Daughters of Darkness: Scarlett - Bianca Iosivoni - ebook

Daughters of Darkness: Scarlett ebook

Bianca Iosivoni

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Opis

Sie will Rache - er will Gerechtigkeit Die Auftragskillerin Scarlett Morrington traut ihren Augen kaum, als ausgerechnet Garrett Winter sie nach einem erfolgreichen Job zur Rede stellt. Vor sechs Monaten war der HUNTERS-Agent selbst das Ziel der Daughters of Darkness, doch statt ihn zu töten, rettete Scarlett ihm das Leben. Nun ist er auf der Suche nach dem Mann, der ihn tot sehen will - und bereit, jedes Risiko einzugehen, um ihn zu finden. Selbst wenn er dafür der verführerischen Auftragskillerin näher kommen muss, als ihm lieb ist …

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BIANCA IOSIVONI

DAUGHTERSofDARKNESS

SCARLETT

ROMANTIC SUSPENSE

SCARLETT

BIANCA IOSIVONI

© 2016 Romance Edition Verlagsgesellschaft mbH8712 Niklasdorf, Austria

Covergestaltung: © SturmmöwenTitelabbildung: © grafvisionKorrektorat: Dietlind Koch, www.dkagentur-gt.de

ISBN-Taschenbuch: 978-3-902972-86-6ISBN-EPUB: 978-3-902972-93-4

www.romance-edition.com

1. KAPITEL

Die besten Nächte begannen mit einem Martini – und endeten mit dem Tod eines Mannes. In diesem Fall war der Martini erstklassig und bei dem Mann, der heute sterben würde, handelte es sich um niemand Geringeren als Senator Coldwell. Nur ein paar Hocker weiter unterhielten sich zwei Männer darüber, wie viele neue Wählerstimmen der Senator durch seinen Besuch auf der Kinderstation des San Francisco General Hospitals dazugewonnen hatte. Ja sicher. Die großzügige Spende des Politikers hatte nichts damit zu tun.

»Showtime …« Scarlett leerte ihren Drink in einem Zug, fischte die verbliebene Olive aus dem Glas und schob sie sich in den Mund. Dann zwinkerte sie dem attraktiven Barkeeper zu, bevor sie von ihrem Stuhl rutschte und sich unter die Partygäste mischte.

Der süße Geruch verschiedener Parfums und Aftershaves hing ebenso in der Luft wie der Duft des köstlichen Buffets, das am anderen Ende des Saals aufgebaut war. Die Cremetörtchen waren zum Sterben gut. Man konnte dem Senator vorwerfen, was man wollte, aber der Mann wusste, wie man seine Gäste auf einer Feier verwöhnte.

Ein Kellner schwebte mit einem Tablett voller Champagnergläser an ihr vorbei und Scarlett schnappte sich eins davon. Während sie an der perlenden Flüssigkeit nippte, ließ sie ihren Blick über die Anwesenden wandern. Politiker und Unterstützer des Senators versammelten sich hier mit ihren Begleiterinnen, aber auch Professoren, Wissenschaftler, Anwälte, Sportler und Schauspieler hatten sich zusammengefunden. Die Veranstaltung war für jeden, der Senator Coldwell seine Stimme gab – und natürlich einen Beruf mit entsprechendem Prestige und Einkommen ausübte.

Nichts davon traf auf Scarlett zu, aber an diesem Abend hieß sie auch nicht Scarlett, sondern Lydia Stilinski und spazierte als Tochter eines IT-Giganten durch die Hallen des Fünfsternehotels in San Francisco. Sie und ihre Kolleginnen hatten den Senator schon eine Weile auf dem Schirm, aber nach den jüngsten Todesdrohungen, die Coldwell erhalten hatte, war es praktisch unmöglich, ihn irgendwo allein zu erwischen. Sein Sicherheitspersonal klebte vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche an ihm. So auch an diesem Abend, doch hielten sie nun wenigstens einen gebührenden Abstand zu dem Politiker, der von einem Grüppchen zum nächsten schlenderte, fleißig Hände schüttelte und für seine neue Kampagne warb. Seine Wiederwahl stand kurz bevor und Coldwell setzte alles an Charme und Vermögen ein, um seinen Sitz im Senat zu behalten. Zu dumm, dass er nie erfahren würde, ob seine Bemühungen ihm den begehrten Posten einbrachten oder nicht.

Mit der Champagnerflöte in der Hand gesellte sich Scarlett zu einer Gruppe von Leuten, zu denen der Senator bei seinem Rundgang noch stoßen würde. Sie kannte nur zwei Personen davon – die versnobte, aber freundliche Ehefrau irgendeines kleinen Politikers und einen Mann, der als Anwalt im Vermögensrecht tätig war. Er erzählte gerade die Geschichte eines Mandanten und bezog Scarlett sofort in das Gespräch mit ein, wofür sie ihm ein dankbares Lächeln zuwarf.

In Gedanken zählte sie bereits die Sekunden, bis Coldwell endlich bei ihnen sein würde und sie ihren Job zu Ende bringen konnte. Nach außen hin ließ sie sich jedoch nichts davon anmerken. Nicht einmal dann, als sich ein brennendes Kribbeln in ihrem Nacken bemerkbar machte und eine langsame Spur über ihre Wirbelsäule hinunterzog. Ihre Muskeln verkrampften sich instinktiv, waren so sprungbereit wie die einer Katze, aber sie zwang sich dazu, ruhig stehen zu bleiben und an diesem Gespräch teilzunehmen. Den ganzen Abend über hatte sie sich beobachtet gefühlt, und wenn sie genauer darüber nachdachte, ging das schon seit ein paar Tagen so. Aber wenn sie sich umgesehen hatte, hatte sie nichts Auffälliges entdecken können. Vermutlich wurde sie einfach etwas verschroben und paranoid. Vermutlich gehörte das zu ihrem Beruf dazu.

Sie nippte an ihrem Glas und genoss das Prickeln des Champagners in ihrem Mund, doch das Gefühl wurde sie damit nicht los. Als würde sie jemand mit seinem Blick durchbohren. Scarlett konnte nur hoffen, dass derjenige männlich, Single und nur daran interessiert war, sie aus ihrem Outfit zu schälen und die wildesten verruchtesten Dinge mit ihr anzustellen. Kein Wunder bei dem Mörderkleid, das sie trug. Es war schulterfrei und der brombeerfarbene Stoff schloss sich wie eine zweite Haut um ihre Brüste. Ab der Taille fiel es locker herab und gab ihrem Auftritt etwas Verspieltes – und Tödliches, da sie bei jeder Bewegung die Sicherheit der Messerklinge spüren konnte, die um ihren Oberschenkel geschnallt war. Das Cocktailkleid war teuer genug, um in diese Gruppe kultivierter Herrschaften zu passen, aber nicht so teuer, um damit aufzufallen. Außer dem einen oder anderen Mann vielleicht. Zu schade, dass sie nicht zum Vergnügen hier war.

»… und dann hat er doch tatsächlich gesagt: ›Wenn Sie mich nicht vertreten wollen, suche ich mir einen günstigeren Anwalt.‹« Die Gruppe um sie herum brach in Gelächter aus und Scarlett fiel wie selbstverständlich mit ein.

»Erzählt Smith wieder die Geschichte von dem knausrigen Mandanten?« Senator Coldwell schlug dem Mann wie einem alten Freund auf die Schulter.

Die anwesenden Damen lächelten und die Herren prosteten dem Politiker zu oder schüttelten ihm die Hand. Namen und Floskeln wurden ausgetauscht, dann richtete sich Coldwells Aufmerksamkeit auf sie.

Scarletts Herz polterte los, aber sie schenkte dem Mann ein Lächeln. »Was für eine wunderbare Party, Senator.« Sie ließ einen polnischen Akzent in ihre Worte einfließen. »Vielen Dank für die Einladung.«

»Aber sicher doch, Miss …«

»Stilinski«, half sie ihm aus und ergriff seine dargebotene Hand, um sie zu schütteln. Sein fester Händedruck quetschte ihre mehrfach beringten Finger zusammen und presste den letzten Tropfen Gift aus dem schlichten Silberring an ihrem Mittelfinger. Senator Coldwell zuckte mit keiner Wimper. Die Nadel war so dünn, dass er das Eindringen in seinen Handballen nicht einmal spürte.

»Es ist mir eine Freude, Sie hier zu haben. Richten Sie Ihrem Vater meine Grüße aus.« Er legte seine zweite Hand auf ihre und drückte diese noch einmal, dann wandte er sich Miranda, der jungen Frau neben Scarlett zu. Auch hier versprühte er seinen herzlichen Charme und nahm sich die Zeit, sie nach dem Befinden ihres Ehemanns zu fragen – ein Staranwalt, der nach einer Herzattacke im Krankenhaus lag. So ging es weiter, bis er mit jedem Anwesenden ein paar Worte gewechselt hatte, dann verabschiedete er sich und schlenderte zur nächsten Gruppe.

Scarlett sah ihm einen Moment lang unbewegt nach, bis Miranda durch ein leises Seufzen auf sich aufmerksam machte. »Er ist so ein gütiger und netter Mensch«, schwärmte sie. »Als Charles letzte Woche in die Notaufnahme eingeliefert wurde, hat sich Senator Coldwell als einer der Ersten nach ihm erkundigt. Die beiden sind alte Collegefreunde, müsst ihr wissen. Er ist sogar der Patenonkel unseres jüngsten Sohnes.«

Zustimmende Worte ertönten, nur Scarlett hielt sich bis auf ein Nicken zurück. Während sie dem Gespräch folgte und auf die Wirkung des Giftes wartete, sah sie sich unauffällig um. Fünf Sicherheitskameras allein in diesem Bereich. An den Ausgängen standen drei von vier Sicherheitsmännern. Einem von ihnen würde innerhalb der nächsten Minuten ziemlich übel werden und um den vierten kümmerte sich ihre Kollegin Raiden gerade. Die verbliebenen zwei sollten kein Problem darstellen. Bei der Massenhysterie, die die Gäste gleich erfassen würde, hätten sie ohnehin alle Hände voll zu tun.

Gerade als sich Scarlett in einer interessanten Unterhaltung über die besten Hotspots einer Europareise wiederfand, beendete ein schriller Schrei das Gespräch. Köpfe fuhren herum, auch Scarlett und die Männer und Frauen, die bei ihr standen, sahen sich suchend um. Nach und nach ebbten die Konversationen ab, bis sich zum ersten Schrei weitere gesellten. Senator Coldwell lag auf dem teuren Parkettboden und hielt sich die Brust. Scarlett erhaschte einen kurzen Blick auf das kalkweiße Gesicht des Politikers, dann wurde ihr die Sicht versperrt.

Chaos brach aus. Panik. Dann ging der Feueralarm los und der Lärm reichte aus, um die Menge wie eine Meute wild gewordener Pferde auseinanderzutreiben. Insgeheim dankte Scarlett ihren Kolleginnen für das Ablenkungsmanöver, das ihr zur Flucht verhalf. Die Leute rannten schreiend durcheinander und steuerten die Ausgänge an. Die zwei verbliebenen Sicherheitskräfte schienen völlig überfordert zu sein. Irgendjemand in der Nähe von Coldwell verlangte nach einem Rettungswagen, während sich ein anderer meldete und meinte, er wäre Arzt.

Zu spät, Baby. Ihre detaillierten Planungen und Berechnungen waren perfekt. Sie hatten den Job schnell, sauber und unauffällig erledigt. Bei so vielen Händen, die der Senator an diesem Abend geschüttelt hatte, würde niemand auf die Idee kommen, dass sie dahintersteckten. Falls die Cops überhaupt so weit dachten, das Ganze einem Attentat zuzuschieben und nicht einfach von einer Herzattacke ausgingen. Menschen in stressigen Berufen passierte das ständig. Die liebe Miranda konnte ein Lied davon singen.

Ganz bewusst ließ sich Scarlett mit der Masse Richtung Hinterausgang tragen. Die Leute fluteten den Flur, als wäre im Saal hinter ihnen die Pest ausgebrochen. Auf der linken Seite wurde eine Tür aufgerissen und einer der Wachtposten stolperte heraus. Seine Schutzweste lugte unter seinem falsch zugeknöpften Hemd hervor und seine Krawatte hing schief. An seinem Hals entdeckte Scarlett einen Knutschfleck und sie biss sich auf die Unterlippe, um ihr Grinsen zu unterdrücken. Raiden hatte ganze Arbeit bei dem armen Kerl geleistet.

Allerdings blieb ihr keine Zeit, sich nach ihrer Kollegin umzusehen. Die Menschen zogen sie mit sich und drängten ins Treppenhaus, um so schnell wie möglich aus dem Gebäude zu kommen. Aus der Ferne erklangen bereits die ersten Sirenen und übertönten die aufgeregten Stimmen um sie herum.

Sie erreichten die Eingangshalle und Scarlett stürmte zusammen mit den anderen Gästen nach draußen. Die Nachtluft streifte ihr Gesicht und legte sich wie ein kühler Balsam auf ihre erhitzten Wangen. Sie rang nach Atem, als wäre sie gerade aus dem Meer gewatet und nicht aus einem Saal voller Menschen. Doch die Erleichterung war die gleiche. Ein Gefühl von Freiheit. Sieg. Es rauschte so schnell durch ihre Adern, dass ihr fast schwindelig davon wurde. Geschafft. Auftrag ausgeführt.

Im Schutz der Menschenmasse ließ sich Scarlett ein Stück zurückfallen und achtete darauf, weder vom Hotelpersonal gesehen, noch von den Sicherheitskameras erfasst zu werden. Nur ein paar Schritte entfernt war die kleine Gasse, die sie bereits einige Tage zuvor während der Vorbereitungen auf den Job entdeckt hatte. In diese verschwand Scarlett jetzt, wohl wissend, dass ihr Wagen nur wenige Straßen weiter auf sie wartete. Der Champagner, den sie auf dieser Feier getrunken hatte, war zwar gut gewesen, aber nichts ging über den süßen Geschmack von Sieg. Oder den teuren Whiskey, den Lara in der schicken Minibar im Büro bunkerte.

Ein Geräusch unterbrach ihre Gedanken. Wieder spürte Scarlett diesen brennenden Blick auf sich und diesmal war sie sicher, dass es nicht darum ging, sie ins Bett zu kriegen. Zumindest nicht nur. Eine Hand packte ihre Schulter von hinten. Scarlett wich instinktiv aus, versuchte sich loszureißen, aber der Griff war unerbittlich. Sie wirbelte herum und rammte dem Angreifer ihren Ellbogen in den Magen. Ein tiefes Ächzen erklang. Scarlett riss sich los und holte aus. Nicht das Gesicht des Mannes war ihr Ziel, sondern der Solarplexus. Ein simpler harter Schlag an die richtige Stelle genügte, um jeden Angreifer außer Gefecht zu setzen – aber sie kam nie so weit.

Ihr Handgelenk wurde gepackt, sie wurde herumgedreht und mit dem Gesicht voran gegen eine Mauer gestoßen. Ihre Schulter schrie in Protest auf, als der Fremde ihr den Arm auf dem Rücken verdrehte, so wie Cops es taten. Jeder Muskel in Scarletts Körper verkrampfte sich. In diesem Moment wäre ihr ein wild gewordener Taschendieb eindeutig lieber. Ein Serienmörder mit Vorliebe für Messerspielchen ginge auch in Ordnung. Nur kein Polizist. Alles, nur kein Polizist.

Die alte Panik keimte in ihr auf und drohte sie zu verschlingen, aber Scarlett zwang sie mit eisernem Willen zurück. Nein. Sie war nicht mehr das Mädchen von früher. Über zehn Jahre lagen zwischen damals und heute, doch für einen Moment verschmolzen Vergangenheit und Gegenwart miteinander. Hastig schob sie die aufkeimenden Bilder beiseite, doch die Erinnerungen schrillten wie die Polizei- und Feuerwehrsirenen in ihren Ohren nach. Die Schreie. Das Flehen. Die klatschenden Geräusche, wenn eine Hand, ein Gürtel oder ein Baseballschläger auf Haut und Muskeln traf.

Instinktiv trat sie um sich, bis ihr Verstand über ihre Furcht gewann und sie sich der Waffen an ihrem Körper wieder bewusst wurde. So fest sie konnte, rammte sie dem Angreifer den spitzen Absatz ihres High Heels in den Fuß. Mit der freien Hand tastete sie nach dem Messer und zog es aus der Lederscheide an ihrem Oberschenkel. Hastig drehte sie sich um, doch der Fremde sprang zurück, schlug ihr die Klinge in einer geübten Bewegung aus der Hand und drängte sie gegen die Wand zurück. Fast direkt über ihnen blinkte eine einsame Leuchtreklame in der Gasse und ließ Scarlett erkennen, wer ihr Angreifer war. Sie starrte geradewegs in das Gesicht des Mannes, den sie unter keinen Umständen hier erwartet hätte. Oder sonst irgendwo in dieser Stadt. Sein dunkelbraunes Haar war an den Seiten kurz, im Deckhaar aber lang genug, um den Wunsch in einer Frau zu wecken, mit den Fingern hindurchzufahren. Oder sich darin festzukrallen. Das letzte Mal, als sie es gesehen hatte, war es blutverschmiert gewesen, genau wie sein Gesicht. Damals, in dieser abgelegenen Bibliothek am Rande von Seattle, hatte Scarlett seine Augenfarbe nicht erkennen können, dafür nahm sie diese jetzt umso deutlicher wahr. Ein Blau, so klar und scharf, als würden sich Eissplitter in ihr Innerstes bohren.

Garrett Winter.

Sie hätte nicht geglaubt, ihn je wiederzusehen. Anders als bei ihrer letzten Begegnung hatte er sich nicht rasiert und die Stoppeln in seinem Gesicht verliehen ihm etwas Wildes. Raues. Wie ein Colin O’Donoghue ohne den dazugehörigen Charme eines Killian Jones aka Captain Hook. Seine Schultern waren breiter, als sie es in Erinnerung hatte, und er war groß. Trotz ihrer ein Meter sechsundsechzig und den Zehn-Zentimeter-Absätzen musste sie den Kopf in den Nacken legen, um ihm in die Augen sehen zu können. Augen, die misstrauisch zusammengekniffen waren und sie statt mit Dankbarkeit voller Argwohn musterten. Natürlich. Dankbarkeit dafür zu zeigen, wenn dir jemand das Leben gerettet hatte, war ja auch so was von out.

Gänsehaut breitete sich auf ihren Armen aus, auch wenn sich alles in ihr dagegen sträubte, eine Reaktion auf das unerwartete Auftauchen dieses Mannes zu zeigen. Wiedererkennen zum Beispiel oder die tausend unbeantworteten Fragen, die ihr seit jener Nacht durch den Kopf schwirrten.

Stattdessen versuchte sie sich lässig zu geben. »Sorry, kein Interesse. Dieses Kleid ist nicht für einen schnellen Quickie in einer dunklen Gasse gemacht.«

Er reagierte nicht, zeigte nicht mal ein winziges Zucken seiner Mundwinkel. Verdammt. Verlor man etwa jeden Sinn für Humor, wenn man als Agent für die Regierung arbeitete? »Wer bist du?«

Seine Frage traf sie hart und unvorbereitet. Viel erschreckender war jedoch die Wirkung, die seine Stimme auf sie ausübte. Warm und üppig wie das Aroma eines guten Whiskeys, gleichzeitig mit einem stählernen Unterton, der deutlich machte, dass nicht mit ihm zu spaßen war. Und wenn sie nicht genau dieser Gegensatz anmachte …

»Wie bitte?« Scarlett stieß ein humorloses Lachen aus. »Du bist derjenige, der mir hier aufgelauert hat. Und dein raubeiniger Charme hat mich nicht gerade vom Hocker gerissen.«

Seine Finger gruben sich in ihre Oberarme. Er hielt sie noch immer so fest gegen die Wand gedrückt, als befürchtete er, sie könnte sich jeden Moment wie ein Geist in Luft auflösen. »Wie ist dein Name? Und damit meine ich deinen richtigen Namen, nicht die ganzen Tarnidentitäten, die du so gern benutzt.«

Kälte breitete sich in ihr aus. »Rotlöckchen. Siehst du doch. Oder war es Ariel? Hm …«

Sein frustriertes Schnauben weckte ein irrwitziges Kitzeln in ihrer Magengrube. Ach? Ließ sich der knallharte Exsoldat so leicht aus der Ruhe bringen? Interessant. Sehr interessant. Wenn sie mehr Zeit hätten, würde sie dieses neu erworbene Wissen schamlos ausnutzen.

Stattdessen schob sie seine Hände von sich, als würde es sich dabei um lästige Staubkörner handeln. »Wenn du mich jetzt entschuldigst? Meine Kutsche wartet.«

Sie rechnete nicht damit, so einfach davonzukommen. Manche Menschen konnte sie mit ein paar dahingeworfenen Sätzen sprachlos zurücklassen, aber nicht Garrett Winter. Er packte sie erneut und drückte sie gegen die Hauswand, diesmal eine Spur kräftiger. Ungeduldiger. Ihr oberer Rücken brannte dort, wo er mit dem groben Stein kollidierte, aber das war nichts gegen das Brennen von Garretts Händen auf ihren nackten Schultern. Sie gab keinen Laut von sich, zeigte keine Reaktion. Wenn sie eines bis zur Perfektion beherrschte, dann war es ein Pokerface.

»Verkauf mich nicht für dumm«, knurrte er. »Ich weiß, dass du etwas mit dem Tod des Senators zu tun hattest.«

Oh, er war bereits für tot erklärt worden? Gut möglich, dass sie ein, zwei Tropfen zu viel des Gifts in ihren Ring geträufelt hatte. Ups.

»Du weißt, wer ich bin«, fuhr Garrett gnadenlos fort. »Du warst in der Bibliothek. In Seattle. Du hast mir befohlen, ruhig liegen zu bleiben, und hast meine Wunden versorgt.«

Scheiße. Er erinnerte sich daran? Wie war das möglich? Er war ein Stockwerk tief gefallen, hatte sich den Kopf angeschlagen, war angeschossen worden und hatte genügend Blut verloren, um einen ganzen Pool damit zu füllen. Wie zum Teufel konnte er sich noch daran erinnern? Und an sie?

Scarlett zuckte mit keiner Wimper, obwohl die Fragen in ihrem Kopf explodierten. Sie sah ihm in die Augen, als sie mit ruhiger Stimme antwortete. »Keine Ahnung, wovon du redest. Du musst mich verwechseln.«

Etwas flackerte über sein Gesicht. Misstrauen? Unsicherheit? Zweifelte er an seinen eigenen Worten? An seinem Gedächtnis? Wenn es so wäre, käme das Scarlett nur recht. Sie war nicht scharf darauf, in das Visier dieses Mannes zu geraten, nur weil sie so dumm gewesen war, ihn zu retten, statt ihn zum Sterben zurückzulassen. Noch weniger wollte sie etwas mit den Leuten zu tun haben, für die er arbeitete. Die HUNTERS. Die Hunting Unit for National Terrorism and Endangerment RiskS war eine Spezialeinheit, deren Mitglieder überaus gut ausgebildet waren und aus allen möglichen Militäreinheiten und Agencys stammten. Sie jagten hauptsächlich die großen Fische, wodurch sich ihre Wege nie gekreuzt hatten. Bis jetzt.

»Lass mich los«, verlangte sie.

Garrett reagierte nicht darauf, schien ihren Befehl geradezu absichtlich zu ignorieren. Wut flammte in ihr auf und breitete sich mit der Geschwindigkeit einer Leuchtrakete ihren Adern aus. Er wollte also nicht? Fein. Sie hatte lang genug die Jungfrau in Nöten gespielt.

Scarlett befeuchtete sich die Lippen, was seinen Blick automatisch auf ihren Mund lenkte. Männer waren ja so berechenbar. Sie nutzte den unaufmerksamen Moment aus, um Garretts Hände von ihren Schultern zu schieben. Dann holte sie aus, aber er wich in letzter Sekunde aus, indem er zurücksprang. Schlag um Schlag drängte sie ihn rückwärts, doch er tat nichts, außer ihr auszuweichen. Er griff nicht an. Mistkerl.

Um sich nicht noch mehr zu blamieren, stoppte Scarlett ihre Attacke und straffte die Schultern. Genug gespielt. Es wurde Zeit, von hier zu verschwinden. Dieser Mann wusste bereits zu viel über sie, und wenn sie eines nicht gebrauchen konnte, dann war das jemand, der in ihrem Leben herumschnüffelte.

»So aufregend das auch war, ich muss jetzt los. Ich bin sicher, die nächste Frau, der du hier auflauerst, wirst du mit deiner charmanten Art umhauen.« Oder schreiend in die Flucht schlagen. Eher Letzteres. Scarlett wandte ihm den Rücken zu, in der Absicht, ihn stehen zu lassen, wie sie es schon vor Monaten hätte tun sollen.

»Senecio Nemorensis.«

Sie taten es schon wieder. Ihre Muskeln verkrampften sich in Reaktion auf den bekannten Namen. Sie musste dringend an ihrer Körperspannung arbeiten. Mit einem scheinbar verwirrten Lächeln auf dem Gesicht drehte sie sich zu ihm um. »Netter Versuch. Aber ich glaube, die korrekte Bezeichnung lautet: Sectumsempra. Und du brauchst einen Zauberstab dafür.«

»Du weißt genau, was das ist. Und wer ich bin.« Garrett kam einen Schritt näher und verströmte dabei so viel Gefahr, dass sie sie beinah riechen konnte. Dieser Mann war niemand, den man herausfordern oder mit dem man sich anlegen wollte. Zu dumm, dass Scarlett weder vor solchen Kerlen noch vor solchen Auftritten Respekt hatte.

Ungeduldig warf sie ihr schulterlanges rotbraunes Haar zurück. »Ich sage es noch mal ganz langsam, damit das in deinen Dickschädel reingeht. Ich weiß nicht, wer du bist. Alles klar? Ja? Gut, dann kann ich ja …«

Er packte ihr Handgelenk und zog sie mit einem Ruck zu sich heran. Gegen ihren Willen empfand sie einen Hauch Respekt. Einem Mann seiner Größe hätte sie so viel Wendigkeit nicht zugetraut.

»Wenn du nicht die bist, für die ich dich halte …« Seine Stimme senkte sich zu einem gefährlichen Raunen. »Warum bleibst du dann so cool? Jede andere Frau wäre in Panik geraten und hätte die Cops gerufen.«

Ihr Herzschlag beschleunigte sich und in ihrer Mitte zog sich alles auf kribbelnde Weise zusammen. Wer hätte gedacht, dass der blutige verletzte Kerl aus Seattle so sexy sein könnte? In Gedanken klopfte sich Scarlett selbst auf die Schulter. Es wäre eine Schande gewesen, ein solches Exemplar Mann einfach draufgehen zu lassen. Nur leider hatte sie ihn dafür jetzt am Hals – und das nicht auf die erotische Art und Weise, die sich gerade in ihrem Kopf abspielte.

»Vielleicht, weil ich mich nicht von Möchtegernbösewichten einschüchtern lasse?«

»Woher willst du wissen, dass ich nicht zu den Bösen gehöre?« Er kam noch einen Schritt näher, bis ihre Front seinen Oberkörper berührte und sich sein Geruch auf ihre Sinne legte. Samtig-warm und würzig wie das Sandelholz, das sie auf ihrer letzten Reise in den Oman gekauft hatte. Aber da war noch mehr. Eine feine fruchtige Note wie von reifen Grapefruits, die der Kombination etwas Leichtes, Spielerisches verlieh, was so gar nicht zu dem ernsten Auftreten dieses Mannes passen wollte. Und doch weckte es den Wunsch in ihr, herauszufinden, ob sich auch in Garrett Winter eine leichtere und verspielte Seite verbarg.

Ihr Puls schoss in die Höhe, was er ohne Zweifel unter seinen Fingern an ihrem Handgelenk spüren dürfte. Im Gegenzug sah sie trotz der schlechten Beleuchtung sehr genau, wie sich seine Pupillen weiteten, je länger sie so nah voreinander standen. Scarlett lächelte langsam, doch sie kam nicht dazu, seine Frage zu beantworten.

Reifen quietschten. Dann nahm sie das vertraute Schnurren eines Motors wahr. Der schwarze Maserati hielt keine zwei Meter neben ihnen an. Die Fahrertür öffnete sich und eine attraktive Blondine mit einer Miene, die entschlossener nicht sein könnte, stieg aus. In ihren Händen eine Pistole, die direkt auf den Kopf von Garrett Winter zielte. Wenn es jemanden gab, der immer und überall einen denkwürdigen Auftritt hinlegen konnte, dann war es Sydney Pierce.

»Lass sie los und tritt schön langsam zurück.« Im Gegensatz zu Scarletts lässig dahingeworfenen Worten duldete Sydneys Stimme keine Widerrede.

Und tatsächlich. Garrett ließ ihr Handgelenk los und machte einen Schritt zurück. Seine Finger zuckten in Richtung seiner Jacke und nur das Klicken, als Sydney ihre Pistole entsicherte, ließ ihn mitten in der Bewegung erstarren.

»Das würde ich an deiner Stelle nicht tun, Kumpel.« Ohne ihn aus den Augen zu lassen, wandte sie sich an Scarlett und nickte in Richtung Wagen. »Steig ein.«

Nichts lieber als das. Scarlett ließ ihren unfreiwilligen neuen Freund stehen, der ihr mit seinem Blick folgte, als würde nicht gerade eine Waffe auf seinen Kopf zielen. Zwar rührte er sich nicht von der Stelle, doch der Ausdruck in seinen Augen sagte alles aus. Wir sind noch nicht fertig miteinander.

Oh doch, und wie sie das waren.

Scarlett ließ sich auf den Beifahrersitz fallen und zog die Tür hinter sich zu. Noch bevor sie sich angeschnallt hatte, saß Sydney neben ihr und lenkte den Sportwagen aus der Gasse heraus. Erst als sie auf offener Straße waren und in den abendlichen Verkehr von San Francisco eintauchten, wandte ihre Kollegin sich an sie. »Wie ist es gelaufen?«

Im Gegensatz zum restlichen Team war Sydney nicht Teil der Mission gewesen. Bis eben hatte Scarlett noch geglaubt, dass sie nicht einmal in der Stadt war. Ein Glück, dass sie rechtzeitig aufgetaucht war, sonst würde sie noch immer mit Garrett Winter herumdiskutieren. Oder andere Dinge tun, denn entgegen ihrer Worte eignete sich dieses Kleid ganz hervorragend für eine schnelle Nummer in einer dunklen Seitenstraße.

Scarlett schlüpfte aus den High Heels und streckte die schmerzenden Füße aus. »Auftrag sauber ausgeführt.«

»Gut.« Sydney schaltete in einen höheren Gang und drückte aufs Gas. »Ich konnte Politiker mit einer krankhaften Vorliebe für kleine Jungs noch nie leiden.«

Sydney stellte keine Fragen während der Fahrt, aber das musste sie auch nicht. Vor ein paar Monaten war sie schließlich dabei gewesen. Zusammen mit Phoenix hatten sie sich auf den Weg nach Seattle gemacht, um Garrett Winter zu töten. Es sollte nur ein weiterer Auftrag sein. Einer von vielen. Bis Phoenix die Wahrheit herausgefunden hatte. Winter war unschuldig und ihn aus dem Weg zu räumen würde gegen die wichtigste Regel der Daughters of Darkness verstoßen: Töte niemals einen Unschuldigen.

Der Maserati kam mit quietschenden Reifen zum Stehen und Scarlett stellte fest, dass sie angekommen waren. Sie stieg mit klopfendem Herzen aus und schloss die Tür sanft, wohl wissend, wie empfindlich Sydney bei ihren Autos reagierte. Gemeinsam durchschritten sie die abgeriegelte Tiefgarage. Der Geruch von Motoröl, Benzin und Gefahr hing schwer in der Luft. Nur ein paar Schritte entfernt stand der schnittige schwarze Ferrari von Lara, den sie quer über zwei der eingezeichneten Parkflächen abgestellt hatte. Es gab nur wenig, was die Anführerin und Gründerin der Daughters of Darkness nicht konnte. Einparken fiel eindeutig in diese Kategorie.

Der verspiegelte Fahrstuhl brachte sie nach oben. Die dezente Pianomusik verstummte, als sie das oberste Stockwerk erreichten und ausstiegen. Ein weiteres Mal schlüpfte Scarlett aus ihren High Heels und seufzte wohlig auf, als ihre nackten Zehen in dem weichen Teppich versanken. Sydney warf ihr einen amüsierten Blick zu, ließ die Aktion jedoch unkommentiert und schwebte in kniehohen Stiefeln, mit deren Absätzen man jemanden töten könnte, an ihr vorbei. Mit beiden Händen stieß sie die schwere Doppeltür auf, die ins Herz ihres Büros führte.

Scarlett folgte ihr mit den Schuhen in der Hand und ließ diese neben der Sitzgruppe fallen, die aus mehreren teuren Ledersofas bestand. Flauschige Decken lagen ordentlich gefaltet auf den Armlehnen, während das schneeweiße Tierfell auf dem Boden nicht weniger einladend wirkte. Die Wand daneben wurde sowohl von Bücherregalen als auch von einer Bar eingenommen. Der Gedanke an einen aromatischen Whiskey breitete sich in Scarletts Kopf aus und erinnerte sie im selben Atemzug an einen gewissen Mann, den sie in dieser Gasse zurückgelassen hatten. So schnell, wie der Wunsch nach einem Whiskey aufgeflammt war, erlosch er wieder in ihr.

Sie befanden sich inmitten eines riesigen Lofts mit einer Glasfront, die die gesamte gegenüberliegende Seite einnahm und einen atemberaubenden Blick über San Francisco bot. Von hier aus konnte man sogar bis zur Golden Gate Bridge sehen, sofern sie nicht wieder mal im Nebel versank. In der Mitte des Raumes standen mehrere Schreibtische, antik und aus dunklem Holz, dessen Geruch ebenso in der Luft hing wie die Mischung verschiedener Parfums. Ein üppiger Perserteppich füllte die Fläche zwischen den u-förmig angeordneten Tischen. Hinter dem größten davon lugten türkisblaue Haarspitzen über den Rand der Monitore hervor. Sie gehörten zum platinblonden Pixie-Cut von Phoenix. Ihres Zeichens Hackerin, ein Ass im Umgang mit Scharfschützengewehren und die Jüngste der Truppe. Mit ihren zwanzig Jahren war sie sogar ein ganzes Stück jünger als Scarlett selbst, auch wenn sie es hasste, das Küken im Team zu sein.

»Hey Phoe.« Sydney schlenderte zur Bar hinüber, während Phoenix wortlos die Hand zum Gruß hob. »Sind die anderen noch nicht zurück?«

Wie aufs Stichwort flogen die Doppeltüren ein weiteres Mal auf und Raiden betrat den Raum. Groß, in ihrem typischen Bikerlook und mit glatten schwarzen Haaren. »Bin ich zu spät?« Sie ließ sich auf eines der Ledersofas fallen und schlug die langen Beine übereinander.

»Gerade richtig«, erwiderte Scarlett und setzte sich auf die gegenüberliegende Couch. Jetzt, da der Job erledigt war, begann sich eine angenehme Müdigkeit in ihren Gliedmaßen auszubreiten. Die bequemen Polster und das Knistern des Feuers im Kamin neben den Türen trugen ein Übriges dazu bei.

Raiden strich mit den Fingerspitzen über ihre Armlehne. »Hatte eine von euch eigentlich jemals Sex hier drin?«

Ein Schnauben war von den Tischen her zu hören und Phoenix lugte an einem ihrer drei Monitore vorbei. »Sex und Gewalt. Du bist ein wandelndes Klischee, Rai.«

Raiden öffnete den Mund, um etwas darauf zu erwidern, als Lara das Büro durch eine Seitentür betrat. »Ja«, beantwortete sie die Frage ohne jegliche Regung im Gesicht. Ihr beinah hüftlanges blondes Haar war zu einem Zopf geflochten und in dem dunkelblauen Kostüm, das ihre schmale Taille betonte, wirkte sie, als würde sie von einem Meeting kommen und nicht von einem perfekt organisierten Mordanschlag. »Vor zwei Wochen. Genau dort, wo du jetzt sitzt.«

Scarlett presste die Lippen aufeinander, um nicht laut loszulachen, als Raiden mit angewidertem Gesicht aufstand. »Du hast einen Fremden hierher gebracht?«

Wenn es tatsächlich so war, hätte Lara damit gegen die zweitwichtigste Regel der DoD verstoßen. Niemand durfte von ihrer wahren Identität erfahren, erst recht nicht, indem er das Hauptquartier und Heiligtum der Frauen betrat.

»Was hast du danach mit ihm angestellt?«, fragte Raiden, während sie zur Bar hinüberschlenderte und sich ein Bier aus dem Kühlschrank holte. »Oder anders gefragt: Wie hast du ihn zum Schweigen gebracht?«

Lara zuckte mit den Schultern. »Ihn getötet natürlich.« Ihr Blick fiel auf die Monitore, hinter denen sich Phoenix auffällig still verhielt. »Suchst du gerade nach den Aufnahmen der Sicherheitskameras?«

Die Angesprochene hob den Kopf und sah mit einer Unschuldsmiene in die Runde. »Nein …?«

Sydney machte sich mit einem Räuspern bemerkbar. »Warum sprechen wir statt über Laras Sexleben nicht über den Kerl, der Scarlett nach der Party des Senators aufgelauert hat?«

Alle Blicke richteten sich auf sie. Typisch Sydney. Taktgefühl war etwas, das sie nur vom Hörensagen kannte. Immerhin händigte sie ihr ein Glas mit einer karamellfarbenen Flüssigkeit aus, das Scarlett schweigend nahm. Den frostigen Blick warf sie ihrer Kollegin trotzdem zu. Kein Wort über das Thema zu verlieren war nicht deutlich genug gewesen, dass sie nicht darüber reden wollte, oder?

»Was für ein Kerl?«, fragte Raiden und setzte sich mit ihrer Bierflasche in der Hand wieder auf das Sofa gegenüber.

Scarlett schloss für einen kurzen Moment die Augen und seufzte tief. Sie hatte gehofft, das hier vermeiden zu können, aber nicht wirklich damit gerechnet, also konnte sie auch gleich mit der Wahrheit herausrücken. »Garrett Winter.«

Phoenix stieß einen leisen Pfiff aus. »Der Air-Force-Typ, der vor ein paar Monaten auf unserer Abschussliste stand?«

»Der unschuldige Air-Force-Typ«, korrigierte Sydney sie mit hochgezogenen Brauen. »Wir haben ihn am Leben gelassen, schon vergessen?«

Selbst wenn Scarlett es aus ihrem Gedächtnis hätte streichen wollen, die Narbe an ihrem rechten Oberarm erinnerte sie tagtäglich an die Ereignisse in Seattle. Eine Narbe, die sie Garretts Partner zu verdanken hatte, der in jener Nacht auf sie geschossen hatte. Zugegeben, sie hätte nicht wie eine Kriminelle wegrennen müssen, aber das Mitbringsel in Form eines Streifschusses war immer noch besser, als sich mit diesen Leuten auseinanderzusetzen. Auch die Agenten der HUNTERS arbeiteten verdeckt, doch im Gegensatz zu ihnen agierten Scarlett und ihre Kolleginnen in den Schatten. Sie hätte den Männern wohl kaum weismachen können, dass sie zwar eine Auftragskillerin war, es sich aber anders überlegt hatte – und statt Garrett zu töten, ihn vor dem Verbluten gerettet hatte. Zumal sein Zustand zu jenem Zeitpunkt noch zu kritisch gewesen war, um überhaupt zu wissen, ob er die Nacht überstehen würde oder nicht.

»Psst …!« Phoenix lehnte sich von ihrem Schreibtischstuhl aus weit in Raidens Richtung und flüsterte ihr die nächsten Worte zu.

»Augenbinde. Lara hat ihm die Augen verbunden.«»Und ihn gefesselt«, beendete diese ihren Satz, doch das amüsierte Zucken in ihren Mundwinkeln entging Scarlett nicht. Lara war die Begründerin der Daughters of Darkness und hatte sie alle nach und nach rekrutiert. Niemand schien so genau zu wissen, was sie dazu bewogen hatte, eine Karriere in diesem Metier anzustreben, wo sie tagsüber doch als Dozentin für Kunstgeschichte an der Universität lehrte, aber keiner von ihnen stellte ihre Absichten infrage. So kühl und ruhig sie sich stets nach außen hin gab, machte sie dem Sprichwort Stille Wasser sind tief doch alle Ehre. Vermutlich hatte Lara mehr Leichen im Keller als sie alle zusammen. »Zurück zum Thema. Wie hat Winter dich gefunden?«

»Brace yourself …«, murmelte Raiden trocken. »Winter is coming.«

Scarlett schnaubte und sog die Unterlippe zwischen ihre Zähne. Soweit sie sich erinnern konnte, hatte sie keine Spuren am Tatort zurückgelassen, abgesehen von …

»Verdammt.« Sie sprang auf die Beine. Ihr Herz polterte aufgeregt los, während sie sich in Gedanken eine Idiotin schalt. Wieso war ihr das nicht schon früher aufgefallen?

»Was ist?«, hakte Sydney nach und nahm ihr das Whiskeyglas aus der Hand, als wollte sie es vor ihr in Sicherheit bringen.

»Er kannte den Namen des Pflanzengifts, mit dem ich seine Wunde behandelt habe.«

Phoenix zog die Nase kraus. »Und weiter?«

»Es gibt nur eine Person, die ihm das gesagt haben kann.«

Lara presste die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen. »Dr. Fox.«

Die Ärztin lebte in Seattle und wusste bestens über sie Bescheid. Genau genommen wusste Dr. Hailey Fox viele Dinge über viele Leute, darunter sowohl Cops und Agenten als auch Kriminelle und Mafiosi. Sie behandelte jeden, völlig egal, was der- oder diejenige getan hatte, und behielt jedes Geheimnis für sich. Bis jetzt.

Lara deutete auf die Monitore, die Phoenix umgaben. »Überprüf das bitte.«

»Bin schon dabei.« Das Klackern der Tastatur erfüllte den Raum.

»Wenn sie es wirklich war, müssen wir unsere Allianz mit ihr noch einmal überdenken.«

»Sie hat mir das Leben gerettet«, wandte Sydney ruhig, aber bestimmt ein. »Und Raiden auch.«

»Wofür sie auch sehr gut bezahlt wurde. Aber sollte sie Informationen über uns oder unsere Vorgehensweise an jemanden wie Winter weitergegeben haben, ändert das alles.«

Scarlett wechselte einen Blick mit Sydney, schwieg jedoch. Auch Raiden, die für ihr ungestümes Temperament bekannt war, hielt sich zurück und betrachtete scheinbar interessiert ihre dunkelblau lackierten Fingernägel.

Schließlich war es Phoenix, die mit einem Räuspern auf sich aufmerksam machte. »Laut Videoüberwachung war Garrett Winter nach seiner Entlassung noch mal bei ihr. Exakt zehn Tage später.«

»Eine Nachbehandlung?«, fragte Sydney, aber Phoenix schüttelte den Kopf.

»Keine Behandlung, keine Medikamente. Nur ein Gespräch, leider ohne Ton.«

Raiden erhob sich und stakste zu ihr rüber. »Geh mal zur Seite.« Mit gerunzelter Stirn beugte sie sich näher zum Bildschirm, als versuchte sie anhand der Lippenbewegungen zu erkennen, worüber der Agent und die Ärztin vor so vielen Wochen miteinander gesprochen hatten.

Ein Vibrieren unterbrach die Stille um sie herum. Handys wurden gezückt, aber niemand ging ran. Scarlett sah zu der teuren Céline-Handtasche, die neben ihren Schuhen auf dem Boden lag. Lara folgte ihrem Blick und zog eine Braue in die Höhe. Ups. Die Tasche kostete ein Vermögen und gehörte nicht Scarlett selbst, sondern in die Kollektion der Ladys. Sie selbst würde nie so viel Geld für etwas so Sinnloses ausgeben – auch wenn sie zugeben musste, dass sich das weiche Leder himmlisch unter ihren Fingern anfühlte, als sie die Tasche aufhob. Doch der Name auf dem Display ließ jedes wohlige Gefühl in ihrem Inneren erstarren.

»Wer ist das?«, fragte Sydney, als das Vibrieren nicht aufhören wollte.

Es ging immer weiter und hallte von den Wänden wider wie ein Schlagbohrer namens Vergangenheit. Scarlett starrte auf das Display ihres Smartphones, bis es erlosch und die plötzliche Stille ihr die Kehle zuschnürte. »Mein Erzeuger.«

Der einzige Grund, aus dem sie seine Nummer in ihren Kontakten gespeichert hatte, war der, dass sie es vorher wissen wollte, sollte er es tatsächlich wagen, sie zu kontaktieren. Nichts wäre schlimmer, als ahnungslos ans Telefon zu gehen und seine Stimme zu hören.

»Warum ruft er ausgerechnet jetzt an? Nach all den Jahren?«

»Keine Ahnung.« Scarlett schob das Handy mit mehr Gewalt als nötig zurück in die Tasche und hob auch die Schuhe auf. »Aber ich muss hinfahren.«

Aus dem Augenwinkel bemerkte sie, wie Lara und Sydney einen besorgten Blick wechselten. »Hältst du das für eine gute Idee?«, fragte Lara. In ihrer Stimme lag eine ungewohnte Sanftheit, eine Wärme, die nur wenige Menschen von ihr zu spüren bekamen.

»Nein.« Scarlett straffte die Schultern, auch wenn ihr plötzlich jeder Muskel in ihrem Körper wehtat. Als würde sich alles in ihr dagegen wehren, zurück an den Ort ihrer Albträume zu fahren. Zurück in das Haus, in dem sie aufgewachsen war. »Aber wenn ich ständig darauf gewartet hätte, bis ich für etwas bereit bin, würde ich noch heute in diesem Wandschrank hausen und mir vor Angst in die Hosen machen.«

Und damit war die Diskussion beendet. Sie machte auf dem Absatz kehrt und marschierte aus der Halle. Statt der Flügeltüren nahm sie die unscheinbare Tür auf der anderen Seite, die direkt in den Ankleideraum mitsamt begehbarem Kleiderschrank führte. Höchste Zeit, dieses lächerliche Cocktailkleid loszuwerden. Ihre Finger zitterten, als sie den Reißverschluss öffnete. Der brombeerfarbene Stoff fiel zu Boden und bauschte sich um ihre Knöchel. Nur in Unterwäsche marschierte sie zu dem Stapel Kleidung auf der langen Mahagonikommode und zog ihre eigenen Sachen wieder an. Eng anliegende kakifarbene Cargohose, flache Stiefel, ein dunkelblaues Spitzentop und ihre Cargojacke in derselben Farbe wie ihre Hose. Simpel, bequem und weiblich dank des Dekolletés, das ihr Top frei ließ.

Niemand störte sie, während sie sich umzog, und auch beim Hinausgehen hielt niemand sie auf. Scarlett fokussierte ihre Gedanken auf die Aufgaben, die vor ihr lagen. Umziehen – check. In die Tiefgarage hinunterfahren – check. Sich hinter das Steuer ihres eigenen Autos setzen und das Navigationsgerät einschalten, obwohl sie es nicht brauchte, da sie den Weg dorthin ohnehin finden würde. Sie schaffte es gerade mal bis vor ihren Wagen, als sie abrupt stehen blieb.

Sydney lehnte mit dem Rücken an der Fahrertür, die Hände in den Taschen ihrer Skinny Jeans, obwohl dort überhaupt kein Platz mehr sein sollte, so eng wie diese Hose war. »Wolltest du etwa abhauen, ohne dich zu verabschieden?«

Scarlett antwortete nicht darauf, aber das musste sie auch nicht. Trotz der unterschiedlichen Erfahrungen, die sie beide in ihrem Leben gemacht hatten, verband sie etwas Dunkles in ihrer Vergangenheit. In einer Nacht mit zu viel Rotwein und Pizza hatte Scarlett ihr davon erzählt. Im Gegenzug hatte Sydney ihr vom Tod ihrer Eltern und ihrer Zeit bei der CIA berichtet. Und auch, was sie dafür hatte aufgeben müssen. Obgleich so verschieden, hatten sie den Schmerz in den Augen der anderen erkannt – und akzeptiert.

»Soll ich mitkommen?«, fragte Sydney und stieß sich von der Tür ab. Sorge lag in ihrer Stimme und sie gab sich keine Mühe, sie zu verbergen.

Hatte Scarlett seit dem Anruf alle Emotionen ausgeblendet, drohten diese jetzt wieder aus der Dunkelheit hervorzukriechen und sie zu verschlingen. Hastig schüttelte sie den Kopf. »Nicht nötig. Das kriege ich allein hin.«

»Brauchst du ein Alibi?«

Trotz der Kälte in ihrem Inneren zauberte diese Frage ein Lächeln auf Scarletts Gesicht. Eines der ehrlichen Sorte, die sie für besondere Anlässe und besondere Menschen reservierte. »Gut möglich.«

2. KAPITEL

Sie hatte gelogen. Lange, nachdem die Frau verschwunden war, stand Garrett noch immer in dieser Gasse und starrte ihr nach. Als jemand, dessen gesamtes Leben nur noch aus einem fein gewebten Netz aus Lügen bestand, erkannte er eine Lüge als solche. Und diese Frau hatte ihm eindeutig etwas vorgemacht. Oh, sie war gut. Der Blick aus ihren glasklaren grauen Augen war direkt auf ihn gerichtet gewesen. Ihre Gesichtsmuskeln waren entspannt, der Mund in ehrlichem Erstaunen verzogen. Fast hätte er an seinem Gedächtnis gezweifelt. Fast hätte er ihr geglaubt. Wäre da nicht diese Stimme gewesen. Dieser Duft, der unter dem teuren Parfum schwelte und so frisch und würzig wie ein Herbstmorgen war. Die Bilder in seinem Gedächtnis mochten aufgrund der Umstände etwas verschwommen sein, aber er hatte instinktiv gewusst, dass er die richtige Frau vor sich hatte.

Obwohl er sie gegen die Wand drückte, war sie ihm nicht ausgewichen, sondern hatte ihm eine Floskel nach der anderen an den Kopf geworfen. Am liebsten hätte er sie vor lauter Frustration geschüttelt, aber diesen Sieg hatte er ihr nicht überlassen wollen. Er war so weit gekommen und würde jetzt nicht aufgeben, nur weil diese Frau meinte, eine Amnesie vortäuschen zu müssen.

Er hatte sie ein weiteres Mal fragen wollen, um sie endlich zum Reden zu bringen, doch bevor er auch nur ein Wort sagen konnte, war ein pechschwarzer Sportwagen aufgetaucht und eine fremde Frau zielte mit einer Pistole auf ihn. Die Art, wie die Blondine neben ihrem Wagen gestanden hatte, breitbeinig und die Tür als Deckung benutzend, während ihre Hände die Waffe geübt festhielten, verriet ihm mehr, als eine von ihnen preisgeben wollte. Im Gegensatz zu ihrer Kollegin hatte diese Frau eine professionelle Ausbildung hinter sich. Polizei? SWAT? Etwas anderes? Offensichtlich arbeitete sie mit seiner Retterin zusammen – und keine von ihnen wollte, dass er tiefer grub und mehr herausfand. Aber genau das würde er tun, das schwor er sich in dem Moment, in dem er dem Wagen nachsah, bis dieser am Ende der Gasse abbog und verschwand. Garrett mochte mit diesem Schachzug kein Glück gehabt haben, aber das Spiel hatte gerade erst begonnen. Ein Spiel, bei dem es um nichts Geringeres als um sein Leben ging. Und das würde Garrett nicht noch einmal verlieren.

Hinter ihm ertönten Schritte, hallten in der leeren Gasse wider und rissen ihn aus seinen Grübeleien. Garrett schloss die Augen und fluchte in Gedanken. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Er hatte sich schon gefragt, wie viel Zeit ihm blieb, bevor einer seiner Teamkameraden hier auftauchen würde.

»Nette Aktion.«

Garrett drehte sich zu der bekannten Stimme um. Der Tonfall war ebenso lässig wie sein gesamtes Auftreten. Jeans, eine dünne Jacke und ein schwarzes Shirt mit dem geschwungenen Aufdruck Team Peeniss.

»Nicht gerade die Ecke, die ich mir fürs Sightseeing ausgesucht hätte, aber hey, wenn du auf Kisten, Müllcontainer und Ratten stehst, nur zu. Tob dich aus.«

»Was willst du hier, Ryder?«

»Du glaubst doch nicht, dass ich dich das allein durchziehen lasse, oder?« Logan Ryder wippte auf den Fersen vor und zurück, als hätte er nicht die geringste Sorge der Welt. Diesen Eindruck konnte er sogar während einer Mission oder mitten in einem Kugelhagel vermitteln. »Wir sind Partner, schon vergessen?«

»Partner im Dienst, nicht privat, und das hier ist Privatsache.« Unwillig fuhr sich Garrett durch das Haar. Wie hatte der Kerl ihn überhaupt gefunden? Er hatte niemandem erzählt, wohin er fahren würde. Oder warum. Dann kam ihm ein Verdacht und ließ ihn misstrauisch die Augen zusammenkneifen. »Hat Riley dich geschickt?«

Riley Beckett war der brillante Verstand hinter dem Team, der ihnen allen regelmäßig den Hintern rettete. Sie wusste über jeden von ihnen Bescheid – und falls nicht, konnte sie es aufgrund ihrer Hackerkenntnisse innerhalb weniger Minuten herausfinden. Es grenzte an ein Wunder, dass sie nicht schon längst seine wahre Identität kannte. Aber vielleicht tat sie das bereits und ließ es ihn nur nicht wissen. Der Mann, der er einmal gewesen war, war schon lang tot. Es war besser, ihn begraben zu lassen.

Logan schnaubte. »Denkst du wirklich, ich wäre hier, wenn ich stattdessen bei ihr sein könnte?«

»Was machst du dann hier?«, hakte er nach. Einen Babysitter konnte er nicht gebrauchen. Er war so kurz davor, die Leute aufzuspüren, die es auf ihn abgesehen hatten.

»Ich hab gehört, hier gibt es ein paar gute Straßenrennen.«

»Normalerweise ist doch L.A. deine Spielwiese.«

Logan zuckte mit den Schultern. »Dann wollte ich eben Valerie besuchen. Du weißt, dass sie auch in der Stadt ist.«

Valerie Reed, Ex-CIA-Agentin und genau wie Logan und Garrett selbst ein Mitglied der HUNTERS. Wenn sie nicht im Dienst war, verbrachte sie die meiste Zeit bei ihrem Verlobten Adam Blackbourne in San Francisco. Garrett wusste, dass sie sich in der Nähe aufhielt, hatte es aber vermieden, sie zu kontaktieren. Das hier war keine Mission, bei der sie zusammenarbeiten mussten. Er empfand den höchsten Respekt vor seinen Kameraden, aber er würde einen Teufel tun und sie in seine persönlichen Angelegenheiten hineinziehen. Ganz besonders wenn diese Angelegenheiten rothaarig, vorlaut und verflucht sexy waren.

»Okay. Schön«, murmelte Logan und hob die Hände in einer abwehrenden Geste. »Aber ich war dabei, falls du es vergessen haben solltest. Vor einem halben Jahr war ich es, der dich aus dieser verdammten Bibliothek getragen und zu Dr. Fox gebracht hat, als du kurz vor dem Krepieren warst. Du hast mir vom Zeugenschutzprogramm erzählt, erinnerst du dich? Oder hat dein Dickschädel doch einen längerfristigen Schaden genommen?«

Garrett biss die Zähne zusammen und wandte sich ab. Er zweifelte nicht an Logans guten Absichten, doch selbst wenn er behauptete, so viel zu wissen, wusste er im Grunde überhaupt nichts. Wie auch? Garrett hatte niemandem etwas von seinem früheren Leben erzählt oder welche Umstände dazu geführt hatten, dass das FBI ihn ins Zeugenschutzprogramm gesteckt hatte. Die letzten Jahre hatten ihn zum Einzelkämpfer werden lassen und er war zufrieden damit gewesen. Nicht glücklich, aber als ein Mann, der nur zu gut wusste, wie schnell dir jemand jedes Glück nehmen konnte, begnügte er sich mit Zufriedenheit.

Hinter ihm stieß Logan einen Fluch aus. »Ich habe schon mal einen guten Partner verloren, weil ich nicht zur Stelle war, um ihm den Rücken zu decken. Glaub ja nicht, dass ich zulasse, dass das noch mal passiert.«

Fuck. Garrett rieb sich über den Nacken, dann drehte er sich wieder zu seinem Teamkameraden um. »Das hier ist kein Auftrag, bei dem du versagen könntest, Ryder.«

»Nein, aber es ist etwas, bei dem ich dir trotzdem helfen kann.«

»Wie stellst du dir das vor, hm?« Es war nicht Wut, die ihn in diesem Moment explodieren ließ, sondern Sorge und eine Anspannung, die er viel zu lang mit sich herumgeschleppt hatte. »Willst du die Datenbank in der Zentrale anzapfen und nach diesen Frauen suchen? Zu spät, schon versucht. Denkst du daran, noch mal in diese Bibliothek zu fahren und dich dort nach irgendwelchen Spuren umzusehen? Auch schon erledigt. Genau wie das Gespräch mit Dr. Fox und eine Überprüfung ihrer Praxis. Es gibt nichts, wobei du mir helfen könntest.«

Scheinbar gelangweilt zog Logan sein Smartphone hervor, tippte darauf und drehte es herum, damit Garrett einen Blick auf das Display werfen konnte. »Während du mit Ariel geflirtet hast, habe ich ein Foto vom Nummernschild des Maseratis geschossen.«

Dieser verdammte Mistkerl. War er etwa die ganze Zeit hier gewesen und hatte ihn beobachtet?

»Interessiert?« Logan winkte mit dem Handy. »Wenn wir das an die Zentrale schicken, kann Riley …«

»Nein«, unterbrach Garrett ihn bestimmt.

Logan riss die Brauen in die Höhe. »Nein?«

»Das hier ist kein Fall für die HUNTERS.«

»Schon klar«, erwiderte er gedehnt. »Du machst das in deiner Freizeit. Aber das heißt nicht, dass Riley uns nicht aushelfen könnte. Du weißt schon, dass sie innerhalb von ein paar Minuten alles über den Wagen und seine Fahrerin herausfinden könnte, oder?«

Und damit selbst auch noch in diese Sache involviert wäre? Nachdem sie vor wenigen Monaten beinah draufgegangen war? Auf keinen Fall. Es waren schon genug Menschen seinetwegen gestorben. Garrett würde nicht zulassen, dass seine Kollegen bei den HUNTERS bald dazugehörten.

»Ich will deine Hilfe nicht, Ryder.«

»Pech für dich, denn du bekommst sie. Also kannst du mich entweder gleich mitspielen lassen oder ich hänge mich an deine Fersen und hetze obendrein auch noch Riley auf dich. Und Valerie. Du weißt, wie sie sein kann, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat.«

Diesmal hielt sich Garrett mit dem Fluch, der ihm auf der Zunge lag, nicht zurück. Er sprach ihn aus, hart und wüst, aber Logan zuckte nicht mal zusammen. Es schien vielmehr, als hätte er genau damit gerechnet.

Sein Gesicht wurde so ernst, wie Garrett es nur selten bei ihm gesehen hatte. »Ich bin ein ziemlich großes Risiko eingegangen, dir damals das Leben zu retten, Partner. Ich glaube, du schuldest mir etwas dafür.«

»Ich schulde es dir, dich in Gefahr zu bringen?« Garrett schnaubte. »Eine seltsame Art von Dankbarkeit ist das.«

»Scheiß auf Dankbarkeit. Du kommst in dieser Sache nicht weiter und ich kann dir helfen. Warum diskutieren wir überhaupt noch?«

Garrett schüttelte den Kopf. Er wollte seine Kollegen nicht in diese Sache hineinziehen. Er hatte schon zu viele Menschen verloren, die ihm wichtig waren. Aber die harte Wahrheit war, dass er etwas Hilfe durchaus gebrauchen könnte. Denn in einem hatte Logan recht: Er war in einer Sackgasse angelangt und kam allein nicht weiter. Zwar wusste er dank seiner Recherchen inzwischen allerhand über die verschiedenen Identitäten seiner Retterin und auch, wo sie zumindest zeitweise in San Francisco wohnte, aber bevor er sie noch einmal stellte, musste er mehr erfahren. Sonst wäre es nur eine Wiederholung des Gesprächs von vorhin. Er würde nachhaken und sie so tun, als würde sie ihn nicht kennen.

»Also gut«, gab er mit zusammengebissenen Zähnen nach. »Aber halt Riley und die anderen da raus.«

»Wie du willst. Dann machen wir das Ganze eben auf die altmodische Weise.«

»Die da wäre?«

Das lockere Grinsen kehrte in Logans Gesicht zurück. »Zufällig weiß ich, dass die Fahrerin des Maseratis eine Schwäche für Autorennen hat. Und ich weiß auch, wo heute Nacht eines stattfindet.«

Das hier war eine miese Idee. Vier verschieden farbige Autos rollten an die auf den Asphalt gesprühte Startlinie. Eines davon war Logans grauer Plymouth Barracuda, direkt daneben der schwarze Maserati, den er vor wenigen Stunden schon einmal gesehen hatte. Aber handelte es sich dabei auch um denselben Wagen? Garrett kam nicht dazu, das Nummernschild genauer unter die Lupe zu nehmen oder den Gedanken fortzuführen, denn in diesem Moment ertönte das Startzeichen und die Autos schossen nach vorn. Die Menge jubelte und erweckte die Straße neben dem verlassenen Fabrikgebäude zu neuem Leben. Trotz der kühlen Temperaturen in dieser Märznacht in San Francisco sah Garrett jede Menge nackte Haut bei den anwesenden Damen. Zwar waren eine Handvoll rothaarig, aber bei keiner von ihnen handelte es sich um die Frau, nach der er seit Monaten suchte.

Garrett stand am Rande der Fahrbahn und beobachtete das Rennen aus zusammengekniffenen Augen. Bei dieser Sache musste er sich völlig auf seinen Partner verlassen. Auch wenn er ihm im Job vertraute, hielt er das hier noch immer für eine beschissene Idee. Zu dumm, dass ihm keine andere Wahl blieb. Er fühlte sich wie jemand, der kopfüber in einen reißenden Fluss gesprungen war – ohne Sicherheitsweste, ohne Rettungsring. Jetzt klammerte er sich nur noch an einen Strohhalm, und wenn dieser riss, müsste er seine Suche nach dem Mann, der ihn schon seit Jahren tot sehen wollte, wieder von vorn beginnen. Oder sich einfach finden lassen, aber in dem Fall könnte er sich auch gleich selbst eine Kugel in den Kopf jagen.

Sogar aus der Ferne erkannte Garrett, dass Logan die Führung im Rennen übernommen hatte. Natürlich. Er zuckte mit den Mundwinkeln. Etwas anderes hätte er seinem Partner auch nicht zugetraut. Was ihn mehr überraschte, war die Tatsache, dass der Maserati ihm dicht auf war. Kurz vor der Ziellinie, eine Viertelmeile vom Start entfernt, lieferten sie sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Unwillkürlich hielt er den Atem an. Wer dieses Rennen auch gewann, um ein kurzes Gespräch mit ihnen würde die Fahrerin des Maseratis nicht herumkommen. Und wenn sie nicht freiwillig kooperierte, müssten sie die Frau unter Androhung körperlicher Gewalt dazu bringen, mit ihnen zu reden. Ein bitterer Geschmack breitete sich in Garretts Mund aus und alles in ihm sträubte sich gegen diesen Gedanken. In seinem alten Leben hatte er zu viel von dieser Gewalt gesehen. Gegen Frauen. Gegen Kinder. Manchmal hatte er etwas dagegen unternehmen können. Manchmal … nicht. Diese Momente waren es, die ihn noch immer bis in seine Träume verfolgten. Erinnerungen, in denen ihm die Hände gebunden waren und er nichts anderes tun konnte, als zuzusehen, um seine Tarnung nicht zu gefährden. Er hasste es, wenn er von diesen Erlebnissen heimgesucht wurde. Aber noch viel mehr hasste er seine eigene Machtlosigkeit.

Die beiden Sportwagen fuhren dicht nebeneinander über die Ziellinie. Jubelschreie ertönten. Musik schallte in die Nacht, als hätten sie nicht die geringste Sorge, dass die Polizei sie bei diesem illegalen Rennen aufgreifen könnte. Wildfremde Menschen liefen an Garrett vorbei, um die Fahrer zu begrüßen, als diese zurückkehrten. Es brauchte nur einen Blick in Logans Gesicht, um zu erkennen, dass er der Sieger war. Männer gratulierten ihm und klopften ihm auf die Schulter, während sich ein paar Frauen in besonders knappen Röcken an ihn zu schmiegen versuchten. Zu dumm, dass Logan nicht mal einen Blick für sie übrig hatte. Eindeutig Rileys Einfluss.

»Gratuliere.« Die langbeinige Blondine stieg aus ihrem Maserati aus und warf ein flüchtiges Lächeln in Logans Richtung. »Saubere Leistung.«

Er zwinkerte ihr zu. »Und das ganz ohne miese Tricks.«

Sie sagte irgendetwas, das Garrett über die anderen Stimmen hinweg nicht verstand, aber das musste er auch nicht. Er kämpfte sich an den Leuten vorbei, bis er neben der Frau stand, als diese sich abwenden wollte.