil zu sitzen, inmitten meiner Plünnen, eingequetscht zwischen anderen Leuten. Fast hätte ich hurra geschrien. Aber ein kultivierter Mensch muß mit seinen Urtrieben anders fertig werden. Ich war voller Spannung und Erwartung. Mark hatte gesagt, ich mache mir Illusionen. Studium sei im Prinzip nichts anderes als Schule.

Wie konnte ein Mensch, den ich liebte, so etwas behaupten? Schon daß ich wegkam von zu Hause...

Nichts gegen Mama und Papa, aber endlich machen zu können, was mir gefiel! Essen, wann ich wollte! Schlafen bis mittags! Lesen die Nacht durch...

Und dann freute ich mich auf Leipzig. Je größer eine Stadt, um so lieber war sie mir.

Ich lehnte meinen Kopf an das wenig bequeme Rückenpolster und schaute aus dem Fenster. Der Zug passierte mit verminderter Geschwindigkeit den Bahnhof eines kleinen Ortes. Am Ende des Bahnsteiges hatte man ein Transparent aufgestellt. Überall in Städten und Dörfern prangte diese Losung:

50 JAHRE SOWJETMACHT - 18 JAHRE DDR

Die Republik war volljährig geworden.

Ich überlegte, ob sie es in den kommenden Jahren schaffte, diese Transparentomanie zu überwinden. Weder siegte der Sozialismus, noch blieb der Frieden erhalten, weil man es immer wieder an Mauern, auf Spruchbändern und Plakate schrieb.

Die letzten, etwas verstreut gelegenen Häuser des Ortes gerieten aus meinem Blickfeld.

Ich zog meine Reiselektüre aus der Tasche. Doch schon nach kurzer Zeit schlug ich das Buch wieder zu. Ich mußte an Mark denken. An sein trauriges Gesicht, seine fahrigen Bewegungen und seine überschwenglichen Liebesbeteuerungen, als wir uns voneinander verabschiedeten. Aber ich zog ja nicht los, um mir einen neuen Mann zu suchen! Natürlich, es wäre einfach Wahnsinn, könnten wir zusammen in einer Stadt studieren. Doch das war ausgeschlossen, damit mußten wir uns abfinden oder unsere Berufspläne an den Nagel hängen. Und davon konnte keine Rede sein. Ich wollte zum Theater. Unvorstellbar für mich, etwas anderes zu tun. Ich war überglücklich gewesen, als ich meine Zulassung für die Leipziger Hochschule in den Händen hielt.

Mark hatte es leider nach IImenau verschlagen. Die Aussicht, sich die nächsten vier Jahre nur an den Wochenenden und im Urlaub sehen zu können, machte auch mich nicht froh. Aber wir würden es durchstehen, was denn sonst?

Ja, wir hatten eine Alternative. Eine, um die uns vielleicht mancher beneidete und die wir trotz allen Kummers strikt von uns wiesen. Mark und ich hätten die Elektrowerkstatt seiner Eltern übernehmen und ihnen damit ihren schönsten Traum erfüllen können. Mark als umsichtiger Leiter des Unternehmens, ich im Büro sitzend, mit einer schmucken Dederon-Kittelschürze bekleidet und die Geschäfte führend. Na, Mahlzeit! Allerdings gab es einen Grund, warum ich für Vater und Mutter Krüger geradezu prädestiniert für eine Tätigkeit in ihrer Werkstatt schien. Ich besaß neben meinem Abitur auch ein Facharbeiterzeugnis. Ich war Industriekaufmann. Bloß dafür konnte ich nichts. Die Gewaltigen des zuständigen Ministeriums hatten befunden, ausnahmslos alle Schüler der erweiterten Oberschulen sollten vor dem Studium einen ordentlichen Beruf erlernen. Und so quälte ich mich vier Jahre lang eine Woche im Monat mit Betriebsabrechnungen, Ökonomie und Statistik. Immer noch überfiel mich regelrechte Panik, wenn ich daran dachte, mein Leben als Industriekaufmann fristen zu müssen. Und wie oft hatten die Lehrer uns dieses Schreckgespenst an alle Wände gemalt! Wenn ihr das Abitur nicht schafft, wenn es mit dem Studienplatz nicht klappt, ihr, die Schulabgänger des Jahres 1967, seid ganz hervorragend dran! Ihr besitzt den Facharbeiterbrief, ihr habt einen Beruf! An der Stelle hätte ich immer schreien mögen: Aber was für einen! Meine Eltern sagten, ich würde übertreiben, und zwar maßlos. Ich hielt ihnen entgegen, ob sie sich etwas anderes als ihr geliebtes gehaßtes Theater vorstellen könnten. Sie wären doch nicht lebensfähig bei einer anderen Arbeit. Wie kamen sie auf den Gedanken, ausgerechnet ich könnte mich mit einem Beruf abfinden, der mich anwiderte?

Der Zug bremste scharf. Ein vollgestopfter Campingbeutel fiel mir auf den Schoß und riß mich aus meinen Überlegungen. Der Besitzer des Gepäckstückes, ein etwa sechzehnjähriger Junge, der mir gegenüber saß, entschuldigte sich mit hochrotem Kopf. Leider unternahm er keinen Versuch, den Beutel wieder auf der Gepäckablage unterzubringen, sondern stellte ihn nach kurzem Zögern vor sich auf den Boden.

Nun gelang es mir nicht mal mehr, meine Beine auszustrecken. Aber solche Kleinigkeit verdarb mir nicht die Laune. Da hatte ich in den zurückliegenden Wochen anderes erlebt. Denn bevor ein normaler Mensch in unserem Land wirklich studieren konnte, mußte er sein Talent und seine Kraft zunächst bei der Kartoffelernte und in der Landesverteidigung beweisen. Zwei Unternehmungen, die bei mir noch im nachhinein eine Gänsehaut erzeugten. Ich hatte noch nie längere Zeit in einem Dorf verbracht, deshalb gestalteten sich für mich schon die simpelsten Dinge problematisch. So war es bestimmt nicht die feine englische Art, jeden Morgen aus dem Fenster zu klettern und auf die Dorfstraße zu pullern. Aber nach eingehenden Überlegungen stellte es sich für mich als die einzige Möglichkeit heraus. Sowieso hätten sie die Gänse meinetwegen nicht im Stall gelassen, selbst wenn es mir gelungen wäre, ihnen beizubringen, daß ich mich vor diesen Tieren fürchtete. Die Gänse mußten ins Freie, und mir hätte man beteuert, wie harmlos die wären. Nein, ich konnte ihnen nicht die Tragödie meines ersten Ganges auf das Hofklo schildern, ohne mich auf der Stelle dem Gespött des gesamten Dorfes auszusetzen.

Die Geschichte hätte sich zauberhaft erzählen, weitererzählen und ausschmücken lassen. Eine der Studentinnen saß auf dem Klo, das vorsorglich in paßgerechte Stücke gerissene Klopapier schon in der Hand, als durch einen heftigen Windstoß die Herzchentür aufschlug und der große Zuchtganter, als warte er genau darauf, nach selbigem Papier schnappte. Der Schreck der jungen Dame war so groß, daß sie zu keiner vernünftigen Handlung fähig war, also das Papier festhielt, was den Ganter wütend machte und kräftiger an den Papierstücken ziehen ließ, mit der Wirkung, daß die junge Dame durch diesen Ruck plötzlich kopfüber und hosenlos auf den mit den Exkrementen verschiedenartigsten Federviehs bespritzten Hof des Schweinemeisters fiel. Mehr brauchte es wohl nicht, um einen Menschen fertigzumachen! Der Kartoffeleinsatz wäre für mich gelaufen gewesen. Und das erste Studienjahr bestimmt auch. Nein, nein, ich kletterte morgens weiter aus dem Fenster und suchte für das übrige das Sozialgebäude der LPG auf. Ansonsten zählte ich die Tage, die Stunden und die Minuten bis zum Zeitpunkt meiner Erlösung von den Kartoffeln. So hatte ich mir die Angelegenheit nicht vorgestellt. Ich konnte mich kaum noch bücken, das aber war acht Stunden täglich angesagt.

Wir hatten zu zehnt in diesem Dorf kampiert. Im Prinzip das gesamte erste Studienjahr. Drei unserer künftigen Kommilitonen allerdings blieben aus uns unbekannten Gründen der Kartoffelschlacht fern. Die Glücklichen! Ich beneidete sie glühend. Aus Verzweiflung über die Kälte zog ich übereinander, was ich an Klamotten mit hatte, und war froh, Mark so nicht unter die Augen zu müssen. Ich staunte über Valerie, das Mädchen mit dem langen Kupferhaar, die auch auf dem Acker elegant wirkte. Valerie behauptete, sie friere nicht. Es fiel mir schwer, das zu glauben. Sicher war sie hoffnungslos eitel. Das sagte ich ihr aber nicht. Sie hatte mir auf den allerersten Blick gefallen und auf den zweiten auch, denn Valeries Kartoffelleseleistung glich der meinen. So bearbeiteten wir bald zusammen eine Reihe auf dem Acker. Zu zweit eine Reihe, unmöglich! Die anderen hatten jeder ihre eigene und waren uns trotzdem meist einige Meter voraus. Am arbeitswütigsten gebärdete sich Uwe, der Valerie und mir jedoch immer dann zu Hilfe kam, wenn sich der Abstand zu sehr vergrößerte. Valerie war zunächst die einzige, mit der ich mich anzufreunden versuchte. Die beiden anderen Mädchen unserer Kartoffeltruppe hießen Leni und Dorothea. Leni war klein, trug einen gewaltigen blonden Dutt und wirkte nur in ihrer Feldvermummung wie ein Pfannkuchen. Bei Dorothea spielte keine Rolle, was sie trug, sie hatte fünfzehn Kilo zuviel. Beide waren nicht ganz meine Wellenlänge, aber vielleicht änderte sich das mit der Zeit. Wir mußten uns ja alle erst kennenlernen und aneinander gewöhnen. Abgesehen von Reiner und Manfred, die, so schien es jedenfalls, schon seit dem Kindergarten miteinander befreundet waren. Die beiden bildeten ein komisches Pärchen. Wie im Film. Der eine, Reiner, klein und rund und der andere, Manfred, groß und schlank. Sowenig sie sich äußerlich glichen, so sehr stimmten sie in ihren Ansichten überein. Von Anfang an hatten sie keinen Zweifel aufkommen lassen, daß sie sich als die Führung unserer Mannschaft betrachteten. Uns Mädchen gegenüber sowieso, aber auch Uwe, Hans, Bernd und Gerd gegenüber fühlten sie sich überlegen.

Na, von mir aus! Eines Abends, in der Kneipe, mußten sie jedoch begreifen, wie sehr ihre Führungsrolle auf Einbildung beruhte. Die Rede war auf eine in der Presse als vorwärtsweisende und beispielgebende hochgelobte Fernsehserie gekommen. Und ehe irgend jemand von uns überhaupt nur den Mund aufmachen konnte, rissen Reiner und Manfred die Diskussion an sich und deklarierten ihre Meinung als die alleingültige. Sie sprachen - so stand es auch in den Zeitungen - von der Vorbildwirkung, die durch den Helden der Serie erzielt würde, vom "neuen Menschen", vom "neuen Arbeiter", der durch und in seinem Kollektiv gewachsen sei. Und so fort. Es blieb einige Sekunden still, dann folgte ein Sturm des Protestes. "Der neue Mensch, der neue Arbeiter, das Kollektiv, was ist denn das, erklär's mir mal", schrie der kleine Gerd mit seiner schrillen Stimme. Und Hans, der sich bis zu dem Zeitpunkt sehr zurückgehalten hatte, schimpfte den Helden einen Edelheroen, der nichts Menschliches an sich hätte. Nur Uwe versuchte, den beiden mit einem Hinweis auf die jeglicher Kunst immanente Vorbildwirkung zu Hilfe zu kommen. Aber Valerie unterbrach ihn und fauchte etwas von platter Propaganda. Und Dorothea fragte schließlich Reiner und Manfred in eisigem Ton, wie man sich mit solch schwachsinnigen Ansichten nur dermaßen aufspielen könne.

Ich konnte es Reiner und Manfred nicht beweisen, natürlich nicht, trotzdem glaubte ich ihnen kein Wort ihres positiven Urteils über das Fernsehspiel. Jeder, der gucken konnte, sah doch, wie da mit der Wurst nach der Speckseite geworfen wurde! Vorbildwirkung, na bitte schön, dann darf man aber nicht so tun, als sei ein dringender Wunsch schon die Wirklichkeit.

Mit den Arbeitern, die ich während meiner Facharbeiterausbildung im Betrieb kennenlernte, hatte der Fernsehheld jedenfalls soviel zu tun, wie ein Plasteweihnachtsbaum mit einem aus dem Wald. Nein, nein, so viel Gespür mußten meine beiden Kommilitonen doch haben! Aber warum verschwiegen sie ihre wirkliche Meinung?

Manchmal, wenn wir nicht ganz so kaputt von der Schinderei auf dem Feld waren, hatten Valerie und ich uns zu einem Spaziergang aufgerafft. Es gab da einen Pfad, der zwischen den Wiesen in einem großen Bogen um das Dorf führte. Von dort aus sah man auf die roten Ziegeldächer der Häuser und Scheunen, über die sich, wenn die Dämmerung aufzog, meist bläuliche Nebelschwaden legten. Fast eine Idylle.

Einmal seufzte Valerie und sagte: "Eigentlich habe ich mir die alle aufregender vorgestellt."

"Wen?"

"Unsere Kommilitonen. Bei einigen kommst du gar nicht darauf, daß sie mal zum Theater wollen. Opa Uwe zum Beispiel. Der ist schon sechsundzwanzig. Stell dir das mal vor! In drei Jahren spätestens trägt er Glatze. Oder Bernd, mit seiner Sozialversicherungsbrille. Wie 'n Hauptbuchhalter. Und das Schlimmste, kein einziger Mann. Notfalls Manfred ... "

"Notfalls Manfred", bekräftigte ich Valeries Eindruck, "mehr ist da nicht. Zu klein, zu dick, zu langweilig. Und der Hans kommt für uns nicht in Frage."

Valerie schaute mich irritiert an. Dann erzählte ich Valerie von Mark, der weder klein noch dick und schon gar nicht langweilig war, sondern mit seinen einsachtzig, seinen blauen Augen und schwarzen Locken ein Typ, um den mich die Mädchen in der Oberschule beneidet hatten. Ich beteuerte Valerie, daß sie also, was die Männerfrage betraf, meine Konkurrenz nicht zu fürchten hätte. Valerie lächelte und verkündete, diese müsse sie auch gar nicht fürchten. Ihre Selbstsicherheit verschlug mir die Sprache, und auf die Schnelle fiel mir keine passende Erwiderung ein.

Dabei wußte ich, daß ich zumindest nicht häßlich aussah. Ein Verdienst von Mark, der mir angedroht hatte, die Freundschaft zu kündigen, wenn ich nicht das Gejammer über meine Unzulänglichkeiten einstellte! Ich versprach, mich immer super zu finden. Manchmal fiel es mir schwer. Zum Beispiel wenn eine Frau mit einer tollen Brust kam und ich sah, wie alle Männer auf ihren Pullover starrten. Regelmäßig stolperte dabei einer über irgend etwas. Einmal lachte ich deshalb. Lange konnte ich den mitleidig-herablassenden Blick nicht vergessen.

Valerie bemerkte meine leichte Verstimmung und erklärte, was sie gemeint hatte: "Du und ich, wir können uns gar nicht in die Quere kommen. Du bist ein völlig anderer Typ."

"Weiß schon. Vorne nichts, hinten nichts ..."

"Für die heutige Mode hast du 'ne Idealfigur", versuchte mich Valerie zu trösten.

"Stimmt. Ein fetter Arsch paßt nicht in einen kurzen Rock. Aber mal werden die Röcke wieder länger. Und dann?"

"Das wird schon noch. Ißt eben ein bißchen mehr!"

Ich stöhnte: "Das hat meine Mama auch gesagt, obwohl sie es besser weiß. Wenn ich jemals zugenommen hätte, dann damals, als ich mit dem Tanzen aufgehört habe. Aber der Zug ist abgefahren."

"Warst du auf 'ner Ballettschule?" fragte Valerie.

Ich klärte sie über meine Ballettvergangenheit auf. Über meinen schönen Traum, die Prinzessin zu sein, den ich als kleines Mädchen hatte. Erzählte von Mama und Papa, die ihr Möglichstes versuchten, um mir das Ballett auszureden. Als Hobby ja, niemals als Beruf. Wie ich mich durchsetzte und zur Palucca-Schule kam. Und wie ich dachte, die Welt geht unter, als nach fünf Jahren alles vorbei war.

Natürlich sah ich das heute anders. Auch wenn mich bei jeder Ballettaufführung noch eine leise Wehmut überkam, unglücklich machte mich mein mangelndes Talent nicht mehr. Unglücklich wäre ich nur, hätte ich es nicht geschafft, auf irgendeine Weise doch zum Theater zu kommen. Als Theaterwissenschaftler würde ich zwar nicht auf der Bühne stehen, aber damit ließ es sich leben.

Der Schnellzug stand nun schon eine Ewigkeit auf dem Apoldaer Bahnhof. Ich öffnete das Abteilfenster, der erwartete Protest der Mitreisenden blieb aus. Frische Luft und der Lautsprecherlärm von den Bahnsteigen drangen herein. Keine der Ansagen betraf unsere Weiterfahrt. Da half nur Geduld. Zugverspätungen ließen sich ertragen...

Vom Acker ging's gleich in den Schützengraben. Appelle, Exerzieren, Sport, Tagesmärsche, touristische Übungen ... Nicht mal für ein paar Tage hatte man uns nach Hause gelassen. Und dabei sehnte ich mich so sehr nach Mark.

In dem Barackendorf in der Schorfheide, wohin sie uns verfrachtet hatten, waren etwa dreihundert Studenten verschiedener Hochschulen versammelt. Zu allem anderen Übel mußten wir Uniformen tragen! Und gegen dieses pludrig geschnittene Feldgrau war auch Valerie machtlos. Nichts mehr mit Eleganz. Nur abends durften wir die Kluft ablegen. Uwe und ich marschierten zudem noch jeden zweiten Tag nach dem Dienst zur Parteiversammlung, um die Ausbildungsergebnisse auszuwerten.

Auf jeder Versammlung nahm ich mir vor zu fragen, ob es nicht für alle nützlicher sei, für uns Studenten, für die Hochschulen, letztlich auch für die Volkswirtschaft, wenn wir, statt im Sand rumzukriechen, unsere Hintern auf die Lehrbänke pflanzten. Aber ich hatte keinen Mut dazu. Nur bei Uwe erkundigte ich mich, ob er das alles auch für so idiotisch hielt. Uwe seufzte und sagte dann: "Ist ja bald vorbei!"

Nicht nur Valerie, auch andere Kommilitonen wunderten sich, daß ich mit meinen neunzehn Jahren schon Genosse war. Auch für mich selbst kam damals, in der Oberschulzeit, meine Beförderung in den Kandidatenstand überraschend. Ich fand gar keine Zeit, ernsthaft darüber nachzudenken und mich mit dieser Tatsache auseinanderzusetzen. Das ging viel zu schnell. Kurz nach meinem achtzehnten Geburtstag stand nämlich der zwanzigste Jahrestag der Vereinigung der beiden deutschen Arbeiterparteien bevor. Man hatte die Idee, anläßlich dieser Feierlichkeiten jungen Leuten das Parteibuch zu überreichen. Irgendwer mußte auch mich vorgeschlagen haben. Eigentlich fühlte ich mich für diesen Schritt noch nicht erwachsen genug. Aber da mir Mama und Papa zuredeten, sträubte ich mich nicht lange. Mit sechs Jahren wurde ich Junger Pionier, mit vierzehn trat ich in den Jugendverband ein und mit achtzehn eben in die Partei. Ich fand es fast folgerichtig für jemanden, der auch im künftigen Leben die Absicht hatte, sich um mehr als seinen Schrebergarten zu kümmern.

Zwei "Höhepunkte" unserer Ausbildung waren mir in besonderer Erinnerung geblieben. Das war der Tag, an dem wir Theaterwissenschaftler Wache hatten. Wir sollten das Barackendorf bewachen, in dem wir wohnten. Vor wem, sagte uns niemand. Aber es mußten gefährliche Feinde sein, denn wir hätten sie gegebenenfalls mit Luftgewehren in Schach gehalten. Daß die Luftgewehre einen zugelöteten Lauf besaßen, konnte man nur bei näherer Untersuchung feststellen. Und näher wären unsere Widersacher nicht gekommen, denn eine Zweierstreife mit den besagten Gewehren über der Schulter, die tags alle vier und nachts alle zwei Stunden abgelöst werden sollte, patrouillierte pausenlos um das Gelände.

Und das war die letzte Nacht, in der die Abschlußübung stattfand. Unsere Aufgabe bestand darin, einen unschuldigen Hügel in der Umgebung im Sturmangriff zu nehmen. Anmarsch, anschleichen und - die gefährlichen Gewehre im Anschlag - die Eroberung mit Hurra-Gebrüll.

Die allergrößte Mühe hatten wir damit, ernst zu bleiben.

Auf dem Hügel gab es nur Kiefern und Blaubeersträucher zu erledigen!

Das Vehikel von Zug hatte sich inzwischen in Bewegung gesetzt. Langsam rückte mein Hochschulort näher.

Nach vier Wochen Kartoffelschlacht und vierzehn Tagen Geländespiel war ich dann endlich wieder für ein paar Tage zu Hause und in Marks Armen. Und es geschah fast ein kleines Wunder. Nach der langen Trennung verspürte ich eine solche Sehnsucht, daß ich nichts auf Marks Begrüßungsworte erwiderte, als er vor der Wohnungstür stand, sondern ihn nur stumm in die Wohnung, in mein Zimmer zog. Daß Mama nur einkaufen war, vergaß ich. Früher war es meist Mark gewesen, der zur Liebe gedrängt hatte, von mir aus kam selten der Impuls, mit ihm zu schlafen. Natürlich kostete es Mark keine Mühe, mit der für ihn neuen Situation fertig zu werden. Es gelang uns, die notwendigen Kleidungsstücke auszuziehen. Mehr nicht. Mich störten weder meine Strümpfe und Schuhe noch Rock und Pullover. Ich hatte nur eine ungeheure Angst, es würde aus irgendeinem Grunde nicht geschehen, etwas käme dazwischen.

Später sagte Mark: "Wenn ich dich heute noch fünfmal gehabt habe, bin ich wieder ein Mensch!"

Ich sah das genauso, und wir beschlossen, in Marks Mansardenzimmer umzuziehen. Dort, im Haus seiner Eltern, waren wir ungestörter. Und gestört wollten wir nicht werden, weder durch die eine noch durch die andere liebe Familie.

Wir zogen also los. Unterwegs kauften wir eine Flasche Wein. Die Leute, die uns auf diesem fünfzehnminutigen Weg begegneten, drehten sich alle nach uns um.

"Deinetwegen", stellte Mark fest.

"Deinetwegen", widersprach ich ihm. Schließlich einigten wir uns auf "unseretwegen".

Irgendwer von Marks Verwandten hatte anläßlich einer Familienfeier festgestellt, wir wären "ein schönes Paar". Diese Bemerkung verursachte mir Übelkeit, ich fühlte mich wie in einem Dreißigerjahrefilm. Die Dame mit bodenlangem Gewand aus fließender Seide, der Herr im Smoking. Und dann diese geschraubte Redeweise. Gnädige Frau und so weiter. Abgesehen mal davon, daß "schönes Paar" sehr stark nach Ehepaar klang. Und nach Heiraten stand mir nun wirklich nicht der Sinn.

Um zunächst unbemerkt ins Krügersche Anwesen zu gelangen, schlichen wir uns durch den Garten, in dem, wie stets in dieser Jahreszeit, Astern in vielen Farben blühten. Zum Glück fanden wir die Terrassentür unverschlossen und schlichen durch das Wohnzimmer in die Diele. In der Küche klapperte Geschirr, wir verständigten uns mit einem Blick, streiften die Schuhe ab und stiegen die Treppe hinauf, bis unters Dach. Die Treppe war aus Holz, ihr Geländer auffällig gedrechselt. Keine ihrer Stufen knarrte, das bewunderte ich immer wieder.

Zu unserem Erstaunen hatte sich die Mansarde in eine Baustelle verwandelt. Vater Krüger war also schon bei der Verwirklichung seines Planes, hier für uns eine Wohnung zu errichten. Zwei Zimmer, Küche, Dusche, Toilette. Einfach Wahnsinn. Wer bekam schon mit neunzehn eine Wohnung?

Noch sah es natürlich wüst aus. Aber das Durcheinander in Marks ehemaligem Bodenstübchen hinderte uns an gar nichts. Im Gegenteil. Wir kamen in eine Stimmung, in der wir Schutt, abgerissene Tapete, bereitgestelltes Material, Werkzeuge und die Kalk- und Zementsäcke, über die wir stolperten, ausgesprochen romantisch fanden. Marks gigantische Liege mußte als einziges Möbelstück den Umbau am Platze miterleben. Kein Mensch kriegte das Ding die sich nach oben hin verjüngende Treppe hinunter. Meine seit Jahren wiederholte Frage, wie der Apparat heraufgekommen wäre, konnte die Familie Krüger nicht beantworten.

Die Sache mit der Liege schien uns praktisch, mehr brauchten wir nicht. Das Regal oder der Schrank hätten weniger genützt. Den Wein tranken wir aus der Flasche.

Bald mußten wir uns eingestehen, daß sechsmal hintereinander kein Programm für Mitteleuropäer darstellt. Da half auch keine Ausnahmesituation wie die, in der wir uns befanden. Wer eine Woche nichts gegessen hat, kann nicht auf einmal ein ganzes Brot auffressen, obwohl er sich genau das vorstellt.

Und auch die nächsten Tage waren herrlich. Uns beschäftigte der Mansardenbau und die Liebe. Zum erstenmal hatte ich nicht ständig Furcht vor einer Schwangerschaft. Während der Schulzeit ein Kind zu bekommen, diese Vorstellung hatte mich tief erschreckt, das wollte ich um jeden Preis verhindern. Wir hatten die günstigsten Tage errechnet, chemische Substanzen zur Verhütung besorgt und für "danach" Spülungen bereitgehalten. Und der Gummiüberzug war natürlich unvermeidlich. Diese umfangreichen Maßnahmen hatten dazu beigetragen, daß ich dem eigentlichen Vorgang nicht viel abgewinnen konnte. Was mir viel besser gefiel, waren Zärtlichkeiten und nochmals Zärtlichkeiten. Hätte ich es nicht besser gewußt, sie wären für mich der Höhepunkt gewesen.

Nun endlich hatte ich es geschafft, mich ein wenig von meinen Ängsten zu befreien, und versuchte, meine Verkrampfung loszuwerden. Aber so etwas gelingt nicht von heute auf morgen.

Ein Blick aus dem Fenster bestätigte meine Ahnung, bis Leipzig würde es noch dauern. Von mir aus. Eigentlich hatte ich ja Zeit. Wenn's drauf ankam, bis morgen früh.

Ich angelte nun doch mein Buch wieder aus der Tasche und machte es mir gemütlich, so gut es eben ging.

2. Kapitel

Es war Ende Oktober geworden, als mich die Straßenbahn der Linie elf von Leipzigs Südosten in die Innenstadt zum ersten Seminar meines Lebens brachte. Ich war aufgeregt, schaute abwechselnd immer wieder auf meine Armbanduhr und in meinen Taschenspiegel und zupfte zum wer weiß wievieltenmal an meiner neuen Kordjacke herum, die mir Mama und Papa zum Studienbeginn geschenkt hatten. Ich atmete auf, als ich die Bahn verlassen konnte und es nur noch von mir selbst abhing, ob ich die Hochschule pünktlich erreichte. Einen Stromausfall oder einen Verkehrsunfall brauchte ich nun nicht mehr zu befürchten. Mamas Predigten, das Wichtigste für einen Theatermenschen sei Disziplin, hatten also doch Spuren hinterlassen, obwohl sie nicht nur mir, sondern auch Papa auf die Nerven gegangen waren. Und das wollte schon was heißen! Schließlich arbeitete Papa lange genug als Intendant und wußte, ohne Disziplin konnte er den Laden zumachen. Trotzdem sagte er zu Mama: "Gerda, gestatte mir, dich auf einen Irrtum aufmerksam zu machen. Das Entscheidende ist und bleibt das Talent."

Daraufhin schwieg Mama, und ihre graugrünen Augen verengten sich. Natürlich sah sie das mit dem Talent genauso, aber sie nahm meinem Vater übel, daß er ihre Erziehungsversuche ins Lächerliche zog. Denn nach Mamas Meinung waren Liederlichkeit, Unpünktlichkeit und Flatterhaftigkeit meine wesentlichen Eigenschaften, die es selbstverständlich zu bekämpfen galt. Eigentlich wollte ich sie auf die Ordnungszwei auf meinem Abiturzeugnis verweisen, aber ich hätte sie nur noch wütender gemacht. Papa stellte jedenfalls abschließend zu dem Thema fest, nach reiflicher Überlegung wäre er doch froh, daß ich, gemäß der Familientradition, auch beim Theater gelandet sei.

Das Wort Familientradition brachte mich zum Lachen. Als ob meine Vorfahren seit Jahrhunderten theaterspielend durch die Lande gezogen wären! Aus der ganzen Sippschaft hatte es nur Mama und Papa zur Bühne verschlagen.

Eine gute Viertelstunde mußte ich von der Straßenbahnhaltestelle noch durch Leipzigs "Musikviertel" laufen, um ans Ziel zu gelangen. Hier tragen die Straßen Namen berühmter Komponisten, hier sind die repräsentativen Bauten des ehemaligen Reichsgerichtes, der Universitätsbibliothek, der Kunsthochschule und der Musikhochschule. Bis 1943 hatte sich auch das Gewandhaus in dieser Gegend befunden. Jetzt war davon nur noch ein mit spärlichem Gras bewachsener Platz übriggeblieben. Dann endlich stand ich vor einem grauen, vierstöckigen Wohnhaus, das auch schon bessere Zeiten gekannt hatte. Hier war die theaterwissenschaftliche Abteilung meiner Hochschule untergebracht. Ich zögerte etwas, bevor ich das Gebäude betrat. Doch Angst? Lissy Berger, sagte ich mir, du bist eine Memme. Entschlossen stapfte ich also mit meinen hochhackigen Pumps die Treppe hinauf. Sowieso war an diesem Vormittag nur ein Einführungsseminar bei Dr. Schröder, so hieß unser Studienjahresbeauftragter und Ästhetikdozent, angesagt, und da kostete es bestimmt nicht den Kopf.

Im ersten Stock lagen die Unterrichtsräume, die man von einem breiten Korridor aus erreichen konnte. Ich durchschritt eine offenstehende zweiflügelige Tür und befand mich in einem größeren Wohnzimmer, in dem mehrere Reihen Tische und Bänke aufgebaut waren. Obwohl bis zum Beginn der Veranstaltung noch gut zehn Minuten Zeit blieben, hatten sich meine Kommilitonen schon versammelt. Außerdem entdeckte ich zwei mir unbekannte Gesichter.

Valerie hatte sich einen Platz etwa in der Mitte des Raumes ausgesucht und einen Stuhl neben sich frei gehalten. Ich setzte mich dorthin. Valerie stellte mir ihre Nachbarin vor: "Das ist Ulrike. Ulrike hat eine Tochter, und deren Betreuung hinderte sie glücklicherweise am Kartoffelbuddeln und an der Feindbekämpfung!"

Ulrike und ich lächelten uns kurz zu.

Die junge Mutter war etwas größer als ich. Ihre dunkelblonden Haare trug sie sehr kurz, was ihren Kopf klein und unscheinbar wirken ließ. Oberkörper, Taille und Hüfte gingen ohne besondere Markierungen ineinander über. Verdammt, ich wollte mich nicht immer von Äußerlichkeiten beeinflussen lassen.

Jemand streckte mir seine Hand zur Begrüßung hin und sagte: "Ich bin Winfried."

Ich erblickte einen riesigen Menschen mit den breitesten Schultern, die ich je gesehen hatte. Imponierend.

"Dich hat wohl das Boxen vor den Kartoffeln bewahrt?" fragte ich ihn.

Winfried schüttelte lachend den Kopf. "Das Schwimmen!"

Wir sahen uns kurz in die Augen und fanden uns auf Anhieb sympathisch.

Dann kam Dr. Schröder. Er war vielleicht vierzig, mittelblond, mittelgroß, also jemand, den man auf der Straße einfach nicht wahrnimmt. Kaum hatte er uns mit etwas steifen Worten begrüßt und seine Aktentasche vor sich auf den Tisch gelegt, als sich die Tür öffnete und ein merkwürdiger Typ ins Zimmer trat.

Dr. Schröder drehte sich etwas unwirsch um.

Der Ankömmling lächelte charmant, jedenfalls meinte er es wahrscheinlich so, und stellte sich als Dietmar Jansen vor.

Des Dozenten Stirnfalten glätteten sich wieder, er nickte und bedeutete dem jungen Mann, Platz zu nehmen.

Dieser Dietmar Jansen reizte mich zum Lachen. Er wirkte wie ein Hintertreppencasanova, wie aus einem Bilderbuch. Papa hätte ihn sofort in jeder Operette besetzt.

Wir erfuhren, daß unser Mitstudent sehr krankheitsanfällig war und sich deshalb von Anstrengungen wie Ernteeinsatz und GST-Lager hatte fernhalten müssen.

Dr. Schröder begann, uns mit einer Menge von Organisationskram zu belegen, und wir pinselten eifrig mit. Dann stopfte er die benötigten Unterlagen wieder in seine Tasche und setzte sich auf einen Stuhl. Er schlug ein Bein über das andere und lächelte uns zu, als er sagte: "Meine Damen und Herren, ich möchte nun ein kleines Spiel anregen, das allerdings weniger der Unterhaltung als unserem gegenseitigen Kennenlernen dienen soll. Ich schlage also vor, jeder von Ihnen erzählt von dem Ereignis, das ihn zum Theater gebracht hat. Einverstanden?"

Im Raum herrschte betretenes Schweigen. Dumm fand ich die Idee nicht. Ich überlegte, wer von uns den Mut fand zu beginnen. Reiner meldete sich, was mich kaum überraschte. Aber Reiner fragte Dr. Schröder nur, ob wir denn von ihm, dem Dozenten, auch das entscheidende Erlebnis erfahren würden.

"Sicher. Sie sollen und müssen ja auch etwas von mir wissen. Aber zunächst lasse ich Ihnen den Vortritt", antwortete ihm Schröder.

Reiner grinste und sagte: "Okay, fange ich an. Also, ick bin Berliner. Und alle Berliner lieben das Theater. Das ist geradezu ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit. Alle großen deutschen Theaterleute haben in dieser Stadt gearbeitet. Otto Brahm, Piscator, Brecht, die Weigel, Langhoff ..."

An dieser Stelle rief Uwe dazwischen: "Wenn man das Theater liebt, muß man das ja nicht gleich zum Beruf machen!"

"Gleich hab ich ja auch nicht", fuhr Reiner fort, "erst habe ich zwei Jahre Mathematik studiert, lange genug, um auszurechnen, daß ich ohne Theater vor die Hunde gehe. Na ja, so bin ich eben hier."

Als nächster hob - selbstverständlich - Manfred seine Hand. "Ich habe auch zwei Jahre Mathematik studiert. Mein Vater ist Naturwissenschaftler, mir blieb gar nichts anderes übrig ..."

Dorothea konnte einen tiefen Seufzer nicht unterdrücken und sah mitfühlend zu Manfred.

"... in Berlin habe ich dann Reiner kennengelernt. Wir haben Studententheater gemacht, erst einmal die Woche, dann zweimal, und irgendwann haben Reiner und ich überhaupt nichts anderes mehr gemacht. Leider wurden meine Studienergebnisse nicht entsprechend schlechter, und es gab einen Riesenaufriß, eh' sie mich aus der Mathematik entließen."

Nach einer kurzen Pause sagte Dorothea: "Mein Vater ist auch Naturwissenschaftler, präziser, Mediziner. Und nicht nur mein Vater, sondern meine Mutter, mein Onkel, mein Großvater, mein Bruder und meine beiden Schwestern ..."

Obwohl Dorothea bei dieser Aufzählung traurig aussah, gab es ein großes Gelächter.

"... und selbstverständlich stand für alle fest, was ich werden sollte. Für meine Familie ist Arztsein Berufung, undenkbar, sein Leben anders zu verbringen, als Kranken zu helfen. Aber ich kann kein Blut sehen. Mein Großvater empfindet dieses Handikap noch heute als persönliche Kränkung. Und mein Vater sagte irgendwann wütend, dann soll sie eben Statistik studieren. Was Beknackteres konnte er sich nicht vorstellen. Aus Trotz hab ich's getan. Genau drei Wochen hielt ich es aus, dann bin ich ins Schweriner Theater gegangen und hab den Leuten dort was vorgeheult. Schließlich stellten sie mich ein. Erst Requisite, später sogar als Regieassistent. Beim Weihnachtsmärchen."

Von Dorothea hatte ich mir falsche Vorstellungen gemacht. Allerdings tat sie, nicht nur was ihr Äußeres betraf, eine Menge, damit nur ja keiner ihre Zugehörigkeit zu einem Ärzteclan erraten konnte.

Nach Dorothea meldete sich Hans. Er fuhr sich mit einer auffälligen Handbewegung durch sein langes blondes Haar. Wollte er damit seine Frisur in Ordnung bringen, oder war es Ausdruck seiner Verlegenheit? Ich sah, wie Reiner Manfred zugrinste.

"Kunst ist das, was mich am Leben erhält", begann Hans in seinem leicht affektierten Tonfall, "folgerichtig interessierte ich mich für anderes kaum. Man kennt ja so was, mäßig in der Schule und diese Dinge. Ich begann mich auszuprobieren, zunächst auf dem Gebiet der Malerei. Das entwickelte sich für mich zu einer unbefriedigenden Angelegenheit ... Jetzt möchte ich es im Theaterbereich versuchen."

Dann fand sich niemand, der fortsetzen wollte. Dr. Schröder entschloß sich schließlich, selbst zu erzählen.

"Ich bin in einem kleinen Dorf in der Mark Brandenburg aufgewachsen. Giesenbruch hatte damals wie heute etwa hundert Einwohner. Der Unterschied besteht darin, daß diese Leute heute in ihrer Freizeit vor dem Fernseher sitzen, früher haben sie Theater gespielt. Mit Leidenschaft, jung und alt, alles machte mit. Das Repertoire war umfangreich. Wir schreckten vor nichts zurück ..."

"'Der Raub der Sabinerinnen'!" rief ich und merkte, wie mir die Röte ins Gesicht schoß. Aber Schröder fühlte sich durch meinen Zwischenruf nicht gestört.

"... nichts mit Striese! Schiller, Goethe, Kleist. Alles, was sich an Reclamausgaben im Schrank von Gastwirt Olmen fand. Übrigens der einzige im Dorf, der überhaupt Bücher besaß. Für die Stückauswahl waren nicht Inhalte entscheidend, sondern ob die geforderte Personage besetzungsmäßig abgedeckt werden konnte. Also, nicht zu viele Leute. Und möglichst im mittleren bis Greisenalter und selbstverständlich mehr Frauen als Männer. Den größten Mangel gab es an jugendlichen Liebhabern, besonders später dann, im Krieg. Aber gerade in der Zeit wollte sich keiner das Theaterspielen nehmen lassen. Es galt also zu improvisieren. So mußte ich den Ferdinand geben. Ich war dreizehn, 'meine' Luise, die sitzengebliebene Tochter vom Schäfer, fünfundzwanzig und einen Kopf größer ..."

Die Hälfte meines Studienjahres fand Schröders Anekdote lustig. Den anderen erging es anscheinend wie mir, uns dauerte der arme Schiller.

"Ein Segen", fuhr der Dozent fort, "es kam niemals zur Premiere. Bei jeder Liebesszene, die ich mit Luise spielen mußte, befiel mich ein nicht enden wollender Schluckauf. Das ganze Dorf nahm mir das übel, aber ich war machtlos dagegen. Daß ich nicht völlig in Ungnade fiel, verdankte ich meinen früheren Verdiensten. Seit meinem elften Lebensjahr hatte ich nämlich die Rollenauszüge für jedes Stück, das aufgeführt werden sollte, von Gastwirt Olmens Reclambändchen abgepinselt. Eine Wahnsinnsarbeit, die mir aber mehr Spaß machte, als Karnickelfutter zu holen oder die Ställe auszumisten. Und so bin ich zu diesem Beruf gekommen."

"Also, ich habe keine Stücke abgeschrieben", erklärte nun Valerie, "sondern welche gedichtet. Ich kann das mit ruhigem Gewissen zugeben, denn sie liegen nicht schriftlich vor. Schreiben konnte ich damals noch nicht, bloß Kaspertheater spielen. Und die Kinder aus der Nachbarschaft wollten nicht immer Rotkäppchen sehen. So habe ich mir selber Geschichten ausgedacht. Die haben allen gefallen, auch meine Verwandtschaft war begeistert. Irgendein Onkel, ich höre es noch wie heute, sagte: Die Kleine ist zur Künstlerin geboren ..."

Alles prustete los, aber Valerie geriet dadurch keineswegs außer Fassung. Mit sicherer Stimme redete sie weiter: "Natürlich wußte ich nicht, was das bedeutete, Künstlerin. Aber wenn ich nun schon dazu geboren sein soll ..., muß ich mich ja schließlich dieser Sache stellen."

Ich drehte mich zu Valerie um und sah den Schalk in ihren Augen. Einige jedoch nahmen Valeries Worte ernst. Und Manfred starrte Valerie hingerissen an, so hatte ihn ihr Charme fasziniert.

Dann räusperte sich Uwe. "Mach ich mal weiter", sagte er, räusperte sich ein zweites Mal und begann, etwas stockend seine Geschichte vorzutragen. Obwohl er der Älteste von uns war, fiel es ihm schwer, seine Hemmungen zu überspielen. Wir erfuhren von Uwes zweijähriger Tätigkeit als Lehrer für Deutsch und Kunsterziehung. An seiner Schule hatte er mit allen Mitteln und gegen alle Widerstände versucht, seinen Unterricht so zu gestalten, daß er den Schülern Spaß machte. Über die Lehrpläne setzte er sich hinweg, sooft es sein mußte. Und der große Krach ließ nicht lange auf sich warten. Dann seien von beiden Seiten Fehler gemacht worden, gab Uwe zu. Nach ewigem Hin und Her stimmte man schließlich seiner Entlassung aus dem Schuldienst zu.

"Da hat er aber Glück gehabt", flüsterte Dorothea Gerd zu.

"Wahnsinniges Glück", bestätigte Uwe, der das gehört hatte.

"Für mich war es viel schwieriger, dort raus-, als an der Theaterhochschule anzukommen."

"Pauker bleibt Pauker. Guck ihn dir doch an", raunte Gerd seinerseits Dorothea zu. Aber die zuckte nur die Schultern.

Ich fand, Gerd hatte wahrhaftig keinen Grund, sich über das Aussehen anderer Leute zu mokieren.

Als nächste nahm sich Ulrike das Wort.

"Im Gegensatz zu meinem Vorredner", begann sie, "hatte ich Schwierigkeiten, hier immatrikuliert zu werden. Ich brauchte drei Anläufe. Ich hätte es aber auch ein viertes oder fünftes Mal versucht ..."

Ulrike trug, was sie zu sagen hatte, ernsthaft und gemessen vor. Möglicherweise entstand dieser Eindruck auch durch ihre langsame, fast pedantische Sprechweise.

"... Seit meiner frühesten Kindheit habe ich mich für Kunst und Literatur interessiert, zunächst aus dem einfachen Grund, weil das ein Gebiet ist, was man in meiner Familie nicht nur nicht im Bewußtsein, sondern sogar tabuisiert hat. Erwischten sie mich mit einem Buch, gab es Schimpfe und Schläge. Ins Kino ging ich heimlich. Das nächste Theater lag hundert Kilometer entfernt, aber irgendwie schaffte ich es immer wieder, mir Aufführungen anzusehen. Ich konnte es kaum erwarten, achtzehn zu werden und zu Hause auszuziehen. Dann suchte ich mir eine Arbeit, schickte meine erste Bewerbung an die Hochschule und trat in die evangelische Kirche ein. Zur Religion hatten meine Eltern ein ähnliches Verhältnis wie zur Kunst, folgerichtig wurde ich Christin. Heute bin ich meinen Eltern dankbar, ihre nicht zu überbietende Borniertheit hat mich zur richtigen Berufswahl getrieben und zu einer Weltanschauung, mit der ich leben kann."

Ulrikes Statement blieb nicht ohne Wirkung auf uns. Sekundenlang herrschte Stille. Ich fand es couragiert, daß sie sich so offen zu dem bekannte, was ihr wichtig war. Oft hatte ich erlebt, daß Menschen nur ihres Glaubens wegen Mißtrauen entgegengebracht wurde. "Der oder die ist in der Kirche" - dieser Satz reichte manchmal aus, jemanden zu charakterisieren und abzustempeln.