Eisblumenglitzern - Christine Rath - ebook

Eisblumenglitzern ebook

Christine Rath

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Opis

Kurz vor Weihnachten ist Majas Herz durch die Trauer um ihre große Liebe Christian ebenso zu Eis erstarrt wie der kalte Bodensee. Als in ihrer Nachbarschaft auf mysteriöse Weise nicht nur die Weihnachtspost, sondern auch ein Familienvater spurlos verschwindet und seine Frau und Sohn Jonas deshalb obdachlos werden, nimmt sie sich der beiden an. Aber dann wird auch Jonas vermisst … Bei einer großen Suchaktion wird nicht er, sondern eine tote Frau im Wald gefunden. Kommissar Michael Harter tut alles, um Weihnachten und das Leben des Jungen zu retten ...

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Christine Rath

Eisblumenglitzern

Ein romantischer Weihnachtskrimi

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2016 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2016

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © yanikap / shutterstock.com

ISBN 978-3-8392-5144-7

Gedicht

Morgensonne im Winter

Auf den eisbedeckten Scheiben

fängt im Morgensonnenlichte

Blum und Scholle an zu treiben …

Löst in diamantnen Tränen

ihren Frost und ihre Dichte,

rinnt herab in Perlensträhnen …

Herz, o Herz, nach langem Wähnen

laß auch deines Glücks Geschichte

diamantne Tränen schreiben!

Christian Morgenstern

Widmung

Für Dieter

1. Kapitel

»Das kalte Herz«

Brrr … ist das kalt hier oben! Ich hätte eine Jacke anziehen sollen, denke ich. Aber wer zieht schon eine Jacke an, wenn er in seinem Haus unterwegs ist? Ich ziehe die kleine Holztreppe zum Dachboden aus der Luke und klettere auf ihr hinauf. Eiskalte Luft schlägt mir entgegen und ich bin versucht, wieder umzudrehen. Aber nein, das würde ja bedeuten, dass ich wieder in die fröhliche Adventsstimmung in meinem Café »Butterblume« eintauchen muss, und es tut so gut, hier oben alleine zu sein. Auch wenn die Kälte mir den Atem raubt. Meine Hände tasten nach dem Lichtschalter, doch es tut sich … nichts. Die kleine Glühbirne, die normalerweise wenigstens ein bisschen schwaches Licht spendet, bleibt dunkel. Nur gut, dass ich in weiser Voraussicht meine Taschenlampe eingesteckt habe. Das wird das Suchen nach dem Weihnachtsschmuck für den großen Tannenbaum, den wir bereits vor Tagen in der Gaststube aufgestellt haben und der bis jetzt bis auf ein paar Lichterketten noch nackt und kahl ist, ein wenig einfacher machen. In den nächsten Tagen werden verschiedene Weihnachtsfeiern bei uns stattfinden und wir sind seit Tagen damit beschäftigt, das ganze Haus entsprechend zu schmücken. In der Küche duftet es nach Zimtsternen, Bratäpfeln, Vanillekipferln und Lebkuchen, mit denen wir die Gäste ebenso verwöhnen wie mit heißer Schokolade, Cappuccino oder Apfelpunsch. Im Kamin prasselt ein warmes, helles Feuer und alle träumen bei leiser Weihnachtsmusik von fallendem Schnee, klingenden Glöckchen und fröhlichen Feiertagen. Alle, nur ich nicht.

Ich habe das Gefühl, ich passe nicht in dieses glitzernde, zuckersüße Weihnachtsglück. Dabei gebe ich mir wirklich die allergrößte Mühe! Jeden Morgen, wenn ich meinen dicken Rollkragenpullover überstreife und unten im Gastraum das Feuer im Kamin anmache, knipse ich gleichzeitig mein »Weihnachtslächeln« an. Das erspart mir viele lästige Fragen und wohlmeinende Ratschläge. Gerade eben erst, als ich diese ganze heile und wundervolle Adventsstimmung einfach nicht länger ertragen konnte und mich deshalb bereit erklärte, auf dem kalten Dachboden nach dem Weihnachtsbaumschmuck zu suchen, hatte Ruth mich wieder so komisch angesehen. Ruth ist in den letzten Jahren nicht nur meine beste und unentbehrlichste Mitarbeiterin, sondern inzwischen auch eine gute Freundin und ein ganz besonderer Mensch in meinem Leben geworden.

Mit ihren warmen braunen Augen hatte sie mich besorgt angesehen und lächelnd gefragt:

»Ist alles in Ordnung, Maja?«

Ich hatte eine – wie ich meine – besonders fröhliche Miene aufgesetzt und mich beeilt zu versichern:

»Na klar, ich sehe nur mal eben nach der Deko, Ruth! Morgen ist doch die erste Weihnachtsfeier und ich möchte heute Abend noch gerne den Baum schmücken. Ich bin gleich wieder da.«

Und noch ehe sie antworten konnte, war ich aus der Tür. Hier oben ist es seltsam still, doch die Stille tut mir gut.

Ich lasse das Licht meiner Taschenlampe über den ganzen Dachboden kreisen und frage mich, was hier oben eigentlich alles gelagert ist. Gerade, als das Licht auf eine große, staubige Kiste, die mit »Weihnachten« beschriftet ist, fällt, entdecke ich es. Es ist so wunderschön, dass ich für einen Moment den Atem anhalte. Das Dachfenster, von dem aus man so schön in den Garten hinaussehen kann, ist übersät mit den zauberhaftesten Eisblumen, die ich je gesehen habe. Ich trete näher und berühre sie vorsichtig mit der Hand. Sie sind so filigran, dass ich Angst habe, sie zu beschädigen, was natürlich völliger Blödsinn ist. Das ganze Fenster ist übersät mit diesen kleinen, wundervollen Kunstwerken, nur mein erstaunter heißer Atem hinterlässt, als ich dagegen hauche, ein winzig kleines Loch. Schnell trete ich zurück, um die zarten Blüten, die wie große Schneeflocken aussehen, nicht zu zerstören und sofort friert das Loch wieder zu. Voller Ehrfurcht vor diesem kleinen Wunderwerk bleibe ich noch einen Moment stehen, dann zwingt mich die Kälte dazu, nach dem staubigen Weihnachtskarton zu greifen und die kleine Treppe wieder nach unten zu steigen.

Ich stelle die Kiste in der Küche ab und wärme mich für einen Augenblick am heißen Backofen auf, in dem ein leckerer Christstollen verführerisch duftet. Aus dem Gastraum höre ich Gläserklirren und leises Gelächter und ich weiß, ich sollte hineingehen und freundlich die Gäste bedienen. Doch ich kann es noch nicht, bleibe stattdessen einfach vor dem Herd stehen und überlege, wie ich mich davor drücken kann. Als Ruth hereinkommt, um den Stollen aus dem Ofen zu nehmen, frage ich sie verlegen: »Sind noch viele Gäste da?«

»Nur drei Tische und die sind alle versorgt. Warum fragst du, Maja?«

Wieder sieht sie mich misstrauisch an.

»Nur so. Ich brauche ein wenig frische Luft. Ich war heute noch gar nicht draußen! Und Jojo muss ja auch noch einmal raus, bevor es dunkel wird. Denkst du, du kommst alleine klar?«

Es ist natürlich eine Lüge, dass meine kleine Mischlingshündin Jojo unbedingt raus muss. Nur äußerst widerstrebend lässt sie sich von mir überreden, ihr warmes Körbchen am Kamin zu verlassen und mir in den kalten Flur zu folgen.

Aber eine bessere Ausrede fällt mir beim besten Willen gerade nicht ein.

»Außerdem möchte ich noch einmal auf die Post und nach dem Päckchen von meiner Mutter fragen.«

Zum Glück ist mir das noch eingefallen! Das wird mir Gelegenheit geben, ein wenig Ruhe in der Natur zu finden.

»Kein Problem, Maja … lass dir ruhig Zeit. Ich komme hier sehr gut alleine zurecht.«

Aufmunternd nimmt Ruth mich in den Arm, nicht ohne mich noch einmal prüfend anzusehen.

Als ob sie Angst hätte, ich könnte mich in den kalten See stürzen. So verrückt bin ich nun auch wieder nicht!

Auch wenn mir meine Idee, um diese Zeit am See entlangzulaufen, im Augenblick gerade komplett wahnsinnig erscheint, obwohl ich es mir doch gerade so sehr gewünscht habe. Wahrscheinlich bin ich dabei, den Verstand zu verlieren!, denke ich bei mir, während Jojo widerwillig neben mir hertrottet.

Eiskalter Wind bläst mir ins Gesicht und raubt mir für einen kurzen Moment den Atem.

»Selber schuld«, schimpfe ich mit mir und ziehe die Mütze noch tiefer über die Ohren.

Warum musste ich unbedingt bei dieser Eiseskälte mein gemütliches, warmes Heim verlassen, um einen Spaziergang am See zu unternehmen? Außer mir ist natürlich kein Mensch weit und breit unterwegs. Der Uferweg, auf dem sich im Sommer so viele Spaziergänger und Radfahrer tummeln, ist wie leergefegt. An einem derart eiskalten Tag wie dem heutigen genießt jeder die wohlige Atmosphäre seiner warmen Stube.

Ich ziehe den Schal über den Mund, damit ich nicht noch mehr kalte Luft einatme, doch der dünne Schal vermag nur wenig von der beißenden Kälte abzuhalten. Ich kann mich nicht erinnern, schon einmal so sehr gefroren zu haben!

In diesem Jahr hatte der Winter sehr früh Einzug gehalten. Schon der Sommer war sehr kühl gewesen und hatte seinem Namen keine Ehre gemacht. Im Oktober wurde es dann bereits richtig kalt und die Temperaturen rutschten drastisch in den Keller. Dabei haben wir normalerweise im Herbst oft noch viele wundervoll sonnige und milde Tage! Jedoch nicht in diesem Jahr, denn schon im November begann es zu schneien. Und nun, wenige Wochen vor Weihnachten, ist es so bitterkalt wie nie zuvor! An manchen Stellen ist der See bereits am Rand zugefroren, genauso wie die kleinen Weiher im Hinterland. Und es scheint von Tag zu Tag kälter zu werden …

Jojo wagt sich mit ihren kleinen Pfoten auf ein Stück Eis am Ufer, doch als es zu knacken beginnt, zieht sie schnell den Schwanz ein und kehrt auf den sicheren Uferweg zurück.

Ein eisiger Wind fegt über den Marktplatz von Überlingen, auf dem auch in diesem Jahr wieder die kleinen Hütten des traditionellen Weihnachtsmarktes stehen. Die Dächer der kleinen Holzhütten, die alle unterschiedlich weihnachtlich geschmückt sind, zittern verdächtig und so manch einer der Standbesitzer blickt besorgt in den dunklen, grauen Himmel, ob aus dem kalten Wind vielleicht ein Sturm werden könnte. Kaum ein Kunde steht heute vor dem Glühweinstand und auch ich gehe weiter, obwohl ich mich eigentlich gerne ein wenig aufwärmen würde.

Als ich das Postamt erreiche, ist es bereits dunkel, obwohl doch erst Nachmittag ist. Ich frage nach, ob es möglich ist, dass ein Weihnachtspäckchen aus den USA seit sechs Wochen unterwegs ist. Die Mitarbeiterin sieht mich verständnislos an.

»Eigentlich nicht«, sagt sie und runzelt die Stirn. »Es kann zwar schon einmal vorkommen, dass eine Sendung etwas länger braucht, um anzukommen … besonders, wenn es einen solch weiten Weg hinter sich bringen muss … noch dazu in der Weihnachtszeit! Aber sechs Wochen? Das erscheint mir doch recht lange. Sind Sie wirklich sicher, dass es schon so lange unterwegs ist? Vielleicht hat sich der Absender ja im Datum geirrt …«

Ich schüttele den Kopf. Was diese Dinge angeht, irrt sich meine Mutter nie. Sie lebt nun schon seit über zwei Jahren bei ihrer großen Liebe Steve in Amerika und weiß daher genau, wie lange ein Weihnachtspäckchen nach Deutschland benötigt. Gerade deshalb bringt sie ihres immer rechtzeitig zur Post, damit meine Tochter Nini und ich es pünktlich erhalten. Ich habe mein Päckchen an sie leider erst in der vorherigen Woche abgeschickt und hoffe inständig, dass es noch rechtzeitig vor den Feiertagen eintreffen wird.

»Warten Sie einfach noch ein wenig«, rät die Dame freundlich. »Es sind ja noch ein paar Wochen bis Weihnachten.«

Sie hat ja recht. Und dennoch bin ich traurig. Es wäre so schön gewesen, eine Nachricht meiner Mutter zu erhalten. Schon der Gedanke an sie, wie sie voller Freude dieses Päckchen an uns gepackt hat, stimmt mich froh. In diesen Momenten verfluche ich die riesengroße Entfernung, die zwischen uns liegt. Wie gerne würde ich jetzt mit ihr Teetrinken und dabei ihrem heiteren Geplauder über ihr neues Leben lauschen. Sie würde mich auch ohne große Worte verstehen und könnte es nachempfinden, wie sehr mir Christian fehlt. Dabei ist es ja keineswegs so, dass die anderen mich nicht verstehen! Vor allem Ruth und Nini sind sehr besorgt um mich. Als das schreckliche Unglück geschah, waren sie rund um die Uhr für mich da und wichen wochenlang nicht von meiner Seite. Sie spürten, wie sehr ich litt und hatten wohl Angst, ich käme auf dumme Gedanken. Doch inzwischen ist seit dem tragischen Unglücksfall, in dem Christian den Tod fand, weit über ein Jahr vergangen und die beiden sind der Meinung, ich müsse so langsam wieder »mehr am Leben teilhaben«. Als ob ich das könnte! Natürlich tue ich ihnen den Gefallen und gebe mir Mühe, mit ihnen zu lachen, doch in meinem Herzen sieht es anders aus. Es gibt Tage, an denen es mir besser geht, aber auch leider Tage wie den heutigen, an denen ich schon früh beim Aufstehen weine. Weil ich wieder einmal nicht geschlafen habe, sondern stattdessen an Christian und unser gemeinsames Leben gedacht habe. Wir waren so glücklich miteinander und hatten noch große Pläne! Manchmal glaube ich, an diesem Tag, an dem Christian in die Tiefe stürzte, bin ich ein klein wenig mitgestorben. Ich fühle mich, als hätte er mich einfach mit in den Tod genommen … zumindest einen Teil von mir: mein Lachen und mein Glück. Ich weiß, dass ich so nicht denken darf! Es geht mir doch gut: Ich bin gesund und habe eine wunderbare erwachsene Tochter und viele andere Menschen um mich herum, die mich lieben und die es nicht nur zur Weihnachtszeit gut mit mir meinen. Ich darf meinen Traum vom eigenen Café »Butterblume« am Bodensee leben und habe jeden Tag mit besonderen Gästen zu tun, die sich darüber freuen, in dem gemütlichen Haus direkt am Ufer mit leckeren Köstlichkeiten verwöhnt zu werden. Darüber hinaus empfange ich in jedem Sommer in meiner Pension »Maiglöckchen« im Nachbarhaus interessante Urlauber, die mein Leben in vielerlei Hinsicht spannend machen und bereichern. Und natürlich meine Existenz sichern. Die vielen Begegnungen mit den unterschiedlichen Menschen, die mir aus ihrem Leben und von ihren Schicksalen erzählen, erfüllen mich jedes Mal aufs Neue.

Es gibt also viele Gründe, um glücklich zu sein und doch scheint mein Herz ebenso eingefroren zu sein wie der kalte See, an dem ich nun auf dem Heimweg entlanglaufe. Wie um Himmels willen soll ich nur Weihnachten überstehen?

*

Wie herrlich es ist, wieder in das warme Haus zurückzukehren! Bei diesen Temperaturen wird man bescheiden … ein warmes Feuer im Ofen genügt im Augenblick vollkommen, um mich zu erfreuen.

Darüber hinaus duftet es überaus verführerisch nach frisch gebackenem Brot in der Küche.

»Wo warst du so lange?«, fragt mich Nini, die gerade frisch gebackene Zimtsterne in kleine Klarsichttüten verpackt.

»Auf der Post. Ich habe nach Omas Päckchen gefragt, das immer noch nicht angekommen ist! Ich weiß wirklich nicht, was mit der Post los ist. Es kann doch nicht sein, dass ein Päckchen sechs Wochen von Amerika nach Deutschland braucht«, empöre ich mich.

»Es sei denn, sie haben es auf eine Schnecke gebunden«, sagt Nini lachend. »Apropos Post: Heute kam eine Karte von Nora … aus Dublin.«

Nini überreicht mir die Karte, die ein rotbäckiger, zwinkernder Weihnachtsmann ziert, welcher ein Glas Guinness Bier in der Hand hält.

Neben meinem Café »Butterblume« betreiben Nora und ich noch gemeinsam die Pension »Maiglöckchen«, die sich nur zwei Häuser entfernt in einer alten Villa direkt am Bodenseeufer befindet. Ich habe sie von meiner lieben Nachbarin und Freundin Frieda geerbt und vor fast zwei Jahren überwiegend selbst renoviert. Leider verirren sich im Winter zu wenige Übernachtungsgäste, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Im Moment haben wir nur einen einzigen Gast: Paul Koslowski … einen traurigen Mann um die Fünfzig, der kurz vor Weihnachten von seiner Freundin auf die Straße gesetzt wurde. Er tut mir irgendwie leid, obwohl ich nicht weiß, ob seine Freundin vielleicht gute Gründe hatte, ihn aus dem Haus zu werfen. Doch das geht mich nichts an und deshalb lasse ich ihn zu einem Spottpreis dort wohnen, auch wenn es im Grunde total verrückt ist, seinetwegen das ganze »Maiglöckchen« zu heizen. Eigentlich wollten wir erst im Frühling wieder öffnen, wenn die Saison erneut beginnt. Vor ein paar Wochen jedoch stand Paul Koslowski auf einmal vor der Tür und fragte nach einem Zimmer. Wie er so vor mir stand mit seinem traurigen und zerknitterten Gesicht, welches immer die Folge von viel zu wenig Schlaf und viel zu großen Sorgen ist, tat er mir unfassbar leid. Er kam mir mit seinem kleinen Köfferchen und den leichten Schuhen (mitten im Winter!) zwar ein wenig seltsam vor, aber mein Mitgefühl siegte. Natürlich sollte man ja das ganze Jahr an seine Mitmenschen denken, aber ist nicht gerade die Weihnachtszeit DIE Zeit, in der wir uns besonders den verlorenen Seelen annehmen? Dieser traurige Mann sah auf jeden Fall so aus, als wäre er bei Nacht und Nebel aufgebrochen und wüsste nicht, wohin. Da im »Maiglöckchen« alle Zimmer leer standen, ließ ich Paul (er sagte spontan »Nennen Sie mich einfach ›Paul‹ … Koslowski kann man nicht gut aussprechen.«) einziehen. Ich habe das Gefühl, dass er sich in seinem vorübergehenden Zuhause inzwischen recht wohl fühlt, auch wenn ich ihn meist nur beim Frühstück sehe, welches er jeden Morgen in der »Butterblume« einnimmt. Jedenfalls ist sein Gesicht nicht mehr ganz so zerknittert und er scheint ein wenig zur Ruhe gekommen zu sein. Bis jetzt habe ich mich noch nicht getraut, ihn zu fragen, was ihn denn so aus der Bahn geworfen hat, obwohl es mich natürlich brennend interessiert. Vielleicht ergibt sich ja einmal eine Gelegenheit, ihn nach seinem Schicksal zu fragen.

Glücklicherweise muss ich mein Café in den Wintermonaten nicht schließen, denn es kommen immer noch genug Gäste, um sich ein wenig bei mir aufzuwärmen und sich mit unseren Leckereien verwöhnen zu lassen. Nur meiner abenteuerlustigen Freundin Nora ist es in dieser ruhigen Zeit am See zu langweilig. Sie beschloss daher vor Kurzem, ein paar Wochen in ihrer alten Heimat Irland zu verbringen, um alte Schulfreunde zu besuchen und »neue Leute kennenzulernen«. Ich hoffe inständig, dass sie damit keine Männer meint und die Absicht hat, sich in einen Iren zu verlieben, denn es käme einer mittleren Katastrophe gleich, wenn sie nicht zurückkehrte. Nora ist nicht nur ein wahres Organisationstalent, sondern durch ihre stets gute Laune ein richtiger Sonnenschein.

Wenn ich es mir recht überlege, fehlt sie mir jetzt schon, obwohl sie noch gar nicht lange weg ist.

Daher lese ich ungeduldig den Text auf ihrer Karte:

»Ihr Lieben! Die Pubs sind noch genauso cool wie früher und die irischen Weihnachtsmänner küssen einfach gigantisch! Komm her, Maja! Worauf wartest du noch?«

Schmunzelnd nehme ich Klebeband aus der Schublade und klebe die Karte an unseren altmodischen Küchenschrank.

Der Text klingt ganz nach Nora, unbeschwert und fröhlich. Dabei hat sie in ihrem Leben weiß Gott auch schon viel ertragen müssen. Wenn ich doch nur ein klein wenig so sein könnte wie sie! Ob der zwinkernde irische Weihnachtsmann eine kleine Motivationshilfe ist? Schaden kann er jedenfalls nicht, wie ich Ruths schelmischem Lächeln entnehme, die einen Blick darauf geworfen hat, bevor sie das frisch gebackene Brot aus dem Ofen nimmt.

2. Kapitel

»Der verblüffende Weihnachtsmann«

»Kommst du mit auf den Weihnachtsmarkt?«, fragt mich Nini nach dem Abendessen.

Gemeinsam haben wir, nachdem die letzten Gäste gegangen sind, den großen Weihnachtsbaum mit Strohsternen und filigranen silbernen Weihnachtskugeln, die mich an die Eisblumen am Dachfenster erinnern, geschmückt. Der ganze Gastraum sieht jetzt einfach wundervoll aus. Auf allen Tischen befinden sich silber-weiße Weihnachtsgestecke und in den Fenstern funkeln Lichterbögen und Weihnachtssterne.

»Heute nicht, Nini«, sage ich und schlucke den letzten Bissen des selbst gebackenen Kräuterbrotes herunter. Dazu hat Nini einen leckeren griechischen Bauernsalat mit Schafskäse, Oliven und Thunfisch zubereitet, der nach den ganzen süßen Leckereien vom Nachmittag einfach wunderbar schmeckt. Ich strecke meine Beine unter dem Tisch aus und trinke einen Schluck von meinem Spätburgunder Rotwein.

Auf einmal bin ich furchtbar müde. Ich weiß nicht, ob es an dem anstrengenden Tag liegt oder an der bleiernen Schwere, die jeden Tag auf meinen Schultern liegt und mich gerade in den Abendstunden nach unten zu ziehen droht.

»Warum nicht? Nur auf einen Glühwein, Mama … bitte«, bettelt Nini.

Ich habe den Verdacht, dass es ihr um etwas ganz anderes geht als den Wunsch, gemeinsam den Weihnachtsmarkt zu besuchen.

»Weißt du, wie kalt es draußen ist? Ich war vorhin in der Stadt und wäre beinahe erfroren«, sage ich und betrachte die funkelnden Lichter des großen Sterns, der auch unser Küchenfenster ziert.

»Ach, Mama! Nur ein Stündchen«, bittet Nini noch einmal.

Ich kenne meine Tochter zu gut, um nicht zu wissen, dass sie etwas im Schilde führt und frage daher: »Was ist los, Nini?«

»Ach, Mama! Du weißt, was los ist! Abend für Abend sitzt du hier alleine. Das kann doch so nicht weitergehen.«

Ärgerlich stapelt Nini die Teller aufeinander und räumt sie in die Spülmaschine ein.

»Du musst doch auch einmal etwas unternehmen! Ruth hat dich eben auch gefragt, ob du mit ihr und Michael ins Kino gehen möchtest. Und wieder einmal hast du abgelehnt.«

»Weil ich nicht das dritte Rad am Wagen bei einem verliebten Pärchen spielen möchte.«

Nun schiebe auch ich mein Glas ärgerlich zur Seite.

Warum nur glauben alle, mein Glück sei davon abhängig, etwas zu »unternehmen«?

In Wahrheit bin ich ganz zufrieden mit meinen stillen Stunden auf dem Sofa mit dem schnarchenden Hund zu meinen Füßen. Ich schaffe es nur nicht, Filme, in denen verliebte Paare oder Familien glücklich Weihnachten feiern, im Fernsehen anzusehen.

»Aber du musst doch endlich einmal wieder am Leben teilnehmen.«

Ninis blaue Augen funkeln.

Auf einmal werde ich überwältigt von dem warmen Gefühl der Liebe für meine Tochter.

»Nini, ich weiß, dass du es gut mit mir meinst …« Ich lächle sie an und nehme ihre Hand. »Aber glaub mir, es geht mir gut! Ich nehme doch am Leben teil. Das heißt aber nicht, dass ich mich bei dieser Eiseskälte zwischen wildfremde Menschen stellen und einen lauwarmen, klebrig süßen Glühwein trinken muss, während ich es zu Hause so viel gemütlicher habe.«

»Darum geht es doch gar nicht, Mama.« Nini verdreht die Augen und macht eine bedeutungsvolle Pause. »Es ist doch so … Christian ist seit über einem Jahr tot! Und du sitzt jeden Abend hier alleine vor dem Fernseher! Jetzt kommt Weihnachten …«

Aufgeregt läuft Nini hin und her.

»Ich bin doch gar nicht alleine«, sage ich und kraule Jojo hinter den Ohren.

»Du bist doch auch hier! Selbst wenn du mit deinen Freunden manchmal ausgehst …«

»Das ist es ja gerade …«, seufzt Nini.

Ich sehe an ihrer Miene, dass sie etwas bedrückt.

Wusste ich doch, dass etwas anderes hinter dem spontanen Weihnachtsmarktbesuch steckt!

»Heraus mit der Sprache, meine liebe Tochter … was willst du mir denn eigentlich die ganze Zeit sagen?«, lächle ich sie an.

»Ach, Mama … ich weiß gar nicht … nein, lassen wir das.«

Sie steht auf und will aus dem Zimmer gehen, doch ich halte sie auf.

»Lassen wir das? Was? Worum geht es, Nini? Du kannst es mir ruhig sagen! Möchtest du wieder ausziehen?«

Nini ist 20 Jahre alt und wohnt, nachdem sie ihr Studium abgebrochen und vor eineinhalb Jahren eine Ausbildung zur Fotografin in Konstanz angefangen hat, wieder bei mir.

Mir ist natürlich bewusst, dass ein junger Mensch wie sie sicher andere Pläne hat, als ewig bei Mutti zu wohnen, und doch fürchte ich mich jetzt vor ihrer Antwort.

»Nein, Mami … das ist es nicht.«

Nini wirkt trotzdem bedrückt.

Ich sehe sie fragend an, hake aber nicht noch einmal nach.

»Es ist so … Herr Hauser hat mich gefragt, ob ich …«

Herr Hauser ist ein sehr bekannter Fotograf am Bodensee und gleichzeitig Ninis Chef. Inzwischen darf Nini ihn nicht nur zu den verschiedensten Werbeaufnahmen begleiten, sondern auch viele eigene Termine, zum Beispiel bei Hochzeiten, wahrnehmen. Herr Hauser hält große Stücke auf Ninis Talent, und so zieren ihre wundervollen Bodenseefotos nicht nur unser ganzes Haus, sondern auch die Geschäftsräume des Fotogeschäfts in Konstanz.

»Ich habe dir doch erzählt, dass Familie Hauser vorhat, Urlaub in Australien zu machen …«, beginnt Nini.

»Ja, und?«

Nini atmet tief durch.

»Sie wollen mich mitnehmen.«

»Was? Nach Australien? Warum wollen sie dich auf eine solch weite Reise mitnehmen?«, frage ich erstaunt.

»Frau Hauser hat gemeint, dann könnte ich hin und wieder einmal auf die Kinder aufpassen, während sie und ihr Mann etwas gemeinsam unternehmen. Sie meinte, sie könne sonst nicht einmal surfen oder schwimmen gehen.«

»Und dafür wollen sie dir einen Australienurlaub spendieren? Das muss doch ein Vermögen kosten«, werfe ich ein.

»Ja, das tut es wohl. Aber gerade weil es so eine besondere Reise ist, wollen sie auch beide etwas davon haben. Herr Hauser hat doch einen Flugschein und sie wollen ein kleines Flugzeug mieten und dieses eindrucksvolle Land von oben sehen. Das geht aber alles nicht mit den beiden Kleinen! Für mich wäre es eine einmalige Gelegenheit, Mama! Ich muss ja nicht nur auf die Kinder aufpassen, sondern könnte dort selbst tolle Fotos machen! Wann komme ich sonst schon einmal nach Australien?«

Da hat sie natürlich recht. Selbst wenn wir fleißig sparen, dürfte das so schnell nicht drin sein.

»Was meinst du dazu, Mama?« Ninis Wangen sind vor lauter Aufregung ganz rot geworden.

»Nini, du brauchst mich doch nicht zu fragen. Ich kann dir das doch nicht verbieten … du bist 20 Jahre alt.«

»Ich weiß, Mama. Aber ich mag dich hier auch nicht allein lassen, weil du doch …«

»Weil ich was? Weil ich immer noch um Christian trauere? Nini, das wird vermutlich noch eine Weile so bleiben«, gebe ich zu.

In Wahrheit glaube ich nicht, dass die Traurigkeit jemals aufhören wird. Jedenfalls kann ich es mir im Moment überhaupt nicht vorstellen.

»Du kannst doch nicht dein eigenes Leben hintenanstellen, nur weil du denkst, dass deine Mutter alleine nicht zurechtkommt! Davon abgesehen ist es doch gar nicht so, Nini! Gut, ich bin vielleicht manchmal nicht ganz so gut drauf … aber das heißt doch nicht, dass ich nicht alleine klar komme.«

Aufmunternd lächele ich Nini an.

Sie dagegen erwidert das Lächeln nicht.

»Ich weiß nicht, Mama. Ich habe irgendwie ein schlechtes Gewissen … ich werde einen tollen Urlaub verbringen während du hier weinend zu Hause sitzt.«

»So ein Blödsinn, Nini … das wird garantiert nicht der Fall sein! Ich halte das für ein sehr großzügiges Geschenk der Familie Hauser, das du ruhig annehmen solltest. Es zeigt ihre Wertschätzung dir gegenüber … nicht nur als Mitarbeiterin, sondern auch als Mensch, dem sie ihre Kinder anvertrauen.«

Endlich lächelt Nini ein wenig.

»Mach dir mal keine Sorgen um mich, Nini. Ich bin hier nicht alleine. Ruth ist doch jeden Tag hier … ich habe meine Arbeit in der ›Butterblume‹ … außerdem wird Nora ja hoffentlich bald wiederkommen. Vorausgesetzt, sie küsst nicht zu viele Weihnachtsmänner in Dublin.«

»Nun ja, viele Männer sind ja eigentlich nicht das Problem … einer könnte zu einer Gefahr werden.« Nini lacht.

Ich gieße uns beiden noch einen Schluck Spätburgunder nach.

»Auf das Abenteuer Australien, meine Kleine! Wann soll es denn losgehen?«

»Am 05.12.«, prostet sie mir zu.

Nun habe ich doch einen Kloß im Hals. Also werde ich Weihnachten wirklich ganz alleine sein …

*

Der frühe Morgen ist dunkel und kalt. Ich ziehe die Decke bis unter meine Nasenspitze und blinzele aus dem Fenster in den grauen Himmel. Am liebsten würde ich den ganzen Tag im Bett liegen bleiben. Ob das der Beginn einer Depression ist? Ich habe die Adventszeit früher immer so sehr geliebt. Für Nini und mich war es die schönste Zeit im Jahr, die unseretwegen noch viel länger hätte dauern können. Wir haben das Haus geschmückt, gebacken und gebastelt und uns auf Weihnachten gefreut. Eigentlich tun wir das dieses Jahr auch und doch erlebe ich auf einmal alles ganz anders. Man sagt, Weihnachten ist ein Gefühl und dieses Gefühl erreicht mein Herz einfach nicht. Am liebsten wäre mir, es wäre alles schon wieder vorbei … und es würde ein neues Jahr beginnen. Ein neues Jahr mit viel Arbeit, die mich vergessen lässt. Ich habe Angst, dass mein Herz so langsam genauso gefroren ist wie der dunkle, kalte See, der vor mir liegt. So weit darf es nicht kommen! Ich muss mich unbedingt mehr zusammenreißen, das bin ich Nini schuldig.

Ich schalte den Wecker aus und angele nach meiner Strickjacke und den warmen Plüschhausschuhen. Selbst Jojo ist es zu kalt heute Morgen. Sie sieht mich zwar an, hat jedoch offenbar überhaupt keine Lust, ihr warmes Körbchen zu verlassen.

Heute Nacht habe ich wieder einmal von Christian geträumt. Den gleichen Traum, der immer wiederkehrt und mich aufs Neue quält: Ich halte seine Hand, doch er lässt meine los und stürzt in die Tiefe. Wie jeden Tag, seitdem das furchtbare Unglück geschah, stelle ich mir die Frage, was geschehen wäre, wenn ich rechtzeitig an der Fidelishöhe eingetroffen wäre. Wir wären uns in die Arme gefallen und hätten uns geküsst und gegenseitig gehalten. Es wäre nicht schon fast dunkel gewesen. Christian hätte sich nicht nach mir umgedreht, als er mich bemerkte …

Er wäre nicht gestolpert und nicht den Abhang hinuntergestürzt.

Er würde noch leben.

Ich weiß, dass ich mir diese Frage nicht stellen darf. Mein Psychotherapeut hat mir ebenso wie alle anderen verboten, auch nur daran zu denken, dass ich in irgendeiner Weise schuld an Christians Tod sein könnte.

Und doch sind sie da … diese heimtückischen, gemeinen Gedanken, die mir seitdem den Schlaf und jede Form von Lebensfreude rauben. Ich kann sie noch so sehr wegschieben und verdrängen, sie kommen immer wieder. Besonders in der Nacht, wenn alles still ist. Am Tage, wenn ich beschäftigt bin und durch die vielen Menschen um mich herum nicht zur Ruhe komme, geht es mir einigermaßen gut. Nicht, dass mir zum Lachen oder gar zu fröhlichen Aktivitäten zumute wäre, aber es ist auf jeden Fall so, dass ich inzwischen wieder meiner Arbeit nachgehen kann, ohne ständig in Tränen auszubrechen. In den ersten Wochen und Monaten nach dem Unglück lebte ich in einem dunklen Kokon aus Verzweiflung und Hilflosigkeit, den ich erst durch die Liebe der Menschen um mich herum wieder verlassen konnte. Als ich realisierte, dass Christian nie wiederkommen und mich nie wieder in die Arme schließen würde, war der Schmerz so heftig, dass er mir den Atem nahm. In manchem düsteren Augenblick bekam ich buchstäblich keine Luft mehr. Dann wünschte ich mir, auch mein Leben würde zu Ende gehen und ich könnte dieses finstere Tal endlich verlassen. Natürlich schalt ich mich augenblicklich selbst, einen solchen Gedanken überhaupt zu hegen. Schließlich musste ich da sein … für Nini, die mich, auch wenn sie inzwischen erwachsen ist, doch immer noch braucht … für Jojo … meine Freunde … selbst meine über 70-jährige Mutter, auch wenn diese seit Jahren glücklich verheiratet in den USA lebt.

Die Aussicht auf eine Tasse Kaffee vertreibt für einen kurzen Moment meine dunklen Gedanken und lässt mich nach unten gehen.

Doch das Erste, was ich auch an diesem eiskalten Morgen tue, ist nicht die Kaffeemaschine anzumachen, sondern den Kamin anzuheizen. Das warme Feuer erfüllt augenblicklich auch meine Seele mit Licht und Wärme. Ich öffne die Tür, die in den Garten führt, um Jojo ins Freie zu lassen, die sich offensichtlich doch dazu entschlossen hat, ihr warmes Körbchen zu verlassen.

Sofort schlägt mir eiskalte Luft entgegen. Schnell schließe ich die Tür wieder und setze mich für einen Moment an das warme Kaminfeuer. Staunend beobachte ich, wie draußen der Tag beginnt. Ein paar Vögel ziehen ihre Kreise über dem dunklen See, ansonsten ist alles ruhig. Ich genieße diesen Augenblick der Stille, der jäh von Jojos Bellen unterbrochen wird. Selbst dem Hund ist es draußen zu kalt. Ich schlurfe in die Küche, um endlich die Kaffeemaschine anzuwerfen, da höre ich die Eingangstür. Du liebe Zeit, wer mag das schon sein?

Zum Glück ist es nur Ruth, die mit roten Wangen und vollem Einkaufskorb in die Küche stürmt. Ihr Blick fällt auf mein Outfit, das sie wohl zugegebenermaßen an einen Bahnhofspenner erinnern mag. Ich versuche, mich mit ihren Augen zu sehen: Die alte Strickjacke über einem verwaschenen Flanell-Schlafanzug, bei dem Ober- und Unterteil nicht zusammengehören und weitaus bessere Tage gesehen haben, dazu wirre Haare und ausgelatschte Puschen. Fragend zieht sie eine Augenbraue nach oben und pellt sich aus ihrem dicken Wintermantel.

»Ist das eine Kälte da draußen«, begrüßt sie mich freundlich und lässt sich ihr Unbehagen über mein Aussehen nicht anmerken.

»Guten Morgen, Ruth. Du bist ja schon früh auf heute … ich war noch nicht einmal im Bad.«

»Das sehe ich«, lacht sie. »Bist du gerade erst aufgestanden?«

»Vor ein paar Minuten«, lüge ich, obwohl es sicher schon eine halbe Stunde mindestens ist, die ich träumend am Kamin verbracht habe.

»Ich … ich … hatte einen schlechten Traum«, bricht es aus mir hervor und auf einmal kann ich nur mit Mühe die Tränen zurückhalten. Ich weiß nicht, was es ist. Gerade eben fühlte ich mich zwar traurig und einsam wie an jedem Tag, aber nicht so elend wie jetzt, seitdem die hübsche Ruth zur Tür hereingeschneit ist.

Sie trägt heute ein warmes rotes Strickkleid mit Norwegermuster, das ihr mit ihrer schlanken Figur ganz besonders gut steht und hervorragend zu ihrem blonden Haar passt.

Man sieht ihr weiß Gott nicht an, dass sie schon Mitte 50 ist!

Ruth sieht mich prüfend an, dann nimmt sie meine Hände und sagt: »Maja … es ist jetzt über ein Jahr her. Ich weiß, es ist immer noch schwer für dich. Aber du machst Christian nicht wieder lebendig, wenn du dich so quälst! Versuche doch ein bisschen, dich auf Weihnachten zu freuen.«

Wie kann ich das?, möchte ich sie fragen. Wie kann ich mich freuen, wenn Christian nicht mehr da ist? Nie wieder meine Hand halten und mich unter dem Mistelzweig küssen wird?

Ich spüre, wie mir die Tränen kommen, doch ich schlucke sie tapfer herunter.

Stattdessen nicke ich und drücke fest Ruths Hand.

»Ich versuche es, Ruth. Versprochen.«

Es gelingt mir sogar, sie mit einem zaghaften Lächeln zu täuschen und sofort erhellt sich Ruths Miene.

»Das ist der einzige Weg, Maja! Und nun geh nach oben und mach dich ein wenig frisch, meine Liebe. Ich werde dir inzwischen ein fantastisches Frühstück zubereiten. Du weißt ja, Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen.«

Auf dem Weg nach oben kommt mir ein Gedanke. Ich muss noch einmal auf den Dachboden und die wundervollen Eisblumen betrachten, die das Fenster zieren. Dieses silbern im milden Morgenlicht glitzernde Kunstwerk berührt mein Herz auf seltsame Weise, vielleicht gerade weil es so zerbrechlich wirkt. Wie das Glück, das uns heute noch lachen lässt und uns schon morgen wieder verlassen kann.

»Ach, Christian …«, hauche ich gegen die fragilen Eisblumen. »Wie soll ich nur weiterleben ohne dich?«

*

»I’m dreaming … of a white christmas …«, summt Ruth, als ich wieder nach unten komme. Sie hat ein leckeres Frühstück für mich zubereitet und das kleine Tischchen am Fenster gedeckt, so dass ich die kleinen Vögelchen beobachten kann, die direkt vor mir in ihrem Vogelhäuschen auch gerade frühstücken. Gerührt betrachte ich das kleine Herz aus Kakao, das Ruth zur Dekoration auf meinen Cappuccino gestäubt hat. Ich habe es gar nicht verdient, dass alle so nett zu mir sind! Meine schlechte Laune muss doch allen gerade in dieser schönen Adventszeit auf die Nerven gehen. Doch selbst wenn das so ist, lässt Ruth es sich nicht anmerken. Fröhlich summt sie weiter das alte Weihnachtslied, während sie eine Kerze an unserem großen Adventskranz austauscht, den Nini und sie aus Tannenzweigen, weißen Kerzen und goldenen Bändern hergestellt haben und der jetzt mitten im Raum von der Decke baumelt.

»Oh nein … vergiss das mit der weißen Weihnacht«, unterbreche ich Ruth. »Es ist viel zu kalt für Schnee.«

Die Temperaturen sind inzwischen auf minus zehn Grad gesunken und die Blätter der Bäume und Büsche im Garten sind alle hell gefroren. Sie sind mit lauter kleinen Eiskristallen überzogen, die in der kalten Wintersonne ebenso silbern glitzern wie die schönen Eisblumen an meinem Dachfenster, die ich eben noch bewundert habe.

»Abwarten! Noch sind es ein paar Wochen bis Weihnachten! Es kann doch nicht ewig so eisig bleiben«, meint Ruth.

»Nun … ich weiß nicht recht. Der Wetterbericht hat für die nächsten Tage weiter sinkende Temperaturen angekündigt. Wenn das so weitergeht, können wir bald über den See nach Wallhausen laufen«, sage ich lachend.

»Das ist gar nicht so abwegig. Als ich ein kleines Mädchen war, hatten wir schon einmal eine sogenannte ›Seegfrörne‹. Es war in dem Winter 1962/63, da haben die Menschen den See zu Fuß, mit Schlittschuhen oder mit dem Auto überquert.«

»Du meinst, der ganze See war zugefroren?«, frage ich erstaunt. »Nicht nur der kleine Überlinger See hier bei uns?«

»Wirklich der ganze See, selbst die breiteste Stelle zwischen Friedrichshafen und Arbon in der Schweiz! Das kommt nur sehr selten vor und wenn, dann feiern die Menschen deshalb ein Fest! Jedes Mal, wenn der See komplett zufriert, wird die Büste des Heiligen Johannes über den See getragen. Im Winter 1963 fand diese Eisprozession, die von einem Reiter in Anlehnung an das Gedicht von Gustav Schwab angeführt wurde, von Hagnau nach Münsterlingen in der Schweiz statt. Meine Mama hat oft davon erzählt. Es muss ein richtiges Ereignis gewesen sein, welches viele Menschen aus Nah und Fern angelockt hat! Alle wollten unbedingt dabei sein, wir natürlich auch. Ich kann mich nicht wirklich erinnern, ich war ja noch klein. Aber es gibt noch ein Foto von uns, das bringe ich dir gerne einmal mit, wenn es dich interessiert.«

»Sehr gerne! Denkst du denn, dass so etwas noch einmal geschehen könnte, Ruth?«, frage ich erstaunt.

»Warum nicht? Man sagt, alle 70 Jahre könne eine sogenannte ›Seegfrörne‹ tatsächlich vorkommen. Allerdings haben wir ja inzwischen die Klimaerwärmung, da wird das wohl so schnell nicht passieren.«

»Auf jeden Fall wird dieser Winter in die Geschichte der höchsten Heizkosten eingehen«, sage ich seufzend, während ich noch ein paar Scheite Holz in den Kamin werfe.

»Das ist wahr! Dabei muss es doch schön warm sein, wenn die Kleinen gleich kommen«, lacht Ruth. »Schließlich können wir sie ja nicht mit Glühwein aufwärmen.«

»Das nicht, aber ich habe einen großen Topf mit heißem Apfelpunsch auf dem Herd stehen«, antworte ich.

Heute ist die Weihnachtsfeier der evangelischen Kinder- und Jugendgruppe, die seit Wochen das Krippenspiel für den Heiligen Abend probt. Da ich mich seit Christians Tod öfter einmal in der Kirche aufhalte, um ein stilles Gebet zu sprechen, habe ich in der letzten Woche erfahren, dass im Probenraum im Gemeindehaus die Heizung ausgefallen ist. Spontan habe ich der Pfarrerin, Frau Neubauer, angeboten, dass nicht nur die Weihnachtsfeier, sondern auch die nächsten Proben im Café »Butterblume« stattfinden können, sollte die Heizung nicht schnell genug repariert werden können. Schließlich ist sonst das Krippenspiel in Gefahr und darauf freuen sich alle Kinder und Familien doch schon so sehr.

Kurze Zeit später ist der Raum erfüllt vom Gelächter der Kinder und Jugendlichen, die sich sofort ebenso wie ihre Mütter über den Apfelpunsch und das leckere Weihnachtsgebäck hermachen.

»Ach, haben Sie heute etwa eine geschlossene Veranstaltung?«, fragt die alte Frau Waldmann, die gerade zur Tür hereinkommt. »Was für eine furchtbare Kälte! Ich wollte mich so gerne bei einer Tasse Tee ein wenig bei Ihnen aufwärmen«, lächelt sie freundlich.

Frau Waldmann wohnt gleich um die Ecke in einem alten Haus mit einem schrecklich verwilderten Garten. Für jeden, der an ihrem Haus vorbeikommt, hat sie ein freundliches Wort. Man darf nur nicht den Fehler machen, stehen zu bleiben! Dann nämlich erfährt man ihre sämtlichen Krankheitsgeschichten und dass diese die Ursache für den erbarmungswürdigen Zustand ihres früher so sehr geliebten Gartens sind. Und sie berichtet von ihrem Sohn, der Chefarzt im Hamburger Krankenhaus und viel beschäftigt ist, aber bald einmal vorbeikommen und sich um alles kümmern wird.

»Eigentlich schon …«, sage ich. »Aber ich bin sicher, dass Frau Pfarrerin Neubauer nichts dagegen hat, wenn Sie sich ein wenig bei uns aufwärmen«, sage ich mit einem Seitenblick auf die Pfarrerin, die gerade ihre Gitarre auspackt.

Aufmunternd nickt Frau Neubauer der alten Dame zu.

Auch Paul ist heute bei uns. Er hat eine große Sammlung von romantischen Weihnachtsgeschichten in einer alten Aktentasche dabei und möchte ein paar davon heute den Kindern vorlesen.

Ansonsten ist er immer noch sehr in sich gekehrt und spricht mit kaum jemandem ein Wort.

Was mag nur geschehen sein, dass er die Weihnachtszeit hier mit für ihn wildfremden Menschen verbringt, statt mit seiner Freundin am Kaminfeuer zu sitzen oder über den Weihnachtsmarkt zu bummeln?

»Der geklaute Tannenbaum …«, beginnt er gerade. »Es war das Jahr 1943 und Weihnachten stand vor der Tür. Deutschland befand sich im Krieg und die Menschen hatten große Angst vor Bombenangriffen. Es gab kaum Lebensmittel und auch keine Weihnachtsbäume. Trotzdem freuten sich der kleine Frieder und seine Schwester Anneliese auf Weihnachten. Ob der Weihnachtsmann wohl den ersehnten Schlitten und die Puppenstube bringen würde?«

»Meine Güte, der Mann hat ja eine Stimme wie Elmar Gunsch«, schwärmt Frau Waldmann.

»Elmar wer?«, frage ich neugierig.

»Den kennen Sie wohl nicht mehr? Elmar Gunsch war ein österreichischer Schauspieler. Der hatte eine Stimme wie Samt. Wenn ich ihn im Radio hörte, schloss ich einfach die Augen …« Frau Waldmann lächelt verzaubert.

Ich muss schlucken. Auch Christian hatte eine Samtstimme. Allein ihn am Telefon zu hören, verursachte mir jedes Mal eine Gänsehaut. Wie sehr wünschte ich mir, ich könnte sie noch ein einziges Mal hören!

»Jedenfalls ist Elmar Gunsch vor ein paar Jahren gestorben«, erzählt Frau Waldmann weiter. »Aber dieser Paul … der hört sich ganz genauso an. Was macht er so? Arbeitet er beim Radio?«, fragt sie neugierig.

»Nicht dass ich wüsste. Genau genommen weiß ich gar nicht so genau, was er beruflich macht«, gestehe ich. »Ich glaube, er ist so eine Art Vertreter. Jedenfalls hat er mir erzählt, er sei aus Hannover und im Außendienst für eine Firma in Kassel tätig. Paul hat mir erzählt, dass er im Moment gerade Familienschwierigkeiten hat, weshalb er ein paar Tage im ›Maiglöckchen‹ wohnt, bis er weiß, wie es weitergehen soll.«

»So, so … ›Familienschwierigkeiten‹?«

Misstrauisch zieht Frau Waldmann eine Augenbraue nach oben.

»So kurz vor Weihnachten?«

Wir werden unterbrochen von der Pfarrerin, die den Höhepunkt der heutigen Weihnachtsfeier ankündigt: Den Weihnachtsmann, der den Kindern ihre Geschenke bringen soll!

Alle fangen an zu kichern, die kleineren Kinder verstecken sich unter dem Tisch.

Der Feierlichkeit halber haben wir das Licht heruntergedimmt, so dass nur noch die Kerzen auf den Tischen und auf dem Adventskranz brennen.

Der Weihnachtsmann tritt ein und spricht mit tiefer Stimme:

»Ho ho ho! Von drauß’ vom Walde komm ich her, ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr …«

»Oh, Kinder … welche Überraschung! Der Weihnachtsmann kommt persönlich zu uns.«

Die Pfarrerin tut so, als hätte sie nichts davon gewusst. Donnerwetter! Ich bin angemessen beeindruckt. Dafür, dass sie selbst den Auftritt des Weihnachtsmannes organisiert hat, spielt sie die Ahnungslose wirklich gut.

»Kinder, was meint ihr? Wollen wir dem Weihnachtsmann zur Begrüßung ein schönes Lied singen?«

Sie greift nach ihrer Gitarre, stimmt »Oh du fröhliche, oh du selige …« an und bedeutet den Kindern mitzusingen.

Einige Kinder singen leise und schüchtern, andere wieder stellen sich in Positur, damit der Weihnachtsmann auch ja bemerkt, wie toll sie singen können. Alle haben vor lauter Aufregung rote Wangen und glänzende Augen. Auch wenn einige von ihnen richtig falsch singen, kommen mir bei dem romantischen Weihnachtslied vor Rührung die Tränen. Damit es niemand sieht, verziehe ich mich unauffällig in die Küche.

Erst als das Licht wieder angeht, kehre ich zurück und verteile unsere Spezialität, die »Seehupferl«, auf den Tischen.

»Hmmm … sind das etwa Macarons?«, fragt Frau Waldmann.

»So etwas Ähnliches … ›Weihnachts-Seehupferl‹«, lächle ich, während ich nun auch den Weihnachtsmann betrachte, der kleine Päckchen an die Kinder verteilt und jedem ein freundliches Wort schenkt. Auch seine Stimme ist warm und markant … und kommt mir auf einmal sehr bekannt vor!

Ich sehe ihn mir genauer an, kann jedoch keine Ähnlichkeit mit einem Mann feststellen, den ich kenne, was allerdings angesichts des Weihnachtsmannkostüms und des riesigen Bartes in seinem Gesicht auch nicht ungewöhnlich ist. Also lausche ich weiter der Stimme in der Hoffnung, dass sie mir in irgendeiner Form Aufschluss über seine Identität geben wird. Leider vergeblich. Ich schimpfe mit mir selbst. Im Café verkehren so viele männliche Gäste, es wird sicher einer der Stammgäste sein …

»Sagen Sie, Frau Winter, haben Sie eigentlich in letzter Zeit pünktlich die Post bekommen?«, fragt mich auf einmal Frau Waldmann.

»Warum fragen Sie?«, antworte ich zögernd. Mir fällt das Weihnachtspäckchen meiner Mutter ein, das längst hier sein müsste.

»Nun, ich habe gerade von ein paar Nachbarinnen erfahren, dass so mancher Brief nicht angekommen ist. Auch ich warte schon seit Wochen auf ein Päckchen meines Sohnes … er hat es angeblich längst abgeschickt! So lange kann die Post von Hamburg bis hierher doch nicht brauchen …«

Frau Waldmann sieht auf einmal sehr traurig aus.

»Eigentlich wollte Bernd ja dieses Jahr Weihnachten mit der Familie bei mir feiern. Aber er hat ja immer so viel zu tun … und nun sollen die Kinder einen Skikurs in den Bergen machen. Das ist ja auch wichtig …«

Ich denke gerade daran, dass es eigentlich nicht unbedingt ein Umweg wäre, wenn man auf dem Weg von Hamburg in die Berge einen kleinen Zwischenstopp am Bodensee einlegen würde. Die Oma würde sich sicher riesig freuen, zu Weihnachten ihre Enkelkinder zu sehen, die sie das ganze Jahr so sehr vermisst. Vor allem, da Frau Waldmann schon reichlich betagt ist. Wer weiß, wie viele Weihnachten sie noch erleben wird?

Manche Menschen verstehe ich einfach nicht.

»Jedenfalls hat Erika, das ist die Frau von meinem Bernd, ein tolles Hotel am Arlberg gebucht. Aber sie haben an mich gedacht und mir ein ganz schönes Päckchen geschickt, hat mein Bernd erzählt. Das müsste allerdings längst hier sein.«

»Es kommt bestimmt noch«, sage ich aufmunternd. Aber eigentlich macht mich das Verhalten dieser Erika richtig wütend. »Es sind ja noch ein paar Wochen bis Weihnachten«, lächle ich ihr aufmunternd zu.

»Vielleicht haben Sie recht. Ich hoffe nur, dass es nicht verloren gegangen ist.«

Frau Waldmann zieht ihren alten Wollmantel über und ich begleite sie zur Tür.

Plötzlich dreht sie sich noch einmal um und sagt: »Ich will nicht klagen. Mir geht es ja gut. Ich bin doch eine alte Frau und brauche nicht mehr viel. Aber die junge Frau Berger … die ist wirklich arm dran.«

Sie blickt auf eine hübsche dunkelhaarige Frau, die mit verlorenem Blick verträumt in das Licht der Kerze starrt.

»Warum denn?«, frage ich, doch Frau Waldmann ist bereits aus der Tür.

Ruth, die gerade mit weiterem Apfelpunsch aus der Küche kommt, hat das Gespräch mitbekommen und flüstert mir zu: »Hast du das denn nicht mitbekommen? Der Mann ist doch abgehauen.«

3. Kapitel

Das Lächeln hinter dem Bart

»Welcher Mann?«, frage ich neugierig.

Offenbar habe ich in der letzten Zeit nur an mich selbst gedacht und gar nicht mitbekommen, was um mich herum geschieht.

»Na, der Mann von der Frau Berger! Der ist doch schon seit Wochen weg! Sie spricht ja nicht darüber, aber natürlich kann man so etwas nicht lange geheim halten. Frau Waldmann wohnt ja direkt neben der Familie. Sie hat als Erste bemerkt, dass da etwas nicht stimmt. Normalerweise kam Herr Berger jeden Abend pünktlich nach Hause. Nie, wirklich nicht ein einziges Mal sei er in einer Kneipe oder sonst irgendwo versackt. Frau Waldmann meinte, man hätte die Uhr nach seiner Heimkehr stellen können. Und dann kam er auf einmal gar nicht mehr …«

»Und wo ist er nun?«, frage ich neugierig.

So unauffällig wie möglich betrachte ich die traurige junge Frau. Sie sitzt ein wenig abseits von den anderen, die fröhlich über Weihnachtsgeschenke plaudern, und starrt immer noch abwesend in die Kerze.

»Das ist ja das Problem: Das weiß niemand … nicht einmal sie! Anfangs hatte sie noch erzählt, dass er zu Besuch bei Bekannten in Oldenburg sei, aber das glaubt inzwischen niemand mehr. Er müsste ja irgendwann einmal wiederkommen! Schließlich muss er doch zur Arbeit gehen, oder nicht?«

»Was meinst du, Ruth? Ob er eine Geliebte hat und einfach zu der gezogen ist?«, frage ich.

»Das habe ich auch gedacht. Aber das müsste er seiner Frau doch gesagt haben! Kein Mensch haut einfach so ab, ohne ein Wort.«

»Vielleicht hat er sich ja nicht getraut?«, gebe ich zu bedenken.

»Das wäre schon möglich. Aber sei mal ehrlich: Was ist das für ein Mann, der seine Familie einfach so sitzenlässt? Das ist doch total verantwortungslos! Er muss doch wissen, wie verzweifelt die beiden jetzt sind.«

»Die beiden?«

»Die Bergers haben einen Sohn … Jonas. Er spielt den Josef im Krippenspiel«, klärt Ruth mich auf.

Sie zeigt auf einen hübschen Jungen von etwa 12 oder 13 Jahren, der sich angeregt mit ein paar anderen Jugendlichen unterhält.

»Seit wann ist Herr Berger denn verschwunden?«, frage ich neugierig.

»Seit Anfang Oktober schon.«

»Und er hat sich gar nicht gemeldet? Nicht ein einziges Mal? Das ist doch merkwürdig. Vielleicht hat er ja Kontakt zu seiner Frau aufgenommen und sie hat es nur niemandem erzählt«, sage ich.

Ich könnte mir vorstellen, dass es Frau Berger vielleicht peinlich ist, verlassen worden zu sein.

Die Frau macht einen sehr traurigen Eindruck. Sie wirkt auf mich, als wäre sie in ihrer eigenen Welt versunken.

»Wer weiß? Vielleicht hat er das ja. Niemand weiß so richtig Bescheid über diese Familie. Die Bergers haben sehr zurückgezogen gelebt und wenig gesellschaftliche Kontakte gepflegt«, berichtet Ruth weiter.

»Das glaube ich gern. Hier im Café habe ich sie jedenfalls noch nie gesehen«, antworte ich.

»Ich glaube, Frau Berger verlässt kaum einmal das Haus«, erzählt Ruth. »Nur die Evi Schönbichler aus dem Blumenladen scheint sie ein wenig näher zu kennen. Die hat mir neulich erzählt, Frau Berger habe sich ihr vor ein paar Wochen nach der Yogastunde anvertraut und gesagt, dass sie in großer Sorge um ihren Mann sei. Er sei von einem Tag auf den anderen plötzlich verschwunden. Danach sei sie allerdings nie mehr beim Yoga gewesen, hat die Evi gesagt.«

»Was sagt denn die Polizei dazu? Sie muss ihn doch vermisst gemeldet haben! Vielleicht ist dem Mann ja etwas passiert?«, frage ich betroffen. »Vielleicht konnte er sich ja nicht mehr melden, weil er beim Joggen zusammengebrochen ist und irgendwo mit einem Herzinfarkt hilflos im Wald lag …«, mutmaße ich weiter.

»Er war nicht joggen! Herr Berger hat das Haus wie jeden Morgen mit dem Fahrrad verlassen und dieses beim Bahnhof abgestellt, um mit dem Zug zu seiner Arbeitsstelle in Friedrichshafen zu fahren. Am Abend kam er jedoch nicht zurück«, berichtet Ruth.

»Und das Fahrrad?«, frage ich.

»Das stand immer noch am Bahnhof. Nur von ihm fehlt jede Spur«, sagt Ruth.

»Aber ich verstehe das nicht! Die Polizei muss ihn doch suchen …«, antworte ich betroffen.

»Natürlich hat die Polizei etwas unternommen, was denkst du denn? Michael hat nicht nur Frau Berger und die Kollegen an seinem Arbeitsplatz, sondern alle möglichen Leute aus seinem Umfeld befragt. Aber ohne Ergebnis! Es gibt keine einzige Spur«, weiß Ruth.

Da sie mit meinem besten Freund, dem Kriminalhauptkommissar Michael Harter, liiert ist, bekommt sie dadurch natürlich immer hautnah mit, wenn irgendwo etwas passiert.

Doch nun zuckt sie hilflos die Schultern. »Das Problem ist: Wenn es keinen Hinweis auf eine Straftat oder einen möglichen Suizidversuch gibt, dann stellt die Polizei die Suche irgendwann ein. Michael sagt, die meisten Menschen hauen sowieso aus freien Stücken ab und kommen irgendwann wieder. Sei es nun, dass sie sich in einen anderen Menschen verliebt haben oder einfach nur aus ihrem gewohnten Trott aussteigen wollen.«

»Aber das war bei Herrn Berger nicht so?«, frage ich.

Das Ganze kommt mir wirklich sehr seltsam vor.

»Nein, er war weder auf amourösen Abwegen, noch hatte er eine Midlife-Crisis oder so etwas. Jedenfalls hat seine Frau davon angeblich nichts bemerkt. Aber ich glaube …« Ruth senkt verschwörerisch die Stimme. »… die Familie hat große finanzielle Schwierigkeiten«, flüstert sie nun. »Michael hat herausgefunden, dass er die Arbeitsstelle in Friedrichshafen, zu der er jeden Tag fuhr, schon lange nicht mehr hatte! Offensichtlich wurde er schon vor Monaten entlassen und hat seiner Frau nichts davon erzählt! Sie fiel aus allen Wolken, als sie davon erfuhr. Schließlich war er doch jeden Tag ganz normal aus dem Haus und angeblich zur Arbeit gegangen. Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, dass er arbeitslos war. Wahrscheinlich hat er sich einfach nicht getraut, der Familie zu beichten, dass sie den gewohnten Lebensstandard nicht halten können, sondern hat so getan, als wäre nichts und ordentlich Schulden angehäuft.«

Meine Güte! Ich kann es nicht fassen. Man hat solche Geschichten über Männer, die wie jeden Tag das Haus verlassen, um »Zigaretten zu holen« und nie wiederkommen, ja schon öfter gehört. Dennoch ist es für mich nur sehr schwer vorstellbar, wie man seine Familie einfach so, noch dazu mit Schulden, im Stich lassen kann.

»Vielleicht hat er sich ja umgebracht, weil er keinen Ausweg mehr wusste und ihn die Schulden so sehr gedrückt haben! Allerdings hat man weder seine Leiche gefunden noch einen Abschiedsbrief«, rät Ruth.

»Das glaube ich nicht«, sage ich.

»Jeder normale Mensch würde in diesem Fall doch seinen Suizid wie einen Unfall, zum Beispiel mit dem Auto, aussehen lassen, damit die Familie die Unfallversicherung oder Lebensversicherung ausbezahlt bekäme … sei es nun, um seiner Familie die Möglichkeit zu geben, die Schulden zu tilgen oder zumindest irgendwie zu überleben«, denke ich laut.

Ruth nickt und sieht mich ernst an.

»Das Schlimme ist, dass Frau Berger absolut keine Ahnung hat, wie sie das alles bewältigen soll«, sagt sie.

»Sie könnte arbeiten gehen, zum Beispiel«, antworte ich. »Das müssen andere schließlich auch!«

»Für Frau Berger scheint das aber ein echtes Problem zu sein. Offenbar hat sie gleich nach der Schule Jonas bekommen und nie einen richtigen Beruf gelernt. Außerdem fällt es solchen Frauen, bei denen immer der Mann alles entschieden und bezahlt hat, sehr schwer, ihr Leben plötzlich selbst in die Hand zu nehmen«, sagt Ruth nachdenklich.

»Meine Güte, wir leben doch nicht mehr in den Fünfzigerjahren«, empöre ich mich.

Für mich ist die Vorstellung, von einem Mann derart abhängig zu sein, vollkommen absurd. Ich habe Zeit meines Lebens gearbeitet und selbst für mich und mein Kind gesorgt, sodass mir dieses Lebensmodell sehr fremd vorkommt. Doch es scheint wohl auch in unserer heutigen Zeit noch Frauen zu geben, die einen anderen Lebensstil pflegen.

»Stell dir vor, Maja: Ich habe gehört, dass …« Noch einmal senkt Ruth die Stimme und flüstert: »… dass den beiden schon vor Wochen die Wohnung gekündigt wurde, weil sie seit Monaten die Miete schuldig geblieben sind. Nun gab es eine Räumungsklage und sie müssen noch diese Woche ausziehen. Und das so kurz vor Weihnachten … wie hartherzig muss der Vermieter sein! Kein Wunder schaut sie so bedröppelt aus der Wäsche. Sie weiß einfach nicht, wie es weitergehen soll.«

Mein Blick fällt auf Jonas, der gerade mit seinen Freunden herzhaft über das Wichtelgeschenk aus dem Sack des Weihnachtsmannes lacht. Bei der Vorstellung, dass die kleine Familie bald auf der Straße sitzen wird, schlage ich entsetzt die Hand vor den Mund.

»Sie werden doch Freunde haben … Familie … eine Oma, irgendjemanden, der sie aufnehmen kann?«, frage ich bestürzt.

Ruth zuckt die Schultern. »Nicht, dass ich wüsste … die Eltern von Herrn Berger sind wohl schon eine Weile tot und von ihrer Familie ist überhaupt nichts bekannt.«

Auf einmal geht das Licht wieder an und der Weihnachtsmann kommt zu uns herüber.

»Ich glaube, ich habe noch jemanden vergessen«, sagt er mit tiefer, weicher Stimme.

»Hier stehen zwei Weihnachtsengel, die ganz bestimmt auch ein Geschenk verdient haben.«

Er sieht mir direkt in die Augen und mir wird auf einmal ganz warm ums Herz.