Frieda und James Bond - Reinhilde Feichter - ebook

Frieda und James Bond ebook

Reinhilde Feichter

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Opis

Sind wir nicht alle ein bisschen Frieda? Die dreizehnjährige Emeli wächst umgeben von frommen, bescheidenen und sich aufopfernden Frauen auf, allen voran Großtante Frieda. Doch trotz starrer Normen und religiöser Zwänge findet Ende der Sechzigerjahre auch in Südtirol ein Wandel statt - und Emeli ist mittendrin. Im neu gekauften Fernseher sagt James Bond "Bescheidenheit ist die höchste Form von Eitelkeit", und Emeli beginnt mit Bond als Verbündetem ihren Kampf gegen die Friedas dieser Welt, aber vor allem gegen die Frieda in sich selbst. Zuerst per Autostopp, dann mit dem eigenen Fiat 500, zuerst ein kurzer Trip in die Großstadt München, dann mit dem Flieger nach Tunesien - die Welt ist aufregend, wenn man den Mut hat, sie zu erobern!

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Zum Buch

Sind wir nicht alle ein bisschen Frieda?

Die dreizehnjährige Emeli wächst umgeben von frommen, bescheidenen und sich aufopfernden Frauen auf, allen voran Großtante Frieda. Doch trotz starrer Normen und religiöser Zwänge findet Ende der Sechzigerjahre auch in Südtirol ein Wandel statt – und Emeli ist mittendrin. Im neu gekauften Fernseher sagt James Bond „Bescheidenheit ist die höchste Form von Eitelkeit“, und Emeli beginnt mit Bond als Verbündetem ihren Kampf gegen die Friedas dieser Welt, aber vor allem gegen die Frieda in sich selbst.

Zuerst per Autostopp, dann mit dem eigenen Fiat 500, zuerst ein kurzer Trip in die Großstadt München, dann mit dem Flieger nach Tunesien – die Welt ist aufregend, wenn man den Mut hat, sie zu erobern!

Zur Autorin

Reinhilde Feichter, geboren in Bruneck, besuchte die Lehrerbildungsanstalt in Meran. 1995 erschien ihr erstes Buch „Die Litanei. Erzählung“ bei Edition Raetia, das eine zweite Auflage erlebte und mit dem Literaturpreis der Städte Brixen/Hall sowie dem Literaturstipendium des österreichischen Bundesministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst ausgezeichnet wurde.

Die Drucklegung erfolgte mit freundlicher Unterstützung der Autonomen Provinz Bozen – Abteilung Deutsche Kultur über den Südtiroler Künstlerbund.

Frieda ist eine erfundene Figur aus der Generation von Emelis Großeltern. Ein bisschen „Frieda“ steckt noch heute in allen von uns.

©Edition Raetia, Bozen 2015 1. Auflage

Umschlag: Dall’O & Freunde Umschlagbild: Reinhilde Feichter Druckvorstufe: Typoplus, Frangart Lektorat: Joe Rabl, Innsbruck, Ex Libris Genossenschaft, Bozen

ISBN Print: 978-88-7283-540-1 ISBN E-Book: 978-88-7283-551-7

Unser Gesamtprogramm finden Sie unter www.raetia.com Fragen und Anregungen richten Sie bitte an [email protected]

Inhalt

Wehren

Theater

Eisenhower

Minzenzuckerle

Tumult

Frauenaufstand

Fernsehen

Fantasiefußball

Oma und Hecher-Frieda

Nach-Friedlerinnen

Mein Friedeln

James Bond

Stimmenduell

Kaugummi

Zelten

Trampen

Freiheitskampf 1973

Provinzalltag

Wintermärchen

Gegensteuern

Faschingsglück

Sommerferien

Luftmatratze

Tücken

Die Leiter

Orpheus’ Taschentuch

Tragödie

Nichts wie weg!

Vernissage

Im Ausland

Frauengespräche

Blind Dates

Einladung

Südtirol hat mich wieder

Hair

Mein bester Tag

Nein!

Yeah!

Wärme

Schellbacher Schneegeschichte

München kontra Athen

Die Mauer

Friedeln, ehrenamtlich

Bewegung

Krimi

Zeit ohne Frieda

Zwanzig Jahre später

Wehren

Eigentlich hätte ich Emerenzia Elisabeth heißen sollen. Doch ich war ein Frühchen. Die Hebamme legte mich auf ein Kissen auf dem Stubentisch und zündete vorsorglich schon einmal drei Kerzenstumpen an. „Mehr kann ich nicht tun. Sie ist so winzig und schwach, da hilft nur noch beten. Entweder Sie bringen sie mit Fencheltee durch oder sie stirbt noch heute“, sagte sie zu meiner Mutter. Der Pfarrer eilte mit dem Taufbuch unterm Arm herbei und gab mir die Nottaufe. Er schrieb mein Geburtsdatum ins Register und meinte, beide Namen seien zu lang für die Spalte, er würde sie abkürzen, dann hätte er noch Platz für das Todesdatum, das er ja eh gleich dahinter schreiben müsste.

Das könnte dir so passen!, habe ich mir damals wohl gedacht und begonnen, um mein Leben zu schreien. Aus Leibeskräften! Der Pfarrer musste unverrichteter Dinge abziehen, mit den zwei gekürzten Namen im Taufbuch: Em. Eli. Und ohne Sterbedatum. Mutter brachte mich durch!

Theater

Bevor ich zur Schule ging, wusste ich nur, dass ich Emeli heiße, ohne Punkte. Mein Schreibname, ein etwas außergewöhnlicher, war mir nicht bekannt.

An einem Sonntag wurde der Pfarrsaal in Talfeld eingeweiht. Das Einzige, was ich darüber gehört hatte, war, dass darin eine hohe Bühne stehe, auf der Theater gespielt würde. „Theater“ ist, wenn Menschen „oben“ spielen und Menschen „unten“ klatschen.

Mit mir in der ersten Reihe saßen nur große Männer mit dunklen Anzügen, weißen Hemden und Krawatten. Ich war die einzige „Normale“, denn diese Männer wären alle groß genug für die letzte Reihe gewesen.

Und nun spielte sich etwas ab! Immer wieder stieg einer von ihnen hinauf auf die Bühne. Dort sprach er dann in ein Mikrofon. Was diese Krawattenherren sagten, war langweilig, doch das, was sie taten, war höchst aufregend. War das etwa das Theater? Sie schauten keck in die Runde, fuchtelten mit den Armen umher, malten Figuren in die Luft und zeigten mit den Händen auf die eigene Brust oder in den Saal. Zwischendurch sagten sie immer wieder etwas vom Geld. Dabei streckte der eine oder andere einige Finger in die Luft oder wies in sämtliche Richtungen. Es waren sehr interessante Fingerspiele.

Bei denen, die am Schluss sehr laut wurden, mit der Stimme in die Höhe kletterten und dann lächelten, klatschten die Leute am meisten, besonders wenn einer die letzten Worte ganz langsam und laut sagte: „… und das … für … alle Zeit! Danke schön!“

Was sie sagten, merkte ich mir nicht, weil ich es nicht verstand. Mit „Liebe Männer und Frauen!“ war nicht ich gemeint, ich war noch zu klein. „Liebe Dorfbewohner!“ oder „Liebe Landsleute!“ sprach mich auch nicht an. Doch dann trat der Pfarrer auf die Bühne, der, dem ich meinen schönen Namen zu verdanken hatte. Er sagte: „Liebe Brüder und Schwestern!“ Da fühlte ich mich angesprochen, denn ich hatte sowohl Bruder als auch Schwester. Der Pfarrer tauchte einen kleinen Besen in den Kessel mit Weihwasser und spritzte es herunter. Ich hatte das große Glück, einen Tropfen von dem heiligen Wasser abzubekommen, und verteilte ihn sogleich im Gesicht.

Der Nächste, der auf die Bühne stieg, hatte eine Glatze und rief: „Liebe Gemeinde!“ Er schaute dabei sehr auffällig nach hinten, auf die linke Seite. Dort saß sie wohl.

Als der nächste Herr redete, sah er zum Mann neben mir herunter und sagte: „Verehrter Herr …“, und dabei schaute er auch mich ein bisschen an. Da ich überrascht war, fast erschrocken, kann ich mich an das andere Wort nicht mehr erinnern, irgendwas mit „Hauptmann“. Vielleicht „Räuberhauptmann“? Ich rätselte nun, ob etwa ein Räuber daran schuld sei, dass er ein Bein verloren hatte.

„Wir sind heute zusammengekommen …“, so begann der Nächste seine Rede. Dabei breitete er die Arme so aus, als wolle er uns alle umarmen, und drückte sie dann an seine Brust. Und als er etwas vom „Schweiß der Arbeit“ sagte, wischte er sich die Stirn ab, obwohl er gar nicht schwitzte. Er machte besonders große Kreise mit den Armen. Während er „Harte Arbeit! “rief, zeigte sein Zeigefinger zur Decke der großen Halle. Ich schaute hinauf. Hatte er dort etwa eine Spinne entdeckt? Ich konnte nichts Besonderes sehen und drehte mich um, um nach Mutter Ausschau zu halten; bei uns war sie für die Spinnen zuständig, da sie keine Angst vor ihnen hatte. Im selben Augenblick klatschten alle ganz fest und der Mann stieg lächelnd von der Bühne herab und setzte sich wieder in meine Reihe.

Und nun geschah etwas Großartiges: Jetzt stand der auf der Bühne, der am besten theaterte. Zuerst nickte er ein wenig, sah uns alle an und lächelte. Dann rief er: „Liebe Sittiroler!“ Das „Sitti“ war mir wohlig vertraut, denn wir hatten einen Sittich in einer Vogelsteige, dem ich oft Spitzwegerichblätter zum Knabbern brachte. Das war ein sehr netter Herr da oben auf der Bühne, der „Sittich“ oder so etwas Ähnliches zu uns sagte, wobei seine Finger wie Vöglein hin und her flogen. Er wiederholte das „Sittirol“ immer wieder. „Und ich sage Ihnen, liebe Sittiroler, Sittirol ischt auf dem Weg nach vorne!“

Irgendwann nahm mir der Mann, der neben mir saß, die Krücken aus der Hand und stieg auf die Bühne. Bei ihm klatschten sie ganz besonders lang, denn das war schon eine Leistung, mit nur einem Bein so geschickt die Treppe hinaufzusteigen. Auch ich klatschte fest. Als er sich wieder neben mich setzte und sehr gütig dreinschaute, wagte ich es, ihn zu fragen: „Ist das ein Theater?“ Ich erhielt keine Antwort. Er stupste nur seinen Nebenmann und beide schmunzelten.

Noch Jahre nach diesem Spektakel erzählte man mir, dass ich meinen Eltern damals im Saal entschlüpft war. Auf einem Foto in der Zeitung konnte man mich sehen: in der ersten Reihe neben dem Landeshauptmann und anderen wichtigen Männern. Unter dem Foto standen die Namen von allen, außer „Emeli“, der meine.

Eisenhower

Emeli Knollseisen, mein vollständiger Name! Ich war mit einem Schreibnamen ausgestattet, der in Südtirol nicht so gebräuchlich ist wie Mair, Huber oder Pichler.

Und so erwies sich die erste Viertelstunde im Pausenhof unter fremden Schulkindern als die bisher schlimmste meines Lebens: Ein Bub zeigte mit dem Finger auf mich und rief „Knollseisen“. Dann machte er aus dem „s“ vor dem „eisen“ ein „sch“. Immer mehr Kinder stimmten in das rhythmische Geschrei ein und riefen lachend meinen verschandelten Schreibnamen. Wenn es nicht mein eigener gewesen wäre, hätte ich bei diesem Spaß bestimmt mitgemacht.

Aber so konnte ich nicht lachen. Ich schämte mich zutiefst! Zwischen all den schönen Namen sah ich mich mitten in der Scheiße stehen. Zwischen Kaiser und Oberstolz, Königsfelder und Goldmair, zwischen Schönbichler, Reichhalter und Groß.

Weinend beklagte ich mich bei Mutter über diese Ungerechtigkeit.

Mutti erzählte mir, dass alle, die „Eisen“ in ihrem Schreibnamen haben, außergewöhnlich stark und eisern seien, so wie Eisenhower, ein weltberühmter Mann. Dem hätten die Kinder auch ein „sch“ davorgesetzt, bevor sie sich an seinen Namen gewöhnten. Und er habe einfach mitgelacht und sei dann Präsident der Vereinigten Staaten geworden. Als Präsident durfte er dann lachen, wann immer er wollte. Und das habe er auch getan, sagte sie.

Das beeindruckte mich! Von dem Moment an empfand ich meinen Schreibnamen nicht mehr als Makel, sondern als etwas Außergewöhnliches. Ich war mit einem Namen gesegnet, der mir eiserne Stärke verlieh. Und gleichzeitig verschaffte er mir – so wie es Mutter gesagt hatte – das ganz besondere Privileg, oft lachen zu dürfen, so wie Eisenhower.

In der Schule lernte ich, was man durfte und was nicht: Lachen durfte man nur, wenn es unbedingt sein musste. Man hatte still und brav zu sein! Natürlich durfte man auch nicht in der ersten Reihe sitzen, obwohl mich das schon sehr gereizt hätte.

Minzenzuckerle

Ich war mit meiner Mutter in der Talfelder Kirche. Auf dem Platz vor uns saß immer der Hansl, ein alter Mann aus der Nachbarschaft, der sich das Beten kurzweiliger gestaltete, indem er rosarote oder hellgrüne Minzenzuckerlen lutschte.

Aber an jenem Tag war er nicht da und ich hatte freie Sicht nach vorne. In diesem Moment entdeckte ich auf der Betbank vom alten Hansl ein rosarotes Minzenzuckerle. Und nicht genug damit! Auf der Unterseite der Bank, haargenau unter dem rosaroten, klebte noch ein halbes hellgrünes!

Normalerweise hätte ich laut losgelacht … doch da wir uns an einem heiligen Ort befanden, durfte ich das nicht. Ich versuchte das Lachen zu unterdrücken. Doch je mehr ich das tat, desto heftiger wollte es heraus. Es hüpfte wie ein heiseres Hüsteln ruckweise aus meinem Mund, den ich mir zuhielt. Ich merkte, dass es auch meine Mutter erfasste, sie hatte dasselbe wie ich gesehen: ein Minzenzuckerle statt Hansl! Sie hielt sich beide Hände vor das Gesicht, so wie sie es nach der Kommunion immer machte, doch ich sah, dass ihr Kopf, ja der ganze Körper leicht und gleichmäßig hopste, und ich hörte sie ihren Atem ruckartig ausstoßen. Nun hielt auch ich mir die Hände vor die Augen, um das klebende Zuckerle nicht mehr zu sehen. Doch als ich sie wieder wegnahm, erfasste mich das Lachen umso stärker. Wie ein Tennisball hüpfte es in mir auf und ab. Ich sah zur Hecher-Frieda zu meiner Rechten, der würde es genauso ergehen wie uns.

Doch nein! Sie sah mich entgeistert an und fauchte halblaut: „Wird’s bald!“ Wahrscheinlich konnte sie die Ursache unserer Erheiterung nicht sehen und so deutete ich mit meinem Zeigefinger zum Zuckerle hin. Jetzt würde auch sie jeden Moment loslachen.

Weit gefehlt! Anstatt loszuprusten warf sie mir einen so finsteren, verzweifelten Blick zu, dass er ein Leben lang in mir gespeichert bleibt. Dieser Blick tat mir eigenartigerweise nicht weh. Nein, die Arme tat mir sogar leid, wenn sie bei einem so lustigen Anblick so böse dreinschauen musste. Und so löste dieser Blick in mir ein noch intensiveres Lachen aus, vor dem ich mich nicht wehren konnte.

Immer schneller hopste mein Zwerchfell auf und ab, wie ein wildes Hühnchen, das, wenn ich atmete, ein Glucksen hervorstieß. Ich sah zum Zuckerle hin und nochmals zur zornigen Frieda, in der Hoffnung, dass sich mein Lachen dadurch legen würde. Doch ihr Gesichtsausdruck reizte es umso mehr. Ich hörte, wie Mutter nach Luft rang, und spürte ihr unterdrücktes Lachen wie einen zweiten Tennisball an meiner linken Seite.

Als mein Gelächter zu laut geworden war, richtete sich Mutter auf, nahm mich an der Hand, und wir stiegen mit Zuckungen und prustend über die Kniebank an den Betenden vorbei, machten eine Kniebeuge und gingen hinaus. Auf dem Heimweg rannen Mutter vor Lachen die Tränen übers Gesicht, während sie versuchte, ein paar Worte zu stammeln. Mir waren vom Lachen die Knie ganz weich geworden.

Der Gesichtsausdruck dieser alten Frau hat mein Lachverhalten entscheidend geprägt: Ich verspüre seit damals einen unbändigen Drang, gerade dann zu lachen, wenn es absolut verboten ist, wenn es ernsthaft zugeht oder wenn es totenstill ist. Vor allem dann, wenn mich dabei ein humorloser Mensch mit einem Hecher-Frieda-Blick ansieht.

Tumult

Theologiestudenten aus Deutschland waren in unser Dorf gekommen. Einige hatten Instrumente dabei und musizierten in der Kirche. An jenem Abend, dem 2. September 1964, führten sie im Kindergarten in Talfeld für die Dorfbewohner kleine Sketche auf, die so lustig waren, dass sogar der Pfarrer und die Klosterfrauen lachten. Die jungen Männer verkleideten sich als Gärtner oder Polizisten, einer mit Mehl im Gesicht spielte einen Bäcker, und später waren sie Piraten mit Augenbinde.

Bei einem Stück hatte sich ein Student als Petrus verkleidet und ein anderer als alte Frau. Die vielen Strophen des Liedes handelten vom Einlass dieses Jüngferleins in den Himmel. Da es noch keinen Mann geküsst hatte, gab es schließlich dem Petrus einen Kuss und es wurde eingelassen. Ich klatschte begeistert Beifall. Es war das erste richtige Theater, das ich in meinem Leben sah, obwohl es nicht auf einer Bühne aufgeführt wurde.

Nach der Aufführung gab es Saft und wir durften lange aufbleiben. Wenn der Pfarrer es erlaubte, dann war es genehmigt. Diese fröhlichen Burschen hätten für immer hierbleiben sollen!

Um fünf Uhr morgens wachte ich auf. Ich hörte Geschrei unten auf der Straße und dachte: Juhu, jetzt machen die Studenten weiter! Ich schaute aus dem Fenster und sah, dass sie diesmal Militäruniformen angezogen und sich wie im Krieg verkleidet hatten. Sie hatten sogar einen Militärjeep dabei. Gerade packten sie den Nachbarn, den Hermann, und schubsten ihn in den Wagen. Ich sah seine Frau, die Nanne, zum ersten Mal im Nachthemd. Das wurde ja aufregend! Meine Eltern waren aufgestanden und sahen sich fragend an. Ich rief ihnen erfreut zu: „Die Studenten haben sich wieder verkleidet!“

Schon klopfte es laut an unser Haustor. „Aprire! Aprire!“ Sie konnten sogar Italienisch! Wir rannten alle zum Tor hinunter. Vati öffnete. Sofort kamen vier der Verkleideten herein, stürmten ins Schlafzimmer, rissen die Matratzen heraus, sahen unter die Betten und in die Schränke, in den Nachttopf, unter Tische und Stühle. Ich dachte mir, dass sie vielleicht ein Schauspiel aufführten, das „Die Bettkontrolle“ hieß oder „Wer hat am saubersten geputzt?“. Gleich würden sie wohl zu singen beginnen. Es war wirklich spannend. Zwei stiegen auf den Dachboden und kamen irgendwann mit der rot-weißen Tirolerfahne wieder. Einer trug sie in den Militärjeep. Dieses Spiel hieß wohl „Fahnen stehlen“! Auch wir Kinder spielten das, aber anders.

Der andere flüsterte mir zu: „Dove sono nascosti i fucili?“ Ich verstand „dove“ – „wo“ und „nascosti“ –„ versteckt“, doch „fucili“ –„ Gewehre“ verstand ich nicht. Vielleicht irgendwelche Lebensmittel oder Süßigkeiten? Ich führte ihn in die Speisekammer, wo Mutti manchmal etwas Leckeres versteckte, damit es nicht sofort aufgegessen wurde. Der Hungrige wollte sich also über die Speisekammer hermachen! Er schaute hinter die Gläser mit dem Eingemachten, zwischen all die Säckchen mit Essenssachen, hinter Kräutertees, Äpfel, Marmeladen, Säfte. Er fand aber nichts, was ihm zusagte. Unter den Regalen stand ein blau angestrichenes Holzkästchen mit drei tiefen Schubladen. Er öffnete diese und wühlte bis über seine Handgelenke hinauf im Reis umher, als wolle er darin etwas finden, dann in der nächsten Schublade im Polentamehl und zum Schluss im Mehl. Seine Hände waren nun voll damit und als er sich im Gesicht kratzte, wurde sein Schnurrbart ganz weiß. Ich musste lachen, so wie am Abend zuvor. Auch er lachte und verschwand aus der Speisekammer. Ich jedoch nützte diesen Augenblick, tauchte meine Arme bis zu den Ellbogen ins Polentamehl und „badete“ sie darin, denn so schnell würde ich nicht mehr die Gelegenheit dazu bekommen. Es fühlte sich weich und angenehm an, wie feinster Sand.

Ich hörte, wie meine Mutter, die gut Italienisch konnte, zum Studenten in der Küche etwas vom Aufräumen sagte. Ich lief zum mehligen Mann in die Stube. Dieser wühlte nun in der Kredenz herum und warf einen Stoß schön gebügelter Taschentücher auf den Boden. Dann machte er sich am Porzellan zu schaffen, an Mutters Heiligtum, und einige Tassen, die wir immer sehr vorsichtig hineinstellten, fielen um. Es war schon immer noch spannend, aber nun wartete ich doch darauf, dass sich die verkleideten Burschen verneigen würden und unsere Familie dann über die scherzhaften Spiele klatschen würde. Denn ganz so lustig war es nicht mehr.

Ich hatte eine Couch für meine Puppe gebastelt, einen Puppen-Diwan, und bangte ein wenig um ihn. Ich nahm ihn von der Eckbank und versteckte ihn hinter meinem Rücken. Ihn durften sie wirklich nicht antasten, denn das war mein Heiligtum. Da schrie mich der Mehlige an: „Ma che robba è sta cosa?!“, und riss ihn mir aus der Hand. Was das war, musste doch jeder erkennen! Ich sagte: „È un Diwan.“ Ich wusste nicht, wie es auf Italienisch heißt. „Un Diwan“, rief er dem in der Küche zu, „per che cosa serve?“ Und er hielt ihn von sich weg, als wäre es etwas Giftiges. Ich hatte ihn aus zwei etwa dreißig Zentimeter großen Holzstücken gebastelt und mit einem dunkelblauen Wollstoff überzogen. Ich sagte: „Per la bambola.“ Als der andere zurückrief: „Un Diwan? Dai, Salvatore! Non sarà mica una bomba russa!“, schmiss dieser Salvatore das kostbare Stück in die Ecke der Stube. Ich lief hin und hob es auf. Er nahm es mir nochmals aus der Hand, zog den Stoff weg, brach die zwei Holzlatten auseinander und rief dem anderen zu: „No! Non é niente!“ Das verstand ich: „Nein, das ist nichts!“ Ein Nichts sollte er also sein, mein selbst gebastelter Diwan, für den mir Vater sogar etwas Isolierband zum Umwickeln der Rückenlehne geschenkt hatte!