Die Dame und die Blausäure - Anna Green - ebook

Die Dame und die Blausäure ebook

Anna Green

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Opis

Da, als das Paar vielleicht die Hälfte der Treppe hinabgeschritten war, fühlte Kameron plötzlich, daß der Arm seiner Braut bleischwer auf dem seinigen lag. Er schaute auf und sah an seiner Seite nicht eine holde Braut, ein fühlendes Wesen, sondern ein bleiches Gespenst, dessen gläserne Augen ins Leere starrten und sein Herz mit Grauen erfüllten. ...

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Die Dame und die Blausäure

Anna Green

idb

Erstes Buch.

Erstes Kapitel.

Um acht Uhr abends sollte Doktor Kameron mit seiner Braut Genofeva Gretorex im Hause ihrer Eltern am Sankt Nikolausplatz getraut werden. Jetzt war es vier Uhr.

Der Doktor saß in seinem Sprechzimmer. Er ließ sein vergangenes Leben im Geist an sich vorüberziehen und baute Luftschlösser für die Zukunft. Obgleich noch jung an Jahren, erfreute er sich doch bereits eines nicht unbedeutenden Rufes als tüchtiger Arzt. Nun eröffneten sich ihm auch noch durch seine Verbindung mit der Tochter eines der reichsten und angesehensten Bürger Neuyorks für seinen Ehrgeiz neue wertvolle Beziehungen, und er erhielt die Anwartschaft auf ein beträchtliches Vermögen. Diese nicht unwillkommenen Zugaben erhöhten in seinen Augen die Reize der Braut noch um ein Bedeutendes. Nicht daß er sie nicht geliebt – oder zu lieben geglaubt hätte – ganz abgesehen von ihrer Lebensstellung! War sie doch schön, und besaß dabei jene stolze Zurückhaltung, die er besonders bewunderte! Ihr vornehmes Wesen, ihre gesellschaftliche Bildung würden seinem bereits hochgeachteten Namen einen noch ehrenvolleren Klang verleihen! Allerdings hatte sie ihre Launen, wie man das bei einem Mädchen in solcher Stellung kaum anders erwarten kann; auch schien sie mehr verständige Wertschätzung als glühende Hingabe für ihn zu empfinden; das hatten verschiedene kleine Vorkommnisse der Verlobungszeit deutlich gezeigt. Aber eine Braut voll überschwenglicher Gefühle wäre kaum nach seinem Geschmack gewesen. Die ruhige Würde dieser Ehe schien seinem Charakter angemessen und für beide Teile höchst befriedigend. Es ließ sich dabei der innere Gleichmut bewahren, dessen er zur Ausübung eines Berufs bedurfte, der ihn in Anspruch nahm.

Nur ein Umstand machte ihm Sorge. Warum hatte ihm seine Braut während der letzten Woche ihren Anblick gänzlich entzogen? Woher dieser seltsame Wunsch, sich zurückzuziehen in einer Zeit, da man meinen sollte, die Gegenwart des Verlobten müsse für sie ein unabweisbares Bedürfnis sein? – Sie war wirklich kein leicht verständlicher Charakter. Zuweilen hatte er in ihrem kühlen, meist matt umschleierten Blick einen Geist aufleuchten sehen, der nur nach Licht und Luft zu verlangen schien, um sich frei und groß zu entfalten, so daß ihm wohl der Gedanke gekommen war, es schlummere in ihr eine Tatkraft, für die es in dem gewohnten Geleise ihres vornehmen Gesellschaftslebens keinen Spielraum gab. – Weshalb aber wollte sie ihn nicht sehen? Hatte er etwa ihr Mißfallen erregt? Das konnte er kaum glauben. Er hatte ihr reiche Geschenke gesandt, kostbare Gaben, wie sie ihrem feingebildeten Geschmack entsprachen. War sie krank? Dann müßte er als ihr Arzt doch davon unterrichtet worden sein. Sie hatte ja auch das letztemal, als er das Glück gehabt, bei ihr vorgelassen zu werden, wohler und blühender ausgesehen als je zuvor. Eine gewisse nervöse Hast war ihm wohl in ihrem Wesen aufgefallen, doch hatte sie ihm ein weit freundlicheres Entgegenkommen gezeigt als sonst. So kurz dieser letzte Besuch gewesen war, er hatte ihm doch einen tiefen Eindruck hinterlassen; noch sah er im Geist den fast schüchternen Blick, mit dem sie ihn begrüßte, und ihr Lächeln, bei dem er förmlich erschrak, war viel wärmer und inniger als gewöhnlich gewesen. Dann die wenigen raschen Worte – denn selbst an jenem Abend entließ sie ihn bald – und die plötzliche Scheu, als er ihr zum Abschied die Hand bot, all das stand ihm noch deutlich in Erinnerung. Im Augenblick selbst war es ihm nicht weiter aufgefallen, aber jetzt kam ihm vor, als sei in ihrem ganzen Benehmen etwas Neues, Fremdartiges gewesen, das gegen ihr früheres Gehaben abstach. Er war sich des Unterschieds wohl bewußt, wenn er ihn auch nicht erklären konnte. Der Abschiedskuß zum Beispiel, den er erhalten, war nicht kalt und förmlich; ihre Lippen schienen den Druck der seinigen erwidern zu wollen.

Das alles hätte als ein günstiges Zeichen gelten können, als Vorbote größerer Herzenswärme in ihren künftigen Beziehungen, wenn nicht durch das spätere Verhalten der Braut jede derartige Annahme zunichte gemacht worden wäre. Unter diesen Umständen ließ sich eher vermuten, sie habe sich damals in einem unnatürlichen Zustand befunden, es sei vielleicht ein Fieber im Anzug gewesen. War sie krank und verbarg man es ihm? – Des Dieners Ausflüchte: »Fräulein Gretorex bittet, sie zu entschuldigen, da sie gerade sehr beschäftigt ist«, – »Frau Gretorex bedauert sehr, aber das Fräulein ist eben in wichtigen Angelegenheiten ausgegangen«, konnten sehr wohl nichts als höfliche Redensarten sein, um ihm die Wahrheit zu verhüllen. Und doch schien ihm bei ruhiger Betrachtung selbst diese Vermutung nicht stichhaltig. Es müßte ihm ja zu Ohren gekommen sein, wenn sie krank wäre! Vielleicht wollte sie nur den allzustrengen Forderungen der Etikette entgehen, welche ihre Mutter an sie stellte. –

Nun, wie dem auch sein mochte, in wenigen Stunden war sie ja sein Weib, die Gefährtin seines Lebens. Und nun wollte er sich aller Gedanken entschlagen und sich einzig und allein an jenen Kuß erinnern. –

Ein Klopfen an der Tür seines Sprechzimmers riß ihn plötzlich aus seinem Nachsinnen. Ärgerlich erhob er sich. Es konnte noch nicht der Hochzeitswagen sein, der ihn abholen sollte, und er hatte doch ausdrücklichen Befehl erteilt, weder Besucher noch Patienten vorzulassen. Vielleicht war es ein Bote von Fräulein Gretorex! Von diesem Gedanken beseelt, eilte er zur Tür. Diese ging jedoch auf, ehe er noch die Klinke berühren konnte, und zu seiner Überraschung trat ein ihm unbekannter Herr ins Zimmer. Das Wesen des Fremden hatte etwas Einnehmendes; er sprach ruhig, mit merkwürdig sanfter Stimme, doch schien sein Anliegen dringend zu sein.

Ich bedauere, Ihnen lästig zu fallen, sagte er. Ihr Diener teilte mir mit, es sei heute Ihr Hochzeitstag, die Trauung finde um acht Uhr abends statt. Trotzdem erlaube ich mir, Sie um eine Unterredung zu bitten, da es sich um eine dringende außergewöhnliche Sache handelt.

Es fiel Doktor Kameron auf, daß der Mann ihm beim Sprechen nicht frei ins Gesicht sah, sondern den Blick auf irgendeinen Gegenstand im Zimmer heftete, was kein Zeichen von besonderer Offenherzigkeit war; er schien offenbar nicht den höheren Gesellschaftskreisen anzugehören.

Nehmen Sie gefälligst Platz, sagte der Doktor. Sie kommen doch wohl, um sich ärztlichen Rat zu holen?

Das nicht, entgegnete jener, wobei sein Auge mit seltsam mitleidigem Ausdruck bald auf der weißen Halsbinde des Arztes verweilte, bald auf andern unbedeutenden Gegenständen, die auf dem Tische lagen. Ich wünsche den Arzt in Ihnen zu sprechen, wenigstens gewissermaßen, aber ich bin kein Patient, fast möchte ich sagen: leider, fügte er mit so sorgenvollem Ton hinzu, daß des Doktors Teilnahme erwachte, obgleich seine Gedanken natürlich mit ganz anderen Dingen beschäftigt waren.

So sagen Sie mir, was Sie herführt!

Das will ich mit Ihrer Erlaubnis, entgegnete der Fremde in kürzerem geschäftsmäßigem Tone, aber ich fürchte, Sie werden kaum Willens sein, die Geschichte anzuhören, welche ich Ihnen zuvörderst zu erzählen habe. An sich ist sie zwar nicht ohne Interesse, paßt aber so wenig zu Ihrer jetzigen Stimmung, daß Sie sich mit Geduld wappnen müssen. Doch ist es nicht zu vermeiden; ich muß sie erzählen, und Sie müssen sie hören – jetzt, gleich, ohne mich zu unterbrechen – ich kann Ihnen nicht helfen.

Das klang beunruhigend, besonders da der Sprecher nicht den Eindruck eines allzuempfindsamen Menschen machte. Er schien von einem ganz bestimmten Beweggrund getrieben, jedes seiner Worte genau abzuwägen und sich aller Übertreibung zu enthalten.

Darf ich um Ihren Namen bitten? fragte Doktor Kameron.

Er wird Ihnen schwerlich bekannt sein, war die ruhige Antwort, es wäre mir lieber gewesen, Sie hätten nicht danach gefragt. Da es aber von höchster Wichtigkeit ist, daß Sie mir Ihr Vertrauen schenken, erlaube ich mir, Ihnen mitzuteilen, daß ich Gryce [*] heiße, Ebenezer Gryce, und Beamter der Geheimpolizei bin.

Doktor Kamerons Befürchtungen verschwanden gänzlich. Was jener auch zu sagen hatte, die Polizei konnte weder mit ihm noch mit einem der Seinigen irgend etwas zu schaffen haben.

Sie unterschätzen Ihren Ruf, entgegnete Kameron höflich; Ihr Name ist mir wohlbekannt. Sie bedürfen meines Beistandes vermutlich für ein ärztliches Gutachten?

Der Detektiv wandte den düstern Blick von dem lachenden Cherub auf dem Kaminsims ab und dem Doktor zu, ohne jedoch dessen verbindliches Lächeln zu erwidern oder seine Art und Weise zu ändern.

Wir werden uns am schnellsten verständigen, wenn ich meine Geschichte erzähle, sagte er und begann ohne weiteres.

Zweites Kapitel.

Ich fange an alt zu werden, erzählte Gryce, und habe meine Schwächen. Doch gibt es noch immer Sachen, die man nur mir allein anvertraut, solche nämlich, bei denen die Ehre angesehener Leute auf dem Spiele steht. Daher nahm es mich nicht wunder, als ich vor drei Tagen zu einer Dame, sagen wir Frau A., gerufen wurde, wegen eines Geschäfts, das die strengste Verschwiegenheit erforderte. Ich beeilte mich, dem Ruf Folge zu leisten, denn Frau A. ist eine hochangesehene Dame, und ihr Mann besitzt Einfluß in weiten Kreisen.

Frau A. hatte meine Ankunft bereits sehnlich erwartet und teilte mir sofort mit, was sie bekümmerte.

Sie sehen mich in einem schwierigen Dilemma, Herr Gryce, sagte sie, es hat sich in meiner Familie ein Vorfall zugetragen, der uns möglicherweise in Schmach und Schande stürzen kann. Ich brauche Ihre Hilfe, um zu entscheiden, ob unsere Furcht begründet ist oder nicht. Ist letzteres der Fall, so werden Sie vergessen, daß Sie jemals in dieses Haus gerufen worden sind.

Ich verbeugte mich, im stillen begierig, die Ursache ihrer ungewöhnlichen Erregung zu erfahren. Einen Sohn, der ihr durch seine Ausschweifungen Sorge machen konnte, besaß sie nicht, und ihr Mann war über jeden Verdacht erhaben. Die Dame ließ mich nicht lange im Dunkeln.

Ich habe eine Tochter, Herr Gryce, sagte sie, es ist unser einziges Kind, das wir immer zärtlich geliebt haben. Hier blickte sie sich ängstlich um, als fürchte sie, belauscht zu werden; sie hat uns verlassen, fuhr sie fort, aber nur wenige Leute im Hause wissen darum; sie ging fort, ohne zu sagen wohin – plötzlich, auf unbegreifliche Weise, nur die notdürftige Erklärung ihres Schrittes hinterlassend – und – und –

Aber gnädige Frau, unterbrach ich sie, wenn sie überhaupt eine Erklärung zurückgelassen hat, so – –

Frau A. nahm einen kleinen zerknitterten Zettel aus der Tasche und reichte ihn mir.

Dieser Brief kam durch die Post, sagte sie. Ich hätte meiner Tochter keine verständige Bitte versagt, wäre sie zu mir gekommen, denn ich war daheim, als sie das Haus verließ.

Rasch hatte ich die wenigen Zeilen durchflogen; sie lauteten:

»Liebe Mutter!

Ich brauche Ruhe. Deshalb gehe ich auf einige Tage fort, werde aber am 27. wieder zurück sein. Mache Dir keine Sorge,

Deine Dich liebende –«,

Nun? fragte ich, was ist denn so ungewöhnlich hierbei? Sie sagt, sie werde am 27. zurücksein, und heute ist erst der 24.

Nie zuvor, erhielt ich zur Antwort, ist meine Tochter von uns gegangen, ohne zuvor unsere Erlaubnis einzuholen. Der Augenblick könnte auch nicht schlechter gewählt sein. Die Einladungskarten zu ihrer Hochzeit, die am 27. stattfinden soll, sind bereits abgeschickt.

Gryce hielt plötzlich inne – Doktor Kameron war erschreckt emporgefahren.

Kein Wunder, daß Sie Anteil daran nehmen, bemerkte der Detektiv in trockenem Tone, da Ihre eigene Hochzeit so nahe bevorsteht.

Der Doktor hatte sich schon wieder gesetzt; er wandte den Kopf vom Lichte ab, bemüht, seiner Erregung Herr zu werden, während Gryce fortfuhr:

Noch schien mir kein Grund für Frau A.'s verzweifelte Angst vorzuliegen; ich erkundigte mich daher, ob sie glaube, daß ihre Tochter das Haus verlassen habe, um der bevorstehenden ehelichen Verbindung zu entfliehen.

Ich weiß nicht, was ich denken soll, erwiderte sie trostlos, meine Tochter ist seit einiger Zeit völlig verändert. Auch meinem Mann ist es aufgefallen. Wir hatten jedoch keine Ahnung, daß sie etwas so Schreckliches beabsichtige. Wohin sie nur gegangen ist? Was wird aus ihr werden? Was sollen wir der Welt sagen? Wie können wir es ihrem Bräutigam mitteilen?

Sie glauben also –

Daß sie an vorübergehender Geistesstörung leidet; die Aufregungen der letzten Wochen mögen schuld daran sein. Es wird am Ende nichts übrig bleiben, als zu warten, ob sie zu ihrem Hochzeitstag zurückkommt.

Hierauf wußte ich nur eine Erwiderung: Warum ziehen Sie ihren Bräutigam nicht ins Vertrauen, teilen ihm Ihre Besorgnis mit und versichern sich seines Beistandes, um sie aufzusuchen?

Die Antwort auf diese Frage überraschte mich:

Unser und sein Stolz verbieten das, erwiderte die Dame. Bei derartigen Erklärungen würde sicher manches zur Sprache kommen, was für ihn ebenso demütigend wäre wie für uns. Zudem ist die Lage vielleicht weniger verzweifelt, als wir meinen. Die Möglichkeit, daß sie wirklich rechtzeitig zurückkehrt, ist ja nicht ausgeschlossen. Wir müßten dann zeitlebens bedauern, uns ihm gegenüber auf Bekenntnisse eingelassen zu haben.

Seit wie lange ist Ihnen denn schon die Veränderung im Wesen Ihrer Tochter aufgefallen? fragte ich.

Erst seitdem die letzten Vorbereitungen zur Hochzeit getroffen wurden. Mich wundert, daß ihr Bräutigam nie eine Bemerkung darüber hat fallen lassen; denn gerade ihm gegenüber benahm sie sich am seltsamsten. Seit Wochen gewährte sie ihm jede Zusammenkunft nur wie eine besondere Gunst, ja sie weigerte sich sogar in den letzten Tagen mehrmals geradezu, ihn zu empfangen.

Und welche Gründe gab sie dafür an?

Ermüdung, Verstimmung, einen dringenden Brief, eine Schneiderin, die nicht warten dürfe – die erste beste Ausrede, die ihr einfiel.

Dennoch wurden die Vorbereitungen zur Hochzeit fortgesetzt?

Freilich, und die Einladungen herumgeschickt!

Der Ton der letzten Worte gab mir zu denken. Frau A. galt für herablassend, menschenfreundlich, wohltätig, aber sie war eine Weltdame. Ein Verstoß gegen gesellschaftliche Sitte und Herkommen schien ihr ein Ding der Unmöglichkeit. Nachdem ihre Tochter einmal dem angesehenen Manne ihr Jawort gegeben, war dies in ihren Augen unwiderruflich, da sie sich außer stande fühlte, das Gerede und Aufsehen zu ertragen, welches ein Bruch nach sich ziehen mußte. Dies erwägend sagte ich:

Wenn ich Ihnen in Ihrer Bedrängnis beistehen soll, müssen Sie mir gegenüber vollkommen offen sein. Hat Ihre Tochter je den Wunsch ausgesprochen, die Verlobung rückgängig zu machen?

Sie hat einmal gefragt, erwiderte Frau A., ob es zu spät dazu sei. Hierauf konnte ich ihr nur eine Antwort geben, und sie hat nie wieder etwas davon erwähnt. Aber, fügte die unglückliche Mutter schnell hinzu, das war nur eine geistige Verirrung. Sie hat nichts an ihrem Bräutigam auszusetzen – ist durchaus nicht gegen ihn eingenommen.

Nur gegen die Ehe? fragte ich.

Ohne Zweifel.

Und Sie glauben, daß sie den Mann liebt, den sie heiraten soll?

Die Antwort erfolgte zögernd: Als er ihr seinen Antrag machte, war sie beglückt.

Glauben Sie, daß sie einen andern liebt? fragte ich kühn.

Die Mutter schrak entsetzt zurück. O nein, sagte sie, sicherlich nicht. Wie wäre das möglich? In unserm ganzen Bekanntenkreise kommt ihm keiner gleich.

Dies war für den betreffenden Herrn sehr schmeichelhaft, befriedigte mich jedoch nicht.

Mädchen haben zuweilen wunderliche Grillen, wie Sie wissen, sagte ich.

Meine Tochter ist kein junges, unerfahrenes Ding, mein Herr; sie hat sich bisher in allen Lebenslagen klug und urteilsfähig gezeigt.

Hierauf hatte ich nichts zu erwidern. Ich sah, daß Frau A. in vollem Ernst überzeugt war, ihre Tochter leide an einer Art Geistesstörung. Sie teilte mir mit, daß sie in letzter Zeit selbst den Umgang mit der Familie gemieden und sich einzig und allein mit der Sorge um ihre Garderobe beschäftigt habe. Für ihre Schneiderin war sie stets zu sprechen, fügte sie hinzu; jede andere Verabredung mußte zurückstehen, sobald es sich um die Anprobe der neuen Kleider handelte, die eins nach dem andern ins Haus geschickt wurden. Selten hat wohl eine Braut sich so eingehend mit diesen Dingen befaßt. Schon darum ist noch nicht alle Hoffnung auf ihre Rückkehr geschwunden, denn sie wird ihre neuen Kleider doch sehen wollen.

Sie hat ihre Kleider also nicht mitgenommen?

Sie hat gar nichts bei sich.

Wie, keinen Koffer?

Nichts. Das heißt, nur eine kleine Handtasche.

Woher wissen Sie das?

Wir sahen sie ja fortgehen, ganz als wolle sie Stadtbesorgungen machen.

Aber Geld hatte sie doch?

Jedenfalls nicht viel. In ihrem Pult lag ein Päckchen Banknoten. Mein Mann sagt, es sei fast die ganze Summe, die er ihr in letzter Zeit gegeben. Mehr als fünf Dollars wird sie schwerlich bei sich haben.

Dieser Punkt war nicht ohne Bedeutung. Das Mädchen mußte sich entweder zu Bekannten begeben haben oder sie hatte wirklich den Verstand verloren. Auf mein Befragen nannte mir Frau A. die Häuser, in welchen ihre Tochter zu verkehren pflegte, fügte jedoch hinzu, daß die beste Freundin ihrer Tochter sich augenblicklich in Europa aufhalte, und sie mit den übrigen Familien nicht vertraut genug sei, um sie zu solcher Zeit aufzusuchen.

Und sie hat wirklich kein Gepäck bei sich?

Nein. Bei der Durchmusterung ihrer Sachen habe ich nichts vermißt. Auch ihren Schmuck und ihre Uhr hat sie zurückgelassen.

Dies beunruhigte mich. Ich suchte in dem Blick der Mutter zu lesen, ob sie wirklich nichts Schlimmeres befürchte, als was sie mir gegenüber geäußert hatte. War sie denn blind für die so naheliegende Möglichkeit? Darüber mußte ich mir Gewißheit verschaffen.

Bei meinen Bemühungen, Ihre Tochter aufzufinden, Frau A., sagte ich, wird mir der Umstand, daß sie so wenig Geld bei sich hat, sehr zustatten kommen. Aber zuerst muß ich mich überzeugen, ob nicht eine dritte Person – männlichen Geschlechts – bei der Sache beteiligt ist. Sie sind also ganz sicher, daß sie sich nicht insgeheim für einen Unbekannten interessiert?

Ich kann Ihnen nur ihre eigenen Worte wiederholen, versetzte die arme Mutter. Als ich sie das letztemal sah (das war vorgestern abend), war sie so fieberhaft erregt und so anders als sonst, daß ich nicht umhin konnte, meine Besorgnis zu äußern, sie könne noch vor der Hochzeit erkranken. Da brach sie in ein unnatürliches Lachen aus, das mir noch in den Ohren klingt und sagte: Ich denke gar nicht daran, krank zu werden, wenigstens gewiß nicht, bis ich den Doktor geheiratet habe.

Der Detektiv schwieg einen Augenblick. Dann fragte er:

Sagte ich Ihnen bereits, daß Fräulein A.'s Bräutigam Arzt ist?

Dies war mehr, als der von Ungewißheit gefolterte Zuhörer ertragen konnte. Doktor Kameron sprang auf und rief in heftigem Ton:

Sie treiben Ihr Spiel mit mir! Es handelt sich um meine eigene Braut, und Sie wickeln hier vor mir eine endlos weitläufige Geschichte ab! Alles, was ich zu wissen begehre, ist, ob ich meine Braut zur bestimmten Zeit am Altar finde oder das Opfer eines öffentlichen Skandals werden soll, der meine ganze spätere Laufbahn schädigen muß. Jetzt ist es halb fünf Uhr, um acht –

Ich weiß es, unterbrach ihn der andere, aber mein Name ist Ebenezer Gryce; »Eile mit Weile«, ist mein Wahlspruch. Habe ich Ihre Zeit in Anspruch genommen, um meine Geschichte zu erzählen, so geschah dies nur, weil –

Aber des Doktors Geduld war zu Ende.

Nur eines sagen Sie mir, rief er aus: ist Fräulein Gretorex in ihr Elternhaus zurückgekehrt, ja oder nein?

Nein, war die Antwort.

Sie hat auch keine Nachricht gegeben?

Der Detektiv schüttelte den Kopf.

Doktor Kameron biß sich auf die Lippen, stieß dann ein heiseres Lachen aus und wandte sich nach dem Fenster.

Die Trauung wird demnach nicht stattfinden, sagte er in trockenem Ton, und ich kann den Hochzeitswagen wieder abbestellen.

Im Gegenteil, flüsterte Gryce, zu ihm herantretend, wir brauchen den Wagen sofort. Bis er hier ist, hören Sie meine Geschichte zu Ende.

Wollen Sie mich noch länger auf die Folter spannen? Gut, es sei, ich ergebe mich. Sagen Sie, was Sie wissen und wohin Sie mich führen wollen!

Nach dem C-Hotel, entgegnete der andere und drückte auf die elektrische Klingel.

Eine schöne Fahrt an meinem Hochzeitstage. Und der Zweck?

Dort befindet sich eine Person, die sich Mildred Farley nennt und täuschend aussieht, als wäre sie das Original des Bildes über Ihrem Kaminsims.

Den Doktor überlief es kalt.

Ist es das wirkliche Original? fragte er.

Wenn ich das wüßte, bedürfte ich Ihrer nicht. Ich würde dann mit Frau Gretorex hinfahren.

Und weshalb tun Sie das nicht so wie so?

Das Erscheinen einer so stadtbekannten Persönlichkeit in dem Hotel am Hochzeitstag ihrer Tochter würde Aufsehen erregen. Bei Ihnen ist das etwas anderes. Sie sind Arzt; Ihre Anwesenheit erweckt nirgends Argwohn. Ich verschaffe Ihnen Gelegenheit, die junge Dame zu beobachten, ohne von ihr gesehen zu werden.

Und wenn sie wirklich die Fremde ist, für die sie sich ausgibt?

So fahren Sie so schnell als irgend möglich nach dem Hochzeitshaus, in der sichern Voraussicht, dort Ihre Braut zu begrüßen.

Doktor Kameron zauderte nicht länger.

Der Wagen war bestellt, und während des Wartens beendete der Detektiv seinen Bericht. Reden Sie nur, sagte der Doktor, ich kann jetzt zuhören. Das Schlimmste weiß ich ja.

Es scheint, daß Frau Gretorex zu dem Scharfsinn der Polizei ein ganz unbegrenztes Vertrauen hegt, begann Gryce wieder, sonst hätte sie schwerlich glauben können, daß die Auskunft, die ich von ihr erhalten, mir die Erfüllung meiner Aufgabe binnen drei Tagen ermöglichen würde. Lief doch alles, was ich wußte, darauf hinaus, daß ihre Tochter das Haus verlassen hatte, ohne Gepäck mitzunehmen. Um nicht auf eine falsche Fährte zu geraten und die so kostbare Zeit zu verlieren, ließ ich mir vor allem die Photographie der jungen Dame einhändigen und bat um Erlaubnis, auch bei der Dienerschaft Erkundigungen einziehen zu dürfen.

Aber, rief die geängstigte Mutter, niemand im Hause ahnt etwas davon, daß meine Tochter sich ohne Wissen und Willen ihrer Eltern entfernt hat. Sobald die Dienstboten ins Vertrauen gezogen werden, ist das Geheimnis schon so gut wie verraten.

Ich werde meine Fragen so einzurichten wissen, daß kein Mensch ihren wahren Zweck argwöhnen soll.

Die Dame sah mich mit seltsamem Blicke an. Eine Dienerin, sagte sie, ist kürzlich aus dem Hause entlassen worden. Es geschah auf Wunsch meiner Tochter, welche eine Abneigung gegen die Person gefaßt hatte. Ich selbst hatte nichts gegen sie und war mit ihrer Arbeit zufrieden; bei dem reizbaren Gemütszustand meiner Tochter schien es mir jedoch besser, ihr den Willen zu tun. Vielleicht könnten Sie sich an dieses Mädchen wenden.

Hier schien sich eine Handhabe zu bieten. Gab denn Ihre Tochter Gründe für ihre Abneigung an? fragte ich.

Nichts Erhebliches; sie meinte, es sei eine neugierige, zudringliche Person; wahrscheinlich hatte sie sich zuviel mit der Aussteuer ihrer jungen Herrin zu schaffen gemacht, entgegnete Frau Gretorex; ihr Ton ließ deutlich erkennen, eine Dienerin könne unmöglich etwas über den Aufenthalt ihrer stolzen Tochter wissen, was ihr, der Mutter, verborgen geblieben. Auf mein Verlangen erhielt ich jedoch das Mädchens Adresse und begab mich in die bezeichnete Wohnung, nachdem alle übrigen polizeilichen Vorkehrungen getroffen waren.

Es wäre unnötig, Ihnen weitläufig über meine Unterredung mit der Dienerin zu berichten. Sie verlief wie tausend andere, die ich bei ähnlichen Gelegenheiten gehabt. Ohne es selbst gewahr zu werden, plauderte sie alles aus, was sie über Fräulein Gretorex wußte und vieles andere, was nicht zur Sache gehörte. Ihr Geschwätz drehte sich hauptsächlich um ein Mädchen, welches häufig ins Haus kam, um für ihre Herrin zu nähen; ich mußte es wohl oder übel mit anhören, um den einen wichtigen Umstand zu erfahren, den sie mitzuteilen hatte, daß sie nämlich einmal die junge Dame beim Briefschreiben überrascht habe. Diese sei rot vor Zorn über die Störung geworden, habe die Dienerin heftig gescholten und ihr mit der Entlassung gedroht, die denn auch später erfolgte. –

Und der Brief? fragte Doktor Kameron, der sich vergeblich mühte, äußerlich ruhig zu erscheinen.

Er war nur eben begonnen: »Mein geliebter D–« war alles, was das Mädchen lesen konnte. Vielleicht an den künftigen Ehegatten gerichtet, wer weiß?

Höchst wahrscheinlich, lautete des Doktors spöttische Erwiderung.

Der Detektiv wußte genug. Also nicht an den künftigen Gatten, sagte er ernst. Auch sonst ist unter ihren Bekannten keiner, dessen Namen diesen Anfangsbuchstaben trägt. Dies bestärkte mich in meiner ursprünglichen Vermutung, daß nämlich bei Fräulein Gretorex's Verschwinden eine dritte Person die Hand im Spiele habe. Ich traf meine Maßregeln danach, schickte eine genaue Beschreibung ihrer Person und Kleidung an die verschiedensten Orte, ließ überall nach ihr forschen und alle ihre Freunde ausfragen. Sogar hier in Ihrem Sprechzimmer, Herr Doktor, hat ein Geheimpolizist eine halbstündige Unterredung mit Ihnen geführt, ohne daß Sie eine Ahnung hatten, was sein eigentlicher Zweck sei. Alle Bemühungen schienen jedoch fruchtlos bleiben zu sollen. Da erhielt ich am heutigen Morgen die Nachricht, daß eine Person, auf welche meine Beschreibung paßt, in einem gewissen Speisehaus zu Mittag gegessen und sich dann nach dem C-Hotel begeben habe, wo sie in Zimmer 153 zu finden sei. Eine halbe Stunde später war ich dort und fünf Minuten darauf hatte ich sie gesehen.

Und war es – war es – stammelte der Doktor.

Ich sagte Ihnen schon, daß ich das Original jenes Bildes zu sehen glaubte, bemerkte Gryce. Doch kann ich nicht darauf schwören, daß es Fräulein Gretorex ist. Sie trägt wohl die Züge der verschwundenen Braut, aber ihre Kleidung ist nicht ganz dieselbe, in welcher das Fräulein ihr Elternhaus verlassen haben soll. Ein alter Praktikus, wie ich, legt Gewicht auf dergleichen Unterschiede. So steht zum Beispiel in der Beschreibung: » ein feines blaues Tuchkleid mit schwarzer Borte besetzt«; nun hat jene Person zwar ein blaues Kleid an, aber von grobem Stoff und ohne schwarze Borte. Auch trägt sie eine Uhr, und wir wissen, daß Fräulein Gretorex die ihrige zurückgelassen hat. Indessen, fuhr er fort, als sähe er Doktor Kamerons Miene sich erhellen, während er doch nach einer ganz andern Richtung blickte, die Kleidung läßt sich leichter verändern als das Gesicht. Für die kleinen Abweichungen von der Beschreibung weiß ich zwar noch keine Erklärung, aber nach meiner Überzeugung ist die Person im Zimmer 153 des C-Hotels die Dame, welche wir suchen. Mit Ihrer Hilfe werden wir bald Gewißheit darüber erlangen.

Wenn aber, sagte der Doktor mit finsterem Blick, jener Dritte, von dem Sie sprachen, die Hand im Spiele hat –

Der Wagen ist da! rief Gryce. Er erhob sich entschlossen, und der Doktor folgte ihm ohne Widerrede.

Drittes Kapitel.

Die Fahrt nach dem ziemlich abgelegenen Hotel wurde schweigend zurückgelegt. Gryce sah zum Wagenfenster hinaus, und Doktor Kameron fühlte sich durchaus zu keiner Unterhaltung aufgelegt; er war beunruhigt und voll düsterer Gedanken. Der unerwartete Schlag, den er erlitten, hatte seinen Stolz schwer getroffen – nicht sein Herz, das erkannte er jetzt deutlich. Er dachte nur an die Demütigung, die man ihm bereitete und die einen dunkeln Schatten auf seine ganze Zukunft zu werfen drohte. Es war entsetzlich, war völlig unerträglich! Sollte er wirklich hinters Licht geführt, schändlich betrogen worden sein und nun als verschmähter Liebhaber und Bräutigam vor der Welt dastehen! –

Hundert Einzelheiten stiegen in seiner Erinnerung auf und bezeugten, daß dies stolze, kalte Weib zwar seine Werbung angenommen, aber ihn nie geliebt, noch seine Gegenliebe begehrt habe. Es wurde ihm schrecklich klar, daß nicht er der Gegenstand ihres Denkens und Fühlens gewesen. Was er für vornehme Zurückhaltung, edle Selbstherrschung und weibliche Würde gehalten hatte, war im Grunde nichts als kühle Berechnung, hinter welcher sich innere Gleichgültigkeit, ja Abneigung verbarg. Mit bitterem Hohnlachen gestand er sich, daß er von alledem keine Ahnung gehabt, bis heute an seinem Hochzeitstage. Er hatte ihr kostbare Geschenke gespendet und sein Haus geschmückt, um eine Braut zu empfangen, und diese verließ unter der elendesten Ausflucht heimlich ihr Elternhaus, um ihm zu entrinnen! Mußte das nicht den sanftmütigsten Menschen empören, mußte es nicht einen edlen, angesehenen Mann in einen Menschenverächter umwandeln? Die furchtbare Erregung stand ihm im Gesicht geschrieben, krampfhaft ballte er die Hand – sein Entschluß war gefaßt: befand sich, wie er fürchtete, Fräulein Gretorex hier im Versteck und nicht in ihres Vaters Haus bei der Vorbereitung für die Feier, zu welcher sich Hunderte von Gästen versammeln sollten, dann war auch seines Bleibens hier nicht länger. Er wollte die Stadt verlassen, wollte aus seinem Vaterlande fliehen, um nicht dem Hohn seiner Feinde und dem ihm gleichermaßen verhaßten Mitleid seiner Freunde zu begegnen. Schon sah er sich im Geist mitten auf dem Ozean – da hielt der Wagen. Vor ihm lag das Hotel, und seine Gedanken nahmen eine andere Richtung.

Wie viel Uhr ist es? fragte er schnell.

Gerade fünf Minuten vor sechs, antwortete der Detektiv.

So spät! Wenn mir nun das Schicksal günstig ist, und Ihre Vermutung sich als falsch erweist, so werde ich nicht mehr vor acht Uhr auf dem St. Nikolaus-Platz sein können.

Doch, entgegnete sein Begleiter; wir haben genau achtzig Minuten zur Herfahrt gebraucht, in achtzig Minuten gelangen wir zurück. Rechnen wir zehn Minuten auf unser Geschäft hier, so behalten Sie noch eine volle halbe Stunde, um den Hochzeitsfrack anzulegen und rechtzeitig Ihre Rolle bei der bevorstehenden Feierlichkeit zu übernehmen.

Im Begriff, das Hotel zu betreten, stand Doktor Kameron plötzlich still.

Ich erinnere Sie an Ihr Versprechen, sagte er, sie darf mich nicht sehen!

Ich werde Wort halten.

Suchen Sie überhaupt soviel wie möglich jedes Aufsehen zu vermeiden.

Gryce zuckte mit den Achseln. Verlassen Sie sich darauf! erwiderte er kurz.

Sie stiegen die Treppe hinauf, durchschritten den Vorsaal und blieben in einem dunklen Gange stehen.

Warten Sie! flüsterte der Detektiv und trat auf ein Zimmermädchen zu, das sich in der Nähe befand.

Er wechselte einige wenige Worte mit ihr, worauf sie schnell an dem Doktor vorbei auf eine Türe zuschritt, einen Schlüssel aus der Tasche zog und öffnete.

Das Zimmer 153 ist besonders für unsern Zweck geeignet, flüsterte Gryce, während das Mädchen eintrat, und sie beide einen Augenblick allein blieben. Es hat außer der Haupttür noch diese andere, die selten benützt wird. Sie führt in einen mit Vorhängen versehenen Alkoven. Das Mädchen ist hineingegangen, um nach den Befehlen der Dame zu fragen. Beim Herauskommen wird sie die Türe angelehnt lassen.

Doktor Kameron wurde dunkelrot und trat einen Schritt zurück.

Das sind elende Schleichwege, murmelte er.

Es bleibt uns keine Wahl, versetzte der andere, und als das Mädchen wieder herauskam, fügte er hinzu, so daß diese es hören mußte: Wenn es die Kranke ist, die Sie suchen, werden die Eltern Ihnen für Ihren Beistand aufrichtigen Dank wissen.

Doktor Kameron bezwang sein natürliches Widerstreben und folgte finstern Blickes dem Detektiv, der schon die Zimmerschwelle überschritten hatte.

Der Alkoven, den sie betraten, war ein düsteres Gemach, in welchem neben dem Bett und dem Kleiderschrank nur noch wenig Platz blieb. Zwischen den schweren Vorhängen, die den Raum von dem dahinter befindlichen Zimmer trennten, bemerkte der Doktor einen schmalen Lichtstreifen; rasch schritt er nach der Öffnung und blickte hindurch.

Es war ein erschütternder Anblick, der sich ihm bot. Ein Weib kniete vor dem Feuer, den hoffnungslosen Blick starr auf ein Papier gerichtet, das soeben im Kamin zu Asche verzehrt ward. Die flammende Glut verlieh ihren bleichen Wangen keine Farbe, sie sah aus, als ob es für ihr verzweifeltes Herz keinen Trost, keine Hoffnung gäbe, weder in dieser Welt noch in einer zukünftigen. Des Doktors schneller Blick haftete auf den Zügen und der Gestalt der Knienden. Augenblicklich wußte er, daß es niemand anders war als Genofeva Gretorex.

Als er zurücktrat, stand ihm die Wahrheit deutlich auf dem Gesicht zu lesen. Der Detektiv nahm ihn beim Arm und zog ihn, ohne ein Wort zu sagen, nach dem Ausgang hin. Aber ein Gefühl des Erbarmens mit dem Jammer, den er geschaut, trieb den Doktor noch einmal an den Vorhang zurück. Sein Blick war milder, während er hindurchsah, und schon hob er, wie in unbezwingbarem Drang, die Hand, um den Vorhang zurückzuschlagen und einzutreten, als ihn sein Gefährte fest am Arm ergriff. Er gab diesem wohlgemeinten und entschiedenen Winke nach, wandte sich und folgte Gryce auf den Gang hinaus.

Also kein Irrtum? fragte der Detektiv.

Kameron schüttelte den Kopf.

Leise schloß Gryce die Tür, durch welche sie gekommen waren. Es ist nicht die Person, welche wir suchen, sagte er zu dem in der Nähe wartenden Mädchen, dem er den Schlüssel übergab. Dann wandte er sich ruhig der Treppe zu, aber der Doktor hielt ihn zurück.

Was werden Sie nun tun? fragte er. So schnell wie möglich nach dem St. Nikolaus-Platz fahren.

Und ich? – was meinen Sie?

Der Detektiv sagte mit einer kurzen Handbewegung: Ich möchte Ihre weiteren Schritte nicht beeinflussen.

Allein Kameron ließ ihn noch nicht los.

Herr Gryce, sagte er, haben Sie die junge Dame selbst gesehen?

Freilich, war die Antwort, kurz ehe ich Sie aufsuchte.

Ist Ihnen aufgefallen, wie bleich, wie unglücklich sie aussieht?

Nicht daß ich wüßte.

Sie ist ein wahres Bild der Verzweiflung.

Gryce zog die Hand vom Treppengeländer zurück.

Ihre eigene Gemütsbewegung muß Sie täuschen, sagte er. Noch vor drei Stunden sah sie blühend und hoffnungsvoll aus.

Überzeugen Sie sich selbst, sagte der Doktor, wenn mich nicht alles trügt, ist es ein elendes, verzweifeltes Weib, das wir da drinnen zurücklassen.

Der Detektiv zögerte nicht länger. Leise schlich er zurück, verschaffte sich den Schlüssel zum zweitenmal, sah mit eigenen Augen und trat ganz verstört wieder heraus.

Unbegreiflich! schien der Blick zu sagen, mit dem er dem gefälligen Dienstmädchen den Schlüssel abermals einhändigte. Dieses mußte sein Staunen wohl bemerken und ließ einige Worte fallen, bei welchen Gryce in seltsame Aufregung geriet. Er stellte noch mehrere kurze Fragen und eilte dann schnell ins Bureauzimmer hinunter, aber nicht auf der Treppe, an welcher Doktor Kameron wartete. Fünf Minuten vergingen, ohne daß er zurückkam; der Doktor wollte eben die Geduld verlieren, als der Detektiv unten an der Treppe erschien und ihn zu sich herabwinkte. Kameron eilte hinunter und bemerkte sofort, daß mit Gryce etwas Besonderes vorgegangen sein müsse.

Nun, fragte er, haben Sie sich überzeugt?

Gryce lachte – er tat das nur zuweilen – und eilte dem Ausgang zu. Kommen Sie, rief er, wir haben keine Zeit zu verlieren.

Sie vielleicht nicht, sagte der Doktor entschlossen; aber mein Platz ist hier. Fräulein Gretorex sah aus, als bedürfe sie eines Freundes, und wenn sie in der Tat gemütskrank ist, so –

Hören Sie, erwiderte der andere in kurzem, scharfem Ton, vor fünf Minuten noch hätte ich Ihnen vielleicht beigestimmt, aber ich habe etwas erfahren, was meine Ansicht von der Sache ändert. Seit ich vor drei Stunden die Dame sah, hat sie den Besuch eines Herrn empfangen. Er ist eine volle Stunde bei ihr im Zimmer gewesen und beim Herausgehen – nehmen Sie alle Ihre Kraft zusammen, wenn Sie das Fräulein wirklich geliebt haben – hat er dem Dienstmädchen, das wir oben sahen, hinterlassen, er werde wieder kommen und einen Geistlichen mitbringen; man möge das Zimmer, in welchem er die Dame soeben gesprochen, in Bereitschaft halten, da er sich am Abend dort mit ihr trauen lassen wolle. Unten im Bureau hat er seinen Auftrag wiederholt, und –

Sein Name? Wie heißt der Elende? Oder hat er sich nicht genannt? Reden Sie schnell, damit ich meine ganze Schmach auf einmal erfahre.

Er hat eine Karte dagelassen. Der Name ist Ihnen vielleicht bekannt, erwiderte der Detektiv, indem er dem Doktor eine Visitenkarte überreichte, auf welcher die Worte standen:

Dr. Julius Molesworth.

Molesworth, wiederholte er im Tone ungläubigen Staunens. Unmöglich. Ein Fremder hat sich seiner Karte bedient.

Meinen Sie?

Ganz bestimmt! Die zwei können keinesfalls etwas miteinander zu schaffen haben, das muß jedem einleuchten. Molesworth hat mit mir dieselbe Hochschule besucht, ist ein tüchtiger Arzt und beim Gesundheitsamte angestellt. Seine Privatpraxis beschränkt sich auf bedürftige Kranke. Wie in aller Welt sollen sie sich kennen gelernt haben?

Es liegt immerhin im Bereich der Möglichkeit.

Und wenn auch, er hätte sie schwerlich für sich eingenommen. Er ist einer der überspanntesten Menschen, die mir je vorgekommen sind. Dabei richtete Doktor Kameron seine schöne männliche Gestalt zu ihrer vollen Höhe auf. Die Bewegung ließ sich nicht mißverstehen.

Gryce schüttelte lächelnd den Kopf und entgegnete: Wir können darüber leicht ins Klare kommen. In das Bureau eintretend, begehrte er eine nähere Beschreibung des Herrn, welcher die Karte abgegeben.

Eine ganz eigentümliche Erscheinung, war die Antwort. Ein Mann, der weiß, was er will. Er ist von mittlerem Wuchs, hat dunkles Haar und trägt keinen Bart. Sein Lächeln ist angenehm, aber wenn er finster blickt, könnte man sich vor ihm fürchten. Was seinen Anzug betrifft, so –.

Aber Doktor Kameron hatte genug gehört.

Schnell fort von hier! rief er und eilte seinem Begleiter voran.

Viertes Kapitel.

Als sie draußen standen, blickte der Doktor, welchen der letzte Schlag förmlich betäubt hatte, wie rat- und ziellos umher. Gryce nahm ihn am Arm und suchte ihm begreiflich zu machen, daß jetzt Eile nottue.

Eile? wiederholte Kameron mechanisch; was sollte mich wohl zur Eile treiben? Wo die Braut fehlt, wird der Bräutigam nicht vermißt.

Mir liegt natürlich zunächst die Pflicht ob, den Eltern über den Aufenthaltsort ihrer Tochter Mitteilung zu machen; aber ich dächte, auch für Sie gäbe es etwas zu tun.

Hier? Das mag sein.

Wollen Sie es versuchen? Die Dame ist jetzt allein – vielleicht gelingt es Ihnen –

Nein, unterbrach ihn der andere, voll Abscheu in Miene und Gebärde, das vermag ich nicht. So weit reicht weder meine Liebe, noch mein Erbarmen.

Er eilte nach dem Wagen und sprang hinein; Gryce folgte und nahm ihm gegenüber Platz.

Nach der Stadtbahn! rief er dem Kutscher zu.

Wir haben durch diese unerwartete Entdeckung volle zehn Minuten verloren, wandte er sich wie zur Entschuldigung an den Doktor, die müssen wir wieder einholen, so gut es geht.

Kameron nickte schweigend; eine völlige Gleichgültigkeit schien sich seiner bemächtigt zu haben. Jener fuhr indessen fort:

Ich möchte Ihnen doch auseinandersetzen, wie ich mir die Sache erkläre. Wollen Sie mich anhören?

Was bleibt mir anderes übrig? war die herbe Antwort.

Nun also: Fräulein Gretorex hatte sich mit Ihnen verlobt und schien sich als Ihre Braut glücklich zu fühlen, bis dies Glück durch einen Umstand gestört wurde, den wir nicht kennen; doch werden wir kaum fehlgehen, wenn wir ihn nicht mit Molesworth in Verbindung bringen. Nun wünscht sie die Brautschaft aufzulösen, aber ihre Mutter, an die sie sich wendet, sagt ihr, es sei zu spät. Einem unverständlichen Drange folgend, verläßt sie ihr Elternhaus drei Tage vor der festgesetzten Hochzeit, mit Hinterlassung des bestimmten Versprechens, rechtzeitig wieder zurück zu sein und den Ehebund zu schließen. Der Hochzeitstag kommt heran, ihre Rückkehr verzögert sich auf unbegreifliche Weise – aber noch ist der Tag nicht vorüber, und als ich sie um zwei Uhr sah, hatte sie noch sechs Stunden vor sich. Lag es damals in ihrer Absicht, Wort zu halten? Wir wissen es nicht. Aber sie war freudig erregt und erwartungsvoll; ganz wie ein Mädchen, das im Begriff steht, sich mit einem ihrer würdigen Manne zu vermählen, den sie achtet und liebt. Nun erscheint ein Fremder. Sie hat eine lange Unterredung mit ihm, und die Folge derselben ist eine gänzliche Veränderung ihres Wesens, die auf einen Umschwung in allen ihren Plänen schließen läßt. Wir erfahren, daß zwar eine Hochzeit stattfinden soll, aber der Name des Bräutigams ist ein anderer, und die Feier soll in demselben Gemach vor sich gehen, in welchem sie sich soeben ihrer Verzweiflung hingegeben hat. Was läßt sich daraus schließen? Gewiß mancherlei; aber mir drängt sich vor allem der Gedanke auf, daß Fräulein Gretorex in ihrem innersten Herzen den Mann liebt, welchen sie zu fliehen scheint. Vielleicht glaubt sie irgendeiner falsch verstandenen Pflicht genügen zu müssen und geht deshalb diese neue und überraschende Verbindung ein. Wenn dem so ist –

Dem sei wie ihm wolle, entgegnete der Doktor kalt, für mich ist sie in jedem Fall verloren.

Er liebt sie nicht, dachte der Detektiv; dann fuhr er fort: Sie geht einem traurigen Geschick entgegen. Eine Heirat, die auf solche Weise und unter so geradezu schimpflichen Umständen zustande kommt, setzt die junge Dame nicht nur in ihren eigenen Augen herab, sondern verstößt sie auch für immer aus der Gemeinschaft ihrer Verwandten und Freunde, aus allem Verkehr mit ihrer bisherigen Welt. Ihr Unglück ist besiegelt, wenn wir die Trauung nicht verhindern. Ihre Mutter ist die einzige Person, die hier noch Rat und Hilfe schaffen und der Sache Einhalt tun kann, da Sie sich dieser Aufgabe nicht gewachsen fühlen – und zu ihrer Mutter eilen wir jetzt.

Des Doktors finstere Miene hellte sich nicht auf.

Sie haben recht, sagte er; teilen Sie Frau Gretorex so schnell wie möglich mit, in welcher Lage sich ihre Tochter befindet. Aber weshalb soll ich dabei zugegen sein?

Damit kein Schatten auf Ihren guten Namen fällt. Sie werden zur Trauung mit Fräulein Gretorex um acht Uhr erwartet. Wenn die Braut »zu krank« ist und die Feier daher nicht stattfinden kann, so wird die Welt Sie wegen dieses Mißgeschicks höchlichst bedauern. Wenn Sie aber nicht an Ort und Stelle sind –

Er hielt inne; des Doktors ganzes Wesen war auf einmal wie umgewandelt.

Schnell, schnell, rief er, damit wir noch zur rechten Zeit eintreffen, ich gebe alles darum, wenigstens meine Ehre zu retten.

Jetzt war es Kameron, der den Kutscher antrieb und zuerst aus dem Wagen sprang, um die Treppe zu dem Perron der Stadtbahn hinaufzueilen.

Es traf sich glücklich, daß ein Zug zur Abfahrt bereit stand, und als die beiden im Wagen saßen, atmeten sie erleichtert auf. In fünfundzwanzig Minuten konnten sie die 125. Straße erreichen, in fünfzehn Minuten quer durch die Stadt fahren und eine Viertelstunde später am Hause anlangen. Das waren fünfundzwanzig Minuten, und es fehlte noch eine Stunde und vierzig Minuten bis acht Uhr. Dann galt es, Frau Gretorex schleunigst von der kritischen Lage ihrer Tochter zu unterrichten; denn vor neun Uhr mußte sie ja bei ihr im Hotel sein. Ließ sich das bewerkstelligen? Die ruhige Zuversicht des Detektivs ließ keinen Zweifel an der Ausführbarkeit des Planes.

Es können jedoch Unfälle eintreten, die jede Berechnung zu schanden machen. Eben bemerkten sie noch mit Befriedigung, wie schnell ihre Fahrt von statten gehe, da erfolgte ein plötzlicher Stoß, und der Zug stand still. Die Ursache ward schnell bekannt: die Maschine war defekt geworden, und so mußte man zwischen zwei Stationen so lange halten, bis dem Übelstand abgeholfen werden konnte.

Gryce und Kameron sahen einander entsetzt an: mindestens eine halbe Stunde Aufenthalt! Selbst wenn es ihnen gelang, um acht Uhr das Haus zu erreichen, so war es doch fast unmöglich, daß Frau Gretorex noch bis neun Uhr in dem Hotel sein und die Heirat ihrer Tochter verhindern konnte. Das Schicksal derselben war also besiegelt und zwar durch eine höhere Hand, der gegenüber sie ohnmächtig waren. Kameron fühlte sich bei diesem Gedanken tief ergriffen. Wie er Doktor Molesworth kannte, glaubte er nicht, daß ihr Los an seiner Seite ein glückliches werden könne. Jener stand völlig außerhalb der Welt, der sie angehörte; wie sollte ihr stolzes Gemüt seine schroffe Art und Weise, sein rauhes Wesen ertragen? Im Geist sah er sie mit all ihren vornehmen Neigungen, ihrer feinen Bildung, unauflöslich an diesen strengen, verschlossenen, barschen Mann gekettet, der bei drückender Mittellosigkeit, von Ehrgeiz getrieben, nichts kannte als seinen eigenen engen Gesichtskreis, der ihm jeden freien Ausblick verschloß. Kameron empfand Mitleid mit der Betörten. Nicht jenes Mitleid, das der Liebe verwandt ist. Lieben konnte er das Weib nie mehr, das seinem Stolz eine so tiefe Wunde geschlagen; jeder Keim seines Gefühls war in seinem Herzen erstickt. Und doch erkannte er klarer als je zuvor, wie schön sie war, wie reizend und fesselnd in ihrer ganzen Erscheinung. Erst jetzt wußte er, wie begehrenswert sie sei, nun er sie für immer verloren. Deutlich stand sie ihm vor der Seele – nicht das verzweifelte, fassungslose Weib, das er in jenem verhaßten Moment durch den Vorhang erspäht – nein, die Genofeva, wie er sie bei seinem letzten Besuch gesehen. Damals hatte er in ihrem schüchternen, fast flehenden Blick, in ihrem bestrickenden Lächeln ein innigeres Gefühl zu lesen gemeint, und dies Bild war unauslöschlich in seine Erinnerung eingegraben. Stets sah er ihr Gesicht vor sich wie in jenem Zimmer und er vermochte es nicht aus seinen Gedanken zu bannen.

Um sich zu zerstreuen, stand er vom Sitze auf, trat auf die Plattform, sprach mit verschiedenen ängstlichen Mitfahrenden, mit dem Zugführer – vergebens! Während der endlos langen Wartezeit war er kaum imstande, sich zu vergegenwärtigen, daß er nicht als glücklicher Bräutigam einem fröhlichen Hochzeitsfest entgegenfahre, daß ihn kein ehrenvoller Empfang, kein Gruß der Liebe erwarte. Was er auch tat und sprach, überall schwebte ihm jenes entzückende Bild vor Augen, und die schrecklichen Ereignisse der letzten Stunden erschienen ihm wie ein unheimlicher, wüster Traum.

Während der ganzen Zeit hatte Gryce mit keinem Wort das Schweigen gebrochen. Erst als sich der Zug endlich in Bewegung setzte, fand er die Sprache wieder.

Fünfunddreißig Minuten verloren, bemerkte er, das ist freilich schlimm. Jetzt müssen uns die Götter günstig sein, damit wir noch unser Ziel erreichen. Lassen Sie uns an die Wagentür treten, wir können dann gleich hinaus – jede Sekunde ist kostbar!

Kaum hielt der Zug an der 125. Straße, so war auch Gryce schon aus dem Wagen und die Treppe der Hochbahn hinunter, Kameron folgte, und in atemlosem Lauf gelangten sie an die Bahn, welche die Stadt durchkreuzt. Sie fanden sofort Anschluß und stiegen richtig um dreiviertel auf acht an der St. Nikolaus-Avenue aus. Nur noch eine kleine Strecke zu Fuß, und sie hatten das Haus erreicht. Da rollte ein Wagen an ihnen vorüber.

Großer Gott! keuchte Kameron, ist das ein Hochzeitsgast?

Ein zweiter Wagen folgte, ein dritter, immer neue kamen auf der Straße einhergefahren.

Der kalte Schweiß trat dem Doktor auf die Stirn. Himmel, daran habe ich gar nicht gedacht, stöhnte er.

Es war kaum anders zu erwarten, entgegnete der Detektiv. Bis zuletzt haben die Eltern auf die Rückkehr der Tochter gehofft, es war daher unmöglich, die Gäste noch zu benachrichtigen, daß die Hochzeit nicht stattfinden könne. Alle Vorbereitungen müssen getroffen worden sein.

Entsetzlich! murmelte der Doktor und blieb stehen, als sei er außer stande, einen Schritt vorwärts zu tun. Doch überwand er die augenblickliche Schwäche und folgte seinem voraneilenden Begleiter.

Unterdessen fuhren die Wagen einer nach dem andern in langer Reihe vor, die Insassen stiegen aus, die Türen wurden zugeschlagen. Alles schien im besten Gange, keine Verwirrung, keine Unruhe war bemerkbar.

Was soll das heißen? rief Kameron, den Detektiv krampfhaft am Arm fassend, die Gäste treten ein, man bewillkommnet sie, das ganze Haus ist von oben bis unten erleuchtet. Mir steht der Verstand still. Hoffen denn die törichten Eltern noch immer auf ihre Rückkunft?

Gryce zog ihn schleunigst mit sich fort.

Vorwärts, rief er, halten Sie sich nicht auf. Vergessen Sie alles andere, sorgen Sie nur, daß wir unbemerkt ins Haus gelangen. Führt keine Türe durch das Souterrain?

Das wohl, aber treten wir lieber durch die Seitenpforte ein, das fällt niemand auf, dort erwartet man mich.

Sie machten sich Bahn durch die Schar der Neugierigen, die ihnen den Weg versperrten, und erreichten den Seiteneingang. Lichterglanz strahlte ihnen aus den Fenstern entgegen, alles war mit Grün geschmückt. Beim Öffnen der Tür vernahmen sie buntes Stimmengewirr, in das sich die festlichen Klänge eines Orchesters mischten. Nicht das Festgepränge fesselte jedoch ihre Aufmerksamkeit, sondern die stattliche Gestalt des Hausmeisters, der sie mit so freudigem Willkomm begrüßte, als erwarte man sie schon mit Ungeduld. Dies erhöhte noch das Geheimnisvolle der ganzen Lage. Nur mühsam brachte Kameron die Worte heraus: Wo ist Madame Gretorex? Ich muß sie sofort sprechen.

Die gnädige Frau sind noch bei der Toilette, war des Dieners Antwort, wünschen der Herr Doktor vielleicht unterdessen auf sein Zimmer zu gehen?

Gryce trat jetzt vor: Führen Sie uns unverzüglich zu Ihrer Herrin, sagte er, und bringen Sie ihr meine Karte, die Sache hat Eile.

Damit schritt er dem erstaunten Diener voran die Treppe hinauf, ohne sich an die Verwunderung zu kehren, welche seine wenig elegante Erscheinung unter den geputzten Leuten erregte, und unbekümmert, ob der Doktor ihm folge oder nicht.

Letzterem flüsterte der Diener im Hinaufgehen zu: Die gnädige Frau hat mir aufgetragen, Ihnen zu sagen, die Braut habe sich etwas verspätet, Sie möchten die Güte haben –

Ich kann nicht warten, unterbrach ihn Kameron, entrüstet über diesen Versuch, ihm den wahren Stand der Dinge zu verheimlichen. Bitten Sie Ihre Herrin, uns sofort vorzulassen, es ist von höchster Wichtigkeit.

Gryce kam dem Doktor im oberen Vorsaal entgegen. Dort das letzte Zimmer ist für Sie in Bereitschaft gesetzt, fügte er. Man will uns scheint's hintergehen. Es gehört wahrhaftig Mut dazu, die Sache soweit zu treiben. Wenn wir nicht Wichtigeres zu tun hätten, wäre ich wirklich neugierig darauf, wie sie alles drehen und wenden wollen und welche Ausflüchte die Mutter ersonnen hat, um den Gästen und uns Sand in die Augen zu streuen.

Daran ist jetzt nicht mehr zu denken, entgegnete der Doktor bestimmt, die Wahrheit muß ans Licht.

Gryce aber schüttelte den Kopf und versetzte, auf die Wanduhr deutend:

Wir haben noch eine Stunde vor uns. Ist die Mutter bereit, auf der Stelle mit uns zu gehen, so kann Herr Gretorex unterdessen der Versammlung drunten die Mitteilung machen, seine Tochter sei plötzlich von einer so heftigen Krankheit befallen worden, daß ihre Hochzeit am heutigen Abend unmöglich stattfinden könne. Mag man ihm glauben oder nicht, jedenfalls wird das Gerede, welches entsteht, Ihnen keinen Schaden tun. Morgen läßt sich dann der Geschichte eine Wendung geben, wie sie am besten zu dem Stand der Dinge paßt.

Ehe der Doktor noch antworten konnte, vernahm man ein Rauschen von Gewändern. In prachtvollem Samtkleid trat Frau Gretorex über die Schwelle und stand in würdevoller Haltung vor ihnen.

Wie festgewurzelt verharrten die Männer einen Augenblick an ihrem Platze und vermochten kaum die nötige Fassung zu erringen. Aus der Miene der Dame sprach weder Scham noch Verwirrung, sondern nur vornehme Zurückhaltung und stolze Höflichkeit.

Sie haben mich sprechen wollen, sagte sie zu Kameron gewandt, den Detektiv gänzlich übersehend. Meine Tochter wird gleich fertig angekleidet sein, bitte, gedulden Sie sich noch einen Augenblick; es ist gerade acht Uhr, entschuldigen Sie die kleine Verzögerung.

Ihre Tochter? stieß der Bräutigam in atemloser Hast hervor, ist sie denn hier?

Gewiß, Herr Doktor, erwiderte die Mutter mit dem schneidenden Ton verletzten Stolzes, meine Tochter ist hier; wo anders sollte sie denn sein an ihrem Hochzeitsabend? Bei diesen Worten warf sie einen vernichtenden Blick auf den Detektiv, der jedoch viel zu sehr in Staunen versunken war, um darauf zu achten.

Hier? wiederholte Kameron, den so viel Kühnheit vollständig verwirrte. Entschuldigen Sie, aber ich dachte – sie lächelte verbindlich:

Soll ich meiner Tochter mitteilen, daß der Bräutigam bereit ist, sie zu empfangen? fragte sie mit einem vielsagenden Blick auf den Anzug des Doktors.

Kameron starrte sie stumm und hilflos an, so daß der Detektiv sich berufen fühlte, dazwischenzutreten.

Madame, sagte Gryce, Sie verzeihen, aber jeder Augenblick ist kostbar. Ich muß gerade herausreden. Ihre Tochter –

Aber Frau Gretorex war nicht gewillt, irgendwelche unberufene Einmischung zu dulden; zu dem Doktor gewandt fuhr sie fort: Meine Tochter wird Sie durch ihr Mädchen rufen lassen, sobald sie mit der Brauttoilette fertig ist. Brauchen Sie selbst vielleicht noch jemand, der Ihnen behilflich ist?

Kameron raffte sich mit Gewalt zusammen. Er ergriff die Hand der Dame und sagte, sich höflich verneigend: Madame, wenn Sie auch einen Mann nicht beachten wollen, dessen Dienste Sie gebraucht haben, so werden Sie doch mir Gehör geben. Wenn Ihre Tochter sich hier im Hause befindet, so kann sie erst vor wenigen Minuten zurückgekehrt sein und in diesem Fall –

Sie sind gänzlich im Irrtum, werter Herr, unterbrach ihn Frau Gretorex; meine Tochter ist seit Mittag wieder zu Hause; sie kam mit ihrer Kousine aus Montclair zurück, als wir eben anfangen wollten, uns ihretwegen zu beunruhigen. Daß sie mit ihrer Toilette noch nicht fertig ist, hat einen ganz anderen Grund; ich glaube, ihr Schleier mußte noch einmal gesteckt werden.

Des Doktors Erstaunen war grenzenlos.

Ist es denn Wahrheit, was Sie reden? fragte er. Wie kann Ihre Tochter seit Mittag hier im Hause sein, da ich Sie noch vor einer Stunde im C-Hotel gesehen habe? Sie wollen mich hintergehen. Obgleich ich Ihre Tochter von Grund meines Herzens bemitleide, kann ich sie doch nicht heiraten. Diese späte Rückkehr zu ihrer Pflicht ist nur ein neuer Beweis für ihr verstecktes, doppelzüngiges Wesen.

Jetzt war die Reihe, sich zu entsetzen, an Frau Gretorex. Sie starrte den Doktor au, als habe er den Verstand verloren und trat dann zornglühend auf Gryce zu.

Das ist Ihr Werk, rief sie entrüstet. Sie sind weiter gegangen, als Sie sollten. Haben Sie meine Depesche nicht erhalten?

Nein, gnädige Frau.

Ich habe Ihnen sofort nach der Rückkehr meiner Tochter telegraphiert. Die Sache hatte sich sehr einfach und zu allgemeiner Befriedigung aufgeklärt; es lohnte nicht mehr, ein Wort darüber zu verlieren. Sie haben aber gerade am unrechten Orte geschwatzt, während ich Ihnen Schweigen anempfahl; durch Ihre Schuld ist das Lebensglück meiner Tochter bedroht und ihr guter Ruf geschädigt. Sie haben ein Unrecht begangen, das sich nicht wieder gut machen läßt, ich werde es Ihnen nie verzeihen.

Damit ließ sie den Detektiv verblüfft stehen, wandte sich zu Kameron und sagte: