Das unwirkliche Leben des Sergej Nabokow - Paul Russell - ebook

Das unwirkliche Leben des Sergej Nabokow ebook

Paul Russell

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Opis

Eine behütete Kindheit im zaristischen Russland, Flucht vor der Revolution, Ausschweifungen in der Pariser Boheme und Tod im KZ Neuengamme: In nur 45 Jahren (1900- 1945) durchlebt Sergej Nabokow bewegte Zeiten. In seiner aristokratischen Familie ist der unmännliche, stotternde Junge ein Außenseiter, nur ein 'Schatten auf dem Hintergrund meiner reichsten Erinnerungen', wie sein berühmter Bruder Wladimir Nabokow ihn später beschreibt. Auf seiner Flucht verschlägt es ihn über Cambridge und Berlin nach Paris, wo er schnell Zugang zu den Kreisen um Cocteau, Diaghilew und Gertrude Stein erlangt. Als er schließlich an Opium zu sterben droht, bringt ihn ein Freund auf sein Schloss in Tirol, wo die Nationalsozialisten das Freundespaar 1941 verhaften. Nach kurzer Haft wegen 'widernatürlicher Unzucht ' geht Nabokow nach Berlin, wo er als Übersetzer im Propagandaministerium arbeitet. Wegen politischer Äußerungen wird er 1943 ins KZ Neuengamme verbracht, wo er unmittelbar vor Kriegsende entkräftet stirbt. Wo Sergej Nabokow selbst nur undeutliche Spuren hinterlassen hat, bedient sich Paul Russell zeitgenössischer Quellen, darunter die Romane und Memoiren des berühmten Bruders Wladimir, und seiner Fantasie. So hat er ein ungemein lebendiges Bild dieser Epoche und ihrer Menschen geschaffen, vor allem aber einen packenden und geistreichen Roman.

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Verlagstext

Eine behütete Kindheit im zaristischen Russland, Flucht vor der Revolution, Ausschweifungen in der Pariser Boheme und Tod im KZ Neuengamme: In nur 45 Jahren (1900-1945) durchlebt Sergej Nabokow bewegte Zeiten. In seiner aristokratischen Familie ist der unmännliche, stotternde Junge ein Außenseiter, nur ein «Schatten auf dem Hintergrund meiner reichsten Erinnerungen», wie sein berühmter Bruder Wladimir Nabokow ihn später beschreibt.

Auf seiner Flucht verschlägt es ihn über Cambridge und Berlin nach Paris, wo er schnell Zugang zu den Kreisen Cocteaus, Diaghilews und Steins er langt. Als er schließlich an Opium zu krepieren droht, bringt ihn ein Freund auf sein Schloss in Tirol, wo die Nationalsozialisten das glückliche Paar 1941 verhaften. Nach kurzem Gefängnisaufenthalt wegen widernatürlicher Unzucht geht Nabokow nach Berlin, wo er als Übersetzer im Propagandaministerium arbeitet.

Wegen politischer Äußerungen wird er 1943 ins KZ Neuengamme verbracht, wo er unmittelbar vor Kriegsende an Schwäche stirbt. Wo Sergej Nabokow selbst nur undeutliche Spuren hinterlassen hat, bedient sich Paul Russell zeitgenössischer Quellen, darunter die Romane und Memoiren des berühmten Bruders, und seiner eigenen Fantasie. So hat er ein ungemein lebendiges Bild dieser Epoche und ihrer Menschen geschaffen, vor allem aber einen packenden und eistreichen Roman.

Über den Autor

Paul Russell (Jg. 1956) wuchs in Memphis, Tennessee auf. Er promovierte in englischer Literaturwissenschaft und unterrichtet seitdem als Professor am Vassar College in Poughkeepsie, NY. Seit 1987 hat Russell sieben Romane veröffentlicht, von denen zwei mit dem «Ferro-Gromley Award for Fiction» ausgezeichnet wurden. «Das unwirkliche Leben des Sergej Nabokow» ist seine erste Veröffentlhung in deutscher Sprache.

Paul Russell

Das unwirkliche Leben des Sergej Nabokow

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Matthias Frings

Edition Salzgeber im Männerschwarm Verlag Hamburg 2017

1

Berlin, 23. November 1943

Der Bombenalarm setzte kurz vor Mitternacht ein. Vom Keller aus hörten wir das Husten der Flak am Stadtrand, das Dröhnen der Bomber, das Donnergrollen gigantischer Fußtritte. An all das hatten wir uns gewöhnt, aber nun schritt der betrunkene Gigant direkt auf uns zu. Wir fühlten, wie das Gebäude über uns erzitterte, hörten die Fenster in einem Kristallregen zerbersten, rochen die grausige Blüte der Brandbomben. Die ohrenbetäubenden Fußtritte entfernten sich, der Lärm ließ nach, nur um wenige Minuten später durch das Brüllen des Feuers ersetzt zu werden, das sich in der Nachbarschaft ausbreitete. Der Luftdruck riss die Kellertür aus den Angeln. Wir rappelten uns hoch, um sie an ihren alten Platz zurückzustemmen. Mit feuchten Tüchern schützten wir unsere Gesichter gegen den Rauch. Unsere Schläfen und Ohren pochten. Wir schrien laut. Wir beteten.

«Trotz allem», sagte ich an diesem Morgen zu Herrn Silber, «England ist das zivilisierteste Land der Welt.»

Meine Worte hingen fast lesbar in der kühlen Luft unseres Büros. Sie trafen auf verblüfftes Schweigen. Mehrere nervöse Gesichter blickten flüchtig in unsere Richtung, wandten sich dann wieder ihrem Papierkram zu. Die meisten meiner Kollegen in der Redaktion Ostfront hatten es geschafft zur Arbeit zu erscheinen. Im Reich gab es, wie Dr. Goebbels uns ständig erinnerte, keine Rechte mehr, nur noch Pflichten.

«Offensichtlich, Herr Nabokow», sagte mein Kollege zögernd, «stehen wir alle unter enormer Anspannung. Vielleicht sollten Sie in Betracht ziehen, den Rest des Tags frei zu nehmen.»

Ich wusste, dass er versuchte freundlich zu bleiben. Jeder in diesem Raum war sich im Klaren darüber, was gerade passiert war. Gefährlich benommen erhob ich mich und machte eine Verbeugung: «Danke sehr», sagte ich. «Ich glaube, das werde ich tun.»

Was einmal gesagt ist, kann nicht mehr ungeschehen gemacht werden. Wer sollte das besser wissen als die Mitarbeiter des Propagandaministeriums?

Herr Silber zeigte den üblichen steifarmigen Gruß. Es war sinnlos, ihn zu erwidern, also ließ ich es.

Als ich ging, spürte ich, wie sämtliche Augen mir folgten. Im Flur warnte ein Plakat: DER FEIND SIEHT DEIN LICHT! VERDUNKELN! Die Eingangstreppe war mit Glasscherben übersät. Ansonsten war das Ministerium auffallend unbeschädigt, während andere Häuser in der Nachbarschaft nicht so viel Glück gehabt hatten. Die Reichskanzlei, das Zeughaus, das Hotel Budapest – alle lagen in Schutt und Asche. Ich schlug einen Bogen um einen Bombentrichter, fast so breit wie die Straße, dessen Hohlraum schon vom Wasser einer gebrochenen Hauptleitung gefüllt war. Ein ausgebrannter Lastwagen saß auf seinem Rand. In der Nähe lag eine kopflose Schaufensterpuppe, die ich lieber nicht genauer in Augenschein nahm. Überall entlang meines fast unpassierbaren Wegs hing der Geruch von Sägemehl in der Luft, von scheußlich öliger Asche, von Kohle und Benzin, und ich wagte mir kaum vorzustellen, wovon noch. Zwischen verbrannten Straßenbahnen und Bussen irrten unheimliche Schatten herum. Auf dem Kurfürstendamm kam eine beleibte Frau mittleren Alters in einem dünnen Nachthemd und einer Pelzstola auf mich zu und schlang ihre Arme um mich. Dankbar umarmte ich sie, wenn auch nur aus dem Grund, dass wir beide noch am Leben waren.

«Was für jämmerliche Barbaren!», hatte Herr Silber in diesem kühlen Gerippe von Büro zu niemand Bestimmtem gesagt. «Mörder. Schakale. Juden! Die Briten sind bei weitem die schlimmsten Verbrecher von allen.»

Wer konnte es ihm verdenken? Die Bombenteppiche hatten die Stadt von West nach Ost überzogen. Charlottenburg, Unter den Linden, Alexanderplatz – alles zerstört, wie man hörte. Dennoch hatte ich gesagt, was ich gesagt hatte – «Trotz allem, England ist das zivilisierteste Land der Welt.»

Letzte Woche war im Nebenhaus eine junge Frau verhaftet worden, weil sie einen ausländischen Radiosender gehört hatte. Erst gestern hatte ich gesehen, wie ein älterer Herr vom Sicherheitsdienst aus der Straßenbahn gezerrt wurde, weil er einem anderen Fahrgast gegenüber erwähnt hatte, was kaum erwähnenswert war: dass es schlecht stand für das Reich. Die zivilisierten Jungs der Royal Air Force können die Stadt gar nicht so zerstören, dass die Gestapo mich nicht findet. Flucht kommt nicht in Betracht. Wohin sollte ich auch gehen? Der Nansen-Pass, den wir russischen Exilanten bei uns tragen, ist wertlos. Davon abgesehen bin ich ein verurteilter Sittlichkeitsverbrecher und stehe seit meiner Entlassung aus einem österreichischen Gefängnis vor einem Jahr unter ständiger Aufsicht.

Ich schreibe dies in meinem zerbombten Zimmer in der Ravensberger Straße. Keine Fenster mehr, Elektrizität und Wasser abgestellt, meine Nerven schwer zerrüttet, und ich werde die Erinnerung an den Anblick der kopflosen Schaufensterpuppe nicht los. Als Mutmacher verlasse ich mich auf den Brandy vom Schwarzmarkt, den ich für eine Hochzeitsfeier nächste Woche gehortet habe. In dem jüngst erschienenen Roman des unvergleichlichen W. Sirin – in unseren Emigrantenzirkeln recht populär – fragt sich ein Verurteilter, wie man zu schreiben beginnen soll, wenn man nicht weiß, wie viel Zeit einem bleibt. Was für eine Qual, als er erkennt, dass gestern vielleicht noch ausreichend Zeit gewesen wäre – hätte er nur angefangen.

2

Sankt Petersburg

Ich wurde am 12. März 1900 als zweiter Sohn von Wladimir Dmitrijewitsch Nabokow und Jelena Iwanowna Rukawischnikow in Sankt Petersburg geboren. Mein Vater war ein hoch geachteter Strafverteidiger, Zeitungsherausgeber und prominenter «Kadett», wie die zarenkritischen konstitutionellen Demokraten zu dieser Zeit genannt wurden. Meine Mutter stammte aus äußerst reichem Hause, und auch wenn einige der zahlreichen Feinde meines Vaters neidisch wisperten, seine Heirat lasse ein gewisses Maß an Berechnung erkennen, habe ich zwischen ihnen nie etwas anderes gespürt als eine ganz und gar beneidenswerte Liebe.

Da der erste Versuch meiner Eltern, einen Sohn zu bekommen, mit einer Fehlgeburt endete, war ihnen ihr Erstgeborener, Wladimir Wladimirowitsch, umso teurer. Soviel ich weiß, wurde mein Debüt, kaum elf Monate später, weniger enthusiastisch aufgenommen. Im Lauf der Jahre habe ich mich oft gefragt, wie mein Bruder diesen verfrühten Eindringling in sein privates Paradies empfunden haben muss, und bin zu dem Schluss gekommen, dass ein Teil seiner Antipathie mir gegenüber stets in dem Verdacht begründet war, ich verkörpere eine vorschnelle Überarbeitung von Seiten des Schöpfers, die ihn irgendwie in schlechtes Licht setze.

Wie meine Großmutter Nabokowa mir später in unnötiger Aufrichtigkeit erzählte, waren meine Eltern enttäuscht, dass ihr zweiter Nachkomme eine so blasse Kopie ihres Stammhalters abgab. Ich war ein ungewöhnlich teilnahmsloses Kind: kurzsichtig, tollpatschig, trotz mehrerer «Heilungsversuche» ein unverbesserlicher Linkshänder und mit einem Stottern geplagt, das sich verschlimmerte, je älter ich wurde.

Eine meiner ersten Erinnerungen: Ich muss vier gewesen sein. Russland befand sich im Krieg mit Japan. Meine Mutter, mein Bruder und ich hatten uns mit unserer englischen Gouvernante, Miss Hunt, im Hotel Oranien in Wiesbaden in Sicherheit gebracht, da Vater wegen der sich verschlechternden politischen Lage Zuhause beunruhigt war. Von unserem deutschen Winter habe ich außer dem jungen Mann, der den Lift bediente, kaum etwas im Gedächtnis behalten. Obwohl er kaum älter als fünfzehn, sechzehn gewesen sein kann, erschien er mir als Inbegriff von Männlichkeit. Wie schneidig und hübsch er in seinem goldenen randlosen Käppi aussah, in dem purpurnen Blazer und den engen tiefschwarzen Hosen mit einem einzigen grauen Streifen an jeder Seite seiner langen Beine. Obwohl ich mich selbst nicht daran erinnere, hat man mir erzählt, wie gerne ich mich zutraulich an sein Hosenbein klammerte, wenn er den Lift bediente. Ich war wie der kleine Affe des Drehorgelspielers, der immer wieder vom Hotelpersonal vom Bürgersteig vor dem Eingang verscheucht wurde.

Es war in diesem Winter meiner unschuldigen Vernarrtheit, als mein Bruder mich zur Flucht aus dem Hotel überredete, das er aus irgendwelchen Gründen mehr als Gefängnis denn als Palast empfand. Ich weiß nicht mehr, welche Süßigkeiten oder sonstigen Belohnungen Wolodja mir versprach, aber ich erinnere mich sehr genau an unsere Fahrt vom vierten Stock nach unten, und dass der bezaubernde Liftboy nichts dabei fand, zwei unbeaufsichtigten Kindern freien Zutritt zur Lobby zu gewähren. Als Wolodja schon wegrannte, blieb ich kurz stehen, legte eine Hand auf mein Herz und entbot meinem irritierten Idol ein verzweifeltes «Adieu, mon ami!», das ich während der Fahrt fieberhaft geübt hatte. Dann lief ich los, um meinen charismatischen Bruder einzuholen, der sich zwischen den Beinen der Gäste durchgeschlängelt und die laute Lobby bereits in Richtung der noch lauteren Straße verlassen hatte.

Der Orgelspieler und sein putzmunterer Affe sahen uns grinsend nach. Die Straße war ein Durcheinander von ratternden Kutschen und elektrischen Straßenbahnen, die furchterregende blaue Funken sprühten. Ich hatte das Oranien noch nie verlassen, ohne von Mutter oder Miss Hunt an der Hand gehalten zu werden. Bis heute staune ich darüber, wie Wolodja in diesem Labyrinth von Straßen genau zu wissen schien, wohin er ging. Ich bemühte mich Schritt zu halten, während er sich mehrmals frustriert umschaute, und mir war klar, dass er es schon bereute, mich überredet zu haben, ihn zu begleiten.

Schnell merkte ich, dass wir uns verlaufen hatten. Ich ließ die dunkelblaue Marinejacke meines Bruders nicht aus den Augen. Der Himmel war trüb und leblos, die Luft kühl und schwer, die Stadt eintönig grau. Nur mein Bruder war ein tanzender Punkt aus Farbe und Energie. Wie lange wir herumliefen, kann ich nicht sagen, aber irgendwann erreichten wir den Fluss, zu dem uns Miss Hunt schon mehrfach in der Kutsche mitgenommen hatte, um auf der Promenade zu flanieren. Am Kai, wo ein Dampfschiff festgemacht hatte, herrschte Tumult, weil gerade die letzten Passagiere an Bord gingen. Ohne eine Sekunde zu zögern betrat Wolodja die Gangway, nur um sofort von einem streng blickenden Mann mit imposantem Schnäuzer aufgehalten zu werden.

«Sir, our parents have already gone on board», sagte Wolodja im feinsten Englisch. «They will be terribly alarmed if we fail to join them.» Wolodja sprach die Menge an: «Please, is there an Englishman who can help a fellow countryman?» Alle starrten diesen strammen Fünfjährigen und seinen verdrucksten Bruder an.

«Why, dear, we’re Americans», rief eine dicke Lady, die einen kleinen schwarzen Hund im Arm hielt. «By all means, board with me, my child!»

Eingehüllt in ihre schützenden Röcke betraten wir das Schiff. Wolodja rief «Mama, Papa!», packte mich bei der Hand und wir rissen uns von unserer temporären Beschützerin los. In diesem Moment schrillte eine Pfeife, das Schiff erzitterte von Bug bis Heck und legte ab.

Ich erinnere mich an die Gemächlichkeit des bleiernen Flusses, als wir die Stadt verließen, deren Häuser bald von Feldern und Weinbergen abgelöst wurden. Ob in Paris, London oder Berlin – wann immer ich in späteren Jahren die langsam anschwellenden Akkorde, die Wagners Rheintöchter ankündigen, hörte, stand ich wieder auf dem Dampfschiff neben meinem mutigen, verrückten, aufregenden Bruder, während Tränen der Angst und des Heimwehs über meine vom Wind geröteten Wangen strömten.

«Was machen wir jetzt?», jammerte ich.

«Alles», triumphierte er und breitete die Arme weit aus. «Serjoscha, wir segeln nach Amerika. Wir werden Elefanten schießen und Pferde reiten und wilde Indianer treffen. Stell dir nur vor!»

Am nächsten Anleger wartete ein Polizist und verfrachtete uns in einen Polizeiwagen. Dem Liftboy waren schnell Zweifel gekommen, ob es klug gewesen war, uns allein losziehen zu lassen, und er hatte unsere Flucht gemeldet. Das Hotelpersonal hatte uns erst in dem Moment am Kai aufgespürt, als das Dampfschiff schon außer Rufweite war.

Zurück im Hotel ertrug mein Bruder stoisch was immer unsere Mutter sich als Strafe ausgedacht hatte. Als Vater schließlich von unserem Abenteuer erfuhr, lachte er herzlich. Alle gingen davon aus, dass ich nur der unfreiwillige Mitläufer gewesen war. Die einzige, die einen dauerhaften Schaden davontrug, war die arme Miss Hunt. Weil sie uns aus Unachtsamkeit aus unseren Zimmern hatte entkommen lassen, wurde sie gefeuert, nicht das erste oder letzte Kindermädchen, das durch meinen Bruder abserviert wurde. Was den stattlichen Liftboy angeht: Ich habe ihn nie wieder gesehen. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, vermute ich, dass auch er gefeuert wurde.

***

Der Bruder meiner Mutter, Wassili Iwanowitsch Rukawischnikow – für uns nur Onkel Ruka –, war ein herrlicher, farbenfroh gekleideter Exot. Nie sah man ihn ohne Nelke im Kopfloch oder ohne die Opale, die seine langen Finger schmückten. Er liebte Gamaschen und hochhackige Schuhe, die ich unglaublich elegant fand, obwohl sein affektierter Gang meinen Bruder zu bösartigem Nachäffen herausforderte. Er war eitel und leidenschaftlich, hatte blässliche Haut und die Augen eins Marders, trug einen verwegenen Schnurrbart und war wie der jüngere seiner beiden Neffen ein Stotterer.

Wir sahen ihn meistens im Sommer, wenn er sich auf Roschestweno niederließ. Zusammen mit Wyra, das meiner Mutter gehörte, und Großmutter Nabokowas Batowo stellte dieses Gut den Grundbesitz unserer Familie am Fluss Oredesch dar.

Im späten Juni verkündete die gehisste Fahne auf dem Haus seine Rückkehr aus diversen Wintersitzen in Frankreich oder Italien oder Ägypten, die wir nur aus seinen extravaganten Geschichten kannten. Das verrammelte Haus wurde geöffnet, die stattlichen Säulen des Portikus eilig überstrichen, die Möbel enthüllt und die Teppiche geklopft und gelüftet. Er brachte Geschenke mit, die er uns nach und nach überreichte, sodass die Junitage durch die unablässige Enthüllung farbenfroher Bücher und Puzzles, Spielkarten, handgemalter Zinnsoldaten und Ulanen geprägt waren. Die zauberhafte kleine Bronzebüste Napoleons, die ich mit sechs bekam, nahm ich wochenlang jeden Abend mit ins Bett, bis Wolodjas Hohn mich veranlasste, diese wohlige Gewohnheit aufzugeben.

Zwei glückliche Monate lang verbreitete unser Onkel Staunen und Licht. Er hatte eine süße, hohe Tenorstimme, und in seiner Freizeit, die ihm trotz seiner sogenannten Diplomatenkarriere unbegrenzt zur Verfügung stand, komponierte er Barkarolen und Bagatellen und chansons tristes, die er an Sommerabenden zur eigenen Klavierbegleitung vortrug. Niemand schien von seiner Kunstfertigkeit sonderlich beeindruckt zu sein, nur ich beneidete ihn um seine wehmütigen Melodien.

Einmal überredete ich ihn dazu, mir die Noten eines seiner Lieder zu leihen, was er nach einigem Sträuben auch tat. «Ach, das», sagte er mit halbem Lachen. «Nun ja, wenn du willst.» Ich rannte mit dem heiligen Dokument davon und verbrachte viele glückliche Stunden damit, es heimlich einzuüben. Ich stellte mir vor, wie überrascht er lächeln würde, wenn ich ihm eines Tags ganz ohne Stottern (ich stottere nicht, wenn ich singe) sein Geschenk erwiderte.

Nach dem Abendessen unterhielt er uns mit Geschichten über die Pyramiden und die Sphinx, deren Nase Napoleons Truppen eines trägen Nachmittags weggeschossen hatten. Da er nur gebrochen Russisch sprach, bediente er sich dabei zumeist des Französischen. Oder er berichtete von der Krokodiljagd auf dem Nil mit seinem Diener Hamid. Wir saßen bei Öllampen oder flackerndem Kerzenlicht auf der Veranda, während es in Kairos verräucherten Basaren vor Schätzen nur so wimmelte. Unter den Sachen, die Onkel Ruka uns mitgebracht hatte, war auch ein schweres Petschaft mit dem Siegel des Kalifen. «Und doch» – hier ließ er seine Marderaugen umherschweifen – «bestand zwischen all diesen Schnäppchen und Schurken immer die Möglichkeit» – er hielt dramatisch inne – «aufs Köstlichste ausgenommen zu werden.»

«Basile», murmelte mein Vater warnend.

«Ich selbst», versicherte Onkel Ruka schnell, «wurde jedoch niemals, niemals ausgenommen!»

Und schon war er bei einem weiteren Abenteuer, diesmal in einem Flugzeug, einer Voisin Hydravion, dem neuesten Wunderwerk dieser tollen französischen Brüder. Wussten wir schon, dass er auf einem Strand nahe Bayonne abgestürzt und um ein Haar ums Leben gekommen war? Und doch – hier küsste er zwei seiner beringten Finger, die er abergläubisch an die Lippen hob – und doch hatte er fast ohne Kratzer überlebt. Die orthodoxen Heiligen Sergius und Bacchus würden bis zu seinem Lebensende seine Schutzpatrone bleiben.

Mitten in seinem fröhlichen Geplauder, beim Wort Bacchus beispielsweise, konnte er ins Stocken geraten, und erst nach einigen heiklen Sekunden gelang es ihm, den widerspenstigen Konsonanten zu bewältigen.

Für das Stottern seines ihn anbetenden Neffen hatte er allerdings keine Geduld. Meine Anwesenheit schien ihm auf die Nerven zu gehen, was meinen Wunsch nur verstärkte, von ihm gemocht, oder wenigstens anerkannt zu werden. Als ich ihn einmal in der Bibliothek antraf, wo er müßig in einem Band mit Blumenaquarellen blätterte, bemerkte ich: «Hamid hört sich nach einer sehr interessanten Person an. Was für Abenteuer Sie nicht alles mit ihm erlebt haben!»

«Ein Halunke», antwortete mein Onkel überraschend spitz. «Denk nicht über ihn nach. Ein ehrloser Schurke, wie er im Buche steht. Und jetzt lass deinen Onkel in Ruhe, mein Junge. Siehst du nicht, dass er mit Lesen beschäftigt ist?»

Weil er einen Aufruf zum passiven Widerstand gegen die Politik des Zaren unterschrieben hatte, das geschichtsträchtige Wyborger Manifest, verbrachten mein Vater und einige andere «Kadetten» den Sommer 1908 im Gefängnis. Der Rest der Familie zog sich deshalb nach Wyra zurück, das Anwesen meiner Mutter, wo an einem drückend heißen Tag die überladene Kalesche eines mondänen Fotografen aus Sankt Petersburg samt Assistent und theatralisch aussehender Kameraausrüstung vorfuhr. Warum meine Mutter ausgerechnet in Vaters Abwesenheit eine Serie förmlicher Porträts von sich und ihren Kindern machen lassen wollte, weiß ich nicht, aber Wolodja weigerte sich heftig, zusammen mit mir in identische kurze weiße Hosen und langarmige Kittel gesteckt zu werden. Unsere neueste Gouvernante, Mlle. Miautin, die wir schlicht «Mademoiselle» nannten, ermahnte ihn, dass gute Jungen keine Wutanfälle bekommen, während der Fotograf ihm versicherte, dass wir beiden uns ganz und gar nicht ähnlich sahen. Schließlich fügte Wolodja sich, und auf den dann schließlich aufgenommenen Fotografien starren unsere beiden jüngeren Schwestern, Olga und Jelena, würdig in die Kamera, während mein schwieriger Bruder süffisant und teuflisch lächelt und ich nur ein dummes Grinsen zustande bringe.

Gerade als unsere Geduld mit dem Fotografen zu Ende ging, hörten wir das rasche Klick-Klick von Onkel Rukas Absätzen, der durch das Foyer stürmte: «Ah, Ljowa! Mes enfants! Je suis arrivé!» Unverzüglich die Situation erfassend überredete er den Fotografen, eine weitere Serie anzufertigen. Von der Veranda aus, wo Mademoiselle uns mit Kuchenresten und Kirschsaft fütterte, beobachtete ich, wie mein Onkel im Garten posierte, zuerst mit seiner Schwester, dann mit seiner Schwester und ihrem Stammhalter, dessen Taille er mit besitzergreifendem Arm umschlang. Als das Foto im Kasten war, befreite sich Wolodja. «Nicht so schnell», sagte Onkel Ruka. «Ich habe dir etwas mitgebracht, was dir bestimmt gefällt.»

Mitten in der Flucht hielt Wolodja inne. «Ich wollte Schmetterlinge fangen. Jetzt habe ich schon den halben Tag verplempert.»

Seit dem letzten Sommer hatte diese Manie die ganze Energie meines Bruders aufgezehrt. Sehr zu Mademoiselles Entsetzen war sein Zimmer mit aufgespießten Faltern übersät.

«Ah, dann sollst du deine Schmetterlinge haben.»

Wolodja schaute skeptisch.

«Komm», lockte unser Onkel und schob seinen Neffen an uns vorbei ins Haus. Ich folgte ihnen. Onkel Ruka zeigte auf ein riesiges Buch, das im Wohnzimmer aufgeschlagen auf einem Sessel lag. Wolodja näherte sich artig und fiel dann fast in Ohnmacht.

«Meine Güte, ach du meine Güte!», jubelte er, hob den Schinken an, glitt auf den Sessel und begann zu blättern. «Die Großschmetterlinge Europas. Was ich mir am meisten gewünscht habe! Woher haben Sie das gewusst?»

«Dein Onkel ist gar nicht so ohne, nicht wahr?» Er rutschte auf den Stuhl neben Wolodja und legte einen Arm um seinen Neffen. «Einen von diesen habe ich, glaube ich, gesehen.» Er wies auf eine Illustration.

«Nicht sehr wahrscheinlich», sagte Wolodja, «es sei denn, Sie sind in Nowaja Semlja gewesen, und selbst da ist er extrem selten.»

«Nun, vielleicht war es ein südlicher Cousin», stammelte Onkel Ruka. «Ich fürchte, für mich sehen sie alle gleich aus. Familienähnlichkeiten können äußerst verwirrend sein!» Er lachte unbekümmert und atmete den Duft von Wolodjas Haaröl ein. Kurz berührten seine Lippen dessen Scheitel. Mein Bruder erstarrte. Seine braun-grünen Augen trafen die meinen. Ich wandte mich verlegen ab, weniger seinetwegen, als wegen unseres armen Onkels, der den Widerwillen seines Neffen nicht bemerkte und bald mit klickenden Absätzen den Raum verließ. Wolodja blieb sitzen, als wäre nichts passiert. Seelenruhig blätterte er in seinem Band, betont unbeeindruckt von allem um ihn herum. Er nahm weder den davoneilenden Onkel wahr, noch seinen jüngeren Bruder, der in der Tür stehen blieb, als Onkel Ruka grußlos an ihm vorbeistürmte.

Den Sommer darauf war Onkel Ruka wieder in Roschestweno. An drei oder vier Tagen erschien er zum Mittagessen. Wenn das Mahl beendet war und alle sich zu türkischem Mocca und Zigaretten auf die Veranda zurückzogen, griff er nach Wolodjas Handgelenk. «Jetzt komm, lieber Junge», hörte ich ihn sagen, als ich einen Moment länger als nötig auf der Türschwelle herumlungerte. «Verwöhne deinen alten Onkel ein bisschen. In Italien sind die Jungen in deinem Alter begierig auf dieses Spiel. Sie nennen es Hoppe-Hoppe-Reiter.» Mit einem Ächzen hob er den sich windenden Wolodja auf seinen Schoß. «Uff! Du bist in letzter Zeit so schwer geworden. Und schau sich einer diese hübschen Schenkel an. Hast du dich da verletzt? Gelb wie eine Melone. Tut es weh? Jungs mit Schenkeln wie du werden später großartige Reiter. Willst du einmal Offizier bei der Kavallerie werden?»

Unbeirrt fuhren die Bediensteten fort, den Tisch abzuräumen. Auf strammen Erwachsenenschenkeln schaukelte Onkel Ruka seinen widerspenstigen Reiter hin und her. Wolodja sträubte sich erfolglos. Er ruderte mit seinen langen nackten Beinen, während Onkel Ruka die Lippen auf den Nacken seines Neffen presste und murmelte: «Très amusant, n’est-ce-pas? Soll ich etwas für dich singen?»

Geräuschlos glitt ich auf die Veranda. Ein Regenschauer war während des Mittagessens durchgezogen und Sonnenlicht glänzte auf den tropfenden Linden und Pappeln unseres Parks. Aus dem Esszimmer kamen halb gesungene, halb gehechelte Phrasen – «Un vol de tourterelles … strie le ciel … tendre.»

Schließlich rief Vater: «Lody, hör auf, deinen Onkel zu belästigen.» Fast im gleichen Moment erschien Wolodja, die Haare zerwühlt, eine weiße Socke verrutscht, rote Fingerabdrücke auf den nackten Schenkeln. «Komm, setz dich zu uns», lud Vater ihn ein, aber mein Bruder achtete nicht darauf und stürmte wortlos die Stufen hinunter in den Wildwuchs des Parks. Wolodja war ein sehr eigenartiges Kind.

Rotgesichtig und mit zerknittertem weißem Sommeranzug erschien nun auch Onkel Ruka. «Munterer Junge», sagte er.

«Nimm einen Kaffee, Basile», sagte Vater.

«Nein, nein», protestierte mein Onkel. «Der ist schlecht für mein Herz.»

«Mit deinem Herzen ist alles in Ordnung», sagte Vater. «Du wirst uns alle überleben.»

Unser Cousin Jurij Rausch von Traubenburg kam ebenfalls im Sommer zu uns. Als Sohn geschiedener Eltern verbrachte er seine Zeit abwechselnd in Warschau, wo sein Vater Militärgouverneur war, und in den deprimierenden Badeorten, wo seine Mutter, meine Tante Nina, Heilung wie Vergnügen suchte. Weltgewandt, skandalös entspannt dem Personal gegenüber, sorglos trotz elterlicher Vernachlässigung und vier Jahre älter als ich, war er Wolodjas Freund, nicht meiner. Dennoch bewunderte ich diesen hübschen, schlaksigen Eindringling. Wolodja und er pflegten stundenlang im Park zu verschwinden, um ihre aufwändigen Cowboy-und-Indianer-Fantasien auszuleben, die teilweise den Groschenheften entstammten, die sie verschlangen, zum anderen Teil ihrer eigenen haarsträubenden Vorstellungsgabe.

Nur selten nahm ich an ihren Vergnügungen teil. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir ein Vorfall im Sommer 1910, als sie mit einem verblüffenden Vorschlag ankamen: Würde ich einwilligen, in ihrem Abenteuer das Fräulein zu spielen? Schnell überzeugt, hüllte ich mich in einen Schal und ließ zu, dass sie mich an einen Pfahl fesselten. Die beiden tanzten eine Weile mit irrem Indianergeheul um mich herum und ließen mich dann schmachten, während ihre verwickelte Geschichte irgendwo anders weiterging. Ich konnte erkennen, wie sie durchs Gestrüpp streiften und sich gegenseitig mit Luftgewehren erschossen. An den Pflock gebunden, kam mir der bedrückende Gedanke, dass sie mich vergessen haben könnten, aber irgendwann kehrten sie zurück, nun keine Räuber mehr, sondern Befreier. Fröhlich banden sie mich los, während Jurij, oder besser: der galante Mustangbezwinger Maurice, mir, der schönen Louise Poindexter, die Treue schwor. Eines Nachmittags ging er mit einem gehörigen Überschuss an Einfühlung so weit, mich auf den Mund zu küssen – sehr zu Wolodjas Ekel und meiner Verblüffung. Nach dieser faszinierenden Episode wurde ich nicht wieder gebeten, an ihren Spielen teilzunehmen.

Bis zu einem Nachmittag im August 1913 verschwand Jurij Rausch aus meinen Gedanken. Meine Mutter und Großmutter Nabokowa hatten einen mächtigen Streit. Der Chefkoch war beim Stehlen erwischt worden und sollte entlassen werden. Meine Großmutter widersprach energisch: Er war schon seit mehr als zehn Jahren bei der Familie, seine Kinder litten unter diversen Krankheiten, niemand im gesamten Bezirk kochte so gut wie er. Um dem Tumult zu entkommen spazierte ich mit einem Buch in der Hand ans Ufer des Oredesch, diesem Strom, der sich gelassen durch unsere Landschaft wand, um mich weiter in die stürmische Freundschaft zwischen Copperfield und Steerforth hineinzuträumen. Deren Auseinandersetzungen waren jeder Aufmerksamkeit wert!

Ich war so sehr in ihre Welt vertieft, dass ich die sich nähernden Pferde nicht gleich bemerkte. Abgeschirmt durch Erbsenbüsche sah ich, dass Jurij und mein Bruder ihre Rösser nicht nur ohne Sattel ritten, sie selbst waren nackt; ihre Kleidung hatten sie abgelegt, um den Nachmittag au naturel zu genießen. Ohne meine Anwesenheit zu bemerken, jagten sie ihre Pferde in den kühlen Fluss. Die Tiere warfen sich hin und her, brachten das Wasser zum Schäumen und wirbelten Schlamm auf. Sie wieherten mit gebleckten Zähnen, die fiebrigen Augen geweitet und die Nüstern gebläht. Ihre Flanken glänzten wie Samt. Nach einigen explosiven Minuten kletterten die großartigen Kreaturen von ihren übermütigen Reitern angetrieben ans Ufer, wo die beiden Jungen abstiegen und sie festbanden. Nun waren die Menschen an der Reihe. Mit zuckendem Schweif sahen die Pferde zu, wie mein Bruder und sein Cousin in den Fluss wateten, bis das Wasser ihre Oberschenkel erreichte. Wolodjas Haut war sonnenverbrannt, Jurijs bleich wie Milch. Sie spritzten sich gegenseitig mit dem Wasser des heiligen Oredesch nass, schrien und keuchten und machten abwechselnd Huckepack. Jurij sang herrlich falsch Bruchstücke von Zigeunerliedern. Es waren nur mein Bruder und mein Cousin, aber im Licht dieses Nachmittags schienen sie Erfüllungsgehilfen einer göttlichen Fügung zu sein.

Viel zu schnell war die Episode vorüber. Ich war mir sicher, dass sie meine anbetungsvolle Anwesenheit nicht bemerkt hatten. Dennoch senkte ich vorsichtshalber den Blick auf mein vernachlässigtes Buch, konnte mich aber nicht länger auf die Seiten konzentrieren.

Selbst als sie weg waren, spürte ich um mich herum einen Rest von Elektrizität, als wäre ein Sturm ausgebrochen und dann abrupt im schläfrigen Blau des Sommernachmittags verschwunden. So wie ich am Piano oft dutzende Male eine Passage von Gounod oder Tschaikowski wiederholte, in dem vergeblichen Bemühen, die flüchtige Verheißung des Musikstücks einzufangen, versuchte ich, meine Gefühle wieder aufleben zu lassen. Erst nach einer langen, leeren Pause entriss mich das Summen einer Biene der tristesse, in die ich aus unerklärlichen Gründen versunken war.

Der russische Sommer ist ein kurzes Intervall: Am ersten September steht der Herbst vor der Tür. Die Birken und Erlen verlieren ihre Blätter, von Tag zu Tag wird es früher dunkel, Kühle liegt in der Luft. Eine Kalesche brachte Jurij und sein spartanisches Gepäck nach Luga, von wo aus er zu seinem Vater in Polen oder seiner Mutter irgendwo in Böhmen, Mähren oder Deutschland zurückkehrte. In der Zwischenzeit tauchten in der Eingangshalle von Roschestweno riesige Schrankkoffer auf. Der Nordexpress wurde bestochen, an der kleinen Station Siwerskaja anzuhalten. Uns Küsschen zuwerfend verließ uns Onkel Ruka in Richtung eines seiner ausländischen Rückzugsorte: Villa Tamarindo nahe Rom, Chateau Perpigna im Süden Frankreichs, ein kleines exklusives Hotel mit Hafenblick in Alexandria, wo Hamid geduldig auf die Rückkehr seines Herrn wartete. Und unsere Dienerschaft, besonders die Jüngeren, atmete auf, dass «Mr Pokitzler», «Lord Arschgrabscher», «Seigneur Sodom», wie sie ihn grausam nannten, endlich fort war.

3

Berlin, 24. November 1943

Kaum vierundzwanzig Stunden sind vergangen, seit ich das Propagandaministerium verlassen habe. Als meine Vermieterin Frau Schlegel an die Tür klopft, um den Besuch eines Herrn anzukündigen, bleibt mir das Herz stehen. Die Gestapo würde doch nicht einen einzelnen Mann schicken, um mich zu verhaften? Wie sich herausstellt, ist das nicht der Fall. Mein Besucher legt den Schal ab, den er sich vors Gesicht gebunden hat – die übliche Vorsichtsmaßnahme gegen die Asche und den Schmutz in der Luft –, und ich sehe Herrn Silber vom Ministerium. Wortlos überreicht er mir den Schirm, den ich bei meinem übereilten Abgang vergessen hatte. Als ich ihn in Empfang nehme, sagt er: «Wetter gibt es schließlich immer, egal was sonst noch alles passieren mag.»

«Es war ein unnötiges Risiko, hierher zu kommen», antworte ich, obwohl ich ihm auf eine törichte Weise dankbar bin. «Ich bin mir sicher, dass ich schon seit einer Weile überwacht werde, lange vor meinen unbedachten Worten gestern.»

«Vielleicht», sagt er, «aber im Moment gibt es dafür keinen Anhaltspunkt. Ich habe mich eine halbe Stunde vor dem Haus herumgetrieben, bevor ich an ihre Tür geklopft habe. Draußen scheint alles ganz normal zu sein.» Als ihm die Absurdität dieser Bemerkung aufgeht, kichert er. Einen Moment lang teile ich seine hysterische Belustigung. Ich kenne den Mann nicht sonderlich gut, und er hat mich noch nie in meiner Wohnung besucht, aber seine Anwesenheit verbreitet ein Stück angenehmer Normalität, als hätte ich nur geträumt, was ich vor kurzem getan habe. «Trotzdem frage ich mich, warum Sie gekommen sind», sage ich, nachdem unsere makabere Fröhlichkeit abgeklungen ist. «Überhaupt verstehe ich nicht, warum die Gestapo mich noch nicht geholt hat.»

Dieses Wort macht ihn sichtlich nervös – wie uns alle natürlich.

«Davon weiß ich nichts, Nabokow. Seien Sie versichert, dass ich Sie nicht verraten habe, aber ihre Abwesenheit ist bemerkt worden. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass die anderen ihre unglückselige Bemerkung gehört haben, besonders Magda.»

«Das habe ich befürchtet. Magda ist ein Wolf.»

«Ich nehme an, das ist sie», sagt er. Seine Freimütigkeit verblüfft mich. Solche Offenheit erlebt man dieser Tage selten im Reich. «Um die Wahrheit zu sagen, bin ich ziemlich überrascht, dass Sie noch hier sind. Können Sie nicht irgendwo hin?»

«Unwahrscheinlich. Wir Russen sitzen fest. Davon abgesehen, soweit ich das beurteilen kann, alle anderen auch. Berlin ist zum Abschuss freigegeben.»

«Stehen Sie denn wirklich zu dem, was sie gesagt haben?»

«Sie sind sicher nicht hergekommen, um mich das zu fragen?»

Er schaut sich in meinem ramponierten Zimmer um. Besorgniserregende Risse zeigen sich im Putz. Alles ist mit einer Schicht Asche bedeckt. Weil ich die zersplitterten Fenster mit Packpapier abgedeckt habe, ist das Licht schummrig. Auf dem Tisch, an dem ich geschrieben habe, brennt eine gedämpfte Petroleumlampe. Im Bücherregal neben dem Tisch steht die Hälfte eines deutschen Kinderlexikons, die einzigen Bücher im Raum, wahrscheinlich gehörte es einmal Frau Schlegels jüngstem Sohn, der an der Front vermisst wird. Früher einmal war ich ein eifriger Sammler von Büchern.

«Vielleicht sehnt man sich nach ein wenig Wahrheit», sagt Herr Silber. «Man darf wohl annehmen, dass nur ein Wahnsinniger so etwas laut mitten im Herzen des Reichs äußert. Insofern bin ich hier, um Sie zu fragen, ob sie zu der Verrücktheit stehen, die Sie geäußert haben.»

Ich fasse ihn einen Moment lang ins Auge: sanftäugig, ergrauendes Haar mit einem adretten kleinen Schnurrbart, der Anzug in desolatem Zustand. «Ich kenne Sie nicht sehr gut», sage ich, «aber Sie schienen mir immer ein netter Kerl zu sein. Warum sollte ich Sie also belügen? Ich weiß, dass es bei den nächtlichen Gräueltaten der Air Force schwer zu glauben ist, aber ja, ich bin überzeugt von dem, was ich gesagt habe. Ich glaube, die deutschen Gräueltaten waren weitaus schlimmer. Sie haben wie ich die Berichte von der Ostfront gesehen. Sie haben die Dokumente gelesen, die ich übersetzt habe. Sie kennen genau wie ich die Pläne des Führers nach der Eroberung Moskaus. Ich fürchte, das Reich wird für seine Verbrechen furchtbar büßen müssen, falls es einen gerechten Gott gibt, und davon bin ich überzeugt. Ist das Wahnsinn? Dann sei es so.»

«Mir scheint, wir alle werden büßen müssen. Und was Gott anbetrifft – soweit ich sehe, hat er seine Schöpfung längst ohne Abschiedsgruß verlassen.»

Er hält inne, und ich denke, damit hat er seine obskure Mission erfüllt, die ihn hierher geführt hat, was immer es auch war. Doch er spricht weiter.

«Zufällig weiß ich, dass Sie Erkundigungen eingezogen haben, bevor Sie gingen», sagt er.

Und wieder bleibt mir das Herz stehen. «Woher wissen Sie das?»

«Wer nicht auf Draht ist, überlebt nicht lange im Ministerium. Warum wollen Sie etwas über den Verbleib von Flight Sergeant Hugh Bagley in Erfahrung bringen?»

«Ich sage Ihnen eine lange Karriere voraus.»

Er nimmt das Kompliment mit einem bemerkenswert traurigen Lächeln entgegen.

«Da es Sie zu interessieren scheint», fahre ich fort: «Hugh Bagley ist ein alter Freund aus Universitätszeiten. Zufällig habe ich eine dieser schrecklichen Radiosendungen über abgeschossene Piloten gehört, die wir nach England übertragen. Ich habe seine Stimme sofort erkannt. Im Juli wurde er über Hamburg abgeschossen. Er sagte, er sei verwundet, werde aber versorgt. Wenn ich mich recht erinnere, klang das, was er sagte, wie auswendig gelernt, etwas in der Art, er sei ein Kindsmörder und Städtezerstörer, aber man behandle ihn gut. Die Deutschen zeigten ein Mitgefühl, dass den Engländern und ihren jüdischen Beherrschern fremd sei. Vielleicht haben sogar Sie diese Worte geschrieben, wer weiß. Jedenfalls konnte ich seiner Stimme entnehmen, dass er furchtbare Angst hatte. Wenn ich mich wegen meiner offenen Worte über mich selbst ärgere, dann nur, weil ich meine Bemühungen, seinen Aufenthaltsort herauszufinden, dadurch sabotiert habe.»

«Sie wussten, wie unratsam solche Nachforschungen sind?»

«Absolut.»

«Und das hat Sie nicht abgehalten?»

«Nein, Herr Silber. Werde ich hier verhört?»

«Nein, nichts dergleichen.» Er lacht. «Wenn ich Sie kontaktiere, trage schließlich ich das Risiko. Und bitte nennen Sie mich Felix. Ich bin nur neugierig. Was hätten Sie mit etwaigen Informationen angefangen?»

«Offen gestanden habe ich keine Ahnung. Ich vermute, soweit habe ich nicht einmal gedacht. Aber warum interessiert Sie das?»

Er schaut mich fest an. «Mir geht es wie Ihnen, ich habe keine Ahnung.»

Wir beäugen uns. Er nimmt eine verbogene Zigarette aus der Brusttasche und bietet Sie mir an. Ich akzeptiere, zünde sie dankbar an der Petroleumlampe an, nehme einen Zug und gebe sie an ihn weiter.

«Ich kann Ihnen nichts versprechen», sagt er.

«Und ich bitte um nichts.»

«Mein Sohn ist in Dnjepropetrowsk gestorben, wissen Sie.»

«Das wusste ich nicht. Es tut mir sehr leid.»

«Ich habe mich immer als Christen gesehen, aber jetzt nicht mehr. Sie dagegen scheinen gläubig zu sein. Ich habe das Kreuz an Ihrem Hals gesehen.»

Herr Silber ist aufmerksamer, als ich es ihm je zugetraut hätte.

«Von jemandem wie mir mag das besonders in dieser schwierigen Situation etwas eigenartig klingen», fährt er fort, «aber ich beneide Sie, Nabokow. Wie absurd, Sie brauchen keine Furcht mehr zu haben, Ihr Schicksal ist nahezu besiegelt. Sie müssen sich wunderbar frei fühlen.»

«Ich würde im Moment gern mit Ihnen tauschen», gestehe ich.

«Nein, das glaube ich nicht. Ich werde nicht wieder herkommen. Wenn es Ihnen möglich ist, treffen Sie mich in drei Tagen im Restaurant des Hotels Eden. Ein Uhr. Verstehen Sie, was ich sage?»

«Drei Tage scheint mir unter diesen Umständen eine lange Zeit zu sein.»

«So ist es», antwortet er. «So ist es. Eine sehr lange Zeit für jeden von uns. Heil Hitler, wozu auch immer.»

Ich schaue überrascht hoch. Er zuckt die Schultern. «Viel Glück», sagt er. «Falls es aufklart, werden sie uns heute böse zusetzen.»

Nachdem er gegangen ist, bin ich zuerst perplex, dann zunehmend beunruhigt. Es scheint unmöglich, dass Herr Silber mich aus eigenem Antrieb aufgesucht hat. Offensichtlich ist er ein gefährlich gerissener Mensch. Überhaupt: Woher hat er meine Adresse? Oder genauer: Wer könnte sie ihm gegeben haben? Je länger ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich mir, dass ein so vorsichtiger Mann mich niemals aufgesucht hätte, nur damit ich eine Äußerung wiederhole, die schon geflüstert einem Todesurteil gleichkommt.

Und doch: Erlebe ich nicht ständig die verblüffendsten Tabubrüche? Als ich Frau Schlegel zum Schwarzmarkt begleitete, habe ich da nicht gehört, wie die Frauen in der Schlange Informationen austauschten? «Der und der ist verhaftet worden.» – «Der Luftschutzbunker am Alexanderplatz wurde gestern getroffen. Viele Tote.» – «Die Alliierten sind kurz davor, den Atlantikwall zu stürmen.» Solche Nachrichten sind dem lächerlich optimistischen Wehrmachtsbericht, dem jeder abends lauscht, bevor die Sirenen ertönen, nicht zu entnehmen. Es gibt keine Informationen, und doch kursieren sie überall. Das einzige Problem ist, dass man nie weiß, ob sie stimmen.

Alles, was ich über Hugh Bagley gesagt habe, ist wahr – doch wie gewöhnlich gibt es viele Wahrheiten. Hugh war ein guter Freund in Cambridge und einen kurzen, glücklichen Moment lang auch mein Liebhaber. Weil unsere Liebe eher freundschaftlicher als leidenschaftlicher Natur war, entwickelte sie sich zu einer Beziehung, die länger trug als jeder von uns beiden erwartet hatte. In den letzten Jahren habe ich ihn nur einmal gesehen, aber wir schrieben uns regelmäßig, bis die aktuellen Ereignisse jede Kommunikation zwischen den britischen Inseln und der Festung Europa unmöglich machten. In seinem letzten Brief, der mich wundersamerweise im Sommer 1940 im besetzten Paris erreichte, erzählte er von seinem Eintritt in die Air Force, und ob ich ihn ab und an in meine Gebete einschließen würde. Hin und wieder bete ich für ihn, wahrscheinlich häufiger, als er sich das vorgestellt hätte. Seine windschnittige Figur ist weniger konkrete Erinnerung als Heimweh, nach all den Eventualitäten, die ein Leben ausmachen. Als ich seine sorgenvolle Stimme im Radio hörte, übermannte mich nicht nur meine Vergangenheit, sondern auch jede Menge ausgelöschter Zukunft.

Ich habe wenig Hoffnung, ihm unter diesen alptraumartigen Umständen helfen zu können, genauso wenig wie der Liebe meines Lebens, den die Nazis mir eines frühen Morgens vor zwei Jahren auf einem allzu leicht einnehmbaren Schloss in den Tiroler Alpen nahmen. Die Wahrheit ist, dass sowohl Hugh Bagley als auch Hermann Thieme für mich vollkommen unerreichbar sind.

4

Sankt Petersburg

Meine Lieben haben mich immer hinterrücks überfallen.

Im Winter 1915 waren wir ein Land im Kriegszustand. Die Reserveeinheit meines Vaters wurde mobilisiert. Patriotischer Eifer hatte Sankt Petersburg in Petrograd umgetauft. In den Theatern spielten die Orchester die Nationalhymnen aller alliierten Nationen, bevor das Konzert beginnen konnte. Wagner, Beethoven und Brahms verschwanden aus dem Repertoire. Hinweisschilder in Schaufenstern verkündeten BITTE KEIN DEUTSCH! – witzigerweise auf Deutsch. Die deutsche Botschaft in unserer Nachbarschaft wurde geplündert.

Nichts von alledem bedeutete etwas. Die Uhr auf meinem Nachttisch zeigte an, dass mir noch eine volle Stunde blieb, bis Ivan mich wecken würde, um in die Schule zu gehen. Wie ich im nördlichen Dämmerlicht in meinem Bett lag, wurde das, was mir am Tag zuvor vollkommen unbedeutend erschienen war – mein Klassenkamerad Oleg Dantschenko hatte mir eine Mandarine zugeworfen und dabei leichthin gesagt «Ich hasse Mandarinen» –, zu einem unerklärlichen Akt der Freundlichkeit, der die aus den Fugen gegangene Welt um uns herum überstrahlte.

«Ich hasse Mandarinen», hatte er gesagt.

Das war alles.

Warum hatte er sie mir zugeworfen? Und wie konnte ich sie so gedankenlos entgegennehmen ohne zu fragen, was die Geste bedeutete? Ich hatte das Geschenk genommen und in die Manteltasche gestopft, wo es immer noch steckte. Jetzt, wo mir seine Bedeutung klar geworden war, musste ich sie noch einmal betrachten, berühren, mir versichern, dass ich diesen mysteriösen Austausch nicht geträumt hatte. Was für ein kluger Schachzug von ihm: ein Geheimzeichen, das vor den ahnungslosen Augen der Anderen ausgetauscht wird.

All dies erregte meinen jungen Körper wie meine Fantasie, und als ich die vorschriftsmäßige schwarze Schuluniform anzog, überkam mich eine verzweifelte Eingebung. Ich zog ein Paar umwerfender taubenblauer Seidengamaschen mit Knöpfen aus Perlen über meine Alltagsschuhe. Mit ziemlicher Sicherheit würde ich für diese Regelverletzung bestraft werden, aber an diesem Morgen schienen mir die verbotenen Gamaschen absolut notwendig, als eine Art Ankündigung – aber was genau wollte ich ankündigen?

Als ich mich nach unten begab, zu meinem köstlich heißen Kakao, dem gebutterten Brot und dem widerwärtigen Hefebrei, den man mich täglich zu essen zwang, als neuesten Versuch, meine Stotterei zu heilen, traute ich mich kaum, daran zu denken. Ich betete, dass niemand von meinem Vorhaben Notiz nahm, obwohl es ja gerade darum ging, bemerkt zu werden. Aus Vaters Arbeitszimmer kamen die vertrauten Laute seiner täglichen Fechtstunde mit Monsieur Loustalot. Wolodja kam spät herunter. Sicher hatte er wie üblich noch schnell seine Hausaufgaben gemacht. Während er seinen lauwarmen Kakao trank, ignorierte er mich komplett. Dann steckte Ivan uns in die Mäntel und schob uns nach draußen, wo wir in den wartenden Benz stiegen, der uns zu unserer jeweiligen Schule fuhr.

Es war ein grauer Morgen, als wir die Morskaja entlangfuhren, vorbei an der goldenen Kuppel von St. Isaak, dann auf den Newski Prospekt. Unser Chauffeur Wolkow dirigierte unser formidables Auto geschickt zwischen den Pferdeschlitten hindurch, die die Straßen verstopften. Was malte ich mir da aus? Würde Oleg vor der Schule auf mich warten, eine Zigarette im Mundwinkel, und ausnahmsweise ohne seine Kumpel? Würde er mich nach der Geschichte mit der Mandarine wie einen Freund begrüßen? Doch ein böser kleiner Zweifel flackerte in mir auf. War das alles nur ein finsterer Spaß auf meine Kosten gewesen? Als wir in die Gagarinstraße einbogen, fühlte ich mich erbärmlich, aber nun war es zu spät. Als die Autotür hinter mir geschlossen wurde, hörte ich Wolodjas Stimme mit einer unguten Mischung aus Befriedigung und Alarm: «Wo sind deine Stiefel? Und Gamaschen? Du trägst Gamaschen? Du wirst Ärger kriegen, Serjoscha! Was hast du dir dabei gedacht?»

Oleg war natürlich nirgendwo zu sehen. Mein Wunschdenken, das ihn so praktisch vor der Schule platziert hatte, widersprach jeder Erfahrung. Nun, wo ich darüber nachdachte, konnte ich mich nicht entsinnen, ihn je gesehen zu haben, wenn ich morgens ankam. Ich begann die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass wir uns tagelang gar nicht begegnen würden.

Diese Erkenntnis stellte alles in Frage. Ich merkte, dass der strahlende Glanz unseres gestrigen Zusammentreffens schon zu verblassen begann. Sähen wir uns nicht schon bald wieder, würde die Flamme, die so unerwartet aufgeflackert war, schnell wieder verglühen. Ich suchte den überfüllten Flur ab, sah seine Freunde Lew und Wassili und Ilja, aber von Oleg keine Spur.

Vor lauter Sorge hatte ich meine Gamaschen ganz vergessen.

Die erste Stunde hatte kaum begonnen, als Mirski, unser gebeugter Geschichtslehrer, mitten im Satz verstummte. «Nabokow», sagte er. Seine Brille blitzte kalt. Weil die Bolschewisten ihn später bei Melitopol ermordet haben, schäme ich mich zu gestehen, dass ich ihn nie gemocht habe.

«Würdest du bitte vor die Klasse treten.» Ich tat, was man mir befohlen hatte. Ein Tuscheln ging durch den Raum.

«Klasse, aufgepasst. Was fällt euch heute Morgen an Nabokow auf?»

«Nur heute Morgen?», fragte ein Witzbold aus den hinteren Reihen.

«An den Füßen sieht er wie eine Tante aus (On narjadil svoi nogi kak tjotka)», sagte ein Milchgesicht namens Alexei.

Tjotka. Ich kannte das Wort gut. Im letzten Jahr hatte es mich von der Tenischew-Schule vertrieben, wo ich in die Fußstapfen meines selbstsicheren Bruders treten sollte. Am Gymnasium hatte das Wort noch niemand offen ausgesprochen, aber nun war es da: Tjotka.

«Das reicht», mahnte Mirski, obwohl er es zu genießen schien, dass Tjotka endlich raus war. «Wir kennen die Bestimmungen, nicht wahr? Und kennen wir nicht auch die Konsequenzen, falls sie missachtet werden? Nabokow, ich hätte dich für vernünftiger gehalten.» Er tippte mit seinem Stock gegen die skandalösen Gamaschen, die mir inzwischen wie eine sinnlose Provokation vorkamen. «Was hast du dazu zu sagen? Sprich!»

Ich würde nur hilflos stottern, also schwieg ich.

Seine kalten Augen wurden noch kälter. «Nun gut, wie du willst. Komm mit.»

Er packte mich am Arm und schob mich durch den breiten Korridor, in dem wir Jungen turnten, wenn es draußen zu kalt war. Rektor Gonischew war in seinem Arbeitszimmer. Er schaute von einem Atlas hoch, den er mit einer Lupe betrachtet hatte.

Zwei- oder dreimal hatte ich mich hier wegen kleinerer Vergehen melden müssen, etwa weil ich mir mit einem schwächlichen armenischen Jungen, der inzwischen aus gesundheitlichen Gründen die Schule verlassen hatte, Zettelchen geschrieben hatte.

«Ich warte auf eine Erklärung», kommandierte Gonischew.

Ich schwieg.

«Die Zunge verschluckt, junger Mann?»

«Schlimmer», sagte Mirski und zeigte auf meine Gamaschen.

«Ich verstehe.» Gonischew nickte. «Wir hatten gehofft, dass mit deiner Immatrikulation bei uns solche Probleme wie am Tenischew erledigt wären. Der Verstoß an sich macht mir weniger Sorgen als deine unerklärliche Weigerung, eine nachvollziehbare Erklärung abzugeben. Mein Junge, ich verstehe deine Hemmungen. Ich kann sie sogar nachempfinden. Beruhige dich. Sprich langsam, so wie du zu deinem Vater sprechen würdest.»

Ich schwieg.

Er zuckte die Achseln und warf die Hände in die Luft. «Also gut. Ich werde dich für eine Woche von der Schule suspendieren. Danach bist du wieder zugelassen, falls ich eine ordentliche Entschuldigung in mündlicher oder schriftlicher Form erhalte. Hast du das verstanden, mein Junge?»

Ich musste nur nicken, was ich auch tat.

«Du überraschst mich wirklich», sagte Mirski, als er mich zurück ins Klassenzimmer begleitete, damit ich meine Sachen packen konnte. «Ich hoffe, du hast nun bewiesen, was auch immer du mit dieser eigenartigen Aktion beweisen wolltest.» Als die anderen Jungen sahen, dass ich beurlaubt worden war, brach ein Tumult los, halb Jubelschreie, halb Buhrufe.

Der verwaiste Flur, den ich auf meinem Weg zum Ausgang entlangging, hätte kaum leerer sein können als mein Herz. Als ich die schwere Tür aufstieß, schlug mir eisige Luft entgegen. Und da stand er, genau an dem Platz, wohin ich ihn mir eine Stunde zuvor vergeblich gewünscht hatte.

An die steinerne Balustrade gefläzt, paffte Oleg Dantschenko lässig eine Zigarette.

«Du bist ja nicht in der Schule!», rief ich.

Er musterte mich gleichgültig. «Du anscheinend auch nicht.»

«Ich bin für eine Woche suspendiert worden.»

«Oh?»

«Ja. Weil ich diese blöden Dinger trage.» Ich streckte meinen Fuß aus und wollte ihm sagen, dass ich es nur seinetwegen getan hatte, obwohl ich wusste, wie absurd das klang.

«Na ja, sehr schick. Ein kleiner Krimineller, was? Wie es aussieht, bin ich auch suspendiert worden. Ist das nicht seltsam?»

Oleg legte seine Hand auf meine Schulter. Ich kann mich noch immer an das betörende Gewicht seiner Hand erinnern. Er schaute mir in die Augen. Seine waren braun mit Sprenkeln von verblassendem Gold. Dann lächelte er, während in der zarten Kammer meines Herzens ein frisch geschlüpfter Drachen seine verführerischen, tödlichen Krallen spielen ließ. Er bot mir seine halb gerauchte Zigarette an, die ich wie das heiligste aller Sakramente an die Lippen führte.

«Und was machen wir jetzt?», fragte er, als ich ihm die Zigarette zurückgab. «Wir haben nur einen Tag, weißt du? Wir werden beide danach Hausarrest bekommen. Ich auf jeden Fall. Aber wenn wir schon mal Kriminelle sind, dann sollten wir unsere Rolle auch gut spielen.»

Wir hatten keinen Plan, stürmten einfach munter drauflos. Unser forscher Schritt ließ keinen Platz für ein Gespräch, aber das war mir ganz recht. Wir stiefelten durch die schneebedeckten Sommergärten zum Kai der Newa, wo Eisbrecher ihre schwermütigen Klagelaute von sich gaben. Auf der anderen Uferseite wuchsen die spitzen Türme von St. Peter und Paul in den grauen Himmel. Eisiger Wind fegte über den Platz vor dem Winterpalast. «Herrlich!», rief Oleg, als eine von Orlow-Hengsten gezogene kaiserliche Kutsche vorbeifuhr. Etwas weiter in den Admiralsgärten hörten wir die Rufe der Schlittschuhläufer. Als wir stehen blieben um ihnen zuzuschauen, legte Oleg einen Arm um meine Schultern. Sein sichtbarer Atem legte sich warm auf meine Wange, und einen Moment lang hatte ich Angst, alles würde sich als ein Traum entpuppen, den die schneebedeckten Gärten träumten.

Meine Gamaschen waren durchnässt, meine Zehen halb erfroren, aber ich bereute nichts.

«Mensch, ich bin verdammt hungrig», verkündete Oleg, machte kehrt und führte uns den Newski Prospekt hinunter. In einem vornehmen und wunderbar warmen Restaurant, in dem er sich ziemlich gut auszukennen schien, beschwatzte er den Kellner, der ihn ziemlich gut zu kennen schien, uns zwei Gläser Champagner zu bringen.

«Auf unser Exil.» Wir stießen an. «Das Leben auf der Flucht!»

So wie er sprach, vermutete ich, dass er nicht in Sankt Petersburg aufgewachsen war. Er bestätigte, dass seine Familie mehrere Güter nahe Dnjepropetrowsk besäße. Ich musste zugeben, dass ich kaum wusste, wo das lag. Abbazia, Biarritz oder Wiesbaden kannte ich gut, aber ich war nie jenseits unserer Landgüter in Russland herumgereist. «Dein Brot kommt aus der Ukraine», erklärte Oleg stolz. «Dein Brot kommt von den Feldern meines Vaters.» Er vermisste diese Felder, aber der Typhustod von Mutter und Schwester vor zwei Jahren hatte seinen Vater dazu bewogen, ihn in die Hauptstadt zu schicken, «um den letzten Schliff zu bekommen», wie er sich ausdrückte. Er wohnte in der Nähe des Smolnyklosters bei der Familie seiner Tante und war dort nicht gerade glücklich.

Ich wiederum erzählte von meinem Vater, der mir seit dem Treffen mit Gonischew nicht aus dem Sinn ging, und dessen Reaktion auf die Ereignisse ich fürchtete. Ich musste einen Plan entwickeln, durch den mein Vater instinktiv mit seinem rebellischen Sohn sympathisieren würde. Während wir die köstlichen Piroggen verschlangen, die der Kellner unentwegt servierte, offenbarte ich Oleg die revolutionären Impulse meines Vaters. Zur Bestürzung des Zaren hatte er einige aufsässige Artikel veröffentlicht. Bei einem kaiserlichen Bankett hatte er sich geweigert, auf das Wohl des Despoten zu trinken. Als er vom Hof ausgeschlossen wurde, besaß er die Stirn, seine Uniform öffentlich zum Kauf anzubieten. Nach der Auflösung der Duma hielten er und seine Kadetten illegale Versammlungen ab, weswegen er eine Zeit lang inhaftiert worden war. Wie üblich stolperte ich über die schwierigen Wörter, doch Oleg hörte geduldig zu, während er sich mit der Rückseite seiner Manschetten hin und wieder einen saftigen Krümel aus dem Mundwinkel wischte.

Als ich geendet hatte, frage er: «Aber sind die Kadetten nicht ein schrecklich unpatriotischer Haufen?»

Mir war nicht in den Sinn gekommen, dass es töricht sein könnte, einem völlig Fremden zu viel Vertrauen entgegenzubringen.

«Mein Vater ist entschieden gegen jede Tyrannei», sagte ich, obwohl die Tyrannei, wie es ihre Gewohnheit ist, sich den Versuchen meiner Zunge widersetzte, sie beim Namen zu nennen.

«Mein Vater ist da Gott sei Dank ganz anderer Ansicht», sagte Oleg, als ich es schließlich geschafft hatte. Er betrachtete ausgiebig seine Handinnenfläche und rieb mit dem Finger darüber, als müsste er dort etwas Irritierendes entfernen. Beim Aufschauen jedoch lächelte er schon wieder. «Was macht das schon? Wir beide wissen, dass es immer so weitergehen wird: Der eine behauptet dies, und der andere etwas anderes. Nur finde ich es ziemlich übel, in Kriegszeiten die Regierung zu kritisieren. Ich wünschte nur, ich wäre älter. Dann müssten die Boches sich vorsehen!»

So wunderbar mutig wie er schien, brachte ich es nicht übers Herz, ihm von der Überzeugung meines Vaters zu erzählen, dass der Krieg für Russland gar nicht gut stand.

Am Ende unseres großartigen Mittagessens schlug mein neuer Freund vor, ein Film könnte den Rest des Nachmittags abrunden. Noch tags zuvor hätte ich soviel Glück nicht für möglich gehalten.

An den viel zu kurzen Film, der diesen viel zu kurzen Nachmittag noch ein wenig verlängerte, kann ich mich kaum erinnern. Woran ich mich stattdessen bis auf den heutigen Tag erinnere, ist Olegs gelegentliches Kichern über die Albernheiten auf der Leinwand, die spürbare Wärme seines Körpers neben mir, sein Geruch nach Biskuit und Champagner, das Geräusch seines gleichmäßigen Atems. Auf seinem Profil konnte ich das Spiel von Licht und Schatten des Projektionsstrahls sehen. Seine feuchten Augäpfel leuchteten, und ich erinnerte mich, wie Wolodja einmal etwas Asche ins Auge geflogen war. Onkel Ruka hatte ihm daraufhin erzählt, dass die Ägypter, die sich gut mit Sandstürmen auskennen, ihre Zungenspitze anbieten, um den störenden Staubpartikel zu entfernen.

Vorsichtig ließ ich meinen Arm über die Armlehne rutschen, bis er Oleg berührte. Mein sanfter Druck wurde erwidert. Einige aufregende Minuten lang gingen verstohlene Signale hin und her. Aber was bedeuteten sie? Konnte ich es wagen weiterzugehen? War Oleg meine Absicht bewusst, oder war es seinerseits nur simple Verspieltheit wie die gutmütige Rempelei auf dem Schulhof?

Schnell bekam ich meine Antwort. Er legte seine Hand auf meinen Schenkel. Schwer blieb sie dort einen langen Moment wie zufällig liegen. Dann wurde sie munter, massierte den Schenkel mit zunehmendem Nachdruck und immer größerer Forscherleidenschaft. Einen Herzschlag später erwiderte ich die Geste und befühlte mit meiner unverbesserlichen linken Hand seine festen Lenden durch lästige Wollhosen.

Wie außergewöhnlich! Fast dreißig Jahre sind seitdem vergangen, und ich kann kaum die völlige Ruhe unter der nervösen Aufregung beschreiben, das Gefühl, irgendwo unerwartet und doch wie vorherbestimmt angekommen zu sein. Während die filmischen Geister vor uns ihre grenzenlos wiederholbaren Schicksale aufführten, streichelten wir zwei verrückten Burschen uns, fummelten und knutschten. Es war weniger sexueller Druck als träge Zufriedenheit, mehr wie eine Katze zu streicheln als einen Liebhaber zu erregen. Es war gewissermaßen ganz unschuldig.

«Nun ja», sagte mein Gefährte, als die letzten silbernen Halluzinationen auf der Leinwand verblasst waren. «Ich muss sagen, das Leben ist eine sehr merkwürdige Sache, findest du nicht auch?»

Wir nehmen ständig Abschied, von einer Person, einem Gefühl, einer Landschaft, einer Art zu leben. Musik und Tanz, die Künste, die ich immer am meisten geliebt habe: Was sind sie anderes, als die gesteigerte Darstellung eines stetigen Abschiednehmens, die flüchtige Note oder der wagemutige Sprung, die vor dem Auge entschwinden, aber im Herzen weiterleben? An der windgepeitschten Ecke Morskaja und Wosnessenskistraße, gleich neben dem öden kleinen Platz mit der Statue von Nikolaus I., streckte Steerforth seine unbehandschuhte Hand aus. Copperfield erwiderte die Geste und nahm sie dankbar in beide Hände. Ob Copperfield Steerforth in eine flüchtige Umarmung zwang oder Oleg dazu auch ohne Drängen geneigt war, kann ich nicht sagen. Die leuchtende Träne in seinem Auge, als wir uns verabschiedeten, kann jedenfalls nicht allein vom beißenden Wind verursacht worden sein.

«Für zwei Gesetzlose waren wir brillant», bemerkte er.

Weil ich mich nicht zu sprechen traute, nickte ich nur stumm. Oleg schenkte mir ein letztes Mal dieses unvergessliche Lächeln.

Ich schaute ihm hinterher, wie er in der dunklen Straße verschwand. Er drehte sich nicht um.

Das Licht in der Eingangshalle ließ die gemalte Tulpe auf unserer gläsernen Eingangstür aufglühen. Als Ustin mir meinen Mantel abnahm, warnte er mich halblaut, dass der Haushalt in Aufruhr war, seit Wolkow nachmittags mit Wladimir aber ohne Sergej zurückgekehrt war, dafür mit der schockierenden Neuigkeit, dass der gut erzogene Sohn suspendiert worden war.

Als meine Mutter mich sah, rief sie: «Serjoscha, bist du krank? Bist du erschöpft, frierst du? Komm her zu mir.»

Vater schaltete sich ein: «Lass uns ins Arbeitszimmer gehen.»

«Aber er muss ausgehungert sein», flehte meine Mutter.

«Kein Abendessen für den hier», sagte Vater. «Der weiß genau, was er angestellt hat.»

Aber wusste ich es? Als ich ihm nach oben folgte, wurde mir klar, wie unglaublich wenig mich die Konsequenzen meines Verhaltens gejuckt hatten. Einen halben Tag lang war ich durch die Welt geschwebt. Nun blieb mir nichts anderes übrig, als Rechenschaft abzulegen. Ich war freimütig, verschwieg kaum etwas, außer meinem hinreißenden Fehltritt, als ich neben Oleg Dantschenko im Kino saß.

«Da hast du dir ja was geleistet», sagte Vater, als ich fertig war. Er spielte mit einem Brieföffner aus Elfenbein, den er vom Schreibtisch genommen hatte. «Darf ich fragen, ob irgendetwas davon mit den Schwierigkeiten zu tun hat, die du auf deiner alten Schule hattest? Ich habe gehofft, ein Ortswechsel würde dich von deinen kindischen Marotten heilen. Wir können dich nicht endlos von einer Schule zur nächsten schicken. Du musst lernen, die Welt zu nehmen wie sie ist, ganz gleich, wie schwierig das für dich sein mag.»

«Ich verstehe», sagte ich, obwohl ich nichts verstand.

***

Ich würde gerne berichten, dass mit Oleg alles wie geschmiert lief, als ich zwei Wochen später zur Schule zurückkehrte, dass ich liebte und geliebt wurde. Leider war das nicht der Fall. Mehrere Tage vergingen, bevor ich ihn wieder sah. Vielleicht hatte seine Suspendierung länger gedauert als meine, vielleicht hatte seine ukrainische Freimütigkeit ihn davon abgehalten, eine so unterwürfige Entschuldigung zu verfassen wie ich. Ich habe es nie erfahren. Als ich ihn endlich sah, stand er mit seinen Freunden auf dem Schulhof und rauchte eine Zigarette, genau wie in dem schicksalhaften Moment zwei Wochen zuvor. Er war viel zu sehr damit beschäftigt, seine Kumpel mit irgendeiner amüsanten Geschichte zu unterhalten, um mich zu bemerken. Als ich mich mit klopfendem Herzen näherte, hörte ich, was er sagte. Wie erschrocken ich war! Einige schreckliche Sekunden lang weigerte ich mich zu glauben, was ich da hörte.

Oleg stotterte. Sein übertriebener Versuch, die Hürde eines Konsonanten zu überwinden, traf auf allgemeine Belustigung. Schließlich brachte er das schwierige Wort mit übertriebener Erleichterung heraus: «T-t-tyrannei!» Dann sagte er mit seiner normalen Stimme: «Und jetzt mache ich Nabokow, wie er vom Champagner angeschickert ist und versucht, Piroggen zu essen.»

Ilja, den ich immer für einen anständigen Kerl gehalten hatte, sah mich kommen und versuchte mit hektischen Zeichen Oleg zu warnen. Doch der ließ sich nicht stören, bis Ilja schließlich mit vor Verzweiflung aufgerissenen Augen rief: «Hallo Sergej.»

Oleg wandte sich zu mir um.

Zuneigung, Traurigkeit, Abbitte, Scham, Verachtung – was versuchte ich nicht alles in diesen tückischen, goldgefleckten Augen zu lesen.

5

«Ich bin heillos in Olegs Seele verliebt.» Vater las laut mit höhnischer Stimme vor: «Wie ich ihre harmonischen Proportionen liebe, ihre Freudeam Leben. Mein Blut pulsiert, ich schmelze dahin wie ein Schulmädchen, und er weiß das, ich bin ihm widerlich geworden, und er tut nichts, um seinen Ekel zu verbergen. Oh, das ist genauso vergeblich, wie sich in den Mond zu verlieben!»

Vater legte das Tagebuch weg. «Bemerkenswert alberner Kram, meinst du nicht auch?», sagte er.

Mein Bruder hatte die heimlich verfassten Seiten gefunden – ganz zufällig. Nachdem er meine leidenschaftlichen Worte gelesen hatte, zeigte er das Tagebuch unserem Hauslehrer, der es sofort an Vater übergab.

«Ich denke nicht, das es sonderlich gut geschrieben ist», gab ich zu.

«Stil ist hier wohl kaum das Problem, Serjoscha. Es gibt so beklagenswerte Gefühle, dass kein schönes Wort sie tilgen kann. Du glaubst also, in diesen Oleg verliebt zu sein?»

«Ich schreibe einen Roman im Stil von Andrei Bely. Dies sind einige Notizen dazu.»

Vater schlug mit der Faust auf die aufgeschlagenen Seiten. «Halt mich nicht zum Narren, Serjoscha!»

«Ich kann ein sehr überzeugender Lügner sein», sagte ich.

Vaters verächtlicher Blick durchbohrte mich.

«Nun gut. Diese Worte waren nur für mich gedacht. Aber selbst wenn ich sie niemals niedergeschrieben hätte, wären die Gefühle die gleichen.»

Vaters Blick wurde weicher. «In der Blutlinie deiner Mutter und meiner eigenen», sagte er, und nun wurde sein Ton melancholisch, «weiß ich schon lange um eine Neigung zu diesem Defekt. Ich hatte gehofft, mein Nachwuchs könnte ihm entkommen, aber das ist wohl nicht der Fall.»

«Ich weiß nicht, auf welchen Defekt, du dich beziehst», sagte ich stur. Dass meine tiefsten Gefühle ein Defekt sein könnten, war mir nie in den Sinn gekommen.

Vater räusperte sich, zögerte und sagte dann mit gepeinigter Stimme: «Ich spreche von deinem Onkel Ruka.»

«Aber was ist denn mit Onkel Ruka nicht in Ordnung?», protestierte ich.

«Serjoscha, dein Onkel Ruka mag charmant sein und auf seine Art charismatisch, aber es tut mir leid, au fond