Die Pioniere von Eilenburg - Heinrich Lersch - ebook

Die Pioniere von Eilenburg ebook

Heinrich Lersch

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Opis

Ein Roman aus der Frühzeit der deutschen Arbeiterbewegung.

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Die Pioniere von Eilenburg

Heinrich Lersch

Inhalt:

Heinrich Lersch – Biografie und Bibliografie

Die Pioniere von Eilenburg

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebentes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Siebzehntes Kapitel

Achtzehntes Kapitel

Neunzehntes Kapitel

Zwanzigstes Kapitel

Einundzwanzigstes Kapitel

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Vierundzwanzigstes Kapitel

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Die Pioniere von Eilenburg, H. Lersch

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849630508

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Heinrich Lersch – Biografie und Bibliografie

Deutscher Arbeiterdichter, geboren am 12. September 1889 in Mönchengladbach, verstorben am 18. Juni 1936 in Remagen. Sohn eines Kesselschmieds, zu dem er auch ausgebildet wurde. Nach langer Wanderschaft durch Deutschland und Teilnahme am Ersten Weltkrieg übernimmt er die Schmiede seines Vaters. Wegen einer Lungenkrankheit muss er diese 1924 abgeben. Immer wieder muss er zu Kuraufenthalten auch ins Ausland und zieht schließlich 1932 mit seiner Familie nach Bad Bodendorf an der Ahr in die Nähe seines Heilpraktikers. Mit Machtübernahme der NSDAP wird er in die Preußische Akademie der Künste berufen. Er unterzeichnet auch das das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler. L. stirbt 1936 an einer kombinierten Lungen- / Rippenfellentzündung.

Wichtige Werke:

    Abglanz des Lebens. Gedichte (1914)

    Brüder (1915)

    Herz! Aufglühe dein Blut! Gedichte im Kriege (1916)

    Deutschland! Lieder u. Gesänge von Volk und Vaterland (1918)

    Manni! Geschichten von meinem Jungen. Aufgeschrieben vom Vater (1926)

    Der grüßende Wald. Legenden und Geschichten (1927)

    Stern und Amboß. Gedichte und Gesänge (1927)

    Hammerschläge. Ein Roman von Menschen und Maschinen (1930)

    Mit brüderlicher Stimme. Gedichte (1934)

    Die Pioniere von Eilenburg. Roman aus der Frühzeit der deutschen Arbeiterbewegung (1934)

    Im Pulsschlag der Maschinen. Novellen (1935)

    Deutschland muß leben! (1935)

Die Pioniere von Eilenburg

Roman aus der Frühzeit der deutschen Arbeiterbewegung

Erstes Kapitel

Auf der großen Landstraße, die von Delitzsch nach Torgau führt, marschiert ein Handwerksbursche. Er schaut, den Kopf erhoben, geradeaus auf den Horizont. Er spricht die Namen der Dörfer, die in zehn Minuten Entfernung die Landstraße begleiten, vor sich hin: Priester, Cupsal, Behlitz, Pressen, Zschettgau, Cospa. In einer Viertelstunde ist er in Cospa und dann hat er nur noch eine starke Stunde bis zu seiner Vaterstadt. Als er durch den kleinen Ort kommt, trinkt er am Brunnen. Er hebt seinen alten Zinnbecher gegen Westen, denkt an all die Städte, Dörfer und Flecken, in denen er übernachtet, gerastet, gegessen, getrunken hat und schüttet den Rest in breitem Schwung, wie segnend, durch die Luft. Als er sich wenden will, steht plötzlich der Gendarm vor ihm:

»Paß!«

»Ihr braucht keinen Eilenburger Jung eine Stunde vor seiner Haustür noch nach den Fleppen zu fragen!« sagt der Wanderer. Trotzdem er dies im echten Dialekt der Landschaft spricht, wird der Beamte ungeduldig:

»Egal! Egal!« Der Bursche reicht die Papiere. Als der Gendarm sie ihm zurückgibt, sagt er kameradschaftlich:

»So Paule, grüß Vater Zöckler von mir! Warst in Amerika! Hast auch einen tüchtigen Batzen Geld mitgebracht? Ja, ja, sie können's brauchen, die daheim!« Die Worte des Gendarmen werden vom Rasseln eines hochbeladenen, mit vier Pferden bespannten Planwagens übertönt. »Adjees! ruft ihm der Gendarm zu und geht auf die andere Seite, um zwei reisende Zimmerleute abzufangen.

Paule geht. In der Ferne zackt, ganz klein, ein spitzer Turm auf. »Marienkirche!« sagt er. Nach einer Viertelstunde sieht er die Flügel einer Windmühle. Er spürt keine Müdigkeit, obwohl er schon sechs Stunden unterwegs ist. Er sieht in die Gesichter der Leute, die ihm begegnen; sie grüßen ihn wie einen Fremden. Er mustert die Chausseebäume; es sind dieselben, auf denen er als Junge nach Eichhörnchen gejagt, in denen er nach Elsternestern gesucht, von denen er hinunter den Fuhrleuten und Fußgängern Eicheln an die Köpfe warf.

Da sieht er auf der anderen Seite einen Bauern pflügen: wahrhaftig, das ist der alte Knecht vom Presselbauer in Berg! Langsam, langsam zieht der Falbe, langsam geht der Knecht hinter dem Pflug hin. Vorne stiegen die Krähen auf, überstiegen Pferd und Mann, und sammeln sich wieder hinter ihm in der neuen Furche. Paule möchte dem Knecht einen Gruß zurufen; er hat keine Zeit, jetzt wird ihm die letzte halbe Stunde zu lang. An der Windmühle sinkt die Straße talwärts. Jetzt sieht er den Weg vom Lehmberg, sieht die alten Bauernhäuser und jetzt hört er aus den Hütten das Geklapper der Handwebstühle. Er geht den schmalen Pfad am Schloß vorbei und kommt ans Amtsgericht. Da die schmale Straße zur Treppe, die an den Mühlbach führt. Er geht bergan, kommt auf die Bastei und sieht seine Vaterstadt da liegen: die Leipziger Straße führt mitten hindurch, über sie hin läuft sein Blick bis an den Marktplatz. Dort glänzt ihm mit blankem Dach die Nikolaikirche entgegen; daneben steht hoch das große Rathaus. Er sieht weiter: die Torgauer Straße, er sieht endlich die Mulde; wo der Mühlgraben in den Fluß mündet, blinkt der Friedhof mit den weißen Steinen auf. Nicht weit davon muß sein Vaterhaus liegen. Jetzt sieht er, unter sich, den Mühlgraben. Die alte Mühle teilt ihn. Der größere Strom wendet sich zur Schloßau; das Räderwerk der Mahlsteine tönt zu ihm hinauf, abwärts qualmen die Schornsteine der Kattunfabriken; da liegen die Wollwirkereien, die Strumpffabriken. Paule hört das Getöse der Websäle, das Gebrause der Räder und das Rauschen der Wehre.

Paule wird immer neugieriger, geht immer mehr zur Seite. Er will sie alle sehen, wie sie da drüben liegen, Eilenburgs Fabriken; von den Färbereien fließt das Spülwasser in den verschiedenen Couleuren hinein in den Mühlbach. Die Schornsteine erheben sich über die Bäume. Vor zehn Jahren waren sie noch stumpfe, viereckige Schlote. Hoch und kühn sind sie aufgemauert worden; doppelt und dreifach so hoch, wie sie vorher waren, stehen sie jetzt, schlanke Kamine. Sicherlich haben sie auch neuartige Maschinen hineingebracht, wie er sie in Pittsburg und Philadelphia gesehen hat.

Er ist von dem Weg der Bastei abgekommen, und geht auf den Sorbenturm zu, über einen Fußpfad, kommt an einer bröckligen Steinmauer vorbei und sucht einen neuen Weg zu den Fabriken hinunter. Ab und zu geben die hohen Äste großer Bäume den Blick auf die Stadt frei. Gerade bricht die Sonne durch die Wolken und leuchtet über die Dächer. Jetzt kann er den Markt groß sehen. Im Licht glänzt der Turm der Nikolaikirche. Da ist wirklich die Mitte der Stadt. Die Torgauer Straße führt hinaus an die Mulde. Sie zieht nordwärts im weiten Bogen auf Kültzschau zu, als wolle sie der wilden Lossa, die nun hineinfließt, ein Stück entgegengehen. Mit ihr zusammen biegt sie wieder ab und läuft zurück nach Norden, Hainichen zu.

Paule sieht still und schaut. Nicht mehr voll Neugier, sondern in ergriffener Freude. Da stiebt aus einem Buschwerk eine Schar Spatzen auf. Er hört das keuchende Husten eines alten Mannes. Paule sieht sich um.

»Heda, war hier früher nicht einmal ein Weg?« ruft er hinüber. Der Alte zeigt auf einen frischgeebneten Pfad. Paule ruft ihm zu: »Was fällt Euch ein, Pröttervater, damned, wollt Ihr hier aus alten Wegen neues Ackerland machen, eine Farm einrichten? Und mit Gewalt reich werden?

Der Alte spuckt aus, nimmt den Spaten von der Schulter und stützt sich darauf.

»Ja, Herr Nachbar, es ist schon Lichtmeß! Wenn hier was wachsen soll, muß rigolt werden! Zu Kartoffeln wird's noch langen! Wiesen brauchen die Leute nicht mehr, denn die Geißen der Armen sind in den Hungerjahren ans Messer gekommen. Ihr war't wohl lange nicht zu Eilenburg? Wir alten Weber, Färber und zünftigen Leute haben mit Webstuhl und Farbkufe die Öfen geheizt. Ihr wollt auch arbeiten in Eilenburg! Uns das letzte Stück Brot wegnehmen?«

»Na, Pröttervater! Ich bin doch der Schmiedspaule, der nach Amerika ausgeritscht ist!« Der Alte macht eine Verbeugung:

»Jeß, der Amerikapaule – hast Dollars im Sack? Werden sich dein' Leut freuen!«

»Na, Pröttervater, da komm ich gerade richtig, um die Maschine anzuschmeißen!« Der Alte spricht über die Schulter hin:

»Jesses Kreuz, da schau doch, nichts, wie Maschinen; Gold machen sie für die großen Herren, die Bodemer, die Degenkolb, die Mitscherlich, die Prentzel, die Ehrenberg, die Danneberg! Hergelaufene Schmiede, Schlosser, Mechaniker bauen immer mehr Maschinen. Teuer ist das Leben, wie in Leipzig! Paule, die jungen Maschinenmänner können wohl lachen; aber wir, wir Alten, wir ohne Arbeit und Geld, was sollen wir tun? Der Fremde unterbricht den Alten:

»Pröttervater, weint nicht, es wird schon wieder allright! – Ich komm Euch dieser Tage besuchen, grüßt zu Haus!« »Paule, hör, Paule!« Der Alte ruft ihm nach. Der Bursche kommt zurück. »Wenn du in die Stadt kommst, red von allem, nur nicht von der Freiheit. Erschossen hat die Reaktion sie, gefangengesetzt lebenslänglich; red nicht vom Volk – red nicht vom Staat!«

»Pröttervater! Hier!« Der Bursche hebt den Wanderstock in die Höhe, ballt die Faust ums Holz und stößt ihn in die Luft: »Keine Angst! Die Freiheit in Deutschland ...« Der alte Mann unterbricht ihn:

»Paule, du redst dir den Tod an den Hals! Ich will nur mitgehen!« Er nimmt seinen Spaten und humpelt auf den lehmbeschwerten Holzschuhen hinter dem Jungen her. Immer wieder muß Paule stehen bleiben, der Alte kann nicht mit. »'s geht nicht einmal mehr bergab! Lauf nit, Paule, ich ..« Er ist schon so außer Atem, daß er nicht mehr fragen und erzählen kann. Paule sieht nur immer auf die Schornsteine und die Stadt.

An der Bastei bleibt der Alte zurück; Paule geht hinunter und steht nun auf der Brücke über dem Mühlgraben. Er hört das Wehr brausen und das Kullern der Mahlgänge. Er kommt auf den Mühlenplatz. In der Schmiede donnern die Ambosse von den Schlägen schwerer Hämmer. Er geht in den Schatten des Torflügels, sieht zwei Mann hoch den schweren Reifen halten, zwei andere Männer die Schweißen schlagen. Auf dem andern Amboß reckt ein Geselle mit zwei Jungburschen Pflugschare aus, während am dritten Schmiedefeuer Röhren geglüht werden. Die Flammen beleuchten die schwarzverrußten Wände, an der Decke hängen lange Reihen von Hufeisen, Pflugscharen, Rodehacken und Ofenroste. Paule zieht den blauen Qualm des Schmiedefeuers schnüffelnd ein, läßt seine Augen von Feuer zu Feuer, von Mann zu Mann gehen. Seinen Ohren tut das stählerne Schallen von Hammer und Amboß wohl. Er verläßt die Schmiede. Jetzt fühlt er sich von Feuer und Amboß bewillkommt und in seiner Vaterstadt zu Hause. Er biegt über die Brücke des zweiten Mühlenbacharmes in die Leipziger Straße ein. Es ist doch eine prachtvolle Straße. Paule begreift nicht, warum der Prötter so klagt; hier steht eine Reihe neuer Häuser, große Scheiben in den Fenstern! Das gab es doch vor zehn Jahren noch nicht. Fünf Magazine für Kleider und Stoffe hat er schon gezählt; da muß doch der Handel florieren. Neue Läden von Eisenhändlern – Donnerwetter, alles so billig! Jetzt steht er auf dem Marktplatz. Einige Häuser sind neu dazugekommen. Das stolze Rathaus mit den vielen Fenstern überragt alle Bürgerhäuser. Nun geht er die Torgauer Straße entlang. Er sieht in die Torgauer Schmiede hinein, es ist nur ein Lehrjunge darin, der mit einem Besen um den Amboß herumfegt. Er biegt in den Wall ein. Nun kommt er in die Gegend der Handwerkerhäuser. Die Straßen werden enger, hier wohnen die Weber. Das Geklapper der Webstühle trommelt in seinen Heimwärtsschritt. Er wiegt im Takt die Füße nach dem Holterdipolter, kalitter, kallatter, wie er es als Schuljunge schon getan. Jetzt verlaufen sich die Gassen; hier sind die Häuser der Arbeiter, die in die Fabriken gehen. Es ist immer noch keine feste Decke auf der Fahrbahn, immer noch läuft Spül- und Regenwasser in breiten Lachen zusammen, so daß die Mitte der Straße ein Pfuhl ist: Der muß im heißen Sommer stinken! In Amerika hatte man zuerst auch keine Zeit, gute Straßen zu legen, aber dafür gab es gute und feste Stiefel an den Füßen.

Paule schreitet an den Kindern vorbei, die betteln ihn an und starren ihm nach. Es sind die Kinder seiner Schulkameraden dabei. Er sieht einen rotköpfigen Pausback, er sieht sich nach ihm um: Ja, es ist der Junge vom Nachbar Schimmelmann. Gleich tritt aus dem Tor der fuchsbärtige Böttcher heraus.

»Hoha, Zöcklerpaule, sieh da! Paule, Rotzjunge! Bist du groß geworden!« schreit der Faßmacher ihm seinen Gruß entgegen. »Nun wollt ich grad zu deinem Vater, da kann ich direkt mitgehen!« Der Nachbar muß über die Schlammpfütze hinweg ihm die Hand reichen. Geradeaus geht Paule mit seinen wasserfesten Stiefeln voran. Der Böttcher mahnt: »Nun komm doch am Haus vorbei! Hast die ganze Straße nötig?«

»Man macht es so aus Gewohnheit!« sagt Paule und trabt geradaus: »Immer mitten durch! Dann spritzt es an den Seiten weg!« Der Nachbar lacht:

»Das wirst du schnell satt haben zu Eilenburg; wenn wir unsere Steuergroschen in die Schlammpfützen schmissen, hätten wir längst trockene Straßen, so schmeißen wir sie dem Fiskus in den Hals und haben gar nichts davon.« Paule sieht dem Alten ins Gesicht:

»Wie ist es bei Euch noch zu Hause? Alles gesund?«

»Ach, Paule, wir nehmend nicht mehr so hitzig, wenn eins krank und mit dem Tod abgeht –'s alles so sündhaft teuer –, das bißchen Branntwein, na, das müssen unsre Burschen, die nun Fabrikler sind, haben. Sonst hielten sie die dreizehn, vierzehn Stunden nicht aus. Wir haben früher auch schwer schaffen müssen, aber wir waren in unserm Haus, da war Luft und Licht und kein Treiber und Hetzer – da schau, die Gevatterin!« Der Meister Böttcher grüßt Frau Zöckler von weitem.

Paules Mutter kommt, ein großes starkknochiges Frauenzimmer mit schwer schlenkernden Armen; langsam geht sie auf den Sohn zu, greift mit gestreckten Händen auf die Schultern des Burschen und schüttelt ihn:

»Paule, Paule, großer Kerl! So hab ich mir dich vorgestellt! Ein echter Preller bist du geworden! Siehst genau, wie mein Vater selig aus, als er noch jung war. Na, wirst Hunger haben. Komm! Junge!

»Heimkehrer, Mutter, einen Glücksjungen hast du! Ist allright! Da!! Come on! Papa!« Er sieht ein wenig ehrfürchtig vor dem Vater, er stellt sich nach Gesellenart vor: »Fremder Schmied spricht den Meister um Arbeit an! Gott ehre ein ehrbar Handwerk! Fremder Schmied!«

»Gott ehre ein ehrbar Handwerk!« sagt der Schmied, gibt ihm die Hand und sieht an seinem Sohn hinauf: »Das sie dich nicht dagehalten haben, in Amerika, Paule, nee, so hätt' ich dich nicht füttern können! Naja! Soll's doch mehr Ochsenfleisch geben in Amerika als Grützensupp' im Sachsenland. Wie hast du denn unser Eilenburger Nest wiedergefunden?«

»Von Antwerpen immer gradaus! Berliner und Breslauer waren mit, Schwaben und Rheinländer. Hunderte, so sind wir gekommen, als wir hörten, daß in der Heimat was Neues anfängt!«

»Zuerst was zu essen!« sagt die Mutter und geht in die Küche.

»Bist du reich geworden?« fragt der Vater.

Der Sohn lacht:

»Ja, reich? War ich auch schon mal! Der Taler ist ein Dollar in Amerika – na, was hab ich Dollars gehabt! Einen kleinen Sack voller Silberstücke und einen Packen Papiergeld; man gibt hinterher nichts mehr dafür und wird leichtsinnig. – Na, hier wollen wir mal an die Arbeit gehen! Hast doch Arbeit?«

Die Mutter unterbricht:

»Davon nachher! Doch sag, wie lange bist du übers Meer gefahren? Was hat sie gekostet, die Seefahrt? War es schlimmes Wetter? Was habt Ihr zu essen gekriegt?«

Ehe Paule antwortet, fragt der Faßbinder:

»Viel Arbeit in Amerika? Da wird doch Gold gefunden? Hast du auch nach Gold gegraben?«

»In Amerika ist alle Arbeit Gold graben! Stellt Euch vor, das ist ein Land –;« »Hat es nicht geklopft?« fragt Paule und ruft: »Come on!«

»Herein!« Ein schwarzhaariger Kopf schiebt sich durch die Tür –.

»Guten Morgen! Ergebenster Diener, wollt um Gottes willen nicht stören, – ah, Besuch, Empfehlung, ein andermal!«

Die Mutter ruft:

»Nur hereinspaziert, Kanitzky, immer nur hereinspaziert! Unser Paule ist zurückgekommen, aha, könnt Ihr verstehen, aus Amerika sind sie zu Hunderten heimgekommen. Es muß wohl nicht so glänzend sein in Eurem gelobten Land! Da wird der Kanitzky am längsten Geld verdient haben, wenn er keine armen Leute mehr nach Amerika schicken kann! Es wird keiner mehr auswandern wollen!«

Der dienernde Agent redet:

»Haltet's nicht mit den einzelnen, Meisterin, der eine hat Glück in Amerika, der andere Unglück. Und am End ist jeder am liebsten in seiner Heimat. Will aber um Gottes willen nicht stören. Wollt' nur wegen dem Geschäft fragen, eilt ja sowieso nicht, – ergebenster Diener, meine Herren Meisters, Herr Paule, Empfehlung, Empfehlung!« Er geht.

Paule fragt: »Was macht der Kanitzky jetzt?«

Der Meister Faßmacher antwortet:

»Alles! Betreibt zusammen mit seinen Brüdern das elterliche Materialwarengeschäft. Außerdem handelt er im großen mit allem, woran etwas zu verdienen ist. Daß er Agent für Auswanderer, dann Darlehens- und Grundstücksvermittler ist, wißt Ihr vielleicht noch von früher her. Gebt ihm nur was zu tun! Ehe Ihr es merkt, hat er Euch mit Haut und Haaren verschlungen.«

»Das wird ihm aber bitter bekommen!« lacht Paule. »Ich möchte jetzt doch lieber eine gute Suppe verschlingen; Hunger hab ich übergenug; hallo, seht, da kommt Mutter an!«

Frau Schmiedemeister steht, den Schöpflöffel in der Rechten, schwenkt ihn weisend zum Tisch hinüber:

»Ein christlich deutsches Mittagessen nach all dem Heidenfraß, den sie dir im fremden Land vorgesetzt haben! Tu deiner Mutter die Ehr, – deinem Bauch die Lieb an und hau ein! Der Fleischer hatte grad die Weißwürst fertig, na ja, das Kraut war auch so gefettet genug!«

»Auch unterwegs gab's alle Tage Sauerkraut, das ist gut wider den Skorbut, die Schiffskrankheit. Doch, wann kommt Gustav nach Haus, wann Schwester Lotte? In welcher Fabrik sind sie?«

Die Mutter antwortet kurz:

»In der Strumpfwirkerei bei Prentzel!« und fragt: »Was hat die Seefahrt gekostet?«

Paule fragt hartnäckig weiter: »Verdient sie gut, die Schwester? Der Gustav? Umsonst schickt Ihr sie doch nicht in die Fabrik?«

Nun sagt der Faßmacher:

»Du wolltest uns doch sagen, was die Überfahrt gekostet hat, wie das Wetter war, wie lang du gelaufen bist von Antwerpen nach Eilenburg?«

Paule wird ungeduldig:

»Meister Faßmacher! Ist es Mode in Eilenburg, daß man nicht von Geschäft, Arbeit, Lohn und solchen Dingen spricht! In Amerika spricht man von nichts anderem! Hat sich Eilenburg so verändert? Damals zeigte man dem Heimgekehrten die Werkstatt, die Arbeit, die Bestellungen, die Vorräte, – ja, was ist denn?«

Der Faßmacher springt auf, sagt: »Gesegnete Mahlzeit!« und geht.

Langsam steht der Paule auf:

»Ihr verbergt mir was? Was hat der Nachbar? Wo sind die Gesellen?« Er geht auf die Mutter zu, die hebt, wie abwehrend, die Hände. Paule faßt die Hände, besieht sie, schnippt mit den Fingernägeln in die Höhlung der Hand, kratzt auf die Fingerspitzen, auf die Ballen. Die Mutter entreißt ihm die Hände, ballt sie zur Faust und schüttelt sie.

»Ja, Junge, die Wahrheit: mit diesen meinen Händen hab ich die Werkstatt auf unsern Grund und Boden gehalten! Ich bin der Geselle, ich bin der Zuschläger, ich steh am Schraubstock; bettel, bettelarm sind wir. Tiefer abwärts geht's nimmer! Alles voll Schuld, – ich zins' es mit meinen Händen. Die drei Tagwerk Acker, – am Mühlenkamp, – sie sind hin, die Holzung am Lehmberg, hin ist sie! Das Prellererb, dahin ist es mit 36 Tagwerk, samt Wald und Weiden! Darfst dich nicht mehr sehen lassen zu Delitzsch, zu Eilenburg. ›Das ist auch ein bankrotter Prellertochtersohn!‹ wird man sagen. Dein Vater, da sitzt er, der Schreck macht ihn lahm, wenn er daran denkt. Er träumt nachts von den Maschinen, daß ihm der Schweiß auf der heißen Stirn kocht. Selbst der gute Doktor Bernhardi sagt: ›Da hilft nur noch ein großer Geldsack mit 1000 Talern, der das Erb wieder zurückkauft!‹ Er verwindet es nicht, daß aus dem zünftigen Meister so eine Fabriklerfamilie geworden ist! Nun weißt du es! Zerbrich dir nicht den Kopf! Wir werden heut nach der Vesper zum Nachbar Fritzsche gehen, mit dem können wir uns beraten. Ich hab ihn so oft um Rat gebeten! Nun aber guten Appetit!«

Paules Faust saust auf den Tisch, daß die Kumpen springen.

»Du, Mutter, und ich! Wir schaffen's! Die Prellers treffen das Rechte, oder – den Rechten!« Er stampft mit dem Fuß auf: »Mutter, warum habt ihr mir das nicht geschrieben? Warum habt ihr mir's nicht schreiben lassen? Habt ihr denn gar nicht an mich gedacht? Vor einem Jahr noch, da ...« Die Mutter unterbricht ihn:

»Wir wußten ja lange Jahre nicht, wo du warst! Laßt uns jetzt essen! Kein Wort mehr!«

Der Vater schiebt den Kopf über den Krautteller und schneidet die Wurst entzwei. Er ißt zögernd, plinkt kurz ein Auge auf den Sohn, der die Ledermanschetten vom Arm nestelt und hinter sich auf den Kasten stellt.

»Iß, Junge! Das Kraut kostet uns nichts, es ist noch aus unserm Garten!« sagt er. Die Mutter stößt den Meister mit dem Fuß an und sagt:

»Walter, der Paule sollt' meinen, er därft nur das Kraut essen! Es ist Wurst auch für uns da! Wir haben schon Freud genug, weil du wieder da bist!« Paule lacht grimmig:

»Ihr sollt es merken, Mutter, auch Bäcker und Schlachter und Wirte! Seit ich übern Rhein bin, esse ich für Drei! Und heut abend, da wird ein Wein getrunken, der wie Feuer durch die Därme rinnen soll.«

Da trapsen Schritte im Torweg, über das Feldsteinpflaster kommen die Geschwister. Paules Nase nüstert groß, das war der Geruch, den damals schon das verachtete Fabrikvolk mitbrachte: Farbdunst, Ölgeruch, Schweißgestank – als Kinder waren sie im Dunkel an den Fabriklern vorbeigegangen und hatten den müde trottenden Arbeitern nachgerufen: »Ihr seid von Prentzel, ihr von Dannebaum, die Ehrenberger stinken am meisten!« Als die Geschwister in die Stube treten, geht er auf sie zu:

»Lotte! Gustav, wie freu ich mich! Seid's gesund? Allright!«

Er ist einen Kopf größer als sie. Sie schauen ihn fremd und freudig an. Nun holen sie sich einen Schemel an den Tisch; zwei Augenpaare blicken abwechselnd von der Krautschüssel zu den Augen des großen Bruders, der zu den Geschwistern hinübersieht.

Die halbe Stunde Essenszeit ist vorbei, die Geschwister gehen wieder in die Fabrik, Paule nimmt eine Schaufel Glut vom Herd in der Küche, geht in die Werkstatt und blasbalgt das Feuer hoch. Dann schmiedet er einen vierkantigen Ring um die Ankerschraube, schweißt ihn auf und hämmert ihn kantig.

Der Buchbindermeister Fritzsche geht zur gleichen Zeit in seiner Buchbinderwerkstatt umher und prüft seinen Bestand an Papier, Pappe, Leinwand und Kaliko – er schreibt auf, was er noch gebrauchen muß und überschlägt im stillen die Kosten dafür. Er hat eine Bestellung Musterkarten bekommen. Die Gesellenwerkplätze sind leer, es riecht nach kaltem Kleister, muffigem Papier und rauchigem Ofen. Fritzsche öffnet die Fenster zum Garten hin. Kahl und leblos stehen die Bäume und Sträucher, die Beete sind leer, fahl ödet der Boden. Eine Meise zirpt. Da! Beim Schmied hämmert es auf dem Amboß! Ein Geselle? Er hatte bisher keinen Gesellen, der Schmied, der Menschenscheue. Fritzsche weiß, wenn das Tor verriegelt ist, dann ist die Frau bei der Arbeit. Nun steht das Tor weit offen. Also doch ein Geselle! Wird wohl eine große Arbeit bekommen haben, der Schmied! Der Amboß klingt immerzu; nun weht ein Wind frisch und warm in die stockige Luft der Kleisterstube. Was mag beim Schmied sein, daß er das Tor seiner Werkstatt weit aufgerissen hat? denkt der Buchbinder. Jetzt trommelt ihn der Amboßklang aus der sowieso nicht großen Arbeitsfreude. Die Sonne hat den Nebel durchbrochen. Immer wieder geht Meister Fritzsche an das Fenster, atmet den Geruch der Gärten ein und äugt zum Schmied herüber. Es ist ein ganz neuer Klang! Nein, die Zöcklerleute würden das Tor nicht aufmachen, und wenn's zehnmal Frühling wird! Das muß etwas Neues sein!

Meister Fritzsche sitzt am offenen Fenster und starrt in die Luft. Seit Wochen schon ist er ein Träumer geworden. Er träumt von höchst wirklichen Dingen, von seiner Vaterstadt Eilenburg und ihren Menschen, von seiner Arbeit und der Kollegen Arbeit, von seinen Kindern und der Kollegen Kinder, von seinem Haushalt und von der Kollegen Haushalt. Wie diese Dinge jetzt sind, das weiß er zum Überdruß genügend: sie sind unerträglich geworden. Die Stadt Eilenburg hat zwei Gesichter bekommen. Eins ist rosig, gut gelaunt, voll ernährt, sieht mit zwei klaren Augen in eine schönere Zukunft, sieht in Freiheit und Freude Wohlstand und Reichtum sich ansammeln. Das ist das Gesicht der glücklichen Stadt Eilenburg, der jungen und schon so berühmten Industriestadt, Stadt der Kattunfabriken und Strumpfwirkereien, der Baumwollmanufaktur und Webwarenwerke. Reisende aus aller Herren Länder bestaunen diese Stadt, verkünden ihren Ruhm in aller Welt, und von den Ländern her kommen die Bestellungen auf Waren, die hier gefertigt werden. Das bringt Arbeit, das bringt Geld; dies Geld wandert wieder in die Welt hinaus und wird zum Käufer für Rohware aller Art; und lauter als alle Zeitungssprüche verkündet das wandernde, werbende Geld: »Ich komme aus Eilenburg, der Stadt der Arbeit, ich bringe Bestellungen, ich zahle!«

Natürlich sieht der Buchbindermeister Fritzsche gern in dieses rosige Gesicht und hört gern den Klang der harten Taler. Er ist für Wohlstand und liebt die Freude. Er liebt dies reiche Eilenburg und möchte nur, daß es nicht auf einen so engen Raum, auf so wenige Menschen beschränkt bleibe, wie es jetzt ist. Das ist nun sein Traum, daß dies glückliche Eilenburg größer werden müsse.

Darum muß er in die Höhe sehen, in die unendlichen Räume der Winternächte, in die Harmonie der Sternbahnen, damit ihn nichts an das andere Eilenburg erinnert, in das er durch eine unsichtbare Hand hineingestoßen worden ist.

Dieses andere Gesicht der Stadt ist das Gegenteil. Als sei der Böse, der Leibhaftige, der Teufel selber in den vielen tausenden Gesichtern Mensch geworden. Er fratzt umher in Hunger, Not und Sorgensangst, aus Kummeraugen. Die Arbeit wüstet in den Gesichtern mit Schmutz und Schweiß, mit Krankheit und Erniedrigung. Tag um Tag sieht Meister Fritzsche, wie ehedem gute, fröhliche Bürger, fleißige Handwerker, glückliche Männer und Familienväter ihr treues Eilenburgergesicht verloren haben und wie eine verbissene Proletariermiene kundgibt, eh der Mund es ausgesprochen hat: Bankrott! Unser Erbe ist aufgezehrt, die Bestellungen bleiben aus. Kein Kredit mehr zu neuer Arbeit, die Werkstatt gepfändet, die Existenz vernichtet. Seit sieben, seit acht Jahren geht das so. Meister Fritzsche sieht den aufblühenden Wohlstand der Fabrikstadt Eilenburg, sieht den niedersinkenden Gewerbestand; die Fabriken werden immer größer, die Zahl der Arbeiter schwillt an. Die Handwerksstätten veröden, die Familien verarmen, mit jeder Maschine, die neu aufgestellt wird, kommt ein fremder Arbeiter nach Eilenburg und bringt zehn einheimische Familien aus dem Brot. Bisher hatte Fritzsche geglaubt, daß wenigstens die neuen Maschinenarbeiter ein auskömmliches Verdienst hätten und das dort ein neuer Wohlstand werde, von dem die Handwerker, Schuster, Schneider, Bäcker, Krämer – durch Arbeit und Lieferung – auch wieder zu Verdienst kämen. Es graut ihn vor diesem neuen Arbeitervolk; von morgens 5 bis abends 9 arbeiten sie in den Fabriken und am Sonntag, wenn die alteingesessenen Eilenburger zur Kirche gehen, schlafen sie sich aus. In jeder freien Stunde sitzen sie, die Arme auf den Tisch verschränkt, vor der Schnapsflasche und wenn man in die Gasthäuser kommt, so trinken, fluchen und benehmen sich wie die Heiden. Trotzdem ist Meister Fritzsche hinuntergestiegen in das fremde Volk; er wollte und mußte sehen, ob von dort aus nicht ein neuer Wohlstand aufkommen konnte. Nein, an dieser Arbeiterschaft ist nichts zu verdienen. Doch zu seinem großen Erstaunen hörte er auf dem Bürgermeisteramt, daß die Arbeiter eine Verbrüderung geschlossen hatten. Das Haupt dieser Vereinigung war der ehemalige Färber Brade. Bei diesem ist er eben gewesen und der hat ihm von dem Plan gesprochen. Wahrlich, ein gigantischer Plan: Alle Arbeiter in allen Fabriken einer Stadt schließen sich zusammen zu einer großen Arbeitsarmee. Das verdiente Geld aus dem Lohn wird nicht direkt vom Fabrikanten an den einzelnen Arbeiter ausgezahlt; genau, wie man auch dem Soldaten nicht das Geld für seine Verpflegung, für Kleider und Wohnung gibt. Alle Arbeitgeber der Stadt zahlen allen Lohn für alle Arbeiter in eine gemeinsame Kasse; die Arbeiterverbrüderung verpflegt aus dieser Kasse die Arbeiterfamilien. So braucht der Familienvater mit sieben Kindern nicht auf den unverheirateten Junggesellen neidisch zu sein, der bisher seinen ganzen Lohn für sich allein verwenden durfte. Der Heiratswillige bekommt Ausstattung und Wohnung von der Verbrüderung, es wird für die Neugeborenen gesorgt, da brauchen sich die Mädchen keine Sorge zu machen, wenn sie auch einmal nicht geheiratet werden: Kinder sind zukünftige Arbeiter, zukünftige Arbeiter sind Soldaten. Zucht und Disziplin muß auch in der Arbeiterschaft herrschen, Kameradschaft und das Wort: Einer für alle! soll das Leitwort sein. Den jetzt schon bestehenden Verbrüderungen, der Weber zum Beispiel, denen sollen aus dem Überschuß der gemeinsamen Verwaltung Webereien eingerichtet werden; die Verbrüderung der Schuhmacher soll getrost Schuhwerkstätten einrichten, an Absatz wird es nicht mangeln. Nur dürfe sich der deutsche Arbeiter nicht einbilden, er käme aus dem Elend allein heraus.

Alle müßten helfen, die Maschine sei wie eine Krankheit über die Menschen gekommen und in diesen außerordentlichen Notzeiten müßten auch außerordentliche Maßnahmen getroffen werden. Die Arbeiterarmee werde für den Staat so notwendig sein wie die Soldatenarmee und da der Arbeiter doch Soldat sei und der Soldat Arbeiter, da sei es von vornherein ganz nützlich, daß er sich an den Gedanken der Kameradschaft auch schon vor der Militärzelt gewöhne. Selbst die Fabrikanten sind begeistert gewesen, Herr Degenkolb sprach von einem neuen Deutschland, das aus dieser Idee erwachsen könne, einem gewaltigen Staat, in dem die Wehrpflicht und die Ernährpflicht gleicherweise geehrt und geschätzt werde.

»Wenn dies nicht kommt, so bleibt der Arbeiter der verachtete Knecht, der Handwerker geht dem Verderben entgegen und nur dem gewaltigen Handelskapital fließen ungeheure Gewinne zu. Dann bleibt für den stolzen Deutschen nichts übrig, als sein Bündel zu schnüren und in Amerika eine neue Heimat zu suchen!«

Diese Worte hatte der ehemalige Färbermeister Brade zu ihm gesprochen; Brade hatte schon seit zwei Jahren seine Werkstatt zugemacht, ein Bankrott hatte ihn um sein Vermögen gebracht. Die Frau war gestorben, die Töchter verheiratet, die Söhne ausgewandert. Er hatte schon früh den Niedergang seines Handwerks kommen sehn, seit 20 Jahren predigte er die gemeinsame Verwaltung der Färbergilde, gemeinsamer Einkauf von Farbe, gemeinsame Annahme von Aufträgen, Verteilung nach Anzahl der Gesellen und Qualitätskontrolle durch die Gilde. Nachdem die Fabrikanten der wilden und ungleichen Bedienung durch die Meister müde geworden waren, hatten sie ihren Betrieben eigne Färbereien angeschlossen. Fremde Meister aus dem Wuppertal und dem niedern Rheinland, aus Holland und Schlesien brachten neue Muster und neue Farben mit; es schien ausgeschlossen, daß die Eilenburger Färbermeister so etwas Neues schaffen würden. Nie mehr würde das freie Färbergewerbe hochkommen.

Meister Brade sah sein und der andern Gewerbe Heil nur noch im gegenseitigen Helfen und zusammenschließen. Er hatte als einer der ersten unter dem Druck eines gewissenlosen Kapitals sein gewerbliches Blut ausgeschwitzt und will nun seine Zeitgenossen und Handwerkskollegen vor den grausigen Erfahrungen behüten, in dem er sie zur Zusammenschluß aufricht?.

Meister Fritzsche hat ebenfalls lange keine Arbeit mehr gehabt, auch er berät seit Monaten schon die Errichtung einer genossenschaftlichen Darlehnskasse, aus der die Meister Vorschüsse auf Bestellungen erhalten, wenn sie Rohstoffe kaufen müssen. Er hat beizeiten etwas gespart; doch in den letzten Jahren mehr aus dem Vermögen gelebt als durch Arbeit erworben. Darum sinnt er mit seinen Freunden auf Verbesserung seiner Lebenslage. Er will es nicht begreifen, daß es den Fabrikarbeitern, die noch 14 Stunden am Tag schaffen, noch schlechter gehn sollte, als den Handwerkern. Nein, von unten her war also kein Geldstrom zu erwarten, die Löhne sind zu niedrig, die Familien haben zu viel Fresser. Das Gesicht des anderen Eilenburg, des düstern, verschmutzten und fast verkommenen Eilenburg drängt sich vor Fritzsches Augen hin.

Er sitzt im Schein der Frühlingssonne am Fenster und fühlt die milde Wärme auf den Händen, die auf den Knien ausruhn. Es ist ihm, als dunkle der Widerschein des unglücklichen, hungernden, geängstigten Eilenburg den klaren Vorfrühlingshimmel. Da oben, in den Fernen, hinter Wolken und blauem Geleucht ist Harmonie; hier, in Eilenburg war alles Wirrwarr und Durcheinander. Ja, sein Leben im Gewerbe war immer erfüllt gewesen mit Sorge und Arbeitsnot; nur eine kurze Zelt in seiner Jugend, drei Jahre, waren ihm ebenso klar und harmonisch vergangen wie der Sterne Reigen am nächtlichen Himmel: als er Soldat in Torgau war. Da gab es keinen Kampf ums Dasein, keine Konkurrenznot, keine schlechte Rohware, keine unbezahlten Rechnungen, da gab es keine Sorge um Arbeit und keinen Haß mit und umeinander. Diese drei Jahre, unvergeßlich, sind ihm nur schöne Erinnerung. Jetzt werden sie ihm zum Leitstern: Natürlich, so muß die Arbeit auch geordnet werden! Selbstverständlich, jedem das Seine, einer für alle!

Werden die Monturen und Uniformen nicht auch gewebt? Gewehre und Patronen, werden sie nicht auch in den Schmieden und Fabriken gearbeitet? Was war der Soldat ohne die Stiefel und Schuh? Ist der Arbeiter nicht der Helfer und Bruder der Soldaten und der Bauersmann nicht der große Ernährer der Soldaten, und Arbeiterarmee? Warum sieht der Soldat in höherm Ansehen als der Bauernknecht und der Webergeselle? Nein, Soldaten sind sie alle, für einander und umeinander.

Wie klappt das Leben beim Militär! Ruckzuck! Korporalschaft, Kompanie, Bataillon, Regiment, Division! Wie geordnet das Heerwesen, wie greift alles ineinander: Infanterie, Kavallerie, Artillerie. Die Pioniere und der Train, sind sie nicht auch ebensowichtig wie die andern? Ja, auch da zieht ein großer Plan durch das Ganze, ein Feldmarschall steht als oberster Heerführer an der Spitze, von oben nach unten, kreuz und quer, da ist Ordnung, da ist Sicherheit, da ist Richtung und Ziel!

Meister Fritzsche sieht da oben am Frühlingshimmel das Land Preußen gespiegelt wie es sein mußte und kommen sollte.

Hier die Garnisonstädte: in Ordnung. Dort die Arbeitsstädte: in Ordnung. Zwischen ihnen das Bauernland mit Fourage für Mann und Tier: in Ordnung.

Dann wendet er den Blick auf die Erde: O Eilenburg, eine Hölle von Unordnung und grauenhafter Wirrnis. Wie kann das Leben blühn, wenn einer gegen den andern wütet, der Arbeiter gegen den Handwerker, der Handwerker gegen den Arbeiter, der Reiche gegen beide, der Arme gegen alle.

Kling, Kling, Kling, Kling! Der Amboß timpt beim Schmied. Ein neuer Geselle, ein neuer Meister? Wird auch da Ordnung gemacht? Bitter nötig. »Genau wie hier in der Kleisterbude!« sagt er vor sich hin. »Meister Fritzsche, an die Arbeit!«

Er schließt das Fenster, übersieht die Liste der benötigten Waren, vergleicht und schreibt auf. Jetzt läutet es zu Mittag. Wieder ein guter Morgen dahin. Er geht ins Haus, ißt zu Mittag, einsilbig und wie abwesend. Steckt die Pfeife kalt zu sich und geht wieder auf die Werkstatt. Ein schöner Auftrag kommt gelegen: Musterkarten für Degenkolbs Weberei. Er rechnet und berechnet: So viel Rohstoff, so viel Geld oder Kredit! Zwischendurch blickt er durchs Fenster in den Garten: Was mag beim Schmied los sein? Es wird drei Uhr, er holt die Pfeife aus dem Rock und raucht. Hätt er nur das Geld für Pappe, Karton und Leinen! Es ist eine so gute Bestellung, eine so schöne Arbeit: Musterkarten!

Zweites Kapitel

Zur Vesper geht Fritzsche ins Haus; in der Küche leert seine kleine Tochter den Korb aus, sie war zum Einkauf im Laden:

»Vater, weißt du, daß der Schmiedspaule da ist? Zu Mittag ist er aus Amerika gekommen!«

»Schön, schön!« sagt Meister Fritzsche, geht in die Küche, wäscht sich die Hände und bindet seine gute, grüne Schürze vor.

»Grüß ihn auch von mir!« ruft das Mädchen dem Vater nach. Er ist erstaunt: Woher weiß das Gör, wohin er will? Als er beim Nachbar ankommt, steht Frau Zöckler ausgehfertig in der Tür. Paule hat nur noch die Krawatte umzubinden. Als die Schmiedsfrau den Meister sieht, schlägt sie die Hände zusammen und ruft:

»Grad zu Euch wollten wir, Meister!«

Der Nachbar sieht bei dem Heimgekehrten, sie schütteln sich die Hände. Fritzsche sagt zur Mutter:

»Wenn wir im Haus bleiben, hört uns die Frau und die redet so viel hinein. Wollen wir nicht lieber auf meine Werkstatt gehen?« In der Werkstatt angekommen, rückt der Meister den Tisch an das Fenster, sie setzen sich auf die Schemel und gleich erzählt Paules Mutter, was sie zu Hause des Vaters wegen, nicht sagen könnte: Wie schlecht es um Eigentum und Auskommen sieht. Zugleich soll Meister Fritzsche seinen Rat geben; Paule will, daß sofort etwas getan wird. Fritzsche hat einen Karton genommen und schreibt die Summen untereinander, die als Darlehen verzinst werden müssen, schreibt die Zinsen auf und die täglichen Ausgaben. Die Mutter hat alle Summen im Kopf. Sie ist untröstlich über die vielen Schulden, doch Meister Fritzsche zeigt ihr schwarz auf weiß, daß sie Unrecht hat, wenn sie glaubt, daß alles verloren ist. Die Mutter sieht das »Soll« riesengroß vor den Augen, das »Haben« zwergklein.

Wie verzwickt solch ein altes Eigentum zusammengesetzt ist! Hier ein Stück Acker, da ein Fetzen Feld, drüben ein paar Tagwerk Land, dort ein abgeholzter Wald. Und zuletzt: die Werkstatt. Es bedarf eines Mannes Taglohn, um diese Zinsen abzutilgen. Nun überlegen die Drei lange, ob sie dem Vater den Verkauf vorschlagen sollen. Doch die Mutter rät ihnen ab:

»Vater wird noch ganz trübsinnig, wenn das geschieht; er weiß überhaupt nicht, wie es steht, er kann keine Zahlen im Kopf behalten. Wenn er wüßte, wie traurig es mit uns ist, täte er sich ein Leid an!«

Paule eifert:

»Aber jeden Tag schon 20 Silbergroschen bar zu verdienen, um sie den Geldleuten in den Hals zu schmeißen, jeden Tag, eh du eine Schnitte Brot auf den Tisch legen kannst, das ist zuviel! Da muß etwas verkauft werden! Wer hat das Darlehen vermittelt?«

Da wird die Mutter fast ärgerlich und sagt schroff:

»Kanitzky natürlich! Vater wollte nicht in Judenhände kommen; nun sitzt er in den Klauen dieses polnischen Wucherers!«

Sie rechnen die Zahlen zusammen, bis Paule sagt:

»Nein, Mutter, es fehlen 200 Taler im Jahr. Die lassen uns keine Ruhe! Wo verdiene ich am ersten Geld? In unserer Werkstatt? In einer Fabrik? In den Betrieben geht doch allerhand zu Bruch, ich steck' mich dahinter! Zuerst aber kauf ich mir den Kanitzky, well, der muß mit mir zu den Geldleuten gehen. Wir müssen versuchen, das Geld billiger zu bekommen!«

Die Mutter schüttelt den Kopf und sagt höhnisch:

»Das Geld billiger! Das brauchst du mir und uns nicht zu sagen! Das sagt jeder Meister in der Stadt, bis auf ein paar wenige: wir müssen billiger Geld haben! Christlich deutsches Geld! Geld, mit dem man schaffen kann und das wieder schafft; mit dem Leih- und Zinsgeld, dem Judengeld kommt man ja nicht voran, es frißt die Arbeit auf!« Da sagt Meister Fritzsche:

»Ha! Geld ist Geld!«

Paule geht in großen Schritten durch die kleine Werkstatt:

»Nein, Nachbar Fritzsche, Geld und Geld ist zweierlei! Habt Ihr denn unter Euch keine Assoziationskasse? Da haben die Handwerker in Amerika eine Vereinigung, da legen sie ihr Geld zusammen, in einen festen Schrank, damit es nicht geraubt werden kann. Wer es dann von den Meistern geliehen haben will, braucht nur ganz wenig zu zahlen. Habt Ihr so was?«

Nun schildert der Buchbindermeister, wie in Delitzsch ein Assessor Schulze eine Tischler- und dann eine Schuhmacherassoziation gegründet hat. Auch in Eilenburg sind die Schuhmacher und Tischler daran, sich zum gemeinsamen Einkauf zusammenzuschließen. Leider tun die begüterten Handwerker, die selbst Kapital haben, nicht mit und die armen Meister nicht viel zusammen.

»Darauf kommt es sich aber an! Auf Geld aus Arbeit und Handwerk, nicht auf Handelsgeld! Das Judengeld ist zu teuer! Was macht Ihr nun?«

»Nun versuchen wir, durch die Zeitung dieses Bestreben öffentlich bekanntzumachen. Schneidermeister Bürmann und Doktor Bernhardi haben schon darüber geschrieben. Willst du das nicht auch tun?« sagt Fritzsche.

»Ich? In einer Zeitung schreiben?« fragt Paule. »Nun ja! Haben wir Brücken gebaut und Ströme gebändigt, werden wir auch wohl aufschreiben können, was wir denken. Worte wiegen leichter als Brückenträger! Top!«

»Freut mich!« sagt Fritzsche. »Ich kenne den Redakteur von unserm Volksblatt. Wir werden zu ihm gehen. Er wird schon etwas Gutes daraus machen. Doch, erzähl mal!«

Da sieht Frau Zöckler auf, stemmt die Hände auf den Tisch und sagt enttäuscht:

»Ach Paule, dann geh ich. Der Meister Fritzsche ist wie verrückt, er kennt nur noch seine Pläne; die ganze Stadt macht er toll mit seinen Ideen. Unsere Sach', die mit dem Kanitzky, die vergeßt Ihr ja doch? Adjes, Mannsvolk!« Frau Zöckler packt ihre Sachen zusammen und ehe Paule die Zürnende beschwichtigen kann, haut sie die Tür hinter sich zu.

»Recht hat sie schon!« sagt Fritzsche, »seit wir eingesehen haben, daß es mit uns nur bergab geht, da haben wir mal auf den Tisch geklopft und die Kollegen in die Rippen gestoßen: ›Mann! Jetzt geht's um Leib und Leben!‹ Jeder weiß nun, daß wir nur durch den Zusammenschluß helfen können, – leider ist es schon sehr spät. Doch, sag, wie ging es in Amerika zu, wie war es dir, als du da ankamst, was war da nun anders, was fiel dir da zuerst auf? Das mußt du mir mal schnell erzählen!«

»Ja, Meister Fritzsche. in Amerika ist alles anders. Als ich mich zuerst umsah, da merkte ich gar nicht, wer eigentlich Herr oder Knecht, Arbeiter oder Bürger, Fabrikherr oder Monteur, Angestellter oder Inhaber war. Im gewöhnlichen Verkehr, da wurde nicht von unten herauf gedienert und gekatzbuckelt, noch im hochnäsigen Ton von oben herunter herabgesehen und geschnauzt. Das war für mich das Merkwürdige!«

»Und wie fandest du unsere Landsleute?«

»Eins fiel uns besonders in den letzten Jahren auf: als da etliche der neuangekommenen Deutschen merkten, daß man in Amerika nicht wegen Majestätsbeleidigung ins Loch gesteckt werden konnte, da fingen sie an, auf Teufel komm heraus auf die Monarchen zu schimpfen, auf die Regierung, auf die Fürsten, auf Gott und alle Welt! Zuerst hab' ich darüber gelacht, doch nachher hab ich mich gründlich geschämt; die andern Natiöner verstanden gar nicht, was die Deutschen gegen ihre Fürsten haben, begriffen gar nicht, warum die Deutschen zu erst die amerikanische Freiheit benützen, um sich, uns und das alte Vaterland vor den Angehörigen der Nationen und den Amerikanern zu blamieren.«

»Nun, wenn du die letzten fünf Jahre hier erlebst hättest, dann verständest du es schon. Hast du denn nicht mit den Leuten gesprochen, die doch sozusagen nach Amerika geflohen sind?«

»Sie sprechen sehr bald nicht mehr von Politik, sie versuchen in Amerika, es schnell zu etwas zu bringen. Sie sehen, wie Arbeiter und Fabrikant friedlich und auf dem Wege freier Vereinigung und Selbstbestimmung einig werden. Sie sehen, daß Amerika nicht nur den Händlern und Fabrikanten, sondern auch den Arbeitern, nach allen Seiten, auch nach der wirtschaftlichen, sich frei bewegen läßt!«

»Das versteh ich nicht recht, was meinst du damit?«

»Nun, es werden keinem Schaffer solche Beschränkungen auferlegt wie hier. Ich habe in Boston gearbeitet, da war ich Schmied; ich war in Philadelphia Eisenschmelzer und in Neuyork hab ich den deutschen Kindern Unterricht gegeben, weil dort die Deutschen in solcher Überfülle ankamen, daß eine Schule so schnell nicht gegründet werden konnte. In Pittsburg hab ich dann geholfen, Lokomotiven zu bauen. Dann wurde ich, weil ich eben schreiben und rechnen konnte, Buchhalter auf dem Büro. Als mir der Schreibtisch zu enge wurde, ging ich nach Wayling in eine Fabrik für landwirtschaftliche Maschinen.«

»Was sagst du da? Maschinen für den Bauer? Unmöglich!« unterbricht ihn Fritzsche.

»Jawohl, Sämaschinen, Dreschmaschinen, Hack-, Haufel- und Rodemaschinen! Ich bin doch mit den Transporten auf das Land gereist und habe die Farmer und Knechte im Gebrauch dieser Maschinen unterwiesen!«

»Da verstehst du wohl auch jetzt etwas vom Bauernwerk?«

»Bauernwerk? Lieber Freund! Korn und Weizen nennt man dort jetzt: Agrarprodukte! Bauernwerk! Agrarproduktion! Das ist schon mehr Produktionsindustrie! Die neuen Maschinen haben die bäuerliche Hof- und Feldarbeit so umgeschmissen, wie die Webmaschinen unsre Kattunherstellung.«

»Dann sollen sie die Brotfrucht herüberschaffen!«

»Das wär das größte Unglück für unsern deutschen Bauernstand! Was sollen denn die Landleute in Deutschland tun? An wen sollen sie denn hier ihre Brotfrucht verkaufen? Und woher soll das Geld genommen werden, um Korn und Weizen zu kaufen! Nein, Amerika ist Amerika und alles, was sie dort machen, kann man hier nicht tun!«

Meister Fritzsche stützt seinen Kopf auf den Tisch und verfällt in Grübeln.

»Augen auf!« kommandiert Paule, »Meister Fritzsche, eh die Amerikaner ihre Maschinen in Gang setzten, haben sie zuerst ihre Köpfe gebraucht und die Denkmaschine in Bewegung gesetzt. Nun denkt auch Ihr mal nach: Wir sind doch keine Bauern, wolln auch keine werden. Wir sind Handwerker und wollen sie bleiben. Das ist egal, ob wir nun mit oder ohne Maschine arbeiten. Was wolln wir? Arbeit und Absatz! Warum können wir nichts absetzen? Weil die Arbeiten zu teuer sind, die Käufer nicht genügend Geld haben. Lust zu kaufen haben sie schon; mehr noch, sie müssen unbedingt kaufen. Nur, die Waren müssen billig sein. Da können wir am End doch von Amerika lernen: Große Mengen herstellen, am Einzelstück wenig verdienen. So habens ja auch die Farmer in Amerika gemacht! Nun will ich mal erzählen, wie wir drüben auf einem andern Gebiet vorgingen. Einmal arbeitete ich in Cincinati; das war in einer Eisengießerei. Da nun jeden Tag neue Artikel gebraucht wurden, konnte der Meister nicht mit. Ein Arbeiter nach dem andern mußte gehen. Zuletzt blieben nur noch die Ofengießer übrig, denn Ofen wurden immer noch in der gleichen Art gemacht. Davon konnte der kleine Fabrikant nicht fett werden, eines Tages kündigte er an, daß er die Gießerei in den Schrott schlagen und verkaufen wolle. Das paßte uns nun garnicht. Als wir uns am Abend zusammensetzten, um zu bereden, wie wir in einen andern Staat auswandern könnten, da sagte einer:

»Wir wollen dem Meister die Bude abkaufen, wir wollen weiter Ofen machen, darauf sind wir nun eingearbeitet.« Drei Tage gab der Meister uns Zeit, drei Tage lang liefen wir bei den Deutschen in Cincinati herum, liehen uns Betriebskapital – und schon waren wir die Herren der Fabrik: 12 Mann hoch. Wir hatten alle unsre Ersparnisse zusammengelegt und zusammen für den Rest gebürgt. Was meint Ihr, was wir da für Öfen zusammengeklopft haben? Als wir mal gar nichts anderes mehr zu überlegen, zu planen zu rechnen hatten, als wir immer nur in einem Bogen die eine Sorte Öfen machten, – und jeder von uns immer nur eine bestimmte Arbeit an einem bestimmten Teil taten, da stieg aber die Zahl; das Dreifache leistete jedermann mit demselben Gerät und in derselben Zelt. Auf einmal standen 5000 Öfen auf Lager und soviel an Bestellungen auch abgeholt wurde, es wurde nicht weniger. Da wurde nacheinander jeder von uns auf Reisen geschickt, um Großabnehmer zu finden. Endlich kam ich an die Reihe. Ich bin ein schlechter Verkäufer und setzte nicht mehr als die andern ab. Doch ich hatte Glück, ich traf einen Mann, der Gefallen an den Öfen fand. Als ich ihm sagte, auf welche Art wir zu der Gießerei gekommen waren, – da klopfte er sich auf den Schenkel, daß es schallte und brüllte vor Vergnügen:

›Wenn ihr mir nur noch in dicken Buchstaben vorn eine Schrift gießt: Cincinati-Association, – dann nehm ich euch die ganze Produktion zu einem bestimmten Preise ab!‹ Er ging mit und wir handelten. O weh, wie sah dieser Preis aus? Kaum die Hälfte von dem, was unser Vorgänger bekam! Einen Monat machten wirs auf Probe und siehe: mit dem billigen Preis stieg der Umsatz und der Händler konnte soviel absetzen, daß immer ein Wagen zum Abholen vor unserer Gießerei wartete, ja, die Öfen waren nicht mal richtig kalt, da waren sie auch schon verkauft. Nachher sind wir hinter sein Geheimnis gekommen: er verkaufte die Öfen an eine Genossenschaft. So brauchte er nur zu liefern und strich dafür 10 Prozent ein. Eines Tages blieb der Händler aus, totgeschlagen oder in ein besseres Geschäft gekommen, egal.« – Fritzsche sieht den Jungen an: der stand da und sagte dies, als sei es etwas Besonderes.

»Na ja, meinst du, wir brauchten dich, um so etwas auszuknobeln? Dazu brauchten wir Amerika und seine himmelweiten Weizenfelder? Nun komm mal mit zum Schustermeister Stolle, der soll dir was erzählen!«

So, wie sie stehn, gehn sie zum Nachbar Stolle. Der guckt den merkwürdigen Eilenburgerjungen einmal neugierig an und nimmt, als Fritzsche ihn nach den Plänen der brüderlichen Vereinigung der Schuhmacher fragt, ein Schreibheft aus der Schublade.

»Wir haben uns das so gedacht, Amerikamann, wir Schuhmacher von Eilenburg bilden wirklich eine brüderliche Vereinigung und tun so, als seien wir alle Mitglieder einer Familie. Dann nehmen wir zuerst mal alles Geld, was noch auf Zins aussteht und auf Rechnungen geht, legen alles zusammen und kaufen einige von den berühmten Schäfte-, Schneide-, Näh- und Steppmaschinen, einige Lederstanzen und Walzen, die das Leder vorbereiten. Daran setzen wir unsere jungen Leute und lassen sie Oberteile machen. Vorläufig nur eine Sorte, schwere, kräftige Bauernschuh, wie sie auch die Fuhrleute und Arbeiter tragen. Jeder Meister entnimmt diese vorgearbeiteten Stücke dem Lager der Brüderschaft und macht sie von Hand fertig. Wir haben uns das ausgerechnet, so werden die Schuhe ein Viertel bis ein Drittel billiger, als wenn wir sie ganz und jeder allein von Hand machen. Sind aber die Schuh soviel billiger, dann können die Jungen von uns, die Verkaufstalent haben, damit die Märkte in der Umgegend besuchen, können aber die Leute ln Halle und Leipzig, in Torgau und Merseburg so billig Schuh kaufen, dann ist es nicht schwer, diese abzusetzen. Haben wir einmal den Absatz, so können wir mit den Gerbern einen Vertrag auf jährliche Lieferung machen; dabei gewinnen die Gerber sowohl wie wir: da können wir uns das Leder um soviel billiger beschaffen, daß wir die Schuh fast zur Hälfte so wohlfeil machen können, als wenn jeder von uns auf eigenes Risiko und eigene Faust schafft. Warum, so haben wir uns gesagt, warum sollen wir warten, warten, bis die Geldleute genau so Fabriken für Schuhherstellung einrichten, wie sie es jetzt mit Kattun machen?«

»Damned!« sagte Paule und klatschte in die Hände. »Das habt Ihr fein ausgedacht: Handarbeit für die wichtigen Teile der Schuhe, Sohlen und Böden, Maschinenarbeit für die weniger wichtige! Eure Jungens gehn auf die Märkte, damned, sie verdienen ihr Geld genau so wie bei der Herstellung. Wieviel seid Ihr in Eilenburg?«

»125 Schuhmacher! Sollen die ausreichend Arbeit und Brot haben, so muß was geschafft werden. Der Staat erläßt Gesetze über Lehrlinge und Freiheiten, jedoch Arbeit für diese Jungens, die kann er nicht schaffen! Das müssen wir schon selber tun!«

Paule ist erstaunt über die klugen Schuhmacher, so etwas hätte er in Eilenburg nicht gesucht. Das ist ja schon ein kleines Amerika! Nachdem er dem Meister seine Anerkennung ausgesprochen hat, verläßt er mit Fritzsche den Schuster. Der Buchbindermeister nimmt ihn mit zum Webermeister Zscherpe. Auch dieser holt eine Mappe mit Schreibsachen aus einem Kasten doch, dann schmeißt er sie auf einen Stuhl, lehnt sich auf den Webstuhl und sagt:

»Wenn der Staat uns nicht hilft, wenn der Staat nicht die neuen Fabriken und Webstühle besteuert, wenn der Staat erlaubt, daß jeder Geldsack herkommen kann, mit jedem mechanischen Webstuhl zehn selbständige Bürger arbeitslos macht und an den Bettelstab bringt, dann müssen wir uns selbst helfen. Immer noch warten wir, bis unser Antrag auf eine gerechte Besteuerung der Maschinen von der Behörde angenommen wird. Wenn das nicht geschieht, so gehen wir alle bankrott. Nun haben wir uns zusammengetan, wir wollen uns an der Lossa einen Mühlenteich bauen und mit großen Wasserrädern Treibkraft besorgen. Dann bauen wir uns da eine große Halle, lassen unsere Webstühle umändern, kaufen uns neue Webstühle und bringen alle arbeitslos gewordenen Handweber unter. Nun suchen wir noch ein Kapital, haben uns bei der Stadt Eilenburg verwendet, damit das Genossenschaftswerk der brüderlichen Weber, Vereinigung bald zum Wohl unserer armen Kollegen aufgerichtet werden kann!«

Webermeister Zscherpe ist ein rüstiger Mann in den fünfziger Jahren und glaubt, daß der Staat endlich die Maschinensteuer einführt. Von dem Erlös könnte die Regierung den brotlos gemachten Webern und ihren Familien bei der Auswanderung nach Amerika helfen oder ihnen Land kaufen, damit sie wieder Bauern werden, wie sie es früher waren und wie sie auch bis vor wenigen Jahrzehnten noch ihre Lebensbedürfnisse zum größern Teil aus dem eignen Grund und Boden zogen. Bald ist es freilich zu spät, es gibt nur noch wenig Weber, die ihre Felder nicht alle verkauft haben. Am besten wäre, die Steuer aus den Maschinen würde zur Einrichtung von Vereinswebereien benützt. Dann ginge die Entwicklung vom Hand- zum Fabrikweber langsamer voran. Kein Mensch hält es aus: die Fremden, die Geld verdienen, saufen sich aus Übermut voll Branntwein, die armen Hiesigen tränken sich die Hungersorgen vom Leib. Verzweiflung hier, Übermut dort: Da muß der Staat ausgleichen!

»Doch was schwätz ich hier? Kommt doch mal in unsere Versammlung und hört die andern auch, ich muß jetzt dies Stück fertig machen!«

Endlich ziehn sie heimwärts. Beide schweigen lange Zeit. Endlich sagt der Meister Buchbinder:

»Hättest du das in Amerika gedacht, daß es in deiner Heimat so aussieht? Daß auch dort eine Masse Männer sind, die die Denkmaschine in Betrieb setzen, seit die Dampfmaschinen die Handwerke stillegen? Hast du einmal an deine arme Heimat gedacht in deinem reichen Amerika?«

Paule erwacht wie aus einem Traum.

»Ich? Nein, ich hatte keine Zeit! Ich war grade am Geldverdienen! In wenigen Jahren mußte ich die ersten zehntausend Dollar zusammenhaben. Es ging um die letzten zweitausend. Da verlor ich alles auf einen Hieb. Und da hatt' ich keine Lust mehr an Amerika! Fahrgeld verdient und heimgemacht. Wär ich noch ein Jahr geblieben, so hätt' ich wieder 1000 Dollar zusammengehabt. Tausend Dollar verdiente ich jedes Jahr.«

»Hier verdienst du nicht mal tausend Silbergroschen«, sagt Meister Fritzsche.

»Ich habe noch ein paar Anteile bei einem Kollegen gelassen; er kann sie verkaufen und mir das Geld dafür schicken. Doch zuerst will ich mit dem Kanitzky, dem schwarzen Halunken, abrechnen. Keiner der Wucherer soll Freude an mir haben. Ihnen mach ich die Hölle heiß!«

»Du bist hier nicht in Amerika!« lacht Meister Fritzsche. »Hier ist das Geld heiliger als Männerblut.«

»Meister, so tief ist Deutschland nicht gesunken, nehmt das Wort zurück.«

»Ha, es ist ja grad hundert Jahr her, da haben die Fürsten ihre Soldaten an die Engländer verkauft, für bar Geld verkauft! So was kommt erst langsam von oben herunter ins Volk hinein! Ist es aber einmal unten, so wird es offenbar.«

»Nein, Meister Fritzsche, alles können sie verderben, den deutschen Mann aus dem niedern Volke nie: den Bauer nicht, nicht den Handwerker und nicht den Taglöhner! Die Arbeit, die ehrliche, sie bewahrt ihn davor!«

»Ja, wenn er immer Arbeit hätte, der Mann aus dem niedern Volke! Das ist es ja eben, die Arbeit nehmen sie dem einen ab, um sie dem andern doppelt aufzuladen. Viele hundert Handwerker brüllen nach der Arbeit, die den Fabrikleuten an den Maschinen mit vierzehn Stunden zu viel aufgeladen wird!«

»Ich glaub's Euch nicht!« sagt Paule. »Wenn ich's glauben müßte, führ ich gleich wieder zurück nach Amerika. Nein, grad deswegen nicht! Dann begänn ich den Krieg gegen Fürsten und Fürstendiener!«

»Halt den Mund, Paule, wenn's jemand gehört hätte, so könnte er dich ins Gefängnis bringen.«

»Die Luft wird mir zu eng, Meister Fritzsche, ich geh. Ein andermal komm ich wieder.«

Drittes Kapitel

»Heraus aus dieser Stadt. Muß mal ins Freie, muß wieder mal an die Mulde gehn, muß einmal durch die Felder laufen. Mir ist, als hielte unsre alte deutsche Erde nicht mehr zusammen. Was ist das nun einmal mit unserm Vaterland, was ist es nun mit Deutschland? Heimatlos in der Heimat – so kommen mir die Kollegen vor. Eine erbärmliche Armut in all dem Reichtum! Diesen Mangel in all der Fülle! Wer kein Eigentum hat, der giert danach, wer Erb und Eigen besitzt, wird unter der Last erdrückt! Der Besitz gehört nicht dem Eigentümer, der Eigentümer besitzt es nicht. Es ist, als ob alles Gut in die falschen Hände geraten ist. Mir kommt vor, als wenn wirklich das Geld regiere und keinen Deutschen mehr kenne. Da müßte der Staat zupacken und den Deutschen in sein altes Recht einsetzen; ich will mal in den Wald gehn und die Bäume fragen. Es ist alles so eng in Eilenburg, ich muß die Felder sehn. So viel Elend auf einem so kleinen Fleck, nein das gibt es in Amerika nicht! Da kann der Mann dem Elend entrinnen. Hier, hier rennt er nur ins Elend hinein!« Denkt Paule, und seine schweren Schritte klopfen über das Pflaster hin, wie auf einer Flucht.

Nachdem Paule bis zur Dunkelheit in den Muldewiesen umhergelaufen ist, setzt er sich zu Haus an den Tisch und schreibt seinem Freunde. Er bittet ihn um 1000 Dollar, er schickt ihm den Schein für die Papiere, sobald er mit den Gläubigern seines Vaters abgerechnet hat. Am selben Abend geht er zu Kanitzky, sie fahren am nächsten Tag zu einer Bank in Leipzig, die endlich in einer Liste die amerikanische Bank findet und auch die Werke, die für die Anteile haften. Die Bank gibt ihm ein Schreiben mit, dieses legt er den Geldleuten als Beweis vor, daß sie in einigen Monaten ihr Kapital wieder bekommen. Paule läßt den Agenten nicht los, er muß mit ihm zu den Wucherern; die freuen sich schon auf das Land, welches sie bei der Versteigerung für ein paar Taler schlucken können. Der Kanitzky hat es ihnen sozusagen versprochen und nun muß derselbe Kanitzky kommen und ihnen sagen, daß sie nicht das Land, sondern ihr Geld bekommen. Nun sind sie drei Tage über Land gewesen, was Paule gewollt hat, ist durchgesetzt.

Vorläufig ist er diese Last und Sorge los. Jetzt erst beklagt sich der Agent über die Feindseligkeit der Mutter Zöckler; er sei gar nicht so, daß er es mit den Geldleuten hielte. Er verstände es zwar auf seine Art, mit den reichen Wölfen zu heulen, das gehöre zu seinem Handwerk.

Paule glaubt ihm das nicht recht. Immerhin: Er weiß besser als seine Mutter, daß Geschäft eben Geschäft ist, und daß der Makler der Hohepriester zwischen dem Götzen Mammon und dem armen Volk ist.