111 Gründe, Hansa Rostock zu lieben - Kieran Brown - ebook

111 Gründe, Hansa Rostock zu lieben ebook

Kieran Brown

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Opis

Der FC Hansa Rostock repräsentiert viel mehr als den Leuchtturm des Nordens, den letzten DDR-Meister oder den Verein, der Champions-League-Sieger und Nationalspieler Toni Kroos ausgebildet hat. Weil der Klub dem FC Bayern München regelmäßig die Lederhosen auszog, obendrein einen König stürzte und in in seiner ersten Bundesliga-Saison gleich zum Meistermacher wurde, avancierte er in den 1990er- und 2000er-Jahren zu einer der populärsten Marken im deutschen Profifußball. Ganz im Ernst: Ohne Hansa wäre womöglich sogar das Sommermärchen 2006 ausgefallen. Dass Chartstürmer Marteria zwar auf die große Karriere bei Hansa verzichtete, dafür aber einer der bedeutendsten Repräsentanten geblieben ist, spricht für sich. Hansa-Fans machen sogar Geisterspiele zu Heimspielen. Und wo sonst als an der Ostseeküste kann man sich in der Halbzeitpause Fischbrötchen kaufen? Inzwischen gibt es Hansa Rostock sogar als Schulfach. 111 Gründe und noch viel mehr lassen sich finden, um darzulegen, warum Hansa der großartigste, fantastischste und sympathischste Verein der Republik ist. EINIGE GRÜNDEWeil die Hansa-Profis die Bundesliga auch ohne Telefone aufmischten. Weil Hansa Pep Guardiola besiegt hat. Weil Hansa Martin Max das Karriereende versüßte, während er für 1860 München zum Albtraum wurde. Weil Hansa sieben Ulmer Spatzen erst in der Nachspielzeit den Todesstoß versetzte. Weil Marteria Hansa ist. Weil Hansa beim Bundesliga-Debüt Andreas Köpke vier Eier ins Nest legte. Weil Hansa auch (ein bisschen) Triple-Sieger 2013 ist. Weil Hansa der erfolgreichste Klub aus den neuen Ländern ist. Weil nicht Kaiser Franz, sondern Jonathan Akpoborie König Otto stürzte. Weil ich mich mit dem FC Hansa in die Höhle der Roten Teufel wagte - und litt und litt. Weil selbst Oliver Kahn den Ball nicht in jedem Strafraum mit der Hand spielen darf. Weil das Sommermärchen 2006 ohne Hansa womöglich ausgefallen wäre. Weil Juri Schlünz die erste Gelb-Rote Karte in der Geschichte des DFB sah. Weil Hansa 1992 zum Spielverderber, Meistermacher und Absteiger wurde. Weil ein Hansa-Bart für bundesweites Aufsehen sorgte. Weil Hansa nicht erst seit 2005 eine Fahrstuhlmannschaft ist. Weil schon vor der Wende internationaler Spitzenfußball an der Ostsee geboten wurde. Weil die Rivalität mit dem FC St. Pauli nur schwer zu erklären ist. Weil Marco Vorbeck innerhalb weniger Sekunden Kultstatus erreichte. Weil Hansa 2010 endlich Deutscher Meister wurde - bei den A-Junioren.

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Kieran Brown

111 GRÜNDE, HANSA ROSTOCK ZU LIEBEN

Eine Liebeserklärung an den großartigsten Fußballverein der Welt

INHALT

•Weil Empor in Rostock mit offenen Armen empfangen wurde 16

•Weil es in der Deutschen Demokratischen Republik durchaus demokratische Elemente gab 20

•Weil wir nur »Zwei-Drittel-Meister« wurden 23

•Weil aus der »Silbernen Generation« nur einer seine Leistungen vergolden konnte 27

•Weil der »Internationale Frauentag« Heinz Werner den Job kostete 31

•Weil ausgerechnet ein Bayer unsere Vereinsgeschichte entscheidend prägte 34

•Weil wir 35-mal in Folge ungeschlagen blieben 37

•Weil wir schon vor der Wende eine Fahrstuhlmannschaft waren 39

•Weil Rostocker Bürger das Ostseestadion bauten 42

•Weil internationaler Spitzenfußball an der Ostsee schon vor der Wende geboten wurde 45

•Weil Joachim Streich der »Bomber des Ostens« war 49

•Weil die Schweden-Invasion von langer Hand geplant war 52

•Weil das größte Unglück der Vereinsgeschichte für einen Fall vorbildlicher Völkerverständigung sorgte 56

•Weil Dieter Schneider der geborene Platzhirsch ist 59

•Weil die Hansa-Profis die Bundesliga auch ohne Telefone aufmischten 63

•Weil Hansa sich als Inspiration für Pep Guardiola, den FC Bayern München und die Nationalmannschaft erwies 67

•Weil Rade Prica Zlatan Ibrahimovic´ vorübergehend den Rang ablief 70

•Weil uns in Barcelona übel mitgespielt wurde 73

•Weil Hansa gegnerische Trainer zu Verzweiflungstaten treibt 76

•Weil eine Wette beinahe zur Spielabsage geführt hätte 80

•Weil ein Lottogewinn das Mannschaftsgefüge ins Wanken brachte 85

•Weil der Hund nicht schuld war 87

•Weil die Mannschaft in Teheran strandete 90

•Weil selbst die Wettmafia Hansa nicht stoppen konnte 94

•Weil ein Ex-Hanseat mit seinem neuen Klub auf bestem Weg zur Nummer zwei in Rostock ist 96

•Weil die Schweden uns eine halb leere Ketchupflasche schickten 100

•Weil ein Taxifahrer vom Tribünengast zum Bundesligaschiedsrichter befördert wurde 106

•Weil auch der tierischste Fan kein Heimspiel verpasst 109

•Weil »der Mann mit der Maske« immer weitermachte 112

•Weil wir auf einer Raststätte »Zurück aus dem Urlaub« kamen 117

•Weil das »Hansa-Modell« das WM-Organisationskomitee inspirierte 122

•Weil ein Mainzer Urgestein für Hansa sein erstes Bundesligaspiel absolvierte 126

•Weil Gernot Alms nicht nur als Vorstopper eine gute Figur machte 129

•Weil selbst Felix Magath ein bisschen panne ist 132

•Weil ich bei Andreas Zachhuber Privatstunden nehmen durfte 137

•Weil ein Bart für bundesweites Aufsehen sorgte 141

•Weil Peter Schyrba bei Hansa und in einer Studenten-WG anheuerte 144

•Weil Marco Vorbeck innerhalb weniger Sekunden Kultstatus erreichte 147

•Weil das Sommermärchen 2006 ohne Hansa womöglich ausgefallen wäre 149

•Weil die Rivalität zum FC St. Pauli nur schwer zu erklären ist 152

•Weil »flach spielen, hoch gewinnen« auch mit »vorne kurz, hinten lang« funktioniert 157

•Weil Juri Schlünz sich in die Geschichtsbücher des DFB eintrug 161

•Weil unsere Stadionbrötchen die Gesundheit fördern 164

•Weil Magnus Arvidsson nur 188 Sekunden brauchte 167

•Weil Mike Werner auf den Spuren Senta Bergers wandelte 170

•Weil Heiko März und Hilmar Weilandt auch nach der Karriere ein erfolgreiches Tandem bilden 172

•Weil Rainer Jarohs nicht nur das 700. Tor der Vereinsgeschichte erzielte 175

•Weil Thomas Doll seine Wurzeln nicht vergessen hat 179

•Weil »Bochum 99« die Bezeichnung »Wunder« wirklich verdient 181

•Weil Arvidsson den Titan nicht zu fürchten brauchte 188

•Weil Hansa Martin Max das Karriereende versüßte, während er für 1860 München zum Albtraum wurde 191

•Weil nicht Kaiser Franz, sondern Jonathan Akpoborie König Otto stürzte 195

•Weil selbst Oliver Kahn den Ball nicht in jedem Strafraum mit der Hand spielen darf 198

•Weil Hansa sieben Ulmer Spatzen in der Nachspielzeit den Todesstoß verpasste 201

•Weil Ewald Lienen die Rote Karte nur um Haaresbreite verfehlte 204

•Weil Hansa Tasmania Berlin Konkurrenz machte 207

•Weil Hansa die Nichtabstiegsformel erfand. Dreimal Vitamin B gefolgt von schwedischem Dessert 210

•Weil ein alternder Weltstar sich bei Hansa einen Traum erfüllte 212

•Weil Hansa beim Bundesligadebüt Andreas Köpke vier Eier ins Nest legte 216

•Weil Hansa den Bayern als erstem Klub von »drüben« die Lederhosen auszog 218

•Weil Armin Veh die nie kopierte IKEA-Taktik einführte 222

•Weil eine Platzsperre uns nicht umhaut 225

•Weil Hansa mehr Zuschauer ins Olympiastadion lockt als die Hertha 227

•Weil sich selbst Manuel Neuer in unsere Scorerliste eingetragen hat 230

•Weil das Beste zum Schluss kommt: 1965 233

•Weil: Ahu! 235

•Weil über der Kogge noch ein Meisterstern prangt 237

•Weil Hansa auch (ein bisschen) Triple-Sieger 2013 ist 239

•Weil die Kogge das Vereinswappen ziert 243

•Weil Hansa sich nicht einmal selbst auf dem Zettel hatte 246

•Weil Hansa der erfolgreichste Klub aus den neuen Ländern ist 250

•Weil Hansa beliebter als der Rekordmeister ist 253

•Weil Hansa 2010 endlich Deutscher Meister wurde 255

•Weil Zettel-Ewald nachweislich den schönsten Fußball spielen ließ 258

•Weil Hansa einem Brüderpaar den Weg in die Bundesliga ebnete 262

•Weil Hansa Pep Guardiola besiegte 265

•Weil wir den Bayern einen Titel voraus sind 269

•Weil wir Lothar die Abschiedstour nicht versauen wollten 271

•Weil Christian Rahn die Bayern einfach liegen 275

•Weil ein US-Amerikaner mit Hansa letzter DDR-Meister wurde 280

•Weil Ostseeluft einfach guttut 284

•Weil wir mit einem internationalen Spitzenklub kooperieren 286

•Weil wir Fans waren und jetzt Hauptsponsor sind 290

•Weil ein Hansa-Fan den Klub an einer Wilhelmshavener Schule salonfähig macht 294

•Weil Verein und Fans den Weg »Hand in Hand« gehen 298

•Weil das Phantomtor im Geisterspiel nicht fehlen durfte 302

•Weil die Hansa-Fahne um die Welt reist 306

•Weil 18.500 Fans das Finale Finale to hus zu einem Spektakel machten 309

•Weil selbst Erich Honecker Ja gesagt hätte 312

•Weil Hansa-Profis ihre treuen Fans auf den Arm nehmen 315

•Weil Samstagnachmittag Hansa ist 319

•Weil Marteria unser berühmtester Botschafter ist 322

•Weil es Hansa als Schulfach gibt 327

•Weil mein erster Fanradio-Auftritt beinahe zum Reinfall geworden wäre 329

•Weil beziehungsweise obwohl mir Hansa nicht in die Wiege gelegt wurde 333

•Weil Hansa zum Meistermacher wurde und Dragoslav Stepanovi´c ein historisches Zitat abrang 336

•Weil Hansa-Fans ein altes Sprichwort auf eindrucksvolle Weise bestätigten 340

•Weil ich mich mit dem F.C. Hansa in die Höhle der Roten Teufel wagte. Und litt und litt 344

•Weil ich mich erst im zweiten Anlauf mit dem Hansa-Virus infizierte 347

•Weil Axel Kruse noch für Hansa spielte 351

•Weil mein Opa die Laufbahn des Ostseestadions testete 354

•Weil Hansa den höchsten Sieg der 2. Bundesliga aller Zeiten feierte 357

•Weil Hansa einem eingefleischten Eintracht-Fan einen sensationellen Abend bescherte 360

•Weil Unions Pech uns zum Glück verhalf 364

•Weil Paule Pagel sogar noch übertraf 369

•Weil die Wölfe selten so laut heulten 372

•Weil kein Trainerstuhl so bequem ist 376

•Weil wir einen Sturmlauf im Wildpark mit einem weiß-blauen Orkan konterten 380

•Weil bei uns das einzige Brüderpaar der Bundesligageschichte auf der Bank Patz nahm 383

•Weil ich das Buch zur Unzeit schreiben durfte 386

•Weil man nicht annähernd jeder Legende und jeder Geschichte gerecht werden kann 391

WIR SIND DER ZWÖLFTE MANN,

FUSSBALL IST UNSERE LIEBE!

VORWORT

ES GIBT DOCH GAR KEINE ALTERNATIVE

Warum Hansa? Weil Hansa da war, quasi direkt vor meiner Haustür. Als ich vier Jahre alt war, durfte ich zum ersten Mal mit ins Stadion. Hansa gewann, genauso wie knapp fünf Jahre zuvor, am Tag meiner Geburt. 3:0 gegen Wismut Aue, was für eine Ehre! Es passte einfach alles. Mir gefiel der Bart von Juri Schlünz, der Name von Andreas Babendererde. Zwar konnte ich ihn mir nie merken, wenn er mal wieder getroffen hatte und ich im Kindergarten von meinen Stadionbesuchen berichtete.

Aber dennoch, alle hörten gespannt zu. Hansa gehörte zu meiner Familie. Alle liebten Hansa. Wie selbstverständlich wurde ich als sechsjähriger Jugendspieler von Hansa. Spätestens da gab es ohnehin kein Zurück mehr. Alle Jugendspieler erhielten schließlich ihre eigene Dauerkarte.

Dann kam das Wunder von Rostock, die ersten Bundesligaspiele und einer der spektakulärsten Abstiege der Bundesligageschichte 1992, als wir Eintracht Frankfurt völlig umsonst um den Titel brachten. Ich durfte immer dabei sein, es sei denn, ich hatte zeitgleich ein Spiel – aber dann spielte ich für Hansa, halb so schlimm also. Einsätze als Balljunge versüßten mir das Verhältnis zu meiner ersten großen Liebe.

Zeitweise ging meine leidenschaftliche Faszination für Hansa so weit, dass meine Eltern die Befürchtung hatten, es mit einem hochbegabten Kind zu tun zu haben, schließlich konnte ich in den 90er-Jahren jegliche Torschützen der vergangenen Jahre inklusive der dazugehörigen Spielminute auswendig vortragen. Ihre Sorgen stellten sich später als unbegründet heraus.

Das Aufwachsen an der Küste gleicht einem Traum. Allein 111 Gründe, die Ostsee zu lieben1, lassen sich finden. Der F.C. Hansa, das Meer, der Stadthafen, all das möchte man nicht missen.

Nach einem familiär bedingten Umzug nach Hessen änderte sich – nichts. Eintägige Ausflüge, um Heimspiele der Hanseaten zu besuchen, Auswärtsfahrten. Im Grunde ist ja kein Weg zu weit, und das unabhängig von der sportlichen Situation. Dass eine Kogge auch einmal stürmische Zeiten erleben kann, liegt in der Natur der Sache. Aber Erfolgsfans haben bei Hansa ohnehin nichts verloren. Generationenübergreifend können wir über die dollsten Fahrstuhljahre fabulieren.

Vielleicht ist es auch gerade diese Unberechenbarkeit des Fußballs, insbesondere an der Küste, die diese Liebe ausmacht. Da nimmt man jedes vermeintliche Licht am Ende des Tunnels wohlwollend als Hoffnungsschimmer zur Kenntnis. Und auch jetzt, im Sommer 2014, ist es wieder da. Sogar deutlich sichtbar. Nach ernüchternden Jahren in Liga 3 sind alle Hanseaten erfüllt von einer melancholischen Aufbruchsstimmung und Erinnerungen an eine große Historie. Mit Peter Vollmann und einem neuen ambitionierten Sponsor an Bord, verbunden mit der deutlich verbesserten finanziellen Situation, sind wir wieder bestens aufgestellt, um jedes noch so schwere Sturmtief erfolgreich zu umschiffen. Nach einer turbulenten Rückrunde der Saison 2013/2014 inklusive beispielloser Heimmisere halte ich es ganz mit Udo Lindenberg: Hinterm Horizont gehts weiter, immer weiter. Ahu!

Kieran Brown

KAPITEL I

IM ARBEITER- UND BAUERN-STAAT

1. GRUND

Weil Empor in Rostock mit offenen Armen empfangen wurde

»Unter dem Namen des SC Empor Rostock werden künftig die Oberligaspiele der bisherigen BSG Empor Lauter im Rostocker Ostseestadion ausgetragen«, meldete die Fußball-Woche unter der Überschrift »Empor Lauter nun in Rostock«.2 Für einen Teil der sportbegeisterten DDR-Bürger war es ein Skandal, für Rostock hingegen ein Segen. Als am 14. November 1954 der SC Empor Rostock gegen die BSG Chemie Karl-Marx-Stadt im kurz zuvor eröffneten Ostseestadion zum allerersten Spiel des neu gegründeten Klubs einlief, war dieses mit 17.000 Zuschauern prompt ausverkauft. Die Tribüne des Neubaus wartete zu diesem Zeitpunkt noch auf ihre Fertigstellung. Die Partie endete 0:0. Mit Empor und Rostock hatte aber ganz offensichtlich zusammengefunden, was zusammengehörte.

So titelte die Fußball-Woche am 16. November »In die Herzen der Rostocker hineingespielt!« und der damalige Stopper Kurt Zapf erinnerte sich auch Jahrzehnte später: »Die Zuschauer aber feierten uns, als hätten wir 5:0 gewonnen gehabt«.3 Ein Aufschrei in der Bevölkerung kam aber aus der Region um das sächsische Lauter. 1952/1953 hatte der Aufsteiger die Bürger der kleinen Gemeinde mit einem zehnten Platz in der DDR-Oberliga stolz gemacht und im folgenden Jahr sogar Platz neun belegt. Lauter schien sich in der höchsten Spielklasse der DDR zu etablieren.

Umso mehr bestätigte sich dieser Eindruck, als das Team in der Saison 1954/1955 nach acht Spieltagen den Platz an der Sonne belegte. Doch bereits seit Monaten kursierten damals Gerüchte. Das Nord-Süd-Gefälle sei der Parteiführung ein Dorn im Auge, weshalb die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) plane, einen Oberligaklub an die Ostsee umzusiedeln. Mecklenburg-Vorpommern stellte seit dem Abstieg von Motor Wismar im Jahr 1952 keinen einzigen Oberligisten mehr. Und das trotz der Attraktivität der Ostseeküste mit reizvollen Ferienorten wie Heiligendamm und Kühlungsborn in unmittelbarer Umgebung der Hansestadt Rostock. Zudem existierte seit einigen Monaten ein neu gebautes Stadion, das mit Leben gefüllt werden sollte.

So wurden die Politiker bei der Suche nach einem für die Umsiedlung geeigneten Verein schnell fündig. Die drei Oberligisten Motor Zwickau, Wismut Aue sowie Empor Lauter befanden sich schließlich allesamt in einem kleinen Einzugsgebiet. Von Zwickau über Aue nach Lauter muss man heute lediglich rund 31 Kilometer zurücklegen. Daneben bildete Sachsen ohnehin das Gros der Oberliga mit neun der 14 Mannschaften. Die Loslösung eines der Klubs lag somit nahe und die Wahl fiel auf Lauter. Während Rostock mit dem in der Entwicklung befindlichen neuen Hafen sowie seiner Schiffswerften prosperierte, kam Lauter eher bieder daher. Der Standortvorteil lag eindeutig in der Hansestadt, die zur damaligen Zeit in der DDR auch als das Tor zur Welt galt.

Im Erzgebirge hatte die Entscheidung trotz aller Argumente einen Sturm der Entrüstung zur Folge. »Wenn wir spielten, dann war das Dorf wie leer gefegt. Die Mannschaft, die sich von ganz unten nach ganz oben gekämpft hatte und die jeder im Ort irgendwie unterstützte, die sollte nun weg«4, so Zapf. Nach der Umsiedelung waren die Folge zunächst Hohn und Spott, wie sich auch der damals erst 17-jährige Heino Kleiminger später erinnerte: »Ob in Aue oder Zwickau oder Karl-Marx-Stadt, überall waren da Plakate: Rostock hat den Aal, wir haben den Pokal«.5 Der Ärger sei laut dem damaligen Lautrer Spieler Zapf nachvollziehbar gewesen. Selbst der zum Umzug der Mannschaft bereitstehende Zug sei am Bahnhof kurzzeitig blockiert worden. Es half nichts.

Der Großteil der Mannschaft inklusive bekannter Namen wie Kurt Zapf, Gerhard Schaller oder auch der Brüder Arthur und Franz Bialas trat die Reise an die 500 Kilometer entfernte Küste an. Am 24. Oktober 1954 gab Empor Lauter vor dem noch ungläubigen heimischen Publikum seine Abschiedsvorstellung. Die folgende Auswärtspartie in Zwickau wurde abgesagt, um Zeit für die Umsiedlung zu gewinnen. Aus Empor Lauter war quasi über Nacht Empor Rostock geworden. Ein Meilenstein für den Fußball an der Küste, ein Schlag ins Gesicht für alle Lautrer.

Man stelle sich nur vor, die SpVgg Unterhaching wäre nach dem Bundesliga-Aufstieg 1999 aufgrund der Nähe zu den beiden Münchner Großklubs Bayern und 1860 nach Brandenburg oder Schleswig-Holstein umgesiedelt worden. Ein Ding der Unmöglichkeit – nicht so 1954, zumal in der DDR, wo die Partei gelegentlich mehr Einfluss auf den Fußball hatte als mancher Trainer.

Rostock sollte von nun an zu einem der leistungssportlichen Zentren der Republik aufgebaut werden. Bereits in den ersten Jahren zeigte sich, dass man beim Fußball an der Ostsee mit allem rechnen muss – mit all seinen Höhen und Tiefen. Die erste Saison nach dem Umzug an die Ostsee beendete Empor auf Rang neun. Im Pokalfinale unterlagen die Neu-Rostocker Wismut Karl-Marx-Stadt erst in der Verlängerung mit 2:3 und schlossen das Premierenjahr somit solide ab. Dem zweiten Platz im sogenannten Übergangsjahr 1955, als der Spielbetrieb nach sowjetischem Vorbild auf den Ganzjahresrhythmus umgestellt wurde, folgte der Abstieg 1956. Ein Jahr später kehrte Empor zurück und machte den Fußball an der Küste endgültig salonfähig. Mit drei zweiten Plätzen in Serie zwischen 1962 und 1964 ließen die Fußballer an der Küste, unterstützt von begeisterungsfähigen Anhängern an der Warnow erstmals aufhorchen. Doch der nächste gravierende Einschnitt für den Fußball an der Ostsee stand nur kurz bevor. Empor sollte schon bald Geschichte sein.

Mit dieser Elf trat Empor zum ersten Spiel im Rostocker Ostseestadion am 14. November 1954 an: Rudi Leber – Kurt Zapf, Gerhard Schaller, Karl-Heinz Singer – Karl Pöschl, Rudolf Schneider, Arthur Bialas, Herbert Müller – Rolf Leeb, Günter Bartnicki, Herbert Zwahr. Trainer: Oswald Pfau.

2. GRUND

Weil es in der Deutschen Demokratischen Republik durchaus demokratische Elemente gab

Der Umzug der Fußballer aus dem Erzgebirge nach Rostock war längst ein voller Erfolg. Die Hanseaten boten erfrischenden Fußball an der Ostseeküste und gehörten in der Oberliga Mitte der 60er-Jahre zu den Topmannschaften. Mit dem internationalen Standing der DDR-Teams waren aber weder die Partei- noch die Sportfunktionäre zufrieden. Der Entschluss der Präsidenten des Deutschen Turn- und Sportbundes sowie des Deutschen Fußballverbandes, die Fußballabteilungen mit Wirkung zum 1. Januar 1966 aus den bestehenden Sportklubs herauszulösen, lag somit nahe. Die Fußballklubs sollten künftig eigenständig agieren und sich selbst organisieren. Zudem war es vielen Fußballern ein Dorn im Auge, dass Trainingsmethoden anderer Sportarten auf den Fußball übertragen wurden.6 Gerade an den Standorten, wo die neuen Klubs entstehen sollten, war die Resonanz positiv, da die Umstrukturierung einen zukunftsweisenden Schritt bedeutete, auch für die Stadt Rostock.

Doch wie sollte der neue Verein heißen? Ein Symbol musste her, schließlich ging es auch um den Wiedererkennungswert und die Identifikation mit der Region. Die Bürger der Stadt wurden schließlich aufgerufen, Namens- und Symbolvorschläge einzureichen, um dem neuen Verein eine reibungslose Geburt in Form der Eintragung ins Vereinsregister zu gewährleisten. Das klang natürlich verdächtig nach einer demokratischen Herangehensweise im kommunistischen Staat. Der aufkommende Argwohn bezüglich des Sinns oder Unsinns einer Beteiligung verwunderte angesichts von Wahlergebnissen, die offiziellen Angaben zufolge regelmäßig mit rund 99 Prozent Wahlbeteiligung sowie einer noch höheren Zustimmungsrate für die Parteiführung endeten, kaum. Unter den letztlich knapp mehr als 100 Einsendungen kristallisierte sich dennoch eine Kombination heraus, die Rostock seit nunmehr bald 50 Jahren begleitet.

Hansa und die Kogge waren die mit großem Abstand am häufigsten genannten Anregungen. Die Hansa-Kogge verdanken wir auf der einen Seite also einer (sport-)politischen Laune wenige Jahre nach dem Mauerbau. Auf der anderen jedoch spielte in die Entwicklung aufgrund der tatsächlichen Bürgerbeteiligung auch ein demokratisches Element hinein, was damals bekanntlich eher selten gesehen wurde. Ein weiterer Vorteil, den die Mitbestimmung mit sich brachte, war die weiter gesteigerte Akzeptanz für den noch jungen Fußballverein unter den Rostockern.

Die Gründungsurkunde wurde schließlich am 28. Dezember 1965 um 18:32 Uhr unterschrieben und in der Folge ein zeitweilig zwölfköpfiger Vorstand ernannt, wie Robert Rosentreter in seinem Buch Fußball an der Ostsee beschreibt. Erster offizieller Torschütze des F.C. Hansa Rostock war dann keine 24 Stunden später Jugendspieler Kurt-Benno Liebenthron, der bei einem Hallenturnier in Bützow erfolgreich war.7 Mit Beginn des Jahres 1966 begann für den Fußball an der Ostsee also eine neue Zeitrechnung. Von nun an war es die Kogge, die zu einem festen Bestandteil des DDR-Fußballs wurde. Der »Makel«, ein Import aus dem Erzgebirge zu sein, gehörte nach und nach nur noch der Vergangenheit an.

Der Grundstein für Hansa war in der Hansestadt gelegt worden, die Emanzipation von Empor Lauter schritt voran. Der einstmals als Kunstprodukt bezeichnete Verein entwickelte sich nach und nach zu einem Kultverein. Wenige Jahre nach dem Mauerbau baute der Fußball Brücken und etablierte vorübergehend sogar einen Hauch von Demokratie in der nur auf dem Papier demokratischen Republik. Und vor allem mit der Namensfindung verbinden bis heute alle Hanseaten auch ein Stück weit Heimatgefühl. Die Identifikation mit der Hanse und der Kogge trägt ihren Teil dazu bei.

3. GRUND

Weil wir nur »Zwei-Drittel-Meister« wurden

Dass es mit dem Credo »Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen« nicht allzu weit her war, stellten sie im Arbeiter-und-Bauern-Staat im Jahr 1961 fest. Aus Solidarität zum großen Bruder aus dem Osten war man in der Oberliga sechs Jahre zuvor zu Spieljahren im Jahresrhythmus übergegangen. Eine Tradition, die im Ostblock Sinn machte, konnte weiter westlich nicht verkehrt sein, so die Logik hinter der Entscheidung. Die klimatisch völlig unterschiedlichen Voraussetzungen jedoch hatte man nur am Rande bedacht. Vor allem aber litt die Konkurrenzfähigkeit im internationalen Vergleich unter dem Jahresrhythmus, wie das auch heute noch häufig bei Spielen von Klubs aus der ehemaligen Sowjetunion zu beobachten ist, die im Februar oder März gegen Mannschaften aus dem restlichen Europa antreten, die voll im Saft stehen, während sie selbst seit Monaten kein Pflichtspiel absolviert haben.

Im Umkehrschluss gab es nur eine Lösung, und zwar die komplette Rolle rückwärts. Hatte es 1955 zur Umstellung eine inoffizielle Saison ohne Meister mit nur 13 Spielen gegeben, zeigten sich die ebenso lernfähigen wie innovativen Entscheidungsträger wiederum von ihrer kreativen Seite. Um den fließenden Übergang in den Herbst-Frühjahr-Takt zu gewährleisten, sollte eine Saison im Frühjahr-Herbst-Frühjahr-Rhythmus gespielt werden. Eine Form der Umsetzung, die sich für die Rostocker Fußballer, die damals noch als Empor aufliefen, schon bald als alles andere als ein Glücksfall herausstellen sollte.

Im Detail sollte das Prozedere jedenfalls wie folgt aussehen: »Das Spieljahr wird auf den Rhythmus Herbst-Frühjahr umgestellt. Der Deutsche Fußballverband gestaltet die Meisterschaft 1961/62 mit der Oberliga, 1. DDR-Liga und 2. DDR-Liga in drei Serien: Frühjahr-Herbst-Frühjahr. Die Meisterschaft der Oberliga wird mit Hin- und Rückspiel sowie einem Spiel auf neutralem Platz durchgeführt. Die festgelegten Punktspiele auf neutralem Platz sind in den Schwerpunkten der Industrie und Landwirtschaft oder bei gesellschaftlichen Anlässen durchzuführen«8, wurde in einem gemeinsamen Kommuniqué des Präsidiums des Deutschen Turn- und Sportbundes und des Deutschen Fußballverbandes über die weitere Entwicklung des Fußballsports in der DDR festgehalten.

Der Rostocker Trainer Walter Fritzsch hatte damals eine junge Mannschaft beisammen. Die Mischung aus den zu Saisonbeginn 31-jährigen Routiniers wie Kurt Zapf und Gerhard Schaller sowie junger Talente wie Jürgen Heinsch, Heino Kleiminger, Herbert Pankau, Werner Drews oder Wolfgang Barthels stimmte. Hinzu kam mit Arthur Bialas ein Torschütze vom Dienst, dem im Laufe der langen Saison 23 Tore gelingen sollten, die ihn zum Torschützenkönig machten. Die Empor-Mannschaft überraschte zum Saisonbeginn alle Experten und setzte sich auf den oberen Plätzen fest. Nach 13 Spieltagen, also einem Drittel der Saison, zogen die Hanseaten an der ASK Vorwärts Berlin vorbei und grüßten von Rang eins. Auch nach zwei Dritteln der Saison belegten die Rostocker den Platz an der Sonne und hatten Motor Jena auf drei sowie die Berliner sogar auf sechs Punkte distanziert. Eine nicht für möglich gehaltene Sensation bahnte sich an. Umso ärgerlicher, da die Saison mit den 26 absolvierten Partien bei regulärem Verlauf beendet und Empor damit erstmalig DDR-Meister gewesen wäre.

Die Norddeutschen aber zeigten im Laufe der 18-monatigen Saison mindestens zwei Gesichter und jede Menge leistungsmäßiger Ausschläge positiver wie negativer Art. Nach 32 Spieltagen zogen die wenige Wochen zuvor bereits abgeschlagenen Berliner an Empor vorbei, womit die heiße Phase des Endspurts um den Titel eingeläutet wurde. Nun fingen auch die Rostocker sich wieder und blieben bis einen Spieltag vor Saisonende am Kontrahenten dran. Der Showdown an der Ostsee konnte kommen, denn in der 39. und gleichzeitig letzten Runde der Mammut-Saison am 10. Juni 1962 sah der Spielplan ausgerechnet das Aufeinandertreffen der beiden führenden Teams im Ostseestadion vor. Und die Ausgangssituation war klar: Die Gastgeber mussten gewinnen, während Vorwärts sich mit einem Remis den Meistertitel sichern würde. Ein echtes Endspiel vor 30.000 Zuschauern für die Fritzsch-Jungs also.

Doch es kam, wie es kommen musste. Am Ende der kräftezehrenden Saison fehlte der jungen Mannschaft die Kraft, den Berliner Titelverteidigern ausreichend Paroli zu bieten. Nur der zwischenzeitliche Ausgleichstreffer durch Kleiminger versetzte die Arena vorübergehend in Ekstase. Nach 90 Minuten aber mussten sich die Hanseaten aufgrund der 1:3-Niederlage mit dem Titel des Vizemeisters zufrieden geben. Wobei – nicht ganz. Immerhin waren die jungen Wilden von der Ostsee als Mannschaft des Jahres 1961 ausgezeichnet worden, dem »Zwei-Drittel-Titel«, der letztlich aber nicht mehr als eine goldene Ananas wert gewesen war, aus dem vorangegangenen Herbst sei Dank.

Die Erfahrung, von der Sowjetunion zu lernen, endete für Rostock in letzter Konsequenz in der bittersten Niederlage der damals noch jungen Vereinsgeschichte, markierte aber gleichzeitig den Beginn einer jahrelangen Erfolgsserie, denn die »silberne Generation« stand in den Startlöchern.

4. GRUND

Weil aus der »Silbernen Generation« nur einer seine Leistungen vergolden konnte

Sie lechzten nach einem Titel an der Ostsee. Angekommen in den Herzen der Rostocker war der SC Empor spätestens mit dem Vizetitel der Vorsaison. Doch das Pech schien den Hanseaten an den Füßen zu kleben. Trotz starker Leistungen gelang es immer wieder aufs Neue einem Kontrahenten, die Norddeutschen um Haaresbreite hinter sich zu lassen. Und da war ja nicht nur das unglückliche Scheitern an Vorwärts Berlin am letzten Spieltag der Saison 1961/1962 gewesen. Schon in drei Pokalendspielen hatte der umgesiedelte Klub seit 1955 gestanden und jeweils den Kürzeren gezogen. Im ersten Jahr nach dem Umzug aus Lauter hatte es nach Verlängerung 2:3 gegen den SC Wismut Karl-Marx-Stadt geheißen. 1957 hatte der SC Lokomotive Leipzig nach 120 Minuten die Oberhand behalten und 1960 war der erste Titelgewinn trotz einer 2:0-Führung bis zwölf Minuten vor Ende der regulären Spielzeit nicht gelungen. Letztendlich setzte sich der SC Motor Jena mit 3:2 gegen die Rostocker durch – wiederum nach Verlängerung.

Später erinnerte sich einer, der damals dabei war, an die so unglücklich verlorenen Partien und schilderte Gründe und Hintergründe der Niederlagen. »Im Spiel gegen Wismut entschied ein Torwartfehler des sonst so überragenden Rudi Leber das Match. Zwei Jahre später gelang der damals ersatzgeschwächten Empor-Elf zwar die 1:0-Führung, doch dann gaben wir die Fäden aus der Hand. Gegen Motor Jena zogen wir schon mit 2:0 davon. Die Trophäe schien sicher, als den Jenensern in der 90. Minute der Ausgleich gelang«9, der die Moral der Truppe angeknackst hätte, blickte Hansa-Legende Kurt Zapf Anfang der 90er-Jahre zurück.

Den Ruf, in den entscheidenden Momenten Nerven zu zeigen, haftete den Hanseaten also längst an. Vom ewigen Zweiten kann in der jüngeren Vergangenheit Bayer Leverkusen ein Lied singen. Das geflügelte Wort der »Vizekusener« ließ sich die Werkself 2010 sogar patentieren. An der Ostsee wollten Zapf, Bialas, Drews und Co. jedoch unter keinen Umständen als »Silberne Generation« in die Geschichte eingehen. Vergebens, denn 1962/1963 musste sich Empor Motor Jena am Ende der Saison geschlagen geben.

Ein Jahr später trumpfte plötzlich Chemie Leipzig groß auf und wurde mit drei Punkten Vorsprung auf den SC Empor Meister. Das Vize-Triple war damit perfekt. Trainer Fritzsch brach seine Zelte an der Küste ab, nicht jedoch ohne dass Empor, beziehungsweise schon bald Hansa, weiterhin zu den Spitzenmannschaften des DDR-Fußballs gehören sollte.

Der nächste zweite Rang ließ auch nicht lange auf sich warten, denn schon im Pokalfinale der Saison 1967/1968 war es wieder so weit. Gegen die BSG Motor Zwickau setzte es eine deutliche Niederlage. Jetzt sollte endlich ein Titel her! Und so schickte sich Hansa an, im Folgejahr zu guter Letzt die heiß ersehnte Trophäe nach Hause zu holen. Doch wieder war es eine andere Mannschaft, die überraschend das Maß aller Dinge darstellte: Die Übermacht Carl Zeiss Jenas musste aufgrund des Fünf-Punkte-Vorsprungs am Saisonende neidlos anerkannt werden.

Es war wie verhext. Vier verlorene Pokalendspiele sowie vier Vizemeistertitel binnen 13 Jahren kratzten am Selbstbewusstsein der Hanseaten. Wie ordnet man solch eine Serie ein? Ist der zweite nun der erste Verlierer oder doch vielmehr »Best of the rest«? Nun ja, so ganz einig war man sich zwar nicht, doch von zweiten Plätzen hatte man vorerst genug, zumal in den 70er-Jahren die Rostocker »Fahrstuhlmannschaft« voll im Trend lag. Einen fünften Anlauf auf den Pokalgewinn nahmen wir 1987 gegen den 1. FC Lok Leipzig zwar noch. 1:4 hieß es da am Ende. Aber ohnehin verfolgten die Rostocker Verantwortlichen einen ganz anderen Masterplan, der im Double-Gewinn der Saison 1990/1991 seinen Höhepunkt fand. Die DDR-Oberliga und der Makel des »ewigen Zweiten« wurden mit einem Paukenschlag abgehakt und Hansa war für die Bundesliga qualifiziert.

Zum beinahe schon tragisch anmutenden Phänomen der »Silbernen Generation« gehört leider auch die folgende Ironie der Geschichte, denn Walter Fritzsch, der in Rostock gleich mehrfach nur knapp am Titelgewinn vorbeigerauscht war, übernahm einige Jahre nach seinem Abschied von der Küste das Kommando bei Dynamo Dresden. Bilanz seiner neunjährigen Amtszeit: fünf Meistertitel und zwei Pokalsiege. Solche Geschichten schreibt wohl nur der Fußball. Dafür lege ich gern fünf Euro ins Phrasenschwein.

5. GRUND

Weil der »Internationale Frauentag« Heinz Werner den Job kostete

»Ich als Verein musste reagieren«10, sagte Jean Löring, Präsident und Mäzen von Fortuna Köln, im Dezember 1999 angesichts eines 0:2-Rückstands zur Halbzeit gegen Waldhof Mannheim. Trainer Toni Schumacher wurde nach Hause geschickt, Löring hatte seinen Bekanntheitsgrad dank seiner Kurzschlussreaktion binnen Sekunden um ein Vielfaches gesteigert: Einen Trainer während eines laufenden Spiels vor die Tür zu setzen! Das sorgte für Empörung, war aber im Grunde gar keine neue Erfindung des Kölner Patriarchen.

Ob Löring Harry Tisch ein Begriff war, als er die folgenschwere Entscheidung traf? Das ist zwar nicht überliefert, der Rausschmiss eines Trainers beim Pausentee verbindet die beiden dennoch. Tisch hatte sich in den 70er-Jahren ein Spitzenamt in der SED erarbeitet. »Erster Sekretär der SED-Bezirksleitung Rostock« durfte er sich nennen. Zu seinen Aufgaben gehörten damals auch die regelmäßigen Besuche im Ostseestadion. Bei Hansa sollte schließlich alles mit rechten Dingen zugehen. So nahm er auch am 8. März 1975 auf der Ehrentribüne Platz, um der Partie des vom Abstieg bedrohten F.C. Hansa gegen Tabellenführer Carl Zeiss Jena beizuwohnen.

Alles wie immer also eigentlich. Eigentlich! Denn bekanntlich fällt auf dieses Datum alljährlich der Internationale Frauentag. Dieser fiel ins Pflichtprogramm des SED-Funktionärs. Eine kurze Stippvisite ließ sich Tisch nicht nehmen. Pünktlich zum Anpfiff des Fußballspiels um 15 Uhr saß er dennoch im Stadion und hoffte auf eine Überraschung der Hanseaten gegen den Spitzenreiter. Die Aussicht auf ein gutes Spiel der Gastgeber wurde jedoch schnell getrübt. Nach nur 20 Minuten führten die Gäste mit 2:0. Besserung war nicht in Sicht. Die schöne, bierselige Stimmung, die Tisch vom Frauentag mit ins Stadion gebracht hatte, war dahin. Der SED-Mann wollte sich das sportliche Trauerspiel nicht länger mit ansehen und ergriff die Initiative, schließlich wusste er, was zu tun war – seiner Meinung nach. Der alkoholisierte Tisch machte sich also auf den Weg Richtung Spielertunnel, um ein Gespräch mit Trainer Heinz Werner zu führen. Der solle endlich Torwart Bernd Jakubowski und Rainer Kaube auswechseln, die in seinen Augen die Hauptschuldigen am frühen Rückstand waren. Werner beschrieb den Wortwechsel mit dem »volltrunkenen Tisch« später wie folgt: »Du wechselst aus. – Nein ich wechsele nicht aus. – Dann schmeiße ich dich raus! Damit war ich entlassen.«11 So einfach ging das. Geräuschlos gehen Trainerentlassungen ja selten vor sich, diese war aber ohne Zweifel nicht alltäglich.

Der Klubvorsitzende Rudi Alms, der dem »heftigen und peinlichen Dialog«12 tatenlos hatte beiwohnen müssen, befand sich zu diesem Zeitpunkt gerade zwei Monate im Amt. Nach dem Alleingang von Harry Tisch stand er bei der Trainersuche gleich vor einer großen Hürde, denn die gestaltete sich zu DDR-Zeiten weitaus schwieriger und lag bei Weitem nicht allein im Verantwortungsbereich der Entscheidungsträger im Verein. Wie damals üblich sprach Alms also zuerst beim 2. Sekretär der Partei Heinz Lange und danach beim DTSB-Bezirks-Sportchef Peter Hamann vor. Sie hatten den neuen Mann abzusegnen. Man einigte sich auf den 33-jährigen Exspieler und damaligen B-Jugend-Trainer Helmut Hergesell, der seine aktive Karriere gerade erst beendet hatte.

Doch der junge und unerfahrene neue Mann am Steuerruder hatte zunächst einen schweren Stand, sodass der vermeintliche Geistesblitz von Tisch in der Folge voll nach hinten losging. Hansa stieg am Saisonende trotzdem ab. An dieser Stelle könnte man sich zu einem Kommentar über »Frauen und Fußball« hinreißen lassen – ein Eigentor, das ich mir erspare. Und immerhin wurde das folgende Spieljahr in der zweitklassigen DDR-Liga zu einem vollen Erfolg für die Hanseaten.

6. GRUND

Weil ausgerechnet ein Bayer unsere Vereinsgeschichte entscheidend prägte

Nach der spektakulären Demission von Heinz Werner während der Partie gegen Carl Zeiss Jena war also ein junger Mann ins kalte Wasser geworfen worden. Ein Unbekannter jedoch war dieser Helmut Hergesell bei Hansa schon damals nicht. Erst kurz zuvor hatte er seine aktive Karriere an der Ostsee beendet und war nun für die B-Jugendlichen des Klubs verantwortlich.13 Erste Erfahrungen als Trainer wollte er sammeln, um irgendwann einmal auch eine Oberligamannschaft zu trainieren. Mit 33 Jahren war er reichlich jung, hatte aber keine Wahl, denn der Befehl, ihn im Traineramt bei Hansa zu installieren, war von ganz oben gekommen. Dass seine Amtsperiode als Trainer dann immerhin mehr als dreieinhalb Jahre andauerte, spricht für den Mann, der sich fast sein ganzes Leben lang für die Kogge engagierte. Zunächst zwischen 1963 bis 1973 als Verteidiger der Weiß-Blauen, später als Trainer, als 2. stellvertretender Vorstandsvorsitzender und Vizepräsident auf der Geschäftsstelle der Hanseaten. Dass er quasi »nebenbei« auch noch an der Universität Rostock seine Promotion im Fach Sport ablieferte, Chapeau!

Ganz entscheidend beteiligt war eine der vielseitigsten Persönlichkeiten der Vereinsgeschichte an auch einem zukunftsweisenden Projekt, das unmittelbar vor der Jahrtausendwende für viel Aufsehen, nicht nur in Rostock, sorgte, denn der Umbau des Ostseestadions in eine moderne Arena, die internationalen Ansprüchen genügt, hatte ganz entscheidende Bedeutung und ist ausschlaggebend für die professionelle Infrastruktur rund um die Kopernikusstraße, wie wir sie heute vorfinden. In Zusammenarbeit mit dem langjährigen Marketingchef Rawlack arbeitete Hergesell hauptverantwortlich an der Realisierung mit14, die für Hansa ohne viel Geschick und Expertise finanziell wohl kaum zu stemmen gewesen wäre.

Doch im Grunde war dies nur das i-Tüpfelchen auf einer wahrlich beeindruckenden Lebensleistung. Jahrelang war Doktor Hergesell zu besten Bundesligazeiten für die Zusammenstellung der Lizenzierungsunterlagen der Hanseaten zuständig. Der F.C.H. gehörte während dieser Zeit ohne Zweifel zu einem der Lieblingsschüler der Oberen von DFB und DFL und erhielt die Lizenzen reihenweise ohne Auflagen. Ein Status, von dem wir heute nur träumen können, aber auch ein Fingerzeig darauf, was bei Hansa in Zukunft wieder möglich sein sollte. Dass die Kogge ausgerechnet zur Pensionierung von Hergesell im Jahr 2005 die Segel strich und erstmals nach einem Jahrzehnt Bundesliga abstieg, ist zwar nicht mehr als eine Randnotiz, weist aber dennoch auf die Bedeutung dieser Vereinslegende hin.

Abgesehen von der außerordentlichen Vereinstreue ist aber auch die Biografie mehr als außergewöhnlich, denn geboren wurde Hergesell am 22. Oktober 1941 in München, am anderen Ende der Republik, mitten in den Zweiten Weltkrieg hinein. An Empor, geschweige denn an Hansa war damals längst nicht zu denken. Doch die Annäherung erfolgte Schritt für Schritt, beginnend mit dem Umzug der Familie nach Greifswald im Jahr 1952. Dort, bei der Einheit, stieg er im Alter von 18 Jahren zum DDR-Jugendnationalspieler auf und sorgte in den folgenden Jahren für Furore. Dass so ein Mann nach Rostock gehört, war bald klar. Erstmals lief er in der Saison 1963/1964 für Empor auf und wurde somit zum Mitglied der »Silbernen Generation«, die zwar zu den Topteams der DDR gehörte, der ein Titelgewinn aber nie vergönnt war. 200 Spiele absolvierte Hergesell in zehn Jahren als Spieler in Rostock. Und ob es die Gründung des F.C. Hansa am 28. Dezember 1965, das »Wunder von der Ostsee« im Jahr 1991 oder die Bundesliga-Ära von 1995 bis 2005 war, er war immer hautnah dabei. Er gab sein Herzblut für Hansa, wann immer er gebraucht wurde. Er war und ist eben trotz seiner Herkunft zu einem Kind der Küste geworden.

7. GRUND

Weil wir 35-mal in Folge ungeschlagen blieben

Der Abstieg in die Staffel A der DDR-Liga im Jahr zuvor war mit einem bitteren Beigeschmack versehen gewesen. Mit der unrühmlichen Entlassung von Trainer Heinz Werner hatte alles angefangen. Und obwohl Hansa von den letzten vier Spielen der Saison 1974/1975 keine einzige Partie verloren und sich am letzten Spieltag bei der ASG Vorwärts Stralsund ein echtes Endspiel im Kampf um den Klassenerhalt erarbeitet hatte, reichte das 1:1 dort letztlich nicht aus. Ein Sieg wäre Pflicht und auch möglich gewesen. Doch ausgerechnet Joachim Streich, der nach der Saison zum 1. FC Magdeburg delegiert werden sollte, fand bei einem Elfmeter in ASG-Keeper Dieter Schönig seinen Meister. Die bereits abgestiegenen Stralsunder rissen den großen Konkurrenten mit in den Abgrund und machten den Norden der DDR zu einem weißen Fleck auf der Landkarte der Oberliga. Die Tatsache kam zwar einem Debakel gleich, markierte jedoch zugleich den Beginn einer Saison der Rekorde.

Ein Ausrufezeichen setzte zunächst Gerd Kische, der entgegen der Gepflogenheiten auch als Nationalspieler in der »Liga«, dem Unterhaus des DDR-Fußballs, antrat und sich somit erfolgreich gegen den ihm nahegelegten Wechsel wehrte. In den 22 Spielen der regulären Saison feierte Hansa dann 17 Siege und musste sich lediglich fünfmal mit einem Remis zufrieden geben. Auch in den Aufstiegsspielen gegen Union Berlin, die BSG Motor Werdau, die BSG Motor Suhl und die ASG Vorwärts Dessau gab sich Hansa keine Blöße und konnte im Sommer 1976 nicht nur den direkten Wiederaufstieg feiern, sondern darüber hinaus auf die unglaubliche Bilanz von 30 Partien ohne Niederlage (davon 22 Siege) bei 85:25 Toren zurückblicken. Hergesell hatte als Trainer trotz des Abstiegs auf der Hansa-Bank eingeschlagen und die Rostocker zurück in die Oberliga geführt. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass die DDR-Liga in fünf Staffeln à zwölf Mannschaften unterteilt war, was zu Lasten des Wettbewerbs ging.

Doch trotz allem: Der seinerzeit aufgestellte Rekord von 35 Pflichtspielen ohne Niederlage hat bis heute seinen festen Platz in der Vereinschronik. Komplett gemacht wurde er durch ein 1:1 am ersten Spieltag des Spieljahres 1976/1977 gegen Wismut Aue. Danach war es wieder vorbei mit der Herrlichkeit. Niederlagen, vor allem auf fremden Platz, wurden wieder zur Gewohnheit. Doch das machte nichts – schließlich war Hansa gerade dabei, sich als Inbegriff einer Fahrstuhlmannschaft zu positionieren.

8. GRUND

Weil wir schon vor der Wende eine Fahrstuhlmannschaft waren

Trotz all der Euphorie, die die Rekorde der Vorsaison mit sich gebracht hatten, der Wiederaufstieg bedeutete gleichzeitig den Beginn einer sagenhaften Berg-und-Tal-Fahrt der Kogge. In der Folge wurde nämlich traurige Gewissheit, dass Hansa für die Oberliga zu schwach und für die fünfgleisige Liga zu stark war. Nach dem Aufstieg scheiterten die Hanseaten im Sommer 1977 abermals im Kampf um den Klassenerhalt. Nur ein Punkt fehlte, sodass es postwendend eine Etage tiefer weiterging für die Kogge. Wiederum führte Hergesell sein Team – zwar nicht ganz so souverän wie zwei Jahre zuvor, denn es setzte vier Niederlagen in 30 Partien – zum Wiederaufstieg. In der Oberliga angekommen, war aber nach acht Niederlagen aus den ersten zehn Spielen im November 1978 Schluss für den Steuermann. Jürgen Heinsch wurde als Nachfolger installiert. Seine erste Amtszeit auf der Hansa-Bank endete jedoch bereits wenige Monate später, nachdem auch er den dritten Abstieg binnen vier Jahren nicht hatte verhindern können.

Es schien wie verhext, als Harry Nippert als neuer Hansa-Trainer vorgestellt wurde. In der DDR-Liga hielt auch er sich mit seiner jungen Mannschaft schadlos. Darauf einbilden wollte sich aber aufgrund der Erfahrungen der Vorjahre niemand etwas. 28 Siege aus 30 Spielen im Spieljahr 1979/1980 ließen zwar auf bessere Zeiten hoffen, doch bekanntlich wehte eine Etage höher in der Oberliga ja doch ein ganz anderer Wind. Das Ziel lautete dennoch: Nie wieder in den Fahrstuhl. Es sollte vorerst gelingen. Dieter Schneider und Axel Schulz, die beide keine Spielminute der Saison 1980/1981 verpassten, sowie Rainer Jarohs und Gerd Kische (er beendete nach der Saison seine aktive Karriere) führten die Kogge in ruhigere Fahrwasser und auf Platz zehn der Abschlusstabelle. Hansa etablierte sich endlich wieder in der DDR-Oberliga, bis ein abermaliger Betriebsunfall 1986 den erneuten Abstieg in die Liga bedeutete. Auch dieser wurde jedoch umgehend korrigiert, sodass Hansa bis zur erstmaligen DDR-Meisterschaft 1991, die mit dem Bundesliga-Aufstieg verbunden war, erstklassig spielte.

Kontinuität kehrte bei Hansa spätestens mit dem zweiten Bundesliga-Aufstieg unter Frank Pagelsdorf 1995 ein – vorerst zumindest, denn zehn Jahre lang gehörte Rostock in der Folge zur Elite der Fußballrepublik, bis 2005 der bittere Abstieg in die Zweitklassigkeit kam. Turbulent geht es seither in guter alter DDR-Tradition zu an der Küste. 2007 kehrte die Kogge zurück in die Bundesliga, nur um ein Jahr später abermals den Klassenerhalt zu verpassen und zwei Jahre später sogar zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte in die Niederungen der 3. Liga abzurutschen. Immer was los bei uns! Denn 2011 gelang mit Peter Vollmann natürlich die sofortige Rückkehr in die 2. Bundesliga. Doch wie sollte es anders sein? 2012 ging es postwendend zurück in Liga 3. Auch dort hat sich Hansa inzwischen etabliert – leider, muss man sagen. Der Fahrstuhlmannschaft, die zwischen 1975 und 1980 dreimal ab- und sofort wieder aufgestiegen war, machten die Profis der 2000er Jahre zwar keine Konkurrenz. Die emotionale Achterbahnfahrt ähnelte der rund 30 Jahre zuvor aber allemal. Und so lautet das Motto heute: »Fahrstuhl? Immer gerne, aber bitte nur nach oben«.

Anno 2014 träumen alle weiß-blauen Herzen von der Trendwende unter dem neuen alten Mann an Bord der Kogge. Immerhin: Nomen est omen. Vollmann ist wieder da, und schließlich weiß er, wie das mit dem Aufstieg funktioniert. Höhen und Tiefen gehören zur Geschichte der Kogge wie der Greif zu Rostock. Zurückgekommen sind wir aber immer. Bezieht man die DDR mit ein, ist Hansa der Verein mit den meisten, nämlich 16 an der Zahl, Auf- und Abstiegen zwischen den jeweiligen beiden höchsten Spielklassen. Und auch wenn alle Hanseaten auf den nächsten Aufstieg in die höchste Spielklasse noch warten müssen, wir kommen wieder, keine Frage, denn Geschichte wiederholt sich eben doch manchmal.

9. GRUND

Weil Rostocker Bürger das Ostseestadion bauten

»Es ist das schönste und größte vereinseigene Stadion von beiden Mecklenburg und Lübeck sowie überhaupt von Norddeutschland. In ganz Deutschland gibt es innerhalb des Arbeiter-Turn- und Sportbundes kein zweites Projekt, welches an Schönheit und Größe diesem gleicht und vereinseigen ist!«15 Das vorangegangene Zitat bezieht sich nicht etwa auf das Rostocker Ostseestadion, nein, vielmehr auf das heute noch bestehende Volksstadion neben der Geschäftsstelle des F.C. Hansa, das von 1923 bis 1928 auf Initiative des Arbeiter-Sportkartells in der Barnstorfer Sandkuhl erbaut wurde. Das offizielle Fassungsvermögen damals: 20.000!

Vom Ostseestadion war damals jedenfalls weit und breit keine Spur. Vielmehr wurden das brach liegende Gelände, auf dem die heutige Arena später ihren Platz finden sollte, sowie der »Platz des Friedens« während der Zeit des Dritten Reiches für politische Kundgebungen und als Exerzierplatz genutzt.

Anfang der 50er-Jahre jedoch wurden die Rufe nach einem »richtigen« Stadion in der Hansestadt immer lauter. Rostock, das in der DDR ja schon damals als Tor zur Welt galt, habe hier dringend Nachholbedarf, so die einhellige Meinung. So rief das nationale Aufbauwerk NAW die Bevölkerung auf, bei der Umsetzung des Vorhabens Kraft und Zeit einzubringen.16 In Zeiten knapper Kassen war die freiwillige Unterstützung der Bürger durch Arbeit und Spenden unumgänglich – und die Resonanz überwältigend. Tausende beteiligten sich während der vierjährigen Bauzeit zwischen 1950 und 1954. Des Weiteren waren es regionale Unternehmen, die Arbeitsgeräte zur Verfügung stellten. Die ehrenamtlich in ihrer Freizeit tätigen Frauen und Männer brachten es bis zur Fertigstellung des neuen Stadions auf beeindruckende 236.071 Arbeitsstunden.17 Der dadurch eingesparte Betrag wurde später mit über 900.000 Mark berechnet, was besonders in der damaligen Zeit eine immense Summe bedeutete.

Am 27. Juni 1954 war es schließlich so weit: Das Stadion wurde eingeweiht. Die ersten Tore fielen bei zwei Junioren-Spielen, die gefolgt wurden vom Höhepunkt des Tages. Diesen markierte das internationale Freundschaftsspiel zwischen der DDR-Nachwuchs-Auswahl gegen den Sechsten der Ungarischen Staatsliga Vasas Györ. Die Partie endete mit 2:0 für die Gäste.

Der Stadionbau war ein Prestigeprojekt von nationalem Interesse gewesen, nach dessen Fertigstellung kein Zweifel bestand, dass an der Ostsee das ansehnlichste Stadion der Republik entstanden war. Fehlte nur noch ein Verein, der die Ränge im neuen Schmuckstück füllen würde. Es sollte nicht lange dauern, bis der SC Empor seine neue Heimspielstätte nahe des Barnstorfer Walds bezog.

»Ein unschätzbarer Erfolg wurde ihr Auftreten in der Stadt der Werften und Fischverarbeitungsindustrie ohnehin bereits mit dem Auflauf aufs Spielfeld. Brausender Beifall und Blumen, von Jungen Pionieren überreicht, begrüßten die langersehnte neue Oberligamannschaft«, berichtete die Fußball-Woche am 16. November 1954, zwei Tage nach der ersten Partie von Empor Rostock gegen Chemie Karl-Marx-Stadt. Und trotz des torlosen 0:0 hieß es weiter: »Der Beifall wurde manchmal und vor allen Dingen in den Schlussminuten orkanhaft, als sich Empor zu bravouröser Leistung emporschwang, Chemie streckenweise völlig an die Wand spielte und begeisternde Torszenen zustande brachte.« Der Umzug von Empor Lauter nach Rostock war somit von Anfang an ein voller Erfolg. Dank der aufopferungsvoll kämpfenden Mannschaft um Trainer Oswald Pfau mit Leistungsträgern wie Kurt Zapf oder Arthur Bialas war es zwischen dem Team und den Bürgern der Stadt, die das Stadion mit ihren eigenen Händen aufgebaut hatten, Liebe auf den ersten Blick.

Daran änderte sich auch bis in die wilden 90er-Bundesligajahre nichts. Nach dem Umbau des Ostseestadions in den Jahren 2000 und 2001 in eine moderne Arena, die nun selbst internationalen Ansprüchen genügt, verblasste die Erinnerung an die vielen helfende Hände der 50er-Jahre nicht. Im Juni 2014 gedachte der F.C. Hansa all derer, die damals viel Zeit und Schweiß opferten, um den Fußball an der Ostsee überhaupt erst möglich zu machen, mit einer großen Ausstellung unter dem Motto »Vom Ostseestadion zur DKB-Arena – 60 Jahre ein sicherer Hafen für die Kogge«. Und überhaupt: In den Herzen wird auch die DKB-Arena immer das innig geliebte Ostseestadion bleiben.

10. GRUND

Weil internationaler Spitzenfußball an der Ostsee schon vor der Wende geboten wurde

Zugegeben, von internationalem Spitzenfußball darf in Rostock aktuell maximal geträumt werden. Zu viele Wellentäler der vergangenen Jahre haben Hansa zuletzt in Liga 3 geführt. Umso schöner, in die Vergangenheit zu blicken, denn im Ostseestadion haben früher schon absolute Hochkaräter den Kürzeren gezogen. Die Saison 1967/1968 hatte Hansa mal wieder auf Rang zwei abgeschlossen. Die Vizemeisterschaft berechtigte zur erstmaligen Teilnahme am Messecup-Wettbewerb, dem Vorläufer des UEFA-Cups, welcher wiederum inzwischen unter der Bezeichnung Europa League firmiert.

Neuland für Hansa also. Die ersten internationalen Bewährungsproben ließen aber aufhorchen, zumal die Rostocker in Runde eins dem OGC Nizza nicht den Hauch einer Chance ließen. Nach einem deutlichen 3:0-Heimerfolg durch einen Doppelpack von Jürgen Decker sowie einem Tor von Werner Drews schnupperten die Franzosen im Rückspiel beim Stand von 2:0 zwar noch einmal Morgenluft, dank Drews’ Auswärtstreffer qualifizierte man sich aber letztlich souverän für die zweite Runde. In Runde zwei wartete dann ein echter Prüfstein. Der AC Florenz, die am Saisonende 1968/1969 mit nur einer Niederlage italienischer Meister werden sollten, wurde dem F.C. Hansa zugelost. Ein Los, das Euphorie in der Stadt auslöste. Hinzu kam, dass die Hanseaten die Hinserie der Oberliga gerade mit Tuchfühlung zum Tabellenführenden FC Vorwärts Berlin auf Rang zwei abgeschlossen hatten, wohlgemerkt am 9. November 1968, denn da begann damals die dreimonatige Winterpause. Mit der Teilnahme am Messecup hatten sich die Fußballer also auch selbst mit einer Verlängerung der Saison beschenkt. 20.000 dankbare Fans nahmen das Bonusspiel denn auch dankend an und unterstützten Hansa in Runde zwei gegen die Fiorentina. Ihr Kommen sollte sich gelohnt haben, denn gerade die zweite Hälfte war an Spannung kaum zu überbieten. Zur Pause hatte es 0:0 gestanden, nachdem Drews vom Elfmeterpunkt aus noch gescheitert war. Spätestens in der 70. Minute brachen auf dem Rasen und auf den Tribünen dann aber alle Dämme. Gerd Kostmann wurde seinem Ruf als Torjäger wieder einmal gerecht und brachte Hansa in Führung. Die Antwort der Italiener ließ jedoch nicht lange auf sich warten. Mario Maraschi glich nur eine Minute später aus, und wer schließlich nach dem 2:1 durch Wolfgang Barthels (81.) den Abpfiff herbeigesehnt hatte, wurde enttäuscht, denn wiederum kamen die Gäste durch das Tor von Francesco Rizzo zum Ausgleich. Ein später Schock für den tapfer kämpfenden Außenseiter! Ein 2:2-Unentschieden würde eine schwere Bürde für das Rückspiel bedeuten. Zufrieden geben wollte sich mit dem Remis also kaum ein Rostocker. Die Nachspielzeit lief bereits, als sich Helmut Hergesell ein Herz nahm. Aus 30 Metern zog der Verteidiger ab und der Ball schlug im Kasten ein. 3:2 für Hansa. Mit einer nicht für möglich gehaltenen Ausgangssituation ging es also zwei Wochen später ins Rückspiel. Dort sah vor der Pause alles nach einer Sensation durch den DDR-Oberligisten aus. Kostmann traf abermals und Hansa führte. Die stolzen Italiener waren geschockt, wie Nationalspieler Giancarlo De Sisti später zu Protokoll geben sollte: »Zeitweilig war ich nicht davon überzeugt, dass wir das noch schaffen«18, sagte er damals. Doch es kam anders. Erneut Rizzo sowie Claudio Merlo zerstörten den hanseatischen Traum. Hansa hatte sich toll aus der Affäre gezogen, war letztendlich aber doch noch gescheitert.