In tiefsten Schichten - Bernd Niquet - ebook

In tiefsten Schichten ebook

Bernd Niquet

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Opis

Wenn ich mein Projekt, Entwicklungsprozesse einmal in Gänze und in allen Facetten darzustellen, tatsächlich erfolgreich abschließen will, darf ich jetzt nicht mehr haltmachen. Auch wenn es wehtut. Bernd Niquet wurde 1956 in Berlin geboren und lebt noch immer dort. Im Rahmen der Serie »Wichtige und bisher liegengebliebene Themen und Fragestellungen« ist von ihm bereits als Band 1 »Die bewusst herbeigeführte Naivität« erschienen.

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Bernd Niquet

In tiefsten Schichten

Engelsdorfer Verlag Leipzig 2015

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Titelfoto human body © adimas (Fotolia)

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015

www.engelsdorfer-verlag.de

Meinem Freund André Simonoviescz gewidmet, mit dem ich das Glück hatte, siebenunddreißig Jahre meines Lebens sehr eng zu tun zu haben, von 1971 bis 2008.

„Meine Geschichte aber ist mir wichtiger als irgendeinem Dichter die seinige; denn sie ist meine eigene, und sie ist die Geschichte eines Menschen – nicht eines erfundenen, eines möglichen, eines idealen oder sonstwie nicht vorhandenen, sondern eines wirklichen, einmaligen, lebenden Menschen.“

Hermann Hesse, „Demian – Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend“

„Is it me, for a moment?

The stars are falling.

The heat is rising.

The past is calling.”

Pete Townshend, The Who,

“Quadrophenia”

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Zitate

(Erster Abschnitt) Die große Schneekatastrophe 1978/79

(Zweiter Abschnitt) Wirbelsäulenmechanik

(Dritter Abschnitt) Unterhalb der Nachweisgrenze

(Vierter Abschnitt) Freud

(Erster Abschnitt) Die große Schneekatastrophe 1978/​79

Die große Erleichterung kam in dem Moment, als ich merkte, dass tatsächlich niemand aus meinem Familienkreis oder von meinen Freunden und Bekannten meine Bücher liest. Zuerst war das natürlich eine Enttäuschung, doch plötzlich ergaben sich auf diese Weise Freiheiten, an die ich vorher niemals ernsthaft geglaubt hatte. Denn von nun an konnte ich tatsächlich endlich ungeniert und in unverstellter Form über all die Dinge schreiben, die mit ihnen und mir zu tun haben und die für mich große Bedeutung besitzen.

Heute traue ich mich daher in Gefilde, die ich vorher ausgespart habe. Denn es gibt ja ohnehin kein Zurück mehr. Wenn ich mein Ziel, das ich schon so lange verfolge, nämlich Entwicklungsprozesse einmal in Gänze und in allen Facetten darzustellen, tatsächlich realisieren möchte, darf mich jetzt nichts mehr aufhalten. Egal, wie sehr es schmerzt.

Das befeuert nun allerdings die ohnehin schon existierende Paradoxie, dass ich nämlich im Grunde genommen gar nicht will, dass das, was ich schreibe, einem allzu großen Leserkreis bekannt wird. Kurzzeitig bin ich deshalb sogar auf die Idee gekommen, mein neues Buch zwar drucken zu lassen, aber nicht zu veröffentlichen.

Urplötzlich hatte sich nämlich eine Erkenntnis in mir breit gemacht, die vorher schlichtweg undenkbar für mich gewesen ist. Sie lautet: Ich muss doch keine Bücher veröffentlichen! Nichts und niemand zwingt mich, das zu tun! Bisher habe ich zwar seit 1998 jedes Jahr ein neues Buch herausgebracht, aber das ist ja keine Pflicht.

Und ich fange an, durchaus Geschmack an dieser Überlegung zu finden. Ich denke, das würde mich in einer weiteren Weise erleichtern. Ich nehme mir das jetzt beim Schreiben einfach einmal vor, mal sehen, wie ich darüber denke, wenn ich fertig bin.

Mit meinem letzten Buch habe ich die Reihe „Wichtige und bisher liegengebliebene Themen und Fragestellungen“ begonnen und dort über die Instabilität meiner Zukunftserwartungen geschrieben. Wie ich in nahezu allen wichtigen Wirtschafts- und Gesellschaftsthemen immer wieder zwischen Zuversicht und Pessimismus hin- und herschwanke.

Als ich mich jetzt an meine Erinnerungen und damit an die Vergangenheit heranmache, merke ich, dass es hier prinzipiell nicht viel anders aussieht. Auch die Einschätzungen der Vergangenheit sind einem stetigen Wechsel unterlegen. Versuche ich, diese Erkenntnis zu Ende zu denken, muss ich konstatieren, dass anscheinend die Vergangenheit nicht in eindeutiger Weise zu erschließen ist, so wie wir uns das eigentlich vorstellen. Sie ist vielmehr einem ähnlichen Wandel der Wahrnehmungen und Einschätzungen unterworfen, wie das hinsichtlich der Zukunft der Fall ist.

Alles hängt also an den jeweiligen Bewertungen, und Bewertungen sind prinzipiell variabel und immer subjektiv, egal, in welche zeitliche Richtung sie verlaufen. Und sie verändern sich mit den Veränderungen des Bewertenden selbst. Auf diese Weise ergeben sich dann teils wundersame Situationen, wie beispielsweise die Einschätzung, dass sich zwar nahezu alles im Leben komplett geändert hat, aber dennoch irgendwie gleichgeblieben ist. Oder, dass sich trotz weitgehender Konstanz der eigenen Welt oft genug heftige Veränderungen in ihr ereignen.

Eine Differenzierung ist dabei jedoch wichtig: Bei jeder Beobachtung der Gegenwart bin ich so sehr in sie eingespannt, dass es mir niemals gelingen kann, einen vollständigen Überblick über sie zu erlangen. Und für die Zukunft gilt diese grundsätzliche Begrenzung der Erkenntnisfähigkeit natürlich noch in stärkerem Sinne. Betrachte ich hingegen die Geschichte, dann ist dort die damalige Gegenwart bereits gelebt und liegt somit als feststehendes Erkenntnisobjekt vor. Die Frage ist nur, wie nahe wir diesem Objekt kommen können.

Trotz aller Schwierigkeiten, die dabei auf uns lauern, ändert das nichts an der Tatsache, dass aus diesem Grunde jegliche Art von Wahrheit wesentlich eher in der Vergangenheit als in der Gegenwart aufgespürt werden kann.

Der Professor meines Wahlfaches Wirtschaftsgeschichte an der Universität hat mich damals mit einem Zitat des Historikers Kurt Borchardt bekannt gemacht, dass ich seitdem tief in mir abgespeichert habe. Es lautet: „Man lernt nicht nur aus der Geschichte für die Gegenwart. Man lernt immer auch aus der Gegenwart für die Sicht der Geschichte.“

Nach so langer Zeit grabe ich diese Sätze heute wieder aus. Und ich denke: Also los, mal sehen, ob das beides stimmt?!

*

Denke ich an meine Vergangenheit als Ganzes, rückt sofort ein Thema in den Mittelpunkt, das ich vorher überhaupt nicht gesehen habe und das mich plötzlich in unvermittelter Weise sehr aufwühlt. Denn es ist nicht nur so, dass ich niemals selbständig über meine eigene Familienplanung entschieden habe, ich habe früher sogar nicht einmal bemerkt, dass es so etwas gibt und dass es daher dringend geboten sein könnte, sich irgendwann darum zu kümmern.

Diese Entwicklung ist in Gänze an mir vorbeigelaufenen. Zu dem Zeitpunkt, an dem ich die wichtigste Auswahl meines Lebens hätte treffen müssen, war ich also weder in der Lage dazu noch habe ich überhaupt gesehen, dass eine derartige Entscheidungssituation anstehen könnte. Das ist natürlich ein vernichtender Befund. Heute könnte ich darüber weinen. Gleichzeitig staune ich aber auch, dass ich trotzdem gelandet und nicht abgestürzt bin.

Es war nicht alles schlecht.

*

Mitten im Hochsommer des Jahres 2014 gerate ich in eine Fernsehdokumentation über den katastrophalen Wintereinbruch Ende Dezember des Jahres 1978 hinein. Damals sind, so der Film, in Norddeutschland Schneemengen heruntergekommen, wie es sie seit Menschengedenken nicht gegeben hatte.

Es sei die größte Naturkatastrophe in dieser Region in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und der DDR gewesen. Große Teile Schleswig-Holsteins und Mecklenburg-Vorpommerns wurden von der Außenwelt abgeschnitten, Straßen waren unpassierbar, die Züge blieben stecken und der Strom fiel aus. Besonders der damals zur DDR gehörende Nordosten Deutschlands wurde stark getroffen.

Zu Beginn der Reportage liege ich kuschelig und ahnungslos in meinem Bett. Ich denke daran, dass bei der Hitze draußen so eine Kälte momentan natürlich etwas Wunderbares wäre, und ich überlege mir, was wir damals in Berlin davon eigentlich mitbekommen haben.

Doch es dauert nicht lange, dann ist alles von einem auf den anderen Moment komplett verwandelt, denn ganz abrupt begreife ich, dass es genau diese Wetterkatastrophe gewesen ist, die meinem Leben damals einen entscheidenden Schlag versetzt hat.

Die Meteorologen sind sich einig, eine Schneekatastrophe in Norddeutschland ist ein äußerst seltenes und ungewöhnliches Ereignis. Und in dem damaligen Ausmaß ist sie tatsächlich zu dem geworden, was die Statistiker einen „Schwarzen Schwan“ nennen, nämlich ein Ereignis, das eigentlich nicht eintritt.

Und ich kenne auch etwas, was es nicht hätte geben sollen, und was ohne dieses Ereignis auch nicht passiert wäre.

Ende Dezember 1978 herrschten in Europa außergewöhnliche Temperaturunterschiede. Milde und extrem feuchte Luft vom Atlantik traf auf aus Skandinavien und Russland kommende Kaltluft. In Schweden gab es Temperaturen von mehr als minus 40 Grad, wohingegen in Süddeutschland kurzzeitig der Frühling ausgebrochen war und bei plus 15 Grad viele Skigebiete mitten in der Hochsaison wegen Schneemangel ihren Betrieb einstellen mussten.

Im Laufe des 28. Dezember begann es dann auf einer Linie von Schleswig-Holstein bis zur Insel Rügen zu schneien, während südlich davon noch Regen fiel. In der Nacht kam heftiger Wind auf, und aus dem dichten Schneefall wurde ein Schneesturm, der fünf Tage lang mit Windstärke zehn über das Land fegte.

Viele Orte waren jetzt überhaupt nicht mehr erreichbar. Meterhohe Schneeverwehungen blockierten sämtliche Straßen und Schienenwege. Selbst Hubschrauber konnten bei diesem Wetter nicht mehr fliegen. Überall wurde die Armee eingesetzt, im Westen kämpfte sich die Bundeswehr und in der DDR die NVA und die Sowjetarmee mit Panzern zu den Abgeschnittenen durch. In der DDR erwies sich die Katastrophe als ungleich größer, weil durch das Lahmlegen der Braunkohletransporte im Lausitzer Bergbaurevier, nahezu im gesamten Land die Strom- und Fernwärmeversorgung zusammen brach.

Und bei uns in Berlin? Was ist bei uns gewesen?

Bei uns hat der Schneefall meiner Erinnerung nach in der Neujahrsnacht begonnen. Da ist dann auch bei mir der erste Unfall passiert. Der zweite ließ sich hingegen noch etwas Zeit, erwies sich im Endeffekt jedoch als weit gravierender. Dazu bedurfte es allerdings noch der zweiten Schneewelle zum Anfang Februar dieses verhängnisvollen Winters 1978/​79.

Damit war dann das Szenario gesetzt. Und die Folgen werden auch noch über meinen Tod hinaus Wirkung zeigen.

*

Das Silvesterfest des Jahres 1978 habe ich zum ersten Mal nicht in privatem Umfeld gefeiert, sondern bin mit einer Truppe von Freunden in einem Lokal in Dahlem gewesen, wo wir auch ansonsten oft hingegangen sind. Ich glaube allerdings, das war damals eine Notlösung, weil wir ansonsten nichts Vernünftiges wussten.

An diesen Abend besitze ich keine speziellen Erinnerungen und weiß nur, dass es ziemlich spät geworden ist, ich sehr betrunken war und trotz des Schneefalls mit dem Auto nach Hause gefahren bin. Und ich weiß, dass mir diese Geschichte jetzt nicht unbedingt schmeichelt. Über sie habe ich denn auch vorher noch mit niemandem geredet, außer mit einem damals sehr guten Freund. Selbst meinem Vater, mit dem ich ansonsten alles besprochen habe, habe ich das niemals erzählt.

Damals war ich zweiundzwanzig und bereits sehr geübt darin, betrunken Auto zu fahren. Irgendwie gab es da bei mir keine Hemmschwelle, ich habe den Ernst meiner Entscheidung nie gespürt. Es war ja auch immer gut gegangen. Und selbst wenn ich so viel getrunken hatte, dass ich doppelt sah, wusste ich, dass ich dann nur das linke Auge schließen musste, denn das rechte war es, das die Wirklichkeit korrekt abbildete.

In der Kurve kurz nach dem U-Bahnhof ist es dann trotzdem passiert. Ich war zu leichtsinnig, es hat mich aus der Kurve getragen, der Wagen kam ins Schleudern, drehte sich einmal und ist in einen parkenden Wagen hineingerutscht.

Plötzlich war es dann total still. Ich steige aus und blicke mich um. In den naheliegenden Häusern bleibt alles dunkel. Auf der Straße kommt kein Auto an mir vorbei und nirgendwo ist ein Mensch zu sehen. Der Schaden scheint nicht so schlimm zu sein. Bei meinem Auto hat sich die vordere Stoßstange verzogen, und bei dem VW-Käfer, mit dem ich kollidiert bin, ist der Kotflügel eingedrückt.

Schnell steige ich wieder ins Auto ein und fahre weiter. Zwei Querstraßen weiter halte ich an, stelle das Auto ab, laufe zurück und schaue mich noch einmal um. Jetzt sehe ich, dass ein paar abgerissene Gummiteile meiner Stoßstange auf der Straße liegen. Ich sammele sie ein und nehme sie mit.

Immer noch ist weder irgendwo Licht zu sehen noch ein Mensch oder ein vorbeifahrendes Auto.

In diesem Moment denke ich, da habe ich wohl noch einmal Glück gehabt.

Wenn ich jetzt die Polizei rufen würde, überlege ich, würden die natürlich sofort merken, dass ich zu viel getrunken habe. Das kostet mich dann auf lange Zeit meinen Führerschein. Hinzu käme, dass ich jetzt ja bereits Fahrerflucht begangen habe.

Meine Güte, denke ich heute. Doch es ist mir damals sogar noch geglückt, unerkannt, ohne erwischt zu werden, mein Auto nach Hause zu bringen. Dort parke ich das Auto so, dass man die kaputte vordere Stoßstange nicht sehen kann. Trotzdem werde ich am nächsten Tag von einem Hausbewohner darauf angesprochen. Doch er scheint zu verstehen und insistiert nicht.

Der Neujahrsabend ist dann einer der schrecklichsten Abende, den ich je erlebt habe. Normalerweise genieße ich es sehr, mich am Abend nach einer ausgiebigen Feier bereits früh im Bett zu verkriechen und genüsslich fernzusehen, besonders wenn es draußen schneit und drinnen richtig kuschelig ist.

Doch an diesem Abend finde ich keine Ruhe. Ich stehe unter Hochspannung, kann mich weder auf die Nachrichten noch auf den anschließenden Film konzentrieren, und erwarte eigentlich minütlich das Klingeln der Polizei an meiner Haustür, die mir offerieren wird, mich ertappt zu haben.

Doch es passiert nichts. Nur in mir, da turbuliert es. Und mich quält ein verflucht schlechtes Gewissen, denn ich habe jemandem Unrecht getan, ihn Geld gekostet und ihm Mühe bereitet. Ich habe sein Auto beschädigt und bin einfach abgehauen, nur um mich selbst zu retten. Und so etwas macht man einfach nicht.

Ich spiele mit dem Gedanken, noch einmal zum Unfallort zurückzukehren und ein paar Geldscheine an den beschädigten Wagen zu klemmen. Doch wie soll das funktionieren? Die fallen doch wieder ab oder werden von jemand anderem genommen. Und was ist, wenn man mich dabei beobachtet? Mein Gewissen lastet auf mir und ich fühle mich absolut nicht wohl in meiner Haut. Doch irgendwie überstehe ich den Abend dann doch.

Der nächste Tag, der 2. Januar 1979, ist ein Dienstag. Zum Glück sind da die Läden und Werkstätten wieder offen. Ich treffe mich schon früh mit meinem Freund und parke mein Auto unerkannt bei seinen Eltern in der Garage. Anschließend fahren wir zusammen mit seinem Wagen zu einer Vertragswerkstatt für mein Auto, um dort eine neue Stoßstange und ein Blinkerglas zu kaufen. Mehr ist zum Glück nicht kaputt gegangen. Und das sollten wir wohl allein reparieren können.

Meinen Wagen in eine Werkstatt zu geben, kommt natürlich keinesfalls in Frage. Die Polizei, so überlege ich, wird diesen Fall mittlerweile bestimmt bereits aufgenommen haben und wahrscheinlich routinemäßig bei allen Fahrerfluchten Hinweise auf das Verursacherfahrzeug und seine möglichen Beschädigungen an alle Werkstätten durchgeben.

Ich bin meinem Freund extrem dankbar für seine aufopferungsvolle Hilfe, doch ich habe ihm selbst auch schon oft geholfen, als er in Kalamitäten steckte. Wir brauchen allerdings tatsächlich zwei Tage und rackern hart, denn Hilfe von außen in Anspruch zu nehmen, verbietet sich ja. Die kaputte Stoßstange sitzt so fest und ist so blöde verzogen, dass wir beinahe schon aufgegeben hätten. Am Ende glückt es dann aber doch. Und hinterher sieht man wirklich nichts mehr.

Zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben habe ich mich deshalb sogar bei meinem Arbeitgeber krank gemeldet, ohne es wirklich zu sein. Ich bin riesig froh, tatsächlich so glimpflich aus der Sache herausgekommen zu sein. Das schlechte Gewissen bleibt jedoch bestehen.

Heute überlege ich, ob es nicht vielleicht auch dieses Ereignis gewesen ist, dass zu den diffusen Ängsten geführt hat, an denen ich jahrzehntelang geknabbert habe? Dass mich jemand unangemeldet aufsucht oder ich in dem, was mir wichtig ist, gestört werde.

Ich weiß natürlich gut genug, dass vergleichbar unspektakuläre Dinge, die trotzdem lange nachwirken, eigentlich in der frühen Kindheit liegen müssten. Es wird also nicht viel an diesen Überlegungen dran sein. Ich könnte mir jedoch gut vorstellen, dass dadurch alte Ängste in mir verstärkt oder wiederbelebt wurden, die schon weit länger in mir schlummerten.

Das wirklich traumatische Erlebnis lag damals allerdings noch vor mir. Dagegen verblasst die Unfallgeschichte vollkommen. Und ich merke, wie es richtig weh tut, da jetzt heranzugehen.

*

Der ganze Schlamassel begann mit einem abgesagten Fußballspiel. Das bildete den Anfangspunkt und gewissermaßen den Auslöser für alles Weitere. Es war nicht direkt die Ursache, bildete aber den Ursprung. Denn ohne diese Spielabsage wäre das alles nicht passiert.

An diesem Tag hatte ich noch stärkere Lust aufs Fußballspielen als sonst. Denn es gibt in der Tat nichts Besseres, als auf Schneeboden Fußball zu spielen. Doch dann kamen wir am Platz an und sahen sofort, dass das Flutlicht nicht eingeschaltet war. Ich weiß nicht mehr, was der Platzwart gesagt hat, doch ich bin mit einigen Mitspielern aufs Spielfeld gegangen, und das war zwar zum großen Teil mit festem Schnee bedeckt, doch am Rand gab es ein paar nasse Stellen und Eisschollen.

Am Samstag davor bin ich wie an jedem Samstag bei meiner Freizeittruppe gewesen, da waren die Bedingungen weit schlechter, doch wir haben natürlich trotzdem gespielt, wie immer. In den gesamten fünfunddreißig Jahren, die ich dort mitgemacht habe, kann ich mich nicht erinnern, dass wir auch nur ein einziges Mal nicht gekickt hätten. Einmal gab es sogar gefrorenen Boden, auf dem riesige Pfützen mit Eiswasser standen. Na und? Da waren wir dann wohl auch nur vier Leute und haben zwei gegen zwei auf kleine Tore gespielt, aber immerhin haben wir uns überhaupt bewegt und abgekämpft.

Doch hier, im organisierten Spielbetrieb des Berliner Fußballverbandes, galten andere Gesetze. Und diesen hatten wir uns mit der Betriebssport-Mannschaft meiner Bank natürlich unterzuordnen. An diesem Tag wollte, wenn ich mich richtig erinnere, der Schiedsrichter nicht anpfeifen, weil er den Boden für gefährlich hielt. Und das war es dann. Wir mussten unverrichteter Dinge wieder abziehen.

In diesem Moment fühlte ich mich unsagbar schlecht. Wie ein Tier im Käfig, das seinen Auslauf nicht bekommen hatte. Die Absage hat mich hart getroffen, weil ich mich ganz besonders auf dieses Schneespiel gefreut hatte. Meine Mitspieler und der Gegner haben es dagegen vergleichsweise leicht genommen. Bei denen hieß es sogleich: Dann gehen wir eben in die Kneipe!

Ich fühlte mich in einem Maße unausgelastet, dass es fast wehtat. Ich brauchte das einfach, mich zwei Mal in der Woche bis zum Letzten auszupumpen. Ich brauchte das für mein Gleichgewicht. In dieser Hinsicht bin ich komplett anders gewesen als die anderen. Die haben ja auch im tollsten Spiel oft nur das Nötigste gemacht. Ich hingegen musste immer so viel rennen, dass ich anschließend total erschöpft war. Erst dann habe ich mich richtig zufrieden und glücklich gefühlt.

Doch es half nichts, ich hatte mich den Realitäten zu fügen und bin schließlich mit ein paar anderen in diese Kneipe am Stuttgarter Platz mitgefahren.

Wann ist das genau gewesen? Ich suche dazu meine Fußball-Unterlagen heraus, die seit der damaligen Zeit unberührt in meinem Erinnerungsschrank lagern und an die ich immer schon einmal herangehen wollte, aber nie die richtige Gelegenheit dazu gefunden habe. Jetzt aber ist diese plötzlich da.

Ich finde zwei dicke Schnellhefter, in denen ich alles zu den Spielen unserer Betriebssportmannschaft gesammelt habe. Im April 1976 hatte ich meine Ausbildung zum Bankkaufmann begonnen und kurz danach den Kontakt zur Fußballmannschaft aufgenommen. Als ich dann im Herbst 1978 mit der Ausbildung fertig war, habe ich die gesamte Organisation des Spielbetriebs übernommen, was auch erklärt, warum sich so viele Unterlagen angesammelt haben.

Doch es sind nicht nur die Schreiben mit den Spielansetzungen, die ich aufgehoben habe, ich hatte mir damals auch einen Bogen entworfen, auf dem ich bei jedem Spiel den Gegner, das Datum, unsere Aufstellung, das Ergebnis, unser Punkt- und Torverhältnis, die Torschützen und sogar noch eine Bewertung aller eingesetzten Spieler notiert habe. Und zwar für den gesamten Zeitraum von 1978 bis zum Jahr 1982, als ich bereits an der Universität war und deshalb mit den Betriebsfußball aufgehört habe.

Ausgefallene Spiele habe ich allerdings nicht vermerkt. Doch das macht nichts, denn ich verfüge noch über einen weiteren Schatz, den ich aus diesem Anlass ebenfalls zu heben gedenke. Seit dem Jahr 1974 führe ich nämlich Terminkalender, in denen ich alle meine Verabredungen eingetragen und zudem die wichtigsten Unternehmungen notiert habe. Vierzig Kalender sind das jetzt. Und da werde ich bestimmt fündig werden.

Doch bevor ich mich dem Schrecklichen widme, schaue ich erst einmal in Ruhe die Fußballunterlagen durch. Wir haben damals, im Jahr 1979, in der Staffel B der 4. Klasse der Berliner Betriebsfußball-Liga gespielt. Und wir verfügten wirklich über perfekte Bedingungen, denn uns stand an jedem Montag zu der genialen Zeit von 18:40 Uhr auf dem Hubertussportplatz in Berlin-Grunewald ein wunderbarer Kunstrasenplatz mit Flutlicht zur Verfügung. Und die Bank hatte uns einen ganzen Satz phantastischer Trikots gesponsert, in leuchtendem Orange und Blau.

Erstaunlich finde ich heute, dass wir trotz des vielen Schnees zum Jahresanfang 1979 anscheinend alle Januar-Spiele problemlos austragen konnten. Am 15., 22. und 29. Januar haben wir erfolgreich drei Freundschaftsspiele absolviert, denn die Liga hatte Winterpause. Erst anschließend kommt dann die Unterbrechung durch die Witterungsverhältnisse, und das nächste Spiel, das dann wieder stattfand, folgt erst am 19. März.

In den Wetterprotokollen im Internet heißt es dazu: Am 13. Februar 1979 kam es, obwohl die Schneemassen der Wochen davor noch nicht abgetaut waren, erneut zu starken Schneefällen und Schneeverwehungen mit ähnlich gravierenden Auswirkungen. Und dieser zweiten Schneewelle habe sich dann sogar noch eine dritte angeschlossen, Mitte März 1979.

Was für ein verrückter Jahresanfang. Anschließend haben wir jedoch anscheinend eine richtig gute Punktspiel-Saison abgeliefert und sind zum Ende der Spielzeit 1978/​79 Fünfter in unserer Liga geworden, mit 27-17 Punkten und 93:64 Toren, zu denen ich als Mittelfeldspieler in 22 Spielen elf Tore beigetragen habe. In der Überbrückungsrunde und den Freundschaftsspielen ist es allerdings noch weit besser gelaufen für mich, da habe ich in zehn Spielen zehn Tore respektive in 31 Spielen 20 Tore geschossen.

Anscheinend bin ich also immer dann am besten, wenn es in der Hauptsache um nichts als die Freude am Spielen geht.

Interessant ist auch, dass ich von den 64 Spielen dieser verlängerten Saison mit 59 die meisten Einsätze aller Spieler unserer Mannschaft gehabt habe und zudem bei 47 Spielen als Mannschaftskapitän aufgelaufen bin. Objektiv gesehen sind das alles läppische und lächerliche Tatbestände, doch mich erfüllen sie in dem Moment, in dem ich sie jetzt nach 35 Jahren ausgrabe und zusammentrage, mit großem inneren Glück.

Als meinen Schicksalstag kann ich jetzt ganz definitiv Montag, den 5. Februar 1979 identifizieren. Und wenn ich an so etwas wie Vorherbestimmungen glauben würde, könnte ich sagen: Es ist fast exakt fünf Jahre nach dem Selbstmord meiner Mutter gewesen. Doch ich glaube an solche Zahlenspiele nicht. Dennoch hat sich das damals ganz ähnlich angefühlt, so, wie es wahrscheinlich einem Boxer gehen würde, der nach einem fatalen Niederschlag gerade wieder aufgestanden ist und sofort erneut einen Volltreffer einstecken muss.

An meinem Schicksalstag stand ein Spiel gegen die Engelhardt-Brauerei an. Es war ein Pokalspiel, die erste Runde im ÖTV-Pokal, und Engelhardt spielte einige Klassen über uns, was sicherlich zusätzlich erklärt, warum ich so heiß gewesen bin auf dieses Spiel. Ausgetragen wurde diese Begegnung schließlich am 9. April, und wir haben sie 1:3 verloren.

Ich denke bei diesem Spiel und diesem Gegner immer an die alte Schnurre über das Engelhardt-Bier: Wenn einem beim Sport die Nase lief und man sich ohne Taschentuch schnäuzte, nannte man das damals „Charlottenburger“. Warum? Weil es so schmeckt wie das Bier, das „Charlottenburger Pilsener“ von Engelhardt.

Noch einmal tauche ich jetzt in Gänze in den Montag, den 5. Februar 1979 ein. Die Kneipe, in die wir gefahren sind, hieß „Mohrchen“. Ich fand es schrecklich dort. Das war eine auf Gemütlichkeit getrimmte Kneipe, mit schummrigem Licht, vielen Teppiche, vielleicht sogar welche an den Wänden und auf den Tischen, wohingegen ich damals ganz auf die weißgetünchten, hellen und nüchtern eingerichteten Lokale stand.

Wer an diesem Abend alles dabei gewesen ist, weiß ich nicht mehr, ich glaube jedoch ziemlich sicher an meinen damals besten Freund, der eigentlich im Verein spielte, manchmal jedoch unter falschem Namen bei uns aushalf. Denn der Kontakt, der sich an diesem Abend für mich ergeben hat, steht in Beziehung zu einer Freundin von ihm. Sie kannte nämlich die beiden besten Freunde des Mädchens, oder soll ich jetzt sagen: Frau?, um die es im Folgenden gehen wird.

Ich fand sie/​es damals nicht einmal hübsch. Ich habe jedoch mitbekommen, dass sie sich mir anbot. Es war schnell zu merken, dass es nicht schwer sein würde, mit ihr ins Bett zu gehen. Und das war doch wenigstens etwas, werde ich wohl gedacht haben, wenn es schon nicht möglich gewesen ist, Fußball zu spielen.

Und ich habe wohl geahnt, dass sie zumindest eine sehr gute Figur haben würde. Das zumindest sollte dann auch stimmen. Ansonsten war es jedoch durchgängig schrecklich bei ihr, die Wohnung extrem bieder und überall standen lauter kitschige Figuren herum. Ich war allerdings weit Schlimmeres gewohnt bei meinen nächtlichen Zügen, total heruntergekommene und verschlampte Wohnungen.

Doch ich bin da generell nicht wählerisch gewesen, denn letztlich war das ja egal, ich wollte dort ja nicht leben und nicht einmal übernachten. Und meine eigene Wohnung war schön und sauber und aufgeräumt, und nur das zählte.

An diesem Abend dort glaube ich jedoch, mich direkt beklemmt gefühlt zu haben. Obwohl ich weder wissen noch ahnen konnte, was daraus werden würde, hätte dieses Gefühl durchaus gepasst. Noch heute kann ich es nicht recht begreifen, denn ich bin tatsächlich übervorsichtig gewesen. Und trotzdem ist es passiert. Das ist einem Maße ungerecht, dass ich es nur schwer akzeptieren kann. Meine Freunde hätten in so einer Situation einfach reingehalten. Ich hingegen habe viel Verantwortung gezeigt, fand ich. Doch gerade mich hat es erwischt, die anderen hingegen niemals.

Wie immer in derartigen Situationen habe ich vorher gefragt, ob sie die Pille nimmt. Sie bejahte und fügte noch hinzu, dass ich mir keine Sorgen machen solle, es könne nichts passieren. Trotzdem habe ich zusätzlich noch ein Präservativ benutzt. Ich weiß nicht, ob ich misstrauisch war, ich denke, ich fühlte mich in Doppeldeckung einfach wohler. Doch vielleicht stimmt das auch nicht. Vielleicht habe ich ja tief in mir gespürt, dass dieses Mal irgendetwas entscheidend anders ist.

Spürbar ist dies auf jedem Fall im Moment des Höhepunkts gewesen. Da habe ich intuitiv gespürt, dass etwas geschehen war. Ich konnte das in diesem Moment jedoch nicht benennen.

Sofort gemerkt habe ich jedoch, dass mein Präservativ gerissen war. Doch sie meinte weiterhin: „Es kann absolut nichts passiert sein.“ Okay, habe ich gedacht. Gut.

Trotzdem habe ich mir ihre Telefonnummer geben lassen. Auf dem Nachhauseweg hatte ich, glaube ich ein ziemlich blödes Gefühl. Wenige Tage später habe ich dann angerufen und erneut gehört: „Nein, du kannst ganz beruhigt sein, es ist völlig ausgeschlossen, dass etwas passiert ist.“

Im Anschluss daran gab es keinen Kontakt mehr. Es stand auch niemals zur Debatte, dass wir uns noch ein zweites Mal treffen könnten. Ich glaube, wir haben gar nicht darüber gesprochen. Irgendwie war klar, dass das nichts ist. Ich habe sie nicht mehr angerufen und sie hat sich auch nicht mehr bei mir gemeldet. Vorerst jedenfalls.

*

Ziemlich genau fünf Monate später stehe ich dann im gleißenden Sonnenlicht unten vor dem Haus, in dem ich wohne, und halte die Post in der Hand, die ich gerade aus dem Briefkasten geholt habe. Gleich werde ich zum Auto gehen und losfahren. Vorher schaue ich nur kurz die Briefe durch. Als ich dabei den handgeschriebenen Absender auf einem der Umschläge sehe, ahne ich bereits, was los ist. Und das trifft leider auch voll ins Schwarze.

Ich habe den Brief nicht aufbewahrt, doch ich erinnere mich noch ziemlich genau an dessen zentrale Formulierung. Sie lautete in etwa so: „Ich habe mich vorher nicht getraut, mich bei dir zu melden.“ Und dann kündigt sie mir an, noch in diesem Jahr Vater zu werden.

Den Augenblick, als ich das gelesen habe, habe ich noch sehr genau im Gedächtnis. Es war wie ein Schlag. Draußen heller Sonnenschein, doch ich wusste, dass mein Leben sich jetzt verdunkeln würde und von einer Sekunde auf die andere nicht mehr so weitergehen würde wie vorher. Die Welt war urplötzlich eine andere geworden.

All das ähnelte sehr dem 25. Februar 1974, als ich nach einem erstaunlicherweise sehr erfolgreichen und befriedigenden Schultag nichtsahnend aus der Schule nach Hause kam und an der Haustür einen Zettel meiner Mutter vorfand, nicht hineinzugehen, sondern die Nachbarin zu holen. Auch da hatte ich sofort begriffen, was passiert war.

Plötzlich wird mir klar, dass an beiden Tagen gleichermaßen gutes Wetter herrschte und die Sonne extrem hell schien. Kommt mein Unwillen gegenüber Sonnenschein und mein Faible für Regenwetter etwa hierher?

Noch am selben Tag besuche ich meinen Vater und berate mich mit ihm. Es war wirklich die ultimative Schweinerei, fünf Monate später, genau in dem Moment, in dem nichts mehr zu machen ist und alle Fakten definitiv sind. In was für eine Falle bin ich da nur getappt?!

Im Grunde genommen gab es zu der harten Linie, für die Vater damals plädierte, keine Alternative. Das sehe ich auch heute noch so. Auf einem groben Klotz gehört ein grober Keil. Ab sofort ausschließlich nur noch Kontakt über einen Rechtsanwalt. Denn was sollte ich jetzt noch reden mit dieser Frau? Ich bin ja weder gefragt noch überhaupt zeitnah informiert worden. Und ich kenne sie auch gar nicht, habe sie nur einmal in meinem Leben gesehen und mir dabei nichts zuschulden kommen lassen.

Auch heute, fünfunddreißig Jahre danach, zweifele ich nicht an der Richtigkeit meiner damaligen Entscheidung. Obwohl ich heute weiß, wie schwer das für ein Kind ist, weil ich seitdem selbst ein Kind großgezogen habe und daher sehr genau beurteilen kann, welche Wunden so etwas reißt. Das ist nichts Geringeres als ein Betrug am entstehenden Leben gewesen. Doch der Betrüger war nicht ich.

*

Noch einmal möchte ich die Chronologie dieser Geschichte nachvollziehen und suche daher nach allen Spuren, die mein Terminkalender dazu bereithält. Dabei stoße ich auf eine heftige Überraschung, die mir beim ersten Hinschauen gar nicht aufgefallen ist.

Für den bewussten Montag, den 5. Februar 1979, hatte ich nämlich Folgendesin den Kalender eingetragen: „21 Uhr Mohrchen“. Das jedoch passt überhaupt nicht zum Ablauf der Dinge, wie ich sie vorher im Kopf hatte! Schließlich bin ich ja davon ausgegangen, dass wir aufgrund des ausgefallen Fußballspiels in die Kneipe gegangen sind. Wenn dem jedoch so wäre, wären wir ja weit früher als um 21 Uhr dort gewesen. Die Zeitangabe 21 Uhr lässt daher mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit den Schluss zu, dass diese Verabredung bereits vor dem Wissen über den Spielausfall für die Zeit nach dem Spiel getroffen wurde.

Die Auswirkungen dieser Entdeckung könnten nicht gravierender sein, denke ich, denn jetzt könnte es tatsächlich sein, dass es sich bei dem Treffen mit diesem Mädchen möglicherweise um gar kein zufälliges Treffen handelte. Wäre dem so, dann hätte auch die Freundin meines besten Freundes gewusst, dass ich kommen würde. Und wer weiß, was sie im Vorfeld erzählt hat? Möglicherweise, dass ich aufgrund des Erbes von meiner Mutter eine gute Partie mit gesichertem Vermögen wäre.

Es ist also gut möglich, dass das alles ein von Anfang an abgekartetes Spiel gewesen ist. Und plötzlich erinnere ich mich, das wohl damals schon so gesehen zu haben. Warum nur ist dieser Verdacht seitdem so komplett aus meinem Kopf wieder verschwunden?

Heute denke ich an dieser Stelle plötzlich sogar noch weiter, als ich damals gedacht habe: Vielleicht ist ja auch der Gummi gar nicht durch Zufall gerissen? So etwas ist mir nämlich in meinem ganzen Leben nur zwei Mal passiert, und das war bei meinem ersten Mal, bei dem ich wirklich noch keine rechte Ahnung davon hatte, und dann eben bei dieser Frau.

Wenn sich das so darstellt, wie ich jetzt glaube, schwächt sich natürlich der Effekt der Absage des Fußballspiels ab. Denn dann wäre ich ja auch ohne die Absage in dieser Kneipe gewesen und auf die Frau getroffen. Doch dann wäre es bereits wesentlich später und ich ausgepumpt vom Spiel gewesen. Dann hätte ich nicht den Frust der Spielabsage in mir getragen, und dann wäre es bestimmt nicht dazu gekommen.

Mich interessiert das jetzt dermaßen, dass ich mich entschließe, noch einmal meinen damals besten Freund zu kontaktieren. Natürlich bin ich nicht überrascht, dass er sich noch an weit weniger erinnern kann als ich selbst. Den Kontakt zu seiner damalige Freundin zu suchen und sie zu befragen, macht daher sicherlich nicht viel Sinn und reißt höchstens neue Wunden, denke ich.

Ich gehe meinen Kalender weiter durch und finde bestätigt, dass ich damals zwei Tage nach dem Treffen, nämlich am Mittwoch, den 7. Februar 1979, das Mädchen noch einmal angerufen habe. Hier hat meine Erinnerung also nicht getrogen. Und sie stimmt auch in Hinsicht auf die fünf Monate, denn es ist Anfang Juli, konkret Mittwoch, der 4. Juli 1979, als sich die folgende Passage im Kalender findet: „Anwaltsinfo (Vati)“, am darauffolgenden Donnerstag: „Anwaltsverein!“ und schließlich am Freitag: „16:30 Uhr RA Schumacher“. In der nächsten Woche folgt dann noch am Dienstag die Eintragung: „15 Uhr RA Schwendtner“.

An alle diese Termine sowie die Namen der Rechtsanwälte erinnere ich mich nicht mehr, doch da ich ansonsten niemals etwas mit Anwälten zu tun hatte und es zeitlich haargenau passt, muss es sich hierbei ganz sicher um von meinem Vater vermittelte Anwaltskontakte in dieser Sache gehandelt haben. Und da es nie so etwas wie einen Schriftsatz oder gar ein Verfahren gegeben hat, werden mir die Anwälte in diesen Gesprächen sicherlich nur meine grundsätzliche Chancenlosigkeit klargemacht haben.

Sie werden mir erklärt haben, dass es, falls ich es abstreite, zwangsläufig zu einer Vaterschaftsfestellung kommen wird. Und wenn ich dann Vater als der Vater identifiziert werde, ich zahlen muss und da gar nichts zu machen ist. Den Rest der Geschichte habe ich dann auch allein absolviert. Und eine Anwaltsrechnung musste ich nie bezahlen, wahrscheinlich hat mein Vater mir das spendiert.

Irgendwann kam dann ein Schreiben einer Behörde, ich sei als Vater eines Mädchens angegeben worden, das am 29. Oktober 1979 geboren wurde und einen der schlimmsten Vornamen trug, den ich jemals gehört hatte. In dem Schreiben wurde ich aufgefordert, meine Vaterschaft anzuerkennen. Was ich natürlich nicht gemacht, sondern es abgestritten habe, woraufhin dann der Vaterschaftstest angeordnet worden ist.

Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich an einem düsteren Morgen zum Virchow-Klinikum in der Seestraße in Wedding gefahren bin, um mir Blut für diesen Test abnehmen zu lassen. Das große Gebäude wirkte damals wie ein Gefängnis auf mich, draußen war es regnerisch, alles grau in grau, und ich fühlte mich absolut beschissen.

Damals war mir noch nicht klar, in welcher Weise ein Mann ansonsten noch von Frauen gelinkt werden kann, doch heute relativiert sich dadurch vieles. Heute bin ich manchmal fast froh, dass man mir nur ein Kind angehängt und mich nicht mit Aids infiziert hat oder ich wegen eines erfundenen Vergewaltigungsvorwurfes hätte ins Gefängnis gehen müssen. Das gibt es ja alles auch.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ich der Vater des am 29. Oktober 1979 geborenen Mädchens bin, betrug schließlich im Untersuchungsbefund über 99 Prozent. In meinen Unterlagen finde ich dazu eine Kostenrechnung der Justizkasse Berlin mit Rechnungsdatum 13.11.1981 über den Betrag von DM 4.950,--, der Hauptposten davon betrifft Zeugen- und Sachverständigenentschädigung, also wahrscheinlich die Kosten für das Anfertigen des Gutachtens.

In meinem Ablageordner finde ich zudem immer noch die vollstreckbare Ausfertigung einer Beschlusssache des Amtsgerichts Schöneberg abgeheftet, die mich zur „Zahlung des Regelunterhalts zuzüglich eines Zuschlags von 20 vom Hundert des Regelbedarfs monatlich im Voraus“ verpflichtet, wobei der Zuschlag sich im Jahr 1992 schließlich auf 75 vom Hundert erhöht und meine monatliche Überweisung dann bei 779,-- DM liegt.

Das konnte ich zwar zahlen, doch es war eine stete Wunde. Jeder Kontoauszug zum Monatsanfang haute eine neue Kerbe in diese Wunde. Wobei die wirklich gravierende Tatsache, nämlich dass das Kind mich später einmal beerben wird, mir damals noch gar nicht bewusst war. So weit habe ich da gar nicht gedacht.

Was ich ansonsten damals gedacht und gefühlt habe, ist mir nicht mehr zugänglich. Ich weiß nur noch von dem diffusen Gefühl einer enormen Verletztheit und Machtlosigkeit. Man hatte mir übel mitgespielt, und ich besaß nicht geringste Chance, etwas dagegen zu tun. Ich glaube, das schlimmste war damals, dass ich mich unglaublich ungerecht behandelt fühle. Man hatte mich vor vollendete Tatsachen gestellt. Niemand hat mich gefragt, niemand hat rechtzeitig mit mir gesprochen, ich sollte nur zahlen, und das am liebsten sogar reichlich.

Das alles war heftig, jedoch keineswegs mit dem Tod meiner Mutter vergleichbar. Um den zu verarbeiten, habe ich schließlich zweieinhalb Psychoanalysen gebraucht, von 1985 bis 1988, 1999 bis 2001 und dann noch einmal ein Anhängsel in den Jahren 2009 und 2010.

In Bezug auf die Mutter meines Schneekatastrophenkindes musste hingegen nichts Verdrängtes aufgearbeitet werden. Da habe ich alles bewusst mitbekommen. Doch eine richtige Auseinandersetzung mit dieser Frau habe ich nie geführt. Sondern meinen Zorn immer zugunsten einer friedlichen Atmosphäre zurückgehalten.

*

Die sich an die Ereignisse von 1979 anschließenden 80er Jahre sind für mich eine schwere Zeit gewesen, wahrscheinlich die dornigste meines Lebens. Ich hatte damals mit heftigen psychosomatischen Probleme zu kämpfen, jahrelang und sicherlich mehr als ein Jahrzehnt währende Magenschmerzen, zu denen sich dann auch noch Trieselgefühle eines leichten Schwindels hinzugesellten, bei denen ich den Eindruck hatte, der Boden würde unter mir schwanken und sich bewegen.

Zwar bin ich im Jahr 1981 erfolgreich aus der meinem Bankjob ausgebrochen, der mich stets nach unten gedrückt hat, und habe doch noch angefangen zu studieren, doch mein Schlechtfühlen fing in der Studienzeit eigentlich erst richtig an. Trotz aller Befriedigung im Studium wurde es nicht besser, so dass ich 1985 mit meiner ersten Analyse begonnen habe.

Ohne das Studieren und meine Analyse hätte ich dieses Jahrzehnt sicherlich kaum überstanden.

Die 90er Jahre wurden dann allerdings deutlich besser. Und als ich schließlich 1993 meine spätere Frau kennenlernte, und wir, nach ebenfalls nicht leichten Zeiten, entschieden zu heiraten, wurde mir klar, nun auch in Hinsicht auf meine Tochter aktiv werden zu sollen. Denn wenn ich ein Eheversprechen eingehe und eine eigene Familie gründe, kann ich das nicht mit so einem blinden Fleck in meinem Leben tun, habe ich damals gedacht.

Meine Tochter war zu diesem Zeitpunkt bereits siebzehn Jahre alt, an diesen Fakt erinnere ich mich noch. Es muss sich also um das Jahr 1997 gehandelt haben, als ich mich entschieden hatte, den Kontakt aufzunehmen. Ich suche dazu meinen entsprechenden Kalender heraus und werde auch sofort fündig:

Am 12. Mai 1997 steht da nämlich: „Jugendamt Steglitz (wg. Kontakt)“. Dort habe ich mich wohl hingewandt, um die Adresse meiner Tochter und ihrer Mutter zu erhalten. Wahrscheinlich werde ich anschließend die Mutter angeschrieben haben, auf jeden Fall gab es dann am Montag, den 7. Juli, beim Griechen in Zehlendorf-Süd ein Treffen zwischen der Mutter und mir, gleichsam als Vorgespräch auf das erste Treffen mit meiner Tochter.

Ich weiß noch, die Sonne schien, es war warm und wir saßen draußen. Die Mutter hatte sich seit unserem letzten Zusammentreffen vor siebzehn Jahren extrem verändert, und ich erschrak heftig. Sie war kaum noch als die Person zu erkennen, die ich damals getroffen hatte, sah extrem aufgedunsen aus und wog mittlerweile bestimmt das Doppelte von früher.

In dem Gespräch erfuhr ich, dass sie wohl bereits im Jahr nach der Geburt unserer Tochter mit einem Mann zusammengezogen war, ihn geheiratet und später mit ihm noch ein gemeinsames Kind bekommen hat. Mittlerweile war die Ehe aber gescheitert und sie wohnte jetzt mit ihren beiden Kindern allein.

Meine Tochter sei mit dem Informationsstand großgeworden, dass der Ehemann der Mutter auch ihr Vater sei, hatte aber in letzter Zeit von sich aus Zweifel daran angemeldet und war daraufhin über die Wahrheit aufgeklärt worden. Sie hatte anschließend selbst geäußert, Kontakt mit mir aufnehmen zu wollen, so dass ich mit meinem jetzigen Ersuchen anscheinend genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen war.

Die Mutter hatte mir ein Bild unserer Tochter mitgebracht, das mich beinahe umhaute. Die Ähnlichkeit zwischen uns beiden war nicht zu übersehen, sie glich mir vom Gesicht her so sehr, dass es auf den ersten Blick zu erkennen war, dass sie tatsächlich meine Tochter sein musste.

Sie sah mir jedoch nicht nur sehr ähnlich, sondern zudem extrem hübsch aus, was für mich die anstehende Kontaktaufnahme deutlich erleichterte. Ich weiß nicht mehr, ob ich mir vorher konkret ausgemalt hatte, wie das sein würde, die eigene Tochter mit siebzehn Jahren zum ersten Mal zu sehen, doch von diesem Moment an freute ich mich darauf.

Die Mutter hatte vorher schon mit ihr gesprochen, und wir machen bei diesem Treffen schließlich aus, dass ich meine Tochter noch in derselben Woche abholen und anschließend mit ihr irgendwo essen gehen würde. Und ich muss sagen, dass die Mutter sich in dieser Situation sehr ordentlich verhalten und das sehr gut gehandhabt hat.

Zwischenzeitlich, also vor unserem Treffen, haben meine Tochter und ich wohl noch telefoniert, wie ich mich erinnere, finde aber keinen Eintrag in meinem Kalender dazu. Erst daraufhin denke ich an mein Tagebuch. Meine Güte, zu dieser Zeit habe ich doch bereits längst Tagebuch geführt! Was ja im Schneewinter 1978/​79 noch nicht der Fall gewesen ist. Komisch, dass ich erst so spät darauf komme.

Mein Tagebuch bestätigt meine heutigen Erinnerungen, wie fürchterlich die Mutter sich verändert hatte und wie schwierig dieses Treffen für mich gewesen ist. Was ich anschließend jedoch lese, irritiert mich mächtig und ist mir wegen des plötzlichen Überschwangs, den ich damals anscheinend erlebt habe, richtiggehend peinlich. Wahrscheinlich hatte ich auch bereits gut Alkohol intus, als ich meine Eintragungen gemacht habe, was damals oft so gewesen ist und mich später dazu bewogen hat, mein Tagebuch immer morgens in nüchternem Zustand zu schreiben, um solche künstlich erzeugten Schwärmereien auszublenden.

Ebenfalls aufgegeben habe ich später auch das Vorhaben, aus Übungsgründen und in Hinsicht auf einen zukünftig vielleicht einmal möglichen Roman, über mich selbst in der dritten Person zu schreiben. Hier jedoch findet sich das noch, und ich finde es heute schrecklich. Ein Glück, dass ich wenigstens von dem Roman in Gänze wieder abgekommen bin.

Die Eintragung vom 7. Juli 1997 ist ungewöhnlich lang und lautet so: „Jetzt war er wie im Traum, in Trance … es war kaum beschreibbar: Das erste Foto von seiner Tochter gesehen – und sie war ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. Ein nicht beschreibbares Gefühl des Stolzes und der Zufriedenheit. Aber auch der Erleichterung. Wie war es ihm nur gelungen, dies so lange unter dem Teppich zu halten? Wie konnte er das nur so lange verdrängen?

Ja, vielleicht war das die größte Verdrängung seines Lebens. Die, die ihm so zusetze, immer noch. Und vielleicht war ja die ganze Sache mit seiner Mutter längst hinter ihm und verarbeitet – aber diese hier nicht?

So ein großes und hübsches Wesen, fast sein Ebenbild – und er hatte es 18 Jahre lang verleugnet. Eine Strategie, die damals sicher berechtigt war – und notwendig zum Überleben. Aber jetzt lange schon nicht mehr zeitgemäß, den Deckel über Wichtigem haltend. Damals war es sicher richtig. Aber jetzt war alleine das Foto so überwältigend, dass er langsam anfing, zu begreifen, dass hier mit Sicherheit ein Mühlstein übermächtig auf seiner Seele lastete.

Ab jetzt freute er sich darauf, ihn wegzurollen! Da er wusste, dass das, was zum Vorschein kommen würde, auf jeden Fall nicht schlimm werden würde. Denn genau davor hatte er sich wohl immer gefürchtet. Und jetzt war ihm – tja: warm ums Herz, er war gespannt, neugierig – und, obwohl mit seiner Freundin alles bestens war, vielleicht sogar unbekannterweise ein bisschen verliebt.

Das waren seine Gefühle, so peinlich sich das jetzt auch anmutete, jetzt ging es ums Wirkliche. Unglaublich, so etwas. Hätte er die Tiefe allein der Berührung mit diesem Thema geahnt, dann hätte er alle Ratschläge, Befürchtungen und Pläne, die sein Vater ihm so oft angedeihen ließ, sofort in den Wind geschossen!“

Tja, das waren meine Gefühle, ich erinnere mich. Ich war damals tatsächlich so überschwänglich und mir diesem Überschwang auch bewusst. Erst in diesem Moment habe ich wohl richtig gespürt, welche Last da vorher auf mir gelegen hat.

Die Passage zu meinem Vater irritiert mich allerdings, ich wundere mich, dass ich mich da gegen ihn gestellt habe, doch das war wohl ebenfalls der totalen Dominanz der Gefühle in diesem Moment geschuldet. Was sich auch dadurch bestätigt, dass ich selbst bei meinem totalen Zerwürfnis mit meinem Vater wenige Jahre später ihm wirklich vieles vorgeworfen habe, aber niemals diesen damaligen Rat.

Wenn ich heute diese Tagebuchpassagen lese, wird mir erst richtig klar, wie groß damals meine Erleichterung gewesen ist. Und beim Schreiben am späten Abend platzt dann alles heraus. Doch kann man daraus schließen, dass mich das vorher extrem belastet hat? Ich glaube das eigentlich nicht.

Über ein Telefonat mit meiner Tochter vor unserem ersten Treffen finde ich auch im Tagebuch nichts, ich weiß jedoch noch sehr gut, dass ich ihr damals eine Platte der Smiths mitgebracht habe, nämlich die Compilation „Louder Than Bombs“, um ihr etwas von meinem Denken, Fühlen und Sein zu vermitteln. Wie ich hinterher erfahren habe, ist das jedoch ein völliger Fehlschlag gewesen und hat sie in keiner Weise angesprochen. Uns trennt halt sehr viel, und trotzdem ist seitdem eigentlich bis zum heutigen Tag alles den Umständen entsprechend ziemlich gut verlaufen.

Am Donnerstag, den 10. Juli 1997, war es dann so weit und wir sahen uns zum ersten Mal. In meinem Tagebuch notiere ich damals: „Er war sehr positiv angetan von seiner Tochter. Zuerst eine heftige Enttäuschung, weil er nach dem Bild eine junge Frau erwartet hatte, in die man sich fast verlieben konnte. Doch dann kam ein noch sehr jung wirkendes, schüchternes Mädchen. Aber: Es war klar – sofort und ganz deutlich – von wem sie das hatte. Denn auch er sah ja immer jünger aus als er war.

Und überhaupt: Sie hatte ja geäußert, dass sie, bevor sie wusste, dass ihr Vater ein anderer ist als der Mann ihrer Mutter, das schon geahnt hatte. Da sie eben anscheinend mit beiden Elternteilen wenig Ähnlichkeiten hatte. Umso besser, sagte er sich deshalb – und war jetzt riesenfroh über seinen Schritt.

Im Laufe des Abends wurde es dann auch noch richtig nett, taute sie zunehmend auf. Aber er registrierte auch, dass es eben etwas anderes war, Vater oder Freund zu sein. Und vielleicht sogar: zum Glück!

Jetzt würden sie sich über die Urlaube erstmal schreiben – und sich dann wiedersehen und schauen, wie es weiterging. Aber die Affinität zueinander, eine Beziehung aufgrund der Ähnlichkeiten zwischen ihnen beiden, war auf jeden Fall da. Und darüber war er wahnsinnig glücklich! Dann war alles ja doch nicht vergebens: das Leiden, der Ärger und das Geld.“

Das dominierende Gefühl beim Lesen dieser Eintragungen ist ein ausgeprägtes Mitgefühl mit meiner Tochter: Was muss das für ein beklemmende Erfahrung gewesen sein, erst kurz vor dem achtzehnten Geburtstag zu erfahren, dass der Mann, zu dem man immer Papa gesagt hat, überhaupt nicht der eigene Vater ist. Und nur wenig später dann zum ersten Mal dem wirklichen Vater zu begegnen.

Das ist hart, denke ich. Und ich bin an allem mit schuld. Doch ich hätte es nicht verhindern können. Es gab keinen anderen Weg. Meine Tochter ist ebenso angelogen worden wie ich. Sie ist bereits durch einen Betrug auf die Welt gekommen und anschließend sofort weiter betrogen worden. Doch vielleicht ist das angesichts der Lage ganz gut gewesen, so wie es gelaufen ist, denn ganz ohne Vater aufzuwachsen ist möglicherweise noch schlimmer.

Was aber wäre wohl gewesen, wenn sie viel früher gewusst hätte, dass der Mann ihrer Mutter nicht ihr Vater ist? Wäre sie dann vielleicht von sich aus auf mich zugekommen? Und das schon sehr viel früher, zu einer Zeit, als ich noch nicht so weit gewesen bin?

Für mich ist es also in Anbetracht der schwierigen Situation gut gelaufen so. Doch für sie? Das kann wohl nur sie selbst beantworten. Die Lügen lassen sich auf jeden Fall nicht mehr aus der Welt schaffen.

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