Die Blauen und Gelben - Friedrich Gerstäcker - ebook

Die Blauen und Gelben ebook

Friedrich Gerstäcker

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Opis

Ein venezuelanisches Lebensbild. Friedrich Gerstäcker war ein deutscher Schriftsteller, der vor allem durch seine Bücher über Nordamerika bekannt wurde.

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Die Blauen und Gelben

Ein Venezuelanisches Lebensbild

Friedrich Gerstäcker

Inhalt:

Friedrich Gerstäcker – Biografie und Bibliografie

Die Blauen und Gelben

Der Morgen eines Finanzministers.

Sennora Corona.

Der neue General.

Chacao.

Die Blauen.

Die Gelben.

Die Familie Gonzales.

Präsident Falcon.

Im Gefängnis.

Beim Kriegsminister.

Am andern Morgen.

Eine Überraschung.

Schlechte Behandlung.

Verschiedene Interessen.

Der Gesellschafter.

Die Flucht.

Zwei Familien.

An der Lagune.

Wirkungen.

Am Ostersonntag.

Nahende Entscheidung

Las Ajuntas.

Am Abend.

Verraten.

Flucht nach allen Seiten.

Am alten Schloß.

In der Stadt.

Die Versammlung der Reconquistadoren.

Die Schlacht bei Chacao.

Der Sturm auf Caracas.

Der Sieg der Reconquistadoren.

Nach dem Sieg.

Die Vergeltung.

Die Blauen und die Gelben, F. Gerstäcker

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849615437

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Friedrich Gerstäcker – Biografie und Bibliografie

Roman- und Reiseschriftsteller, geb. 10. Mai 1816 in Hamburg, gest. 31. Mai 1872 in Braunschweig, Sohn eines seinerzeit beliebten Opernsängers, kam nach dessen frühzeitigem Tode (1825) zu Verwandten nach Braunschweig, besuchte später die Nikolaischule in Leipzig, widmete sich dann auf Döben bei Grimma der Landwirtschaft und wanderte 1837 nach Nordamerika aus, wo er mit Büchse und Jagdtasche das ganze Gebiet der Union durchstreifte. 1843 nach Deutschland zurückgekehrt, widmete er sich mit Erfolg literarischen Arbeiten. Er gab zunächst sein Tagebuch: »Streif- und Jagdzüge durch die Vereinigten Staaten von Nordamerika« (Dresd. 1844, 2 Bde.; 5. Aufl., Jena 1891) heraus, schrieb kleine Sagen und Abenteuer aus Amerika nieder und wagte sich endlich an ein größeres Werk: »Die Regulatoren in Arkansas« (Leipz. 1845, 3 Bde.; 10. Aufl., Jena 1897), worauf in rascher Reihenfolge »Der deutschen Auswanderer Fahrten und Schicksale« (Leipz. 1847; 3. Aufl., Jena 1899), »Mississippibilder« (Leipz. 1847–48, 3 Bde.), »Reisen um die Welt« (das. 1847–48, 6 Bde.; 3. Aufl. 1870), »Die Flußpiraten des Mississippi« (das. 1848, 3 Bde.; 10. Aufl. 1890) und »Amerikanische Wald- und Strombilder« (das. 1849, 2 Bde.) neben verschiedenen Übersetzungen aus dem Englischen erschienen. 1849–52 führte G. eine Reise um die Welt, 1860–61 eine neue große Reise nach Südamerika aus; 1862 begleitete er den Herzog Ernst von Koburg-Gotha nach Ägypten und Abessinien. 1867 trat er eine neue Reise nach Nordamerika, Mexiko und Venezuela an, von der er im Juni 1868 zurückkehrte. Seine letzten Jahre verlebte er in Braunschweig. Seine spätern Reisen beschrieb er in den Werken: »Reisen« (Stuttg. 1853–1854, 5 Bde.); »Achtzehn Monate in Südamerika« (Jena 1862, 3. Aufl. 1895) und »Neue Reisen« (Leipz. 1868, 3 Bde.; 4. Aufl.). Gerstäckers Reisen galten nicht wissenschaftlichen oder sonstigen allgemeinen Zwecken, sondern der Befriedigung eines persönlichen Dranges ins Weite; seine Schilderungen sind daher vorwiegend um ihrer frischen Beobachtung willen schätzbar. Ebenso verfolgte der fruchtbare Autor bei seinen zahlreichen Romanen und Erzählungen schlechthin Unterhaltungszwecke. Wir nennen davon: »Der Wahnsinnige« (Berl. 1853); »Wie ist es denn nun eigentlich in Amerika?« (2. Aufl., Leipz. 1853); »Tahiti«, Roman aus der Südsee (5. Aufl., das. 1877); »Nach Amerika« (das. 1855, 6 Bde.); »Kalifornische Skizzen« (das. 1856); »Unter dem Äquator«, javanisches Sittenbild (7. Aufl., Jena 1902); »Gold« (4 Aufl., Leipz. 1878); »Inselwelt« (3. Aufl., das. 1878); »Die beiden Sträflinge« (5. Aufl., das. 1881); »Unter den Penchuenchen« (das. 1867, 3 Bde.; 4. Aufl. 1890); »Die Blauen und Gelben«, venezuelisches Charakterbild (das. 1870, 3 Bde.); »Der Floatbootsmann« (2. Aufl., Schwerin 1870); »In Mexiko« (Jena 1871, 4 Bde.) etc. Seine kleinern Erzählungen und Skizzen wurden unter den verschiedensten Titeln gesammelt: »Aus zwei Weltteilen« (Leipz. 1851, 2 Bde.; 6. Aufl. 1890); »Hell und Dunkel« (das. 1859, 2 Bde.; 6. Aufl. 1890); »Heimliche und unheimliche Geschichten« (das. 1862, 3. Aufl. 1884); »Unter Palmen und Buchen« (das. 1865–67, 3 Bde.; 3. Aufl. 1896); »Wilde Welt« (das. 1865–67, 3 Bde.); »Kreuz und Quer« (das. 1869, 3 Bde.); »Kleine Erzählungen und nachgelassene Schriften« (Jena 1879, 3 Bde.); »Humoristische Erzählungen« (Berl. 1898) u. a. Unter seinen Jugendschriften verdienen »Die Welt im Kleinen für die kleine Welt« (Leipz. 1857–61, 7 Bde.; 4. Aufl. 1893), unter seinen Humoresken besonders »Herrn Mahlhubers Reiseabenteuer« (das. 1857, 11. Aufl. 1896) Auszeichnung. Gerstäckers »Gesammelte Schriften« erschienen in 44 Bänden (Jena 1872–79), eine Auswahl in 24 Bänden, hrsg. von Dietrich Theden (das. 1889–90); »Ausgewählte Erzählungen und Humoresken«, hrsg. von Holm in 8 Bänden (Leipz. 1903).

Der Morgen eines Finanzministers.

Im Hause der Firma Gonzales & Co. in Caracas und in dem luftigen und hohen Lagerraum des Geschäfts, der viel kühler war als das Kontor, saß der Chef des Hauses, der alte Gonzales, hinter einem Pult mit seinen Büchern beschäftigt, während ab und zu gehende Cargadores eine Reihe von Karren abluden, welche Waren von La Guayra, der Hafenstadt, heraufgebracht, und nun gleich wieder aus dem Innern gekommenen Kaffee aufladen und zur Verschiffung an die Seeküste führen sollten.

Der alte Herr achtete aber gar nicht darauf, denn zwei seiner jungen Leute waren mit dem Empfang des einen Teils der Güter wie mit der Auslieferung des anderen betraut, und er hatte sich auch in der Tat so in ein vor ihm aufgeschlagenes Konto vertieft, daß er nicht einmal die Gegenwart eines fremden Herrn bemerkte, der mit dem Hut auf dem Kopf zwischen den Lastträgern eingetreten und an seinem Pult stehen geblieben war. Erst, als sich dieser räusperte und mit einem Buenos dias, Señor, die Hand auf sein Pult legte, sah er, über seine Brille hinweg, nach dem Besuch hinüber und erkannte – gar nicht etwa zu seinem Erstaunen, aber noch viel weniger zu seiner Freude – keine geringere Person als den Finanzminister der Vereinigten Staaten von Venezuela, der ihm vergnügt zunickte und besonders guter Laune zu sein schien. »Nun, Sennor Gonzales, wie geht's?« sagte der kleine, etwas wohlbeleibte Herr, indem er dem Geschäftsmann die Hand über den für ihn ein wenig zu hohen Tisch hinüberreichte – »immer so fleißig bei der Arbeit? Das ist wahr, ihr Geschäftsleute habt es in der jetzigen Zeit am besten. Ihr tut eure regelmäßige Arbeit, während wir bei der Regierung manchmal gar nicht wissen, wo uns der Kopf steht, und wo wir anfangen und aufhören sollen.«

»Nun, Sennor Silva,« erwiderte der alte Herr, indem er die dargebotene Hand des Ministers ziemlich gleichgültig nahm und ein eigenes, fast sarkastisches Lächeln dabei um seine Lippen zuckte, »Sie haben sich doch wahrhaftig vor allen anderen nicht zu beschweren, daß Sie mit Arbeiten überladen wären. Alles, was Sie tun, wenn man von Ihnen etwas haben will, ist, daß Sie mit den Achseln zucken.«

»Zugegeben, Sennor,« meinte der Kleine, »habe auch verwünscht gute Ursache dazu, aber – können Sie mir nur einen einzigen Menschen in der ganzen Stadt nennen, der nichts von mir haben wollte?«

»Und doch bekommt keiner etwas,« antwortete lachend Don Pedro – wie er gewöhnlich, der spanischen Sitte nach, genannt wurde. »Das einzige, was mir ein Rätsel bleibt, Sennor, ist, daß noch irgend eine Seele dem Staat borgt, denn man könnte es ebensogut hinaus auf die Straße werfen.«

»Aber Don Pedro, Sie gehen zu grausam mit uns um,« bemerkte der Finanzminister – »es ist schlimm, ja, aber so schlimm doch noch wahrlich nicht. Unsere Bonds an die Douane –«

»Und wenn man hinkommt und will sie einlösen, so sind die Zahlungen suspendiert –«

»Das war einmal der Fall, weil wir das Geld notwendig selber brauchten,« sagte achselzuckend der Minister, »und ließ sich eben nicht ändern. Es tat uns selber leid und wird auch nicht wieder vorkommen.« » Ouien sabe!« Wunderlichere Dinge sind in den Staaten hier vorgefallen, und das würde mich wenig in Erstaunen setzen, wohl aber, wenn die Regierung einmal einen der von ihr selber ausgestellten Wechsel honorierte.«

» Caramba, Sennor, Sie nehmen uns stark mit,« entgegnete der Finanzminister etwas verlegen – »wenn alle Leute so dächten, woher sollten wir dann die nötigen Fonds bekommen?«

»Es wundert mich eben,« erwiderte Don Pedro, »daß nicht alle Leute so denken, denn sonst sagt man doch gewöhnlich, daß der Mensch durch Schaden klug würde.«

»Hm,« sagte Sennor Silva, dem das Gespräch unangenehm wurde – »Sie haben gerade viel zu tun – ich sehe, die Ware geht und kommt bei Ihnen, als ob wir mitten im Frieden und in den geregeltsten Verhältnissen lebten –«

»Lieber Gott, alle Adern des Geschäfts sind noch nicht unterbunden, und wir hoffen eben auf bessere Zeiten, denn diese Zustände können ja nicht mehr lange dauern.«

»Da haben Sie recht,« rief Silva rasch – »Sie wissen doch, daß die Revolution in Barcelona völlig unterdrückt ist, und mit unserer Nachbarschaft wird General Colina auch bald fertig werden. Falcon muß ihnen eben den starken Arm und die Faust daran zeigen, nachher werden sie bald genug einsehen, daß sie nur unnützerweise gegen einen Stachel lecken, und den Versuch selbst aufgeben.«

»In der Tat? Ich hörte heute morgen gerade das Gegenteil von Barcelona.«

»Von wem?« fragte Silva rasch.

» Que importe,« meinte der alte Herr, mit den Achseln zuckend, »der Fremde kam gerade vom Osten und behauptete, daß es mit der ganzen Provinz, das wenigste zu sagen, sehr zweifelhaft stünde, während in den Hauptstädten die Blauen schon vollständig Herr wären.«

»Geschwätz,« rief unwillig der Finanzminister, »die Regierung muß es doch vor allen anderen wissen, und der Dampfer »Bolivar« ist heute morgen um sechs Uhr erst mit Regierungsdepeschen in La Guayra eingetroffen. Sie werden mir zugeben, daß die zuverlässiger sind, als was eben ein müßiger Reisender schwatzt. Nein, lieber Freund, die Revolution, wenn wir die Aufhetzungen von ein paar Godos [Godos, die Partei der Aristokraten oder Besitzenden die in der letzten Revolution den sogenannten Liberalen unterlagen] überhaupt mit dem Namen belegen können, ist vollständig unterdrückt, und die Regierung hat die Zügel des Landes noch nie fester in der Hand gehabt, als gerade jetzt – nur – in – in mancher anderen Hinsicht befindet sie sich ein wenig in Verlegenheit.«

»Geld,« sagte Don Pedro lakonisch.

»Da Sie es gerade erwähnen, nun ja! – Just im gegenwärtigen Augenblick sind wir etwas knapp und werden genötigt sein, ein kleines Anlehen zu machen, um vor allen Dingen die Truppen zu bezahlen.«

»Und wozu brauchen Sie so viele Truppen, wenn der Aufstand unterdrückt ist?«

»Wir dürfen uns nichts vergeben, lieber Freund. – Wir müssen den Godos zeigen, daß wir jeden Augenblick die Macht und den guten Willen haben, ihnen den Daumen aufs Auge zu setzen, sobald sie nur halbwegs übermütig werden sollten. Dazu genügt der Bestand eines kleinen Heeres, und mit unseren vortrefflichen Führern, die wir haben –«

»Mein guter Sennor,« unterbrach ihn der alte Herr, der sonst eigentlich stets außerordentlich höflich und rücksichtsvoll auftrat und es gern mit keiner Partei verderben wollte, in Geldsachen aber ebensogut wie andere Leute ungemütlich wurde, – allen Respekt vor zweien oder dreien von ihnen, aber sonst besteht Ihr Offizierkorps gerade gegenwärtig aus einer Bande, der ich wahrhaftig kein halbes Dutzend silberne Löffel anvertrauen möchte.«

»Sie übertreiben, lieber Freund. Ich gebe Ihnen zu, daß einige rauhe Burschen darunter sind –«

»Neger,« sagte Don Pedro.

»Seien Sie nicht ungerecht – ich erinnere Sie an General Colina –«

»El Cólera, wie ihn das Volk nennt,« bemerkte der Kaufmann.

»Ich möchte niemandem raten, den Namen in seiner Gegenwart auszusprechen.«

Gonzales rückte ungeduldig auf seinem Stuhl umher; er hatte viel zu tun und wußte außerdem, was der Beamte von ihm wollte – Geld – weiter nichts. Weshalb kam er nicht zur Sache und hielt ihn noch außerdem so lange von seinen Geschäften ab?

Einer seiner jungen Leute kam und legte ihm ein Papier vor.

»Sie müssen mich entschuldigen, Sennor,« bat der Kaufmann, »die Leute wollen abgefertigt werden und noch heute nach La Guayra abgehen.«

»Bitte, lassen Sie sich nicht stören,« erwiderte der Minister, »ich möchte Sie nur nachher noch um fünf Minuten bitten – ich habe Ihnen einen Vorschlag zu machen.«

»Nur nicht wegen Geldes, Sennor, denn mein Geldschrank ist in diesem Augenblick fast so leer wie Ihre Staatskasse.«

»Wir einigen uns vielleicht doch,« erwiderte der Staatsmann, ohne sich so leicht abweisen zu lassen – er war an Schwierigkeiten gewöhnt, und während Gonzales erledigte, was eben zu erledigen war, ging er zwischen den aufgelegten Kaffeeproben umher und prüfte die verschiedenen Sorten, als ob er überhaupt etwas davon verstanden hätte. Erst, als er sah, daß Gonzales wieder allein an seinem Pult sah, kehrte er zu diesem zurück und begann nun auch ohne weitere Vorrede:

»Sie erwähnten vorhin Geld, lieber Freund.«

»Ja, aber nur in abwehrender Weise.« »Aber Sie wollen die Regierung doch nicht im Stich lassen.«

»Wären Sie vielleicht so freundlich, sich dieses Konto einmal anzusehen,« fragte Gonzales statt jeder anderen Antwort, indem er das vor ihm aufgeschlagene große Geschäftsbuch nur einfach herumdrehte, so daß es Silva lesen konnte, – »wie Sie hier bemerken, habe ich die Regierung wahrhaftig nicht im Stich gelassen, aber sie wohl mich, und zwar in unverantwortlicher Weise. Für alle diese Summen: da eintausend, da zwei – hier sogar einmal viertausend, habe ich Anweisungen an das Zollamt, aber das Zollamt zahlt nicht, und wenn ich dem Lumpengesindel da unten fünfzig Prozent bewilligt hätte, würde ich die Hälfte vielleicht als Vollzahlung herausbekommen haben – so aber nicht –«

»Und daß Sie die Anweisungen zurückbehielten, beweist doch gerade wieder, daß Sie Vertrauen zur Regierung hatten und vorher wußten, Sie würden richtige Zahlung dafür erhalten. Jener Zustand war aber vorübergehend, und da wir in nächster Zeit nur durch schon angezeigte Ladungen etwa neunzigtausend Pesos sichere Einnahme erwarten, so können Sie überzeugt sein, daß Ihre Ansprüche dann augenblicklich befriedigt werden.«

»Ich wollte, ich hätte das im Vermögen,« erwiderte Gonzales trocken, »was Sie schon über die neunzigtausend Pesos an die Douane Schecks ausgestellt haben. Doch wie dem auch sei, ich habe augenblicklich kein Geld, wenn ich wirklich den guten Willen hätte, mir noch weiter die Finger zu verbrennen. Da drüben das Kistchen, – das kleine da, was gleich hinter Ihnen steht, ist mein vorläufiger ganzer Kassenbestand, und das soll Ihnen zu Diensten stehen, wenn Sie mir noch eine Anweisung dafür an die Douane geben. Habe ich so viel riskiert, kann ich die Kleinigkeit auch noch daran wagen.«

»Und was enthält die Kiste,« fragte der Finanzminister, der schon einen verlangenden Blick danach warf. »Hundert Pesos in Centabos (Kupfer),« erwiderte Gonzales, die Achseln zuckend, »ein Schelm gibt mehr als er hat.«

» Caramba, Sennor,« rief der Finanzminister, dem das doch ein wenig stark erscheinen mochte, obgleich ihm in seiner Stellung und ohne Kasse schon manches geboten war, »ich will Ihr Anerbieten für einen Scherz halten, denn Se. Exzellenz würden sehr böse werden, wenn sie etwas erführen, was sie nicht gut anders als eine Beleidigung nehmen könnten.«

» Que quiere, Sennor,« meinte der alte Herr, wiederum die Schultern in die Höhe ziehend, »wie können Sie verlangen, daß wir Geld haben sollen, wo uns der Staat selber das nicht bezahlt, was er uns schuldig ist. Ich bin ebenfalls nicht gewohnt, meine Leute in Kupfer auszuzahlen, und trotzdem wird mir zuletzt nichts anderes übrig bleiben. Besser in Kupfer als gar nicht.«

»Guten Morgen! Sennor!« sagte der Minister kurz, wandte sich ab und verließ den Laden, denn er war sichtlich durch die letzte Zumutung gekränkt worden. Der alte Gonzales aber lächelte still vor sich hin, schloß sein Buch und ging an eine andere Arbeit.

Der Minister hatte kaum das Haus verlassen, als ein junger Mann in den Laden trat und auf das Schreibpult des alten Herrn zuschritt.

»Vater!«

Gonzales sah rasch und fast erschreckt empor, als diese Stimme sein Ohr traf.

»José! Du hier? Junge, ich freue mich, daß du da bist, denn nun ist es doch nicht wahr, was mir mein Bruder gestern von dir geschrieben hat. Wie geht es dir?«

»Gut, Vater – aber was hat dir der Onkel geschrieben?«

»Daß du den Blauen offen beigetreten und sogar in Victoria gesehen wärest, und zwar in der besten Arbeit, um das Volk gegen Falcon aufzuwiegeln.« »Jedes Wort davon ist wahr, Vater,« antwortete lachend der junge Mann, indem er sein schwarzes, breites Hutband ein wenig verschob und dem Vater die darunter versteckte blaue Kokarde entgegenhielt.

»Und bist du wahnsinnig, selbst mit diesem Abzeichen an der Stirn hier in Caracas herumzulaufen?« rief Gonzales von seinem Sitz emporfahrend und den Blick scheu umherwerfend, »weißt du, was dir bevorsteht, wenn es durch irgend einen Zufall entdeckt wird? Der Strick – und hast du denn nicht einen Augenblick daran gedacht, in welche schwierige, ja gefährliche Lage du sogar deinen Vater durch solche Unvorsichtigkeit bringst?«

»Bist du mit der jetzigen Regierung – mit unserem Präsidenten zufrieden, Vater, und wünschest du, daß er noch länger so fort regiere, um das Land bald vollständig zu ruinieren?«

»Unsinn, kein vernünftiger Mensch wünscht das, erwiderte der alte Mann, »und je eher er zum Teufel gejagt würde, desto besser wäre es für Venezuela, aber –«

»Wer soll ihn fortjagen, wenn nicht eine Partei gegen ihn die Waffen ergreift?« fuhr José rasch fort. »Das ist ganz richtig, und deshalb haben wir auch die Sache nach besten Kräften in die Hand genommen. Je energischer wir es aber betreiben, desto rascher kommen wir zu Ende, und glaube mir, Vater, Falcons Kreaturen ausgenommen, und die, die er direkt besoldet, ist die ganze Stadt, ja das ganze Land gegen ihn.«

»Und woher kommst du jetzt? Ich habe dich wenigstens seit vier Monaten nicht gesehen – von der Hacienda? – du warst verreist?«

»Allerdings – ich habe einen großen Teil des Inneren durchstreift; direkt komme ich jetzt eigentlich von der Hacienda. Da aber dort im Augenblick gar nichts zu tun oder zu versäumen ist, wollte ich euch doch auch wieder einmal besuchen.«

»Eben war der Finanzminister bei mir.«

»Ich habe ihn noch aus dem Hause kommen sehen. Er wollte jedenfalls Geld haben; gib ihm nur um Gottes willen keinen Centabo mehr.«

»Ich habe ihm eben die ganze Kiste voll angeboten.«

»Und er hat sie nicht genommen?«

»Nein.«

»Desto besser. Wenn es gut geht, schneiden wir in La Guayra und Puerto Cabello die Douanen ab und hungern dann die Gesellschaft in ihrem eigenen Nest aus.«

»Und wer bezahlt mir nachher die Summe, die ich der Regierung schon vorgestreckt habe?«

» Quien sabe! Hoffentlich ist es nicht übermäßig viel; aber wahrscheinlich wirst du sie in den Schornstein schreiben müssen, denn Falcon rückt von seinem Raube nichts heraus, und wer jetzt von den Beamten, mit der wachsenden Revolution vor sich, nur noch etwas in der Tasche hat, hält das ebenfalls fest. Die Herren werden in der nächsten Zeit nicht einmal mehr etwas zu stehlen finden.«

»Und glaubst du wirklich, daß die Revolution siegen wird?« fragte der Vater. »Das Volk haßt schon den Namen der Godos.«

»Aber gerade deshalb haben wir die Parteien diesmal ganz beiseite gelassen,« rief der junge Mann. »Es heißt nicht mehr Godos gegen Liberale, es heißt die Union gegen Falcon. Unsere Hauptanführer und die einflußreichsten Männer gehören teils den Godos, teils den Liberalen an, und von beiden strömen uns unsere Anhänger zu. Du solltest nur sehen, welche Aufregung im inneren Lande herrscht, während im Araguatal die Revolution schon in aller Form organisiert ist.«

»Und die Rassen? Du bist noch jung und kennst noch nicht die Eifersucht des gemischten Blutes gegen die Weißen. Falcon ist klugerweise in der Ernennung seiner Generale gar nicht wählerisch gewesen. Die meisten, wenigstens sehr viele von ihnen, haben Negerblut in den Adern, und darum kann er fest auf die unteren Klassen rechnen.« »Das wird sich zeigen,« sagte José, »übrigens solltest du einmal bei uns den Generalstab sehen. Reines, weißes Blut findet sich nur bei den wenigsten, aber desto mehr indianisches.«

»Kommst du jetzt von der Hacienda?«

»Ja, Vater – ich habe sie wenigstens besucht.«

»Und wie steht es draußen?«

»Wie soll es stehen? Was die Regierungstruppen nicht früher weggefangen hatten, um eine Muskete zu tragen, das läuft jetzt zu den Blauen. Unkraut haben wir genug in den Kaffeegärten, weiter nichts, und deshalb schon drängt es alle, loszuschlagen, um diesem unerträglich werdenden Zustand ein Ende zu machen.«

»Und ich wollte doch, er dauerte – wenigstens noch eine Weile länger.«

»Aber weshalb, Vater – er ruiniert das Land.« –

»Ich möchte erst mein Geld von der Regierung haben, ehe sie aus dem Lande gejagt wird.«

»Und wie lange müßte das dauern, bis du von dieser Regierung auch nur einen Centabo wiederbekommst?«

»Wer weiß – die Douane hat Geld, und die Freunde Falcons wissen sich zu verschaffen, was sie brauchen.«

»Und gehörst du zu denen?«

»Nein, aber – ich kenne die Hausgelegenheit, und das ist bei uns die Hauptsache.«

»Hausgelegenheit? – wie versteh' ich das?«

» Du brauchst es gar nicht zu verstehen, mein Junge, denn je weniger davon gesprochen wird, desto besser – später erzähle ich dir die Geschichte vielleicht einmal. Aber weshalb bist du eigentlich nach Caracas gekommen und nicht lieber draußen auf der Hacienda geblieben? Du kannst hier nichts nützen.«

»Ich wollte euch alle nur gern einmal wiedersehen und zugleich hören, wie die Stimmung in der Stadt ist.«

»Die ist entschieden blau, aber das hat nicht die geringste Bedeutung, denn die Stadt selber erhebt sich nicht, darauf kannst du dich verlassen; und bloß um zu konspirieren? – Ich sage dir, José – ich wollte dich lieber draußen auf der Hacienda als hier in der Stadt wissen, denn du kannst hier nichts nützen und – dich und mich nur in Verlegenheit bringen.«

»Aber so schnell kann ich gar nicht wieder fort.«

»Du kannst nicht? Also hast du hier noch einen anderen Zweck. Darf ich ihn erfahren?«

José zögerte mit der Antwort. »Lieber Gott,« sagte er endlich, »ich bin solange fort von hier gewesen und – möchte doch auch manche von meinen alten Bekannten wiedersehen.«

Der Vater sah den Sohn über seine Brille eine Weile schweigend an. Dieser hatte jedenfalls etwas, das er ihm verheimlichte, denn das ehrliche, offene Gesicht des jungen Mannes konnte nicht lügen – aber er mochte auch nicht in ihn dringen – dazu blieb noch Zeit.

»Warst du schon drüben bei der Mutter?«

»Nein, ich bin eben erst angekommen.«

»Gut – dann geh' hinüber – sie hat sich lange nach dir gesehnt und wird sich freuen, dich wiederzusehen. Ich komme auch bald nach.«

»Also hasta luego, Vater,« rief José, dem es selber lieb schien, die Unterhaltung für jetzt abzubrechen. – Der alte Mann aber blieb noch eine Weile, die Stirn in die Hand gestützt, an seinem Pult sitzen, und manches war es auch in der Tat, was ihm herüber und hinüber durch den Kopf ging.

Nicht so ruhig verbrachte indessen Sennor Silva seinen Morgen, denn ihm lag die schwere Aufgabe ob, ehe er in das Ministerium hinaufging, Geld herbeizuschaffen – Geld um jeden Preis, und doch hätte es jeder Haciendero draußen im Lande leichter bekommen, als eben der Finanzminister des Staates selber. Bekam er es aber nicht, dann wußte er auch gewiß, daß er oben vor seinem Bureau schon zehn oder zwölf Menschen traf, die ihn seit acht Uhr da ungeduldig und sehnsüchtig erwarteten. Keiner von allen denen brachte ihm auch etwas – im Gegenteil, sie alle wollten von ihm haben, und ausweichen konnte er ihnen nicht mehr, noch sie vertrösten, denn damit hatte er sie schon die letzten vier Wochen immer und immer wieder abgespeist. – Es war rein zum Verzweifeln, und doch spielte die nämliche Szene jetzt fast jeden Tag.

»Da soll ja der Teufel Finanzminister sein,« brummte er, als er an dem dritten venezuelanischen Geschäftshaus mit nichts als »festen Versprechungen« abgefertigt war, und was er von denen zu halten hatte, wußte er nach den eigenen, so oft und oft gegebenen. »Die Kanaillen haben Geld, aber sie trauen der eigenen Regierung nicht mehr, weil sie selber alle verräterische Gesinnungen mit herumtragen. Wenn ich Präsident wäre, wüßte ich wohl, was ich täte, aber der verdammte Falcon ist nur immer so mit seinen eigenen Plänen beschäftigt, daß er keinen Augenblick mehr für den Staat über hat. – Und wer kann's ihm verdenken,« setzte er halblaut und außerdem gegen das ganze Menschengeschlecht erbittert hinzu – »recht hat er – ganz entschieden, und wenn ich an seiner Stelle wäre, machte ich es genau so. – Ich wollte nur, er wäre jetzt an der meinen« – und mit einem Seufzer betrat er eines der ersten Geschäftshäuser der Stadt, das aber nicht einem Landsmann, sondern einem Deutschen angehörte.

Das Resultat war freilich genau das nämliche wie bei Gonzales, nur daß ihm hier nicht einmal eine Kiste mit Centabos angeboten wurde.

»Tut mir leid, Sennor – nicht ein Peso bar Geld in der Kasse, denn das letzte hat unser Haus in La Guayra erst gestern an die Douane ausgezahlt. Warum lassen Sie es nicht von da heraufkommen?«

»Aber Sie müssen doch etwas bar Geld in Ihrem Geschäft haben,« entgegnete der Minister trostlos.

»Haben Sie welches in dem Ihrigen?«

»Caracho, nein, deshalb komme ich ja gerade zu Ihnen.« »Wir werden bald in ganz Caracas kein Geld mehr haben, Sennor, denn wenn das so fortgeht, so begreife ich nicht recht, wo es herkommen soll.«

»Wenn was so fortgeht?«

»Das – Geld. Wo bleibt alles, was die Douanen einnehmen, was in der Stadt geborgt wird? Es verschwindet wie Wasser auf einem heißen Stein, oder in ein Faß mit Löchern geschöpft, und nicht einmal die Soldaten bekommen ihren Sold, viel weniger die Kaufleute ihre geborgten Kapitalien wieder. Ich werde in den nächsten Tagen mein Geschäft ganz schließen, um nur gar nichts mehr von der unangenehmen Sache zu hören.«

Sennor Silva schob die Hände in die Taschen, drehte sich auf dem Absatz herum und verließ das Haus. Er sah wohl, daß er hier doch nichts bekommen würde, und versäumte nur seine kostbare Zeit, aber er war an anderen Stellen nicht glücklicher. Noch vier andere Häuser, zwei spanische und zwei deutsche, versuchte er mit dem nämlichen Erfolg. Es schien sich heute alles gegen ihn verschworen zu haben, und in wahrer Verzweiflung die Calle del Comercio hinabschreitend, sah er als letzte Hoffnung eine deutsche Buchhandlung vor sich, mit der er insofern bekannt war, als er dort manchmal Papier borgte und dafür ebenfalls Anweisungen an die Douane gab. Diese aber, da sie nur kleine Summen betrugen, waren ziemlich regelmäßig ausgezahlt worden, und es galt jetzt dort einmal einen Versuch im größeren zu machen.

Der Deutsche, ein jovialer Preuße, hatte aber schon an dem Morgen in der Stadt gehört, wie die Sachen standen, und daß der Finanzminister auf der Jagd sei. In der Tür seines Ladens lehnend, die linke Hand in der Tasche, den Hut auf dem Kopf, zuckte ein drolliges Lächeln um seine Lippen, als er den Finanzmann herankommen sah.

»Sennor Rothe, wie geht es?« fragte der Staatsminister, als er an ihn hinankam und ihm freundlich zunickte – »wie machen sich die Geschäfte?« »Wie Sie sehen, Sennor,« lautete die Antwort, »ich poliere hier meinen Pfeiler mit der Schulter, denn weiter gibt es doch nichts zu tun; aber es ist mir sehr lieb, daß ich Sie heute morgen sehe; ich wollte selber zu Ihnen hinaufkommen.«

»In der Tat? Kann ich Ihnen mit etwas dienen, Sennor?« fragte der Minister freundlich, denn eine Liebe ist der anderen wert, und wo er zuerst um irgend etwas gebeten wurde, durfte er auch um so leichter auf einen günstigen Erfolg seiner eigenen Sendung hoffen – »was wünschen Sie?«

»Ich habe gerade eine Zahlung zu leisten,« erwiderte der Deutsche und mußte sich Mühe geben, ernsthaft zu bleiben, denn der andere machte ein gar so bestürztes Gesicht, »und wollte Sie ersuchen, ob Sie mir nicht etwa tausend Pesos vorstrecken könnten. Ich gebe Ihnen vollständige Sicherheit und gute Zinsen. Die Regierung hat in der letzten Zeit so bedeutende Einnahmen gehabt –«

»Caramba, Sennor! bedeutende Einnahmen?« rief aber Sennor Silva, dem das doch über den Spaß ging, »in meine Kasse ist nichts davon gekommen, – aber Sie machen nur Scherz. Ich wollte gerade bei Ihnen anfragen, ob Sie mir nicht, gegen eine Anweisung an die Douane, ein- oder zweitausend Pesos leihen könnten. Sie wissen, daß diese Schecks prompt honoriert werden.«

»Von mir Geld?« fragte lächelnd der Buchhändler, – »is nich – no hay – ich zahle nur in Papier und – Siegellack. Ne, das ist zu gut, – jetzt will das Finanzministerium von mir Geld haben.«

»Mein lieber Freund,« flüsterte Silva geheimnisvoll, »wir gehen großen Ereignissen entgegen, und ich kann Ihnen so viel sagen, daß Sie sich nicht im Licht stehen werden, wenn Sie dem Staat aus – einer augenblicklichen Verlegenheit helfen.«

Der Deutsche lachte still vor sich hin. »Macht sich nicht; aber was meinen Sie, Sennor, wenn wir zusammen gingen? Wir brauchen beide Geld, und zusammen haben wir vielleicht mehr Kredit als einzeln.«

»Ich danke Ihnen, Sennor, der Staat weiß sich dann doch noch auf andere Weise Geld zu verschaffen, – guten Morgen,« – und Don Silva schritt steif und verdrießlich die Straße hinab.

»Auf andere Weise?« sagte der Deutsche leise und vergnügt vor sich hin, indem er dem Finanzminister mit den Augen folgte, – »o ja wohl, die Weise kennen wir genau. Er stiehlt es einfach. Ist das eine Gesellschaft. Wir scheinen hier gerade nicht heidenmäßig viel Geld zu haben.«

Gonzales war eben vom Frühstück zurückgekehrt und saß wieder an seinem Pult, als ein Regierungsbeamter mit zwei Soldaten, aber ohne Gewehr in das Lagerhaus trat, eine Empfehlung von Sennor Silva ausrichtete und ihn bat, ihm – die Kiste mit Centabos auszuliefern. Er legte dabei ein paar Zeilen des Ministers – die einfach die Bitte dahin aussprachen, auf den Tisch.

Gonzales nahm das Papier und betrachtete es aufmerksam.

»Ja, lieber Freund,« meinte er dann, »das ist alles recht schön, und die Kiste können Sie bekommen – ich habe es einmal versprochen, aber Sennor Silva muß mir dafür erst eine Anweisung an die Douane einschicken, denn ohne Sicherheit geb' ich nicht gern Geld aus den Händen.«

»Gut, Sennor,« erwiderte der Beamte, »da ich aber die Leute hier habe, können sie wohl das Kistchen gleich mitnehmen? Sennor Silva war in Eile. Ich bringe Ihnen nachher das Papier, wenn ich wieder vorbeikomme.«

»Bringen Sie mir erst das Papier, lieber Freund; in einem Geschäft muß alles seine Ordnung haben, und die Leute mögen indessen hier bleiben. Es ist viel besser, die warten, als ich; sie haben doch nichts zu tun.« Der Beamte biß sich auf die Lippe, aber es war eben nichts zu machen, denn mit Gewalt konnte er nicht vorgehen. Er befahl den Soldaten, dort zu bleiben, bis er wieder zurückkehre oder den Zettel schicke, und schritt eilig die Straße hinab. Etwa eine Viertelstunde später kam ein anderer Soldat, der die Anweisung vor Sennor Gonzales auf den Tisch legte und schweigend davor stehen blieb. Der alte Herr prüfte sie aufmerksam durch seine Brille, und sie dann vor sich, unter einen Briefbeschwerer legend, sagte er:

»So, Leute – das kleine Kistchen dort, das da hinter euch steht – es ist ziemlich schwer. Nehmt euch damit in acht. Meine Empfehlung an Sennor Silva.«

Die Leute hoben das Kistchen auf und verließen damit den Laden. Der Soldat, der den Zettel gebracht hatte, blieb aber noch stehen und sah den Handelsherrn halb verlegen, halb lächelnd an.

»Nun, Amigo?« fragte dieser, »ist sonst noch etwas auszurichten?«

» Un realito, Señor – nada mas, por comida.« [Ein Realchen, Sennor, nichts weiter, für Mittagbrot – realito, Diminutiv von Real – gewöhnlich von Bettlern gebraucht]

Gonzales lachte, griff in die Tasche, gab dem Burschen einen Real und dieser folgte jetzt mit einem vergnügten » Dios lo paga« (der liebe Gott möge es Ihnen wieder bezahlen) seinen Kameraden die Straße hinab.

Sennora Corona.

Nahe der Plaza de San Francisco stand ein sehr großes, aber besonders freundliches und selbst elegantes Haus, das mit seinen grau angestrichenen und in den reichen Verzierungen sogar vergoldeten Fenstergittern wie mit Ölfarbe gemalten Wänden sehr zu seinem Vorteil gegen die Nachbarhäuser abstach. Ebenso konnte man auch schon von außen erkennen, daß das Innere desselben dem ersten Eindruck vollkommen entsprach, denn die blitzenden Fensterscheiben mit den reich gestickten, weißen Gardinen dahinter, ließen vermuten, daß ein recht wohlhabender Kaufmann oder vielleicht ein reicher Haciendero, der sich von seinen Geschäften nach der Hauptstadt zurückgezogen, dort seine Heimat und diese so geschmackvoll als möglich hergerichtet habe. Und doch bewohnte das Haus nur die Witwe eines in Bolivar verstorbenen Kaufmanns mit ihrer einzigen Tochter. Wenn die Damen aber auch ziemlich zurückgezogen lebten und besonders selten auskamen, so sahen sie doch sehr vielen Besuch bei sich und gaben sogar dann und wann kleine Tertulias, zu denen natürlich auch junge Herren gezogen wurden.

Sennora Corona war noch eine stattliche Frau, vielleicht achtundvierzig Jahre alt, und mußte einmal in ihrer Jugend bildhübsch gewesen sein, ja zeigte sogar die Spuren selbst jetzt noch in ihren Zügen und großen, schwarzen Augen, wie den fein geschnittenen Lippen. Von kräftigem Körperbau war sie dabei, mit einem sehr resoluten Zug um den Mund und in den etwas zusammengezogenen Brauen, zu dem ein kleiner, leichter Anflug eines schwarzen Schnurrbarts auf der Oberlippe recht gut paßte; auch entsprach ihr Charakter vollkommen ihrem Äußeren und ließ an Festigkeit nichts zu wünschen übrig.

Sie hatte auch schon Beweise davon gegeben, und es hieß sogar in der Stadt, daß sie bei der letzten Revolution, kurz vor der sie nach Caracas gezogen, den gegenwärtigen Präsidenten Falcon einmal aus wirklicher Lebensgefahr gerettet habe. – Das nähere erfuhr man freilich nicht, möglich auch, daß es ein bloßes Gerücht war. Ebenso blieb auch ihr früheres Leben, über das sie nie selber sprach – in Dunkel gehüllt. Nur so viel stand fest: sie hatte anfangs in großer Zurückgezogenheit und außerordentlich einfach, man wollte sogar behaupten, dürftig gelebt. Möglich, daß sie ihre Gelder erst nach und nach einbekommen konnte, jetzt dagegen schien sie das Versäumte nachzuholen.

Ebenso aber, wie ihre Vermögensverhältnisse, schienen sich auch ihre politischen Gesinnungen geändert zu haben, etwas, das in der Welt leider nur zu häufig vorkommt. Solange sie selber in anscheinender Dürftigkeit lebte, war sie entschieden föderal und gegen die Godos oder Besitzenden erbittert gewesen. Jetzt dagegen hatte sich das so vollkommen geändert, daß sie sogar gegen Falcon Partei nahm und für eine der eifrigsten Anhängerin der Revolution galt, wie sich denn auch in ihrem Hause nur solche versammelten, die ganz entschieden der revolutionären oder »blauen« Richtung angehörten.

Es ist wahr, viele sehr anständige Familien in Caracas hatten einen näheren Verkehr mit ihr abgelehnt, ohne einen anderen Grund als ganz unbestimmte Gerüchte über den zweifelhaften Charakter der Dame angeben zu können. – Andere aber, besonders wenn sie der extremen Richtung angehörten, verkehrten wieder sehr gern mit ihr, und zumal für die jungen Leute hatte sie in ihrem Hause einen Magnet, dessen Zauber sich nur wenige entziehen konnten – ihre Tochter Isabel.

Isabel war wirklich eine Schönheit, selbst unter den vielen und reizenden Jungfrauen der Stadt. Hoch und schlank gewachsen, von üppigen Formen, mit schneeweißem Teint und großen, blitzenden, schwarzen Augen, zeigte sie ein tadellos edles Profil, während ihr, wenn sie lächelte, zwei Grübchen in den Wangen und eines am Kinn, einen ganz hinreißenden Zauber verliehen.

Isabel war aber auch eine gefährliche Schönheit, denn sie hatte schon manches Unheil unter der jungen Männerwelt angerichtet. Ein junger Kaufmann, den sie erst zu begünstigen schien und dann abwies, schoß sich eine Kugel durch den Kopf – ein paar Offiziere sollten sich sogar ihretwegen gefordert haben, wenn es auch nicht zum wirklichen Duell gekommen war – und gegenwärtig wurde sie wieder von einer ganzen Schar von Anbetern umgeben, die sie, wie Motten ein Licht, umschwärmten und sich aller Wahrscheinlichkeit nach ebenfalls die Flügel verbrannten. Freundlich blieb sie jedenfalls mit allen, lachte mit ihnen und hatte ihre Kurzweil, wich aber allen ernsten Gesprächen rasch und geflissentlich aus – und doch war der Charakter dieses wunderlichen und wunderlieblichen Wesens weit eher ernst als heiter.

Es gab Stunden, wo sie sich in ihr Zimmer einschloß und niemandem den Zutritt gestattete – selbst nicht ihrer Mutter, und trat sie dann wieder heraus, so schien es fast, als ob sie verweinte Augen habe. Nagte ein geheimer Kummer an ihrem Herzen? Niemand konnte es ahnen oder es ihr noch weniger ansehen, wenn sie abends, zum Tanz geputzt – und geschminkt, wie leider die meisten Damen in Caracas – bei den munteren Tönen des Instruments, von allen Fröhlichen die Fröhlichste, dahinflog und ihr silberhelles Lachen dann durch die Räume drang.

Ihrer Mutter konnten diese einzelnen trüben Stundenden allerdings nicht entgangen sein – aber sie sprach nie mit ihr darüber oder fragte sie nur danach. Wußte sie den Grund? – Jedenfalls nahm sie die Sache außerordentlich kaltblütig auf und quälte sich keinesfalls darum. Sennora Corona hatte auch in der Tat mehr zu tun, als sich um Mädchenlaunen zu bekümmern, und über Tag ließen ihr die zahlreichen Besuche oft kaum Zeit zum Nachdenken.

Auch heute gegen Mittag hatte sich wieder ein kleiner Kreis von Damen in ihrem Boudoir versammelt, und es ist eine eigentümliche Tatsache, daß gerade die Damen in Venezuela so lebendigen Anteil an der Politik nahmen und – sonderbarerweise fast alle, wenigstens in der ungeheuren Mehrzahl – der revolutionären Partei angehörten. Aber man hatte heute auch wichtige Nachrichten zu besprechen; denn während in Barcelona der Sieg der Revolution schon nicht mehr zweifelhaft war, sollten sich nun auch in Valencia Schwärme bilden. Also drohte der Regierung im Osten und Westen zugleich Gefahr, und jetzt war auch Kunde über die Stimmung im Süden angelangt.

Sennora Corona (die eigentlich in der Stadt ihres robusten Äußeren sowohl als einer Angewohnheit wegen den spanischen Ausruf »Caramba« etwas mehr als nötig zu gebrauchen, auch häufig Sennora Caramba genannt wurde) bestritt diese Angaben auf das lebhafteste. Sie wollte erst kürzlich Briefe aus Barcelona selber, wie von der Lagune im Tal von Valencia erhalten haben, und denen nach sollte gerade im Gegenteil ein Umschlag in der Stimmung stattfinden. Die Leute bekamen es satt, in der ewigen Unruhe zu leben und wollten wieder daran gehen, ihre Äcker zu bebauen und Vieh zu züchten, denn das Verlangen nach Produkten stieg, und nirgends waren Vorräte, um es zu befriedigen.

»Und für wen sollen sie das Land bauen?« fragte Sennora Hierra, deren Gatte Caracas hatte verlassen müssen, weil ihn die Regierung hochverräterischer Handlungen wegen wollte verhaften lassen. »Für die Gelben, nicht wahr? Für das Lumpengesindel, das den Leuten in die Häuser bricht und ihnen die letzte Kuh aus dem Stall, die letzte Stange Zuckerrohr aus dem Felde holt? – Sie wären Toren, wenn sie's täten, bis sie nicht den Blutsauger, den Falcon, erst einmal aus dem Land gejagt haben.«

»Caramba! . Sennora,« rief die alte Dame lachend – »Sie gebrauchen starke Ausdrücke, und wenn die Sr. Exzellenz zu Ohren kämen, möchte ich nicht in Ihren Schuhen stehen. – Aber Sie tun ihm auch unrecht – Sie wissen, ich bin keine Anhängerin des jetzigen Systems und wünschte wohl selber, daß manches anders und besser stände, aber Falcon ist nicht immer daran schuld, und ich weiß aus guter Quelle, daß er gerade jetzt dabei ist, eine Menge von Mißständen entweder gründlich abzuschaffen oder wenigstens zu mildern. Caramba! Man muß dem Mann doch auch Zeit lassen, und wenn er es dann nicht tut, nun gut, dann sind wir im vollen Recht, dagegen zu protestieren und meinetwegen auch zu handeln.«

»Beste Sennora,« warf eine der anderen Damen ein, »ich glaube, wir können das recht gut den Reconquistadoren [ Reconquistadoras oder Wiedereroberer nannte sich die revolutionäre Partei, die man nach ihrem blauen Band um den Hut auch kurzweg die »Blauen« nannte, während die Regierungstruppen ein gelbes Band um die Hüte trugen, und danach im Gegensatz die »Gelben« genannt wurden] überlassen, denn die werden wohl bald mit dem braven Herrn Falcon fertig werden.«

»Meinen Sie wirklich?«

»In der Tat.« –

»Aber jedenfalls noch Geheimnis?«

»Gar nicht,« sagte die bezeichnete Dame, »wenigstens nicht hier. Im Osten und Westen ist die Revolution offen ausgebrochen, und jetzt fängt es im Süden auch an. Mein Mann ist dort. In Calabozo haben sie sich offen für die Revolution erklärt und wollen in der nächsten Zeit auf San Juan del Morro und von da auf Ortiz, Villa da Cura und Victoria marschieren, um Caracas von drei Seiten einzuschließen. Aber bitte, erwähnen Sie noch nichts in der Stadt, damit Falcon nicht gewarnt wird, denn die Depeschen von daher fangen die Blauen alle auf.«

» Caramba!« rief Sennora Corona erstaunt aus, »ja, dann steht es freilich schlecht mit der Regierung, und Sennor Falcon wird wohl die längste Zeit regiert haben. Nun, mir ist's gewiß recht; wenn sich die Godos nur auch der gestellten Aufgabe gewachsen zeigen.«

»Aber die Godos allein haben mit der Regierung gar nichts zu tun,« bemerkte Sennora Paez, eine andere Dame – »das Parteiwort ist »die Union«, die Godos in Verbindung mit den Liberalen, um nur dies Plünderungssystem zu brechen, das jetzt im Lande ausgeübt wird. Denken Sie nur, mein Mann hat schon seit drei Monaten eine Anweisung auf die Douane für fünfzehnhundert Pesos, und glauben Sie, daß sie ihm ausgezahlt wird? – Gott bewahre. Fünfzig Prozent haben ihm die Schufte da unten geboten, dann wollen sie ihm das Geld geben, und das andere stecken sie natürlich in die Tasche.«

»Nun natürlich,« meinte Sennora Hierra, »wenn der Präsident stiehlt, weshalb sollen sich die unteren Beamten einen Maulkorb vorbinden? »Ich verdenk's ihnen gar nicht; aber daß das nicht länger so fortgehen kann, sieht ein Kind ein.«

»Aber die Revolution hat da unten im Süden keinen Kopf,« sagte Sennora Corona; »die Hauptführer sind alle in Barcelona, und ohne Haupt können sie nichts ausrichten.«

»Andres Alvarado steht an der Spitze der dortigen Reconquistadoren,« erwiderte Sennora Hierra, nicht wenig stolz auf ihre genaue Kenntnis der dortigen Verhältnisse, »und Adolfo Garcia befehligt die Streifkorps, die jetzt gerade zusammengezogen werden sollen.«

» Caramba – Alvarado, der Indianer?« rief Sennora Corona: »was versteht ein Indianer von der Kriegführung?«

»Entschuldigen Sie Sennora,« entgegnete die Dame Hierra, die selber ein wenig indianisches Blut in ihren Adern hatte, während ihr eigener Mann fast der vollen Rasse angehörte – jedenfalls Mestize war – »unter den Indianern finden Sie außerordentlich tüchtige Leute, und die Zeit ist vielleicht gar nicht so fern, wo gerade die Indianer die Stellung im Lande wieder einnehmen werden, aus der sie nur für eine Zeitlang durch die Schwärme der Eroberer verdrängt wurden. Glauben Sie mir, daß gerade diese Hoffnung eine Menge von wackeren Kräften unter die Fahne der Reconquistadoren versammelt hat, und wenn es einmal zum Kampfe kommt, werden Sie sie in den ersten Reihen finden.«

»O, daran zweifle ich sicher nicht, Sennora,« antwortete die alte Dame, die an die Abstammung von Sennor Hierra in dem Augenblick gar nicht gedacht hatte und wohl merkte, daß sie da eine wunde Stelle berührte. »Die Indianer sind jedenfalls eine tapfere Nation, und ich will recht von Herzen wünschen, daß sie ihren Zweck erreichen. Sie wären auch wahrscheinlich in mancher Hinsicht vorteilhafter zu verwenden, denn unter der weißen Rasse haben wir da schon bittere Erfahrungen.«

Sie horchte auf, denn draußen wurde an die Tür geklopft, und sie hörte, wie einer der Diener hinging, um zu öffnen – kam noch ein neuer Besuch? – Sie wäre so gern den alten losgewesen, und jetzt wurde sie hier noch immer länger zurückgehalten, wo ihr der Boden schon anfing, unter den Füßen zu brennen. – Sie hatte so viel zu tun.

Gleich darauf meldete der Diener Sennor Oleaga, Minister der Justiz und des Innern, und die Damen fuhren bestürzt von ihren Sitzen empor, denn was hatte gerade der Minister hier zu tun, wo sie sich noch inmitten des revolutionärsten Gespräches befanden. Selbst Sennora Corona war überrascht, rief aber auch gleich darauf mit ihrer tiefen, sonoren Stimme nach außen zu:

» Entre Vd. Señor – entre, Caramba, Sie wollen doch nicht draußen vor der Tür stehen bleiben?«

Sennor Oleaga betrat das Gemach. Es war eine hohe, vornehme Gestalt im schwarzen Frack und weißer Halsbinde, den schwarzen, kleinen Schnurrbart leicht gekraust und ein ewiges Lächeln auf den glatten Zügen.

»Sennoritas, ich würde unendlich bedauern, wenn ich glauben müßte, gestört zu haben.«

» Caramba, Sennor, machen Sie keine Umstände,« rief die Sennora vom Haus, jede weitere Antwort abschneidend. – »Sie sind uns allen willkommen. Nehmen Sie sich einen Stuhl und setzen Sie sich, und dann erzählen Sie uns, was Sie zu mir führt, denn Geheimnisse haben wir ja doch wohl nicht miteinander?«

»Geheimnisse? Nein,« erwiderte der Sennor, der durch die unzeremoniöse Anrede der Dame doch ein wenig außer Fassung gekommen war und den Blick dabei im Kreis umherschweifen ließ. Er schien noch nicht recht zu wissen, wo er sich eigentlich befand. Die Anwesenheit der Sennora Hierra, die er genau kannte, ließ ihm zwar über den Charakter der Gesellschaft kaum noch einen Zweifel; die Aufforderung der Dame vom Hause war aber so bestimmt gewesen, sie mußte am besten wissen, was sie zu tun hatte; ein Geheimnis konnte die Sache außerdem nicht bleiben, und so, förmlich gezwungen, einmal in seinem Leben gerade herauszureden und die Wahrheit zu sagen, fuhr er fort: »Eigentlich sollte ein anderer Bote mit dem ehrenvollen Auftrag bedacht werden, da ich mir aber das Vergnügen nicht versagen wollte, der Träger einer außergewöhnlichen Auszeichnung zu sein, die Ihnen Se. Exzellenz, unser großmütiger Präsident Falcon, zugedacht, so habe ich dies freudige Amt selber übernommen und überreiche Ihnen hiermit im Namen Sr. Exzellenz, in Anerkennung Ihrer loyalen Gesinnungen und früherer, dem Präsidenten selber und persönlich geleisteter Dienste das Diplom als Generala erster Klasse mit einem monatlichen Gehalt von dreihundert Pesos ohne Abzug.«

»Als General!« rief Sennora Corona, bald das große Kuvert, das er ihr entgegenhielt, bald den Mann selber erstaunt betrachtend, und die übrigen Damen saßen dabei, als ob sie aus Stein gehauen wären.

»Als Generala,« wiederholte aber der Minister mit seinem freundlichsten und wohlwollendsten Lächeln, »eine Auszeichnung, die Sie nur noch mit zwei anderen Damen Venezuelas, vielleicht des ganzen Kontinents teilen, und die gerade durch ihre Seltenheit um so viel wertvoller wird.« »Aber ich begreife noch immer nicht,« stammelte die Dame.

»Bitte, lesen Sie nur das Dokument,« bat aber der Höfliche, »Sie bekleiden von jetzt ab Generalsrang im Staate. Die Auszeichnung liegt gleich dabei, die Soldaten müssen vor derselben ins Gewehr treten, und das monatliche Gehalt wird Ihnen an jedem Ersten regelmäßig ausgezahlt.«

Sennora Corona, sonst gar nicht so leicht außer Fassung gebracht, war doch durch das Neue dieser Situation und die Verleihung einer Würde, von der sie bisher auch noch nicht die entfernteste Ahnung gehabt, wirklich überrascht worden; aber das dauerte nicht lange. Sie riß das Kuvert auf und der erste Ausruf, der ihr entfuhr, als ihr eine Medaille darin entgegenblickte, war allerdings: » Caramba!« – Aber sie faßte sich rasch, und selbst noch, während sie das Schreiben, kaum den Sinn verstehend, durchlas, wanderten ihre Gedanken zu dem Kreis zurück, in dem sie sich befand, und ob es nicht doch am Ende besser gewesen wäre, gerade diesen Brief privatim entgegengenommen zu haben. Das aber war einmal geschehen, und sie selber auch bald entschlossen, wie sie handeln müsse.

»Mein lieber Herr,« sagte sie, indem sie das Papier wieder zusammenfaltete, »Se. Exzellenz legt viel zu großen Wert auf eine Handlung, die fast ebensosehr der Menschlichkeit als seiner Person galt, aber es gefällt mir von ihm. Es zeigt, daß er ein dankbares Gemüt hat, und ich bitte Sie, ihm in meinem Namen einen herzlichen Dank für die Ehre auszusprechen.«

»Ich werde nicht ermangeln. Also Sie nehmen es an?«

»Ich? – Nun gewiß – aber, Caramba! Was mir noch einfällt: Uniform brauche ich doch hoffentlich nicht zu tragen?«

Der Hofmann sah sie ganz verdutzt an, jetzt aber hielten sich die übrigen Damen auch nicht länger, denn schon das Unter-das-Gewehr-treten und die Medaille war ihnen komisch vorgekommen. Dem Fasse wurde aber der Boden ausgestoßen, als Sennora Corona, mit ihrem gewöhnlichen Caramba fragte, ob sie auch Uniform tragen müsse, und wie sie sich das Bild nur oberflächlich ausmalten, da brach der Damm und sie platzten gerade heraus. Oleaga selber versuchte natürlich ernsthaft zu bleiben, denn der Scherz vertrug sich nicht mit der ganzen Botschaft – aber es ging nicht. Er nahm die Unterlippe zwischen die Zähne; vergebens. Erst lächelte er, aber die Augen wurden ihm immer größer; er brachte kein Wort der Erwiderung über die Lippen, bis er sich auch nicht länger helfen konnte. Er lachte wirklich – aber nur ganz kurz, und hielt dann augenblicklich wieder, wie erschreckt inne, denn er durfte seiner Stellung nichts vergeben.

»Nein, das ist zu göttlich!« – rief Sennora ???Pacz – überdies eine muntere und sehr lebhafte Frau –, »wenn ich mir unsere Corona in Uniform, das gelbe Band um die Mütze, den Schleppsäbel an der Seite denke – hahahaha.«

»Und wenn die Soldaten präsentieren, muß sie wieder grüßen,« rief Sennora Hierra, – »kostbar, dann geh' ich den ganzen Tag mit ihr spazieren und an allen Wachen vorbei, – hahahaha!«

»Muß sie denn auch eine kurze Jacke tragen?« fragte jetzt eine kleine, etwas runde Dame aus der Nachbarschaft, die noch gar nicht gelacht und sich nur im Geist, und wirklich entsetzt, die Figur ausgemalt hatte, und jetzt ging das Gelächter von neuem los, in das nun auch Sennor Oleaga mit einstimmte, denn der Gedanke war wirklich zu komisch.

»Aber, Sennoritas,« rief er endlich, sich gewaltsam zusammennehmend, denn er durfte sich ja bei seiner Sendung keine solche Blöße geben, – »wo denken Sie nur hin? Es wird doch wahrhaftig von keiner Dame verlangt werden, Uniform zu tragen. Es ist ja nur eine Auszeichnung, die ihr zugedacht wurde, ohne ihr dadurch die geringste Pflicht aufzuerlegen. Der Staat rechnet dabei nicht auf die Dienste, sondern nur auf die guten Wünsche und freundlichen Gesinnungen der Sennora, und in diesem Sinne bitte ich das Geschenk aufzunehmen. Aber Sie entschuldigen mich, meine Damen, – meine Zeit ist gemessen, und ich muß mir erlauben, mich Ihnen gehorsamst zu empfehlen. Sennora, ich habe die Ehre, mich Ihnen zu Füßen zu legen,« – und mit einer allgemeinen Verbeugung, der sich eine tiefere gegen die Dame des Hauses anschloß, verließ Sennor Oleaga das Zimmer und gleich darauf das Haus.

Isabel war ebenfalls mit gegenwärtig gewesen, aber sie hatte keine Silbe gesprochen, noch weniger in das Lachen der übrigen mit eingestimmt. Ein merkwürdiger Ernst lag auf dem Antlitz des schönen Mädchens, und einmal war es sogar, als ob sich ein Zug von Bitterkeit und Zorn um ihre Lippen legte. Wenn so, verschwand er aber bald wieder und ließ nur dem früheren Ernst Raum, und als Sennor Oleaga das Zimmer verlassen hatte, entfernte sie sich ebenfalls, ohne daß ihr Fortgehen von den übrigen bemerkt worden wäre.

Die Damen hatten übrigens jetzt auch anderes zu tun, als auf das junge Mädchen zu achten, denn selbst das Komische der Situation war im Nu vergessen, und man fing an, die Sache von der anderen Seite zu betrachten: Was hatte diese ganz außergewöhnliche Auszeichnung einer Frau, die, soviel man wußte, vollständig auf seiten der Revolution stand, zu bedeuten? War sie für die andere Partei gewonnen oder sollte das erst dadurch bezweckt werden – und beides ließ sich denken, denn der eigene Vorteil leitete ja doch nur zu häufig die Politik des Landes.

Sennora Hierra gab diesen Gedanken zuerst Worte:

»Was in aller Welt hat das zu bedeuten, Amiga?« rief sie, die Hände zusammenschlagend, aus. »Verkehren Sie denn mit diesem Falcon, daß er Ihnen so auf einmal einen Generals-Rang an den Hals wirft? General, eine Frau; es ist noch gar nicht dagewesen und wird großen Eindruck machen. Sie werden jetzt etwa der zweitausendste sein.«

»Verkehren? Ich?« erwiderte Senora Corona, die Lippe emporwerfend, »was hätte ich mit Falcon zu verkehren? Es ist die alte Geschichte von damals, ein etwas sonderbares Zeichen von Dankbarkeit für einen geleisteten Dienst, die außerdem ein wenig spät kommt, denn bei mir hatte Falcon bis jetzt seinen Beinamen: »Der Großmütige« noch nicht bewährt.«

»Nein, das ist mehr als das!« rief aber Sennora Hierra lebhaft aus, »wenn Sie nicht mit ihm verkehren, so hat das auch einen anderen Grund, denn Falcon ist klug genug. Umsonst hat er nicht diese Unmasse von Generalen geschaffen; die Städte wimmeln ja von ihnen, und kein Steuerbeamter, kein Polizeidiener fast läuft in den verschiedenen Orten herum, der nicht den Generalsrang hätte. Aber was bezweckt er damit? – Nur sich einen festen Anhang in der Bevölkerung zu sichern, nur um Leute aller Art zu haben, die zu ihm stehen, weil sie von ihm bezahlt werden oder doch von ihm bezahlt zu werden hoffen, denn bekommen tun die wenigsten etwas.«

»Das ist richtig,« meinte Sennora Paez, »überall, wo er glaubt, daß irgend ein Mann Einfluß auf seine Umgebung besaß, und wenn es ein erbärmlicher Neger war, der nur unter der niedrigsten Volksklasse seine Freunde hatte, wurde er gleich zum General gemacht.«

»Der Zollschreiber unten in La Guayra,« sagte die andere Dame, »hat ebenfalls den Rang bekommen, nur weil sein Bruder eine große Pulperia hält und viele Menschen dort verkehren und politisieren. O, der ist schlau, das kann ich Ihnen sagen.«

»Jawohl,« bestätigte Sennora Hierra, »und das ist auch die Ursache, weshalb Sie zum General befördert wurden – General; es klingt zu lächerlich. Falcon hat seine Spione ja überall – der weiß recht gut, welche politische Farbe hier in Ihren Kreisen vertreten ist, und daß ihm das nicht gleichgültig sein kann, versteht sich von selbst. Jetzt hat er einen Haken ausgeworfen, und noch dazu mit einem recht hübschen Bissen daran, dreihundert Pesos monatliches Gehalt, und angebissen haben Sie schon.«

»Ja,« erwiderte lachend Sennora Corona, auf das Gleichnis eingehend, »die Lockspeise Hab' ich genommen, aber den Haken nicht – kluge Fische sind nicht so leicht zu fangen, und er wird noch oft frischen Köder aufstecken müssen, ehe er mich zu seiner Partei hinüberziehen kann.«

Die Damen waren unruhig geworden und fingen an, nach ihren Hüten zu suchen. Natürlich! Die Neuigkeit brannte ihnen auf der Zunge, und sie konnten die Zeit nicht erwarten, um sie unter günstigen Verhältnissen los zu werden. Die Sennora Caramba General geworden – es war zu kostbar und mußte so rasch als möglich verwertet werden.

»Und Sie wollen schon fort?«

»Ach, liebe Corona, ich habe zu Hause so viel zu tun – mein ältestes Mädchen hustete, als ich fort ging – das Kind ist immer so zart; man darf es kaum aus den Augen lassen.«

»Und mein Mann klagt auch über Halsschmerzen – es ist ein wahrer Jammer, was man in jetziger Zeit mit den Männern für Not hat.«

»Und ich habe in Gedanken die Schlüssel zu der Speisekammer eingesteckt. Wenn »Meiner« jetzt nach Hause kommt, kann er nicht einmal etwas zu essen haben, und die Sitzung muß bald aus sein.«

»Auf Wiedersehen, liebe Freundin.«

»Morgen fragen wir einmal wieder vor, wie Sie in Ihrer neuen Würde geschlafen haben –«

»Jawohl, und ob Sie nicht durch die Epauletten geniert wurden – hahaha!«

»Aber wo ist denn Isabel geblieben? – Sie war doch vorhin hier.« »Ich weiß es nicht, ich habe sie nicht hinausgehen sehen.«

»Also auf Wiedersehen, beste Freundin, auf Wiedersehen,« und die kleine Gesellschaft brach gemeinschaftlich auf, zerstreute sich aber schon vor der Haustür nach allen Seiten. – Keine nötigte auch die andere, mit ihr zu gehen, denn jede hatte ihre besonderen Wege, und keine von allen schlug, trotz der vorgeschützten dringenden Geschäfte, trotz Husten des Kindes, Halsschmerzen des Mannes oder eingesteckten Speisekammerschlüssels, den nächsten Weg nach Hause ein.

Die Folge davon blieb nicht aus. Noch an dem nämlichen Abend gab es kein einziges Haus in ganz Caracas – die ärmlichste Negerwohnung eingerechnet –, wo nicht das Tagesereignis besprochen worden wäre, und das Thema drehte sich überall um die Worte:

»Sennora Caramba ist General geworden.«

Sennora Corona blieb indessen, als ihre »Freundinnen« Abschied von ihr genommen, noch in tiefes Nachdenken versunken im Zimmer stehen.

»Ob sich denn das nicht auch auf eine andere, bessere Weise hätte bewerkstelligen lassen?« sprach sie leise vor sich hin – »aber dann freilich,« setzte sie mit einem verächtlichen Zug um den Mund hinzu – »hätte der Staat nicht die Zahlungspflicht zu übernehmen brauchen, sondern Falcon selber in die Tasche greifen müssen. Wo warst du, Isabel?« fuhr sie empor, als das junge Mädchen plötzlich das Zimmer wieder betrat und ihren gewohnten Platz am Fenster einnehmen wollte.

»Wo ich war – auf meiner Stube. Weshalb?«

»Du hast doch noch gehört, was mir Oleaga gebracht hat?«

»Ja.«

»Und was hältst du davon?«

»Ich begreife Falcon nicht –«

»Ich begreife ihn recht gut,« erwiderte die alte Dame

– »aber ein so auffallender Schritt –« »Sagen Sie lieber, ein so lächerlicher. Die Stadt wird sich herrlich darüber amüsieren.«

»Bah, was mich das kümmert,« erwiderte achselzuckend die Sennora, »acht Tage sprechen sie davon, dann denkt kein Mensch weiter daran, und daß die Woche recht bald anfängt, dafür werden die Hierra, Paez und die anderen sorgen, denn sie brannten darauf, hier fort und zu ihren Freundinnen zu kommen. Aber ich muß augenblicklich an Falcon schreiben – um ihm für die Ehre zu danken, versteht sich – das kann nicht auffallen. Ist Juan draußen?«

»Er sattelt gerade mein Pferd.«

»Du willst ausreiten? Allein?«

»Und warum nicht? Mir tut der Kopf so weh.«

Die Sennora war, ohne selbst die Antwort abzuwarten, an ihren Schreibtisch getreten und hatte rasch ein paar Zeilen auf einen großen Bogen geworfen – den Dank für die Auszeichnung, der aber außerordentlich kurz und bündig auszufallen schien. Mehr Fleiß dagegen verwandte sie auf ein kleines Blatt, das sie dem Brief einschloß und auf das sie, eng aneinander gedrückt, Zeile auf Zeile schrieb. Das Blatt schloß sie in den Brief ein, siegelte ihn und klingelte dann dem Burschen.

Dieser kam eben über den Hofraum, als es wieder an das Tor klopfte, und wie er zuerst dorthin ging und öffnete, stand ein junger Mann draußen und verlangte die Damen zu spreche».

»Ihr Name, Sennor?«

»Ein alter Bekannter – melde mich nur so an, weiter nichts.«

Der Bursche gehorchte, und gleich darauf steckte Sennora Corona den Kopf selber aus der Tür und schien etwas betreten, als sie den Besuch erkannte, aber sie konnte sich jetzt nicht mehr verleugnen, und mit einem nicht gerade freiwilligen Lächeln rief sie:

»Ah, Sennor Gonzales! entra – entra – Isabel! Da ist José wieder, von dem wir schon glaubten, daß er nach dem Kontinent hinüber wäre – und wo haben Sie die ganze Zeit gesteckt, Sennor?«

»Auf dem Lande, Sennora – aber ich freue mich herzlich, Sie wieder begrüßen zu können, und Sie, Sennorita, wie blühend Sie aussehen – Sie wissen nicht, wie glücklich es mich macht, Sie so wohl zu finden.«

Isabel hatte den ganzen Tag über eine etwas bleiche leidende Gesichtsfarbe gehabt, jetzt stand sie vor dem jungen Freund wie mit Purpur übergössen, und ihm die Hand entgegenstreckend, sagte sie herzlich:

»Es freut mich, Sie wiederzusehen, Sennor – wir haben Sie in unserer kleinen Abendgesellschaft oft vermißt.«

»Wenn ich das wirklich glauben dürfte, Sennorita,« erwiderte José, und seine Augen hefteten sich fest auf die reizenden Züge des jungen Mädchens – »aber das ist wohl nur eine jener tausend freundlichen Redensarten, an denen unsere Sprache so reich sein soll.«

»Ich habe die Wahrheit gesprochen – aber setzen Sie sich.«

»Ich sehe, Sie sind im Begriff auszureiten –«

»Das eilt ja nicht: das Pferd mag warten – ich glaube, daß meine Mutier den Burschen eben fortgeschickt hat. Bis er zurückkehrt, habe ich Zeit – aber wo waren Sie?«

Die alte Dame hatte allerdings den Burschen Juan draußen an der Tür mit dem Brief, wobei sie ihm einiges zuflüsterte, abgefertigt. Jetzt kehrte sie zu den beiden jungen Leuten zurück.

»Nun, Sennor, wo haben Sie gesteckt? Caramba, in der Stadt gingen schon die tollsten Gerüchte über Sie, und wir erwarteten nichts Geringeres, als Sie in nächster Zeit an der Spitze eines blauen Regiments gegen Caracas marschieren zu sehen.«

»An der Spitze Wohl nicht, Sennora,« entgegnete lächelnd der junge Mann, »aber Capitano bin ich allerdings geworden. – Sehen Sie hier meine Kokarde?« »Bei den Blauen?« rief die Dame rasch und erwartete mit Spannung die Antwort des jungen Mannes.

»Glauben Sie, daß ich mich bei den Gelben anwerben lassen werde?«

»Aber haben Sie denn wirklich schon ein organisiertes Heer? Wie uns erzählt wurde, desertieren Ihnen die Leute, sobald sie gepreßt und eingesteckt worden sind.«

»Wenn die Regierung das noch glaubt, desto besser, aber ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß das ganze Land auf unserer Seite steht und wir mehr Soldaten haben, als wir brauchen – wenigstens mehr bekommen können.«

»Aber Calabozo soll sich für Falcon erklärt haben?«

»Calabozo,« rief Jose, »ist durch und durch blau, und von dort her erwarten wir unseren stärksten Zuzug.«