Die Flußpiraten des Mississippi - Friedrich Gerstäcker - ebook

Die Flußpiraten des Mississippi ebook

Friedrich Gerstäcker

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Opis

Erzählt wird die Geschichte einer Bande von Piraten, die auf einer Insel auf dem Mississippi River in der Nähe der Kleinstadt Helena ihren geheimen Stützpunkt errichtet hat. Von ihrem Versteck aus lauern sie vorbeifahrenden Raddampfern und Flößen auf. Sie überfallen sie, rauben Passagiere und die Mannschaft aus und ermorden danach ihre Opfer. Anführer der Piraten ist der charismatische Kapitän Kelly, der auf der Insel zusammen mit seiner Frau Georgine lebt. Kelly führt ein Doppelleben: Nachts ist er Pirat, tagsüber ist er der von den Bürgern Helenas allseits geachtete Friedensrichter Dayton. In Helena lebt auch die geschwätzige Witwe Breidelford, die in ihrem Haus das Diebesgut der Piraten aufbewahrt und flüchtigen Verbrechern Unterschlupf gewährt. Andere Bandenmitglieder führen in anderen Orten am Ufer des Mississippi ebenfalls ein Doppelleben als Richter oder Staatsanwalt, so dass die Bande lange ungestört ihr Unwesen treiben kann. (aus wikipedia.de)

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Die Flußpiraten des Mississippi

Aus dem Waldleben Amerikas

Friedrich Gerstäcker

Inhalt:

Friedrich Gerstäcker – Biografie und Bibliografie

Die Flußpiraten des Mississippi

Vorwort.

1. Der alte Farmer.

2. Der Kampf. – Smart und Dayton.

3. Das Union-Hotel und seine Gäste.

4. Squire Dayton's Wohnung.

5. Die nächtliche Fahrt. – Die Insel.

6. Die Insulaner.

7. Georgine.

8. Der Ritt der beiden Botschafter.

9. Alte Bekannte treffen sich.

10. Lively's Farm.

11. Cotton und Dan.

12. Der Mulatte.

13. Die Verfolgung.

14. Bolivar – Marie's Flucht.

15. Das Wiedersehen.

16. Sander's Pläne. – Der alte Lively.

17. Doctor Monrove und Sander.

18. Die Abfahrt. – Mrs. Breidelford's Einspruch. – Die Begegnung.

19. Der Van Buren. – Mr. Smart fügt sich dem Willen seiner Frau.

20. Der Ire theilt Jonathan Smart seinen Verdacht mit. – Tom Barnwell's Zeugniß.

21. Tom Barnwell findet eine Freundin Marie's. – Seine Unterredung mit dem Squire.

22. »Zum grauen Bären.«

23. Die unerwartete Verhaftung.

23. Die Schildkröte nähert sich der gefährlichen Insel. – Blackfoot's Plan.

25. Das Flatboot legt bei. – Der Piraten List.

26. Die Entscheidung. – Das Zeichen und der Erfolg.

27. Georginens Verdacht. – Kelly rettet seinen Neger.

28. Patrick O'Toole's Abenteuer.

29. Der blinde Passagier. – Der Black Hawk.

30. Mrs. Breidelford und ihre Gäste.

31. Cook kommt nach Helena.

32. Die Aufforderung. – Der entdeckte Mord.

33. Squire Dayton beschließt, mit seinem Weibe aus Helena zu fliehen.

34. Adele warnt James Lively.

35. Die Flucht der Männer des »Grauen Bären«. – Smart erzürnt.

36. Die Piraten zum Aeußersten getrieben. – Der Van Buren vom Black Hawck verfolgt.

37. Schluß.

Die Flußpiraten des Mississippi, F. Gerstäcker

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849615406

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Friedrich Gerstäcker – Biografie und Bibliografie

Roman- und Reiseschriftsteller, geb. 10. Mai 1816 in Hamburg, gest. 31. Mai 1872 in Braunschweig, Sohn eines seinerzeit beliebten Opernsängers, kam nach dessen frühzeitigem Tode (1825) zu Verwandten nach Braunschweig, besuchte später die Nikolaischule in Leipzig, widmete sich dann auf Döben bei Grimma der Landwirtschaft und wanderte 1837 nach Nordamerika aus, wo er mit Büchse und Jagdtasche das ganze Gebiet der Union durchstreifte. 1843 nach Deutschland zurückgekehrt, widmete er sich mit Erfolg literarischen Arbeiten. Er gab zunächst sein Tagebuch: »Streif- und Jagdzüge durch die Vereinigten Staaten von Nordamerika« (Dresd. 1844, 2 Bde.; 5. Aufl., Jena 1891) heraus, schrieb kleine Sagen und Abenteuer aus Amerika nieder und wagte sich endlich an ein größeres Werk: »Die Regulatoren in Arkansas« (Leipz. 1845, 3 Bde.; 10. Aufl., Jena 1897), worauf in rascher Reihenfolge »Der deutschen Auswanderer Fahrten und Schicksale« (Leipz. 1847; 3. Aufl., Jena 1899), »Mississippibilder« (Leipz. 1847–48, 3 Bde.), »Reisen um die Welt« (das. 1847–48, 6 Bde.; 3. Aufl. 1870), »Die Flußpiraten des Mississippi« (das. 1848, 3 Bde.; 10. Aufl. 1890) und »Amerikanische Wald- und Strombilder« (das. 1849, 2 Bde.) neben verschiedenen Übersetzungen aus dem Englischen erschienen. 1849–52 führte G. eine Reise um die Welt, 1860–61 eine neue große Reise nach Südamerika aus; 1862 begleitete er den Herzog Ernst von Koburg-Gotha nach Ägypten und Abessinien. 1867 trat er eine neue Reise nach Nordamerika, Mexiko und Venezuela an, von der er im Juni 1868 zurückkehrte. Seine letzten Jahre verlebte er in Braunschweig. Seine spätern Reisen beschrieb er in den Werken: »Reisen« (Stuttg. 1853–1854, 5 Bde.); »Achtzehn Monate in Südamerika« (Jena 1862, 3. Aufl. 1895) und »Neue Reisen« (Leipz. 1868, 3 Bde.; 4. Aufl.). Gerstäckers Reisen galten nicht wissenschaftlichen oder sonstigen allgemeinen Zwecken, sondern der Befriedigung eines persönlichen Dranges ins Weite; seine Schilderungen sind daher vorwiegend um ihrer frischen Beobachtung willen schätzbar. Ebenso verfolgte der fruchtbare Autor bei seinen zahlreichen Romanen und Erzählungen schlechthin Unterhaltungszwecke. Wir nennen davon: »Der Wahnsinnige« (Berl. 1853); »Wie ist es denn nun eigentlich in Amerika?« (2. Aufl., Leipz. 1853); »Tahiti«, Roman aus der Südsee (5. Aufl., das. 1877); »Nach Amerika« (das. 1855, 6 Bde.); »Kalifornische Skizzen« (das. 1856); »Unter dem Äquator«, javanisches Sittenbild (7. Aufl., Jena 1902); »Gold« (4 Aufl., Leipz. 1878); »Inselwelt« (3. Aufl., das. 1878); »Die beiden Sträflinge« (5. Aufl., das. 1881); »Unter den Penchuenchen« (das. 1867, 3 Bde.; 4. Aufl. 1890); »Die Blauen und Gelben«, venezuelisches Charakterbild (das. 1870, 3 Bde.); »Der Floatbootsmann« (2. Aufl., Schwerin 1870); »In Mexiko« (Jena 1871, 4 Bde.) etc. Seine kleinern Erzählungen und Skizzen wurden unter den verschiedensten Titeln gesammelt: »Aus zwei Weltteilen« (Leipz. 1851, 2 Bde.; 6. Aufl. 1890); »Hell und Dunkel« (das. 1859, 2 Bde.; 6. Aufl. 1890); »Heimliche und unheimliche Geschichten« (das. 1862, 3. Aufl. 1884); »Unter Palmen und Buchen« (das. 1865–67, 3 Bde.; 3. Aufl. 1896); »Wilde Welt« (das. 1865–67, 3 Bde.); »Kreuz und Quer« (das. 1869, 3 Bde.); »Kleine Erzählungen und nachgelassene Schriften« (Jena 1879, 3 Bde.); »Humoristische Erzählungen« (Berl. 1898) u. a. Unter seinen Jugendschriften verdienen »Die Welt im Kleinen für die kleine Welt« (Leipz. 1857–61, 7 Bde.; 4. Aufl. 1893), unter seinen Humoresken besonders »Herrn Mahlhubers Reiseabenteuer« (das. 1857, 11. Aufl. 1896) Auszeichnung. Gerstäckers »Gesammelte Schriften« erschienen in 44 Bänden (Jena 1872–79), eine Auswahl in 24 Bänden, hrsg. von Dietrich Theden (das. 1889–90); »Ausgewählte Erzählungen und Humoresken«, hrsg. von Holm in 8 Bänden (Leipz. 1903).

Die Flußpiraten des Mississippi

Vorwort.

Schon in früheren Zeiten, als die westlichen Staaten noch als Territorium der Union galten, Dampfboote die Wasser jener mächtigen Ströme noch nicht aufwühlten, und nur unbehülfliche Kiel- und Flatboote – oft auch sehr passend Archen genannt – die Handelsverbindung im Innern unterhielten, hatte sich auf einer der zahlreichen Inseln dieses Stromes, Stack oder Crowsnest Island – oder Nr. Vierundneunzig, wie sie jetzt genannt wird, eine völlige Raubbande organisirt, die nicht allein, was in ihren Bereich kam, mordete und plünderte, sondern auch in ihrem Versteck eine Falschmünzerei unterhielt, von wo sie mit ihren Banknoten das ganze westliche Land überschwemmte. Die Gesetze waren nicht hinreichend, die Bewohner der Union zu schützen, und die Backwoodsmen mußten sich deshalb selbst dagegen bewahren.

In einem Lande, wo sich der vierte Theil der Bevölkerung stets auf Reisen befindet, ist es aber sehr schwer, ja fast unmöglich, selbst einen Mord zu entdecken, da man, wenn nicht der Zufall dabei thätig ist, selten weitere Beweise hat, als daß der Mann eben fehlt. Die Seinigen beweinen ihn nicht einmal, denn daß er todt sein könne, ist ihr letzter Gedanke. Sie vermuthen ihn auf irgend einer Speculation nach Texas oder anderen neuen Staaten begriffen, und hoffen, ihn mit der Zeit zurückkehren zu sehen.

Jedes Verbrechen hat aber sein Ziel; die Mordbuben wurden durch die ungestrafte Ausübung ihrer Schandthaten nach und nach dreister, ihre Verbindung breitete sich immer mehr aus, und ihre Entdeckung mußte endlich die Folge davon sein. In Arkansas und Texas hatten sich indessen Regulatorenbündnisse gegründet, und so überfielen auch hier die nächsten Nachbarn jene Verbrechercolonie, die Insel, und übten so fürchterliche Gerechtigkeit an den Schuldigen, daß sie Alle, die sie nicht selber ergriffen und vernichteten, weit hinausjagten in ferne Theile Amerikas, um nur ihrem strafenden Arm zu entgehen. Ein Theil der sogenannten »Morrel'schen Bande« stand mit diesen Flußpiraten in Verbindung; Morrel selber wurde gefangen und, wenn ich nicht irre, im Zuchthaus aufgehoben; das aber, was den Backwoodsmen unter die Hände fiel, kam in kein Gefängniß – es war ein blutiger Tag, der jenen Räubereien ein Ende machte.

Den Schauplatz meiner Erzählung, in welcher ich das Räuberunwesen wahr nach dem Leben zu schildern suche, habe ich nach Helena und in dessen nächste Umgebung verlegt; die wirkliche Insel befand sich aber etwas weiter unten als Einundsechzig.

1. Der alte Farmer.

Dort, wo der Wabasch die beiden Bruderstaaten Illinois und Indiana von einander scheidet und seine klaren Fluthen dem Ohio zuführt, wo er sich bald zwischen steilen Felsufern, bald zwischen blühenden Matten und blumigen Prairien, oder auch unter dem ernsten Schatten und feierlichen Schweigen des dunkeln Urwalds hin, murmelnd und plätschernd durch tausend stille Buchten drängt, mit dem Schilf und mit einzelnen schwankenden Weidenbüschen spielt und tändelt, hier bald leise und behaglich über runde Kiesel und grüne Rasenstecken dahingeleitet, bald wieder plötzlich wie im tollen Muthwillen herausschießt in die Mitte des Bettes und da, von der Gegenströmung erfaßt, kleine blitzende Wellen schlägt und glitzert und funkelt – da lagen im Frühling des Jahres 184–, die Büchsen neben sich in das schwellende Gras geworfen, zwei Männer auf einer dichtbewaldeten Anhöhe. Im Süden stemmte sich dieselbe dem Lauf des Stromes entgegen und zwang ihn, brausend und scheinbar unwillig über die trotzige Hemmung, wieder seitab zu fluthen; mußte er doch den starren Gesellen umgehen, der weder durch das leise, schmeichelnde Plätschern der Wellen, noch durch den mächtigen Andrang der zornig aufgeschwellten Wasser hatte bewogen werden können, auch nur einen Zoll breit seines behaupteten Grundgebiets preiszugeben.

Der Eine der Männer war noch jung und kräftig, kaum älter als drei- oder vierundzwanzig Jahre, und seine Tracht verrieth eher den Bootsmann als den Jäger. Der kleine runde und niedere Wachstuchhut, mit dem breiten flatternden Band darum, saß ihm keck und leicht auf den krausen blonden Haaren. Die blaue Matrosenjacke umschloß ein Paar Schultern, deren sich ein Hercules nicht hätte zu schämen brauchen, und das rothwollene Hemd wurde von einem schwarzen seidenen Halstuch, die weißen segeltuchnen Beinkleider von einem schmalen festgeschnallten Gürtel zusammengehalten. Dieser trug zu gleicher Zeit noch die lederne Scheide mit dem einfachen Schiffsmesser und vollendete den seemännischen Anzug des Fremden.

Daß er aber auch in den Wäldern heimisch, bewiesen die sauber gearbeiteten Moccasins, mit denen seine Füße bekleidet waren, sowie die von seiner Hand erlegte Beute, ein stattlicher junger Bär, der vor ihm ausgestreckt auf dem blutgefärbten Rasen lag. Ein großer, schwarz und grau gestreifter Schweißhund aber saß daneben und hielt die klugen Augen noch immer fest auf das glücklich erjagte Wild geheftet. Die heraushängende Zunge, das schnelle heftige Athmen des Thieres, ja sogar ein nicht unbedeutender Fleischriß an der linken Schulter, von dem die klaren Blutstropfen noch langsam niederfielen, bewiesen übrigens, wie schwer ihm die Jagd geworden und wie theuer er den Sieg über den stärkeren Feind erkauft habe.

Der zweite Jäger, ein Greis von einigen sechzig Jahren, wurde allerdings an Körperkraft und Stärke von seinem jüngeren Begleiter übertroffen, trotzdem sah man aber keiner seiner Bewegungen das vorgerückte Alter an. Seine Augen glühten noch in fast jugendlichem Feuer, und seine Wangen färbte das glühende Roth der Gesundheit. Nach Sitte der Hinterwäldler war er in ein einfach baumwollenes Jagdhemd, mit eben solchen Franzen besetzt, lederne Leggins und grobe Schuhe gekleidet. In seinem Gürtel stak aber statt des schmalen Matrosenmessers, das sein Gefährte trug, eine breite, schwere Klinge, ein sogenanntes Bowiemesser, und die wollene, fest zusammengerollte Decke hing ihm, mit einem breiten Streifen Bast befestigt, über der Schulter.

Beide hatten sich augenscheinlich hier, wo sie ihr Wild erlegt, nach der gehabten Anstrengung für kurze Rast in's Gras geworfen, und der Alte, während er sich auf den rechten Ellbogen stützte und der eben hinter den Bäumen versinkenden Sonne nachsah, brach jetzt zuerst das Schweigen.

»Tom,« sagte er, »wir dürfen hier nicht lange liegen bleiben. Die Sonne geht unter, und wer weiß, wie weit wir noch zum Flusse haben.«

»Laßt Euch das nicht kümmern, Edgeworth,« antwortete der Jüngere, während er sich dehnend streckte und zu dem blauen, durch die schattigen Zweige auf sie niederlächelnden Himmel emporblickte – »da drüben, wo Ihr die lichten Stellen erkennen könnt, fließt der Wabasch – keine tausend Schritt von hier, und das Flatboot kann heut Abend mit dem besten Willen von der Welt noch nicht hier vorbeikommen. Sobald es dunkel wird, müssen sie beilegen, denn den Snags und Baumstämmen, mit denen der ganze Fluß gespickt ist, wiche Gott Vater selbst nicht im Dunkeln aus, und wenn er sich mit seinen ganzen himmlischen Heerschaaren an's Steuer stellte. Ueberdies hatten sie von da, wo wir sie verließen, einen Weg von wenigstens fünfzehn Meilen zu machen, während wir die Biegung des Flusses hier kurz abschnitten.«

»Ihr scheint mit dieser Gegend sehr vertraut?« sagte der Alte.

»Sollte denken,« erwiderte Jener sinnend, »habe hier zwei Jahre gejagt und weiß jeden Baum und Bach. Es war damals, ehe ich Dickson kennen lernte, mit dessen Schooner ich später nach Brasilien ging. Der arme Teufel hätte auch nicht gedacht, daß er dort solch ein schmähliches Ende nehmen sollte.«

»Das habt Ihr mir noch nicht erzählt.«

»Heut Abend thu ich's vielleicht. – Jetzt, denk' ich, schlagen wir ein Lager auf und gehen dann mit Tagesanbruch zum Fluß hinunter, wo wir warten können, bis unser Boot kommt.«

»Wie schaffen wir aber das Wild hinab? Wenn's auch nicht weit ist, werden wir doch tüchtig dran zu schleppen haben.«

»Ei, das lassen wir hier,« rief der Jüngere, während er aufsprang und seinen Gürtel fester schnallte – »wollen die Burschen Bärenfleisch essen, so mögen sie sich's auch selber holen.«

»Wenn sie aber nun vorbeiführen?«

»Denken nicht dran,« sagte Tom – »überdies weiß Bill, der Steuermann, daß er uns hier in der Gegend erwarten muß, im Fall wir nicht früher einträfen; also haben wir in der Hinsicht keineswegs zu fürchten, daß wir sitzen bleiben. Wetter noch einmal, das Boot wird doch nicht ohne seinen Capitain abfahren wollen!«

»Auch gut!« sagte der alte Edgeworth, während er dem Beispiel seines jüngeren Gefährten folgte und sich zum Aufbruch rüstete – »dann schlag' ich aber vor, daß wir die Rippen und sonst noch ein paar gute Stücke herausschneiden, das Uebrige hier aufhängen, und nachher dort links hinunter gehen, wo, dem Aussehen der Bäume nach, ein Bach sein muß. Frisches Wasser möcht' ich die Nacht doch haben.«

Diese Vorsicht war nöthig, die Männer gingen deshalb schnell an die Arbeit, die kurze Tageszeit noch zu benutzen. Sie fanden auch den Quell und neben ihm eine ganz ungewöhnliche Menge von dürren Aesten und Zweigen, von denen freilich schon ein großer Theil halb verfault war. Das Meiste davon ließ sich aber noch trefflich zum Lagerfeuer benutzen, und an der schnell entzündeten Gluth staken bald die Rippenstücke des erlegten Bären, während die Jäger, auf ihren Decken ausgestreckt, der Ruhe pflegten und in die züngelnden Flammen starrten.

Die beiden Männer gehörten, wie auch der Leser schon aus ihrem Gespräch entnommen haben wird, zu einem Flatboot, das von Edgeworth's oben am Wabasch liegender Farm mit einer Ladung von Whisky, Zwiebeln, Aepfeln, geräucherten Hirschschinken, getrockneten Pfirsichen und Mais nach New-Orleans oder irgend einem der weiter oben gelegenen Landungsplätze steuerte, wo sie hoffen konnten, ihre Producte gut und vorteilhaft zu verkaufen. Der alte Edgeworth, ein wohlhabender Farmer aus Indiana und Eigenthümer des Boots und der Ladung, führte auch eine ziemliche Summe baaren Geldes bei sich, um in einer der südlichen Städte, vielleicht in New-Orleans selbst, Waaren einzukaufen und sie mit in seine, dem Verkehr etwas entlegene Niederlassung zu schaffen. Er war erst vor zwei Jahren an den Wabasch gezogen und hatte früher im Staate Ohio, am Miami gelebt. Dort aber fühlte er sich nicht länger wohl, da die mehr und mehr zunehmende Bevölkerung das Wild verjagte oder vertrieb, und der alte Mann doch »dann und wann einmal«, wie er sich ausdrückte, »eine vernünftige Fährte im Walde sehen wollte, wenn er nicht ganz melancholisch werden sollte«.

Tom dagegen, ein entfernter Verwandter von ihm und eine Waise, hatte vor einigen Jahren ebenfalls große Lust gezeigt, sich hier am Wabasch häuslich niederzulassen. Plötzlich aber und ganz unerwartet änderte er seinen Sinn, und als er zufällig den alten Dickson, einen Seemann und früheren Jugendfreund seines Vaters, traf, ging er sogar wieder zur See.

Damals schiffte er sich in Cincinnati an Bord des dort von Dickson gebauten Schooners ein, der eine Ladung nördlicher Producte nach New-Orleans führte, diese hier verkaufte, Fracht für Havanna einnahm und dann eine Zeit lang die südlichen Küsten Amerikas befuhr, bis ihn in Brasilien, wie Tom schon vorher erwähnt, sein böses Geschick ereilte.

Wenn nun auch erst seit Kurzem von seinen Kreuz-und Querzügen zurückgekehrt, schien ihm die Heimath doch wenig zu bieten, was ihn fesseln konnte. Er war wenigstens gern und gleich bereit, den alten Edgeworth wieder auf seiner Fahrt stromab zu begleiten, und bewies eine so gänzliche Gleichgültigkeit gegen alles das, was seinen künftigen Lebenszweck betraf, daß Edgeworth oft den Kopf schüttelte und meinte, es sei hohe Zeit für ihn gewesen, zurückzukommen und ein ehrbarer ordentlicher Farmer zu werdender wäre sonst auf der See und zwischen all' den sorglos in's Leben hineintaumelnden Kameraden ganz und gar verwildert und verwahrlost.

Um nun aber die Einförmigkeit einer Flatbootfahrt wenigstens in etwas zu beleben, waren sie hier, wo der Fluß einen bedeutenden Bogen machte, mit ihren Büchsen an's Land gesprungen und hatten auch schon, vom Glück begünstigt, ein vortreffliches Stück Wild erlegt. Das Boot, gezwungen, sich nach den Krümmungen des Flusses zu richten, verfolgte indessen unter der Aufsicht von fünf kräftigen Hosiers1 seine langsame Bahn und trieb mit der Strömung zu Thal.

»So laß ich mir's im Walde gefallen,« sagte endlich Tom nach langer Pause, indem er sich auf sein Lager zurückwarf und zu den von der darunter lodernden Gluth beleuchteten Zweigen emporschaute. »So kann man's aushalten – Bärenrippen und trockenes Wetter – etwas Honig fehlt noch: solch junges Fleisch schmeckt aber auch ohne Honig delicat. Blitz und Tod! Manchmal, wenn ich so auf Deck lag, wie jetzt hier unter den herrlichen Bäumen, zu eben den Sternen in die Höhe schaute und dann das Heimweh bekam – Edgeworth, ich sage Euch, das – Ihr habt wohl nie das Heimweh gehabt?«

»Das Heimweh? nein,« erwiderte der alte Mann seufzend, während er seine Büchse mit frischem Zündpulver versah und diese, das Schloß mit dem Halstuch bedeckend, neben sich legte, »das nicht, aber anderes Weh gerade genug. – Sprechen wir nicht davon, ich möchte mir den Abend nicht gern verderben. Ihr wolltet mir ja erzählen, was in Brasilien mit Dickson, oder wie er sonst hieß, geschah.« –

»Nun, wenn das dazu dienen soll, Euch aufzuheitern,« brummte Tom, »so habt Ihr einen wunderlichen Geschmack. Aber so ist es mit uns Menschen, wir hören lieber Trauriges von Anderen, als Lustiges von uns selbst. Doch, meine Geschichte ist kurz genug.«

»Wir waren in die Mündung eines kleinen Flusses, San Jose, eingelaufen und gedachten dort, unsere Ladung von Whisky, Mehl, Zwiebeln und Zinnwaren – mit welchen letzteren wir einen besonders guten Handel zu machen erwarteten – an die Eingeborenen und Pflanzer zu verkaufen. Eine bezeichnete Plantage hatten wir aber an dem Abend nicht mehr erreichen können, befestigten unser kleines Fahrzeug deshalb mit einem guten Kabeltau an einem jungen Palmbaum, der nicht weit vom Ufer stand, kochten unsere einfache Mahlzeit, spannten die Mosquitonetze auf und legten uns schlafen.

Eine Wache auszustellen oder sonstige Vorsichtsmaßregeln zu treffen, fiel Niemandem ein; nur hatten wir den Schooner etwas lang gehangen, damit er neben einen im Wasser festliegenden Stamm kam und nicht dicht an's Ufer konnte. Sonst träumten wir von keiner Gefahr und hielten auch wirklich die Gegend für ganz sicher und gefahrlos. –

Ich weiß nicht, wie spät es in der Nacht gewesen sein kann, als Dickson, der dicht neben mir lag, mich in die Seite stieß und frug, ob ich nichts höre.

Halb im Schlafe noch mocht' ich ihm wohl etwas mürrisch geantwortet haben, zum Teufel zu gehen und andere Leute in Ruhe zu lassen, auch wahrscheinlich wieder eingeschlafen sein, da fühlte ich, wie er mich bald darauf zum zweiten Mal, und zwar diesmal ziemlich derb, an der Schulter faßte und leise flüsterte: ›Munter, Tom! munter! Es ist nicht richtig am Ufer.‹ ›Hallo,‹ rief ich und fuhr in die Höhe; denn jetzt kam mir zum ersten Mal der Gedanke an die rothen Teufel, die ja doch auch dort vielleicht eben solche Liebhabereien haben konnten, wie das wilde Volk bei uns. So saßen wir denn neben einander, Jeder unter seinem langen dünnen Fliegennetz, und horchten, ob wir irgend etwas Verdächtiges hören konnten. Da rief Dickson auf einmal: ›Hierher, Leute – da sind sie – die Schufte!‹ und sprang in die Höhe, während ich schnell nach meinem Messer griff und das verdammte Ding in aller Eile nicht finden konnte. Dickson aber mußte sich mit den Füßen in dem dünnen Gazestoff, aus dem das Netz bestand, verwickelt haben. Ich hörte einen Fall auf das Deck und sah, als ich mich schnell danach umwandte, zwei dunkle Gestalten, die wie Schatten über den Rand des Bootes glitten und sich auf ihn warfen.

In dem Augenblick trat ich auf eine Handspeiche, die wir am vorigen Abend gebraucht hatten, und das war die einzige Waffe, die hier von Nutzen sein konnte. Mit Blitzesschnelle riß ich sie in die Höhe, rief den Anderen zu – wir hatten noch drei Matrosen und einen Jungen an Bord –, das Tau zu kappen, und schmetterte mit dem schweren Holz auf die Köpfe der beiden dunkeln Halunken nieder, die auch im nächsten Augenblick wieder über Bord sprangen oder wahrscheinlicher stürzten; denn meine Keule saß am nächsten Morgen voll Gehirn und Blut.

Während die Uebrigen, ebenfalls noch halb schlaftrunken, emportaumelten, hatte der Junge so viel Geistesgegenwart behalten, mit einem glücklicher Weise dortliegenden Handbeil das Tau zu kappen, so daß schon im nächsten Augenblick der Schooner, von der starken Ebbe mit fortgenommen, stromab trieb.

Meiers und Howitt, zwei von den anderen Matrosen, versicherten mir nachher noch, sie hätten ebenfalls fünf von den Schuften, die am Schiffsrand gehangen, auf die Schädel geklopft; ich weiß freilich nicht, ob es wahr ist. Unser armer Capitain war aber todt – er hatte einen Lanzenstich durch die Brust und einen Keulenschlag über den Kopf bekommen, und lag, als wir endlich am andern Ufer wieder etwas freier Athem schöpften, starr und leblos an Deck.«

»Und was wurde aus der Ladung?«

»Die verkaufte ich noch in derselben Woche, befrachtete dann die ›Charlotte‹, so hieß der Schooner, mit bei uns verkäuflichen Gegenständen und lief vier Monate später gesund und frisch in Charlestown, wo Dickson's Wittwe lebte, ein. Die arme Frau trauerte allerdings über den Tod ihres Mannes, das Geld aber, was ich ihr brachte, tröstete sie wohl in etwas. Acht Wochen später heirathete sie wenigstens einen Pflanzer in der Nachbarschaft. Das sind Schicksale.«

»Sie wußte doch wenigstens, wo ihr Mann geblieben,« flüsterte der alte Mann halb vor sich hin, »wußte, daß er todt, und wie er gestorben sei. Wie manche Eltern harren aber Monde – Jahre lang auf ihre Kinder, hoffen in jedem Fremden, der die Straße wandert, in jedem Reisenden, der Nachts an ihre Thür klopft, das geliebte Antlitz zu schauen und – müssen sich am Ende doch selbst gestehen, daß sie todt – lange, lange todt sind, und daß Haifisch oder Wolf ihre Leichen zerrissen oder ihre Gebeine benagt haben.«

»Ja, Du lieber Gott,« sagte Tom, indem er, um ein etwas lebhafteres Feuer zu erhalten, einen neuen Ast auf die Kohlen warf, »das ist eine sehr alte Geschichte. Wie Viele kommen allein in diesen Wäldern um, die auf den Flüssen gar nicht gerechnet, von denen die Ihrigen selten oder nie wieder erfahren, was aus ihnen geworden ist. Wie viele Tausend gehen auf der See zu Grunde! Das läßt sich nicht ändern, und so oft ich auch in Lebensgefahr gewesen bin, daran hab' ich nie gedacht.«

»Manchmal kehren sie aber auch wieder zu den Ihrigen zurück,« sagte der Alte mit etwas freudigerer Stimme. »Wenn diese sie schon lange auf- und verloren gegeben haben, dann klopfen sie plötzlich an das so lange nicht gesehene, so heiß vielleicht ersehnte Vaterhaus, und die Eltern schließen weinend – aber Freudenthränen weinend, das liebe, böse Kind in die Arme.«

»Ja,« erwiderte Tom ziemlich gleichgültig, »aber nicht oft. Die Dampfboote fressen jetzt eine unmenschliche Anzahl Leben; bei denen geht's ordentlich schockweise. Das – aber Ihr rückt ja ganz von der Decke herunter,« unterbrach er sich, während er sein erst verlassenes Lager wieder einnahm; »die Nacht ist zwar warm, doch auf dem feuchten Grunde zu liegen, soll gerade nicht übermäßig gesund sein.«

»Ich bin's gewohnt,« erwiderte der Alte, und zwar, wie es schien, ganz in seine eigenen trüben Gedanken vertieft.

»Und wenn Ihr's auch gewohnt seid, die Decke liegt einmal da, warum sie nicht benutzen!«

»An der Stelle dort, wo ich lag, müssen Wurzeln oder Steine sein – es drückte mich an der Schulter und ich rückte deshalb aus dem Wege.«

»Nun, danach können wir leicht sehen,« meinte Tom gutmüthig; »es wäre überhaupt besser, ein wenig dürres Laub zu einem vernünftigen Lager zusammenzuscharren, als hier auf der harten Erde liegen zu bleiben. Steht einen Augenblick auf, und in einer Viertelstunde soll Alles hergerichtet sein.«

Edgeworth erhob sich und trat zu der knisternden Flamme, in die er mit dem Fuße einige der durchgebrannten und hinausgefallenen Klötze zurückschob. Tom zog indessen die Decke weg und fühlte nach den darunter verborgenen Wurzeln.

»Hol's der Henker,« lachte er endlich, »das glaub' ich, daß Ihr da nicht liegen konntet. Eine ganze Partie Hirschknochen steckte darunter und keine Wurzeln; daß wir das aber auch nicht gleich gesehen haben!« Er warf bei diesen Worten die Knochen gegen das Feuer zu und kratzte nun mit den Füßen und Händen das in der Nähe herumgestreute Laub herbei, bis er ein ziemlich weiches Lager zusammenhatte. Dann breitete er wieder sorgfältig die Decke darüber, trug noch einige heruntergebrochene Aeste zur Flamme, um in der Nacht wieder nachlegen zu können, zog Jacke und Moccasins aus, deckte die erstere sich über die Schultern und lag bald darauf lang ausgestreckt auf der Decke, um ein paar Stunden zu schlafen und die Ankunft des Bootes am nächsten Morgen nicht zu versäumen.

Edgeworth hatte dagegen einen der neben ihn hingeworfenen Knochen aufgenommen und betrachtete ihn mit größerer Aufmerksamkeit, als ein so unbedeutender Gegenstand eigentlich zu verdienen schien.

»Nun – seid Ihr nicht müde?« frug ihn sein Gefährte endlich, der zu schlafen wünschte, »laßt doch die Aasknochen und legt Euch nieder. Es wird Tag werden, ehe wir's uns versehen.«

»Das ist kein Hirschknochen, Tom!« sagte der Alte, indem er sich zum Feuer niederbog, um das Gebein, das er in der Hand hielt, besser und genauer betrachten zu können.

»Nun, so ist's von Wolf oder Bär,« murmelte dieser, schon halb eingeschlafen, mit schwerer Zunge.

»Bär? das wäre möglich,« erwiderte nachdenkend der Alte, »ja, ein Bär könnt' es sein, ich weiß aber doch nicht – mir kommt's wie ein Menschenknochen vor –«

»Tretet doch dem Hund einmal in die Rippen, daß er das verdammte Scharren läßt,« sagte der Matrose ärgerlich. »Menschenknochen – meinetwegen auch; wie sollten aber Menschenknochen –« er fuhr auf einmal schnell und ganz ermuntert von seinem Lager empor, während er scheu und wild zu den Bäumen hinaufschaute, die um ihn standen.

»Was ist Euch?« frug Edgeworth erschrocken, »was habt Ihr auf einmal?«

»Verdammt will ich sein,« sagte Tom sinnend und immer noch ängstlich umherblickend, »wenn ich – nicht glaube –«

»Glaube, was? Was habt Ihr?«

»Ist das wirklich ein Menschenknochen?«

»Mir kommt er so vor. Es muß das Hüftbein eines Mannes gewesen sein, denn für einen Hirsch ist es zu stark und für einen Bären zu lang. Aber was ist Euch?«

Tom war emsig beschäftigt, seine Moccasins wieder anzuziehen, und sprang jetzt auf die Füße.

»Wenn das ein Menschenknochen ist,« rief er, »so kenne ich den, dem er gehörte, und habe ihn selbst mit Aesten und Zweigen zugedeckt, als wir ihn fanden. Darum lag also auch hier so viel halbverfaultes Holz auf einem Haufen. Ja, wahrhaftig, das ist der Platz und dieselbe Eiche, unter der wir ihm sein Grab machten; das Kreuz – der Auswuchs hier soll ein Kreuz sein – hieb ich damals mit meinem eigenen Tomahawk in den Stamm. Der arme Teufel –«

»Auf welche Art starb er denn, und wer war es?«

»Wer es war, weiß der liebe Gott, ich nicht, aber er starb auf eine recht niederträchtige, hundsföttische Weise. Ein Bootsmann, dessen Boot gerade da unten am Lande lag, wo wir das unsrige morgen erwarten, schlug ihn todt wie einen Wolf, und das um ein paar lumpiger Dollar willen.«

»Entsetzlich!« sagte der Alte und lehnte sich, den Knochen neben sich legend, auf seine Decke zurück, während Tom ebenfalls seinen so schnell verlassenen Platz wieder einnahm und den Kopf in die Hand stützte.

»Wir jagten hier oben nach Bienen,« fuhr Tom, vor sich niederstarrend und ganz im Andenken der alten Zeiten verloren, fort, »und Bill –«

»Der Bootsmann?« frug Edgeworth.

»Nein, jener Unglückliche,« sagte Tom.

»Und sein anderer Name?«

»Den nannte er nie; wir waren auch nur vier Tage zusammen, und er gehörte, so viel ich verstanden habe, nach Ohio hinüber. Bill hatte jenen Burschen ein paar Dollar sehen lassen, und der wollte ihn gern Abends, als wir am Feuer gelagert waren, zum Spielen reizen. Er spielte aber nicht, und das erbitterte schon den nichtswürdigen Buben. Ein paar Nächte darauf hatte er's denn auf irgend eine Art und Weise anzustellen gewußt, daß er den armen Jungen von uns fortbekam und die Nacht mit ihm allein auslagerte. Wir campirten an demselben Abend in der Nähe der Schlucht, in welcher wir heute zuerst auf die Bärin schossen; denn von der kleinen Prairie aus waren wir dorthin einem Bienencours gefolgt. Den andern Tag ließ sich Niemand von ihnen sehen, und als wir mit Sonnenuntergang zum Flußufer kamen, war das Boot fort.

Dicht am Ufer übernachteten wir. Der alte Sykomorestamm muß noch dort liegen, wo unser Feuer war; denn der hatte sich fest zwischen zwei Felsen gezwängt und konnte nicht fort. Als wir am nächsten Morgen die Bank erstiegen, wurden wir zuerst durch die Aasgeier aufmerksam gemacht, von denen eine große Menge nach einer Richtung hinzog.

Gebt Acht, sagte mein Begleiter, ein Jäger aus Kentucky, mit dem ich damals in Compagnie jagte, gebt Acht, der lumpige Flatbooter hat den Kurzfuß kalt gemacht.«

»Kurzfuß,« fuhr der Alte erschrocken auf, »warum nannte er ihn Kurzfuß?«

»Sein rechtes Bein war etwas kürzer als das linke, und er hinkte ein wenig, aber nicht viel, und richtig – wie wir auf den Hügel hier kommen – ich vergäße den Anblick nicht und wenn ich tausend Jahre alt würde – da lag der Körper, und die Aasgeier – aber was ist Euch, Edgeworth, was habt Ihr? Ihr seid –«

»Hatte der – der Kurzfuß oder – oder Bill, wie Ihr ihn nanntet – eine Narbe über der Stirn?«

»Ja – eine große, rothe Narbe – kanntet Ihr ihn?«

Der alte Mann preßte seine Hände vor die Stirn und sank in stummem Schmerz auf sein Lager zurück.

»Was ist Euch, Edgeworth? Um Gottes willen. Mann – was fehlt Euch?« rief der Matrose, jetzt wirklich erschreckt emporspringend, »kommt zu Euch – wer war jener Unglückliche?«

»Mein Kind – mein Sohn!« schluchzte der Greis und drückte seine eiskalten, leichenartigen Finger fest vor die heißen, trockenen Augenhöhlen.

»Allmächtiger Gott!« sagte Tom erschüttert, »das ist schrecklich – armer – armer – Vater!«

»Und Ihr begrubt ihn nicht!« frug dieser endlich nach langer Pause, in der er versucht hatte, sich ein wenig zu sammeln.

»Doch – er bekam ein Jägergrab,« antwortete leise und mitleidig der junge Mann; »wir hatten nichts mit uns, als unsere kleinen indianischen Tomahawks, und der Boden war dürr und hart da – aber ich martere Euch mit meinen Worten –«

»Erzählt nur weiter – bitte – laßt mich Alles wissen,« bat flehend der Vater.

»Da legten wir ihn hier unter diese Eiche, trugen von allen Seiten Stangen und Aeste herbei, daß kein wildes Thier, wie stark es auch gewesen, ihn erreichen konnte – denn Bären lassen die Leichen zufrieden –, und ich hieb mit dem Tomahawk noch zuletzt das einfache Kreuz hier in den Stamm.«

Edgeworth starrte still und leichenbleich vor sich nieder. Nach kurzer, peinlicher Pause richtete er sich aber wieder empor, schaute zitternd und traurig umher und flüsterte:

»Wir liegen hier also auf seinem Grabe – in seinem Grabe – und mein armer, armer William mußte auf solche Weise enden! Doch seine Gebeine dürfen nicht so umhergestreut länger dem Sturm und Wetter preisgegeben bleiben, Ihr helft sie mir begraben, nicht wahr, Tom?«

»Von Herzen gern, nur – wir haben kein Werkzeug.«

»Auf dem Boote sind zwei Spaten und mehrere Hacken – die Leute müssen helfen. – Ich will meinem Sohn, und wenn auch erst nach langen Jahren, die letzte Ehre erweisen; es ist ja Alles, was ich für ihn thun kann.«

»Sollen wir lieber unser Lager hinüber auf die andere Seite des Feuers machen?« frug Tom.

»Glaubt Ihr, ich scheute mich vor der Stelle, wo mein armes Kind vermoderte?« sagte der Greis; »es ist ja auch ein Wiedersehen, wenngleich ein gar schmerzliches. Ich glaubte an seinem Herzen noch einmal liegen zu können und finde jetzt – seine Gebeine umhergestreut in der Wildniß. – Aber gute Nacht, Tom – Ihr müßt müde sein von des Tages Anstrengungen – wir wollen ein wenig schlafen, und der anbrechende Tag finde uns erwacht und mit unserer Arbeit beschäftigt.«

Sicherlich nur, um den jüngeren Gefährten zu schonen, warf sich der alte Mann auf sein Lager zurück und schloß die Augen. Kein Schlaf senkte sich aber auf seine thränenschweren Lider, und als der kühle Morgenwind durch die rauschenden Wipfel der Kiefern und Eichen säuselte, stand er auf, fachte das jetzt fast niedergebrannte Feuer zu heller, lodernder Flamme an und begann bei dessen Licht die um das Lager herumgestreuten Gebeine zu sammeln. Tom, hierdurch ermuntert, half ihm schweigend in seiner Arbeit und näherte sich dabei dem Platze, wo Wolf, etwa dreißig Schritt vom Feuer entfernt, zusammengekauert neben einem kleinen Ulmenbusche lag. Obgleich die Beiden aber sonst sehr gute Bekannte waren, empfing ihn der alte Hund doch sehr unfreundlich und knurrte mürrisch und drohend. –

»Wolf! Schämst Du Dich nicht, Alter?« sagte der junge Mann, auf ihn zugehend, »Du träumst wohl, Du faules Vieh – weist mir die Zähne?«

Der Hund beruhigte sich jedoch selbst durch die Anrede nicht und knurrte nur stärker, wedelte aber auch dabei leise mit dem Schwanze, gerade als ob er hätte sagen wollen: Ich kenne Dich recht gut und weiß, daß Du ein Freund bist, aber hierher darfst Du mir trotz alledem nicht.

Tom blieb stehen und sagte zu Edgeworth, der auf ihn zukam:

»Seht den Hund an, er hat da etwas unter dem Laube und will mich nicht näher lassen. Was es nur sein mag?«

Edgeworth ging auf ihn zu, schob leise seinen Kopf zur Seite und fand zwischen den Pfoten des treuen Thieres – den Schädel seines Sohnes – wobei Wolf, als Jener die Ueberreste des theuren Hauptes seufzend emporhob, an ihm hinauf sprang und winselte und bellte.

»Das kluge Thier weiß, daß es Menschenknochen sind,« sagte der Matrose.

»Ich glaube, beim ewigen Gott, er kennt die Gebeine!« rief der Greis erschrocken. »Bill hat ihn aufgezogen und ging nie, von dem Augenblick an, wo er laufen konnte, einen Schritt ohne ihn in den Wald.«

»Das ist ja nicht möglich – die Gebeine können keinen Geruch behalten haben. – Wie alt ist denn der Hund?«

»Acht Jahre – aber so klug wie je ein Thier einer Fährte folgte,« sagte der Greis; »Wolf – komm hierher,« wandte er sich dann an den Winselnden, »komm her, mein Hund – kennst Du Bill noch, Deinen alten guten Herrn?«

Wolf setzte sich nieder, hob den spitzigen Kopf hoch empor, sah seinem Herrn treuherzig in die Augen, warf sich mehrere Male unruhig von einem Vorderlauf auf den andern und stieß plötzlich ein nicht lautes, aber so wehmüthig klagendes Geheul aus, daß sich der alte Mann nicht länger halten konnte. Er kniete neben dem Thiere nieder, umschlang seinen Hals und machte durch einen heißen, lindernden Thränenstrom seinem gepreßten Herzen Luft. Wolf aber leckte ihm liebkosend Stirn und Wange und versuchte mehrere Male, die Pfote auf seine Schulter zu legen.

»Unsinn!« sagte Tom, dem bei dem sonderbaren Betragen des Hundes ordentlich unheimlich zu Muthe wurde, »das Thier wittert menschliche Ueberreste, und da geht's ihm gerade wie mit Menschenblut. Laßt das die Hunde plötzlich spüren, so heulen sie ebenfalls, als ob ihnen das Herz brechen wollte.« »Laßt mir den Glauben, Tom!« bat der Alte, sich endlich wehmüthig wieder emporrichtend, »es thut mir wohl, selbst in dem Thiere das Gedächtniß für einen Freund bewahrt zu sehen, und – wir haben ja des Schmerzlichen genug, warum den schwachen Trost noch muthwillig mit eigener Hand zerstören?«

Ein Schuß aus der Richtung her, in welcher der Fluß liegen mußte, unterbrach hier seine Rede.

»Verdammt!« rief Tom, »ob die Burschen nicht schon mit dem Boote da sind – die Seehunde müssen Nachts gefahren sein, es ist ja kaum Tag.«

»Thut mir den Gefallen und ruft sie her!« bat Edgeworth.

»Mir wär's lieber, wenn Ihr mitginget,« sagte der junge Mann zögernd, »Ihr quält Euch hier und –«

»Ich bin gefaßt, wenn Ihr kommt, Tom. – Thut mir die Liebe und ruft sie.«

Im nächsten Augenblick hatte der junge Mann seine Büchse geschultert und schritt dem Flußufer zu. Edgeworth kniete an dem Fuße der Eiche, die Jahre lang ihre Arme schützend über die Ueberreste seines Kindes ausgebreitet hatte, nieder und lag ernst und still im brünstigen Gebet, bis er die Schritte der vom Boote Kommenden hörte. Dann sprang er auf und schritt ihnen fest und ruhig entgegen.

Tom hatte die Männer schon unten am Flusse mit dem Vorgegangenen schnell bekannt gemacht, und ernst und schweigend begannen sie an der engen Gruft zu arbeiten, die des unglücklichen jungen Mannes Gebeine aufnehmen sollte. Dann legten sie sorgsam die gesammelten Ueberreste hinein, warfen das Grab zu, wölbten den kleinen Hügel darüber und trugen nachher eben so still und lautlos die Jagdbeute, die ihnen Tom bezeichnete, auf ihren Schultern zum Boote hinunter.

»Hallo!« rief ihnen hier der an Bord gebliebene Steuermann, eine wilde, drohende Gestalt, das Gesicht ganz von Pockennarben zerrissen, die schwarzen langen Haare wild um die Schläfe hängend, entgegen, »Bärenfleisch! Verdamm' meine Augen, wenn das nicht der vernünftigste Streich ist, den unser alter Capitain in langer Zeit ausgeführt hat. – Macht aber schnell, Burschen, daß wir von hier fort kommen, wir versäumen die schöne Zeit und das Wasser fällt mit jeder Secunde.«

»Wir gehen noch einmal hinauf,« sagte der Eine von ihnen.

»Was zum Henker ist nun noch oben?«

»Oben ist nichts mehr, wir wollen nur die Backsteine aus unserer Küche hinauftragen und, so gut es geht, einen Grabstein daraus machen.«

»Narren seid Ihr,« zürnte der Steuermann, »wie sollen wir nachher kochen?«

»In Vincennes können wir andere bekommen,« sagte Tom, »schaden würd's Euch auch nicht, wenn Ihr eine Ladung mit hinauftrüget.«

»Ich bin zum Steuern gemiethet und nicht zum Steineschleppen,« brummte der Lange, indem er sich ruhig auf's Verdeck streckte. »Unsinn genug, daß Ihr die alten Knochen da oben noch einmal aufrührt; die wären auch ohne Euch verfault.«

Die Männer antworteten ihm nicht, luden ihre Last auf und stiegen damit die steile Uferbank empor. An dem Grabe errichteten sie aber das einfache Denkmal für den ermordeten Jäger, frischten das Kreuz in der Eiche wieder auf und wollten dann langsam den Platz, auf dem Edgeworth noch immer in Schmerz und Gram vertieft stand, verlassen. Da fuhr dieser aus seinen Träumen auf, drückte den Bootsleuten allen freundlich die Hand, schulterte seine Büchse, rief dem Hunde und ging mit festen, sicheren Schritten voran dem Boote zu.

Eine halbe Stunde später knarrten und kreischten die schweren Ruder des unbehülflichen Fahrzeugs, mit deren Hülfe es in die eigentliche Strömung hinausgeschoben wurde. Dann aber drängte es schwerfällig gegen die Mitte des Flusses zu und trieb langsam hinunter seine stille, einförmige Bahn. Wie es aber nur erst einmal in Gang und richtig in der Strömung war, hoben die Bootsleute ihre »Finnen« (wie die langen Ruder solcher Boote genannt sind) an Deck und streckten sich selbst nachlässig und behaglich auf den Brettern aus, die ersten Strahlen der freundlichen Morgensonne zu genießen, die jetzt eben in all' ihrer schimmernden Pracht und Herrlichkeit über dem grünen Blättermeer emportauchte.

Edgeworth aber saß, mit dem Hunde zwischen seinen Knieen, am hintern Rande des Fahrzeugs und schaute still und traurig nach den mehr und mehr in weiter Ferne verschwimmenden Bäumen zurück, die das Grab seines Kindes überschatteten.

Fußnoten

1 Hosier ist ein Scherzname der Amerikaner für die Bewohner von Indiana.

2. Der Kampf. – Smart und Dayton.

In Helena1 herrschte ein gar ungewöhnlich reges Leben und Treiben, und aus der ganzen Umgegend mußte hier die Bevölkerung zusammengekommen sein. Ueberall standen eifrig unterhandelnde Männer, theils in die bunt befranzten Jagd-Hemden der Hinterwäldler, theils in die blauen Jeansfracks der etwas mehr civilisirten Städter gekleidet, in Gruppen umher, während heftige Reden und lebhafte Gesticulationen ihr Gespräch als ein keineswegs alltägliches verkündeten.

Vor dem Union-Hotel – dem besten Gasthause der Stadt – schien sich ganz besonders ein nicht geringer Theil dieser Menschenmasse concentrirt zu haben, und der Wirth desselben, eine lange hagere Gestalt, mit blonden Haaren, scharfen Backenwochen, etwas spitzer, gerade vorstehender Nase, aber blauen gutmüthigen Augen, kurz jeder Zoll ein Yankee, hatte schon eine geraume Zeit dem Drängen und Treiben vor seiner Schwelle mit augenscheinlichem Wohlbehagen zugesehen. Im Innern des Hauses fehlte es allerdings keineswegs an Arbeit, und die thätige Hausfrau hatte, von ihrem Dienstboten und einem Neger unterstützt, alle Hände voll zu thun, die Gäste zu befriedigen und Schlafstellen für Die herzurichten, die zu weit entfernt von Helena wohnten. Trotzdem aber verharrte der Wirth in seiner ruhigen Stellung und kümmerte sich nicht im Geringsten um das innere Hauswesen.

Durch den Wortwechsel und vielleicht auch durch geistige Getränke erhitzt, artete indeß die bisherige ruhige, wenigstens friedliche Unterhaltung immer mehr und mehr aus. – Einzelne heftige Flüche und Drohungen überschallten zuerst für Augenblicke das übrige Wortchaos, und plötzlich kündete ein scharfer Schrei und ein wildes Drängen, wie es endlich, was der lächelnde Wirth schon lange ersehnt haben mochte, zu Tätlichkeiten gekommen sei.

Mit halb vorgebeugtem Oberkörper, die beiden Hände tief in den Beinkleidertaschen und die rechte Schulter an den Pfosten seiner Thür gelehnt, stand er da, und man sah es ihm ordentlich an, welch' Vergnügen ihm ein Kampf mache, dessen Resultat so ganz seinen Wünschen entsprochen haben mußte.

Der nämlich, der den ersten Schlag gegeben, war ein kleiner, untersetzter Irländer mit brennend rothen Haaren und wo möglich noch rötherem Barte, dazu in Hemdsärmeln, mit offenem Kragen und etwas kurzen, eng anschließenden Nankingbeinkleidern, was seiner Figur einen eigenthümlich komischen Anstrich gab. Außerdem bewies sich aber Patrick O'Toole nichts weniger als komisch oder auch nur spaßig, sobald er ein paar Tropfen Whisky im Kopfe und irgend Ursache zu einem vernünftigen oder »raisonnablen« Streite, wie er es nannte, hatte. Wenn auch nicht zänkisch, so war er doch der Letzte, der einen Platz verlassen hätte, wo noch die mindeste Aussicht zu einer anständigen Prügelei zu erwarten gewesen wäre.

So gerechte Sache aber Patrick oder Pat, wie er gewöhnlich im Städtchen hieß, diesmal haben mochte, so sehr fand er sich bald im Nachtheil, denn kaum lag sein Gegner vor ihm im Staube, als der größte Theil Derer, die bis jetzt wenig oder gar keinen Antheil an dem Zanke genommen, auf ihn eindrangen und den Gefallenen rächen wollten.

»Zurück mit Euch! – weg da, Ihr Blackguards, Ihr – Söhne einer Wölfin!« – schrie der Irländer und theilt? dabei, ohne Unterschied der Person, nach links und rechts so gewaltige und gut gezielte Stöße aus, daß er die Angreifer blitzesschnell zu sicherer Entfernung zurückscheuchte. –

»Ehrlich Spiel hier!« schrie er dabei und streifte sich schnell den immer wieder niederrutschenden Aermel auf – »ehrlich Spiel. Ihr Spitzbuben, Einer gegen Einen, oder auch Zwei und Drei, aber nicht Acht und Neun; die Pest über Euch – ich klopfe Euch die Schädel so breiweich, wie Euer Hirn ist – Ihr hohlköpfigen Halunken Ihr!«

»Ehrlich Spiel!« riefen auch Einige aus der Menge und suchten die übrigen Kampflustigen zurückzudrängen. Der zu Boden Geschlagene hatte sich aber in diesem Moment ebenfalls wieder aufgerafft, und das eine blau unterlaufene Auge mit der linken Hand bedeckend, riß er mit der rechten ein bis dahin verborgen gehaltenes Messer unter der Weste vor und warf sich mit einem Schrei des wildesten, unbezähmbarsten Ingrimms auf den ihn ruhig erwartenden Iren.

Dieser jedoch, ohne weiter seine Stellung zu verändern, fing den drohend gegen ihn gerichteten und sicherlich gut gemeinten Stoß auf, indem er den Angreifer am Handgelenk erfaßte, zum zweiten Mal niederschlug und nun in dem Rechtlichkeitssinn der ihn Umgebenden hinlängliche Bürgschaft zu finden glaubte, daß sie einen andern dem ähnlichen Ueberfall verhindern würden.

Die Volksmenge schien ihm aber keineswegs geneigt – man entzog zuerst den Besiegten seinen Händen, und dann brach der Sturm in plötzlicher, aber desto verheerenderer Gewalt über ihn los.

»Zu Boden mit dem irischen Hund! nieder mit ihm!« tobten sie. – »Er hat Hand an einen Bürger der Vereinigten Staaten gelegt – was will der Ausländer hier? der über's Wasser Gekommene?«

»In's Wasser denn mit ihm!« schrie ein breitschulteriger bleicher Gesell, dem sich eine tiefe, noch kaum geheilte Narbe vom linken Mundwinkel bis hinter das Ohr zog, was seinem Gesicht etwas unbeschreiblich Wildes und Unheimliches verlieh – »in's Wasser mit ihm – die irischen und deutschen Halunken verderben armen ehrlichen Arbeitern ohnedies die Preise. In den Mississippi mit der dünnbeinigen Canaille, da kann sie mit den Seespinnen Hornpipes tanzen!« und mit diesen Worten, während er einen nicht sehr lauten, aber ganz eigenthümlichen Pfiff ausstieß, warf er sich so plötzlich gegen den überraschten Irländer, daß er diesen für den Augenblick zum Wanken brachte. Den geübten Boxer würde er jedoch trotz alledem nicht übermannt haben, wären nicht die ihm zunächst Stehenden und mehrere Andere, die sich schnell hinandrängten, rasch zu seiner Hülfe herbeigeeilt, und O'Toole sah sich gleich darauf von mehreren Seiten erfaßt und zu Boden geworfen.

»In den Mississippi mit dem Schuft!« tobte der Haufen – »bindet ihm die Hände auf den Rücken und laßt ihn schwimmen! – Fort nach Irland mit ihm – er kann sich unterwegs ein Schiff bestellen,« jubelte ein Anderer, und wenn auch Einzelne der friedlicher Gesinnten, die keineswegs wollten, daß ein bloßer Streit ein solch tragisches Ende nehmen sollte, dazwischen sprangen und den Ueberwältigten zu retten suchten, so wurden diese doch leicht zurückgehalten, und jauchzend schleppten die Rasenden ihr Opfer dem Flußrande zu.

O'Toole's Lage war eine höchst mißliche, und er selbst wußte nur zu gut, wie feindlich ein großer Theil der Bewohner von St. Helena gegen ihn gesinnt sei, um nicht das Schlimmste zu fürchten. Schwerlich würden ihm aber seine verzweifelten Anstrengungen, mit denen er versuchte, den Mördern Trotz zu bieten, etwas genützt haben. Die Uebermacht war zu groß, und die Nähe des Flusses ließ ihnen auch keine Zeit zum Ueberlegen, sondern schien ihr Vorhaben eher noch zu begünstigen. – Da war es ein Einzelner, der sich plötzlich mitten zwischen die Wüthenden warf und, den Arm des Iren ergreifend, jeden weiteren Fortschritt hemmte; dieser Einzelne aber niemand Anderes, als unser freundlicher Wirth, Jonathan Smart, der hier mit einer Autorität sein »Halt – das ist genug!« aussprach, als ob er von dem Haufen ganz besonders zum Friedens- und Schiedsrichter bestellt gewesen wäre.

Die Menge zeigte indessen nicht die mindeste Lust, das so unerwartete und ungebetene Einschreiten geduldig zu ertragen.

»Zurück, Smart – laßt den Mann los und geht zum Teufel!« und mehrere ähnliche und gleich freundliche Anreden schallten ihm aus fast jedem Munde entgegen. Smart aber behauptete nichtsdestoweniger seinen Platz und rief nur mit fester Stimme dagegen:

»Ich will verdammt sein, wenn Ihr ihm ein Haar krümmt!«

»So sei es denn!« schrie der Eine seiner Gegner, zog eine kleine Taschenpistole, richtete sie auf den Yankee und drückte ab. Nun versagte zwar zum großen Glück des menschenfreundlichen Retters die Waffe, Jonathan Smart war aber nicht der Mann, der ruhig auf sich zielen ließ. Mit schnellem Griff riß er ein unter seinem Rock getragenes, wenigstens zwölf Zoll langes Bowiemesser vor und führte damit schon in der nächsten Secunde einen so kräftigen wohlgemeinten Hieb nach dem entsetzt Zurückfahrenden, daß er ihm, wenn Jener Stich gehalten, den Schädel unfehlbar mit dem schweren Stahl gespalten haben müßte. Der aber, dem die jetzt zornfunkelnden Augen des Gereizten nur zu deutlich verriethen, was ihn erwarte, sprang mit lautem Aufschrei zur Seite, und nur noch die Spitze des Messers traf ihn vorn an der Schulter, von wo an sie ihm den Rock bis hinab an den Saum mit einem Hiebe aufriß.

Der Schlag war zu tüchtig geführt gewesen, um an dem vollen Ernst des Mannes nur einen Augenblick zu zweifeln. Sein Auge flog auch jetzt mit so dunkelglühendem und herausforderndem Trotz über die Anderen hin, daß sie scheu und fast unwillkürlich den Iren losließen. Der aber fühlte seine Glieder kaum wieder frei, als er auch schon rasch emporsprang und nicht übel Lust zu haben schien, den für ihn fast so verderblich gewordenen Kampf an Ort und Stelle zu erneuern. Smart jedoch hielt seinen rechten Arm wie mit eisernem Griff umspannt, und ehe noch die für den Augenblick wie vor den Kopf gestoßenen Männer einen neuen Entschluß fassen oder es über sich gewinnen konnten, dem ihnen so herausfordernd gezeigten Stahl zu trotzen, zog der Wirth den kleinen Irländer mit sich fort, seinem eigenen Hause zu, und verschwand gleich darauf im Innern desselben.

»Verdamm' meine Augen!« schrie da plötzlich der schon früher erwähnte bleiche Gesell mit der Narbe – »sollen wir uns das gefallen lassen? Wer ist denn der langbeinige Schuft von einem Yankee, der hier nach Arkansas kommt und einem ganzen Haufen ordentlicher Kerle vorschreiben will, was er zu thun und zu lassen hat? Ei so steckt doch dem Halunken das Haus über dem Kopfe an!« –

»Bei Gott, das wollen wir – kommt, Boys, holt das Feuer aus seiner eigenen Küche!« tobte und wüthete die Schaar – »nieder mit der Kneipe, die Bestie will so nichts pumpen!«

Die Masse wandte sich – rasch zur Unthat erschlossen – gegen das also bedrohte Haus, und wer weiß, wie weit sie in ihrem augenblicklich heftig entflammten Grimme gegangen wäre, hätte sich ihr nicht jetzt, aber mit der freundlichsten, bittendsten Geberde ein Mann entgegengestellt, der sie mit hoch erhobenen Armen und lauter Stimme bat, ihm einen Moment Gehör zu schenken. Er war hoch und schlank gewachsen, mit offener, freier Stirn, dunkeln Augen und Haaren, und feinen, fast weiblich scholl geschnittenen Lippen. Auch in seiner ganzen Haltung lag etwas Gebieterisches und doch wieder Geschmeidiges, und seine Kleidung, die aus feinem schwarzen Tuch und schneeweißer Wäsche bestand, verrieth ebenfalls, daß er entweder diesen Kreisen fremd sei, oder doch eine Stellung bekleide, die ihn über seine Umgebung erhebe. Er war zu gleicher Zeit Advokat und Arzt und seit einem Jahr erst aus den nördlichen Staaten hier eingetroffen, wo er sich seiner Kenntnisse und seines einnehmenden Betragens wegen in gar kurzer Zeit nicht allein eine bedeutende Praxis erworben hatte, sondern auch in Stadt und County zum Friedensrichter ernannt worden war.

»Gentlemen!« redete dieser jetzt die ihm wunderbarer Weise rasch Willfahrenden an – »Gentlemen, bedenken Sie, was Sie thun wollen. – Wir befinden uns unter dem Gesetze der Vereinigten Staaten, und die Gerichte sind sowohl bereit, Sie gegen den Angriff Anderer, als Andere gegen Ihren Angriff zu schützen. Mr. Smart hat Sie aber nicht einmal beleidigt – er hat Ihnen im Gegentheil einen Gefallen gethan, indem er Sie vor einer Gewaltthat bewahrte, die wohl böse Folgen für Manche von Ihnen gehabt haben könnte – Sie sollten ihm eher dankbar sein – Mr. Smart ist auch sonst in jeder Hinsicht ein Ehrenmann.«

»Hol' ihn der Teufel!« rief hier Der, nach dem der Wirth mit seinem Messer gehauen, »dankbar sein – Ehrenmann – ein Schuft ist er und hätte mich beinahe gespalten wie eine Apfelsine. – In die Hölle mit ihm! – Feuer in sein Nest, das ist mein Rath!«

»Gentlemen! Hat Sie Mr. Smart beleidigt,« nahm hier der Richter auf's Neue das Wort, »so bin ich auch überzeugt, daß er Alles versuchen wird, seinen begangenen Fehler wieder gut zu machen; kommen Sie, wir wollen ruhig zu ihm hinausgehen, und er mag dann mit freundlichem Wort und einer kleinen, freiwilligen Spende an Whisky, die wir ihm auferlegen werden, das Geschehene ausgleichen – sind Sie das zufrieden?«

»Ei, hol's der Henker – ja!« sagte der mit der Narbe – »er soll tractiren. – Tritt er mir aber wieder einmal in den Weg, so will ich verdammt sein, wenn ich ihm nicht neun Zoll kalten Stahl zu kosten gebe.«

»Hätte nur mein verdammtes Terzerol nicht versagt« – zischte der Andere – »die Pest über den Krämer, der – so erbärmliche Waaren führt.«

»Kommt, Boys, in's Hotel – Smart mag herausrücken, und wenn er's nicht thut, so soll ihm der – Böse das Licht halten –« sagte der Narbige.

»In's Hotel – in's Hotel!« jauchzte die Schaar – »er muß tractiren, sonst schlagen wir ihm den ganzen Kram in tausend Stücken!«

In jubelndem Chor wälzte sich der zügellose Haufe dem Gasthaus zu, und wer weiß, ob des Advocaten freundlich gemeinte Beilegung des Streites nicht hier zu noch viel ernsthafteren Auftritten geführt hätte. Smart kannte aber seine Leute zu gut und wußte, wie er, sobald er den Schwarm wirklich in sein Haus lasse, gänzlich in den Händen der schon halb Betrunkenen sei und dann auch jedem ihrer Wünsche willfahren müsse, wollte er sich nicht der größten Gefahr an Leben und Eigenthum aussetzen. Als sich daher die Rädelsführer seiner Thür näherten, trat er plötzlich mit gespannter und im Anschlag liegender Büchse ruhig auf die oberste Schwelle und erklärte fest, den Ersten niederzuschießen, der die Stufen seiner Treppe betreten würde.

Smart war als ein ausgezeichneter Schütze bekannt, und sicherer Tod lag in der ihnen drohend entgegen gehaltenen Mündung. Der Advocat trat aber auch hier wieder vermittelnd zwischen den Parteien auf, bedeutete den Yankee, daß die Männer hier keine Feindseligkeiten weiter gegen ihn nährten, und bat ihn, die Büchse fortzustellen, damit auch das Letzte entfernt sei, was auf Streit und Kampf hindeuten könne.

»Gebt den guten Leuten ein paar Quart Whisky,« schloß er dann seine Rede, »und sie werden Eure Gesundheit trinken. Es ist ja doch besser, mit Denen, die unsere Nachbarn in Stadt und Haus sind, friedlich und freundlich beisammen, als in immerwährendem Streit und Hader zu leben.«

Der Yankee hatte bei den ruhigen Worten des Advocaten, den er selbst schon seit längerer Zeit als einen ordentlichen und, wenn es galt, auch entschlossenen Mann kannte, den Büchsenkolben gesenkt, ohne jedoch die rechte Hand vom Schlosse zu entfernen, und erwiderte jetzt freundlich:

»Es ist recht hübsch von Ihnen, Mr. Dayton, daß Sie nach besten Kräften Streit und Blutvergießen gehindert haben – mancher Ihrer Herren Kollegen hätte das nicht gethan. Damit Sie denn auch sehen, daß ich keineswegs geneigt bin, mit den guten Leuten, gegen die ich ja sonst nicht das Mindeste habe, wieder auf freundschaftlichen Fuß zu kommen, so bin ich gern erbötig, eine volle Gallone zum Besten zu geben, aber – ich will sie hinausschicken. – Ich habe Ladies hier im Hause und die Gentlemen draußen werden gewiß selbst damit einverstanden sein, ihren Brandy im Freien zu trinken und sich nicht dabei durch die Gegenwart von Damen gestört zu wissen.«

»Hallo – Brandy?« rief der mit der Narbe – »wollt Ihr uns wirklich eine Gallone Brandy geben und dabei erklären, daß Euch das Geschehene leid sei?«

»Allerdings will ich das!« erwiderte Jonathan Smart, während ein leichtes spöttisches Zucken um seine Mundwinkel spielte, »und zwar vom vortrefflichsten Pfirsich-Brandy, den ich im Hause habe – sind die Herren damit einverstanden?« »Ei – Bootshaken und Enterbeile – ja!« nahm der Bleiche das Wort – »heraus mit dem Brandy, – wenn Unterröcke drin sitzen, wird's einem ordentlichen Kerl doch nicht so recht behaglich zu Muthe – aber schnell, Smart – Ihr trefft uns heute in verdammt guter Laune und könnt Euch gratuliren; laßt uns deshalb also auch nicht lange warten.«

Fünf Minuten später erschien ein starker, breitschulteriger Neger, mit achtem Wollkopf und fast ungewöhnlich streng ausgeprägten äthiopischen Gesichtszügen, in der offenen Thür und trug – während er die Versammlung, jedoch noch immer mißtrauisch, bald links bald rechts zu betrachten schien – in dem linken Arme eine große, breitbäuchige Steinkruke, in dem andern ein halbes Dutzend Blechbecher. Die Schaar empfing ihn aber jubelnd, untersuchte vor allen Dingen das Getränk, ob es auch wirklich der gute, ihnen versprochene Stoff sei, und zog dann jauchzend dem Fluß zu, wo sie an Bord eines dort liegenden Flatbootes gingen und bis in die späte Nacht hinein zechten und tobten. Dayton dagegen blieb noch eine Weile stehen und blickte den Davontobenden still und, wie es schien, ernst sinnend nach. Smart aber störte ihn bald aus seinem Nachdenken auf; – er lehnte die Büchse oben an einen Pfosten der Veranda und stieg zu dem ihm so freundlich zu Hülfe gekommenen Richter nieder.

»Dank' Euch, Sir,« sagte er hier, während er ihm freundlich die Hand entgegenstreckte, »dank' Euch für Euer sehr zeitgemäß eingelegtes Wort – Ihr hättet zu keinem gelegeneren Moment dazwischen treten können.«

»Nicht mehr als Bürgerpflicht,« lächelte der Richter; »die Menge läßt sich gern von einem entschlossenen Manne leiten, und wenn man den richtigen Zeitpunkt auch richtig trifft, so vermag ein einzelnes ernstes Wort oft Gewaltiges.«

»Nun, ich weiß nicht« – meinte Smart kopfschüttelnd, während er einen nichts weniger als freundlichen Seitenblick nach dem Fluß hinab warf, »dergleichen Volk läßt sich sonst nicht leicht, weder von freundlicher Rede, noch von feindlicher Waffe zurückschrecken. Es sind meistens Leute, die nichts weiter auf der Welt zu verlieren haben als ihr Leben, und deshalb der Gefahr, da sie das Leben keinen Pfifferling achten, trotzig entgegengehen. Ich bin übrigens doch froh, so wohlfeilen Kaufes losgekommen zu sein, denn – Blut zu vergießen ist immer eine häßliche Geschichte. Aber so tretet doch einen Augenblick in's Gastzimmer, ich komme gleich nach – muß nur erst einmal nach meiner Alten in der Küche sehen und alles Nöthige bestellen.«

»Ich dank' Euch,« sagte der Richter, »ich muß nach Hause. – Es sind mit dem letzten Dampfboot heut Briefe angekommen, und vom Fluß herunter habe ich auch – mehrerer Geschäftssachen wegen – einen Besuch zu erwarten. Wollt Ihr mir aber einen Gefallen thun, so kommt Ihr nachher ein bischen zu mir herüber. – Bringt auch Eure alte Lady mit – ich habe überdies noch Manches mit Euch zu besprechen.«

»Meine Alte wird wohl daheim bleiben müssen,« sagte der Yankee lächelnd, »wir haben das Haus voll Leute, aber ich selbst – ei nun, ich bin überdies recht lange nicht bei Mrs. Dayton gewesen – die – Burschen werden doch nicht etwa noch einmal kommen?« –

»Habt keine Angst,« beruhigte ihn der Richter – »das Volk ist wild und hitzköpfig, auch wohl ein wenig roh – aber überdachter Schlechtigkeit halte ich sie nicht für fähig. Sie hätten Euch vielleicht im ersten wilden Zorn das Haus über dem Kopfe angesteckt; den aber erst einmal verraucht, so wird auch Keiner mehr daran denken, Euch zu belästigen.«

»Desto besser,« sagte Jonathan Smart, »Angst hätte ich übrigens auch nicht – mein Scipio hält, wenn ich fort bin, Wacht, und der Hornruf aus dem Fenster kann mich überall in Helena erreichen. – Also auf Wiedersehen – in einem halben Stündchen komme ich hinüber.«

Er trat bei diesen Worten, während der Richter seiner eigenen Wohnung zuschritt, in's Haus zurück und stand gleich darauf vor seiner »besseren Hälfte«, wie sie sich selbst zu nennen pflegte, die er übrigens, theils durch die überhäufte Arbeit, theils durch die vorgegangene Scene, in der übelsten Laune von der Welt fand.

Mrs. Smart war denn auch keineswegs die Frau, die irgend einen Groll lange und heimlich mit sich herum getragen hätte. Was ihr auf dem Herzen lag, mußte heraus, mochte es sein, was es wollte. So schob sie sich denn auch, als sie ihren Herrn und Gemahl nahen hörte, das Sonnenbonnet, das sie der Kamingluth wegen auch in der Küche trug, zurück, stemmte beide Arme – in der Rechten noch immer den langen hölzernen Kochlöffel haltend – fest in die Seite und empfing den langsam herbeischlendernden Gatten mit einem scharfen:

»So – was hat der Herr denn heute wieder einmal für ganz absonderlich gescheidte Streiche angerichtet? Man darf den Rücken nicht mehr wenden, so ist irgend ein Unglück in Anmarsch, und kein Kuchen kann im ganzen Neste gebacken werden, ohne daß Mr. Smart seinen Finger und seine Nase hineinstecken müßte.«

»Mrs. Smart,« sagte Jonathan, der gerade jetzt viel zu guter Laune war, um sich diese durch den Unwillen seiner Gattin verderben zu lassen – »ich habe heut ein Menschenleben gerettet, und das, sollte ich denken –«

»Ach was da, Menschenleben« – unterbrach ihn in allem Eifer Mrs. Smart – »Menschenleben hin, Menschenleben her – was geht Dich das Leben anderer Leute an. An Deine Frau solltest Du denken, aber die mag sich schinden und quälen, die mag sich mühen und placken, das ist diesem Herrn der Schöpfung ganz einerlei. Er wirft auch die Gallonen guten Pfirsich-Brandy gerade so auf die Straße hinaus, als ob er sie da draußen gefunden hätte, während ich hier im Schweiße meines Angesichts arbeiten und unser Aller Brod verdienen muß –«

– »wäre mit der gehabten Mühe keineswegs zu theuer erkauft gewesen« – fuhr Smart ruhig, ohne die Unterbrechung seines Weibes auch nur im Mindesten zu beachten, fort.

»Ich sage Dir aber: es wäre