Hammerschläge - Heinrich Lersch - ebook

Hammerschläge ebook

Heinrich Lersch

0,0

Opis

Ein Roman um Menschen und Maschinen in dem Lersch die Situation der Menschen seiner Zeit in Bezug auf Industrialisierung und Arbeit reflektiert.

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
czytnikach Kindle™
(dla wybranych pakietów)
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 397

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS



Hammerschläge

Heinrich Lersch

Inhalt:

Heinrich Lersch – Biografie und Bibliografie

Hammerschläge

Unter den Hämmern

Ich bin der kleine Wärmjunge

Ich stand und wunderte mich

Zuerst kam das große verschlossene Tor

Es war an einem schönem Herbsttag

Auf einmal saß ich in einem großen Zimmer

Es war Karfreitag

Ich war in die Volksschule gekommen

Das war nun die neue Werkstatt

Endlich war die Bohrarbeit getan.

Wenn viel Arbeit in der Werkstatt war

Der große Wald war mein Ziel

Am Ostermorgen traf ich ein Mädchen

An einem Winterabend

Der letzte Schultag kam

Nun war ich Lehrling

Stenografie

Der Handlanger

Erwachen

Im Mai wurde Rosa sechzehn

Liebe in der Tuchfabrik

Der Vater

Vierzehn Vaterhäuser hatten wir gehabt

Krank

Onkel und Neffe

Kesselreinigen

Erfindung

Ein Schritt in die Welt

Der Dichter

Störungen

Der alte Heizer

In Duisburg ging ich zum Arbeitsnachweis

Feuer in der Spinnerei

Ich fuhr wieder nach Duisburg

Ich muss organisiert sein

Martinofen

Preßluft

Es war ein nasser Juni

Flucht

Wie das mit dem Bein kam?

Mit dem letzten Gulden

Morgens um sieben Uhr kam ich zu Hause an

Am Tag nach dem Begräbnis

Nun war ich Arbeiter

Nun konnte genietet werden

Hammerschläge, H. Lersch

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849630508

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Heinrich Lersch – Biografie und Bibliografie

Deutscher Arbeiterdichter, geboren am 12. September 1889 in Mönchengladbach, verstorben am 18. Juni 1936 in Remagen. Sohn eines Kesselschmieds, zu dem er auch ausgebildet wurde. Nach langer Wanderschaft durch Deutschland und Teilnahme am Ersten Weltkrieg übernimmt er die Schmiede seines Vaters. Wegen einer Lungenkrankheit muss er diese 1924 abgeben. Immer wieder muss er zu Kuraufenthalten auch ins Ausland und zieht schließlich 1932 mit seiner Familie nach Bad Bodendorf an der Ahr in die Nähe seines Heilpraktikers. Mit Machtübernahme der NSDAP wird er in die Preußische Akademie der Künste berufen. Er unterzeichnet auch das das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler. L. stirbt 1936 an einer kombinierten Lungen- / Rippenfellentzündung.

Wichtige Werke:

    Abglanz des Lebens. Gedichte (1914)

    Brüder (1915)

    Herz! Aufglühe dein Blut! Gedichte im Kriege (1916)

    Deutschland! Lieder u. Gesänge von Volk und Vaterland (1918)

    Manni! Geschichten von meinem Jungen. Aufgeschrieben vom Vater (1926)

    Der grüßende Wald. Legenden und Geschichten (1927)

    Stern und Amboß. Gedichte und Gesänge (1927)

    Hammerschläge. Ein Roman von Menschen und Maschinen (1930)

    Mit brüderlicher Stimme. Gedichte (1934)

    Die Pioniere von Eilenburg. Roman aus der Frühzeit der deutschen Arbeiterbewegung (1934)

    Im Pulsschlag der Maschinen. Novellen (1935)

    Deutschland muß leben! (1935)

Hammerschläge

Ein Roman von Menschen und Maschinen

Unter den Hämmern

Langgestreckt lagen die Kessel in der Werkstatt. Einer war mit einem Holzgerüst umstellt.

Rittlings obenauf saß Brandau, der Nieter, den Klinkhammer in der Rechten, die linke Faust spannte sich um die Döpperzange.

Aretz machte den rechten, Michels den linken Zuschläger, sie standen auf den Gerüstbrettern und stützten sich auf die langen Stiele ihrer Vorhämmer. Innen im Kessel hielt Buchholz die Nietwinde, den Pinn zum Andrehen in einer, die Nietzange in der anderen Hand. Alle vier warteten sie auf die erste Niete.

Aus der Ecke, vom qualmenden Feuer rief der Wärmjunge: »Fertig« und schon flog in glühendem Bogen eine weißspritzende, funkelnde Niete in die schwarze Höhlung des Kessels.

Michels hatte seinen Hammer mit beiden Händen hochgerissen. Kaum erschien die glühende Spitze aus dem Loch, da ruckte Buchholz, der Stockmann, mit schnellem Zug die Winde darunter, schrie: »drauf«, da riß Aretz seinen großen Hammer auf die Platte, Brandau, der Nieter, fuhr mit seinem Klinkhammer blitzschnell hinterher und schon schwang der dritte Hammer im Rundschlag knallend auf die Platten.

Die nächsten Schläge aber quetschten das glühende Nietende in drei, vier Hieben platt, damit der Nieter den Döpper aufsetzen und den Kopf schließen konnte.

Schnell schmiß der Nieter den Hammer beiseite, schwang den Döpper auf. Rumps, klatsch, paff verklang der Dreitakt, und die federnden Hämmer prallten im Doppelschlag auf das klingende Stahlstück, fegten nieder, hoch aus der Luft, von den langgestreckten Körpern und Armen herabgerissen. Die erkaltende Niete schloß sich rund zur glatten Halbkugel, die das Loch verschloß und die Platten verband.

Fünfzigmal hoben die Arme mit den Hämmern sich hoch bis in den Rauch an der Decke, rissen die Leiber sich hinunter und schleuderten die Hämmer nieder, fünfzigmal prallten die Schläge im Rundschlag hinab auf den Döpper. Aber schon bei den letzten Schlägen flog eine neue Niete vom Feuer her, klackerte in den Kessel, wurde vom Stockmann ergriffen und ins Loch gesteckt; kaum ruhten die Hämmer, da erschien von neuem die funkelnde Niete: einszweidrei, einszweidrei. Dann fielen die Schläge auf den klingenden Döpper, langgezogen und ausgereckt, eins zwei, eins zwei! Schlag auf Schlag, endlos in schallendem Krachen.

»Kommen lassen!« brüllte der Nieter.

»Fertig!« schrie der Stockmann.

»Hitze!« rief der Wärmjunge vom Feuer her und schmiß eine Niete.

»Drauf!« schrie der Stockmann wieder, und die nächste Antwort war ein Hammerschlag.

Immer von neuem schlug die glühende Niete den Bogen vom Feuer zum Kessel, schrie das Eisen auf, erdröhnte die Luft, sprangen die Schläge aus der Werkstatt durch das weit offene Tor, liefen über die Wiesen und wurden von dem Walde zurückgeworfen, der am Fuße des Hügels lag.

Die Sonne stieg und stieg, es wurde heiß an den Hämmern. Der ausbrechende Schweiß machte den Nietern die Haut geschmeidig, aber er sog ihnen auch die Kleider auf den Leib. Die Nieter spürten in ihren gelösten Gelenken die Lust an der Kraft und die Freude am jagenden Tanz ihrer Glieder.

Von sechs zu sechs Nieten flogen die Hämmer aus den Händen, wurde der Schlüssel ergriffen, die Mutter abgedreht, der Dorn ins Loch geschlagen, es auszuweiten, der Nieter rückte mit seinem Sitzkissen voran.

Also hieben sie die Langnaht zusammen; ein Trommellied im Arbeitstrott, lang wie eine Fabrikstraße.

Der Nieter, Gustav Brandau, vorneauf!

Ihm wuchs der schwarze Bart um das Loch seines halb offenstehenden Mundes, er war ein wenig asthmatisch und schnaufte durch die Nase. Der Bart wucherte mit den Haaren des bepelzten Halses zusammen. Aus den Stirnknochen trieben die Augenbrauen, lang und schwarz wie Schnurrbarte. Die Augen glühten wie hitzige Nietköpfe. Wirres Haar überkrauste schwarz die niedrige Stirn. Muskelwülste sprangen auf seinem Oberkörper, wenn er sich bewegte, Oberarmmuskeln wie Gänseeier unter der Haut, wenn er zupackte. Aus dem engen Netzhemd stach das krause Haar heraus. Die braunen Arme hingen nackt herunter bis an die Knie.

Aretz Louis, ein weggelaufener Bauernschmied war wie ein Genuese glatt und dunkelhaarig, mit schlanken Gliedern, auf denen man keine Muskeln sah, er war gelenkig wie ein Akrobat, schweigsam und überlegen wie ein alter Meister, genau und von peinlicher Sauberkeit bei aller Arbeit. Jetzt legte er ein schmales Brettstück unter den Gerüstbock, damit die Stellage nicht eine Spur wackeln konnte. Michels spottete über diese Vorsicht: »Ob du nun mit ganzen Knochen oder mit schiefen Beinen an den Galgen kommst, das ist dem Strick ganz egal!«

»Stell du dich nur auf zwei Bretter, die an vier Schnüren aufgehangen sind. Du windiger Hund kannst das ja!« gellte er ihm ins Gesicht.

Michels war kaum zwanzig Jahre, ein blasser, hoch aufgeschossener Junge, der lieber am Bau Mörtel mischte und bei der Kanalarbeit die schweren Schaufeln voll lehmiger Erde meterhoch schmiß, als daß er, wie seine Väter und Vorväter, still am Webstuhl stand.

»Hitze!« schrie es vom Feuer.

»Wenn die Löcher nicht auf sind, trete ich euch beide vom Kessel hinab, da, aufgepaßt: Rin mit dem Pinn! Rin! Rin!«

Wieder war die glühende Niete, vom Jungen geschmissen, in den Kessel geflogen, hatte der Stockmann sie aufgeschnappt und fingerte damit am Loch herum. »Saujunge, wieder 'nen Blumenkohl drangebrannt!« schrie der Nieter und drohte mit dem Hammer zum Wärmjungen hin. »Buchholz, klopp drunter!« Schon flitzte die Niete hoch, schon scholl von Innen her: »Drauf!« Klatsch, sauste der erste, patsch, der zweite, bums, der dritte Schlag schon über den Kopf um die Niete herum.

Der vierte Schlag saß glatt auf der Spitze, die Zunderhülle fiel wie glühende Eierschalen vom Niet und drauf, drauf, sausten die Schläge. Nun war der Wärmjunge eher fertig als die Nieter, schon ehe der letzte Schlag klang, kam die neue Niete geflogen, die Kolonne war in Ordnung, die Nieterei klappte, Niet kam auf Niet.

Sie merkten nicht, daß der Meister durchs Tor gekommen war; er blieb stehen. Als er sah, daß alles in Ordnung ging, wollte er sie nicht stören und trat wieder zurück hinter das Tor.

»So schön haben sie lange nicht gearbeitet!« sagte er halblaut vor sich hin, ging ein paar Schritt, blieb zehn Meter weg vom Tor noch einmal stehn und strich sich den Knebelbart »Wenn sie doch bloß anständige Christenmenschen wären und nicht so gottlose Teufelskerle! Aber mit den anständigen Menschen ist rein nichts anzufangen, die verdienen beim Arbeiten nicht das Salz auf die Kartoffeln!«

Unterdessen hieben die Nieter weiter an der Langnaht.

Sie waren alle vom Rausch des Arbeitens gepackt. In den schlaggewohnten Muskeln sang die Sicherheit ihrer Leiber, die Gewißheit ihrer Geschicklichkeit, brannte die unverbrauchte Kraft junger Männlichkeit und gab ihnen das Gefühl eigener, unabhängiger Stärke. Hände und Arme, Nacken und Füße, Beine und Bauch, Rücken und Finger waren gleichmäßig angespannt, schwingend in gleichmäßigem Heben und Senken atmete die Brust, bändigte die saugende, stoßende Lunge, die Augen spähten in die Mitte des kreisenden Döppers.

Nur dieser kleine Punkt im Weltall und alle Kraft, allen Willen, alle Konzentration auf diesen kleinen Punkt gerichtet, Leib und Seele, Herz und Hirn in eins.

Der kleine Punkt ist der Mittelpunkt der Welt.

»Fertig!«

»Kommen lassen!«

»Hitze!«

»Drauf!«

Eins in eins griff die Arbeit von fünf Männern zusammen. Es war eine Nietkolonne, es war ein Körper mit fünf Leibern, einem Willen, einem Wissen. Wie Blut durch die Adern eines Leibes kreiste die Arbeit durch die fünf Leiber und belebte sie miteinander, durcheinander, ineinander. Dies alles wuchs zusammen und ballte die Kraft in ein tempoverbundenes Einssein, weckte in ihnen eine brausende Lust am taumelnden Jagen und Voranhetzen, raste sie hinein in den atemraubenden Flug des Schwebenden: Eine fünffach gekuppelte, werklustdurchbrauste Tier-Mensch-Maschine.

Nun trieb ohne Unterlaß ein Hammer den andern, der Nieter den Stockhalter, der Stockhalter den Wärmjungen, der Wärmjunge wieder den Nieter, – rhythmusbeflügelt, tempobefeuert.

»Fertig!«

»Hitze!«

»Kommen lassen!«

Schon schwebte der Klinkhammer des Nieters wie eine Löwenpranke griffertig über dem Loch –

Des linken Zuschlägers Auge kniff sich zusammen, den glühenden Punkt zu erspähen, – schon war eines Hammerschlags Augenblicklänge verstrichen – die Niete blieb aus.

Hochgereckt standen die Hämmer der Zuschläger im gespannten Warten, da knickte der Nieter aus der straffen Haltung nieder wie ein Erschlagener. Wandte sich im Fallen hoch, drehte sich blitzschnell um und schwang den Hammer, er flog aus der nun offengespreizten Hand in die Richtung des Schmiedefeuers und schlug mit dumpfem Krach auf.

»Uuuuaaah! Aas, Hund, Schuft! Verrecken sollst du!« brüllte er mit einer Stimme wie ein wütender Feldwebel, schmetterte den Döpper mit der Zange krachend in die Gerüstbalken an der Wand und sprang vom Kessel herunter. Er schnappte seine Jacke, die an einem Haken hing, fuhr im Gehen, immer noch schreiend, in die Ärmel und prallte im Tor mit dem Meister zusammen.

»Was ist los?« herrschte der ihn an.

»Fort, verdammt! So ein verfluchter Hundejunge! Hat keine Pinne warm! Hat's Niet verbrannt!«

»Was ist's mit dem Jungen?« fragte er den Buchholz, der schon bei dem Nietenwärmer kniete, den Kopf jetzt zum Meister hob und wütend schrie:

»Mit dem Klinkhammer hat er ihn geschmissen! Brandau ist ein Schwein!«

»Was, kannst du die Nieten nicht hitze kriegen? du altes Rhinozeros du! Fünfzehn Jahr und kann noch keine Pinne hitz halten?« Er stieß mit dem Fuß den Jungen verächtlich ans Bein, spuckte und sagte voll Wut mit übergeschnappter Stimme: »Nun ist die Nieterei wieder vorbei, der Brandau fort – bah, hätt er dich Aas doch nur ganz kaputt geschmissen, wenn du nicht mal ... Himmelkriminalverdammt!«

Der Junge stöhnte, als Buchholz ihm die Jacke auszog. Die schwarzen Finger hatten auf den weißen Leib dicke Flecke getupft, man konnte nicht sehn, was blau anlief oder schmierig war.

»Laß mich nur aufstehn, ich hab mich bloß beim Fallen wehgetan!« sagte der Junge, »der Hammer flog platt vor meine Brust, da tut es nicht so weh, aber hinten!«

Buchholz hob den Kleinen wie ein Kind auf, hielt einen Arm um seine Hüfte und strich ihm mit der Hand über das Haar: »Tapfer sein, mein Junge, du wirst auch einmal groß und dann schlagen wir den wilden Schweinen den Schädel ein!«

»Es geht schon wieder!« Mit verbissenen Zähnen stieß der Kleine die Worte hervor, »Vater kann nieten, weil Brandau weg ist, ich mach' es jetzt besser.« Er langte nach der Stange des Blasebalges und zog, Buchholz legte ihm von neuem Kohle und Nieten auf, reinigte das Feuer und legte andere Nieten bereit. Dann kühlte er ihm die heißgewordene Nietzange ab und sagte mißmutig: »Die Zeit mußt du dir nehmen, die Zange mußt du kalt haben, daran hab' ich mir ja die groben Knochen verbrannt! Deine Finger halten das sicher nicht aus!« Buchholz ging.

»Jungens, wir müssen schon mal 'ne Pause machen, damit der Heini sein Feuer in Ordnung halten, seine Zange abkühlen, die Pinne hinlegen kann! So toll braucht das nicht zu gehn!« mahnte Buchholz.

Inzwischen war der Meister auf den Kessel geklettert, rasselte mit dem Klinkhammer eine Hetzmelodie und sang den uralten Vers aller Nieter: »Immer Hitze an der Spitze, fertig, Kommen lassen, Hitze, Hitze, nicht verbrannt und butterweich!«

Da klackerte die neue Niete in den Kessel, die Arbeit fing wieder an.

Als es Mittag von den Fabriken her tutete und die Nieter noch nicht aufhörten, kam die Meisterin. Der Junge riß sich zusammen und tat, als ob er gar nicht müde sei. Als die letzte Langnahtniete fertig war, hörten sie auf. Wie zu Scherz und Spielerei hing der Junge sich rechts in des Vaters, links in Mutters Arm und ließ sich mit geschlossenen Augen führen, wie es Kinder gern tun.

Als sie zum Mittagessen niedersaßen, konnte der Junge nichts essen, die Mutter sah, daß er unter dem Schmutz auf der Haut bleich war wie sonst nie. Die Suppe war schon kalt, als er einige Löffel voll aß – da verschluckte er sich und hustete, erbrach das wenige, und die Mutter putzte ihm mit einem Handtuch den Mund ab.

Sie warf das Handtuch weg, holte es aber wieder, als sie sah, daß ein Blutstreifen durch das Erbrochene ging. Sie sah zu dem Jungen auf, merkte den dünnen rieselnden Blutfaden, der sich über das Kinn zog.

»Komm, du mußt ins Bett!« sagte sie.

Des Alten Schimpfen hörten sie nicht mehr.

Das Bluten hörte auf, die Mutter mußte hinunter.

Ich bin der kleine Wärmjunge

Ich weiß es, nun rufen mich die Hämmer aus der nahen Werkstatt: Komm! Komm! Du! Komm! Komm! Du!

Ich kann nicht, ich kann nicht: meine Brust tut weh, die Rippen schmerzen. Der Vater wird schimpfen.

Ich kriege keine Luft, die Kammer ist zu eng.

Das Fenster ist sonst immer auf, weil ich den Rahmen mit der Scheibe in die Ecke gesetzt habe, ich stoße mich an der Ecke, wenn es geöffnet ist. Nun hat die Mutter ihn wieder eingesetzt.

Es hat lange gedauert, bis ich den Riegel aufbekam, bei jedem Hochheben sticht es in der Brust.

Nun sehe ich hinaus, atme die Luft, der Wald rauscht, da unten weitet sich das große Brachfeld Ich höre die Stimme des Vaters: »Hundertfünfzig Morgen liegen da brach, wenn der reiche Geizhals sie mir doch überlassen wollte!«

Ich höre ihn hart neben mir – ich wende mich, aber er ist nicht da. Auch die Hämmer klopfen so laut.

Wenn ich auf die große Welt sehe, die Vorstadt mit den Fabriken, auf die Häuser am Hügel, die bis auf den Berg um die Kirche sich bauen, wird mir schwindelig, mir ist, als stände ich auf einem hohen Eisenträger über einem Strom, oben ziehen die Wolken und das sieht aus, als ob der Träger unter meinen Füßen wegliefe. Unten fließt das Wasser, ich taumle, ich greife nach Halt –

Da blüht am Rand der kleinen Kiesgrube der erste Ginster. Grün und gelb, grün und gelb.

Grün und gelb wird der Himmel, die ganze Erde. Ich kriege keine Luft, ich schreie, ich höre ein Kind schreien, das Kind bin ich. In dieser Wiese hab ich zuerst geschrien.

Ich stand und wunderte mich

Da oben war ein ganz großer Himmel, wie ein silberblauer Regenschirm, unter dem ich mich verlaufen hatte und ganz allein war. Vor mir und rund um mich bewegte sich hohes Gras. So weit ich sehn konnte, lag das Gras über der Erde wie eine Decke, unter der jemand lag und sich wälzte. Von überall kamen Stimmen, die ich noch nie gehört hatte; da war aber niemand, der mich bang machen wollte, es waren keine Menschenstimmen. Das Gras wurde lebendig und lief von allen Seiten auf mich zu, es kriegte mich doch nicht, es tat, als wolle es Verbergen spielen, einmal lag es ganz tief und dann stand es wieder auf.

Ich sah zum Himmel hinauf: auch der war lebendig geworden, große weiße Wolken kamen gezogen und flogen über mich hin, sie kamen über die Bäume und wollten zu mir, aber, als ob sie Angst vor mir hatten, gingen sie weit von mir fort, und dann fing der Himmel an, sich zu drehen.

Nun drehte sich auch das Gras, es lief fort von mir und kam wieder.

Nun meinte ich, der Himmel und die Wiese wollten mit mir spielen, ich lief, fiel, und als ich lag, hielten mich die Halme fest, daß ich kaum aufstehn konnte. Große Pflanzen waren gekommen, die mich stachen, das tat weh. Ich lief ihnen weg und kam nicht weiter, blaue und rote Blumen wuchsen zwischen den Halmen und wollten nicht, daß ich herauskam. Ich wußte einen gelben Weg, den ich gegangen war, den fand ich jetzt nicht mehr. Nun stach und kitzelte mich alles im Gesicht und an den Händen; da schrie ich. Es kam eine Frau, die meinen Namen kannte und lachte: »Heini, Heini, warum bist du ins Kornfeld gelaufen, komm heraus!«

Sie kam in das hohe Gras hinein, hob mich auf und trug mich auf den Weg. »Wo hast du Vaters Kaffee?« fragte sie.

Ich hatte eine Tasche bei mir, in der die Butterbrote und die Flasche eingepackt war.

»Das hat mich das Gras abgenommen«, sagte ich und fing wieder an zu weinen. Die Frau machte ein paar große Schritte und als sie sich bückte, war sie ganz verschwunden. Dann kam sie wieder hoch und hielt die Tasche über das Gras. »Der Kaffee ist bald ausgelaufen, da wird Vater bös sein!« sagte sie. Sie setzte mich auf den Weg und zeigte auf ein großes Haus, das am Ende der Straße lag, ein hoher Baum stand davor. Den Baum kannte ich, den hatte ich schon einmal gesehn.

Die Frau ging, ich sah ihr nach, sie wurde immer kleiner, noch kleiner als ich, und nachher war sie ganz fort.

Nun kannte ich bloß noch die Tasche, die ich in der Hand hielt, es war Mutters Markttasche, damit ging ich oft in den Laden und holte Salz und was auf dem Zettel stand.

Und weil ich den Baum kannte, ging ich zu ihm hin. Immer mußte ich mich umsehn, das große Kornfeld war doch zu lustig, nun sah es wirklich wie eine Decke aus, unter der sich jemand bewegte. Ich dachte an den Riesen, von dem mir die Mutter erzählt hatte und glaubte, er schliefe darunter. Der Vater stand unter dem Baum und wartete auf mich.

Zuerst kam das große verschlossene Tor

aus dem Loch schrie der Hund und riß an der Kette, ich lief vorbei und kam an das zweite Tor, das war auch zu. Es war Vaters Tor, er war sicher nicht da. Aus der dritten Tür kam ein Mann, hinter ihm ein Pferdekopf. Der Mann schrie, da blieb das Pferd stehen. Der Mann nahm einen großen Hammer und hob ihn hoch über sich. Als er ihn dem Pferd auf den Kopf schlug, fiel es um. Es schlug mit den Beinen, der Mann setzte sich auf den Kopf und nahm ein großes Messer. Er schnitt durch den Hals, da lief das Blut wie eine Wasserleitung; ich wußte, daß Blut weh tat und fing an zu schreien. Der Mann rief: »Mach, daß du fortkommst!« Da kam Vater und nahm mich auf den Arm. Wir gingen an dem Hund vorbei ins große Tor, der Vater setzte mich auf eine Bank, nahm die Tasche und gab mir die Butterbrote, die durfte ich essen. Er biß in ein anderes und sagte, er käme gleich wieder. Als er fort war, kam ein anderer Pferdekopf aus einer halben Tür und sah nach mir. Es bummste mit der Brust vor die Tür, die flog auf; es lief auf mich zu und fraß mir die Butterbrote aus der Hand. Dann leckte es mir ins Gesicht, ich schrie und mein Vater kam wieder gelaufen. Er schlug dem Tier mit der Faust vor die Schnauze, bis der Mann kam; der Vater wollte auch ihn vor die Schnauze schlagen, und schalt: »Gebt doch den armen Biestern zu fressen, sie verrecken ja.«

»Ich mach sie doch gleich kaputt!« sagte der Mann, »was brauchen die vorher zu fressen!« Er sperrte das Pferd in den Stall und machte die Tür ganz zu.

Sie gingen wieder weg.

Ich wartete lange. Als Vater nicht wiederkam, ging ich über den Hof durch eine andere Tür und kam in den Garten. Da lagen zwei Pferde, die hatten kein Fell mehr an, die Felle lagen auf der Erde; große Haufen Knochen lagen in einer Ecke, eine Karre voll Fleisch stand in der Tür. Aus der Tür stank es fürchterlich. Es qualmte aus einem großen Kessel, ein Mann stand mit einem großen Löffel und schöpfte in ein Faß.

Mein Vater rief nach mir, ich lief zu ihm. Er schimpfte und sagte, ich müsse mir die richtige Tür merken, ich war jetzt oft genug dagewesen und müßte wissen, wo die Werkstatt sei. Er brachte mich hinein, setzte mich auf eine ganz hohe Bank und sagte, ich solle nur ins Feuer sehn und nicht bang sein. Er ging an das Feuer, nahm eine dicke Stange heraus, legte sie auf den Amboß und zwei Männer schlugen nun darauf, daß das Feuer bis zu meinen Füßen spritzte, aber an mich konnte es nicht heran. Da mußte ich lachen. Dann kam der eine Mann, der roch wie das Feuer, er setzte mich wieder weit auf die Bank, denn ich war bald hinuntergerutscht. Er nahm eine spitze kleine Stange und strich über ein Eisen, daß es klirrte und piepte wie ein Vogel. Da mußte ich wieder lachen. »Feile feile, ohne Eile!« sang der Mann und sah mich immer an. Auf einmal rief der Vater wieder, da lief er weg und wieder schlugen sie, daß das Feuer spritzte. Der Vater holte mich, das Feuer ging aus, und wir gingen durch die dunkle Nacht nach Haus.

Es war an einem schönem Herbsttag

ich hatte die Schürze voll Roßkastanien gesammelt, sie in Mutters Küche getragen und war dann wieder hinunter zum Spielen gegangen.

Die sonnenbeschienene Straße war in der Mitte weiß von Staub, an den Rändern grün und dunkel von den Chausseebäumen und in der Mitte zogen Karren und Wagen. Ab und zu kam auch die Pferdebahn.

An diesem Tag aber mußten die Fuhrwerke ganz auf die Seite fahren, denn eine große Schar Arbeiter hatte die Straße, von unserer Hausseite an, aufgeschlagen. Wenn die Pferdebahn kam, hielten die andern Wagen. Oft saßen die Räder in der Gosse fest, da gingen manchmal alle Arbeiter an die Räder, schrien und hoben den Wagen wieder auf die Straße. Der Kutscher schlug mit der Peitsche und die Pferde sprangen wild im Geschirr.

Um die Bäume herum wurden Rinnen gehackt, unter den grauen Steinen kam gelber Lehm heraus, der auf eine Schiebkarre geladen und weggefahren wurde. Zuerst haben wir in dem gelben Lehm gespielt, dann sahen wir, wie die Männer ein dünnes, breites Messer nahmen und an dem Baum vorbeizogen. Ein anderer Mann stellte eine Leiter an den Stamm und machte ein Seil in den Ästen fest. Als ich sagte: »Jetzt kriegt der Baum eine Schleife in die Haare!« lachten die Männer über mich.

Der Heinrichs Heini nannte das Messer Säge, sein Vater war Schreiner und hatte viele solcher Sägen. Ich sah diese merkwürdige Arbeit, die gar nicht voranging, neugierig an.

Da kam ein Mann mit einem großen Hammer und einem blanken Stück Eisen. Dieses Eisen setzte er in den Schnitt und hob den großen Hammer hoch. Ein anderer Mann klopfte ihm plötzlich auf die Schulter. Da ließ er den Hammer sinken, er wartete, bis wir Kinder von den andern Männern fortgetrieben waren. Nun standen wir in der Haustür, viele andere Leute standen im großen Kreis um den Baum, einige hielten das Seil fest, sie drohten uns mit der Faust, wenn wir nur den Kopf aus der Haustür steckten.

Als der Mann am Baum den großen Hammer nahm und ihn aufhob, da dachte ich gleich an den Mann, der das Pferd vor den Kopf schlug, daß es umfiel, ich sprang aus der Haustür und lief auf den Mann zu, ich ließ mich von hinten auf seine Schultern ins Loch fallen und hielt seinen Arm fest. »Du sollst den Baum nicht totschlagen, du darfst den Baum nicht totmachen, es ist mein Baum, der gibt mir seine Kastanien, das ist mein guter Baum!«

Ich biß dem Mann in die nackten Arme, ich kratzte ihn ins Gesicht, der Mann lachte und drehte sich nach mir um, ein anderer kam und packte mich an, da trat ich und spuckte, bis die Hände mich so fest um den Leib packten, daß ich nicht mehr schreien konnte. Ich wurde aus dem Loch getragen, da stand jemand da und wickelte mich mit dem Gesicht in die Schürze. Ich roch es, daß es Mutter war, sie trug mich die Treppe hinauf, ich wollte ans Fenster, schrie so lange, bis die Mutter mich hinsetzte. Da hob der Mann den Hammer und schlug zu, schlug immerzu, die andern Männer rissen an den Seilen; nun schrien die Leute auf, rannten weg und der Baum sank um. Es fing an zu krachen, die Zweige flogen am Fenster vorbei und wollten sich an dem Haus festhalten, es nützte nichts, die Männer rissen immer mehr, da lag der Baum auf der Erde.

Mir tat der Leib vom Schreien weh, ich hatte die Arme immer ausgestreckt gehalten, nun fielen sie mir ab, ich war müde und schlief bei Mutter ein. Am andern Tag sah ich zum Fenster hinaus, die Straße war nackt und zerrissen, keine Karren durften mehr fahren, in langen Reihen schlugen die Arbeiter die spitzen Picken in die Erde, die Schaufeln steckten ihre platten Hände heraus, streuten den Lehm auf den langen gelben Haufen, die Männer verschwanden in der Erde. Nun wurden weiße Röhren gerollt und in die Gruben hineingelassen. Auf einmal war ein Schienenweg gelegt, neue kleine Wagen kamen, darauf lagen große Eisenbahnschienen. Da bin ich wieder hinuntergelaufen. Wenn ich an den Eisenschienen leckte, schmeckte mir das viel leckerer, als wenn ich an den Kastanien biß. Nachher waren die Schienen überall rostig.

Auf einmal saß ich in einem großen Zimmer

viele Kinder saßen, wie ich, in Bänken, eins neben dem andern. Eine Frau mit einem schwarzen Kleid und einem Tuch über dem Kopf stand an einem Tisch. Sie hatte ein Stöckchen in der Hand. Alle Kinder konnten sagen, was die Frau ihnen vorsprach, bloß ich nicht. Ich war ganz kalt und wollte heraus, aber die Kinder, die neben mir saßen, ließen mich nicht vorbei. Da hab ich geweint, aber die Hände hielt ich, wie die Frau es gesagt hatte und wie die andern Kinder sie auch hielten, gefaltet auf das Brett vor mir. Ich war bang und kalt, bis die Frau auf einmal sagte: »Kleiner, warum weinst du?«

Da lachten alle Kinder, aber ich mußte bloß noch mehr weinen. Da kam die Frau zu mir, und weil ich nicht aufhörte zu schreien, gab sie mir eine große, rote Blume in die Hände.

Das nützte aber nichts, ich weinte immer weiter. Ich wußte gar nicht, wo ich war. Da liefen die Kinder alle heraus, bloß ich nicht. Die Frau stand an der Tür und rief mich, aber ich blieb sitzen. Sie kam zu mir und fragte mich, wie ich heiße. Ich wußte nichts, als daß ich kalt war und nach Hause wollte. Sie nahm mich bei der Hand und brachte mich heraus. Als ich nicht ruhig sein wollte, nahm sie aus der Tasche, die ich umhängen hatte, ein Butterbrot, sie steckte es mir in den Mund. Ich biß aber nicht. Sie gab es mir in die Hand. Nun saß ich da auf einer Bank, vor mir spielten viele Kinder, auch meine Schwester Maria war dabei, aber sie lief und tanzte mit den andern im Kreis. In der einen Hand hielt ich die Rose, in der andern das Butterbrot. Auf einmal kam ein Kind vorbei, riß von der Rose ein Blatt ab, warf es mir ins Gesicht und lief weiter. Ich wußte gar nicht, was das alles sein sollte, ich blieb sitzen, die Kinder kamen in einer Reihe an mir vorbei, rissen jedes ein Blatt aus der Rose und als ich nur noch den Stiel in der Hand hatte, pflückten sie ein Stück von dem Brot ab. Auch diese Stückchen warfen sie mir an den Kopf. Ich blieb sitzen und weinte. Als ich nur noch die Kruste und den Stengel in der Hand hielt, da tanzten alle Kinder vor mir und sangen etwas, was ich nicht verstand. Ich war kalt und weinte.

Als die Frau wiederkam, rannten sie alle zu ihr: »Der Heini, der Heini!« schrien sie und liefen vor mir her, die Frau kam und sagte: »Ich bin Schwester Eufemia und du bist in der Verwahrschule, du mußt lustig sein wie die andern Kinder und deine Schwester.«

Ich fror so, daß ich kaum mehr gehn konnte; als die Pause vorbei war, bin ich wieder in die Schule gebracht worden, aber ich schlief mit dem Kopf auf der Bank ein.

Erst als ich bei Mutter in der Küche war, konnte ich wieder sprechen.

Ein paar Tage später hatten wir Kindtaufe.

»Er geht in die Kinderbewahrschule,« sagte der Vater zu einem Mann, »aber er will nicht. Na, wenn wir die neue Werkstatt haben, dann nehm ich ihn mit. Da kann er was lernen, was Zweck hat.«

Es war Karfreitag

am Mittwoch hatten wir schon Osterferien bekommen. Weil die zwei ersten Tage verregneten, war es sehr langweilig. Da stieg am Freitag die Sonne in strahlendem Glanz aus den Nebeln der Frühe; wir beschlossen, heute Räuber und Soldat zu spielen. Die Räuberhöhle war der alte Gemüsewagen; gleich wählten die Jungens ihren Hauptmann, und die Mädchen richteten die Küche ein. Dann wurde die Schlacht beraten; zuerst überfielen sie den Proviantwagen. Die eroberten Leckerbissen brachten sie den Köchinnen, es war ein tüchtiger Schinken dabei. Doch die Mädchen wollten keinen Schinken, weil ja Fastenzeit sei. Sie machten Kartoffelsalat und buken Pfannkuchen.

Als die Räuber zurückkamen, war das Essen schon gerichtet. Sie setzten sich fröhlich an den Tisch, den sie aus einer Wagenbracke gemacht hatten. Da hörten sie Fritz, den Meßdiener, mit der Holzklapper über die Straße gehen. Er zeigte die Mittagsstunde an, denn die Glocken waren zum Pappessen nach Rom geflogen.

Der kleine Konrad aber sagte: »Wenn es jetzt zwölf Uhr ist, dann wird der liebe Heiland an das Kreuz geschlagen. Die Soldaten graben ein Loch in die Erde und stecken das Kreuz hinein. Ich meine, ich hörte sie mit den Hämmern klopfen!« Da liefen die Kinder vom Tisch weg und legten das Ohr an die Erde. »Ja, ich höre, wie sie die dicken Nägel in das Holz hauen«, sagte der Hauptmann, »das kann gar nicht weit sein, – das sind die Veelhecker, mit denen haben wir ja Krieg! Auf! Liebe Räuber, wir schlagen die Veelhecker Soldaten in die Flucht und befreien den lieben Heiland, – er kann dann gut mit uns tun. Auf die Pferde! Zur Schlacht, liebe Räuber!« rief er, und als alle Mann auf den Steckenpferden saßen, da zählte er mich als Wache aus. Ich mußte nun zurückbleiben, um die Frauen zu beschützen. Als sie schon davongeritten waren, kam der Hauptmann noch einmal zurück. Er hatte die Kneifzange vergessen, denn sie wollten doch die Nägel aus dem Holzbalken herausziehen und den Heiland befreien.

»Jetzt stopfen sie die Kleider vom lieben Heiland in einen Sack und verkaufen sie bei meinem Vater«, sagte Lieschen aus dem Alträuscherladen. »Auch voriges Jahr haben sie das getan. Mein Vater sagte: »Das war ein gutes Karfreitagsgeschäft!« Aber am andern Tag kam die Polizei und hat sie wieder herausgeholt, die Kleider, – die waren all von Samt und Seide!«

Ich saß bei den Frauen und hatte das lange Schwert auf den Knien. Die Hauptmannsfrau war oben auf den Bock gestiegen und konnte die Schlacht um den Berg Golgatha sehn. »Jetzt haben sie den Sandberg erstürmt!« rief sie herunter, »und das Steinlager erobert. Ha! jetzt können sie nicht mehr mit Steinen schießen. Die Räuber gewinnen die Schlacht. Gloria! Sie verfolgen den Feind bis nach Paris. Sie haben den Heiland hängen lassen. Jetzt erobern sie die Festung.«

Als ich hörte, daß Jesus noch am Kreuze hing, hatte ich keine Freude mehr am Räuberspiel. Ich dachte nur immer daran, daß der Heiland am Sterben war. Nun würden die Sterne vom Himmel fallen und die Erde sich öffnen, die Toten aus den Gräbern kommen, die Sonne sich verkriechen und ein fürchterliches Gewitter blitzen und donnern. Dann würden auch die Häuser umfallen und alle Menschen totbleiben. Und nur die Räuber, die ausgezogen waren, blieben am Leben. Ich aber, der ich nicht mitgezogen war, blieb auch tot dabei, das fühlte ich; ich war sicher der Judas, der den Heiland verraten hatte und sich erhängen mußte, wie der Mann, den sie am Hangbusch an dem Eichbaum gefunden hatten. An den traurigen Tag dachten alle Kinder noch lange Zeit. Aber wenn ich Judas sein sollte, so müßte ich doch erst den Beutel mit Geld haben. Nein, einen Beutel mit Geld hatte ich nicht, da konnte ich auch nicht der Judas sein.

Nun ging ich von den Mädchen weg in das Feld, um die Vorhölle zu suchen. In diese sollte ja Jesus hinuntersteigen, sobald er gestorben war. Ich wollte den lieben Heiland bitten, daß ich am Leben bleiben dürfe. Ich würde auch nie mein kleines Brüderchen schlagen oder ihm wehtun, wie Kain den Abel geschlagen hatte.

Die Vorhölle, das war die neue Dunggrube, die erst vor ein paar Tagen gemacht worden war. Ich setzte mich auf den Rand und wartete. Richtig, da wurde der Himmel dunkel, der Nebel zog vor die Sonne, – sie sah jetzt rot, wie ein blutiges Stück Fleisch aus. Sie kochte im Nebeldampf und jetzt sah ich, wie die Sterne durcheinanderliefen und nach dem Mond riefen. Auch der Vorhang in dem Schlafzimmer der Eltern würde in zwei Stücke reißen.

Es war still geworden. Nur ein paar Sperlinge schrien. Ich hörte ganz deutlich, wie sie untereinander sagten: »Er stirbt! Er stirbt!«

Jetzt muß die Welt untergehen! dachte ich und guckte überall umher.

Ich hielt die Hände vor die Augen und dachte immer an den sterbenden Heiland. So eine Dornenkrone müsse doch sehr wehtun, grad wie die Nägel in Händen und Füßen.

Da hörte ich singen. Das waren sicher die Engel, die schon vom Himmel kamen. Ja, sie kamen auf die Vorhölle zu. Sie trugen in ihren Händen Puppen, die keinen Kopf mehr hatten und Holzpferdchen mit zerbrochenen Beinen, all die Spielzeuge, die im Winter kaputtgegangen waren; sie sangen:

»Wenn der jüngste Tag will werden, fallen die Sternlein auf die Erden, weinen all die Kinderlein ...«

Aber sie kamen nicht in die Vorhölle zu ihm. Sie gingen in ihr Haus zurück. Ich hätte so gern gehabt, daß sie gekommen wären. Ich war so bang allein.

Nun schlug es von der Kirche dreimal. Jetzt war die Todesstunde. Wie wird Gottvater bös werden und das Gewitter schicken. Wie gut war es, daß kein Kirchhof in der Nähe war! So brauchte ich die Toten wenigstens nicht aufstehen zu sehen.

Doch da sah ich, wie das Kreuz auf dem Berg Golgatha wankte, wie feurige Erzengel aus den Wolken stiegen, den toten Heiland vom Kreuz abnahmen. Ich sah, wie ein wunderbares Licht aus dem verklärten Leib des Heilands kam. Ich preßte fest die Hände vor die Augen, um nicht blind zu werden. Jetzt mußte Jesus an das Tor der Vorhölle kommen.

Mein Herz schlug heftig, doch ich hatte keine Angst mehr. Ich wollte dem Heiland all meine Märchen erzählen, wollte ihn mit schönen Liedern in den Schlaf singen. Dann wollte ich meinen neuen Ball holen, den konnte der Heiland mit in den Himmel nehmen und an Gottvater einen schönen Gruß von mir bestellen. Gottvater sollte doch so gut sein, und nie die Erde untergehen lassen. Mein Brüderchen, meine Mutter und mein Schwesterchen, all die Kinder, die hätten sicher keine Schuld, daß die bösen Kriegsmänner den Heiland ans Kreuz geschlagen hätten. Der Heiland sollte das seinem himmlischen Vater sagen. Er müsse den Soldaten und den Juden verzeihen daß sie seinen Sohn totgemacht hätten. Auch ich hätte es dem bösen Eisenbahnzug verziehen, daß er den kleinen Molly, den lieben Hund von Deckers, überfahren hatte. Deckers neuer Hund hieß Ami.

Nun lief ich fort, den Ami zu holen. Was würde der Heiland sich freuen, wenn er mit ihm spielen könnte!

Als ich aber ans Haus kam, stand meine Mutter in der Tür und rief: »Heini, komm Kaffee trinken!« Und da fühlte ich, daß ich furchtbar Hunger hatte. Beim Essen mußte ich noch immer an die Vorhölle denken; die Mutter ließ mich nicht mehr spielen gehn, – ich wurde in die Bütte gesteckt und gewaschen. Als ich lang ausgestreckt im Bett lag, glaubte ich, in Jesu Grab zu liegen. Morgen war ja Karsamstag, was da geschehen sollte, das wußte ich nicht so recht. So freute ich mich auf den Ostermorgen, – da würde ich sicher als erster die Ostereier kriegen.

Ich war in die Volksschule gekommen

und wußte nicht wie. Die Welt war überhaupt nicht gewesen, wenn die Schule nicht war. Der Geruch in den Gängen und in der Klasse machte mich gefangen, ich dachte nicht ans Weglaufen, ich setzte mich, wie die andern, in die Bank und ließ alles geschehn. Der lange Weg hatte mich schon müde gemacht. Ich mußte immer zum Fenster hinaussehen oder -hören; der Gemüsehändler sang: »Kartoffelen, Gemüse, Salat! Drei Pack Muhre vör ne Grosche!« Die Spatzen lärmten im dichten Efeu, mit dem das Schulhaus bewachsen war. Draußen spielten Kinder, der Sturm pfiff, der Regen schlug, doch, wenn ich auf den Unterricht hörte, schlief ich ein.

Einmal habe ich eine große Freude gehabt. Es war in der Badeanstalt. Zufällig kam, anstatt des warmen, nur kaltes Wasser ans den Röhren; so kalt, daß nach wenigen Sekunden die Jungen in den warmen Auskleideraum zurückliefen und nicht wieder in die Zellen wollten. Als der Direktor und der Lehrer kamen und mich allein in der Zelle beim Waschen sahen, lobten sie mich vor allen Schülern. Der Lehrer klopfte mir auf die Schultern und sagte: »Hier ihr großen Kerle, schämt euch, ihr Bangbuxen, der kleine Lerschkes, der hat am meisten Courage!« Der Direktor fragte mich nach meinem Namen und seitdem interessierte sich der Lehrer etwas mehr für mich.

Das war nun die neue Werkstatt

sie lag hundert Meter von der alten und unserm Wohnhaus entfernt. Sie war aus altem Holz neu gebaut und hatte vorn vier große Fenster und ein riesiges Tor. Auf dem flachen Dach war ein Schornstein. Wenn die Schmiedefeuer brannten und der Wind nicht wehte, dann qualmte es aus allen Fensterlöchern und Spalten zwischen den Brettern. Kurz vor dem Winter ließ der Vater die gelben Bretter teeren, damit sie nicht so schnell faulen sollten. Er hatte einen großen Prozeß verloren; nicht einmal der Grund und Boden war sein Eigentum geblieben, er mußte noch Miete bezahlen und hatte auf lange Jahre Schuld auf sich genommen.

Nun sah die Werkstatt finster und drohend aus; am Abend, wenn das Licht der Feuer durch die Fenster flammte, zeigten die Mütter den kleinen Kindern die feurige Höhle und sagten ihnen, daß dort der Teufel wohne. Wenn sie nicht brav seien, dann käme er mit seinen schwarzen Gesellen und hole sie. Auf dem Vorplatz lagen alte Dampfkessel und Wasserbehälter, die auch alle schwarz gestrichen waren. Wir spielten in ihnen Verstecken und Nachlaufen; man konnte sich lange in den vielen Winkeln und Ecken verbergen, ehe man gefunden wurde.

Um der Werkstatt nahe zu sein, zogen wir wieder in dies Haus. Ich kam auch in eine andere Schule. In der Stadtschule war ich einer der dümmsten, hier konnte ich mehr als die andern. Da brauchte ich einfach keine Aufgaben zu machen, die meisten taten es auch nicht. Als der Vater das merkte, nahm er mich nach dem Kaffetrinken in die Werkstatt, ich mußte den beiden Bohrmännern das Stellrad drehn und den Bohrer schmieren. Es dauerte nicht lange, da waren die Bohrer zufrieden mit mir: zuerst setzte ich schon mal zuviel Druck auf den Bohrer, dann brannte der sich fest und brach ab. Oder ich vergaß, beizeiten mit dem Pinsel Öl an die Schneide zu streichen, dann wurde sie stumpf und mußte geschliffen werden. Wenn ich kam, dann ging das Bohren noch einmal so schnell. Die Männer machten sich nicht müde, denn sie konnten nun zu zweit die Kurbel drehn; vorher war das Löcherbohren eine Quälerei, nun machte es Spaß.

Es war wunderbar, wie sich die Speichen im Schwungrad drehten, wie die Zahnräder ineinandergriffen und die Spindel rundschmissen. Wenn ich um sieben Uhr noch nicht müde war, bohrten die Gesellen noch eine Stunde länger. Dann wurde die Lampe angemacht, es war eine Kessellampe aus Eisen, die einen Docht hatte, der in einem kleinen Ölbehälter lag. Eigentlich sollte sie mit gereinigtem Baumöl gebrannt werden. Das war zu teuer, darum gossen die Gesellen Schmieröl mit Petroleum drauf. Dann brannte sie mit einer handlangen Flamme und rußte, daß die Nasenlöcher von den herumfliegenden Flöckchen schwarze Ränder kriegten. Die Lampe hing an einem kleinen Gestell, so, daß ich den Bohrkörner sehn konnte. Die Gesellen brauchten nichts zu sehn, sie drehten im Dunkel die Kurbel, die Arme gingen wie eine Maschine, immer im Kreis, hoch und tief, voran und rückwärts. Die Lampe beglänzte ihre nackten, schwarzen Arme, das Gesicht schimmerte rötlich, die öligen Teile der Bohrmaschine glänzten gelb im flackernden Licht, alles andere lag im pechschwarzen Dunkel. Bald wurden die Gesellen müde, sie sahen gar nicht mehr auf, unterhalten konnten sie sich in den späten Stunden auch nicht mehr. Wenn ein Loch durch war, ging die Maschine leicht; sie rückten die Stange vorwärts, indes ich den Körner suchte. Das war in ein paar Sekunden gemacht, dann legten sie sich wieder auf die Kurbel und orgelten weiter.

Einmal mußte ich müde gewesen sein, die Lampe war auch niedergebrannt, ich rückte ganz an den Bohrer heran, um ordentlich sehn zu können. Da packten die Zahnräder mein Halstuch und die Jacke, ich wurde langsam an die Maschine gepreßt, der Hals war mir zugeschnürt, das Kinn lag fest vor dem Gußeisen, der Bauch an der Spindel, immer mehr zogen die drehenden Zahnräder mich in die Maschine hinein, da merkten die Männer, daß etwas nicht stimmte: als sie mich sahen, drehten sie schnell links herum. Da bekam ich Luft und fing an zu schreien. Die Jacke war vorn von den Zahnrädern zerfetzt, von hinten die Naht schon aufgerissen, die Haut auf der Brust hatte schon in den Rädern gesessen und war zerquetscht. Im Kinn hatte ich eine Wunde, es war nur ein Glück, daß ich die Hände weit abgestreckt hatte, sonst wären sie zwischen die Zähne gekommen und bloß noch Stumpen gewesen.

Daraufhin bin ich drei Tage nicht in die Schule gegangen.

Ich sollte nun nicht mehr an der Bohrmaschine helfen. Die Gesellen brachten sich einen Vierzehnjährigen mit. Der aber lernte es nicht. Es zerbrachen mehr Bohrer an einem Tag als sonst in der Woche und sie bekamen noch weniger getan, als wenn sie allein drehten. Da konnte ich, wenn ich den Blasbalg zog, mich weigern, soviel ich wollte – sie fragten mich so lange, bis ich es endlich wieder machte. Auch der Vater war böse, weil ich um das bißchen ungeschicklich Fleisch so viel Trara machte. Wenn erst das ungeschickte Fleisch all abgeklemmt, gequetscht, geschnitten und abgeklopft sei, dann passiere nichts mehr. Es ging eben nicht ohne Wunden und blaue Nägel, verbrannte Finger und Risse im Fell ab. Ich mußte weitermachen, bis die Bohrarbeit getan war.

Endlich war die Bohrarbeit getan.

Auch die Schulkameraden hatten keine Zeit zum Spiele. Trotzdem lief ich nach dem Unterricht zu ihnen hin. Sie mußten nach dem Kaffee den Eltern und Geschwistern helfen. In den Familien wurde Konfektion, Hosen und Joppen genäht; die Mütter und Töchter lagen über der Nähmaschine, die jüngern Geschwister nähten Knöpfe an. Damit die Jungens schneller fertig wurden, half ich mit. Erst stach ich mich oft, denn meine Finger waren schon steifer als die der andern. Aber das war ungefährlich. In der Mitte der Stube lag die Ware auf einem Haufen, wir saßen drumherum wie um ein Feuer. Es mußten immer genau so viel Stiche sein. Waren es weniger, so riß der Kontrolleur im Geschäft die Knöpfe ab und die Sachen mußten wieder mitgenommen werden. Zweimal in der Woche wurde »geliefert«, die Pakete kamen in den alten Kinderkastenwagen und wir schoben zum Geschäft. Da mußte man oft lange warten, der Kontrolleur war ein gemeiner Kerl, er riß die Nähte auseinander, die Knöpfe ab, gab kein Geld und jagte die Kinder wieder fort. Dann mußte ein Großer mitgehn. Einmal nähte ein Mädchen, als die Mutter liefern war, über seinen Zeigefinger hin, die Nadel ging beim zweitenmal kaputt und stak im Fleisch. Da war nicht einmal eine Kneifzange bei der Hand, ich habe so lange mit den Zähnen an dem Nadelstück gebissen und gerissen, bis es herauskam. Das große Mädchen schrie und weinte noch lange. Als die Mutter nach Haus kam, warf sie vom Flur aus den ganzen Packen Hosen in die Stube, ließ sich auf einen Stuhl fallen und schrie, weil der Kontrolleur ihr kein Geld gegeben hatte. Nun hatten sie für die nächsten Tage nichts zu essen. Als sie nun nachher den verletzten Finger sah, da wurde sie unglücklich und wütend und schlug die Tochter, schlug die Kinder und hieb sich selber nachher aus Wut und Ärger so furchtbar mit der Faust vor den Kopf, daß die Kinder alle laut schrien. Da habe ich mitgeweint und bin brüllend aus dem Haus gelaufen; meine Mutter fragte, warum ich weinte, aber ich schämte mich, es zu sagen. Ich habe mich in den Schlaf geweint und konnte es nicht begreifen, daß es so scheußliche Menschen gab wie den Kontrolleur von Müller und Hager. Ich hatte nur eine Hoffnung, daß Gott in seiner Gerechtigkeit ihn strafen würde; das beruhigte mich und am andern Tag sagte ich es der Mutter. Die ist dann zu den Leuten hingegangen. Ich lief zum Vater in die Werkstatt und verlangte Geld für meine Arbeit, das wollte ich sparen und es den armen Leuten bringen.