Die Gärten von Istanbul - Ahmet Ümit - ebook

Die Gärten von Istanbul ebook

Ahmet Ümit

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Opis

Istanbul, die unbezähmbare Stadt zwischen zwei Kontinenten. Ein magischer Ort, wo Geschichte geschrieben wurde und sich noch heute unzählige Geschichten ineinander verweben. Kaum einer kennt ihn so gut wie Nevzat, Oberinspektor des Morddezernats. Und kaum einer leidet an ihm wie er, dessen Frau und Tochter dort Opfer eines Verbrechens wurden. Und doch wird er hinzugezogen, als an der Atatürk-Statue eine Leiche gefunden wird. Das Opfer, Professor für Kunstgeschichte, war anerkannt in Istanbuls intellektuellen Kreisen. Ebenso wie seine Exfrau Leyla, Museumsdirektorin im legendären Topkapı Palast. Kurz darauf wird eine zweite Leiche gefunden. Wieder an einem von Istanbuls Wahrzeichen. Und die Serie reißt nicht ab. Sieben Leichen an sieben historischen Stätten – und nur ein einziger Faden scheint die Fälle miteinander zu verbinden: die jahrtausendealte Geschichte einer der geheimnisvollsten und faszinierendsten Städte der Welt ...

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Zum Buch

Istanbul, die unbezähmbare Stadt zwischen zwei Kontinenten. Ein magischer Ort, wo Geschichte geschrieben wurde und sich noch heute unzählige Geschichten ineinander verweben. Kaum einer kennt ihn so gut wie Nevzat, Oberinspektor des Morddezernats. Und kaum einer leidet an ihm wie er, dessen Frau und Tochter dort Opfer eines Verbrechens wurden. Und doch wird er hinzugezogen, als an der Atatürk-Statue eine Leiche gefunden wird. Das Opfer, Professor für Kunstgeschichte, war anerkannt in Istanbuls intellektuellen Kreisen. Ebenso wie seine Exfrau Leyla, Museumsdirektorin im legendären Topkapı-Palast. Kurz darauf wird eine zweite Leiche gefunden. Wieder an einem von Istanbuls Wahrzeichen. Und die Serie reißt nicht ab. Sieben Leichen an sieben historischen Stätten – und nur ein einziger Faden scheint die Fälle miteinander zu verbinden: die jahrtausendealte Geschichte einer der geheimnisvollsten und faszinierendsten Städte der Welt …

Zum Autor

AHMET ÜMIT wurde 1960 in Gaziantep im Südosten der Türkei geboren. Von 1974 bis 1989 war er aktives Mitglied der Türkischen Kommunistischen Partei. In den Achtzigerjahren schrieb er nicht nur seine ersten literarischen Texte, sondern studierte auch an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften in Moskau, was zu jener Zeit nach türkischem Recht illegal war. Während der Militärdiktatur von 1980–1990 war Ahmet Ümit im Untergrund aktiv und musste zeitweise selbst untertauchen. Zwar blieb er seinen linken Überzeugungen treu, doch die autoritären Züge der Kommunistischen Partei sah er kritisch. Er zog sich aus der aktiven Politik zurück und konzentrierte sich aufs Schreiben. Ahmet Ümit gilt als einer der Wegbereiter des Kriminalromans in der Türkei. Nebenbei schreibt er Drehbücher für TV-Krimiserien. Ahmet Ümit ist einer der meistgelesenen Autoren in der Türkei, einige seiner Bücher wurden erfolgreich verfilmt.

Ahmet Ümit

DIE GÄRTEN VONISTANBUL

Kriminalroman

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe

Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel »Istanbul Hatırası« bei Everest Yayınları, Istanbul. Alles in diesem Buch ist Fiktion. Namen, Figuren, Orte und Ereignisse entspringen entweder der Fantasie des Autors oder unterliegen einem fiktiven Gebrauch. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen, realen Ereignissen oder Orten ist rein zufällig.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

2. Auflage

Genehmigte Taschenbuchausgabe Oktober 2017

by btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Copyright der Originalausgabe © by Ahmed Ümit, © by Kalem Agency

Umschlaggestaltung: semper smile, München

Covermotiv: © Irene Lamprakou/Arcangel Images

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

mr · Herstellung: sc

ISBN 978-3-641-18445-2V002www.btb-verlag.dewww.facebook.com/btbverlag

Zum Gedenken an meinen lieben Freund Ali Taygun

Gestern blickte ich von einem Hügel auf dich, teures Istanbul …

Yahya Kemal

Byzantion König Byzas’ legendäre Stadt

Gott schaute auf den König. Es war das Fest der Segnung: Tag der Danksagung, Moment der Gegengabe, Zeit der Ehrerbietung. Als heilige Gabe hatte Gott ihnen dieses herrliche Land geschenkt, das wie der Kopf eines Adlers ins Meer hineinragt. Mit Zauberkraft hatte der Wind die Segel ihrer Schiffe gebläht, die Erde hatte die Saat gleich einer gebärfreudigen Frau in köstliche Frucht verwandelt, das Meer war zum freigebigen Garten geworden und hatte ihnen die schmackhaftesten Fische geschenkt. Katastrophen hatte Gott ferngehalten. Jetzt war der König an der Reihe. Er musste tun, was ihm zufiel, musste sein Wort halten. Er packte sein breites, scharfes Schwert.

Gott schaute auf den König. Der kleine Platz schwamm in milchblauem Licht. Es roch nach Meer. Auf seiner Stirn spürte er feuchte Kühle. Auch der junge Stier beim Tempel spürte die Kühle, sie machte ihn schaudern. Vier Krieger hielten den jungen Stier mühsam im Zaum, auch sie überfiel ein Schaudern, ebenso den Seher, der einen Schritt hinter dem Stier stand, nur der König erschauerte nicht. Weder die unsichtbare Berührung des Windes kümmerte ihn noch die haarsträubende Kühle. Bedächtig hob er sein Schwert und trat näher.

Gott schaute auf den König. Als der König vor Gott stand, hielt er inne, hob ehrerbietig den Kopf, richtete die Augen auf den Dreizack in Gottes Hand. Die furchtbare Waffe dazu fähig das riesige Land mit einem Schlag auf den Meeresboden zu versenken. Die Ehrfurcht in seinem Herzen wurde zu Furcht, er wandte den Blick ab von Gott. Auf dem Platz erstarb für einen Augenblick das Leben, still standen der vom Meer her wehende Wind, der Stier, dessen schwarzes Fell zornig zuckte, und die Krieger, die den Stier gepackt hielten. Wartete er noch länger, verwandelte sich die schaurige Stille in einen bleibenden Fluch, wartete er weiter, erzürnte er Gott. Er musste reden. Er durfte nicht länger warten.

»O Poseidon«, donnerte er, die Stimme voller Demut. »O Gott der Meere, der Erdbeben, der Pferde! O Sohn des Kronos und der Rheia, o Bruder des Zeus und des Hades. O mächtigster der Unsterblichen. O unsterblichster der Allermächtigsten. Tausendfach sei Dir Dank, tausendfach Ehre, tausendfach Liebe.

Du, der Du Dich nie von uns abwandtest. Du, der Du uns nie verließest, seit wir uns von Megara auf den Weg machten. Nie erprobtest Du Deinen Zorn an uns. Nie schicktest Du Deine Stürme gegen unsere Schiffe. Nie setztest Du Deinen mächtigen Dreizack gegen uns ein. Du machtest die Meere still, gnädig und segensreich.

O prächtigster der Götter, o Schutzherr der Aussiedler von Megara. Ohne Dich hätten wir dieses zu drei Seiten von Meer umschlungene Land nie erreicht. Ohne Dich hätten wir unsere junge Stadt, die gleich einem Monument auf diesem gesegneten Boden aufragt, nie gegründet. Ohne Dich hätten wir weder zu Land noch zu Wasser existiert. Du, der Du uns liebst wie Deine eigenen Kinder. All unseren Dank wollen wir Dir mit dem Opfer dieses Stieres erweisen. Wir bitten Dich, nimm unser Opfer an. Wir bitten Dich, erbarme Dich auch künftig unser. Wir bitten Dich, sorge ebenso dafür, dass die anderen Götter ein Einsehen mit uns haben. Denn Du bist der, der uns am meisten liebt. Denn Du bist gerecht …«

Als hörte er die Worte gar nicht, hielt Gott weiter mit feuerspeienden Augen den Blick auf Byzas gerichtet, den jungen König dieses jungen Landes. Der König nahm die gleichgültige Haltung Gottes nicht schwer. Er kniete nieder, beugte den Nacken und entbot seinen Gruß. Dann richtete er sich langsam auf und wandte sich wie ein zielstrebiger Krieger dem schwarzen Stier zu. Von dem auf ihn zuschreitenden König bemerkte der Stier zuerst das Schwert. Wie um die nahende Katastrophe anzukündigen, warf die Sonne ihre Strahlen von der glänzenden Schneide zurück in die Augen des wilden Tieres. Der Stier, schon aufgrund der Fesseln nervös, geriet in Panik. Wie gern wäre er geflohen von diesem nach Meer riechenden kleinen Platz, wie gern hätte er sich von den Fesseln befreit und dem Glitzern, das seine Augen blendete. Er zerrte an den Kriegern und strebte der Enge zu entkommen. Doch die vier gaben nicht nach.

Gott schaute auf den König. Byzas trat dem Stier entgegen. Kaum witterte er den Geruch des Königs, schnaubte der Stier wutentbrannt. Die Krieger vermochten das Tier kaum noch zu halten. Längst hatte der Seher zu beten begonnen, in der Hand hielt er eine Tonschale bereit, um das gleich sprudelnde Blut aufzufangen. Byzas stand vor dem herrlichen Tier, musterte voller Respekt sein Opfer. Auch der Stier hielt den Blick auf ihn gerichtet. Mit gespannter Neugier blickte er den König an, als wollte er vorausahnen, was geschehen würde. Gott durfte man nicht warten lassen, ebenso wenig das Opfer. Wieder packte der König den Griff seines breiten scharfen Schwertes. Von unten stieß er es dem Stier in die Kehle. Das Blut sprudelte in die Schale des Sehers, der Stier erstarrte. Kurz darauf ließ der Schmerz ihn erzittern, mit aller Macht warf er sich zurück. Er wäre geflohen, solange seine Kräfte reichten, er hätte die vier Krieger mit sich geschleift, wären sie unachtsam gewesen, er hätte sein Blut in der Gegend verspritzt, doch das ließen die muskulösen Arme nicht zu. Bald verlor das Tier seine Kraft, erst fiel es auf die zitternden Knie, dann kippte es krachend auf die rechte Seite.

Gott schaute auf den König. Der König kümmerte sich nicht länger um Gott. Ob es dem Blut geschuldet war, das ihn bespritzte, oder einem uralten Trieb, sein Blick lag starr auf dem getöteten Stier. Die Wut war aus den Stieraugen gewichen, nun wirkten sie nur noch verwundert und ein wenig traurig. Der König bereute seine Tat nicht, er trug den Frieden dessen im Herzen, der seine Pflicht erfüllt hat. Und doch konnte er den Blick nicht abwenden von den erstarrenden schwarzen Augen seines Opfers.

»WILLST DU SAGEN, SIE HABEN DEN MANN ATATÜRK GEOPFERT?«

Die schwarzen Augen des Opfers ruhten auf Atatürk. Der Mann mochte um die fünfzig sein. Die Arme waren über den Kopf gestreckt, die Handflächen zusammengelegt, die Handgelenke mit Nylonschnur aneinandergefesselt. Die Beine spreizten sich zum Meer hin. Sein langes glattes Silberhaar floss über den Marmorboden, der Kragen seiner tabakbraunen Lederjacke und die Brust seines beigefarbenen Hemds waren schwarz von getrocknetem Blut. Wäre dem Mann nicht das von einem schmalen, grau melierten Bart bedeckte Kinn auf die Brust gefallen, hätte ich vermutlich gleich den tiefen Schnitt am Hals bemerkt, der zum Tod geführt hatte. Viele Male hatte ich Ähnliches gesehen, doch nun deprimierte mich der Anblick der Leiche, es mochte an der frühen Morgenstunde liegen oder daran, dass ich allmählich älter wurde. Ich wandte mich um, dem Meer zu, das sich zusehends aufhellte.

Vor mir zogen zwei viel geplagte Dampfer der städtischen Fährlinien, zwei Schwerarbeiter des Meeres, über das leicht bewegte Blau und zogen Spuren aus Gischt hinter sich her. Eine Brise strich über Sarayburnu. Milchblau das Licht. Es roch herrlich nach Meer. Hinter uns blühten die Bäume an den Hängen des Topkapı-Palastes, die eine Straße querte. In mir stieg vage die Erinnerung an schöne alte Zeiten auf, an das Istanbul meiner Kindheit. Schemenhafte Bilder, Stimmfetzen, Bruchstücke von Ereignissen … Doch keine einzige Erinnerung kristallisierte sich klar heraus. Da spürte ich einen Blick auf mir lasten. Ich hob den Kopf und traf den Blick. Vom Himmel herab musterte mich ein verblassender Halbmond. Verblassend, dennoch schien sein Umriss mit jedem Moment deutlicher hervorzutreten, als ginge er gerade erst auf. Mich fröstelte, ich riss mich vom Halbmond los und schlug den Mantelkragen hoch.

»Ist das Zufall?«

Die Stimme wehte schwach über den kleinen Platz und verlor sich in den gekräuselten Wellen. Sie gehörte unserem Heißsporn Ali, er starrte die bronzene Atatürk-Statue an. Seine Frage richtete sich an niemanden und alle. Zeynep reagierte schneller als ich.

»Was soll da Zufall sein?«

Ihr hübsches Gesicht spiegelte die Sorge, ein wichtiges Detail übersehen zu haben. Ali wies mit dem knisternden Funkgerät auf die Atatürk-Skulptur.

»Dass das Opfer genau vor dem Denkmal abgelegt wurde.« Er warf mir einen fragenden Blick zu. »Was meinen Sie, Hauptkommissar, ist das Zufall?«

Ich wusste keine Antwort, trat aber nun meinerseits an das Denkmal heran. Atatürk in Zivil, eine Hand in die Hüfte gestützt, den Blick sinnierend auf das blaue Wasser gerichtet. Als kein Kommentar von mir kam, setzte Zeynep die Diskussion fort: »Wie? Willst du etwa sagen, die haben den Mann Atatürk zum Opfer gebracht?«

»Wäre doch möglich, oder?« Alis Stimme klang ruhig, als spräche er über eine völlig normale Sache. »Es gibt alle möglichen Verrückten in diesem Land …«

Er hatte recht, aber ich hatte noch nie davon gehört, dass man Atatürk Menschen opferte.

»Glaub ich nicht«, murmelte Zeynep und untersuchte das Mordopfer erneut, »ich halte das für reinen Zufall. Wäre der Getötete geopfert worden, hätte man ihn hier ermordet.« Mit der in einem Plastikhandschuh steckenden Rechten zeigte sie auf den Marmorboden unter dem Kopf der Leiche. »Kein einziger Blutfleck. Die haben ihn erst getötet und dann hergebracht. Dieser Mord hat wohl kaum etwas mit Atatürk zu tun.«

»Also, ich weiß nicht …« Ali war offenbar zum Diskutieren aufgelegt, doch das Horn einer Autofähre, die das Wasser durchpflügte, schnitt ihm das Wort ab. Der erstickte Aufschrei des Dampfers, wie trauriges Heulen eines wilden Tieres aus grauer Vorzeit, versickerte rasch in der morgendlichen Stille, und Zeyneps Stimme war wieder zu hören: »Hier ist etwas.« Sie war dabei, dem Leichnam einen kleinen Gegenstand aus den gefesselten Händen zu nesteln. »Ha, jetzt hab ich’s.«

Wir fixierten das runde Metallstück zwischen Zeyneps Zeigefinger und Daumen.

»Eine Münze«, murmelte Zeynep. »Scheint antik zu sein.«

Ali versuchte zu entziffern, was darauf stand.

»Schrift am Rand, in der Mitte Symbole. Was soll das wohl heißen?«

Selbst unser Adlerauge Ali hatte Mühe mit den Zeichen auf dem Metalltaler, ich ohne Brille war hoffnungslos verloren. Gerade wollte ich die Lesebrille aus der Innentasche meiner Jacke angeln, als Zeyneps Erklärung das erübrigte.

»Das ist doch ein Stern, oder? Und das hier ist der Mond!« Sie wandte mir ihren staunenden Blick zu. »Ja, da haben wir eine Mondsichel, Hauptkommissar, und in der Mitte einen Stern.« Sie zögerte, dann flüsterte sie mit belegter Stimme: »Genau wie auf unserer Fahne.«

»BYZANTION WAR DER ERSTE NAME ISTANBULS.«

Auf der Leinwand an der fensterlosen Wand im dunklen Labor erschien das helle Abbild der Münze. Ich betrachtete den seit Jahrtausenden strahlenden Stern, mittig über der nach oben geöffneten Mondsichel, die Konturen von der Zeit leicht verwischt, doch an Pracht hatte er nichts eingebüßt. Ein Wort aus neun Buchstaben umrahmte Halbmond und Stern.

»Welche Sprache ist das?« Zeynep deutete mit einem langen Lineal auf das Wort. »Türkisch ist das nicht. Vielleicht Russisch?«

»Nein«, sagte ich bestimmt. »Griechisch. Das sind griechische Buchstaben.«

Nicht nur Zeyneps, auch Alis Kopf flog zu mir herum. Woher wusste ich das?

»Ich habe das griechische Alphabet im Haus vom alten Dimitri gelernt. Er war Priester im Patriarchat. Er und seine Frau Sula wohnten in Balat, in dem Haus mit Garten uns gegenüber. Sie hatten keine Kinder, ich ging bei ihnen ein und aus. Sie hatten viele Bücher mit tollen Bildern aus Griechenland, die habe ich angeschaut und dabei das griechische Alphabet gelernt. Das heißt, früher konnte ich es, heute verwechsele ich die Buchstaben, aber so viel kriege ich gerade noch zusammen.«

»Was steht denn da, Hauptkommissar?«, fragte Zeynep neugierig, den Blick auf dem erhabenen Schriftzug. Ich trat näher an die Leinwand heran und zeigte auf die Buchstaben.

»Das könnt ihr auch lesen. Byzantion steht da.«

Bedrückt wie angesichts eines unlösbaren Problems murmelte Ali: »Hat das was mit Byzanz zu tun?«

Dieselbe Frage verengte Zeyneps Augen zu Schlitzen.

»Was?«, tadelte ich. »Sagt bloß, ihr wisst das nicht!«

Erst verstanden sie meine Reaktion gar nicht, dann wandten sie den Blick ab, als hätten sie sich einen groben Schnitzer geleistet.

»Wisst ihr es wirklich nicht? Ich bitte euch! Byzantion, Mensch, Byzantion! Das war der erste Name Istanbuls, der Stadt, in der ihr lebt.«

Ali verbarg seine Zerknirschung hinter tiefem Schweigen, Zeynep setzte zur Verteidigung an.

»War der erste Name von Istanbul denn nicht Konstantinopolis?«

Enttäuscht schüttelte ich den Kopf.

»Natürlich nicht. Istanbuls erster Name lautete Byzantion, den Namen Konstantinopolis erhielt es Jahrhunderte später.«

Plötzlich wechselte das Bild auf der Leinwand, nun tauchte eine weibliche Büste auf. Die Frau war im Profil zu sehen, die Haare am Hinterkopf zusammengefasst, die Gesichtszüge deutlich zu erkennen. Die Rückseite der Münze. Ali hatte das Bild gewechselt, um meiner Predigt über Geschichte zu entgehen. »Ist diese Frau auch Bizant …, Byzans …?«, fing er an, bekam das Wort aber nicht heraus. Wieder hockte er im Fettnäpfchen. »Äh, wie hieß das noch gleich, Hauptkommissar?«

Halb im Spaß, halb im Ernst wiederholte ich mit Nachdruck: »Byzantion, Ali, Byzantion!«

»Ach ja, stimmt«, sagte mein Assistent und feixte. »Die Frau hier ist dann wohl die Prinzessin von Byzantion.«

Da war ich mir nicht so sicher. Eine Weile betrachteten wir alle drei die Frau auf der Leinwand, schließlich sagte ich: »Keine Ahnung«, und langte zum Lichtschalter an der Wand. »Was das betrifft, bin ich genauso ein Banause wie ihr. Wir holen uns am besten bei einem Fachmann Rat.«

Als das grelle Licht der Neonröhren aufflammte, verschwand das Bild der antiken Frau auf der Leinwand. Gleichzeitig kitzelte mich ein Duft in der Nase, den ich im Labor gar nicht gewohnt war. Ja, da waren sie. Der Duft stammte von lilafarbenen Hyazinthen, die in einer schlichten Vase auf Zeyneps Schreibtisch standen.

»Was für schöne Blumen«, staunte ich. »Wer hat die denn mitgebracht?«

Ich hatte die Frage an Zeynep gerichtet, doch mir entging nicht, wie Ali rot anlief. Zeynep dagegen antwortete ruhig und durchaus stolz.

»Die sind von Ali, Hauptkommissar.«

Das war nun wirklich eine Überraschung. Unser ruppiger Ali brachte Zeynep, mit der er sich bei jeder Gelegenheit kabbelte, Blumen mit! Verblüfft starrte ich meinen Assistenten an. Das Rot in seinem Gesicht war mittlerweile purpurn, er wich meinem Blick aus. Ich dachte daran, ihn ein wenig aufzuziehen; verlegen sah er aber so putzig aus, dass ich es nicht übers Herz brachte.

»Wirklich schöne Blumen«, beendete ich das Thema und wandte mich wieder Zeynep zu. »Wir müssen Experten für diese Sache finden. Historiker, Numismatiker, Leute, die uns weiterhelfen können.«

»Ich kümmere mich sofort darum, Hauptkommissar.«

Ali war froh über den Themenwechsel. »Fangen wir bei Münzexperten an«, stürzte er sich eifrig ins Gespräch. »Es muss einen Zusammenhang geben zwischen Halbmond und Stern auf der Münze und dem Fundort der Leiche vor dem Atatürk-Denkmal.«

Der Punkt, den mein Assistent sich in den Kopf gesetzt hatte, war nicht ohne Bedeutung. Halbmond und Stern auf einer Münze, die vor Jahrtausenden geprägt worden war, und Mustafa Kemal Atatürk. Steckte eine politische Botschaft dahinter? War der Mörder oder waren die Mörder vielleicht nicht irgendwer, sondern Terroristen, die einen Mord begingen, um ihre Ziele zu erreichen? Das hielt ich für wenig wahrscheinlich. Nie zuvor hatte eine terroristische Gruppe von links oder von rechts sich einer solchen Methode bedient. Deren Aktionen richteten sich gegen eindeutige, konkrete Ziele. Falls hinter ihnen nicht gerade Geheimdienste standen. Ich war nie in der Politischen Abteilung gewesen, aber ich wusste, dass viele Terrorgruppen von Geheimdiensten gesteuert wurden.

»Aha, hier steckt die ganze Mannschaft!« Bei Şefiks Worten ging mein Blick unwillkürlich zur Tür. Der agile Leiter der Spurensicherung stand auf der Schwelle und musterte uns fröhlich. Er merkte sofort, dass gedrückte Stimmung herrschte, und wurde ernst.

»Sie habe ich gesucht, Hauptkommissar. Wir haben den Getöteten identifiziert.«

Das war eine gute Nachricht.

»Habt ihr seinen Ausweis gefunden?«

Mit der Asservatentasche in der Hand trat er näher.

»Gefunden haben wir sein Portemonnaie, Hauptkommissar, hundert Meter vom Tatort entfernt. Darin steckte auch sein Ausweis. Und auf dem Weg lag ein kaputtes Handy.«

Ich nahm die Tüte entgegen und fragte weiter: »Befanden sich Geldbörse und Handy an derselben Stelle?«

»Beinahe. Am Rand der Hauptstraße von Sarayburnu nach Eminönü. Vor dem Sepetçiler Kasrı, dem Korbmacher-Palais. Portemonnaie und Telefonteile lagen nur zehn Meter voneinander entfernt. Die Täter haben wohl beides weggeworfen, als sie die Leiche herbrachten und sich anschließend aus dem Staub machten.«

Ich wusste, was er sagen würde, hakte aber trotzdem nach: »Die Täter, sagst du. Woher willst du wissen, dass es sich nicht um einen Einzeltäter handelt?«

»Man hat das Opfer transportiert, Hauptkommissar. Sie wissen selbst, wenn man ihm an Ort und Stelle die Kehle durchgeschnitten hätte, hätte es wie im Schlachthaus ausgesehen. Ein Einzelner hätte die Leiche wohl kaum tragen können.« Neugierig, als wäre ihm ein wichtiges Detail eingefallen, fragte er: »Habt ihr mit den Leuten in der Umgebung gesprochen? Hat jemand etwas beobachtet?«

Ali hatte die Passanten befragt, also beantwortete er diese Frage.

»Die Wachsoldaten vor der Garnison auf der anderen Straßenseite haben nichts gesehen. Ebenso wenig die Wärter auf dem Parkplatz nebenan. Auch von den Säufern am Ufer hat keiner etwas bemerkt. Ich habe alle befragt, die so spät noch in Sarayburnu waren. Fehlanzeige.«

Wie zu sich selbst murmelte Şefik: »Offenbar professionelle Mörder. Rund um die Statue war keine brauchbare Spur zu finden.«

Şefiks Worte weckten in mir erneut den Gedanken, das Verbrechen könnte von einem Geheimdienst begangen worden sein. Die hinterließen allerdings nicht unbedingt eine Botschaft, falls sie uns nicht gerade auf die falsche Fährte locken wollten.

»Und warum das Atatürk-Denkmal?«

Unser Sturkopf Ali kam wieder mit derselben Frage an.

»Eigenartig«, sagte Şefik. Wie wir alle, konnte auch er sich keinen Reim darauf machen. »Wirklich eigenartig. Will der Mörder damit etwas Bestimmtes sagen?«

Wir hätten stundenlang darüber diskutieren können, ein Ergebnis war dabei kaum zu erwarten. Vor allem nicht angesichts der bisherigen Informationen. Statt mich in Mutmaßungen zu ergehen, schüttete ich den Inhalt der Tüte auf den Tisch. Unsere Blicke richteten sich auf eine tabakbraune Geldbörse und ein in zwei Teile zersprungenes Handy.

»Ein hübsches Portemonnaie«, bemerkte Ali aufgeräumt. »Das Mordopfer dürfte gut betucht gewesen sein.«

»Das kann ich nicht beurteilen«, entgegnete Şefik und deutete auf die Scheine, die aus der Börse quollen. »Jedenfalls trug er gern Bargeld bei sich. Ganze 1.225 Lira.«

Zeynep wunderte sich.

»Der Mörder hat das Geld gar nicht angerührt?«

»Offenbar nicht. Natürlich weiß ich nicht, ob das hier alles war, aber im Portemonnaie steckten 1.225 Lira.«

Mehr als das Geld interessierte mich der Ausweis des Opfers. Um keine Spuren zu verwischen, angelte ich mit zwei Fingern der rechten Hand den Ausweis aus dem Portemonnaie, bemüht, so wenige Stellen wie möglich zu berühren. Zeynep spekulierte weiter.

»Die Umstände deuten nicht auf Raubmord hin. Sonst hätte der Mörder doch das Geld mitgehen lassen.«

»Scheint so …«

Şefiks letzte Worte interessierten niemanden mehr. Alle drei starrten wir wie gebannt auf den Ausweis zwischen meinen Fingern. Die angegrauten Haare des Mannes auf dem Passfoto waren kürzer, doch zweifellos handelte es sich um unser Opfer. Sein Vorname lautete Necdet, der Familienname Denizel. Geboren am 12. August 1959 in Istanbul. Familienstand »geschieden«.

»Der Mann war Universitätsdozent.«

Als Şefik sich unserer Aufmerksamkeit wieder sicher war, zeigte er auf die Visitenkarte, die aus der Brieftasche gerutscht war.

»Da steht es: Dr. Necdet Denizel. Kunsthistoriker – Archäologe.«

Die Visitenkarte sah ganz anders aus als die bescheidenen Karten von Universitätsdozenten. Noch bevor man sie anfasste, war deutlich, dass sie auf ziemlich teurem Papier gedruckt war.

Ali beschäftigte allerdings nicht die Karte, sondern der Beruf des Mordopfers.

»Archäologe, soso! Offenbar war das Opfer mit Ihrem Byzantion befasst, Hauptkommissar.«

»Dann sollten wir zuerst seiner Wohnung einen Besuch abstatten«, unterstützte ich ihn. »Da erfahren wir mehr über Necdet Denizel und Byzantion zugleich.«

»Byzantion?«, hakte Şefik nach. »Was ist denn Byzantion?«

Ali fixierte den Kollegen voller Verachtung.

»Das weißt du nicht, stimmt’s, Şefik? Schlimm. Schlimm für dich! Byzantion ist der erste Name der Stadt, in der du lebst.«

Şefik begriff noch immer nicht. Zeynep sprang ihm bei.

»Wir haben in der Hand des Getöteten doch diese Münze gefunden, darauf steht Byzantion.«

»DER MENSCH IST KEIN SONDERLICH TREUES WESEN.«

Die auf der Visitenkarte genannte Adresse befand sich in Samatya, am Hang des siebten der sieben Hügel, auf denen Istanbul gegründet ist. Ich mochte Samatya, wenn auch nicht so sehr wie mein Viertel Balat, es gehört zu den schönen alten Quartieren, die Istanbul zu der Stadt machen, die sie ist. Einst lebten dort vor allem Armenier. Mitunter, wenn uns einfällt, unseren Rakı einmal woanders als im Tatavla zu trinken, komme ich mit Evgenia hierher. Evgenia nennt das Viertel Psammatia, das sei sein griechischer Name. Er bedeute so viel wie Sandstrand. Ich dagegen denke bei Samatya an Häuser aus Stein mit Dächern, die nach Sonne, und Fenstern, die nach Meer duften, an alte Kirchen und Moscheen, an enge Gassen, an kleine Tavernen darin, auch an die Vorortzüge, die Tag für Tag unermüdlich Tausende Istanbuler zwischen den antiken Stadtmauern hindurchtransportieren. Samatya ist ebenso erschöpft, überaltert und heruntergekommen wie Balat. Einen so hübschen, gepflegten Holzbau wie das zweigeschossige Haus des Mordopfers hatte ich hier nicht erwartet. An zwei üppigen Judasbäumen vorbei, deren zarte violette Blüten über das eiserne Tor hingen, betraten wir den Vorgarten. Ein Feigenbaum auf krummem Stamm begrüßte uns, er erweckte den Eindruck, noch aus byzantinischen Zeiten zu stammen. In der Hitze der mittlerweile hoch stehenden Sonne breitete sich ein betäubender Geruch aus, der einem in der Kehle brannte. Von irgendwoher erscholl heiseres Möwenkreischen und aus den Nebengassen Kinderlachen. Ali bestaunte den Bau und schluckte.

»Was für ein schönes Haus! Sogar mit Garten! Archäologen scheinen gut zu verdienen.«

Zeynep lief ein paar Meter voraus, hatte schon fast die Haustür erreicht, als sie sich umdrehte, um dem Kollegen und Freund in die Parade zu fahren: »Oder der Mann hat bei seinen Ausgrabungen einen Schatz gefunden.«

»Vielleicht haben sie ihn deshalb umgebracht. Weil er seinen Kumpanen bei der Schatzgräberei ihren Anteil vorenthielt.«

Wie ernst Ali es meinte, war nicht genau herauszuhören.

»Dann kümmern wir uns mal um seine Archäologen-Kollegen«, gab Zeynep zurück. Doch ihr Lächeln verriet, dass sie nur Spaß machte. »Checken wir auch ihr Vermögen.«

»Ich weiß nicht, ob ein Schatz im Spiel ist, aber ich fürchte, wir werden genau das tun müssen, was du da sagst.«

Meine Worte wischten das Lächeln aus Zeyneps Miene, und Ali drehte den Kopf von den roten Geranien zu mir. Nun war Ernst angesagt.

»Gehen wir rein«, sagte ich, da klingelte mein Handy. Mein Herz schlug schneller, als ich Evgenias Namen auf dem Display las.

»Sekunde, Leute.« Ich entfernte mich ein paar Schritte.

Erst unter den weit herabhängenden Blütendolden der üppigen Judasbäume nahm ich das Gespräch an.

»Hallo Evgenia …«

»Hallo Nevzat …«

»Wie geht’s?«

»Gut, gut …«

Nein, es ging ihr nicht gut. Es konnte ihr nicht gut gehen, denn heute Abend würde sie zum ersten Mal zu mir kommen. Würde zum ersten Mal den Ort betreten, an dem ich lebte, dieselbe Luft atmen, die ich immer atmete, wäre dort zum ersten Mal mit meinen Gespenstern, meinem Kummer, meiner Trauer konfrontiert. Sie war nervös, denn ich hatte Jahre gebraucht, bevor ich sie zu mir einladen konnte. Ich dagegen war ganz ohne Einladung zu ihr gegangen, in ihr Haus, in ihre Taverne, unter ihre Freunde, sogar in ihre griechische Gemeinde. Doch was mich betraf, war die geduldige Evgenia stets auf ein Hemmnis gestoßen, auf eine emotionale Barriere, eine mit Trauer verputzte Mauer, eine aus Kummer gewebte Distanz. Sie hatte sich daran gewöhnt, hatte nie Andeutungen gemacht, geschweige denn es offen zur Sprache gebracht. Wohl deshalb war in ihrer Miene, als ich sie zu mir nach Hause eingeladen hatte, eher Skepsis als Freude zu sehen gewesen.

»Bist du sicher?«, hatte sie gefragt. »Nevzat, bist du dir da sicher?«

»Ganz sicher«, hatte ich geantwortet und leicht die Stirn gerunzelt. »Natürlich bin ich mir sicher. Würde ich dich sonst einladen?«

War ich mir wirklich sicher? Ich wusste es nicht genau, aber ich sollte mir sicher sein. Wie lange sollte das denn noch so weitergehen? Evgenia stand mir von allen Freunden am nächsten, ihr vertraute ich am meisten, sie war mir wichtiger als alle anderen, sie war die Frau, die ich liebte. Und Güzide und Aysun? Meine Frau und meine Tochter, die ich verloren hatte? Ihre Bilder, Spuren, Sachen, Gerüche und Stimmen, die noch immer zwischen den Wänden meines Hauses herumspukten? Richtig, ich lebte nach wie vor mit der Erinnerung an sie, doch Güzide und Aysun waren tot. So schwer es mir fiel, das zu akzeptieren und mich von ihnen zu lösen: Das war die Realität. Ob wir es Schicksal nannten, Fluch, Pech oder wie auch immer, jene entsetzliche Explosion hatte mir Frau und Tochter genommen. Aber das Leben ging weiter. Nolens volens begegnete man anderen Menschen, verliebte sich neu. Andere zu lieben, tat der Verbundenheit, die man für die Verstorbenen empfand, doch keinen Abbruch. Das zu bejahen, bedeutete allerdings, mir etwas vorzumachen, das wusste ich. Das Leben gab lebenden Wesen den Vorrang. Gestalten, Stimmen, Gerüche, Erinnerungen, Spuren der Verstorbenen verblassten allmählich. Das war traurig, aber es gab wohl keinen Ausweg. Der Mensch ist kein sonderlich treues Wesen. Es galt, die Verstorbenen nicht ganz zu vergessen, einen Teil ihrer Seelen in sich zu tragen, sich zu überzeugen, dass sie im eigenen Herzen weiterlebten. Überzeugen, sage ich, denn der Nachhall unserer Liebsten in unserer Seele, ihre Gesichter, an die wir uns mit der Zeit kaum noch werden erinnern können, die lebendigen Bilder des Lebens, auch erschütternde Erlebnisse verblassen nach und nach in unserem Gedächtnis. Das war die traurige Wahrheit, sosehr ich mir auch immer wieder das Gegenteil vorsagte. Und diese Wahrheit hatte mich bald am Kragen gepackt. Irgendwann hatte ich mich nicht länger gewehrt, war an eine Weggabelung gekommen und hatte mich abgefunden. An dieser Weggabelung stand Evgenia und wartete auf mich. Auch mit ihrer Hilfe war ich wieder aufgestanden, wo ich hingefallen war, hatte gelernt, wieder auf den Füßen zu stehen und mit meinem Kummer im Gepäck weiterzugehen. Wenn es so etwas wie normale Menschen gab, dann versuchte ich, einer von ihnen zu sein. Und um Evgenia zu zeigen, wie dankbar ich ihr war, hatte ich das getan, was ich schon vor Jahren hätte tun sollen: sie zu mir nach Hause einladen. Nach einigem Zögern hatte sie zugestimmt, war aber weiterhin nervös. Sie fürchtete, ich könnte jeden Augenblick meine Meinung ändern oder etwas tun, das sie verletzen würde. Deshalb klang die Stimme am anderen Ende der Leitung angespannt. Ich musste sie beruhigen.

»Was ist los?«, fragte ich und legte aufrichtigen Vorwurf in meine Stimme. »Oder willst du etwa sagen, dass du heute Abend nicht kommst?«

»Nein, Nevzat, wie könnte ich?« Die Nervosität fiel von ihr ab. »Äh, ich wollte nur, also, soll ich von den Meze-Vorspeisen, die du so gern magst …«

Ich spielte meine Rolle vorbildlich.

»Nein, Evgenia. Wir haben das doch besprochen, heute Abend rührst du nichts an, heute bin allein ich zuständig.«

»Na gut.« Sie war erleichtert, es war mir gelungen, sie zu überzeugen, allerdings bezweifelte ich, ob ich mich selbst hatte überzeugen können. Halb im Scherz fragte Evgenia weiter: »Was gibt es denn heute Abend?«

»Speisen, die du noch nie gesehen hast …« Ich plusterte mich weiter auf. »Sobald du die Meze gekostet hast, bittest du mich bestimmt, in deiner Taverne anzufangen.«

Sie lachte.

»Das sage ich schon, bevor ich deine Speisen probiert habe, liebster Nevzat. Hör endlich auf, dich mit Mördern und Verbrechern herumzuschlagen.« Ihre Stimme klang ernst, fast flehentlich. »Ich meine das ernst. Warum lässt du dich nicht pensionieren und fängst im Tatavla an?«

Sie wusste natürlich, dass ich ein solches Angebot niemals annehmen würde, dennoch wiederholte sie es zum x-ten Mal. Ich überging es.

»O nein, kommt nicht in Frage, mich so zu schanghaien. Ich bestehe auf Gewerkschaft und Versicherung. Vor allem aber will ich einen guten Lohn. Besser als das Gehalt, das der Staat mir zahlt.«

»Bin mit allem einverstanden«, stieg sie auf das Spiel ein. Möglicherweise war es für sie gar kein Spiel. Vielleicht meinte sie es ernst wie immer. Zuversichtlich fuhr sie fort: »Hauptsache, du bist bereit, an meiner Seite zu arbeiten.«

Ich wollte keine Gefühlsduselei und lachte, damit ihr klar war, dass ich ihre Worte als Spiel auffasste.

»Ich denk darüber nach, und du, schau dir erst mal die Fähigkeiten des Mannes an, dem du einen Posten geben willst. Ohne ihn zu kennen und getestet zu haben, stellt man doch keinen Koch ein!«

Evgenia lachte nicht, sie klang weiterhin sentimental.

»Wenn es um dich geht, reicht mir, was ich weiß.«

Ich hätte sagen sollen: Wenn es um dich geht, reicht auch mir, was ich weiß, liebste Evgenia. Aber ich schwieg. Ich war unfähig dazu, mit ein paar netten Worten gut Wetter zu machen. Mein Blick glitt zu Zeynep und Ali hinüber, die schon die Tür geöffnet hatten und auf mich warteten.

»Danke«, sagte ich nur zu Evgenia, »wie schön, so akzeptiert zu sein. Also dann, komm nicht zu spät heute Abend, okay?«

»Keine Sorge, um acht bin ich bei dir.«

Ich spürte nicht das kleinste Fitzelchen von Übelnehmen, ihre Stimme war mild wie der Frühlingshauch, der mir um die Stirn wehte, und selbstsicher wie die Mauern gleich hinter uns, die seit Tausenden von Jahren die Stadt schützten. Dennoch hatte ich einen bitteren Geschmack auf der Zunge, als ich das Telefon einsteckte und zur Haustür hinüberlief.

»WAS GLAUBEN SIE, HAUPTKOMMISSAR, EINE EHEMALIGE GELIEBTE?«

Im Gegensatz zum lichtdurchfluteten Vorgarten war es im Haus schummrig. Auf der Schwelle begrüßte uns nach Lavendel duftende Kühle. Das Mordopfer Necdet Denizel schien sich dafür entschieden zu haben, den Geruch von Schimmel, der sich in den ufernahen Häusern aufgrund der Feuchtigkeit bildete, mit Lavendel zu übertünchen. Wir liefen durch eine dunkle Diele auf eine Tür zu, durch deren Ritzen Tageslicht drang, da hörten wir die Stimme.

»Guten Tag … Ich bin König Byzas … Willkommen in meinem Palast …«

Eine seltsam schnarrende Stimme. Unwillkürlich griffen wir zu den Pistolen. Eigentlich müsste das Haus leer sein. Soweit wir wussten, hatte der Ermordete allein gelebt, seine nächsten Angehörigen wohnten in Ankara. An die finsteren Wände des schmalen Korridors gedrängt, schlichen wir lautlos auf die Tür zu. Sie war nur angelehnt. Kaum standen wir davor, erklang die Stimme erneut.

»Guten Tag … Ich bin König Byzas … Willkommen in meinem Palast …«

Wir warfen uns Blicke zu, ich bedeutete Ali, die Tür zu öffnen, und Zeynep, hinter uns zu bleiben und uns Deckung zu geben. Abrupt stieß Ali die Tür auf, ich richtete die Pistole im strahlend hellen Wohnzimmer in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Das Licht blendete mich, ich brüllte: »Keine Bewegung! Polizei!«

Wieder ertönte die Stimme und leierte ungerührt dieselben Worte herunter, kein bisschen eingeschüchtert.

»Guten Tag … Ich bin König Byzas … Willkommen in meinem Palast …«

Als meine Augen sich an das Licht gewöhnt hatten, musste ich lachen. An der Stelle, auf die ich meine Waffe gerichtet hatte, spulte, in einem riesigen Käfig hockend, ein Graupapagei mit rotem Schwanz, seinen Spruch ab:

»Guten Tag … Ich bin König Byzas … Willkommen in meinem Palast …«

Da brachen hinter mir auch Ali und Zeynep in Gelächter aus.

»Das also ist unser berühmter König!« Ali hatte sich schnell gefasst. »Jetzt erfahren wir, was vor Tausenden von Jahren geschah.«

Während er die Waffe wegsteckte, neckte Zeynep ihn: »Frag ihn auch nach dieser Sache mit Halbmond und Stern. Du wolltest doch wissen, was die Griechen mit diesem Symbol zu tun haben.«

»Mir fällt da was Besseres ein«, sagte Ali, trat auf den Käfig zu und verbeugte sich respektvoll wie vor einem echten Herrscher. »Mächtiger König, verratet bitte: Wer hat Necdet ermordet?«

König Byzas spazierte auf seiner Stange hin und her. Statt zu antworten, entschied er sich allerdings fürs Nachplappern.

»Wer hat Necdet ermordet? Wer hat Necdet ermordet?«

Zeynep kicherte, Ali aber tat etwas höchst Sinnvolles, er nahm die leere Schale vor dem Käfig und füllte sie aus dem daneben stehenden Futterpaket auf.

»Das wissen wir nicht, Exzellenz. Wir hatten gehofft, dazu etwas von Euch zu erfahren.«

Als Byzas sah, wie ein ihm unbekannter Mensch Futter in seine Schale füllte, schlug er aufgeregt mit den Flügeln.

»Von Euch zu erfahren … von Euch zu erfahren …«

Zeynep beobachtete den Plausch zwischen Ali und dem Vogel und murmelte vor sich hin. »Seinen Papagei Byzas zu nennen, kann auch nur einem Archäologen einfallen.«

»Allerdings«, setzte Ali seinen Scherz fort. »Uns behilflich zu sein, hat König Byzas leider gar nicht vor.«

Der Papagei verschlang das Futter und wiederholte, als er einmal Luft holte, vielleicht zum Dank, die letzten Worte: »Gar nicht vor.«

»Nun denn, Hauptkommissar.« Ali wandte sich an mich, als ihm klar wurde, dass von dem Vogel nichts zu erwarten war. »Ich fürchte, wir müssen unseren Job selbst erledigen.«

Gemeinsam machten wir uns daran, das lichtdurchflutete Wohnzimmer zu durchforsten. Braune Sessel, ein bequemes Sofa, ein großer Flachbildfernseher, daneben eine schwarze Musikanlage, links davon CDs, an der Wand gegenüber eine Reihe Schränke aus Massivholz. Mich faszinierten die Stiche an den Wänden. Sieben Stück. Zunächst betrachtete ich die neben der Tür. Auf dem ersten war eine Prozession vor dem Sultanspalast in Sarayburnu dargestellt. In vollem Ornat saß der Sultan auf seinem Thron, vor ihm reihten sich ehrerbietig in eigentümliche Gewänder gekleidete Staatsbeamte, Palastbedienstete und Janitscharen. Der nächste Stich zeigte Çemberlitaş. Vor der Konstantinssäule saßen, standen oder schlenderten die Stadtbewohner einher. An der Wand links, neben dem Fenster mit hellblauen Vorhängen, die Hagia Sophia, das prächtigste Gotteshaus nicht nur dieser Stadt, vielleicht der ganzen Welt, heute ein Museum, nachdem wir sie zunächst von einer Kirche in eine Moschee umgewidmet hatten. Ein Gotteshaus, das den Kindern zweier Religionen zum Gebet gedient hatte. Im Park drum herum Silhouetten von Menschen, ungewiss, welcher Nation, welchen Stammes, welcher Religion. Auf dem Stich gleich daneben ein weiteres glanzvolles Gebetshaus, das Symbol der Eroberung der Stadt, die Fatih-Moschee. Der Künstler hatte sie, wie auch die Hagia Sophia, von außen abgebildet. Im Hof Männer bei der rituellen Waschung, bei der Vorbereitung zum Gebet, meine Landsleute vor etlichen Jahrhunderten, die wer weiß worüber palaverten. Der Stich an der Wand gegenüber zeigte kein Gotteshaus, sondern die Residenz der Dynastie: das Topkapı-Serail. Der Künstler hatte den Palast mit Blick vom heutigen Dienstagsmarkt dargestellt. Mit seinen Türmen, Kuppeln und Kaminen wirkte der Topkapı-Palast wie eine auf einem Märchenmeer schwimmende fantastische Galeere. Auf dem Stich links daneben erhob sich das Meisterwerk von Baumeister Sinan, die Süleymaniye-Moschee. Die vier Minarette im Hof reckten sich ungeachtet all der Pracht der Moschee wie die Hände eines verzweifelten Menschen mit festem Glauben in den Himmel. Und bei der Tür zum Nebenraum hing noch ein einzelner Stich: Yedikule, das Sieben-Türme-Viertel. Vor dem Tor der gewaltigen Stadtmauern von Yedikule trug ein Mann in einer Kiepe auf dem Rücken Gemüse, das er im Garten geerntet hatte. Hinter ihm zwei Lausbuben. Vielleicht Kinder des Mannes oder Waisen im damaligen Istanbul.

»Necdet Denizel war als Gutachter tätig, Hauptkommissar.«

Ali stand vor dem Schrank unter dem Topkapı-Stich, in der Hand eine dicke Akte mit blauem Deckel.

»Hier sind Expertisen drin. Alle mit seiner Unterschrift.«

Ich nahm den Ordner entgegen. Tatsächlich, da hatten zahlreiche Kommissionen, denen das Mordopfer angehörte, ihre Unterschriften unter eine ganze Reihe Gutachten gesetzt.

»Offenbar ein gefragter Fachmann«, bestätigte ich, »sieh nur, auf wie vielen Expertisen sein Name steht.«

»Mit diesem Gutachten wurde der Bau eines Hotels gestoppt …«

Ich wollte gerade einen Blick auf die Papiere werfen, die er mir hinstreckte, da hielt Zeyneps Stimme mich ab.

»Hauptkommissar! Hauptkommissar!«

Sie rief aus dem Nebenzimmer. Wann hatte sie sich von uns entfernt?

»Könnt ihr mal rüberkommen?«

Ihre Stimme klang weder hektisch noch aufgeregt, aber wäre sie nicht auf etwas Wichtiges gestoßen, hätte sie uns nicht gerufen.

Sie stand im Bad und zeigte uns ein bräunliches Partikel Putz an der Spitze ihres kleinen Taschenmessers.

»Hier könnten sie das Opfer ermordet haben.« Ali und ich inspizierten noch das Bröckchen an der Messerspitze, da sprach sie schon weiter. »Die Fugen zwischen den Fliesen oben sind weiß verputzt oder beige, aber die weiter unten sind rötlich braun. Das Blut des Opfers könnte die Farbe des Putzes verändert haben.«

»Und wenn der Mann hier nur eine Hose mit Matschflecken ausgewaschen hat?«, hielt Ali dagegen. »Oder ein Hemd rot gefärbt? Oder, was weiß ich, wenn es einfach Dreck ist?«

Das klang logisch, doch Zeynep wies auf den Bodenwischer.

»Sie haben den Boden im Bad mit Flüssigreiniger geputzt. Es riecht überall nach Lavendel, ist dir das nicht aufgefallen?«

Ich inspizierte die Plastikflasche, tatsächlich: Lavendelduft. Vermutlich hat Zeynep recht, dachte ich, als unser Sturkopf Widerspruch einlegte.

»Das beweist noch gar nichts.«

O nein, jetzt gerieten sie aneinander. Glücklicherweise insistierte Zeynep nicht weiter.

»Das werden wir herausfinden, Ali, die Laboruntersuchung bringt Klarheit.«

Dass sie vernünftig sprach, bedeutete nichts, im Grunde war sie längst davon überzeugt, dass ihre These stimmte. Andererseits: Wäre es doch nur so, wie sie vermutete! Denn damit hätten wir herausgefunden, wo der Mord begangen worden war, eine wichtige Erkenntnis, um Spuren von den Mördern zu finden.

»Wann haben wir das Ergebnis, Zeynep?«

»Das dauert nicht lange, Hauptkommissar.«

»Schön, dann sammle du hier die Proben ein, und wir schauen uns drinnen weiter um.« Auf dem Weg zurück bemerkte ich, dass die Tür vom Zimmer gegenüber leicht geöffnet war. Das Licht aus dem Bad fiel durch den Türspalt auf ein Poster an der Wand. Ich ging darauf zu, Ali folgte mir. Als wir das Licht anschalteten, blickten Atatürks blaue Augen mich an. Seine Miene unter der schwarzen Fellmütze schien pikiert sagen zu wollen: Mit dem Tod des Archäologen habe ich nichts zu tun.

»Der Mann bewunderte Atatürk.« Ali war enttäuscht. »Dann ist es doch Quatsch zu denken, er sei Atatürk zum Opfer gebracht worden.«

Ich hatte das von Anfang an für wenig wahrscheinlich gehalten, kam nun aber nicht umhin, meinem Assistenten die Schwäche seiner Schlussfolgerung vorzuhalten.

»Warum denn Quatsch, Ali? Der Mann kann auch geopfert worden sein, gerade weil er Atatürk verehrte.«

Ali widersprach nicht, er schien sogar glücklich, weil ich damit zeigte, dass ich seine ursprüngliche Vermutung ernst genommen hatte, doch wie ich immer sagte: Es war falsch, vorschnell zu einem Ergebnis zu kommen. Ich sah mich im Raum um. Necdet schien hier gearbeitet zu haben. Ein Tisch mit einem Computer darauf, gegenüber an die Wand montierte Bücherborde. Ich ging um den Schreibtisch herum und zog eine Schublade auf. Ali inspizierte die Bücherregale. In der Schublade lagen Akten wie die, die wir im Wohnzimmer gefunden hatten. Schutzgebiete, historische Areale und ähnliche Themen. Ich zog die nächste Schublade auf, da fiel mir ein verkehrt herum verstauter Bilderrahmen ins Auge. Ich drehte ihn um. Auf dem Foto eine lächelnde Frau. Hellbraunes kurzes Haar, hohe Wangenknochen, die länglichen honigfarbenen Augen blickten herausfordernd in die Welt. Ihr Alter war schwer zu schätzen, sie konnte Mitte dreißig sein, vielleicht auch in den Vierzigern, auf jeden Fall war sie attraktiv. Und sie kam mir seltsamerweise bekannt vor.

»Eine hübsche Frau«, sagte Ali bewundernd. Er hatte im Bücherbord nichts von Nutzen aufgestöbert und stand jetzt neben mir, linste mir über die Schulter. »Was meinen Sie, Hauptkommissar, eine ehemalige Geliebte?«

»Keine Ahnung, wir werden es herausfinden.«

Ich öffnete den Rahmen und nahm das Foto heraus, auf der Rückseite standen kein Tag, Monat oder Jahr, aber das Papier war noch nicht vergilbt, also konnte die Aufnahme nicht besonders alt sein.

»Durchsuchen wir die Schubladen, vielleicht gibt es weitere Fotos.«

Allerdings. In der untersten Schublade fanden wir Dutzende, auf denen das Mordopfer mit der hübschen Frau zusammen abgelichtet war, und eines vertrieb letzte Zweifel über die Beziehung der beiden: ein bereits verblichenes Hochzeitsfoto. Necdet Denizel trug einen schwarzen Smoking, die Frau mit den honigbraunen Mandelaugen schwebte im weißen Brautkleid wie ein Schwan an seiner Seite. Da waren beide mindestens zehn Jahre jünger gewesen, sie wirkten glücklich und blickten frohgemut ins Objektiv.

»Auf dem Ausweis des Ermordeten stand, dass er geschieden war.« Mein Assistent rief uns ein wichtiges Detail ins Gedächtnis.

Doch offensichtlich hatte unser Opfer seine Exfrau nicht vergessen können. Als Ali keine Antwort von mir erhielt, wies er auf ein Dokument neben den Fotos: »Sehen Sie, das scheint die Heiratsurkunde zu sein.«

Er hatte recht. Ich schlug das Heft auf. Unter den Fotos von Mann und Frau standen die Namen, das Datum der Eheschließung, die Unterschrift des Standesbeamten und außerdem der Mädchenname der Braut.

»Leyla Barkın … Da klingelt doch etwas.«

Mein Assistent wiederholte den Namen, als helfe ihm das, sich zu erinnern.

»Leyla Barkın, ja, kommt mir auch bekannt vor. Ist sie Schriftstellerin?«

»Wer? Wer ist Schriftstellerin?«

Den Asservatenbeutel in der Hand, stand Zeynep auf der Schwelle und schaute zu uns herüber.

Ali zeigte ihr das Foto aus dem Rahmen.

»Diese Frau ist die Ex des Ermordeten. Und ihr Name lautet Leyla Barkın.«

Neugierig trat Zeynep hinzu, dann wandte sie sich an mich.

»Keine Schriftstellerin, Hauptkommissar, sie ist Direktorin. Sie leitet das Topkapı-Museum. Erinnert ihr euch nicht, wir haben sie vor zwei Jahren kennengelernt. Da ermittelten wir in diesem dubiosen Todesfall eines Museumswärters.«

»KÖNIG BYZAS GILT ALS GRÜNDER DIESER STADT.«

Es war schon nach Mittag, als wir in Sultanahmet ankamen, nachdem wir Zeynep beim Labor abgesetzt hatten, damit sie dort die Putzpartikel aus dem Bad des Mordopfers untersuchen konnte. Dienstags war das Topkapı-Museum geschlossen, es hatte reichlich Telefonate gekostet, Leyla Barkıns Adresse herauszufinden. Sie wohnte im Obergeschoss eines zweistöckigen Gebäudes in der Küçük-Ayasofya-Straße.

Früher wohnte meine Tante Şadiye im Viertel Küçük Ayasofya, in einem Holzbau. An Festtagen ging ich sie besuchen. Davon sind mir drei Dinge im Gedächtnis geblieben. Die Kuppel der sogenannten Kleinen-Hagia-Sophia-Moschee, auf die der Blick durch das Fenster fiel, der Vanillegeruch, der in der Couchgarnitur hing, und fantastischer Pudding. Ihr Mann, Onkel Münip, war ein großartiger Mensch. Sie liebten mich wie ihre eigene Tochter Süheyla. Das dickste Feiertagstaschengeld steckten sie mir zu. Mögen sie in Frieden ruhen, beide verstarben vor langer Zeit. Süheyla lebt mittlerweile in Kanada. Ihr Haus kaufte ein Unternehmer und machte ein schnuckeliges Hotel daraus.

Leyla Barkın wohnte in einem der schönen Istanbuler Holzhäuser, die nach und nach aus dem Stadtbild verschwinden. Auf den ersten Blick sah man, dass es, genau wie Necdet Denizels Haus, restauriert worden war. Im Erdgeschoss befand sich ein größeres Souvenirgeschäft. Über eine weiß gestrichene Eisentreppe, offensichtlich erst später angebaut, erreichten wir das Obergeschoss. Leyla Barkın entsprach dem Bild, das ich in Erinnerung hatte: eine vertrauenerweckende, doch kühle und distanzierte Frau. Als sie erfuhr, mit wem sie es zu tun hatte, fragte sie in offiziellem Ton:

»Bitte sehr, worum geht es?«

Ihre honigfarbenen Augen schienen sagen zu wollen: Warum stört ihr mich? Die Haare trug sie länger als auf dem Foto, die Spitzen reichten ihr auf die Schulter, aber sie war nach wie vor sehr hübsch. Die Anspannung machte sie umso attraktiver.

»Das wird wohl etwas länger dauern«, leitete ich ein. »Können wir nicht drinnen weiterreden?«

Unschlüssig musterte sie uns von Kopf bis Fuß, dann sagte sie: »Entschuldigen Sie, Sie hätten sich einen Termin geben lassen sollen.« Sie verzog die schmalen Brauen. »Ich bin eine vielbeschäftigte Frau. Es ist ein Wunder, dass Sie mich zu Hause antreffen. Ich muss jeden Tag im Museum sein.«

Sie hatte recht, doch bei Ermittlungen in einem Mordfall vereinbarte man mit Verdächtigen nie vorher einen Termin.

»Auch wir haben zu tun, Leyla Hanım.« Meine Stimme klang autoritär genug, um sie spüren zu lassen, wie ernst die Angelegenheit war. »Wir hatten nicht die Zeit, etwas zu verabreden.«

Jetzt würde sie ärgerlich werden, fürchtete ich, doch stattdessen tauchte in ihren Augen eine Vertrautheit auf.

»Woher kenne ich Sie?«

Ihr Gedächtnis war beachtlich.

»Vor zwei Jahren waren wir im Topkapı-Palast. Ein Wachmann war von einer Mauer gestürzt. Es bestand Verdacht auf ein Verbrechen. Später stellte sich heraus, dass es sich um einen Unfall handelte.«

Mit Bedauern schüttelte sie den Kopf.

»Şinasi … Der Arme hinterließ zwei Kinder. Eine tragische Sache.« Sie trat beiseite und wies mit einer Geste ins Haus. »Bitte kommen Sie herein, Nevzat Bey.« Fast lächelte sie. »Nevzat, nicht wahr? Hauptkommissar Nevzat.«

Schmolz hier bereits das Eis zwischen uns?

»Alle Achtung, Leyla Hanım, wirklich.« Wir gingen durch die Diele in ein geräumiges Wohnzimmer. »Ich hätte nicht gedacht, dass Sie sich erinnern.«

Mitten im von der Mittagssonne hell beleuchteten Wohnzimmer blieb sie stehen. Die Sonne verwandelte das Hellbraun ihrer Haare in die Farbe ihrer Honigaugen.

»Wenn Sie in einem riesigen Museumsbetrieb tätig sind, brauchen Sie ein gutes Gedächtnis. Da gibt es unendlich viele Marginalien, die Sie alle im Kopf behalten müssen. Nun gut …« Sie richtete ihren fragenden Blick auf das hübsche Gesicht meines Assistenten. »Und Sie?«

»Ali«, brachte unser Raubein unwirsch über die Lippen. »Kommissar Ali.«

Er reichte der Frau nicht einmal die Hand.

Leyla scherte sich wenig um seine Grobheit. »Hallo«, sagte sie nur und zeigte auf das hellbraune, zu beiden Seiten von Amphoren gerahmte Sofa. »Setzen Sie sich doch.«

Vom Sofa aus fiel unser Blick durch ein breites Fenster auf die dunkelgraue Kuppel einer Moschee. Sie sah, dass ich den Blick nicht abwenden konnte, und erläuterte leise:

»Die Kleine Hagia Sophia. Ein altes Gotteshaus. Sehr alt, über tausendfünfhundert Jahre.«

Begriffsstutzig wies Ali auf die in der Sonne funkelnde Kuppel.

»Ist das denn nun eine Moschee oder eine Kirche?«

»Sie wurde als Kirche erbaut. Als Sergios-Bakhos-Kirche, von Kaiser Justinian, zehn Jahre vor der Hagia Sophia. Zu ihrer Entstehung gibt es eine interessante Anekdote. Justinian wollte den vorherigen Kaiser Anastasius, den er für einen Gegner hielt, töten lassen. Doch eines Nachts träumte er von den beiden Heiligen Sergios und Bakhos. Die beteuerten, sein Verdacht sei unbegründet, er solle seine Anschlagspläne fallen lassen. Da erkannte Justinian seinen Irrtum und gab den geplanten Mord auf. Als Dank für ihre Warnung erbaute er den beiden Heiligen diese Kirche. In osmanischer Zeit wurde die Kirche in eine Moschee umgewandelt. Da ihr Aussehen an die Hagia Sophia erinnert, wurde ihr der Name Küçük-Ayasofya-Moschee verpasst: Kleine Hagia Sophia.«

Diese Informationen über die Moschee hatte ich als Kind von meinem seligen Onkel Münip gehört, ließ mir das aber nicht anmerken.

»Das ist eine schöne Geschichte. Es muss spannend sein, einem solchen Gotteshaus unmittelbar gegenüber zu wohnen.«

Ihr rundes Gesicht nahm einen spöttischen Ausdruck an.

»Der vorherige Muezzin hatte eine grässliche Stimme. Fünfmal am Tag massakrierte er den Gebetsruf und uns gleich mit. Glücklicherweise blieb er nicht lange. Nach ihm kam Şakir Efendi, und dessen Stimme klingt himmlisch. Eine Stimme, die diesem tausendfünfhundertjährigen Gebetshaus angemessen ist.«

Nach wie vor stand sie. Als von uns kein Kommentar kam, dachte sie wohl, sie habe ihre Worte ins Leere geredet, und wurde ernst.

»Also, womit kann ich Ihnen behilflich sein?«

»Warum setzen Sie sich nicht?«, fragte ich höflich. »Es wäre besser, wenn Sie sitzen.«

»Wieso? Was ist denn geschehen?«

»Necdet Denizel … Ihr Exmann …«

Sie kniff die Augen zusammen und wirkte sichtlich genervt.

»Ja? Was ist mit Necdet?«

Mein Assistent stellte eine Gegenfrage.

»Haben Sie noch Kontakt zu ihm?«

»Natürlich, er ist ein Freund. Was ist mit Necdet?«

Ali verweigerte ihr die Antwort und ließ auch mich nicht zum Zuge kommen.

»Wann haben Sie ihn zum letzten Mal gesehen?«

Röte flammte über Leylas Gesicht, vor Nervosität zitterte ihr Kinn.

»Warum fragen Sie das? Ist Necdet etwas zugestoßen?«

Menschen beizubringen, dass ein Angehöriger gestorben war, gehörte zu den unangenehmsten Aufgaben schlechthin, aber würde ich die Sache meinem Assistenten überlassen, machte ich alles nur noch schlimmer.

»Er wurde tot aufgefunden …«, murmelte ich.

Sie hatte meine Worte gehört, aber nicht verstanden.

»Was?«

»Ja, leider wurde Necdet Bey heute Morgen tot aufgefunden.«

Der Zorn wich aus ihrer Miene, ihre Schultern sackten ein, sie ließ sich in den Sessel fallen.

»Sind Sie sicher?« Ihre Augen starrten mich an, sie rang um Verstehen. »Kann es nicht sein, dass Sie sich täuschen?«

Ihr Bedauern wirkte echt. Hatte vielleicht auch sie Necdet nicht vergessen können? Während mir das durch den Kopf ging, zeigte sich mein Assistent unbeeindruckt und brachte kaltschnäuzig wie immer das Geschehen auf den Punkt.

»Irrtum ausgeschlossen, meine Dame. Ihr Exmann wurde heute Morgen in Sarayburnu tot aufgefunden.«

Leylas Bedauern wich Überraschung.

»In Sarayburnu?«

»Genau.« Auch Ali beobachtete die Frau aufmerksam und versuchte, ihre Reaktionen einzuschätzen. »Wenige hundert Meter von Ihrem Arbeitsplatz, also vom Topkapı-Museum, entfernt.«

Leyla saß eine Weile schweigend da. Gleich weint sie, dachte ich, doch sie fasste sich schneller als erwartet.

»Und wie? Also, wie ist es passiert?«

»Er wurde umgebracht. Jemand hat ihm die Kehle aufgeschlitzt«, erklärte mein Assistent brutal.

Leyla verzog nur kurz das Gesicht. Dann strich sie sich mit der Hand das Haar zurück, das ihr rechts übers Auge gefallen war.

»Wer?« Ihre Stimme klang mindestens so kaltblütig wie Alis. »Wer hat das getan?«

»Das wissen wir nicht. Wir hofften, darüber mehr von Ihnen zu erfahren.«

»Von mir?« Behutsam lehnte sie sich zurück, schmiegte ihren Rücken in den Sessel, als wäre sie in einem sicheren Hafen gelandet. »Warum sollte ich denn etwas darüber wissen?«

Als sie sich zurücklehnte, beugte ich mich vor.

»Hören Sie, Leyla Hanım, es sieht nicht nach einem gewöhnlichen Verbrechen aus. Wir haben es mit professionellen Mördern zu tun. Wenn Sie uns sagen, was Sie über Necdet Denizel wissen, helfen Sie uns.«

Sie veränderte gequält die Sitzhaltung, als hätte ich eine kaum zu erfüllende Bitte an sie gerichtet.

»Natürlich will ich helfen, aber wir haben uns vor fünf Jahren scheiden lassen …«

»Sie sagten aber, Sie hätten noch Kontakt.«

»Richtig …« Sie hielt inne, als falle ihr etwas Wichtiges ein. Offenbar wollte sie es uns dann aber doch nicht mitteilen, denn rasch wandte sie den Blick ab. »Wir sahen uns, aber womit er beschäftigt war, mit wem er zusammenarbeitete, das weiß ich nicht.«

»Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?« Ali wiederholte seine Eingangsfrage. »Offenbar hat er die emotionale Verbindung zu Ihnen nie abgebrochen. Wir fanden Fotos in seinen Schubladen.«

Jetzt wurde ihr Ausdruck unleidlich.

»Es ist Necdets Sache, ob er das emotionale Band zerschnitten hat oder nicht. Dass er Fotos von mir hat, ist doch normal. Ich habe auch welche von ihm.«

»Sie hatten also das emotionale Band zerschnitten …«

Sie nickte entschlossen.

»Ja, das war vorbei. Necdet war nur noch ein alter Freund für mich.«

»Nun gut«, Ali kratzte sich am Kinn. »Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet.«

Leyla blitzte ihn schräg an.

»Welche Frage?«

»Na, wann Sie Necdet zuletzt gesehen haben. Alle naslang frag ich das, aber Sie reden ständig drum herum.«

»Verzeihung, ich bin ein bisschen durcheinander. Ich habe Necdet zuletzt Sonntagnacht gesehen.«

»Wo?«

»Im Restaurant des Korbmacher-Palais.«

»Im Korbmacher-Palais?« Ali und ich platzten einstimmig heraus. Unsere Reaktion entging Leyla nicht, ich ließ sie aber nicht zu Wort kommen. »Wir sprechen vom Korbmacher-Palais, dem Sepetçiler Kasrı in Sarayburnu?«

»Ja, das Schlösschen. Der Palast, den Murad III. bei dem Architekten Davut Ağa in Auftrag gab und der unter Mahmud I. renoviert wurde.« Voller Überdruss wie eine Lehrerin, die desinteressierten Schülern etwas beizubringen versucht, fuhr sie fort: »Das historische Gebäude rechts an der Straße, die von Sarayburnu nach Sirkeci führt.«

Mich kümmerte nicht, dass Leyla uns wie dumme Jungs behandelte.

»Das heißt also« – ich starrte der Frau in die Augen –, »Sie waren hundert Meter neben der Stelle, an der Necdets Leichnam gefunden wurde, mit ihm essen?«

Jetzt zeichnete sich doch etwas wie Panik in ihren Zügen ab.

»Da hat man die Lei… den Leichnam gefunden?« Gleich ging sie hektisch zur Verteidigung über. »Necdet hatte das Korbmacher-Palais ausgesucht. Hätte er mich gefragt, wären wir vielleicht woanders hingegangen. Es war ohnehin ein Fehler, mit ihm essen zu gehen. Wir haben uns gestritten.«

Schlaufuchs Ali glaubte, hier eine Blöße entdeckt zu haben.

»Streit? Warum denn?«

Leyla reagierte scharf.

»Hören Sie, ich habe Necdet nicht umgebracht. Richtig, ich war sauer auf ihn, aber ich bringe niemanden um. Denn ich glaube nicht daran, dass Probleme gelöst werden können, indem man Leute umbringt.«

Wir hatten so viele Mörder gesehen, die Menschen umgebracht hatten, als murksten sie Hühner ab, trotz ihrer Überzeugung, Mord sei keine Lösung, deshalb beeindruckten ihre Worte weder meinen Assistenten noch mich. Es machte allerdings auch wenig Sinn, die Spannung auf die Spitze zu treiben und die Frau zu verärgern. Ich warf Ali einen Höflichkeit anmahnenden Blick zu und versuchte, die Situation zu retten. »Das haben Sie falsch verstanden. Wir verdächtigen Sie doch nicht des Mordes. Wir wollen bloß etwas über Necdet erfahren. Denn um ein Täterprofil zu erstellen, müssen wir zunächst das Opfer kennen.«

Leylas Zorn ebbte ab.

»Sie tun Ihren Job«, sagte sie, um Contenance bemüht. »Aber Sie müssen mich bitte verstehen. Ich erhielt gerade eben die Nachricht vom Tod des Mannes, mit dem ich jahrelang zusammengelebt habe.«

Ali zog es vor zu schweigen, da er unfähig war, die Rolle des verständnisvollen Polizisten auch nur zu spielen. Und ich trieb es mit der Höflichkeit noch ein wenig voran.

»Wenn Sie möchten, kommen wir später wieder. Sammeln Sie sich erst einmal.«

Der Bluff zog, Leyla war auf der Stelle handzahm.

»Ach nein«, sagte sie verständnisvoll. »Ich will Sie nicht veranlassen, sich noch einmal herzubemühen. Es geht schon, wir können reden. Was hatten Sie gleich gefragt?«

»Sie erzählten von dem Abend, an dem Sie Necdet trafen.«

Sie wirkte plötzlich geknickt, als erinnerte sie sich an etwas Trauriges.

»Stimmt, jener Abend … Es war der 31. Mai, unser Hochzeitstag.«

Noch eine Merkwürdigkeit. Sie hatten den Hochzeitstag ihrer gescheiterten Ehe gefeiert. Als sie meinen Gesichtsausdruck sah, schob sie eine Erklärung nach.

»Sie halten es für Unfug, nicht wahr? Ich auch. Wir haben nicht gefeiert. Necdet hatte darauf bestanden, sonst hätte ich seine Einladung gar nicht angenommen. ›Eine wirklich wichtige Sache‹, sagte er. ›Bitte weis mich nicht ab.‹ Da willigte ich um einiger noch unbefleckter Erinnerungen willen ein. Ich fragte gar nicht, wohin wir gehen würden. Necdet holte mich am Museum ab.«

»Arbeiten Sie auch an Sonntagen?«

Ein unbekümmertes Lächeln erhellte Leylas Miene.

»Dass ich heute zu Hause bin, ist, wie gesagt, reiner Zufall. Hätte ich heute Abend nicht Gäste von der Universität, wäre ich jetzt im Museum. Für uns gibt es keine Pausen, wir arbeiten immer. Alle Tage, Nächte, Wochenenden. Und trotzdem reicht die Zeit nicht. Für Menschen, die sich diesem Palast verschrieben haben, ist Urlaub ein Traum. Wie auch immer, Necdet holte mich am Sultanstor ab. Er fuhr mit seinem roten Sportwagen vor. ›Wenn du rasen willst, steig ich gar nicht erst ein‹, warnte ich ihn. Er war ein Raser, man wusste nie, was er vorhatte. ›Keine Sorge, es ist nicht weit‹, beruhigte er mich, und ich stieg ein. Es stimmte, er fuhr quer durch den Gülhane-Park zum Korbmacher-Palais hinunter. Da erst wurde mir klar, wo wir essen würden. Er hatte diese Wahl getroffen, um die passende Atmosphäre für sein Angebot zu schaffen.«

»Machte er Ihnen etwa einen neuerlichen Heiratsantrag?«, scherzte ich.

Leyla errötete.

»So etwas in der Art. Er wollte die Beziehung wieder aufnehmen. Damit ich Ja sagte, hatte er, genau wie bei seinem ersten Heiratsantrag, einen historischen Ort gewählt. Den ersten hatte ich damals angenommen, und er glaubte, auch dem zweiten würde ich zustimmen.«

»Was Sie aber nicht taten.«

»Natürlich nicht.«

»Warum nicht?«

Leylas Augen drückten Befremden über meine Frage aus.

»Also, falls nichts dagegen spricht, würden Sie das bitte erklären?«, musste ich sagen. »Wenn es Ihnen nichts ausmacht.«

»Mir macht mittlerweile gar nichts mehr etwas aus.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich lehnte sein Angebot ab, weil Necdet nicht mehr der Mann war, den ich damals geheiratet hatte.«

»Was war er denn damals für einer?«

»Ein Idealist, bereit, sich aufzuopfern. Jemand, der gewillt war, sein Leben für die Wissenschaft zu geben.«

»Sie meinen also, Necdet hatte sich verändert.«

»Und wie! Aus dem Archäologen, der unter sengender Sonne, über und über mit Staub bedeckt, nach Spuren der Vergangenheit suchte, ohne die geringste Gegenleistung zu erwarten, war ein Geschäftsmann geworden. Einer, dem es nur darum ging, alles, woran er dachte, was er berührte, womit er sich beschäftigte, zu Geld zu machen. Früher war Geschichte der Zweck seines Lebens gewesen, jetzt war sie nur noch ein Instrument für ihn, das ihn reich machen sollte. Mit so einem Menschen kann ich nicht zusammenleben. Hätten wir wieder etwas angefangen, wäre mein Leben zur Hölle geworden.«

Das klang aufrichtig. Keine Spur mehr von der unterkühlten Atmosphäre zu Anfang. Sie schien nun nicht länger gezwungenermaßen irgendwelchen Polizisten zu sagen, was sie wusste, sondern Freunden ihr Herz auszuschütten.

»Allerdings«, wandte ich behutsam ein, um sie nicht aus ihrer Stimmung aufzustören, »hat Necdet Ihr Nein nicht akzeptiert.«

»Aber er zeigte Verständnis. Das heißt, so schien es zunächst. Necdet war kaltblütig und hervorragend darin, seine Gefühle zu verbergen. Außerdem hatte er Geduld. Da konnten Sie noch so entschlossen sein, noch so deutliche Worte sprechen, er ließ nicht locker, bis er hatte, was er wollte.«

Sie sprach von Necdet in der Vergangenheit. Es war ungewöhnlich, dass jemand sich derart schnell auf die neue Situation einstellte, wenn er vom Tod eines Nahestehenden erfuhr.

»Den Streit haben also Sie angefangen?« Ali nutzte seine Chance, als er mich zögern sah. »Da Necdet ja jemand war, der ruhig bleiben konnte …«