Blau Wasser - Friedrich Gerstäcker - ebook

Blau Wasser ebook

Friedrich Gerstäcker

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Opis

In diesem Buch bietet Gerstäcker, weit gereist und Verfasser vieler historischer Reiseromane, Skizzen und Erzählungen aus dem See- , Matrosen- und Inselleben.

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Blau Wasser

Skizzen aus See- und Inselleben.

Friedrich Gerstäcker

Inhalt:

Friedrich Gerstäcker – Biografie und Bibliografie

Blau Wasser

Der Schiffszimmermann

Das Auswanderer-Schiff

Jack und Bill

An Cap Horn

Die Dschunke

Die Goldbarren

Die Nacht auf dem Walfisch

Aus dem Matrosenleben

1. An Bord

2. Der Markt in Sidney

3. Die Matrosenkneipe

4. Die Flucht von Bord

5. Die Entdeckung

6. Sidney im Dunkeln

7. Was das Geld vermag

8. Die Ausfahrt

9. Hans

10. Die unterbrochene Execution

11. Der Sturm

12. Die Riffbank

13. Das Wrack

14. Die Mannschaft trennt sich

15. Die Bootfahrt

16. Der Morgenbesuch

17. Die Landung

18. Der australische Busch

19. Das Bivouak

20. Bill's Wache

21. Schluß

Aus der See

Die versunkene Stadt

Der Klabautermann

Der Klabautermann und die Schifferstochter

Blau Wasser, F. Gerstäcker

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849629984

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Friedrich Gerstäcker – Biografie und Bibliografie

Roman- und Reiseschriftsteller, geb. 10. Mai 1816 in Hamburg, gest. 31. Mai 1872 in Braunschweig, Sohn eines seinerzeit beliebten Opernsängers, kam nach dessen frühzeitigem Tode (1825) zu Verwandten nach Braunschweig, besuchte später die Nikolaischule in Leipzig, widmete sich dann auf Döben bei Grimma der Landwirtschaft und wanderte 1837 nach Nordamerika aus, wo er mit Büchse und Jagdtasche das ganze Gebiet der Union durchstreifte. 1843 nach Deutschland zurückgekehrt, widmete er sich mit Erfolg literarischen Arbeiten. Er gab zunächst sein Tagebuch: »Streif- und Jagdzüge durch die Vereinigten Staaten von Nordamerika« (Dresd. 1844, 2 Bde.; 5. Aufl., Jena 1891) heraus, schrieb kleine Sagen und Abenteuer aus Amerika nieder und wagte sich endlich an ein größeres Werk: »Die Regulatoren in Arkansas« (Leipz. 1845, 3 Bde.; 10. Aufl., Jena 1897), worauf in rascher Reihenfolge »Der deutschen Auswanderer Fahrten und Schicksale« (Leipz. 1847; 3. Aufl., Jena 1899), »Mississippibilder« (Leipz. 1847–48, 3 Bde.), »Reisen um die Welt« (das. 1847–48, 6 Bde.; 3. Aufl. 1870), »Die Flußpiraten des Mississippi« (das. 1848, 3 Bde.; 10. Aufl. 1890) und »Amerikanische Wald- und Strombilder« (das. 1849, 2 Bde.) neben verschiedenen Übersetzungen aus dem Englischen erschienen. 1849–52 führte G. eine Reise um die Welt, 1860–61 eine neue große Reise nach Südamerika aus; 1862 begleitete er den Herzog Ernst von Koburg-Gotha nach Ägypten und Abessinien. 1867 trat er eine neue Reise nach Nordamerika, Mexiko und Venezuela an, von der er im Juni 1868 zurückkehrte. Seine letzten Jahre verlebte er in Braunschweig. Seine spätern Reisen beschrieb er in den Werken: »Reisen« (Stuttg. 1853–1854, 5 Bde.); »Achtzehn Monate in Südamerika« (Jena 1862, 3. Aufl. 1895) und »Neue Reisen« (Leipz. 1868, 3 Bde.; 4. Aufl.). Gerstäckers Reisen galten nicht wissenschaftlichen oder sonstigen allgemeinen Zwecken, sondern der Befriedigung eines persönlichen Dranges ins Weite; seine Schilderungen sind daher vorwiegend um ihrer frischen Beobachtung willen schätzbar. Ebenso verfolgte der fruchtbare Autor bei seinen zahlreichen Romanen und Erzählungen schlechthin Unterhaltungszwecke. Wir nennen davon: »Der Wahnsinnige« (Berl. 1853); »Wie ist es denn nun eigentlich in Amerika?« (2. Aufl., Leipz. 1853); »Tahiti«, Roman aus der Südsee (5. Aufl., das. 1877); »Nach Amerika« (das. 1855, 6 Bde.); »Kalifornische Skizzen« (das. 1856); »Unter dem Äquator«, javanisches Sittenbild (7. Aufl., Jena 1902); »Gold« (4 Aufl., Leipz. 1878); »Inselwelt« (3. Aufl., das. 1878); »Die beiden Sträflinge« (5. Aufl., das. 1881); »Unter den Penchuenchen« (das. 1867, 3 Bde.; 4. Aufl. 1890); »Die Blauen und Gelben«, venezuelisches Charakterbild (das. 1870, 3 Bde.); »Der Floatbootsmann« (2. Aufl., Schwerin 1870); »In Mexiko« (Jena 1871, 4 Bde.) etc. Seine kleinern Erzählungen und Skizzen wurden unter den verschiedensten Titeln gesammelt: »Aus zwei Weltteilen« (Leipz. 1851, 2 Bde.; 6. Aufl. 1890); »Hell und Dunkel« (das. 1859, 2 Bde.; 6. Aufl. 1890); »Heimliche und unheimliche Geschichten« (das. 1862, 3. Aufl. 1884); »Unter Palmen und Buchen« (das. 1865–67, 3 Bde.; 3. Aufl. 1896); »Wilde Welt« (das. 1865–67, 3 Bde.); »Kreuz und Quer« (das. 1869, 3 Bde.); »Kleine Erzählungen und nachgelassene Schriften« (Jena 1879, 3 Bde.); »Humoristische Erzählungen« (Berl. 1898) u. a. Unter seinen Jugendschriften verdienen »Die Welt im Kleinen für die kleine Welt« (Leipz. 1857–61, 7 Bde.; 4. Aufl. 1893), unter seinen Humoresken besonders »Herrn Mahlhubers Reiseabenteuer« (das. 1857, 11. Aufl. 1896) Auszeichnung. Gerstäckers »Gesammelte Schriften« erschienen in 44 Bänden (Jena 1872–79), eine Auswahl in 24 Bänden, hrsg. von Dietrich Theden (das. 1889–90); »Ausgewählte Erzählungen und Humoresken«, hrsg. von Holm in 8 Bänden (Leipz. 1903).

Blau Wasser

Der Schiffszimmermann

Leise wogte die See und warf nur wie spielend ihre durchsichtigen tiefblauen, silberbeschäumten Wogen gegen die Korallenriffe von Tubuai, der Hauptinsel einer kleinen Gruppe von Eilanden im Stillen Meere, deren Palmen die milde Luft durchrauschten und über deren bis zur höchsten Kuppe bewaldeten Bergen der Himmel sich rein und sonnig spannte.

Am sandigen Korallenstrand spielten, als die Schatten länger wurden und das heiße Taggestirn sich mehr und mehr dem Horizont zuneigte, eine ganze Schaar bronzefarbiger munterer Kinder, haschten sich, indem sie über die scharfen Korallenstücke mit den nackten Sohlen hinliefen, als ob ihre Füße mit Leder und Eisen gegen jede Verletzung geschützt wären, oder schaukelten sich an langen, aus Cocosfaser gedrehten und in den Kronen der Palmen befestigten Seilen herüber und hinüber – jetzt weit über das blaugrüne Binnenwasser hinaus, über das die mächtigen Bäume ihre Wipfel neigten, jetzt hinein in das Guaven- und Orangendickicht, mit keckem Fuß die Gefahr abwehrend, gegen irgend einen der nahen Stämme geschleudert zu werden.

Die erwachsenen Männer lagen behaglich ausgestreckt im Schatten eines kleinen Orangen- und Bananenhains, dessen Ausläufer wunderlich starrästige Pandanusbäume bildeten, und schauten theils den Spielen der Kinder zu, theils ziemlich gleichgültig nach einem in der Ferne sichtbar gewordenen Segel, das mit der leichten Brise langsam näher kam. – Geschäftiger dagegen waren die Frauen, die hier und da in der durchsichtigen Fluth Cocosschalen zu Bechern abschliffen. Kränze und Haarschmuck aus den weißen zarten Fasern der Pfeilwurz wanden, oder auch mit der Angel, bis zum Gürtel im Wasser, zwischen den Korallen standen, ein leckeres Abendmahl von kleinen Fischen zu fangen. Diese wurden dann roh, nur in Cocosmilch und Salzwasser getaucht und mit der gerösteten oder gedämpften Brodfrucht gegessen.

Früher schallte hier freilich auch das muntere Getön der Tapaklöppel durch das schattige Dunkel der Waldung. Die Frauen und Mädchen verfertigten sich damals aus der gegohrenen Rinde des Brodfrucht- und Bananenbaumes ihre eigenen Stoffe zu Pareu und Schultertuch, und während ihnen lachend und singend die Arbeit zum Spiel wurde, sammelten sich die jungen Leute um sie her, halfen ihnen den Teig einkneten und ausbreiten und schnitzten ihnen aus dem harten Holz der Casuarine die Klöppel.

Jetzt ist das freilich vorbei. Zuerst brachten ihnen die Missionäre, dann andere anlegende Schiffe, besonders Walfischfänger, buntfarbige Kattune und andere billige Stoffe, die ihnen besser gefielen als die einfache, selbstgefertigte Tapa. Die einzige wirkliche Arbeit, die sie bis dahin gekannt, wurde also bei Seite geworfen, und der edle Müßiggang, dem die Natur hier mehr als an irgend einem andern Ort der Welt Vorschub leistet, ward ihnen bald lieber als alles Andere. Manchen schlimmen Einfluß hatte das allerdings auf sie, aber das Gutmüthige, Einfache, Herzliche in ihrem ganzen Wesen konnte es ihnen doch nicht rauben. Froh und fröhlich lebten sie in den sonnigen Tag hinein, und der Gott da oben, der über ihre Heimath das ganze Füllhorn seiner reichen Schätze ausgeschüttet, mußte ihnen ja wohl ein lieber Vater sein.

Wenig waren sie dabei mit den Weißen, die sich schon auf den benachbarten Inselgruppen festgesetzt, ja einen Theil derselben sogar gewaltsam in Besitz genommen, in Berührung gekommen. Zwei Missionäre siedelten sich allerdings an der Nordseite der Insel an, deren gutmüthige Bewohner sie bald ihrem Glauben gewonnen hatten. In wirklich innigem Verkehr mit ihnen lebte aber nur ein einziger Weißer, ein junger, blauäugiger, frohsinniger Schotte, der vor fünf oder sechs Jahren auf einer der Tonga-Inseln einem Wallfischfahrer, auf dem er als Zimmermann gefahren, entlaufen war und seinen Weg hierher gefunden hatte. Hier aber fesselte ihn sein Herz. Er verliebte sich in eins von den lieben Gesichtern der jungen Tubuai-Mädchen, die dort zu Dutzenden umherliefen, und da ihm das stille gemüthliche Leben dieses, wenn auch von der Welt abgeschiedenen, doch reizenden Platzes ebenfalls gefiel, und die Eltern nicht die geringsten Schwierigkeiten machten, sondern nur eine rechtsgültige Trauung von dem Missionär verlangten, gab er sein unstätes Umhertreiben auf und wurde erstlich ein verheiratheter Mann, und dann später ein Familienvater auf Tubuai.

Er selber war zwar nur mit der Schulbildung aufgewachsen, die Knaben in seinen Verhältnissen daheim gewöhnlich erhalten; aber sein Handwerk hatte er tüchtig und brav gelernt, und machte weiter an ein gesellschaftliches Leben keine größeren Ansprüche, als ihm die Insel eben bieten konnte. Unter dem blauen Himmel und den wehenden Palmen dieses kleinen Paradieses und zwischen den guten und einfachen Menschen verlangte er nichts weiter; denn das häusliche Glück, das er dort gesucht, hatte er ja gefunden. Ueberdies fesselten ihn an die verlassene Welt keine anderen Familienbande mehr. Seine Eltern daheim waren todt, Geschwister hatte er nie gehabt, und Intaha, sein liebenswürdiges Weib, das ihm zwei Kinder geboren, war ihm Alles.

Ehrlich und offen in seinem ganzen Wesen und bei Weitem nicht so rauh und dem Trunk ergeben, wie es die englischen Seeleute sonst nur zu häufig sind, waren ihm auch die Eingeborenen bald alle freundlich geneigt, und durch seine Geschicklichkeit in manchen für sie höchst werthvollen Kenntnissen wurde er ihnen bald zu einem so nützlichen als gerngesehenen Gefährten.

Tomo, in welchen Namen die Eingeborenen sein Tom Burton bald umgetauft, lag auch heute wieder mit ihnen am Strand und schaute halb träumend, halb sinnend zu dem fernen Segel hinüber, das nur langsam und schwerfällig mit der leichten Brise näher kam. Wohl gingen ihm dabei die früheren Scenen wieder durch den Sinn, die er selber damals an Bord eines Schiffes durchlebt: die schwere böse Arbeit der ewige Unfrieden mit dem Capitain, – dann seine glückliche Flucht, wo er, fünf Tage an wilden Bananen, sogenannten Feis, zehrend, auf den Höhen von Hapai zugebracht, – dann seine späteren Kreuzfahrten zwischen den schönen Inseln, und nun sein jetziges friedliches Stillleben auf der kleinen Scholle mitten im Weltmeer drin.

»Und wenn Du jetzt mit dem Schiffe dort in die Heimath zurückkehren könntest,« – gingen seine Gedanken dabei, – »möchtest Du fort? – möchtest Du Intaha und die Kleinen verlassen, um da draußen wieder unter den kalten, herzlosen Menschen das alte Leben zu beginnen? Nein, bei Gott nicht. Es giebt nichts dort, was mich zurück zu ihnen locken könnte, und es kommt mir manchmal wirklich so vor, als ob ich nur eigentlich aus Versehen im alten Europa geboren wäre, so ganz und völlig gehör' ich hierher, wohin mich mein gutes Glück zur rechten Zeit geführt. Da draußen mögen sie sich indessen drängen und treiben, um Geld, nur immer mehr Geld zu verdienen, und das Verdiente dann im wüsten Schlemmen zu verprassen, wie ich es selber früher manchmal gethan. Ich will jetzt hier genießen und mich meines Glückes freuen, – die Welt – bah – so viel für den ganzen unnützen Lärm, den sie darum machen!« –

Die Sonne war indessen, ein rother Gluthenball, im Meer versunken, und seine Frau, ein blühendes, blumengeschmücktes, junges, lächelndes Weib, kam, das jüngste Kind ihr auf der linken Hüfte reitend – wie die Frauen dort ihren jungen Nachwuchs tragen – das älteste, einen kleinen, muntern dreijährigen Burschen, an der Hand, um ihn abzuholen. Der Thau fing schon an naß niederzufallen.

Das Schiff war noch eine ganze Zeit in dem hellen Streifen sichtbar, der im Nordwesten auf dem Horizont lag, und zeichnete jetzt sogar deutlich seine Raaen und Segel ab. Bald jedoch verschwanden die Umrisse desselben in dem Bleigrau des sinkenden Abends, und als der Mond im Osten über die Berge stieg, war es ganz verschwunden.

Die Indianer interessirten sich aber in der That nur für die Schiffe, die wirklich bei ihnen anlegten, was indessen sehr selten geschah. An diese konnten sie dann Früchte, Gemüse, die sie ihr weißer Freund bauen gelehrt, und auch wohl geschlagenes Holz, gegen Beile, Tabak, Kattun, Schmuck, Nägel, Spiegel und andere Kleinigkeiten eintauschen. Daß sie dabei nicht so sehr übervortheilt wurden, überwachte Tomo ebenfalls, und wie er ihnen bei solchen Gelegenheiten als Dolmetscher werthvolle Dienste leistete, war er ihnen auch in dieser Hinsicht unendlich nützlich.

Mühe genug hatte es ihn aber gekostet, die Eingeborenen zu einer wirklich schweren Arbeit zu bringen, wie das Holzhauen in diesem Klima ist, und wenig nützte es dabei, daß er ihnen selber mit gutem Beispiel voranging. Sie setzten sich um ihn her, sahen ihm zu und wollten sich todt lachen, wenn ihm der Schweiß in großen Tropfen von der Stirn lief, wurden aber stets sehr ernsthaft, sobald er ihnen selber die Axt in die Hand drückte, und warfen sie auch bald wieder fort. Nur als sie später in die Hände Derer, die am fleißigsten gewesen waren, ziemlich reichlichen Gewinn fließen sahen, ließen sie sich eher dazu bewegen, mit zuzugreifen. Zureden kostete es indeß noch immer.

Solch Holzschlagen war aber trotzdem ein Fest für die fröhlichen Kinder dieser Palmenwelt, die das Freundliche einer Sache stets am leichtesten und schnellsten herausfanden. Dann sammelten sich die Mädchen und Frauen um die Arbeiter, pflückten Blumen und banden Kränze, mit denen sie die Geschicktesten und Fleißigsten krönten, oder lachten auch wohl über die Unbehülflichkeit des Einen oder des Andern. Das geschah aber auf so gutmüthige, herzliche Weise, daß er nie hätte darüber böse werden können, und jetzt schon durch eine Art von Ehrgeiz angetrieben wurde, seine Sache besser zu machen und ebenfalls einen Kranz zu verdienen.

Der nächste Morgen dämmerte eben im Osten, und ein paar der jungen Leute waren früh aufgestanden, um auf den Fischfang hinauszufahren. Deren Ruf weckte aber bald noch mehrere Kameraden, die, als sie erstaunt aus ihren Hütten schauten, das gestern Abend erspähte Schiff klar und deutlich und schon ziemlich nah herankommen sahen. Hätte es nicht die Absicht gehabt, bei ihnen anzulaufen, so würde es die Nähe der Korallenriffe, die sich um alle diese Inseln bilden und sie oft auf viele Meilen im Umkreis umschließen, gewiß gemieden haben.

Der Seemann hat von diesen Plätzen noch keine guten Karten, und in der That wechseln auch die verborgenen Klippen zu oft, um all' die gefährlichen Stellen mit Gewißheit angeben, und wenn sie angegeben wären, sich auf sie verlassen zu können. Wenn deshalb Schiffe an einer solchen Insel anlegen wollen, halten die Fahrzeuge darauf zu und kreuzen entweder über Nacht in sicherer Entfernung, das Tageslicht abzuwarten, oder werfen auch wohl Anker, wenn sie sichern Grund erreichen können.

Das letztere geschieht freilich nur selten, da die Koralle – jener geheimnißvolle Baum der Südsee, von dem man noch nicht weiß, ob er sein Wachsthum sich selbst, oder einem in ihm hausenden Wurm verdankt – fast immer von bedeutender Tiefe jäh und schroff bis an die Oberfläche emporsteigt. Während hier die Woge über das bis zum Wasserrand gehobene Riff hinüber schäumt, findet dicht daneben das Senkblei oft auf fünf- und sechshundert Fuß keinen Grund. An ein Ankern ist natürlich in solcher Tiefe nicht zu denken.

Das fremde Schiff – darüber war kein Zweifel mehr – hatte jedenfalls die Absicht, mit dem Lande in Verbindung zu treten, und eine rege fröhliche Geschäftigkeit kam bald über die noch eben schlaftrunkenen Bewohner des Strandes. Vor allen Dingen weckten sie Tomo, um ihn von dem erfreulichen Ereigniß in Kenntniß zu setzen, und gingen dann eifrig daran, theils Cocosnüsse und Bananen, Orangen, Guiaven, Papayas, und wie die hundert Früchte alle heißen, zu pflücken, theils Brodfrüchte abzunehmen und süße Kartoffeln, Yams und Wassermelonen aus den Feldern zu holen. Die Frauen waren dabei eben so fleißig, mit rasch niedergeworfenen Blättern der Cocospalme auf eine eigene geschickte, aber unendlich einfache Weise Körbe zu flechten. In diesen konnten sie die Früchte weit besser verpacken und an Bord liefern und hatten dadurch auch eher einen Maßstab für die Masse und den Werth derselben.

Intaha, die geschickteste und fleißigste der Insulanerinnen, hatte aus Bambusstreifen und zierlich gefärbten Pfeilwurzfasern allerliebste kleine Körbchen und Taschen gefertigt, um dieselben bei nächster Gelegenheit gegen manche kleine Bequemlichkeit von landenden Weißen einzutauschen. Von Tomo selber standen sechs Klaftern Holz aufgestellt, und er hoffte, mit seinen Gemüsen, die er gebaut, seinen Früchten, die ihm Gottes Güte wachsen ließ, und seinen Hühnern und Schweinen, die er gezogen, diesmal ein ordentliches kleines Capital anlegen zu können.

Das Schiff kam indessen immer näher, und als es fast bis dicht an die Riffe aufgekreuzt war, wurde ein Boot ausgesetzt. Dieses, von vier tüchtigen Riemen getrieben, hatte schon die schmale Einfahrt in die Riffe bemerkt, und kam jetzt durch das glatte Binnenwasser, das stets zwischen den Riffen und dem festen Lande liegt, rasch herbeigerudert. Und wie drehten die Matrosen, die nun so lange da draußen an Bord Salzfleisch und harten Schiffszwieback gekaut, und nichts gesehen hatten als das weite, weite Meer, beim Anrudern den Kopf so sehnsüchtig bald rechts, bald links über die Schultern, um das Auge einmal wieder an dem saftigen frischen Grün der Bäume zu laben – wieder einmal Frauen und Kinder zu schauen und das Rauschen und Flüstern des Windes im Laub zu hören!

Oh Ihr, die Ihr auf festem Lande lebt und noch nie aus Sicht des heimischen Bodens gekommen seid, Ihr wißt gar nicht, welcher unendliche Zauber für den seemüden Wanderer allein nur in dem kleinen Wörtchen Land verschlossen liegt. Wie leicht sich das unter der Sohle fühlt, wenn es der springende Fuß zum ersten Mal wieder berührt; wie süß die Blumen duften; wie melodisch die Vögel singen; wie wunderbar gefärbt Alles erscheint! – Ein eigener Zauber liegt auf solchem fremden Boden. Wenn aber schon der Seemann selbst der unwirthbarsten, rauhesten Küste ihre freundliche Seite abzugewinnen weiß, über das kleine dürftige Haideblümchen jubelt, das er zwischen nacktem Felsgestein gefunden, und bunte Muscheln und Kiesel am Strande sucht, um sie zur Erinnerung mit auf's Schiff zu nehmen – wie ist ihm da zu Muthe, wenn sein Fuß ein fertig Paradies betritt, wo die Natur das Schönste, was sie irgend bietet, in dem so kleinen engen Raum mit vollen Händen aufgehäuft. Daß die Leute dann beim Anblick der wehenden Palmen, süßen Früchte und lieben, freundlichen Gesichter manchmal eine Art von Heimweh bekommen und dem Schiff zu entlaufen suchen, ist allerdings unrecht, denn sie brechen einen eingegangenen Contract, – aber erklärlich und menschlich bleibt es immer.

Die Capitaine wissen das auch, und obgleich schwere Strafen darauf gesetzt sind und die Leute oft den seit Jahren mühsam verdienten Lohn, den der Capitain für sie in Händen hat, im Stich zu lassen genöthigt sind, um nicht wieder mit hinaus auf das öde Meer, um nicht wieder diese Küsten verlassen zu müssen, so trauen sie ihrer Mannschaft doch nimmermehr. Wo sie einmal an solcher Insel anlegen, brauchen sie jede nur mögliche Vorsicht, und diejenigen von den Matrosen, welche nicht das Boot mit rudern, dürfen das Land gar nicht betreten.

Auf solche Art sehen dann die armen Teufel von Matrosen von dem wunderhübschen Land, das sie nach langer Fahrt zu betreten hoffen, gewöhnlich unendlich wenig. Vor ihnen rauschen die Palmen und fließt der murmelnde Quell unter fruchtschweren schattigen Zweigen hin – aber nicht für sie. Was hilft es ihnen, daß sie den Namen nach fremde Länderbesuchen? Wie der Gefangene aus dem Fenster seiner Zelle die grünen Felder und die darauf schaffenden freien Menschen erkennen kann, ohne hinaus zu ihnen zu dürfen, so lehnt der Matrose an seinem Bord und schaut sehnsüchtig nach dem wundervollen Schauspiel hinüber, das sich seinen Augen bietet. Er mißt vielleicht mit einem verzweifelten Blick die Entfernung zwischen Schiff und Land, das möglicher Weise mit Schwimmen zu erreichen wäre, während er die Unmöglichkeit kennt, es zu gewinnen, bevor er von dem nachgeschickten Boot wieder eingeholt und zurückgebracht würde, und wendet sich dann seufzend ab, seinen allerdings freiwillig übernommenen Geschäften, die ihn jetzt rettungslos binden, in alter Weise nachzugehen.

Nur wenig mehr Freiheit haben die Ruderer. Allerdings betreten sie den Boden und dürfen sich selber, wenn sie Lust haben, die am Strand wachsenden Früchte pflücken, aus der Quelle trinken und mit den Eingeborenen verkehren, ihnen die Hand drücken und ihren herzlichen Gruß erwidern. Aber ehe sie nur eigentlich recht zur Besinnung kommen können, ist auch die kurze Zeit schon wieder vergangen, der Befehl zum Einschiffen erfolgt, und hinter ihnen liegt wieder auf lange, lange Monde – vielleicht auf Jahre, der schöne Traum von Früchten, Land und Bäumen und den freundlichen lieben Gesichtern guter, harmloser Menschen. Ihre Heimath ist von da auf's Neue das Meer, ihr Geschäft: den schmutzigen, übelriechenden Thran auszukochen und den Elementen ihre Existenz, ihr Leben abzuringen.

Doch daran dachten sie jetzt nicht. Kaum berührte der scharfe Kiel des leichten, die Wogen rasch durchschneidenden Walfischbootes den rauhen Korallensand, als sie auch, wie mit einem Schlag, ihre Ruder hineinwarfen und nach allen Seiten hin über Bord sprangen, um das Boot höher hinauf an Land zu ziehen. Fröhlich und geschäftig umringte sie dabei das neugierige, lachende, jubelnde Volk der Eingeborenen, die recht gut wußten, daß sie von solchen anlandenden Booten nichts zu fürchten hatten, wie diese Mannschaft ja auch eben so sicher in ihrer Mitte war.

Der Harpunier nun, der jetzt ebenfalls langsam das Boot verließ, überschaute erst forschend und langsam die fremden ihn umgebenden Menschen, um irgend Einen darunter herauszufinden, der vielleicht eine Autorität unter den Uebrigen sein könnte, und dann mit diesem seinen beabsichtigten Handel abzuschließen. Da fiel sein Blick auf die Gestalt des weißen Mannes, der eben noch ganz in seiner europäischen, nur aus leichten Stoffen gefertigten Tracht unter dem kühlen Schatten der den Strand umschließenden Bäume sichtbar ward und langsam zum Boot herunterkam.

Auf diesen schritt er, nicht wenig erfreut, jetzt einen sichern Dolmetscher zu haben, zu, streckte ihm die Hand entgegen, die Tom nahm, und sagte auf Englisch: »Ein Landsmann etwa? – Sollte mich verdammt freuen, den hier zwischen dem Kauderwelsch der Burschen zu finden.«

»Ein halber wenigstens – ein Schotte!« lachte Tom. »Wie geht's Euch? – Freue mich, Euch hier auf Tubuai begrüßen zu können.« –

Der Seemann drückte die ihm gebotene und noch nicht wieder losgelassene Hand aus Leibeskräften und sprach freundlich:

»Vortrefflich; und nun können wir auch unsere Geschäfte gleich und rasch mit einander abmachen, denn der Capitain brennt vor Ungeduld, wieder in See zu gehen. Wir wollen, wie Ihr Euch wohl denken könnt, ein bischen von Allem, und bringen Euch hier dasselbe – könnt Euch dann aussuchen, was Euch am besten behagt. Holz habt Ihr doch wohl keins gehauen?«

»Wie viel braucht Ihr?«

»Ach, wir brauchten schon viel, denn das letzte ist fast verbrannt, aber der Alte will nicht bleiben, bis welches geschlagen werden kann.«

»Es stehen sechs Klaftern gleich dort hinter der Casuarine aufgeschichtet,« sagte Tom. »Wie heißt Euer Schiff?«

» Sechs Klaftern – das ist famos, da werden wir bald handelseinig darüber werden. – Die Lucy Evans heißt das Fahrzeug.«

»Scheint nicht besonders schnell zu sein,« meinte Tom, der sich noch aus früherer Zeit her genug für die Seefahrt interessirte, um an den Schiffen Theil zu nehmen, mit denen er in Berührung kam. »Es dauerte gestern lange, bis Ihr heraufkamt.«

»Ein Schnellläufer ist's nicht,« lachte der Harpunier; »aber 's ist auch kein Wunder, denn wir sind schon bald drei Jahre aus, und das Kupfer hängt uns in Lappen und Fetzen vom Rumpf herunter. Uebrigens fängt sie ziemlich glücklich. – Apropos,« unterbrach er sich aber, »Ihr seid selber Seemann gewesen und wißt, daß ich die Verantwortung für meine Leute habe. Es ist hier doch keine Gefahr, daß sie davonlaufen könnten?«

»Wenn sie Bescheid am Strand wüßten, wär's schon möglich,« sagte Tom mit eben so leiser Stimme, wie die Frage an ihn gestellt war, »aber so nicht, denn eine Lagune schneidet hier hinten ein, die sie nicht kreuzen würden; und wenn vermißt, wären sie leicht wieder aufzufangen. Habt keine Angst.«

»Desto besser – aus den Augen werd' ich sie so nicht lassen. Es ist doch eine verwünschte Geschichte mit dem Auskneifen der Halunken. Seit wir ausgefahren, sind uns schon dreizehn Mann davongelaufen.«

» Dreizehn Mann, das ist viel, da werdet Ihr knapp an Mannschaft sein.

»Verdammt knapp, obgleich wir ein Paar neue von den Sandwichs-Inseln dazu genommen haben. Wie wär's hier? Sollten sich nicht ein paar von den Insulanern bewegen lassen, einmal einen Kreuzzug auf Walfische zu versuchen?«

Tom schüttelte lachend den Kopf und sagte:

»Du lieber Gott, das sollte den leichtherzigen und an diesen sonnigen Himmel gewöhnten Burschen wunderlich vorkommen, wenn sie plötzlich zwischen die nordischen Eisberge hinaufgeführt und dort gezwungen würden, Tag und Nacht Thran auszukochen. Sie sind beinahe zu bequem, sich hier im Warmen ihre eigene Brodfrucht zu backen.«

»Oh, das wollten wir ihnen schon angewöhnen!« erwiderte der Seemann.

»Ja, das glaub' ich,« nickte Tom ernst. »Ich möchte ihnen jedoch nicht dazu rathen; – aber,« setzte er freundlich hinzu, »macht Euch darüber keine Sorge, Ihr hättet auch schlechte Matrosen an ihnen. Wenn Ihr von hier Tahiti anlauft, glaub' ich ziemlich sicher, daß Ihr dort wenigstens Eure Mannschaft vervollständigen könntet. Die Franzosen sollen, wie ich früher einmal gehört habe, ziemlich regelmäßig eine Partie von aufgefangenen armen Teufeln in ihrer Calebouse sitzen haben.«

»Ich glaube, der Alte hat nicht übel Lust dazu,« sagte der Harpunier. »Jetzt aber, vor allen Dingen, zeigt mir erst einmal Euer Holz, und dann seid so gut und laßt von Brodfrüchten, Orangen und Gemüsen, von denen Ihr, wie ich da sehe, einen Vorrath habt, alles zum Verkauf Angebotene dicht zum Boot hinunter schaffen. Ich werde nachher auslegen, was ich an Tauschwaaren mitgebracht. In solcher Art kommen wir am schnellsten zu einem Resultat.«

Sich dann an seinen Bootsteuerer wendend, dem er heimlich die Warnung zuflüsterte, während er in das Holz ginge, auf die Leute ordentlich Acht zu geben, schritt er mit Tom, der seinen Indianern ebenfalls die gewünschte Anordnung in ihrer Sprache zurief, nach dem gar nicht weit entfernten Holzplatz. Obgleich hier das geschlagene Holz dem Harpunier sehr behagte, konnte er doch keinen festen Handel mit dem Eigenthümer abschließen, da er hierzu nicht einmal genug Waaren oder Geld mitgebracht, auch keinen festbestimmten Auftrag vom Capitain erhalten hatte.

»Wißt Ihr was, Freund,« wandte er sich da an den Schotten, »fahrt in meinem Boot mit an Bord. Ein paar von Euren Indianern können uns ja in einem ihrer Canoes begleiten, um Euch, falls Ihr nicht handelseinig würdet, wieder mit zurück zu nehmen. Ich zweifle aber nicht im Mindesten daran, daß der Alte das Holz nimmt und noch außerdem übermäßig froh ist, es nur zu bekommen. Unter uns gesagt, muß er es entweder hier nehmen, oder in nächster Zeit noch eine andere Insel anlaufen, wo es ihm dann kaum so leicht gemacht werden würde, es fertig gespalten und nah am Strand zu finden. Wem gehört es – Euch?«

»Nur zum Theil – etwas gehört den Eingeborenen.«

»Gut, für die schließt Ihr ja doch den Handel ab, und nun kommt mit mir zum Strand zurück, daß ich meine Leute wieder unter den Augen habe.«

»Wollt Ihr nicht erst einmal in meine Hütte treten und Euch dort etwas erfrischen?« fragte ihn Tom. »Sie ist kaum zweihundert Schritt von hier entfernt. Dort liegt schon die Fenz, die sie und meinen Garten umschließt.«

»Dank' Euch, dank' Euch,« erwiderte der Seemann, »guckte gern einmal hinein, aber es geht nicht. Der Boden brennt mir hier, wo ich meine Bootsmannschaft nicht übersehen kann, unter den Füßen. Ueberhaupt müßt Ihr mir versprechen, das Holz, wenn wir es übernehmen, bis zum offenen Strand zu schaffen, wo es die Eingeborenen meinetwegen abwerfen können. Hier in den Wald darf ich meine Leute nicht lassen, die Verführung wäre zu groß, und sie brennten mir, Gott straf' mich! durch.«

»Ihr scheint schlechtes Vertrauen zu ihnen zu haben,« lachte Tom. »Ist denn Euer Capitain solch ein Seeteufel, oder das Leben an Bord so schlecht?«

»Ih nun, der Alte hat wohl ein bischen von dem, was Ihr Seeteufel nennt, im Leibe, Ihr werdet das wohl schon kennen. Die Kost an Bord ist übrigens vortrefflich, und überarbeitet werden die Leute ebenfalls nicht. Um fünf Uhr ist alle Abend Feierzeit – ausgenommen natürlich, wir haben einen Fisch langseit oder Speck an Bord.«

»Nun, das versteht sich von selbst,« sagte Tom; »aber da sind wir wieder am Strand und dort auch Eure Leute, Ihr könnt Euch also beruhigen.«

»Gott sei Dank,« murmelte der Seemann, als ob er ganz andere Vermuthungen gehabt hätte, leise vor sich hin.

Der Handel mit den Früchten begann jetzt, der auch schon von den Matrosen durch einzelne Geberden und Vorzeigen von Stücken Tabak, Messern, Hemden und anderen Dinge«, die sie nothdürftiger Weise glaubten entbehren zu können, geführt war. Frische Gemüse und vielleicht etwas Limonensaft bekamen sie schon vom Schiff, um den Scorbut von ihnen fern zu halten, aber Orangen, Ananas und andere saftreiche Früchte mußten sie sich, wenn sie deren unterwegs haben wollten, selber einlegen.

Tom hatte indessen mit dem Häuptling dieses Districts, dem der Harpunier vorher auf sein Anrathen einige kleine Geschenke gemacht, den Handel über eine gewisse Quantität von jungen Cocosnüssen, Brodfrüchten und Gemüsen etc. abgeschlossen. Die Eingeborenen waren emsig damit beschäftigt, Alles zum Strand hinunter zu schaffen, wo es die Matrosen sogleich in Empfang nahmen und in ihr Boot packten. – Intaha war ebenfalls zum Strand gekommen, um dem Gatten, was sie an zum Verkauf gefertigten Arbeiten bereit hatte, hinzubringen, und der Bootsteuerer, ein junger Amerikaner, handelte ihr hier schon einen kleinen Theil der Sachen ab. Das Uebrige ließ Tom in das Schiff legen, um es dem Capitain wie den übrigen Officieren anzubieten.

»Ich will mit dem Vater hinausfahren,« sagte sein kleiner Knabe, als er ihn aufhob und küßte und dann seinem Weib die Hand reichte, – »ich will auch das große Canoe da drüben sehen.«

»Das geht nicht, mein Herz,« beruhigte ihn der Vater, »da drüben bist Du nur im Weg und die Mutter ängstigte sich indeß um Dich.«

»Laß ihn hier,« bat auch die Frau, »ich wollte, Du gingst ebenfalls nicht mit, Tomo. – Wenn ich Dich mit den fremden Männern in solch' einem Boot wegfahren sehe, ist mir's doch immer, als ob Du nicht wiederkämst und in Deine eigene Heimath zurückgingst – und was sollte Intaha dann mit sich und den Kindern beginnen!«

»Fürchte Dich nicht,« lachte der Mann. »Wie viele Schiffe hab' ich schon besucht und kenne auch das Leben da draußen viel zu genau, um durch irgend eine Vorspiegelung verlockt zu werden. Ich weiß, was die mir bieten können – was ich hier besitze, und werde kein Thor sein. Dich und die kleinen Schelme da im Stich zu lassen. Uebrigens fährt Dein Bruder Alohi mit uns hinüber, und ich hoffe diesmal Geld genug mitzubringen, um den ganzen Cocosgarten, der hinter unserem Grundstück liegt, vom Häuptling anzukaufen. Nachher werden wir von dem Cocosnußöl reich, was ich jährlich ausschmelzen kann.«

»Kommt an Bord!« rief die Stimme des Harpuniers, der seinen Platz im Boot schon eingenommen hatte. Tom sprang hinein, Alohi und ein anderer Indianer stiegen in ihr Canoe, das Boot, wie es verabredet worden, zum Schiff hinaus zu begleiten, und bald schäumten die kleinen Fahrzeuge durch das Wasser hinaus, der Einfahrt in den Riffen zu.

Die beiden Indianer thaten allerdings ihr Möglichstes, mit dem europäischen Boote gleiche Fahrt zu halten, und arbeiteten, daß ihnen die schweren Tropfen von der Stirn liefen. Die langen Riemen der Matrosen waren aber doch kräftiger als die leichten, nur durch den Druck der freigehaltenen Hand geführten Ruder, und noch ehe sie die Riffe erreichten, hatte das Walfischboot schon wenigstens dreihundert Schritt Vorsprung gewonnen. Wie die Indianer endlich einsahen, daß sie mit den Bleichgesichtern nicht Schritt halten konnten, legten sie ganz gelassen ihre Ruder ein, um sich erst einmal ein wenig auszuruhen, drehten sich dann eine Cigarre aus dem frisch eingehandelten Tabak, den sie in den Streifen eines trockenen Bananenblatts geschickt einwickelten, und rieben hierauf mit zwei dazu mitgenommenen Stücken trockenen Guiavenholzes Feuer.

Das Walfischboot hatte schon seine Fracht an Bord gelöscht und wurde eben unter seinen Krahnen hinaufgeholt, ehe sie die Ruder wieder ergriffen und ihm langsam nachfuhren. Sie kamen zeitig genug dorthin.

Tom war, als das Boot die Lucy Evans erreichte, hinter dem Harpunier her rasch an Bord geklettert. Noch wie sie anruderten, hörten sie die kleine Compaßglocke acht Glasen – zwölf Uhr – schlagen, und als sie an Deck sprangen, stieg der Capitain gerade nach genommener Observation in die Kajüte hinunter, um seine heute Morgen erhaltene Beobachtung mit der jetzigen zu berechnen und dadurch seinen Chronometer zu controliren. Die Lucy Evans war ein trefflich eingerichtetes, aber durch die lange Fahrt und kürzlich genommene Beute, von der die Spuren noch an Deck zu sehen waren, ziemlich arg zugerichtetes Schiff. Auch die Mannschaft, die herbeisprang, um die lang' ersehnten Früchte und frischen Gemüse in Empfang zu nehmen und zum großen Theil in die Vorrathskammern hinunter zu schaffen, Ananas und Bananen aber an Deck aufzuhängen, hatte ein verwildertes, liederliches Aussehen.

Die Leute, die jahraus und ein mit schmutzigem Speck und Thran umgehen, sind nur zu leicht geneigt, auf ihren Körper nicht die da gerade doppelt nöthige Sorgfalt zu verwenden, und auch hier hatte der Capitain so viel Aerger mit dem Volk gehabt, daß er es endlich aufgab, sie zu dem zu machen, zu dem er sie im Anfang heranzuziehen gehofft – zu ordentlichen Matrosen. Nur wenn ihm einmal Einer gerade zur unrechten Zeit unter den Wind lief, kanzelte er ihn tüchtig ab und machte seinem Herzen für kurze Zeit in einer gerade nicht gewählten Zahl von Flüchen und Verwünschungen Luft.

»Ihr scheint wirklich ziemlich knapp an Mannschaft zu sein,« sagte Tom endlich, der sich das Deck eine Zeit lang schweigend betrachtet hatte, zum Harpunier, »wenn sie das nämlich alle sind, die ich hier an Deck sehe, und ich glaube doch kaum, daß sich bei der Ankunft von solch' frischem Gut viel unten gehalten.«

»Ihr habt Recht,« sagte der Harpunier mürrisch, »das ist die ganze Bande, und ein nichtswürdigeres Gemengsel von Schneidern, Schustern und verlaufenen Handwerksburschen ist wohl noch nie an Bord eines ordentlichen Seeschiffes zusammen gefunden worden. Mit Müh' und Noth haben wir ihnen in den letzten zwei Jahren wenigstens das Rudern beigebracht; ein volles Jahr hat es aber gedauert, ehe sie nur zusammen anzogen. Es war ein ordentlicher Skandal, und wenn wir oben in der Behringsstraße in der Nähe eines andern Schiffes lagen, schämten wir uns wahrhaftig, ein Boot auszuschicken, und haben dadurch mehrere Fische verloren. Was das Takelwerk betrifft, können die Kerle noch jetzt kaum einen Reefknoten schlagen.«

»Zum Auskochen sind sie gut,« lachte Tom, »wenn nur die Officiere ihre Sache verstehen.«

»Officiere? Ja, Harpuniere und Bootsteuerer haben wir vollzählig – einen Bootsteuerer noch ausgenommen, der unten krank liegt – aber keinen einzigen Zimmermann und keinen Schmied, und der erste Böttcher ist uns ebenfalls auf Hawaii davongelaufen. Es ruht ein wahrer Fluch auf dem alten Kasten, und wenn uns noch ein paar Boote ernstlich beschädigt werden, müssen wir wahrhaftig irgend eine amerikanische Küste anlaufen. Aber da kommt auch Euer Canoe heran – die Burschen nehmen sich Zeit. – Ist doch ein faules Volk, diese Indianer!«

»Lieber Gott, wer kann's ihnen verdenken?« lachte Tom. »Die Natur giebt ihnen Alles, was sie brauchen, mit vollen Händen, ohne daß sie nöthig hätten, sich dabei zu rühren. Uebrigens sind sie lebendig genug, wo sie wirklich etwas interessirt, und ich glaube auch größerer Leidenschaft und Regsamkeit fähig, wenn sich ihnen wirklich eine nothwendige Gelegenheit dazu bieten sollte. So lange die ausbleibt, lassen sie sich eben gehen. – Aber kommt da nicht Euer Capitain? Wie heißt er?«

»Rogers. – Ihr werdet Euer Canoe wohl nicht brauchen, denn ich bin überzeugt, er schickt die Boote gleich wieder hinüber, um das Holz abzuholen.«

»Rogers?« rief Tom, »ich glaube wahrhaftig, das ist ein alter Bekannter. Welches Schiff hatte er früher?« setzte er rasch hinzu, ohne den Blick von dem jetzt eben an Deck kommenden Capitain zu wenden.

»Den Bonnie Scotchman, wenn ich nicht irre,« lautete die Antwort.

»Alle Teufel!« murmelte Tom halblaut vor sich hin und warf wie unwillkürlich den Blick nach dem eben anlegenden Canoe hinunter. Der Harpunier war indessen auf den Capitain zugegangen, um ihm sowohl Bericht von dem abgeschlossenen Handel mit Früchten und Gemüsen abzustatten, als auch von dem Holz zu sagen, das fertig geschlagen und ausgetrocknet drüben am Strande liege und eben nur an Bord geholt zu werden brauche.

»Das ist vortrefflich, Mr. Hobart,« sagte der Capitain rasch, »besser können wir es uns gar nicht wünschen – und der Preis?«

»Ist auch mäßig – es wohnt ein Weißer drüben zwischen den Rothhäuten, der die ganze Sache zu leiten scheint, und den ich deshalb gleich mit herübergebracht habe, damit Sie den Kauf selber mit ihm abschließen können. Da drüben steht der Mann.«

»Desto besser, desto besser! Spricht er Englisch?«

»Es ist ein Schotte.«

»Oh, vortrefflich! – Ah, guten Tag, Mister – Pest noch einmal – das Gesicht kommt mir verdammt bekannt vor!«

»Wie geht's, Capitain Rogers?« fragte Tom, der rasch gefaßt, aber doch leicht erröthend und etwas verlegen lächelnd auf ihn zuging. Er reichte ihm dabei die Hand, die Jener langsam nahm, ihm jedoch immer aufmerksamer in's Auge sah. – »Sie kennen mich wohl kaum noch, wie? – Ja, ich bin braun geworden in den langen Jahren und unter der heißen Sonne hier.«

»Waret Ihr nicht auf dem Bonnie Scotchman?«

»Allerdings.«

»Zimmermann?« – Tom nickte. – »Und lieft mir auf Hapai davon?«

Tom wurde blutroth im Gesicht, aber ein gutmüthiges und doch halb verschmitztes Lächeln durchzuckte dabei seine Züge, als er erwiderte:

»Und Sie hätten mich beinah wieder erwischt, denn die nach mir ausgeschickten Eingeborenen waren mir ein paar Mal dicht auf den Fersen. Fünfzehn Stunden habe ich einmal bei einem furchtbaren Regenguß in dem Wipfel einer Palme zugebracht.«

»Vier Tage bin ich Euch zu Liebe damals an der verdammten Insel liegen geblieben und habe indessen nicht allein den Fang versäumt, sondern mich auch nachher die ganze übrige Reise mit dem Esel vom zweiten Zimmermann behelfen müssen.

»Es war vielleicht nicht recht damals, Capitain Rogers,« gestand Tom ehrlich ein, »aber das Land lachte gar zu verlockend herüber, und Sie wissen selbst, was für ein grober, ungerechter Mensch Ihr damaliger erster Harpunier war. Er brachte uns fast Alle zur Verzweiflung und trieb die Meisten vom Schiff, wo sich ihnen nur die geringste Gelegenheit dazu bot.«

»Das ist keine Entschuldigung, Mr. – wie war doch Euer Name gleich?«

»Tom Burton.«

»Ach ja – Mr. Burton, das ist gar keine Entschuldigung. Ihr hattet Euch mir und dem Rheder für die ganze Fahrt verpflichtet und wäret nicht allein uns, sondern auch Euren Kameraden schuldig, daß Ihr bliebt. Ihr wißt recht gut, daß auf einem Walfischfänger die ganze Mannschaft gemeinsamen Antheil an dem Fang hat, den Fang aber nicht betreiben kann, wenn ihr die wichtigsten Handwerker dazu, Zimmermann und Böttcher, an Bord fehlen. Da wir Alle an Bord umsonst herumfahren würden, wenn die Boote nicht hinaus- und an Fische festkämen, so ist das Instandhalten eben dieser Boote auch eine der wichtigsten Sachen an Bord eines Walfischfängers, und deshalb gerade werden die Zimmerleute engagirt und verpflichtet. Sobald sie ihren Contract brechen, gefährden sie den Fang des ganzen Schiffs und ziehen nicht allein dem Rheder, der das Schiff ausgerüstet hat, ungeheure Verluste zu, sondern schneiden auch der ganzen übrigen Mannschaft, vom Capitain hinunter bis zum Schiffsjungen, die Möglichkeit eines Verdienstes ab. Und zum Spaß treiben wir uns doch wahrhastig auch nicht drei und vier Jahre bald zwischen Eisschollen, bald unter einer solchen Sonne umher, und lassen Weib und Kind indeß zu Hause.«

»Sie haben vollkommen Recht, Capitain,« sagte Tom, der jetzt ganz ernst und eher etwas blaß geworden war. »Hier und da liegt auch der Fehler wohl mit an den Officieren, die ihre Macht zu sehr mißbrauchen. Ich weiß allerdings, daß an Bord eines solchen Fahrzeugs eben so gut wie an Bord eines Kriegsschiffes unbedingte Subordination herrschen muß, wenn nicht Schiff und Mannschaft darüber zu Grunde gehen sollen. Aber die Herren – und Ihr früherer erster Harpunier war ein solcher, Capitain Rogers – glauben manchmal, daß sie mit ihren Untergebenen eben nach Willkür machen können, was sie wollen – widersetzen darf sich ihnen ja doch Niemand – und mißbrauchen dann die ihnen ertheilte Würde ebenso zum Schaden des Schiffs, wie es der Untergebene thut, der sich solcher ihm lästig oder unerträglich werdenden Herrschaft durch die Flucht entzieht.«

»Mr. Williams war einer der tüchtigsten Officiere, die es geben kann, und ein ausgezeichneter Walfischfänger.«

»Ich will ihn nicht anklagen, um mich zu vertheidigen, Capitain Rogers,« entgegnete Tom freundlich. »Junge Leute, wie Sie recht gut wissen, sind oft leichtsinnig, und ich war damals noch ein ganz junger, unerfahrener Bursch. Jetzt bin ich vernünftiger und denke anders, vernünftiger darüber.«

»Es ist mir lieb, das zu hören,« erwiderte der Capitain, »noch dazu, da es selbst jetzt nicht zu spät ist, um das Geschehene wieder gut zu machen.«

»Durch Holz wenigstens,« lächelte Tom, »um Ihnen das Auskochen an Bord zu erleichtern. Sie scheinen schon eine hübsche Ladung Thran genommen zu haben?«

»Es geht an,« sagte der Capitain, immer noch zurückhaltend, und fuhr dann in dem früheren Thema fort: »So ist es auch diesmal mit den Leuten, und trotzdem wir ganz vortreffliche und ruhige Officiere an Bord haben – welchem Umstand Ihr großen Einfluß auf die Mannschaft zuschreibt – haben eine große Anzahl und unter ihnen sogar beide Zimmerleute und der erste Böttcher heimlich und widerrechtlich das Schiff verlassen und uns in die peinlichste Verlegenheit gebracht.«

»Hm, das ist allerdings fatal.«

»Desto mehr, sprach der Capitain ruhig, »freue ich mich, daß uns der Zufall zu so günstiger Zeit wieder zusammengeführt hat. Ihr hättet zu keiner gelegeneren Stunde an Bord zurückkommen können.«

»Nur mit dem Unterschied,« lächelte Tom, der aber doch fühlte, daß ihm das Herz dabei stockte, denn er ahnte, was der Capitain mit den Worten meinte, »daß ich nicht an Bord gekommen bin, um wieder zu fahren, sondern Ihnen nur mein Holz am Strand zu verkaufen.«

»In welcher Absicht bleibt sich ziemlich gleich,« erwiderte der Capitain mit einem leichten, aber nichts Gutes weissagenden Lächeln um die zusammengepreßten Lippen. »Ich will übrigens das Geschehene vergessen sein lassen und Euch die damals versäumten Tage bei dem, was wir künftig fangen, nicht in Anrechnung bringen. Euer früherer Antheil hat auch schon zum Theil dafür bezahlt.«

»Künftig fangen, Capitain?« sagte Tom, der sich gewaltsam zwang, ruhig zu bleiben; »ich glaube nicht, daß ich je wieder auf den Walfischfang ausgehe. Ich bin älter seit der Zeit geworden und ruhiger, und habe mir außerdem auch noch eine der Töchter dieses Landes zur Frau genommen. Dort unter den Palmen steht meine eigene Heimath, lebt meine Familie, und die darf ich schon nicht mehr verlassen, wenn ich selber wollte.«

»Familie? Bah!« meinte der Capitain, »Hab' ich etwa keine Familie zu Hause? Das ist das Schicksal der Seeleute, daß sie die Jahre lang entbehren müssen. Desto besser gefällt es ihnen aber auch dafür, wenn sie wieder nach Hause kommen.«

»Mag sein – die Ansichten sind verschieden,« brach Tom das Gespräch, das ihm peinlich zu werden begann, kurz ab. »Jetzt, Capitain, möcht' ich Sie bitten zu bestimmen, was und wie viel Sie von dem Holze brauchen – und hier,« setzte er lächelnd hinzu, »hab' ich auch noch einige Kleinigkeiten mitgebracht, die meine Frau gearbeitet, und von denen sich die Officiere vielleicht Einiges mit nach Hause nehmen. Das Körbchen hier, Capitain Rogers, möchte ich Sie bitten, zum Andenken an mich zu behalten.«

Der Capitain zögerte es zu nehmen, stellte es aber dann neben sich auf das Gangspill und sagte:

»Wir wollen das nachher zusammen abmachen. – Wie viel Holz habt Ihr drüben?«

»Sechs Klaftern.«

»Und der Preis?«

»Ich bin beauftragt, Handelsartikel dafür einzutauschen.«

»Gut. Mr. Hobart,« sagte der Capitain zu dem jetzt näher tretenden Officier, »das Holz wäre mir allerdings erwünscht, wenn ich es an Bord hätte, aber – wir wollen uns nicht so lange damit aufhalten. Nehmen Sie Ihr Boot und das des zweiten Harpuniers und fahren Sie damit an das Land. Die Leute mögen da einladen, was sie herüberschaffen können. Wir sehen dann, wie viel es beträgt, und können Mr. Burton den gewünschten Preis dafür auszahlen.«

»Es ist mir dann lieber, daß ich mit hinüberfahre,« sprach Tom ruhig, »denn wenn Sie so wenig nehmen, wünschte ich gern, daß Sie das trockenste bekämen.«

»Das wird sich Mr. Hobart schon aussuchen.«

Die Boote waren im Augenblick niedergelassen, die dazu bestimmte Mannschaft sprang hinein, und nur der erste Harpunier zögerte noch. Er war zum Capitain hingegangen und sagte leise:

»Lieber wär' es mir, der Schotte führ' mit hinüber – ich verstehe die Sprache der Leute nicht.«

»Sie müssen schon sehen, wie Sie durchkommen,« entgegnete ihm eben so leise der Capitain. »Der Schotte bleibt an Bord – setzen Sie den dritten Harpunier, Mr. Elgers, davon in Kenntniß.«

Der Harpunier erwiderte nichts darauf, aber der überraschte Blick desselben, der fast unwillkürlich nach dem Schotten hinüberflog, wurde von diesem eben so schnell aufgefaßt und verstanden, und wie mit einem Messer stach dem armen Teufel das Bewußtsein der Gefahr in's Herz, der er sich hier plötzlich ganz freiwillig preisgegeben. – Aber der Capitain durfte doch auch nicht wagen, jetzt noch, nach so langen Jahren, Gewalt gegen ihn zu brauchen. – Und wenn er es doch that? Wer hier auf der weiten See sollte ihn daran verhindern oder sich des Schutzlosen annehmen?

Mißtrauisch überlief sein Blick das Deck, aber er hütete sich wohl, die mindeste Furcht zu zeigen. Dabei konnte es ihm jedoch nicht entgehen, daß der erste Harpunier, ehe er in das Boot stieg, rasch ein paar Worte mit dem dritten Harpunier wechselte, und dieser warf ebenfalls einen überraschten, flüchtigen Blick nach ihm hinüber. Er wußte jetzt, er war ein Gefangener – aber was jetzt thun? An Flucht mit dem Canoe war nicht zu denken – er hatte vorher schon gesehen, wie viel rascher die Seeleute mit dem schwer mit Früchten beladenen Walfischboot gefahren waren; das leichte leere Boot hätte sie eingeholt, ehe sie zwei Schiffslängen entfernt gewesen wären. Gewaltsame Befreiung? An dieser Seite der Insel lagen nur drei Canoes, und was hätten die unbewaffneten Indianer, selbst wenn sie sich seinetwegen hätten schlagen wollen, gegen die Mannschaft eines Walfischfängers ausrichten können? – Die einzige Möglichkeit blieb, die Eingeborenen zu veranlassen, die Mannschaft der beiden Boote, oder wenigstens die Officiere, gewissermaßen als Geißeln zurückzuhalten, bis er selber ausgeliefert wäre; aber dann mußte er das Canoe jetzt fort und an's Land schicken.

Der Capitain hatte ebenfalls hinten am Steuer mit dem dritten Harpunier gesprochen und stieg jetzt in seine Kajüte nieder, den früheren Ausreißer scheinbar sich selbst überlassend und vollkommen frei. Tom kannte aber viel zu gut die strenge Subordination eines Walfischfängers, wo besonders der Ruf zu den Booten im Nu ausgeführt wurde. Die einzige Möglichkeit einer Rettung blieb in der That noch das Festnehmen der Officiere am Ufer, und als Tom das erst einmal erkannt, beschloß er auch, es so rasch wie möglich auszuführen.

Alohi lehnte, seine Cigarre rauchend und mit keiner Ahnung der Gefahr, die dem Gatten seiner Schwester drohte, an Bord und betrachtete sich mit besonderer Aufmerksamkeit das künstliche durcheinander schießende Tauwerk des Schiffes, welches ihm jedenfalls das größte Interesse bot. Tom näherte sich ihm und sagte mit gedämpfter, aber nichtsdestoweniger ängstlich gepreßter Stimme:

»Alohi – die weißen Männer wollen Tomo an Bord behalten.«

»Ati!« rief Alohi erstaunt.

»Ruhig! Laß Niemand merken, daß ich Dir ein Wort davon gesagt, aber wenn Du von mir den Befehl erhältst, an Land zu rudern, so thue das, so rasch Ihr das Canoe vorwärts treiben könnt. Versichert Euch dort augenblicklich des Mannes, der heute Morgen die Matrosen hinüberbrachte, schafft ihn in's Innere und gebt ihn nicht heraus, bis ich wieder an Land und in Eurer Mitte bin.«

»Matoi!« sagte der junge Bursch, dessen Augen in dem willkommenen Auftrag leuchteten, »soll ich jetzt gehen?«

Tom warf einen Blick nach der Schanze zurück. Der dritte Harpunier lehnte über Bord und schien gar nicht auf ihn zu achten – wenn nun sein Verdacht ungegründet war? – Aber er gab sich dieser Täuschung nicht lange hin, denn er kannte seine Leute.

»Ich werde zu dem Mann dort hinten gehen und mit ihm sprechen,« sagte er jetzt wieder. »Sobald er nicht mehr über Bord sieht, stößt Du ab und ruderst langsam hinüber. Erst wenn Ihr den Eingang der Riffe erreicht habt, – denn mit dem Vorsprung können sie Euch nicht wieder einholen, – mache Dein Canoe über das Wasser fliegen.«

»Aber warum fährst Du nicht lieber gleich mit?« fragte der Indianer erstaunt, »es hält Dich Niemand.«

»Jetzt nicht – aber der Befehl ist schon gegeben, mich nicht von Bord zu lassen. Daß Ihr glücklich an Land kommt, ist die einzige Möglichkeit, mich noch zu retten.«

Der Indianer erwiderte weiter kein Wort, und Tom wandte sich ebenfalls langsam von ihm ab und schritt dem hintern Deck zu, auf dem der Harpunier noch immer über Bord lehnte.

»Seid Ihr recht glücklich gewesen, Sir, auf Eurer letzten Fahrt?« knüpfte hier Tom ein Gespräch mit ihm an; »das Schiff muß schon eine hübsche Ladung einhaben, es liegt ziemlich tief im Wasser.«

»Es geht an,« antwortete ihm der Harpunier, indem er sich zu dem Frager umdrehte. Wir haben schon etwas über 3000 Tonnen Thran ein, und etwa 50,000 Pfund Barten. Wenn sich's nur halbwege macht, können wir in der nächsten Jahreszeit voll werden. – Es ist auch Zeit,« setzte er dann mürrisch hinzu, »wir treiben uns nun schon fast drei Jahre hier draußen herum.«

»Das ist recht lange,« sagte Tom, mit dem Kopf nickend, »da wird Mancher an Bord das Heimweh bekommen haben. Ich weiß nicht – Wenn man erst einmal eine Zeit lang an Land ist –«

»Sagt einmal den Leuten dort in dem Canoe, daß sie nicht abstoßen,« unterbrach ihn da der Harpunier, indem er den Blick wieder über Bord warf. »Der Capitain hat befohlen, daß sie warten, bis die Holzboote zurück sind.«

»Das Canoe? Der Capitain hat, so viel ich weiß, dem wohl nichts zu befehlen,« erwiderte Tom, dem das Blut in's Gesicht schoß.

»An Bord, wißt Ihr, Kamerad, hat ein Capitain wohl so ziemlich über Alles zu befehlen,« erwiderte der Harpunier ruhig. »Bitte, ruft die Leute zurück – Ihr wißt recht gut, daß sie das Walfischboot in ein paar Minuten wieder einholen würde. Was sollen sie an Land?«

»Sie wollen, so viel ich weiß, noch mehr Früchte holen.«

»Das ist unnütz, die Boote bringen schon Alles mit, was wir noch etwa brauchen könnten. Seid vernünftig, Freund, und ruft sie zurück! – Dritte Bootsmannschaft, steht bei Eurem Boot!« rief er zugleich mit lauter, aber vollkommen ruhiger Stimme über Deck, und die Leute, mit dem Bootsteuerer an der Spitze, standen wenige Minuten später an den Fallen, an denen das kleine Fahrzeug unter seinen Krahnen hing. – Es bedurfte nur noch eines Wortes oder Zeichens, und es glitt auf das Wasser nieder.

Tom sah ein, daß ihm dieser Ausweg abgeschnitten sei, aber er wollte es noch nicht zum Aeußersten kommen lassen.

»Alohi!« rief er mit einem eigentümlichen schrillen Ruf über das Wasser hinüber dem kaum hundert Schritt entfernten Canoe nach. Die Indianer, die drin ruderten, drehten den Kopf nach ihm um. – »Kommt an Bord zurück!« – Die Eingeborenen ließen die Ruder im Wasser, zögerten aber noch dem Befehl Folge zu leisten.

»Kommt zurück!« rief Tom noch einmal, »aber legt nicht an Bord an, sondern haltet Euch nur dicht neben dem Schiff.«

Er hatte einen neuen Plan gefaßt, so verzweifelt dessen Ausführung ihm auch selber schien. Die Indianer gehorchten jetzt, und der Harpunier, die Bootsmannschaft wieder an ihre Arbeit schickend, lehnte sich wie vorher nachlässig an die Schanzkleidung des Schiffs.

»Ihr werdet begreiflich finden, Sir,« sagte der Schotte endlich, der entschlossen war, zu wissen, wie er mit dem Schiffe stand, »daß ich nicht recht einsehe, weshalb Ihr das Canoe verhindern wollt, zu gehen, wohin es ihm beliebt.«

»Und wollt Ihr denn nicht wieder mit dem Canoe zurückfahren?« lächelte der Seemann.

»Allerdings will ich das.«

»Nun gut, dann dürfen wir es doch nicht von Bord lassen. Glaubt Ihr, daß Euch der Capitain in einem seiner Boote an Land fahren ließe?«

»Ihr weicht mir nicht aus, Sir – welcher Befehl ist Euch über mich gegeben?«

»Welcher Befehl? – Keiner als der, Euch und die Indianer nicht vom Bord zu lassen, bis Ihr das Geld für das Holz in Empfang genommen habt.«

Tom fühlte den Hohn in den Worten, – wußte, daß es Lügen waren, und der kalte Angstschweiß trat ihm bei dem Bewußtsein der Gefahr, in der er sich jetzt befand, auf die Stirn. Er biß die Unterlippe zwischen die Zähne und wandte sich, die Arme fest verschränkend, von dem Harpunier ab, daß dieser seine aufsteigende Bewegung nicht bemerken sollte. Nur eine Hoffnung, nur eine Aussicht zur Flucht blieb ihm noch. Wenn es ihm gelang, das eine noch unter den Krahnen hängende Walfischboot leck zu machen, daß sie ihm nicht mit dem folgen konnten, durfte er hoffen, mit dem Canoe zu entkommen. Die anderen beiden Boote hatten das Land schon erreicht, und kurze Zeit reichte hin, sie mit Holz zu füllen. Dann waren sie aber auch zu schwerfällig, um eine Jagd unternehmen zu können, und außerdem wußte er eine andere Einfahrt in die Riffe, die, in sich selbst geschlossen, aus dem dortigen Binnenwasser nicht einmal erreicht werden konnte.

Hier galt es jetzt das Aeußerste zu wagen; der Feind durfte aber auch keinen Verdacht fassen, sein Plan wäre ihm sonst gleich von vornherein vereitelt worden. Langsam ging er deshalb wieder mehr nach vorn, von wo er seinem Schwager die nächsten Verhaltungsregeln zurufen und ihn von dem, was er beabsichtigte, in Kenntniß setzen konnte. Die Einfahrt in die Riffe, aus der sie herausgekommen, war etwa der halbe Weg zwischen dem Land und dem Schiff, und allerdings mußte er dort ziemlich nahe vorbei. In den Booten konnten sich aber die Leute, wenn sie Holz geladen hatten, nicht so gut bewegen; nur deshalb die Einfahrt passirt, und er brauchte kaum zu fürchten, daß er noch eingeholt werde. Außerdem lag noch ein Ruder im Canoe, und Drei, wenn es galt, konnten das leichte kleine Fahrzeug auch wohl rascher vorwärts treiben, als es vorhin geschehen war.

Das Herz schlug ihm, als ob es die Brust zerschmettern wollte, aber er biß die Zähne fest zusammen, und wieder zum Schanzdeck zurückschreitend, ging er dort, als ob er jetzt gesonnen wäre, die Rückkunft der Boote ruhig abzuwarten, langsam auf und ab.

Der Harpunier hatte sich indessen ebenfalls aus seiner lehnenden Stellung aufgerichtet und war zu Backbord, wo das Boot unter den Krahnen hing, auf und ab gegangen. Ein Blick, den er über Bord warf, überzeugte ihn, daß die Indianer ruhig in ihrem Canoe saßen und nur langsam mit der Strömung zurücktrieben. Das Schiff hatte seine großen Segel auf, die Brise war aber so schwach, daß sie eben die Strömung der Fluth stemmten und sich etwa auf einer Stelle hielten.

Der Wind hatte ein klein wenig aufgeräumt, und es war nöthig geworden, die Brassen zu Starbord etwas anzuziehen – der Harpunier ging dort hinüber und rief die Mannschaften. – Das war der entscheidende Moment. – Tom stand dicht neben dem Walfischboot – mit einem Satz war er auf der Schanzkleidung, hatte das in jedem unter den Krahnen hängenden Boot vorn befestigte Handbeil ergriffen und herausgerissen, und ein einziger Schlag an das scharf angespannte Tau oder Fall, das es auf dieser Seite hielt, machte, daß es, während es hinten noch gehalten wurde, vorn herunter und gegen den Schiffsbord anschlug.

»Hierher – Alle! – Hülfe! hierher!« schrie der Harpunier und sprang selber, eine Handspeiche aufgreifend, auf den kecken Schotten zu – aber er kam zu spät. Mit einem Satz die Schanzkleidung entlang war Tom am andern Krahn, ein Schlag seines haarscharfen Tomahawks traf in die dünnen Planken des so schon durch den Sturz arg beschädigten Bootes, und das Beil war so tief hineingefahren, daß er es nicht einmal mit demselben Ruck wieder heraus bekommen konnte. Daran lag ihm aber auch nichts; in der Verteidigung suchte er seine Rettung nicht, nur in der Flucht. Mit weitem Sprung deshalb von der Schanzkleidung nieder über Bord, sank er im nächsten Moment schon in die blaue, über ihm zusammenschlagende Fluth, kaum zwanzig Schritt von dem Canoe hinein, das jetzt mit Blitzesschnelle nach ihm hinüber hielt.

Wilde Flüche und Verwünschungen schallten hinter ihm drein von Bord. Während der Capitain aber an Deck sprang und die Bootsmannschaft nach dem zertrümmerten Boote flog, um es so rasch wie möglich wieder aufzuholen und in Stand zu setzen, zog der dritte Harpunier – der recht gut einsah, wie klug der Flüchtling seine Lage überschaut und seine Aussicht berechnet hatte – die unter die Gaffel niedergeholte Flagge auf. Dadurch gab er ein Zeichen, und der erste Harpunier wußte, was das bedeutete.

Tom war indessen rasch wieder nach oben gekommen, und ehe nur die Mannschaft an Bord einen Entschluß fassen oder etwas mit dem mißhandelten Boot anfangen konnte, erreichte er die Spitze des Canoes und schwang sich mit Alohi's Hülfe hinein. Sein erster Blick aber war nach dem Schiff zurück, an dessen Gaffel eben die englische Flagge emporstieg – sein erster Griff nach dem neben ihm liegenden Ruder, das er rasch erfaßte und brauchte, und die drei Männer wußten jetzt, daß ihre glückliche Flucht allein in der Kraft ihrer Arme lag.

»Halt dort!« schrie der Capitain, der sich das schon sicher geglaubte Opfer in so kecker Weise unter den Händen fort wieder entzogen sah, »halt oder ich schieße Euch über den Haufen!« Seine Drohung war aber machtlos; er hatte nicht einmal ein Gewehr zur Hand, und nur eine von dem Bootsteuerer mit nach hinten gebrachte Harpune aufgreifend, schleuderte er sie in blinder Wuth hinter dem schon wenigstens hundert Schritt entfernten Canoe her. Sie durchflog nicht die halbe Entfernung und verschwand zischend unter der Oberfläche.

Vorn am Bug des Canoes aber schäumte die klare Fluth, und das schlanke leichte Fahrzeug hätte, von den kräftigen Rudern getrieben, wie ein Pfeil über hie See dahinfliegen müssen, wäre ihnen bei der raschen Fahrt der sogenannten Luvbaum nicht im Weg gewesen.

Die Canoes der Eingeborenen, die aus einem ausgehauenen Baumstamm bestehen, würden nämlich auf offener See und bei dem geringsten Wellenschlag, der sie seitwärts träfe, dem Umschlagen leicht ausgesetzt sein. Das zu verhindern, befestigen sie auf einer Seite, mit über dem Canoe angeschnürten Querhölzern, ein Stück sehr leichtes Holz, etwa bis zehn Fuß lang, das, vielleicht vier Fuß vom Canoe entfernt, neben ihm auf dem Wasser schwimmt. Dieses hält dasselbe allerdings so vortrefflich im Gleichgewicht, daß es selbst ziemlich schweren Wogen Trotz bieten kann, hemmt es aber auch natürlich in seinem Lauf. Auf übergroße Schnelle kommt es freilich den Indianern selten an, sie wollen nur sicher und bequem fahren, und diesen Zweck erreichen sie dadurch vollkommen.

Tom's kühner Angriff auf seinen gefährlichsten Feind an Bord – das Walfischboot – war übrigens so vollkommen geglückt, daß er von dort aus nicht das Mindeste zu fürchten hatte – das Zeichen ausgenommen. Das Boot war für die nächste Zeit vollkommen unbrauchbar, denn es hatte sich, außer dem Schlag, den er mit dem Tomahawk hineingeführt, durch den Sturz auch noch eine der Planken losgerissen, – aber die Flagge! Er wußte recht gut, daß die Leute an Land stets ein aufmerksames Auge auf das Schiff richten, und wenn die beiden Boote dem jetzt rasche Folge leisteten – – Doch hoffentlich hatten sie sich schon mit ihrer Holzladung beeilt und mochten auch gewiß nicht ganz leer zurückkehren. Keineswegs konnten sie wissen, was hier vorgegangen, und die aufgezogene Flagge war ihnen höchstens nur ein Zeichen zu rascher Rückkehr. Das Innere der Bai ließ sich vom Canoe aus allerdings nicht eher übersehen, bis sie die Einfahrt passirten, da die Brandungswellen der Riffe wie eine Mauer dazwischen lagen. Hatten sie die aber erst einmal erreicht, dann wurde ihnen auch die jetzt entgegenkommende Strömung günstig.

Kein Wort wechselten indessen die drei Männer mit einander, und selbst die sonst lässigen Indianer legten sich mit aller Kraft ihrer Sehnen in die Ruder. Jetzt waren sie in einer Höhe mit der Einfahrt – noch eine Bootslänge und sie mußten den Landungsplatz ihrer Hütten erkennen können – lagen die Boote noch dort, so waren sie gerettet. –

»Da kommen sie!« rief Alohi und deutete mit dem Ruder hinüber. – »Vorwärts!« lautete der zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch gegebene Befehl des Schotten, und in demselben Augenblick verhüllte auch die nächste Brandungswelle der Einfahrt wieder die weitere Aussicht.

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